Johnny hatte in früherer Zeit -- und seine Lebensgeschichte gehört

zu einer der thatenreichsten -- lange Jahre in Frankreich gearbeitet

und war von dort zuerst nach den Vereinigten Staaten und dann nach

Californien gegangen, wo er sich schon mehrere Jahre, ehe noch das

Gold entdeckt wurde, aufgehalten. Damals hielt er einen Schenkstand in

San Francisco und sein Verdienst, als das erste Gold dahin kam und der

Reichthum des Landes durch aus den Bergen zurückkehrende Goldwäscher

bekannt wurde, war außerordentlich. Aber das unruhige Blut ließ ihn

nicht sitzen. Er verkaufte Alles, vertrank und verspielte den Ertrag,

und ging dann selbst auf’s Goldsuchen aus.

Johnny hatte, wie erwähnt, früher lange in Frankreich gearbeitet, und

es gehörte diese Zeit zu seinen schönsten Erinnerungen; am liebsten

hätte er sich auch Jean nennen lassen. Das ging aber nicht; seine

Umgebung, der das Französische nicht so recht geläufig war, wollte

darauf nicht eingehen, und es blieb, trotz mehrfacher Versuche einer

Aenderung, immer zuletzt wieder bei Johnny. Seine Umgebung that ihm

aber einen andern Gefallen.

War es Einbildung oder Wirklichkeit -- bei dem jetzigen Zustand seines

Gesichts ließ sich das nicht so genau unterscheiden, aber es hatten

Einzelne früher eine Aehnlichkeit in Gestalt und Angesicht zwischen

Johnny und Napoleon Bonaparte gefunden. Johnny’s Lieblingsstellung

war von der Zeit an die mit zusammengekniffenen Brauen und

untergeschlagenen Armen, ja seinen grauen Filzhut sogar hatte er

dreieckig aufgeschlagen und befestigt, und als Zierrath, allerdings

etwas unnapoleonisch, eine unechte Broche und eine kleine Kette aus

Bronze darum, aufgenäht.

In dem Augenblick, wo wir die Gruppe der Goldgräber mustern, liegt

Johnny auf dem Bauche, dicht am Rand des Gulch, in einer sogenannten

Kayota, d. h. in einer Seitenhöhle, die er sich unter der Bank

hineingearbeitet hatte, die goldhaltige Erde darunter hervorzuwühlen,

ohne sich dabei die Mühe zu nehmen das darauf liegende Erdreich

abzuwerfen. Nicht daß Johnny faul gewesen wäre -- im Gegentheil, er

war einer der besten Arbeiter -- aber es ging doch bequemer, und die

Hauptsache: schneller. So hatte er erst, während Fischer die Erde

abholte, zur Maschine trug und auswusch, mit einer kurzen, zu diesem

Zweck besonders nützlichen Brechstange die goldhaltige Erde mehr und

mehr, vielleicht zwei Fuß vom Felsengrund ab, weggestoßen und war dabei

tiefer und tiefer gekommen, bis er zuletzt mit dem ganzen Körper unter

die Erde hineingewühlt war, daß nur noch die Füße eben vorguckten.

Sein Frack mit dem Hut darauf lagen, wie zierende Trophäen eines

Monuments, dicht davor auf einem etwa 3 Fuß hohen Quarzblock, um den

herum sie die Erde schon weggewaschen.

Fischer war eben mit seiner Pfanne fertig geworden und zurückgekommen.

Er saß niedergekauert und mit gebücktem Kopf neben Johnny’s Schuhwerk

und versuchte in das Loch hineinzuschauen. Die Pfanne stand neben ihm.

