für sie gebauten Verschlag in den eingezäunten Raum und begannen
das überdies schon gereizte Thier durch all die schon tausendmal
beschriebenen Arten und Weisen, mit Schwärmern und kleinen Speeren und
Fahnen zu necken und zu peinigen. Aber sie hielten dem zuletzt wüthend
Gemachten nie Stand, bis das Publikum endlich in einem wahren Chaos der
schauerlichsten Töne sein Mißfallen zu erkennen gab.
Der Stier wurde indessen durch Blutverlust und Hin- und Herhetzen so
erschöpft, daß er den stets nutzlosen Anreizungen nicht mehr nachgeben
wollte. Er wußte, die feige Schaar seiner Angreifer hielt ihm doch
nicht Stand, und brüllend und den Boden scharrend blieb er in der Mitte
der Arena stehen, und nahm geduldig einen ganzen Hagel kleiner Pfeile,
Geschosse und Schwärmer hin, der von allen Seiten auf ihn einregnete.
Der Lärm und das Toben der unbefriedigten Zuschauer wuchs jetzt
dermaßen, daß Einer der Leute dem Stier einen Lasso um die Hörner warf
und ihn dem wieder geöffneten Eingang zuzog, durch den er mit ihm unter
dem Pfeifen und Zischen der Versammelten verschwand.
Unter den Letzteren zeichnete sich besonders ein Indianer aus -- ein
schlanker, schöngewachsener Bursche, in der malerischen mexikanischen
oder californischen Tracht, mit kurzer Jacke und an den Seiten offenen
Hosen, einen breiträndigen, mit Wachstuch überzogenen Hut auf dem Kopf,
der, eine volle Flasche in der linken Hand, eben auf eine der Bänke
gesprungen war und die feigen „Matadoren“ auf jede mögliche Art und
Weise verhöhnte.
„~Caracho compañero~“ schrie ihm endlich Einer der von San Francisco
dazu herüber gekommenen Stierkämpfer trotzig zu -- „mach’s besser
wenn du kannst, aber steh’ und brülle da nicht, als ob du das Hirn
verbrannt hättest an deinem ~agua ardiente~[3]. Schreien kann Jeder,“
und in den Bart, als er sich wandte, murmelte er: „rothe, verdammte
Bestie, ich wollte er spränge herunter zum nächsten Stier.“
„Zeig’ du’s ihnen einmal, Valentin, wie man’s machen muß,“ wandten
sich jetzt aber auch einzelne von den Einwohnern der Mission, die den
Indianer und seinen tollen Muth kannten, an den Eingebornen, der, als
der beste Reiter und Lassowerfer sich selbst unter den Californiern
einen Ruf erworben hatte.
„Zeig’ ich ihnen?“ erwiederte der halbcivilisirte Indianer mit einem
verächtlichen Lachen in ziemlich reinem, nur wenig gebrochenem Spanisch
-- „zeig’ ich ihnen? und weshalb? -- Mexikaner haben die Unzen -- viel
Unzen -- Valentin hat Nichts -- zerreißt seine Kleider, zerbricht seine
Flasche -- pah, wofür? -- Für weiße Männer über Valentin zu lachen --
laß’ die Matadoren kämpfen.“
„Aber sie können nicht!“ antworteten ihm Stimmen von fünf, sechs
verschiedenen Seiten.
„Bah, es sind Stierkämpfer und nehmen Geld dafür,“ lachte der Indianer,
„und die Weißen kommen in Schaaren und werfen es ihnen in den Hut --
+Stier+kämpfer, ha, ha, ha, ~caracho~, sie wagen es nicht einmal sich
einem +Kalb+ entgegenzustellen -- Valentin ist zu gut für sie.“
Der Indianer warf den Kopf verächtlich zurück und seine edle Gestalt
hob sich in dem Selbstgefühl der eigenen Kraft und Geschicklichkeit.
Da fiel sein Blick auf die Flasche, die er, in dem Unwillen über die
hölzernen Stierkämpfer fast vergessen, noch in der Hand trug, und mit
einem heiseren, triumphirenden Lachen den Hals derselben an seine
Lippen bringend, sog er in gierigem Zug den heißen, scharfen Trank
durch die Kehle.
