mir meine sämmtlichen Maulthiere vorenthält, während ich beweisen kann,
daß sie sich zu gleicher Zeit, wenigstens die meisten davon, in seiner
eigenen Fenz befinden.“
Der Richter drehte hier wieder den Kopf, visirte das Spuckkästchen,
nach dessen Richtung hin Kadisch stand, und spritzte den gelben Saft
zwischen seinen Zähnen durch so dicht an dem Knie seines Besuchs
vorbei, daß dieser erschreckt davor zurückfuhr. Es war aber nicht die
mindeste Gefahr, und das Kästchen richtig getroffen worden. Der Richter
schien aber die Befürchtung die er erregt, gar nicht zu achten, sondern
benutzte nur die günstige Gelegenheit, da er seinen Mund gerade von
Tabakssaft frei hatte, und frug den Kläger:
„Hat José -- wie heißt der Kerl?“
„José Tonguras --“
„Ahem -- hat er Geld?“
„Er ist ansässig hier und wohl 10,000 Dollar werth,“ lautete die
befriedigende Antwort.
Der Richter blieb jetzt eine Weile, ohne fernere Antwort zu ertheilen,
in nachdenkender Stellung auf dem Sopha liegen, zielte dann wieder nach
dem Spucknapf, während dießmal der Deutsche aber aus dem Weg trat, da
er doch nicht wußte ob der Schütze jedesmal schwarz treffen würde,
klingelte dann, und sagte zu dem eintretenden Constable:
„Bitte, Mr. Brown, rufen Sie mir doch einmal den Sheriff herüber.“
Als sich der Constable entfernt hatte, ließ sich der Richter die ganze
Sache mit den Maulthieren ausführlich von dem Kläger erzählen, der ihm
das so kurz wie möglich, aber klar und deutlich auseinandersetzte.
„Gut, gut!“ sagte der Richter, als er zu Schluß kam, und schien mit dem
Gehörten vollkommen zufrieden -- „sehr gut, den Burschen wollen wir
schon kriegen. Er ist ein Mexikaner, nicht wahr?“
„Ich glaube wohl -- er trägt wenigstens die mexikanische Tracht.“
„Desto besser -- ah Jenkins“, wandte er sich dann zu dem eintretenden
Sheriff -- „kommt einmal einen Augenblick hierher -- setzen Sie sich
so lange, Kadisch -- wir wollen das bald in Ordnung bringen, ich habe
gerade Zeit heute Morgen.“
Er unterhielt sich jetzt eine Zeitlang leise mit dem Sheriff, dieser
verließ dann das Zimmer, und wohl eine volle Stunde blieben die beiden
Männer allein im Zimmer, ohne auch nur ein Wort mit einander zu
wechseln. Die geheimnißvolle Stille unterbrach nur dann und wann der
Tabakssaft des Richters, aus dessen Bereich sich Kadisch wohlweislich
begeben hatte.
Endlich klopfte Jemand an die Thüre.
„~Walk in~“ sagte der Richter.
Die Thür ging auf und der Mexikaner José Tonguras trat ein, während der
hinter ihm stehende Constable seinen Namen laut ankündigte.
„~All right~“ sagte der Richter, ohne aber auch nur einmal aufzusehen
-- „~take a seat, José~.“[4]
Der Mexikaner war eine kurze, gedrängte, sonnverbrannte Gestalt, mit
glänzend schwarzen gelockten Haaren, einer buntgestreiften Sarape,
einem Wachstuch überzogenen breitrandigem Hut, an den Seiten bis an
die Hüftknochen aufgeschlitzten braun sammetnen Ober- und schneeweißen
baumwollenen Unterhosen, weißem Hemde und schwarzgewichsten
Schnürstiefeln. Als er ins Zimmer trat, machte er eine halbe Verbeugung
gegen den Richter und seinen Ankläger und sagte artig, während er den
glänzend blanken Hut mit beiden Händen vom Kopfe nahm:
„~Buenos dias, Señores.~“
Kadisch machte eine leichte Verbeugung gegen ihn, der Richter sagte
aber gar nichts weiter, und da der Mexikaner die vorherige Einladung
sich zu setzen wahrscheinlich nicht verstanden oder vielleicht nicht
einmal gehört hatte; wiederholte sie der Deutsche noch einmal auf
Spanisch.
