Zwischen der Mission und San Francisco lag eine enorme Masse von

Sand, einer Communication mit dem ersten Platze außerordentlich

hinderlich, und jedenfalls große Summen erfordernd, sie zu beseitigen.

San Francisco gegenüber machte die See oder Bai eine tiefe Bucht,

herrlichen Raum beanspruchend, den Straßen und Waarenlager füllen

könnten, wenn man eben Grund und Boden genug hätte, die See hier

auszuwerfen und zurückzutreiben. Was war einfacher, als daß man die

Sandberge der Mission Dolores nahm, und dort, wo man sie brauchte, in

die See schüttete, und so übertrieben das hier klingen mag, machten

es doch die Amerikaner in wenigen Monaten möglich. Eine gewaltige

Dampfmaschine, die sie von Newyork herüberbekommen hatten, fing an zu

arbeiten und das riesige Maschinenwerk wühlte sich in den Berg, warf

sich die Last auf den Rücken und keuchte mit Windesschnelle hinüber an

die Ufer der Bai, seine Bürde dort in die Flut zu werfen, und Fußbreit

nach Fußbreit dem nur langsam und trotzig zurückweichenden Meere

abzugewinnen.

In wenig Monaten war die Straße nach der Mission hinaus geebnet und

mit Planken belegt, und kaum glitt die letzte Bohle in ihr Lager, als

auch schon breitsitzige Omnibusse darüber hinrasselten, als ob sich der

Boden seit Jahrhunderten das Recht der Civilisation erworben habe, und

das ganze Leben und Treiben hier nicht etwa wie über Nacht aus der

Erde heraufgewachsen sei.

Wunderlich und fast wie unheimlich steht mitten zwischen dieser

Flut von Neuerungen -- oder stand wenigstens noch seit den

letzten Nachrichten -- das alte eigentliche Missionsgebäude, mit

seinen düsteren Mauern aus ungebrannten Ziegelsteinen, und der

alterthümlichen spanischen Bauart; mit den engen vergitterten Fenstern

und niederen, wie mit der Spitzhacke eingeschlagenen Thüren, aus

dessen einem Flügel sich nur ein etwas höheres Dach mit sonderbar

und geschmacklos angebrachten Säulen über die übrigen gleichmäßigen

und kasernenähnlichen Flanken emporhob, und die kleine, dicht darum

gedrängte Ansiedlung, wie eine alte Henne ihre schüchtern rund um sie

hergestreute Brut zu bewachen schien.

Was hat das alte Gebäude nicht gesehen zu seiner Zeit! -- Wenn die

Ziegel reden könnten, die jetzt morsch auf dem Dache sitzen und von

denen die meisten nach unten zu drängen scheinen und über die Rinne

schauen, als ob sie sich in dem sumpfigen Grund unten einen Platz

aussuchten, wo sie am besten hinunterspringen könnten -- wenn die alten

Lehmsteine ihre Erfahrungen ausschwatzen könnten. Aber stumm und starr

stehen sie da und schauen noch gerade so düster und unheimlich auf die

jetzt um sie schaffende, rege Welt hernieder, als damals, wo die ersten

scheu und ängstlich den Platz betretenden Indianer in den Schooß der

christlichen Kirche aufgenommen wurden, und dem fremden Gotte ihre Knie

beugten. Ein Bischen älter sind sie geworden, ein paar Runzeln haben

sie mehr bekommen und der Zahn der Zeit hat etwas an ihnen genagt --

lieber Gott, es geht uns ja Allen nicht besser -- aber sonst stehen

noch dieselben ungebrannten Ziegel, die damals, unter der Leitung

der frommen Männer, die rothen Kinder jener Berge zusammentrugen und

aufbauten zu einem Tempel des Herrn, noch liegt der alte Kirchhof so

feucht und trostlos unter den Dachrinnen der Kirche und hinter die

feuchte Mauer gedrückt, wie vor langen Jahren, und nur die steinerne

Einfriedigung ist zusammengebrochen, die Kreuze sind morsch geworden

und zerbröckelt und die Hügel eingesunken auf ihre stillen träumenden

Miethsleute darunter.