Das Jubelgeschrei der Menge unterbrach ihn, und wandte seine
Aufmerksamkeit der Arena zu, in die jetzt, frei und ungehindert ein
kohlschwarzer, wilder Stier getrieben und seinen Peinigern wieder
übergeben wurde.
Der neue Stier war von ungemein starkem und kräftigem Wuchs und von
trotzig finsterem Aussehen, was besonders durch die dichten und dunklen
Haarbüschel verstärkt wurde, die über seinen Augen standen. Er strafte
denn sein Aussehen auch keineswegs Lügen, und den Sand über sich
werfend, daß er wie eine dichte Wolke auf ihm lag, wühlte und stampfte
er den Boden mit Nase, Horn und Vorderhuf, und suchte brüllend den
ersten Feind, seine Wuth an ihm auszulassen.
Auf einen Angriff sollte er auch nicht lange zu warten haben, denn zwei
der mexikanischen Stierkämpfer in ihren kurzen bunten Jacken und Hosen,
sprangen gegen ihn an, und suchten ihn irr zu machen und seine Wuth
Einer vom Anderen abzulocken. Wenn er aber auch im Anfang vielleicht
eine halbe Minute zu zögern schien, welchen er zuerst annehmen solle,
dauerte diese Ungewißheit doch nicht lange, denn er warf sich gleich
darauf in blinder Wuth auf den ihm nächsten, und trieb ihn wieder unter
dem Hohngeschrei der Zuschauer, auf und über die Fenz, während sich
der Andere, der jetzt wohl fürchten mochte, daß der ganze Zorn des
Thieres gegen ihn allein gekehrt werden würde, langsam nach dem Eingang
zurückzog, dort überzuklettern.
War dies langsame Zurückziehen eine Art von Ehrgefühl gewesen, die ihn
verhinderte, dem zum Kampf aufgerufenen Gegner ohne weiteres wieder
den Rücken zu drehen, so sollte das gar bald dem neuen Gefühl der
Rettung Raum geben, denn das gereizte Thier sah, den Kopf wendend, kaum
die langsam ihm ausweichende Gestalt, als er die Hörner niederbog,
den Staub aufwühlte und mit kurzem Gebrüll und hoch und kampflustig
gehobenem Schwanz in so tollem Anprall gegen den Flüchtigen losstürmte,
daß dieser nicht einmal Zeit behielt die Fenz zu erklettern, sondern
nur eben noch rasch zur Seite sprang, von den Hörnern des wüthenden
Thieres nicht erfaßt und zerquetscht zu werden.
So gewaltig war aber die Kraft und Schwere gewesen, die der Stier in
diesen Angriff gelegt, daß die starken Querhölzer der Fenz ihm nicht
zu widerstehen vermochten. Wie morsche Breter brachen sie zusammen,
und wenige Minuten später stürmte das entfesselte +freie+ Thier mitten
in eine Schaar müßiger entsetzter Zuschauer hinein, die, sich eines
solchen unerwarteten Angriffs nicht versehend, wie Spreu im Sturm
auseinanderstoben, und es wieder nur den verschiedenen Richtungen zu
verdanken hatten, in denen sie abprallten, daß das wüthende Thier nicht
Einen von ihnen überholte und auf die Hörner faßte.
Lautes Gelächter und ein Hohngeschrei der auf den erhöhten Plätzen sich
sicher fühlenden Menge übertäubte im ersten Moment der Flucht jeden
andern Laut. Nur Einer vielleicht von der ganzen Schaar stampfte in
tollem Unmuth die Breter und schrie sein verächtliches ~caracho~ nieder
auf die unten entsetzt stehenden Stierkämpfer, die jetzt, in ihrer
bunten, wunderlich geschmückten Tracht, und ohne den Stier, allerdings
eine gar traurige Rolle spielten. Es war der Indianer.