„Johnny“, sagte er endlich mit seiner etwas feinen aber gutmüthigen

Stimme, „Du wühlst zu tief. Wenn Dir die Geschichte auf den Leib fällt,

so haben wir Napoleons Grab hier, und das sollte mir leid thun.“

„Laß gut sein, Fischer,“ tönte Johnny’s Stimme dagegen etwas hohl und

unnatürlich unter der Erde vor -- „ich bin gleich fertig, denn der

Felsen läuft wieder hoch, und so können wir ihn nachher, wenn’s lohnen

sollte, von oben abdecken.“

„Jemine Johnny,“ sagte Fischer, nachdem es ihm gelungen war, einen

Blick in die Oeffnung zu werfen, „warum hast Du Dir denn nicht den

Quarzstein da oben herausgebrochen. Er zerreibt Dir ja den Rücken.“

„Das geht nicht,“ brummte Johnny dagegen, „er sitzt zu fest. Wenn ich

den herausholen will, bricht mir am Ende die ganze Pastete nach, und

Gold steckt doch nicht mehr dran. So mag er denn sitzen bleiben.“

Es war ein weißer Quarzblock von vielleicht anderthalb bis zwei Fuß im

Durchmesser, unter dem sich Johnny so hindurchgearbeitet hatte, daß er

jetzt mit den Schultern unter ihm stak, was ihn allerdings etwas in

seinen Bewegungen hinderte. Im Monat August aber ist die Erde so hart

und trocken, daß wenig Gefahr eines Einsturzes vorhanden schien, ja die

Mexikaner arbeiteten fast einzig und allein auf diese Art. Sie bohrten

schmale Löcher, in die sie sich kaum hinabzwängen konnten, worauf

sie sich unten nach allen Seiten und oft unglaubliche Strecken weit

ausbreiteten. Es hieß dies in der Minensprache, wahrscheinlich nach den

kleinen Wölfen, die es in Californien in wahrer Unmasse giebt und die

ihr Lager in Erdhöhlen haben sollen -- kayoten.

Johnny verlangte nun mit ausgestrecktem Arm die Pfanne, die ihm Fischer

hinunterschob und, als sie sein kleiner unterirdischer Partner mit den

Händen gefüllt hatte, nicht ohne Mühe wieder vorbrachte. Er ging dann

zu seiner Wiege zurück, „den Dreck auszuwaschen“ -- ich kann dem Leser

nicht helfen, er muß sich an die Minenausdrücke gewöhnen -- und Johnny

kayotete weiter.

Noch etwas höher hinauf arbeiteten ebenfalls ein paar Deutsche, diesmal

aber, etwas allerdings Ungewöhnliches in den Minen, Mann und Frau

zusammen. Madame Hilgen, eine Hamburgerin, verdient jedenfalls zuerst

erwähnt zu werden, denn sie war unstreitig der Mann von den Beiden,

und „schaffte“ so fleißig mit, wie nur ein Mann, wenigstens bei der

leichteren Arbeit, hätte schaffen können. Sie verstand dabei einen

Spaß und war nicht leicht böse gemacht, wußte aber auch Alle mit einem

gewissen Takte in den gehörigen Schranken zu halten.

Madame Hilgen saß an der „Wiege“ und wusch die Golderde aus, die ihr

Mann im Schweiße seines Angesichts dem harten Erdboden mit Spitzhacke

und Schaufel abgemüht und ihr hingetragen hatte. Die beiden Eheleute

waren übrigens die einzigen von all den Goldsuchern dort, die einen

wirklichen Nutzen aus dem aufgefundenen Reichthum zogen. Denn die Frau

hielt das Erarbeitete zusammen, und Hilgen, wenn er auch dann und wann

einmal über die Stränge geschlagen hätte, durfte nicht mucksen.

Fischer und Mad. Hilgen saßen etwa funfzehn Schritte von einander

entfernt, so daß sie sich recht gut mit einander unterhalten konnten,

besonders da Fischer’s etwas feine Stimme ziemlich weit hinaustönte.

Gleich über Hilgen oben arbeitete eine einzelne Persönlichkeit, und

wiederum ein Charakter, wie ich fest überzeugt bin, daß solche das

Schicksal eben nur in Californien zusammengeworfen haben kann.

Wilhelm Erbe war ein Barbiergesell aus Leipzig. Er hatte aber seine

Vaterstadt schon vor zwanzig Jahren verlassen und sich seit der Zeit,

meistens in Nordamerika, als Gott weiß was Alles herumgetrieben,

später den texanischen Krieg mitgemacht, und war von dort, wie er in

heiteren Stunden manchmal erzählte, desertirt und nach Californien

„ausgewandert.“ Nichts machte ihn übrigens glücklicher, als einen

Leipziger zu treffen, mit dem er von alten Zeiten, Meistern und Straßen

plaudern konnte. Trotz seiner langen Entfernung hatte Erbe noch ganz

den singenden echt sächsischen Ton beibehalten und sich dazu durch

einen längeren Aufenthalt zwischen Amerikanern das Einwerfen englischer

Brocken dermaßen angewöhnt, daß Einer, der sich mit ihm unterhielt und

blos deutsch redete, oft zu rathen hatte was er eigentlich meine, und

wovon er spreche. Ja selbst wer Englisch verstand, wurde manchmal nicht

klug aus seinem Kauderwelsch.