Die Wände selber aber scheinen doch, wenn das nur irgend möglich wäre,

noch grauer und feuchter geworden zu sein, während die seidenen Bänder

und Blumen verblichen und stockten, und der Wind, der jetzt an gar

vielen Orten Ein- und Zutritt gewonnen, so unheimlich wie rauh mit dem

Flittergold raschelte, das über ein Paar entsetzlichen Heiligenköpfen

hing und seinem Zweck jetzt vollkommen entsprach, die Augen der

Gläubigen dorthin zu lenken.

Und so traurig und öde liegt das alte Gebäude? --

Hörst du die Violinen und Pauken, lieber Leser, gleich da unten in dem

andern Eckflügel der Kirche? -- Pauken und Violinen, Guitarren und

lauter lachende Stimmen -- da ist Fandango, und die Paare drehen sich

auch wol beim Walzer in wirbelnder Lust. --

Und der Schrei? -- o das ist nichts -- da über der Brauerei, in der

Mission, hat ein Doctor aus Buenos-Ayres erst kürzlich ein Hospital

angelegt, und sie sagen, Einer von den „Ueberlebenden“ sei wahnsinnig

geworden -- ich erzähle dir die Geschichte ein andermal. --

Brauerei, Hospital, Schenke und Priesterwohnung, Kirche und --

Lieber Leser, du fragst wirklich zu viel -- wenn Leute hier wohnen,

brauchen sie auch keine Rechenschaft über sich abzulegen, noch dazu

einem Fremden, der Tausende von Meilen entfernt lebt. Aber der Figur

wollen wir folgen, die da eben aus der Brauerei tritt und mit leisem

langsamen Schritt, des nassen Wetters nicht achtend, nach jenem

alten Adobiegebäude schleicht, das etwa 300 Schritte von der Kirche

entfernt, gerade oben am ersten flachen Hügel steht. Der Mann trägt

einen schwarzen breiträndrigen Hut und einen schmutzigen alten dunklen

Mantel, seine ganze Tracht überhaupt ist ein Mittelding zwischen

geistlich und weltlich (da denn doch einmal jede der beiden ihre Mode

hat) und der schielende Blick, der seinen überdieß finstern boshaften

Zügen etwas wirklich Abstoßendes giebt, vollendet die ganze äußere

Erscheinung des Mannes und rundet sein Aussehen gewissermaßen ab.

Es ist wunderbarer Weise ein Deutscher und heißt Johann Stapf, aber

einer von jenen Charakteren, die in ihrem Lebenslauf des Schicksals

wunderlichste Launen über sich ausgeschüttet sehen, und das Glück eines

armen Schriftstellers nur mit der einfachen Erzählung ihrer Erlebnisse

machen könnten -- wenn sie nur eben erzählen +dürften+, was sie

erlebt hatten.

Er gehörte mit zur Mission Dolores, stand wenigstens mit dem

Geistlichen auf einem sehr vertrauten Fuß, und dennoch war es ein

öffentliches Geheimniß, daß er im mexikanisch-californischen Kriege den

Amerikanern zum Spion gedient. Er wäre aber von den Californiern längst

einmal mit einem freundlichen Messer beseitigt worden, hätte er nicht

wahrscheinlich ihnen dieselben Dienste geleistet.

Erst lief ihm aber der Priester und dann die Mission unter den

Händen weg, der Erstere eines Landprozesses wegen, der ihm alles Das

absprach, was er bisher sein eigen genannt, die letztere von den

Amerikanern, bis zur Kirche, einfach in Besitz genommen, und das alte

Missionsinventarium, der alte Stapf -- zog eben in die Minen.

Ein anderer Priester kam auf die Mission, aber die Blütenzeit derselben

war vorbei. Die Indianer, die sonst nicht allein ihre Lager in der

Nähe gehabt, sondern auch durch die Häuser der spanischen Einwohner

zerstreut gewesen, waren verschwunden, die Minen schienen mehr

Anziehungskraft gehabt zu haben als das alte wettermüde Gebäude, und

die wenigen, die sich wirklich noch in der Nähe herumtrieben, thaten

es, mit +sehr+ wenigen Ausnahmen, nur des bequemer zu bekommenden ~Agua

ardiente~ oder Branntweins wegen, an den sie sich nun einmal anfingen

zu gewöhnen.