José dankte schweigend, rückte sich dann einen der Rohrstühle heran und
ließ sich langsam darauf nieder. Die dunklen verschmitzten Augen liefen
aber indessen rasch von einem Gegenstand im Zimmer zum anderen, und
hafteten auf nichts. Nur dann und wann suchte er dem Blick des Richters
zu begegnen, wenn dieser zu seinen regelmäßigen Expectorationen den
Kopf wandte. Dieser aber hatte vielleicht schon ganz wieder vergessen,
daß Jemand anders mit ihm im Zimmer war, oder nahm doch wenigstens
nicht die mindeste Notiz, weder vom Kläger noch Verklagten.
So verging eine Viertelstunde nach der andern, und Kadisch, der andere
Geschäfte zu besorgen hatte, stand schon einmal auf und bat den Richter
ihn zu entschuldigen, er wolle lieber in einer Stunde etwa oder zu
jeder andern Zeit, die er ihm bestimmen möchte, wieder kommen, denn er
habe zu Hause nothwendige Geschäfte.
„~Never mind, Kadish~“, sagte aber der Richter, und winkte ihm mit der
Hand sitzen zu bleiben; „der Sheriff muß den Augenblick hier seyn, und
wir machen Ihre Sache dann ohne weiteres ab. Sie treffen’s vielleicht
nicht allemal so günstig.“
Der Deutsche sah daß der Richter guter Laune schien, und war klug genug
zu bleiben, der Mexikaner aber, der von den gewechselten Worten nichts
verstand, schaute mißtrauisch bald den einen, bald den andern an, und
mochte aus der Freundlichkeit des Richters gegen seinen Ankläger, nicht
ohne Grund, keine der besten Folgerungen für sich ziehen.
So verging wieder eine zweite Viertelstunde, als die Thür aufging und
der Sheriff hereintrat.
„Alles in Ordnung, Jenkins?“ frug ihn der Richter.
„Alles“, lautete die bündige Antwort des Schwertes der öffentlichen
Gerechtigkeit.
„Alles so gewesen?“ frug aber der Richter noch einmal, der in dieser
Sache wohl seine guten Gründe haben mochte, ganz sicher zu gehen.
„Alles“, klang aber wiederum das bestimmt abgegebene Echo aus seines
Merkurs Munde.
„Gut, dann können wir die Court eröffnen“, erwiderte der Richter, erhob
sich aus seiner liegenden Stellung, setzte sich aufrecht an den Tisch
und rückte einige Bücher in Ordnung, „ruft den Dolmetscher herein.“
Jenkins öffnete die Thür, winkte hinaus und gleich darauf trat eine der
wunderlichsten Figuren herein, die man sich nur auf der Welt denken
kann. Es war eine breitschultrig gedrungene, grobknochige Gestalt,
mit rothen, krausen Haaren, Pockennarben und die Hände dicht mit
Sommersprossen bedeckt. In der Hand hielt der Mann einen alten, in die
unbestimmteste Form hineingedrückten, weißen Filzhut, an dem nur Rand
und Deckel fehlte, über den Schultern hing ihm ein kleiner blauer, an
den Rändern grün und roth gestreifter chilenischer Poncho, die Beine
bedeckten auch eine Art mexikanischer Hosen, aber die Unterbeinkleider
waren beschmutzt und von höchst zweifelhafter Farbe, und die Füße
stacken in groben, stark genähten und ungeschwärzten Schuhen. Die
Figur hatte allerdings nicht viel Empfehlendes, aus den kleinen grünen
Augen blitzte aber ein eigener wilder Humor, und der Blick, den er
bei seinem Eintritt nur einmal, aber rasch und entschieden über die
ganze Gruppe sandte, wie die zuversichtliche Art mit der er überhaupt
auftrat, verriethen, daß er nicht das erstemal zu diesem Amt berufen
sei, und es liebe vorher zu wissen, mit welchen Leuten er es hier zu
thun habe. Sein nachheriges ganz gleichgültiges Wesen, wobei er weder
nach der einen noch andern der Parteien auch nur den Kopf wandte,
sollte anzeigen wie gänzlich unparteiisch er beide Theile höre, und
nur darauf denke ihre geäußerte Meinung Wort für Wort dem Richter treu
wiederzugeben.