Es ist sonderbar, daß nur die deutsche Nation im fremden Lande, und

auch wieder nur mit der englischen Sprache, bei der es wohl die

Aehnlichkeit des Dialects machen muß, diese Eigenheit annimmt, und

gerade die, die am wenigsten noch vom Englischen verstehen, mißhandeln

das Wenige schon, selbst wenn sich ihnen nicht die geringste Ursache

dazu bietet, auf das Entsetzlichste. Sie verdeutschen die englischen

Wörter -- d. h. sie geben ihnen deutsche Endungen und conjugiren und

decliniren sie deutsch -- wo denn manchmal der drolligste Unsinn

zu Wege kommt. So versicherte mich einst ein sonst ganz gebildeter

Deutscher in Cincinnati, er müsse jetzt zu Hause, es sei schon „zu

~dinner~ gebellt“ -- von ~dinner~, Mittagessen, und ~bell~, Glocke. --

„Hands mit ihm geschäkt“ -- von ~shake hands~, Handschütteln, -- „über

Fenz getschumpt“ -- von ~fence~, Zaun, und ~to jump~, springen, --

„kalt gekätscht“ -- von ~to catch a cold~, sich erkälten -- etc. etc.

gehören zu den gewöhnlichsten Phrasen und man könnte ganze Wörterbücher

derselben zusammenstellen.

Erbe lieferte wirklich komische Sachen und sein sächsischer Dialect

verstärkte den drolligen Eindruck. Seine Tracht war im gewöhnlichen

Leben -- und er lebte nur gewöhnlich -- ein alter kurzer blauer Frack

mit hinten einem, und vorn drei -- blanken kann man nicht gut sagen

-- also Messingknöpfen. Ein rothes Hemd, eine graue wollene Hose,

keine Socken und ein Paar schwere, eisenbeschlagene Schuhe -- (wenn

ich von Schuhen oder Stiefeln in den Minen spreche, verstehe ich immer

den rechten Hacken schief getreten, was eine unausbleibliche Folge

des, in harter Erde, mit dem Spaten Arbeitens ist). Dieser Anzug war

soweit nicht von außergewöhnlicher Eleganz. Unter dem alten blauen

Frack konnte ein Schulmeister wie ein Grobschmied, ein Handschuhmacher

wie ein Blechschläger sitzen, aber die Mütze war Barbier -- jeder

Zoll Barbier. Die blaue runde Tuchmütze, die „schon manchen Sturm

erlebt“, saß nicht allein schief, nein ordentlich gefährlich auf

der linken Seite des Kopfes -- den Rand derselben so weit unten wie

es nur eben das Ohr zuließ und dann den Obertheil derselben so weit

herübergezogen wie möglich. Erbe hatte dabei nur dann seine Hände außer

den Hosentaschen, wenn er arbeitete oder seinen Leib erfrischte.

Das Erstere geschah selten, das Zweite häufiger, aber selbst bei der

letzteren Beschäftigung belästigte er so wenig als möglich die Linke,

die wirklich eigentlich nur dann an’s Tageslicht kam, wenn sie eine

Spitzhacke oder Gabel anfassen sollte.

Erbe arbeitete allein an einem Loche etwas oberhalb Hilgens, d. h. er

stand mit den Händen in den Taschen davor, die Mütze schief auf dem

Kopf und diesen etwas seitwärts gehalten, und sah sich mit einem halb

komischen, halb wehmüthigen Blick die Stelle an, die jetzt wieder, wenn

er überhaupt heute noch etwas verdienen wollte, Zeuge seiner Thätigkeit

sein sollte.

Die Mütze war übrigens das einzige Merkmal, welches er noch von seinem

alten Handwerk an sich trug. Seine Gestalt war dicker, sein Gesicht

voll und roth geworden, die Nase sogar verdächtig roth, und seine

Hände hatten lange nicht mehr das Seifenwasser seiner Kunden gefühlt.

Auch seine Bewegungen waren nichts weniger als das, was man jetzt in

Leipzig, und besonders zu Meßzeiten, von einem flinken Barbiergehülfen

fordert. Er ging nur sehr langsam, den Kopf keck und selbstgefällig

hinter sich geworfen, und die einzige Bewegung, die er dabei mit seinem

Oberkörper machte, war mit den Ellenbogen, d. h. er schlenkerte aus

alter Gewohnheit die Ellbogen, während er aus neuer die Hände in den

Taschen behielt.