Mehre Male sah ich eins ihrer Leichenbegängnisse mit Violinen und

Clarinetten fröhlich zur Kirche und durch das niedere Pförtchen auf

den Todtenacker ziehen, wo die Gestorbenen in ihre stillen Stübchen

eingeschachtelt wurden. Nach der Kirche begannen dann ihre alten

Wehklagen, trotzdem daß ihnen doch für die Geschiedenen christliche

Seligkeit versprochen worden. Bis in die Nacht hinein heulten und

jammerten sie, und dann lagen sie draußen im Schlamme mit ihren dünnen

cattunenen Ueberwürfen, und stöhnten die ganze kalte Nacht hindurch.

Zuerst über den Gestorbenen, zuletzt über ihr eignes Elend.

Die Mission hat -- wie es auch so manchem Menschen auf der weiten

Welt zu gehen pflegt -- ihren Lebenszweck verfehlt. Sie war, mit den

vielen ähnlichen Orten im Lande, von den Jesuiten damals als eine

Fackel an der Küste aufgesteckt worden, von hier aus das Licht der

christlichen Religion über die heidnischen Völkerschaften zu gießen,

die in dem weiten Länderstrich zerstreut lebten. Alle diese Millionen

wurden als Mittelpunkt eines bestimmten Districts betrachtet, der den

Stämmen selbst im Falle eines feindlichen Angriffs als Zufluchtsort

und Vorrathskammer dienen konnte, und einzeln zogen von hier aus

die Prediger in die Wüste, verkündeten Gottes Wort, verkündeten den

blinden verwahrlosten Heiden, daß sie eigentlich im Schweiße ihres

Angesichts ihr Brod verdienen, und deshalb um die Mission herum den

Acker bestellen und alle nützliche andere Arbeiten verrichten müßten,

und verhießen ihnen, wenn sie den Glauben der weißen Männer annähmen,

ihm treu blieben und ihre Arbeiten verrichteten, +himmlischen+ Lohn.

Still und friedlich leben die Leute hin, in ihrem Gott vergnügt und

glücklich; einzelne Stämme nahmen Sitte und Civilisation wirklich

an, und nach unendlich langen mühsamen Jahren versprach eine Art von

Erfolg die rastlosen Bemühungen der wirklich aufopfernden Patres

zu krönen. Und wie sollte sich dieser Erfolg entwickeln? -- Ein

paar Stückchen glänzenden Metalls, hunderte von Meilen weit in den

Bergen zufällig beim Graben eines Dammes gefunden, warfen das ganze

System über den Haufen, als ob es ein Kartenschloß gewesen wäre. Was

Jahrzehnte gekostet hatte mit unendlichem Fleiß und rastlosem Eifer

aufzubauen, was ein Gebäude schien für eine Ewigkeit, das zertrümmerte

ein gelbes Steinchen, unten herausgezogen, und der ganze stolze Bau

polterte zusammen. Massen von Kirchen sind jetzt allerdings an deren

Statt gebaut, es ist wahr, „Gottes Wort“ steigt in den verschiedensten

Sprachen und Auslegungen zu dem Allerbarmer empor, und eine wahre Flut

von Christen und auch Heiden füllt die Thäler. Wie es die Missionare

früher nie, selbst in ihren kühnsten Träumen für möglich gehalten, hat

sich die Civilisation des ganzen Landstrichs bemächtigt -- aber der

stille Frieden ist gewichen, und der Gott, dem jetzt sogar bis in den

Missionen geopfert wird -- ist das +Gold+.

Das alte Missionsgebäude selber ist in einem großen Viereck errichtet

und umschließt einen weiten etwa 80 Schritt langen und 60 Schritt

breiten Hofraum. Außerdem lagen noch drei kleine Straßen mit

niederen einstöckigen Häusern darum her, in denen früher theils

Altmexicaner, von dem Süden eingewandert, oder auch hier Geborene,

wie einzelne civilisirte Indianer ihren Wohnort hatten. Zwischen

diese hineingedrängt haben sich aber jetzt Amerikaner, Engländer,

Iren, Deutsche und Franzosen, und wie zum Spott, selbst der alten

christlichen Mission gerade gegenüber, schlagen heidnische Chinesen,

vom christlichen Gesetz beschützt, ihre Wohnungen auf, und Angesichts

der alten ehrwürdigen lebensmüden Kirche dampfen die Weihrauchbüchsen

der Zopfträger vor den Bildern und Figuren ihrer Lieblingsgötzen.