Dieser schien aber mit seinem Dolmetscher auf einem ganz
freundschaftlichen Fuß zu stehen, rückte ihm, als er die Thür hinter
sich zugemacht hatte, einen Stuhl dicht neben sich hin, nahm dann
die neben ihm liegende Bibel in die Höhe, und sagte, nach der ersten
Begrüßung gleich in die aufzugebende Schwurformel einfallend:
„Wie geht’s Patrick? Ihr schwört hiermit feierlich, die zwischen beiden
Parteien vorkommenden Aussagen und Antworten treu und wörtlich zu
übersetzen, so helfe Euch Gott.“
„Dank Euch, Sir, ~Yes~“, sagte Patrick mit ächt irischer Brogue und
ungemeiner Feierlichkeit, ebenfalls Morgengruß und Schwur zu gleicher
Zeit beantwortend, dann küßte er mit vieler äußerer Andacht die ihm
vorgehaltene Bibel, und ließ sich, seinen kurzen Poncho unnöthigerweise
etwas weiter noch heraufschlagend, auf den ihm hingerückten Stuhl
nieder. Den Hut drückte er, rücksichtslos gegen jede Façon, zwischen
die Knie.
Der Richter hatte indessen einen reinen Bogen Papier hergenommen,
und schrieb jetzt sehr emsig die Anklage des Deutschen nieder, die
er diesem dann gar nicht erst weiter zeigte, sondern sich damit, als
er sie beendet, gleich unmittelbar an den Verklagten -- durch den
Dolmetscher natürlich -- wandte.
Der Mexikaner, der übrigens mehr Englisch verstehen mochte als er zu
zeigen für räthlich hielt, hatte der vorstehenden Schwurscene sehr
aufmerksam zugeschaut, und ein leises verstohlenes Lächeln spielte
dabei um seine Mundwinkel, das sich auch kaum verlor, während der
Richter dem Dolmetscher die Klage auf englisch vorlas. Er wußte recht
gut daß seine Sache, ging sie den gewöhnlichen Gang Rechtens, noch
lange nicht verloren zu sein brauchte, war aber freilich nicht auf das
gleich folgende summarische Verfahren vorbereitet.
Als der Dolmetscher alles angehört hatte, wandte er sich, die Augen
dabei fest auf das Blatt Papier gerichtet, gegen den Verklagten, der
jetzt seinerseits ebenfalls mit der ernsthaftesten Miene und größten
Aufmerksamkeit dasaß, und übersetzte ihm lesend, wessen er beschuldigt
sey, und frug ihn, ob er die Wahrheit der Sache zugestehe.