Sein erstes Gefühl schien auch, von der Terasse niederzuspringen und
irgend, vielleicht sich noch nicht einmal recht bewußten Theil an der
unten vorgehenden Handlung zu nehmen, und in diesem Drang wollte er
schon die Flasche von sich werfen, als ihn ein gewisser Instinkt davon
zurückhielt. Rasch und unentschlossen hob er sie gegen das Licht,
und schaute sich wenige Secunden im Kreis um, als ob er Jemanden
suche, dem er sie anvertrauen könne. Aber er fand Niemanden, denn die
Gesichter waren ihm theils fremd, theils vielleicht nur zu gut bekannt.
Da fiel sein Blick auf das flüchtige Thier, das eben an dem alten
Missionsgebäude vorbeistürmte, den fernen Bergen zu, und im Nu hatte
er die Flasche an den Lippen, goß sich den heißen Strom in die Kehle,
bis ihm die Augen im Kopfe glühten, und sprang dann, die leere Flasche
von sich werfend, mit +einem+ Satz über das Gestell hinweg, das ihn vom
Boden trennte. Zwei oder drei der dort Stehenden rannte er zu Boden,
aber er sah es weder, noch hörte er die Flüche, die hinter ihm drein
klangen, nur sein Pferd suchte das blitzende Auge. Dort an der Ecke
stand es befestigt, und still wie ein Lamm in dem Lärm und Aufruhr der
es umgab; aber seines Herrn Hand lag auf seiner Mähne und das kluge,
schöne Thier spitzte die Ohren.
„~Vamos chiquito~,“ lachte der Indianer, als er mit der linken Hand den
Zaum von dem Kopf des Thieres streifte, es war ihm zu viel Mühe den
Zügel zu lösen, und zurückzunehmen -- ~vamos mi bonito~ -- und dahin
flog das Roß, von dem Schenkeldruck des wilden Reiters gelenkt, wie der
Pfeil von der Sehne. Schnaubend und wiehernd warf es den Staub empor
hinter sich, und die einzelnen Gruppen Flüchtiger, die dem Stier eben
ausgewichen, wußten kaum wie sie den herandonnernden Hufen entgehen
sollten. Aber im Nu war’s vorbeigerast -- des Indianers scharfer Blick
entdeckte das flüchtige Thier, wie es eben den grünen Rasen berührte,
der zwischen der Mission und den Küstenhügeln lag, und mit der Rechten
den Lasso von seinem Sattel lösend, trieb er mit Zunge und Hacken das
schäumende Roß zu immer wilderer Eile.
Fünf oder sechs Reiter, die dort gerade in der Nachbarschaft gewesen,
hatten schon versucht dem Stier die Flucht abzuschneiden, der sumpfige
Boden aber, über den er floh, hielt sie zurück, und sie kreuzten
jetzt des Indianers Pfade, um die Mission herum zu galopiren und den
Entsprungenen weiter oben einzuholen.
Der Indianer stieß einen wilden Jubelschrei aus und sprengte gerade auf
die Kirchhofsmauer zu.
„Hierher, ~compañero~!“ rief ihm einer der Amerikaner zu; „du kannst
dort nicht hinüber!“
Ein heiseres Lachen war Valentins einzige Antwort, und mit +einem+ Satz
überflog der Rappe die Mauer und verschwand mit dem wilden Reiter im
Innern des Kirchhofs.
„~Damn my soul!~“ fluchte der Amerikaner still in sich hinein und gab
seinem Thier Sporn und Peitsche, rasch um die Mauer hinumzukommen. Aber
Valentin war schon wieder draußen im Freien und das wackere Roß das er
ritt, entdeckte kaum, jetzt dicht vor sich, den flüchtigen Stier, als
es mit schnaubenden Nüstern ausgriff zum wohlbekannten Fang. Wenige
Secunden später, und das Pferd war dicht hinter ihm, der Reiter aber,
den Lasso in weiter Schwingung zwei oder dreimal um den Kopf wirbelnd,
bog sich vor, und die Schlinge zuckte aus seiner Hand. In dem Moment
aber auch, und nur von dem Schenkeldruck des Eingeborenen berührt,
warf sich das Pferd herum und stemmte sich mit dem ganzen Gewicht
seines Körpers gegen den nur zu gut gekannten Wurf des Gefangenen. Der
Stier that noch zwei Sprünge mit voller, zum Aeußersten getriebener
Kraft, denn er fühlte die furchtbare Schlinge über sich, jetzt aber,
in dem letzten Bereich des unzerreißbaren Taues zog dieses an, und
das gefangene Thier stürzte mit fast gebrochenem und nach rückwärts
gerissenem Nacken dumpf blökend zur Erde nieder.