„Nun, Madame Hilgen, wie geht’s heute Morgen,“ rief Fischer von

Johnny’s Platz aus, wo er wieder auf eine Pfanne voll Erde wartete --

„machen Sie gut aus? -- wie schüttet’s?“

„O ich danke, Herr Fischer,“ sagte Madame Hilgen, einen Augenblick den

blechernen Schöpfer, mit dem sie unablässig beim Schaukeln der Maschine

(oder Wiege) Wasser aufgießen mußte, niederlegend, „es will hier nicht

mehr so recht zahlen. Das soll die letzte Maschine voll sein. Mein Mann

hat einen anderen ~claim~ weiter oben, den wollen wir einmal versuchen.“

„Und wie bekommt Ihnen die harte Arbeit, Madame Hilgen?“ sagte Fischer.

„Wie geht’s mit den Armen?“

„O ich weiß nicht, Herr Fischer, ganz gut -- viel besser wie ich

gedacht habe.“

„Ja, Madame Hilgen,“ sagte Fischer mit einem freundlichen Lachen über

sein gutmüthiges Gesicht -- „an das Wiegen habe ich mich im Anfange

nicht so leicht gewöhnen können -- das geht den Frauen natürlicher von

den Händen.“

„Da haben Sie recht, Herr Fischer,“ lachte Madame Hilgen, und da ihr

Mann gerade mit einem neuen Eimer voll Erde angeschleppt kam, den er

oben in die „~cradle~“ hineinschüttete, wiegte sie ruhig weiter. Die

Unterredung wäre für den Augenblick abgebrochen gewesen, hatte nicht

ohnedies plötzlich ein furchtbarer hohlklingender Schrei die ganze

Nachbarschaft aufgeschreckt, und gleich darauf, so rasch sie ihre

Füße dorthin bringen konnten, um Fischer’s und Johnny’s Arbeitsplatz

gesammelt.

„Hülfe -- Mord -- Hülfe!“ schrie Johnny nämlich mit wahrhaft peinlicher

Lungenanstrengung aus seinem unterirdischen Versteck hervor, und selbst

die einsam herausschauenden Schuhe drehten sich so krampfhaft und

ängstlich, als ob sie ebenfalls um Beistand flehten. Fischer hatte,

als einzigen haltbaren Gegenstand, diese Schuhe mit den Füßen darin

gepackt, und suchte den Eigenthümer derselben hervorzuziehen. Zu seinem

Erstaunen fand er aber, daß Johnny heute ein ganz außergewöhnliches

Gewicht besitze, denn das sonst federleichte Schneiderlein wich und

wankte nicht, schrie aber bei diesem Versuch wo möglich noch toller als

vorher.

„Um Gottes Willen, Johnny, was ist Ihnen?“ rief Madame Hilgen, mit die

erste auf dem Platz, „was fehlt Ihnen denn?“

„Ich bin verschüttet -- ich bin lebendig begraben!“ schrie Johnny aber,

„Hülfe -- Hülfe! grabt mich aus!“

„Um Gottes Willen, grabt ihn aus, Leute!“ schrie Starke, der den

Kopf schon verloren hatte, und in Todesangst um den vermeintlich

Erstickenden war.

„Ja, aber wenn er verschüttet wäre, könnte er doch nicht schreien!“

rief Fischer und machte einen neuen verzweifelten, wenn auch wieder

vergeblichen Angriff auf die strampelnden Schuhe.

„Es liegt ’was auf ihm!“ sagte Fuchs, der sich indessen auf die Kniee

geworfen und da hinein geschaut hatte wo Johnny steckte, „er hat einen

großen Stein auf dem Buckel.“

„Und das ist es auch!“ rief Fischer -- „ich hab’s ihm noch vorhin

gesagt. Johnny -- o, Johnny! kannst Du noch Athem holen da unten?“

„Hülfe -- Hülfe -- der ganze Berg liegt auf mir!“ schrie Johnny.