Der Mexikaner sah hierauf erst ein paar Secunden, wie in tiefem
Nachdenken, still vor sich nieder, und erwiederte dann in der eigenen
singenden Weise der Spanier:
„~Si Señor~, ich habe die Maulthiere von dem Manne mit den Waaren
bekommen, und die Waaren an der bestimmten Stelle abgeliefert, ist dem
nicht so?“
Die Frage wurde dem Kläger gestellt, und dieser bejahte sie, fügte aber
hinzu, „daß er wegen der Waare nicht geklagt habe, sondern nur wegen
der zurückgehaltenen Thiere.“
Der Deutsche hatte diese Antwort ebenfalls in Spanisch gesprochen, und
Don José wollte gerade darauf erwiedern, als ihn der Richter unterbrach:
„~Stop~“, sagte er, „ich möchte auch gern wissen, was Ihr da zusammen
verhandelt, ~God damn it~, Ihr verlangt doch nicht, daß ich Euer
verwünschtes Espagnole auch noch verstehen soll? Patrick, wie war die
Geschichte?“
Patrick übersetzte dem Richter das, was beide Parteien gesagt, und
dieser frug dann weiter:
„Aber wo sind jetzt die Maulthiere? Habt Ihr die auch nachher ihrem
rechtmäßigen Eigenthümer zurückgegeben, oder was ist mit ihnen
geschehen?“
Der Mexikaner ließ sich die Frage erst übersetzen, dann sagte er
achselzuckend:
„~Quien sabe?~ -- als ich nach Stockton zurückkam, war der Mann noch
immer nicht zurück. Ich mußte die Thiere einem andern zur Aufsicht
übergeben, was ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt habe, der wurde
aber krank, und Amerikaner oder meine eigenen Landsleute haben die
Maulthiere indessen gestohlen. Mein Bruder ist aber nach, und wenn er
sie wieder findet, soll der Mann ebenfalls keinen Schaden leiden.“
Patrick übersetzte das und der Richter frug hierauf schnell:
„Also er läugnet nicht, daß sie, während sie ihm übergeben waren,
abhanden gekommen sind.“
„~No, no, es verdad~“, sagte José, „~pero....~“
„~Well, well, all right~“, unterbrach ihn der Richter, und als er sah,
daß der Mexikaner noch Einwendungen machen wollte, sagte er zu Patrick:
„~stop him, Pat’~, laß ihn mich nicht weiter unterbrechen, ich weiß
jetzt alles, was ich wissen will. Kadisch, wie viel Maulthiere waren
das, sagt Ihr, die Ihr ihm übergeben habt?“
„Vierzehn, Sir, mit Packsätteln.“
„Jenkins, was sind Maulthiere wohl jetzt durchschnittlich werth, der
Sattel macht da weiter keinen großen Unterschied.“
Der Sheriff besann sich eine kleine Weile, und sagte dann, sich das
Kinn streichend:
„Hm, ich weiß nicht genau, ich denke so etwa von 80 bis 90 Dollars
durchschnittlich. Vielleicht mehr.“
„Nun gut, wir wollen durchschnittlich 90 Dollars annehmen, seid Ihr
damit zufrieden, Kadisch?“ Dieser bejahte es, etwas verdutzt, und der
Richter fuhr fort: „Das sind also vierzehnmal neunzig, viermal neun ist
sechsunddreißig, einmal neun ist neun und drei sind zwölf -- gerade
1260 Dollars -- außerdem für die Court 50, und für Warrant und Verhör
50 D., macht 1360, für Sheriff 50, sind 1410 -- und dann -- ja so
Patrick, wie viel bekommt Ihr für Euer Dolmetschen?“
„Ih nun, ich weiß nicht“, sagte Patrick etwas verlegen, „ich denke etwa
zwei Unzen.“
„Ah was, sagt drei“, meinte der Richter mit etwas leiserer Stimme und
einem vertrauten Nicken des rechten Augenlids.
„Oh, meinetwegen auch drei“, schmunzelte Patrick, und der Mann des
Gesetzes nahm seine Rechnung wieder auf:
„Also 1410, und 50 D. für Dolmetschen, sind gerade zusammen 1460 D.,
Patrick, sagt einmal dem José Tonsuras oder Tonjuras, wie er heißt,
daß ihn die Court zu 1460 Dollars Strafe verurtheilt hat, und zwar
1260 für den Kläger, 100 für Courtgebühren, 50 für Sheriff und 50 für
Dolmetschen -- 1660 zusammen.“
„1460“ erinnerte Patrick.
„1460? -- ja das ist recht, 1460 -- nun es kommt auf eine Kleinigkeit
nicht an. Die Summe ist übrigens in Zeit von drei Stunden zu
entrichten.“
José war leichenblaß geworden, und konnte kaum die Zeit abwarten daß
ihm der Spruch übersetzt war, als er aufstand und dagegen protestiren
wollte; Judge Reynolds war aber nicht der Mann, der sich in einem
einmal gethanen Spruch irre machen ließ.