Jetzt erst kamen die andern Reiter heran, und einer der Californier hob
ebenfalls den Lasso, die Hörner des Gefangenen zu fassen, damit das
Thier, desto sicherer zwischen beiden Reitern, gegen keinen den Angriff
ausführen könne, ohne von dem Andern zurückgehalten zu werden; Valentin
aber, durch den Cognac schon vorher und die glückliche Jagd jetzt
erregt, warf seinen Arm empor und winkte dem zweiten Reiter, den Stier
in Ruhe zu lassen. Nur den Hals seines schnaubenden, zitternden Thieres
klopfend, erwartete er mit triumphirendem Lächeln die nächste Bewegung
des gefangenen, aber keineswegs gebändigten Feindes.
Jetzt sprang der Stier, der sich von der ersten Betäubung seines
Sturzes erholt, empor, und dicht vor sich den Gegner erblickend, der es
gewagt ihm zu trotzen, legte er die Hörner ein und stürmte wild gegen
ihn an. Das aber hatte der Indianer nur erwartet, und das Pferd mit
der linken Hand, mit der er die Mähne desselben gefaßt hielt, leicht
regierend, galopirte er, den Lasso in seiner vollen Länge und mit dem
immer wüthender werdenden Thiere Schritt haltend, vor ihm hin, der
Arena wieder zu. Zweimal versuchte der Stier zur Seite auszubrechen,
als er fand daß er den flüchtigen Reiter nicht einholen konnte, immer
aber riß ihn der Lasso wieder zurück in die halb freiwillige, halb
gezwungene Bahn, und jeder Ruck reizte die Wuth des Gefangenen nur
auf’s Neue, und machte ihn der stets sicher geglaubten und stets wieder
entgehenden Beute folgen.
So näherte sich das wunderliche Paar, von einer Masse von Zuschauern,
die dem kecken Indianer zujubelten, umdrängt, dem Eingang der Arena,
der von den Mexikanern schon geöffnet worden. Ungeduldig winkte
Valentins Arm dabei ihm Raum zu geben, und sein wilder Blick überflog
halb forschend, halb unruhig das Innere des Kampfplatzes, in das er
den furchtbaren, zur äußersten Wuth gereizten Gegner lockte. Aber die
Einrichtung der Umzäunung, deren gegenüberliegende und den Ausgang
bildende Balken jetzt noch befestigt waren, schien ihn zu befriedigen
und dicht vor dem offenen Thor, hinter dem versteckt zwei Leute
postirt waren, es zu verschließen, sobald sich der Stier wieder im
Innern befand, hielt er an, und schien das mit gesenkten Hörnern auf
ihn einprallende Thier ruhig zu erwarten, dessen nächster Sprung auch
kaum anders als tödtlich für ihn sein konnte. Das eigene wackere Roß
zitterte dabei unter ihm und warf den schönen Kopf scheu zurück, aber
wich nicht, wenn auch zügellos, vom Platz, der fast unvermeidlichen
Gefahr zu entgehen.
+Ein+ wilder Schrei der Angst zuckte aus fast jeder Brust, als der
wüthende Stier die Hörner senkte, sie im nächsten Moment in die Weichen
des bebenden Rappen zu stoßen, als das Roß, von der Hand des Reiters
gehoben, herum und in wenigen Sätzen die Arena durchflog. Der Stier
war dicht hinter ihm und in demselben Augenblick, als es im steilen
Ansprung, dem wilden Stier fast aus den Hörnern heraus, die Barriere
überflog, preßte des Indianers Knie gegen den Sattel und schnellte
die schlanke Gestalt des Wilden auf den Stier zurück, der mit voller
Wucht gegen den untersten Querbalken anrennend, halb betäubt von dem
furchtbaren Stoß zurücktaumelte.