„Nun schreien kann er noch ~for sure~,“ sagte Erbe, der jetzt ebenfalls

herangekommen war, und mit den Händen in den Taschen daneben stand,

„das spricht für die Lungen.“

Fischer, Hilgen und Fuchs hatten indessen einen Versuch gemacht unter

die Bank nachzukriechen, und das, was auf Johnny gefallen sein mußte,

von ihm herunter zu wälzen. Allein das Unternehmen erwies sich als

gänzlich unausführbar, und Johnny, der indessen seine Besinnung in

etwas wiedergefunden hatte, erklärte nun unter einem mäßigeren Stöhnen,

es liege ihm eine Last von zwischen vier- bis fünftausend Pfund auf den

Schultern. Wenn sie ihm die nicht herunter bringen könnten, müßte er,

wo er wäre, elendiglich verhungern.

„Das wäre stark,“ sagte Erbe kopfschüttelnd und fuhr dann in seinem

Kauderwelsch fort -- „ich hab’s ihm aber lange gesagt, er sollte ~care

taken~ wie er da immer unter kraust -- jetzt hat er’s geketscht. Wenn

wir ihn nur ’rum türnen könnten.“

Hilgen wollte jetzt mit hinunter kriechen, um noch einmal zu sehen, ob

er die Last von Johnny abwälzen könnte. Seine Frau hatte ihn aber an

dem einen Bein erfaßt, ehe er nur halb verschwunden war, und zog ihn

mit Fischer’s Hülfe gleich darauf wieder an’s Tageslicht. Sie gab ihm

dabei lebhaft zu verstehen, daß er da unten gar nichts zu suchen hätte,

wo er sich am Ende auch noch mit verschütten ließe.

Es lag zu viel eheliche Zärtlichkeit in dieser Fürsorge, um Hilgen

nicht ohne Weiteres von jedem derartigen Versuch abzuschrecken, und

Starke, den Niemand daran verhinderte, kroch jetzt in die Oeffnung

und bemühte sich den Stein -- denn es war, wie sich jetzt ergab,

nichts als der oben erwähnte Quarzblock -- weg zu bewegen. Obgleich

der Block aber nach oben vollkommen frei lag, fand er doch rechts wie

links sowohl, zu vielen Widerstand, um nach einer von diesen Richtungen

hin fortgebracht zu werden, so daß es, wie Starke versicherte, weiter

kein Mittel gab, als ihn über Johnny’s ganzen Körper herunter und vorn

herauszuziehen.

„Wenn wir nun den kleinen Schneider mit dem Stein heraus ~pullten~“

(~to pull~ ziehen) meinte Erbe in seinem Deutsch-englisch -- „wie man

so einen Zahn herausholt.“

„Du windschiefer Barbiergesell brauchst auch von „Schneider“ zu reden,“

rief Johnny plötzlich von unten hervor, daß Alle auflachten -- „Hülfe

-- Hülfe“ -- schrie er aber dann gleich wieder, „ich halt’s nicht mehr

aus -- ich ersticke!“

„Erbe hat ganz recht“, sagte Fischer -- „Du Johnny -- oh Johnny --

hörst Du?“

„Was willst Du, Fischer?“ stöhnte Johnny -- „mir ist der Brustknochen

zerquetscht und jetzt drückt es mir eben das Herz ab -- sprich schnell

-- ich lebe keine fünf Minuten mehr.“

„Kannst Du ein Bischen mit den Ellbogen nachhelfen?“ fragte Fischer,

ohne auf Johnny’s Klagen zu achten, „wir wollen Dich bei den Beinen

herausziehen.“

„Ihr könnt mir die Beine ausreißen,“ sagte Johnny mit furchtbarer

Feierlichkeit -- „aber Ihr werdet nie im Stande sein die Last über mir

zu bewältigen, wenn Ihr nicht Schaufel um Schaufel abtragt. Allein bis

dahin bin ich eine Leiche, denn ich ersticke -- ich ersticke.“

„Halt Dich nur noch eine kleine Weile tapfer und hilf mit schieben,“

rief ihm Fischer ermuthigend zu. „Wir holen Dich jetzt sammt dem Steine

heraus!“

„Windschiefer Barbiergesell?“ murmelte Erbe für sich hin, während

er die Hände aus den Taschen nahm, die Aermel etwas aufstreifte und

einen von Johnny’s Füßen packte. Die Uebrigen hatten Alle schon

angefaßt und langsam begannen sie ihr Gewicht gegen Johnny und seinen

Quarzblock in die Schale zu legen. Kaum hatten sie aber, wie Erbe

meinte, eine „~inch~ ge~gaint~“ (~inch~ Zoll und ~gain~ gewinnen), als

Johnny ein wahres Zetergeschrei ausstieß und meldete, der ganze Berg

käme herunter, sie sollten aufhören. -- „Der Berg liegt auf mir --

Ihr zerreißt mir die Brust -- meine Rippen haben sich in die Steine

eingehakt“ -- lauteten seine Angstrufe. Die Rettenden aber, obgleich

sie für den Augenblick unschlüssig anhielten, wußten recht gut, daß

sie den Schneider entweder auf diese Weise zu Tage fördern oder den

Hügel wenigstens um neun Fuß hoch abgraben mußten. Das war zu viel

Arbeit, und sie setzten ihre Anstrengung in bisheriger Weise fort.