„Patrick,“ rief er diesem zu, „sagt dem Mann einmal, daß er, wenn ihm
sein Geldbeutel lieb ist, sein Maul halten soll. +Herunter+ disputiren
kann er gar nichts mehr, nur noch +hinauf+, und ich glaube kaum, daß
ihm daran viel gelegen ist. Macht ihm übrigens auch noch nebenbei
bemerklich, daß der Sheriff seine sämmtlichen Maulthiere hinter dem
Hause hat -- wie Sheriff?“ -- Dieser nickte bejahend, und der Richter
fuhr fort, „und daß die, wenn das Geld nicht in drei Stunden hier ist,
heute Nachmittag vom Sheriff verkauft werden -- verstanden? wer nachher
dabei zu kurz kommt, wird José schon wissen -- ein Nicken ist gerade so
gut wie ein Wink für ein blind Pferd.“
José erbot sich jetzt in letzter Verzweiflung, denn er sah wohl, daß
er hier vollständig in der Falle saß, bis in acht Tagen wenigstens die
Mehrzahl der Maulthiere wieder an Ort und Stelle zu liefern. Judge
Reynolds sagte aber nur kurz zu Patrick:
„Habt Ihr dem Manne alles ordentlich verspanischt, was er wissen soll?“
„Alles, ~your honor~.“
„~All right then~, in drei Stunden die landesübliche Münzsorte oder
-- Auction --“ und damit stand er auf, machte eine graziöse Bewegung
mit der Hand gegen Kläger und Verklagten, und sagte: „die Court ist
aufgehoben. Jenkins, kommen Sie, wir wollen einmal gegenüber gehen und
einen nehmen, ich bin ganz trocken im Halse geworden.“
Drei Stunden später stand José Tonjuras mit vollem Geldbeutel und
betrübtem Gesicht am Tische des Richters und zahlte diesem die ihm
auferlegte Summe. Er wußte recht gut, daß ihm weiter gar kein Mittel
blieb; der Richter hätte ihm das letzte Maulthier aus der Fenz
verauctioniren lassen, und Maulthiere hatten gerade in dem Augenblick
keinen besonders guten Preis. Judge Reynolds strich aber, jetzt ohne
Dolmetscher, das Geld mit sehr wohlgefälligem Antlitz ein und sagte,
als der Spanier etwas niedergeschlagen Abschied nahm, indem er das Geld
in seinen Tischkasten einschloß, das einzige spanische Wort, was er
wahrscheinlich wußte, „~Mucho gracias~.“ (~Muchas gracias!~)
Die Entdeckung des Jackaßgulch (Eselschlucht).
Wer meiner Leser erinnert sich nicht jener ersten Berichte, die über
den californischen Reichthum zu uns herüber drangen, und Manchem
gleich in ihrem ersten Andrang das richtige echte Goldfieber dermaßen
gaben, daß es nur durch eine fünfmonatliche Seereise geheilt werden
konnte. Andere schüttelten freilich zweifelnd den Kopf, und wollten
an diese Massen von Gold nicht so recht glauben. Und doch waren
jene Berichte keineswegs übertrieben. Es ist aber eine sonderbare
Thatsache, daß in Californien gerade die reichhaltigsten Stellen, und
zwar die, wo das Gold, und noch dazu grobes Gold, nur wenige Fuß unter
der Oberfläche lag, gleich im ersten Anfang entdeckt und bearbeitet
wurden, und die wenigen Glücklichen, die dort gewissermaßen über den
Schatz herstolperten, konnten und wollten nicht anders glauben, als
das ganze Land stecke jetzt dermaßen voll Goldsplitter, daß sie eben
weiter nichts zu thun hätten, als sich daneben hinzusetzen und sie
herauszuziehen.