Als der Indianer von ihm zurücksprang und das schwarze lange Haar seine
Stirn wild umflatterte, unter der nur die dunklen Augen in wildem,
triumphirendem Feuer vorblitzten, hielt er in der Rechten ein blankes,
kurzes Messer und in der Linken den durchschnittenen Lasso, den er mit
einem kurzen jubelnden Lachen gegen die ihren Sinnen kaum trauenden
Zuschauer emporhob.
Der Lärm und Jubelruf aber, der sich jetzt erhob, ist kaum zu
beschreiben. -- Mit stockendem Athem hatten die entsetzten Zuschauer
den vermeintlichen Sturz des tollkühnen Indianers gesehn und das
für sein Verderben gehalten, was nur die keck ausgeführte That des
unübertroffenen Reiters gewesen, und das Beifallsgeschrei wollte kein
Ende nehmen.
In Californien klatscht das Publikum bei solchen Gelegenheiten aber
nicht blos in die Hände, sondern gibt dem, der sich seine Herzen zu
gewinnen wußte, auch praktischen Beweise seiner Zufriedenheit. Es ist
nämlich Sitte und Gebrauch dort bei solchen Kämpfen, wie sogar beim
Tanz, den Mädchen Geld zuzuwerfen, und harte Silber-Dollar wie sogar
goldene Unzen regnen häufig in den Saal, wenn eine Schöne beim Fandango
die Herzen der Umstehenden zu entzünden wußte, und die tanzende
Señorita muß dann das silberne oder goldene Lob selbst auflesen nach
ihrem Tanz, als Dank für die Geber.
In solcher Weise machte sich auch der Jubel der jauchzenden Zuschauer
Luft, und von allen Seiten hagelten Silber-Dollar in die Mitte der
Arena, und selbst nach dem Kopf des Stieres, der sich jetzt wieder
erhoben hatte und die Stirn dem siegreichen Feinde zuwandte.
„~Gracias, muchas gracias caballeros!~“ lachte aber der Indianer als er
den reichen Segen auf sich niederströmen sah, und den Hut aufnehmend,
der ihm beim Sprung vom Kopf gefallen war, und jetzt neben ihm lag,
begann er vollkommen kaltblütig die Dollars zusammenzulesen, als der
Stier zum neuen Angriff wieder zornig auf ihn einstürmte.
„Wehr’ dich -- wehr’ dich, Valentin!“ ertönte es von allen Seiten, und
der kecke Bursche hielt es dabei kaum der Mühe werth, den Kopf etwas zu
wenden, daß er die Bewegungen des Anstürmenden beobachten konnte. Dicht
vor ihm glitt er ihm aber wie eine Schlange aus dem Weg, und hatte wohl
zwanzig Dollar in seinen Hut geworfen, als der Stier zum zweitenmal,
und wieder vergebens, gegen ihn anprallte.
Der Jubel des Publikums stieg mit jeder Bewegung des jetzt durch
den getrunkenen Cognac wie durch Aufregung mehr und mehr belebten
Indianers. Seine Augen blitzten und funkelten, seine ganze Gestalt
hob sich und wurde größer, und die Gefahr, die Andere für ihn
fürchteten, schien er mit seinem trotzigen Lachen nur immer auf’s Neue
herauszufordern.
Der Stier selber stutzte aber jetzt über die Ruhe des Feindes, der
ihm trotzig und lachend gegenüberstand, und wühlte den Staub auf mit
Vorderhuf und Horn, in grimmer, machtloser Wuth.
„~Mira aqui compañero~,“ lachte da der Indianer und schritt auf den
jetzt trotzig und erstaunt und nur zum neuen Angriff Zurückweichenden
zu -- ~mira aqui~ -- „sieh’ die prächtigen Dollar!“ und eine Handvoll
herausgreifend, begann er sie vor dem wüthenden Thier in den Sand zu
zählen.