„Wenn wir ihn ein Bischen liften könnten,“ bemerkte Erbe.

„Ach was lüften,“ brummte Fuchs, der noch kein Englisch sprach und

sich immer über die fremden Worte ärgerte -- „angepackt Doctor“ (so

hieß Erbe häufig zu seinem und dem Vergnügen der Andern) „angepackt

und heraus mit ihm -- komm Johnny!“ Und dabei that er einen kräftigen

Ruck an Johnnys linken Fuß, der, wenn er auch weiter nichts nützte, dem

armen Gequälten doch einen neuen Schrei auspreßte.

Sie legten sich aber jetzt alle mitsammen ein, zogen mit gleicher Kraft

vorsichtig an und fanden zu ihrer Freude, daß Johnny wirklich „kam!“

Glücklicherweise für ihn bestand der untenliegende und schon früher

des Goldes wegen vollkommen glatt gekratzte Fels aus weichem Sandstein

und seine beiden Ellbogen, wie er später erzählte, gewissermaßen als

Kufen gebrauchend, machte Johnny eine Art Lastschlitten des Quarzblocks

aus sich. Mit dem Steine, der ihm unbeweglich auf dem Rücken lag, und

unter einem Hurrah der „Retter“ ward er endlich zu Tage gebracht.

Kaum daß der Block frei war, stieß ihn Starke in seinem Eifer von

Johnnys Rücken herunter und gerade gegen Erbe’s Füße. Johnny aber

blieb wie todt liegen. Erst als ihn Fischer, Hilgen, Fuchs und Starke

-- denn Erbe hinkte mit verletzten Zehen in der Nachbarschaft umher

-- gewaltsam aufrichteten, schlug er die Augen auf, zunächst seine

übel mitgenommenen Ellbogen und dann die aufgeritzte Haut an der Brust

betrachtend.

„Ich sehe wieder Gottes freie Sonne -- ich athme frische Luft -- ich

bin aus der Unterwelt zurückgekehrt.“

„Johnny,“ sagte Fischer, der jetzt, wie er gewöhnlich that, seine

beiden Hände oben in den Hosengurt geschoben hatte und den kleinen

Schneider mit seitwärts gebogenem Kopfe lächelnd ansah, während er mit

der Spitze des rechten Fußes den Quarzblock anstieß, „Johnny, wenn

ich wie Du wäre, ließ ich mir das Steinchen hier zum Andenken in eine

Tuchnadel fassen.“

„Nein,“ lachte Madame Hilgen, „Herr Erbe hat sich ihn schon zu einer

Schuhschnalle angepaßt.“

Erbe blieb plötzlich stehen und drehte sich halb gegen Mad. Hilgen.

„Ne heren Se, Madame Hilgen,“ sagte er dabei in seinem blühendsten

Sächsisch, „als wie ich bin das schon lange nicht gewesen. Aber Starke

hat den Block so verkehrt gemänetsch (~to manage~) -- wenn ers nicht

~on purpose~ gethan hat -- das sollt ich aber nur wissen.“

Während die Andern lachten, stand Johnny mit untergeschlagenen Armen,

zusammengezogenen Augenbraunen und etwas vorgesetztem rechten Fuß vor

der Oeffnung und murmelte düster:

„Also das hätte mein Grab werden können?“

„Ich habe Dir’s ja gleich gesagt, Johnny,“ erinnerte Fischer, während

er den Stein mit dem Messer untersuchte, ob nicht Gold darin säße.