Sutters Mühle und Mormoneiland im Norden, Mormongulch und Sullivans
Creek im Süden, wurden fast zu gleicher Zeit und bald nach einander
gefunden, und sie alle lieferten, für die jetzigen Minen, fast
unglaubliche Resultate. Die Leute dort hielten zwei Unzen den Tag für
einen höchst mittelmäßigen Tagelohn, ja verließen die Stellen, wo
sie das mit Leichtigkeit gewinnen konnten, und fanden an denselben
Schluchten andere, die sie besser bezahlten. Sie verkauften um einen
Spottpreis oder verschenkten die Plätze, die sie niedergegraben und die
ihnen noch Schätze lieferten, vertranken das Gold das sie verdient, und
fingen von Neuem an zu suchen. Die Minen schienen unerschöpflich, und
mit höchst unvollkommenem Werkzeug, ja mit nur sehr geringer Arbeit --
im Vergleich zu dem wenigstens, wie jetzt dort geschafft werden muß
-- förderten sie spielend zu Tage, was sie eben brauchten, und sie
brauchten sehr viel. Die Flasche Champagner kostete damals von 10-16
Dollars, der Brandy 5-8 Dollars, die Flasche Essiggurken 16 Dollars
u. s. w., und was sie nicht in solchen Leckereien (denn Essiggurken
gehörten unstreitig dazu) geschwind genug loswerden konnten, das
verspielten sie, nur wieder reine Taschen zu bekommen.
Man kann sich denken, was für toll und wild zusammengewürfeltes Volk
dort hauste, und wie es da manchmal zuging. Dennoch hörte man selten
oder nie von Mordthaten, wenn auch Diebereien oft genug vorfielen.
Morde kamen erst in Californien an die Tagesordnung, als das Gold
schwerer und unsicherer zu gewinnen war, und die Leute lebten damals in
einem Zustande, von dem sie später selber versicherten, sie seien „wie
im Traume“ herumgegangen.
So wie jetzt aber liefen auch schon zu jener Zeit fortwährend Gerüchte
von noch viel reicheren Stellen, Plätzen, wo das Gold, wenige Zoll
unter der Rasendecke, nur zum Zusammenscharren läge, und bald sollte
dieser, bald jener ein solches Eldorado gefunden haben, dem nun Alle
nachzuspüren suchten. Wer irgend einen andern Platz entdeckt hatte, von
dem er ja noch gar nicht wissen konnte, ob er sich nicht gerade später
als eine solche arabische Schatzkammer auswies, der hielt es so lange
als möglich geheim, stahl sich Nachts fort, wenn es nicht anders ging,
und lag Wochen lang draußen herum, bis er entweder von den Andern
aufgespürt wurde, oder auch ausgefunden hatte, daß sein alter Platz
eben so gut gewesen wie dieser, und er nun dahin wieder zurückkehren
könne. Fand er doch dort wenigstens Provisionen und Getränke in der
Nähe.
Der Leser mag aber lieber gleich einmal mit mir in den Mormongulch
hinabspringen. Er lernt dort das echte Minenleben aus erster Quelle
kennen, und wir finden, wenn auch nicht lauter gute, doch sicher
interessante Gesellschaft.
Es war im August des Jahres 1848, als ziemlich hoch im Mormongulch (ein
kleiner Bergbach, der sich in den Stanislaus ergießt und mit diesem
später in den San Joaquim geführt wird) Spitzhacken und Schaufeln
wacker gehandhabt wurden, und Pfannen klapperten und Maschinen oder
sogenannte Wiegen Kies und Erde durchschüttelten, daß es eine Lust
und Freude schien. Die Leute sangen und pfiffen dabei und lachten und
erzählten sich Anekdoten und wenn man sie ansah, kam es Einem kaum vor
als ob sie überhaupt wirklicher Arbeit wegen hier herumwirthschafteten.
Gleich vorn, etwa zehn oder fünfzehn Schritt vom Bach selber ab, wo das
Ufer eine Art flacher Niederung bildete, wühlten sich zwei von ihnen,
ein paar Deutsche, in die Erde hinein, und Kies und Grund fuhr eine
Zeitlang aus dem wohl schon vier Fuß tiefen Loch heraus, als ob sie es
beim Zollbreit bezahlt bekämen.