Von allen Theilen der Welt sind dabei fertige Häuser hierherüber

gesandt, ein- und zwei- und dreistöckige, mit und ohne Schindeln und

in jeder Form und Bauart, und wie sich die Europäer und Amerikaner

zwischen die alten Ureinwohner hier eindrängten, so steigen die

wunderlichen Formen ihrer Häuser ebenfalls zwischen den altergrauen

niederen Steingebäuden auf, nehmen ihren jetzigen Nachbarn, den

früheren Besitzern, Licht, Aussicht und Sonne, und kümmern sich den

Henker um seine Fest- und Feiertage, um seine Sitten und Gewohnheiten.

Der Haß der Californier gegen die Amerikaner ist aber auch groß und

rührt sich desto gewaltiger, je mehr sie eben fühlen und sehen,

wie sie nicht das Mindeste gegen die sie überflutende Einwanderung

ausrichten können. Die Amerikaner sind nicht in ihr Land gekommen wie

andere Eroberer, haben die Regierung gestürzt und ihre eignen Beamten

eingesetzt, nein Regierung, Land, Religion, Sitten, ja Raum zum Athmen

wurde ihnen mit einem Ansprung genommen, und das Messer dabei in die

Scheide genietet, daß die Hand es fassen, aber nicht ziehen konnte,

sondern nur krampfhaft und zornentbrannt, aber vollkommen machtlos

den Griff preßte. Dieser Haß kann und wird auch erst mit der jetzigen

Generation aussterben -- die Enkel werden nichts mehr davon wissen.

Noch stand im Frühjahr von 1850 das alte graue Missionsgebäude, wenn

auch Amerikaner und Iren schon Branntweinschenken selbst in seine

Weichen gebohrt hatten und der Schaden weiter und weiter fraß. Hie und

da waren freilich schon die Anfänge neuer fremder Wohnungen sichtbar,

aber im Ganzen herrschte doch noch der alte Charakter. Noch lebten die

Fremden vereinzelt zwischen den Spaniern, noch lagen die Sandberge

zwischen der Mission und der Stadt.

Wenige Wochen rissen Berge und Missionsleben über den Haufen -- schon

mit dem Beginne der sogenannten ~plank road~ oder Bretstraße begannen

Speculanten Häuser aufzubauen und sie wieder zu verkaufen, ehe Prozesse

wegen des Grundeigenthums eingereicht oder entschieden werden konnten.

Die Mission, wenn auch die alten Wände der Kirche in diesem Augenblicke

vielleicht noch stehen, ist verschwunden, und nur der Name wird in

späterer Zeit einer der Vorstädte San Franciscos bleiben.

Aber reizend ist die Aussicht von den flachen Hügeln des einst so

stillen friedlichen Platzes über die schöne Bai. Die „frommen Mönche“

in alter Zeit wußten wol, wie und wo sie sich ihre Wohnplätze am

hübschesten und freundlichsten aussuchten -- und ich kann es ihnen

eigentlich nicht verdenken. Im Rücken hatten sie die ziemlich hohen

Küstenberge, welche die Mission eben von der See trennte und in

etwas wenigstens den kalten Nordwestwind abhielt, der Nachmittags

in den Sommermonaten von der See gar kalt und rauh herüberweht, und

vorn breitet sich in einem wundervollen Panorama das freundliche

Missionsthal mit der Bai von San Francisco und der Contra coast aus.

Den Hintergrund des ganzen Gemäldes bildet eben diese Gebirgsreihe,

die Contra coast genannt, weil sie den Einschiffenden gerade gegenüber

lag, und das kleine Wäldchen wahrhaft riesiger Cedern oder Lebensbäume,

das oben auf dem Hügelrücken steht -- über den nur eben die fern

gelegene Kappe des weit höhern Berges „Diablo“ herüber schaut -- diente

den Seeleuten früher zur Landmark, und ist selbst auf den neuesten

Karten noch angegeben. Schon lange Jahre hacken und sägen sie aber

daran herum, und thun ihr Möglichstes, die schönen Bäume von ihrem

Ehrenplatze zu verdrängen und ins Thal hinabzurollen.