„Eins, -- zwei, drei, vier -- halt ~amigo~, nicht so hitzig, oder ich
verzähle mich -- fünf, sechs, sieben, acht -- was für großmüthige
Gönner, -- neun, zehn, elf -- zwölf, dreizehn -- oh, der Teufel!“ und
mit dem lachenden Ausruf war er genöthigt den Hut fortzuwerfen, den
der wüthende Stier unter die Hufe trat, und auf Flucht zu denken, denn
die scharfen Hörner des Feindes drohten ihm in wohlgemeinten Stößen
Verderben. Valentin wich ihnen aber in tollkühnem Muthe nur eben weit
genug aus, nicht berührt zu werden, und den Hut aufgreifend, kehrte er
schon wieder zu seiner alten Beschäftigung zurück, als der gereizte
Stier noch schnaubend die Arena durchrannte, ihn zu finden.
Wieder begann er jetzt sein Zählen, dicht vor den Hörnern des
Wüthenden, bald hier, bald dort hinüberspringend, wie ihn der Angriff
zwang, aber stets die Gefahr durch eine anscheinend nur unbedeutende
Bewegung des Körpers, der er noch dazu den Ausdruck des Tanzes gab,
vermeidend, daß immer neuer Jubelruf die Luft erfüllte, und mancher
Dollar noch zu ihm hinüberflog. So ermüdete er zuletzt den Gegner, daß
dieser mit dumpfem Brüllen stehen blieb und es ruhig geschehen ließ,
wie ihn das schwache Menschenkind vor seinen Augen verhöhnte. Und der
Indianer sang und tanzte, und zählte die Dollar in den Sand und lachte
und schrie dazu, und trieb die wunderlichsten Streiche, die der Stier
nur manchmal mit einem neuen Angriff auf Secunden unterbrechen konnte.
Die mexikanischen Preiskämpfer waren indessen nur mit eifersüchtigem,
wenn auch machtlosem Grimm Zeugen des Triumphs der Rothhaut gewesen,
und Einer von ihnen sprang jetzt ebenfalls in die Arena, rief dem
Indianer zu, sein Geld zusammenzulesen und stellte sich selber, den
Kampf wieder zu beginnen.
Sein Empfang war gerade nicht ermuthigend, denn Zischen und Pfeifen
begrüßte ihn, wie er nur den Sand berührte; der Stier aber, der hier
einen neuen Gegenstand sah, an dem er seinen Grimm auslassen konnte,
wandte sich von seinem alten Feinde ab und warf sich dem Neugekommenen
wild entgegen.
Dieser, der beste seiner ganzen Gesellschaft vielleicht, empfing ihn
ruhig und sprang ihm, seine Stirn selbst mit dem Fuß berührend, leicht
über den Kopf. Dadurch gewann er sich wieder das Vertrauen der leicht
bewegten Masse, und einzelne Beifallsbezeugungen, besonders von manchem
seiner Landsleute, munterten ihn zu weiteren Versuchen auf.
„~Bueno, compañero!~“ rief Valentin, der indessen, die langen Haare
aus seiner Stirn werfend, Zeuge der That gewesen war, aber keineswegs
gesonnen schien, sich den Lorbeer des Tages so leicht entreißen lassen.
„~Bueno~, aber das war Spaß, sieh’ hier!“ und mit den Worten stellte
er sich dem wieder gegen ihn anstürmenden Thiere ruhig entgegen, und
als es die Hörner niederbog, war er mit einem Satz, den Körper zugleich
dabei herumschnellend, daß er mit dem Gesicht nach vorn saß, auf dem
Rücken des wild dahinstürmenden Thieres, auf dem er sich über eine
Minute lang, bei einem vollen Beifallssturm und trotz der wüthenden
Anstrengungen desselben behauptete.
Der Mexikaner wurde todtenbleich vor Wuth.
„Das ist Nichts!“ schrie er mit wildem Lachen, und als sich der Stier,
der sich des Reiters nicht entledigen konnte, bis dieser selber von
ihm absprang, jetzt gegen ihn wandte, suchte er mit gleichem Sprung
dem tollkühnen Wagen der Rothhaut gleichzukommen. Wuth und Aerger
aber nahmen ihm vielleicht das kalte Blut, dessen er zu solchem Kampf
bedurfte. Er überschätzte den Sprung, mit dem er sich zu weit nach
hinten warf, und der Stier fühlte kaum den Feind an sich niedergleiten
als er sich wandte und den Gestürzten, ehe dieser im Stande war sich
emporzurichten, mit den Hörnern faßte, und, als ob es ein Kind gewesen
wäre, in die Luft schleuderte.