Sie hießen Fuchs und Starke -- der erstere mit einem fuchsrothen Bart,
der seinem Namen Ehre machte, und dickem rothen Gesicht -- der Andere
noch ein junger Bursche, der früher mit den Volontairen von Nordamerika
nach Californien gekommen war, auf einer etwas wilden Expedition der
Vereinigten Staaten, ein Land zu erobern, auf das sie damals noch nicht
die mindesten Ansprüche hatten. Wie sie es nämlich später von Mexiko
als Schadenersatz für die Kriegskosten forderten und bekamen, oder
nahmen, war es wirklich schon, wenigstens in allen festen Plätzen, in
ihrem Besitz.
Ich würde Starke indessen Unrecht thun, wollte ich ihm irgend
eroberungssüchtige Absichten oder überhaupt Absichten zuschreiben. Er
war als Volontair nach Californien gegangen, wie er etwa mit Fuchs in
das nächste Trinkzelt gehen würde, wenn dieser zu ihm sagte, „komm
Starke, wir wollen Einen nehmen,“ und auf ähnliche Art auch in die
Minen gekommen. Zwei von seinen Kameraden desertirten und sagten, „komm
Starke, geh’ mit,“ und da Starke für den Augenblick nichts Anderes zu
thun hatte, sah er gar keine Ursache, weshalb er zurückbleiben sollte.
Er verdiente jetzt hier mit keiner, oder mit nur sehr unbedeutender
Arbeit, von zwei bis zu drei und vier Unzen Gold täglich.
Nicht weit von ihnen arbeiteten zwei andere Deutsche, Fischer und
Johnny -- überhaupt hatten sich zufälliger Weise gerade an diesem Theil
des Gulches lauter Deutsche zusammengefundenen, während weiter oben und
unten wieder die einzelnen Amerikaner, Irländer oder auch Mexikaner
zusammenhielten. Einige Chilenen arbeiteten in demselben Gulch.
Sie waren mit dem ersten Schiffe, auf welchem auch Fischer Passage
genommen, von Valparaiso hierhergekommen, das von dort nach dem erst
entdeckten Eldorado abging.
Sie hießen, wie schon gesagt, Fischer und Johnny. Der Erste, ein
Hamburger, hatte sich lange in Valparaiso aufgehalten, sprach sehr gut
spanisch und ziemlich englisch und schien überhaupt eine gute Erziehung
genossen zu haben. Sein „~partner~“ war dagegen ein Original, wie
deren wohl Manche auf Gottes weiter Erde zerstreut umherlaufen mögen,
wie man aber gewiß nur selten das Glück hat, ein so vollständiges und
so gut erhaltenes Exemplar frisch und fidel auf seinem Lebenswege
anzutreffen. Johnny, wie er allgemein genannt wurde, und Niemand kannte
seinen anderen Namen oder kümmerte sich darum, war ein Schneider, und
zwar das liederlichste, lustigste, melancholischste und heroischste
Schneiderlein unter der Sonne.
Wie alt Johnny war, ließ sich auf den ersten Blick, ja selbst bei
längerer Bekanntschaft schwer oder gar nicht bestimmen. Er war sehr
klein und schmächtig und hatte gar keinen Bart, auch wandte er sehr
selten, eigentlich nur in Nothfällen, eine Hand voll Wasser an sein
Gesicht. Die Elasticität der Haut ließ sich deshalb höchst unvollkommen
erkennen, so daß er seiner Gestalt und seines glatten Kinnes wegen
seinen Bekannten manchmal ganz jung vorkam. Dann aber wieder, besonders
in seinen sinnend-melancholischen Stellungen, die er gern annahm,
runzelte er die Stirn dermaßen und die Augen lagen ihm so tief im
Kopfe, daß man ihn wenigstens hätte für einen Vierziger halten mögen.
Seine Tracht war pittoresk genug. -- Ein kleiner, kurz abgestutzter,
einst grau gewesener Frack, ein Paar leinene, sehr oft aber noch lange
nicht genug ausgebesserte Hosen, ein Hemd von unbestimmter Couleur und
ein Paar Schuhe umgaben seinen Leichnam. Das Merkwürdigste aber an
ihm war der Hut, und zu diesem zu gelangen, muß ich ein wenig weiter
ausholen, und Johnny verdient auch wirklich diese Aufmerksamkeit.