„Wer war denn das eigentlich,“ rief Johnny mit plötzlich verändertem

Ton und sich rasch umdrehend, „der mich in einem fort am linken Bein

gerissen hat? Und hier auch von der Schulter ist mir die Haut herunter.“

„Du, Johnny, -- das müssen wir abwaschen,“ unterbrach Fischer den

Genossen und zeigte ihm ein kleines Stück Gold, im Werth von etwa

anderthalb Dollars, das er in der an dem Stein sitzenden Erde

gefunden, -- „da sitzt auch noch mehr; am Ende lohnt sich’s doch des

Abdeckens.“

„Laß den Quark jetzt, Fischer,“ rief John mit einer verächtlichen

Handbewegung, -- „ich bin eben dem Grabe entsprungen und feire heute

meinen Geburtstag. -- Keine Hand rühre ich mehr an.“

„Das ist recht, Johnny,“ rief Fischer, -- „da giebst Du auch einen aus.“

„Ja, wenn wir das wissen, machen wir Alle Feierabend,“ riefen Fuchs und

Starke.

„Und da gehöre ich denn ebenfalls mit dazu,“ versicherte Erbe; „ich bin

auch mit Hebamme gewesen.“

„Wenn Ihr Alle so schnell zur Arbeit zu bringen wäret, wie davon,“

spottete Mad. Hilgen, „so gäbe es hier lauter reiche Leute.“

„Ich muß aber dann auch bei der Fete sein,“ meinte Hilgen mit einem

schüchternen Blicke gegen die Frau, -- „wenn Johnny seinen Geburtstag

feiert.“

„Erst müssen wir unsere Maschine fertig haben,“ bestimmte die Gemahlin.

„Wenn Du nachher das Werkzeug in’s Zelt gebracht hast, kannst Du gehen

wohin Du willst.“

„Madame Hilgen,“ sagte Johnny, der seine Schmerzen, wie die

überstandene Gefahr schon total vergessen zu haben schien, mit

Galanterie, „Sie sind ein Muster der Frauen, und wenn mir denn heute

Niemand Gutes wünscht, -- denn ich feire +wirklich+ an diesem Tage

meinen Geburtstag, -- so wünsche ich mir selbst dermaleinst eine solche

Frau, wie Sie.“

„Na da gratulir’ ich,“ sagte Fischer lachend.

„Ei Herr Fischer, Sie sind ja ein recht grober Mensch!“ rief Madame

Hilgen, mit dem Finger drohend.

„Ich habe ja Johnny blos zu seinem Geburtstage, nicht zu einer Frau

gratulirt, Madame Hilgen,“ rief aber dieser, sich vertheidigend. Fuchs

meinte jedoch, von dem vielen Reden bekämen sie Nichts zu trinken

und er selber habe, was er auch bei den anderen voraussetze, einen

sträflichen Durst.

„Ich kann auch nicht sagen, daß ich ~satisfied~ wäre“ meinte Erbe, „und

da ich gerade mit meiner Arbeit fertig bin, gehen wir am besten gleich.“

„Halt!“ sagte Johnny, „die Pfanne steht noch in der Höhlung. Die dürfen

wir nicht stehen lassen, -- es ist wenigstens für sechs bis acht

Dollars Gold darin.“

„Ja ich klettere nicht hinab und wenn zehn Pfannen da ständen,“

erklärte Fischer.

„Ich auch nicht,“ meinte Johnny, „ich bin +einmal+ gut weggekommen --

das hieße Gott versuchen.“

„Unsinn,“ sagte Starke, der von Natur sehr gutmüthig war -- „die Pfanne

wollen wir schon herauskriegen,“ und da Niemand etwas dagegen hatte,

kroch er unter den Abhang und hatte sie auch bald darauf, gefüllt wie

sie war, herausgezogen.

„Das soll die erste Flasche Champagner geben,“ rief Johnny, indem er

die Pfanne anfaßte und zum Wasser trug, sie noch rasch auszuwaschen.

„Dann wollen wir zu Mittag essen, Kinder, und nachher haben wir

Feierabend.“

„+Hungrig+ bin ich gerade nicht,“ meinte Erbe.

Hilgen ging indeß mit seiner Frau auf den Arbeitsplatz zurück, die

Uebrigen reinigten ihre Maschinen und trugen das ausgewaschene Gold

in den Pfannen nach Hause. Nur Erbe, der an diesem Morgen noch kein

Handwerkszeug angerührt hatte, ließ seine Hände in den Taschen, und

schlenderte langsam seinem Zelte zu, sich etwas Thee zu bereiten und

dazu ein Stück Schiffszwieback und Speck zu essen. Anderes war in der

Gegend herum kaum zu bekommen.

Californische Skizzen · 第 5 / 18 段