„~Carambo!~“ schrie der Indianer lachend, als das jetzt zu rasender
Wuth getriebene Thier den stürzenden Körper wieder auf die Hörner fing
und dann zu Boden trat. „Das ist den Spaß zu weit getrieben!“ und
während drei der übrigen Kämpfer über die Barriere sprangen, ihrem
Kameraden beizustehen, aber ehe Einer von ihnen den Stier erreichen
konnte, warf sich ihm Valentin auf’s Neue entgegen, und diesmal, wie
den Tod suchend, mitten zwischen seine Hörner hinein.
Der wilde Sohn dieser Berge wußte jedoch was er that, und während
ein Angstschrei der Zuschauer die Luft erschütterte, sprang er, mit
dem kurzen Stahl in der Rechten, von dem zusammengebrochenen +todten+
Stier zurück, dem er die Rückensehne des Bugs mit sicherem Stoß
durchschnitten. Und um die beiden Leichen tanzte der Wilde, unter dem
Beifallssturm und Geldwerfen der Menge, den Fandango.
Gerichtsscene.
Stockton, am San Joaquin, ist nach San Francisco und Sacramentocity
die bedeutendste Stadt Alta California’s, und rivalisirt besonders mit
Sacramento. In letzter Zeit hat sich auch sein Umfang sehr bedeutend
vergrößert, der Handel ist blühend, und zweigt von dort überall in
die südlichen Minen aus. Seit lange schon war es dabei der Sitz eines
Districts Court, und Judge Reynolds präsidirte über diese als „Richter
in Frieden und Unfrieden.“
Um diese Zeit, und zwar im Sommer des Jahres 1850 begab es sich, daß
ein Deutscher Namens Kadisch, Waaren in die Minen zu versenden hatte,
zu gleicher Zeit aber sein Aufenthalt in San Francisco zum Empfang
anderer Güter nöthig war. Er accordirte also mit einem dort ansässigen
Spanier, ihm die schon bereitliegenden Güter auf seinen eigenen
(Kadisch) Maulthieren in die Minen zu schaffen, die Thiere dann wieder
zurückzubringen, und, sollte Kadisch um diese Zeit noch nicht zurück
sein, eine neue Ladung zu besorgen.
Das geschah; José der Spanier reiste mit den Gütern ab, holte aber
weder neue Waaren ab, noch lieferte er selber die Thiere wieder aus,
und gab, als ihn Kadisch später dafür zur Rede stellte, vor, sie seien
ihm unterwegs gestohlen worden. Das war übrigens eine offenbare Lüge,
denn in der nämlichen Zeit befand sich sogar ein Theil derselben
Maulthiere in José’s Besitz in Stockton, und Kadisch hatte Zeugen
genug, welche die Maulthiere kannten, und das Recht zu sehr auf seiner
Seite, es dießmal nicht zu „riskiren“, Gerechtigkeit vor dem Richter
zu suchen. Dennoch fühlte er sich nicht ganz sicher, ging aber doch zu
Judge Reynolds, und brachte seine Sache vor.
Er fand den Richter in ziemlich guter Laune auf seinem Sopha liegend,
ein Bein über der Lehne desselben, das andere auf einem davorgerückten
Stuhl. Er that für diesen Augenblick eigentlich gar nichts, als daß er
sich vielleicht seinen angenehmen Gedanken überließ, dabei wälzte er
ein nicht unbedeutendes Priemchen Tabak im Munde herum, und drehte nur
manchmal den Kopf nach der Kammerecke herum in ein dort stehendes, etwa
fünf Schritt entferntes Spuckkästchen mit ungemeiner Fertigkeit den
Tabakssaft hineinzusenden.
„Guten Morgen, Judge“ -- sagte der Kläger, als er zu ihm in die Stube
trat, und die Thür hinter sich zumachte.
„~How d’y do~“ lautete die kurze Antwort, der Judge drehte den Kopf ein
klein wenig herum, zu sehen wer der Kommende wäre, und fiel dann in
seine alte Lage zurück.