Von der Contra coast streckt sich jener Arm der hier etwa 4 bis 5

englische Meilen breiten Bai aus, der sich bis nach Pueblo San José

hinaufzieht und dort von den Hügeln eingeschlossen wird. Links,

über den niedern dünenartigen und nur hie und da mit Krüppeleichen

und Lorbeer bewaldeten Hügeln hin, kann man die Masten der Schiffe

erkennen, die, noch mit zum Hafen Yerba buena oder San Francisco

gehörig, hier so weit (bis zu „Rincon point“) hinausgelegt sind.

Das Thal der „Mission“, wie sie es in San Francisco kurzweg nennen,

mündet in eine flache sumpfige Fläche aus, die von der Flut etwa 3

oder 4 Fuß hoch mit Wasser bedeckt wird, und während der Ebbe nur eine

schmale, aber ziemlich tiefe und sichere Einfahrt bietet. Freilich ist

sie von Muschelbänken durchzogen und könnte von größeren Fahrzeugen,

als Booten und sehr kleinen Cuttern, nicht benutzt werden.

Links über die niederen Hügel, oder vielmehr hindurch und durch das

sumpfige überbrückte Thal kommt jetzt der Bohlen- oder Plankenweg

von San Francisco, aber die Civilisation dieses Theils ist nicht

langsam oder Schritt vor Schritt gegangen; das wilde Leben dieses

abgeschlossenen Districts ist nicht allmälig weiter zurückgedrängt

worden durch die neue Cultur, sondern wie sich die Ueberflutung eines

mächtigen Wassers durch irgend einen engen Canal zuerst die Bahn

bricht, in diesem eine lange Strecke dahin schießt und dann plötzlich

das umzingelte Terrain von allen Seiten zugleich angreift, so hatte

sich die fast eben so mächtige Cultur auf eben diesem Plankenwege leise

nach der Mission hinausgestohlen. Diese war schon in der That eine

Vorstadt, während die Zwischenstrecken noch in ihrer Wildniß und Oede

dalagen, der kleine Prairiewolf oder ~Cayota~ mit dem großen braunen

Wolf Nachts um die Wette heulte, und die wenigen Indianer, die es bis

dahin noch auf der Mission zwischen den Weißen „ausgehalten“ hatten,

kopfschüttelnd ihre Decken um sich herumschlugen und weiter zurück in

die Berge wanderten.

So +war+ die Mission Dolores -- geht aber der Leser jetzt, einige Jahre

später, hinüber, so darf er ja nicht erstaunt sein, wenn er statt

der Cayotas und braunen Wölfe Gasbeleuchtung, und statt der Indianer

mit ihren Lehmhütten große stattliche steinerne Waarenhäuser und

Wohngebäude errichtet findet. Die Mission selber hat aufgehört, und nur

noch ihr Name und ihr Grab sind geblieben.

Ein Stiergefecht auf der Mission Dolores.

Auf der Mission war ein Fest. Von San Francisco aus wateten Hunderte

von Menschen durch den gelben Sand der „Missionsstraße“ dem etwa drei

engl. Meilen entfernten Dolores entgegen, Hügel auf und ab keuchten

sie die beschwerliche ermüdende Bahn, und rasteten gewöhnlich erst auf

dem letzten mit Zwergeichen und Lorbeeren bewachsenen Hang, der einen

freien Ueberblick über das kleine vor ihnen ausgebreitete Thal gewährte.

Es war ein lebendiges Bild, dem selbst die nackten, den Hintergrund

formenden Berge einen eigenthümlichen Zauber nicht nehmen konnten.

Links weit hinaus dehnte sich die hie und da von niederem Weidicht

begrenzte Missionsbucht der Bai von San Francisco zu, deren

schimmernder Wasserspiegel aus dem fahlen Grün der Hänge frisch

hervorblitzte; rechts zog sich ein schmales, unbebautes Thal in die

Hügel hinauf, an deren westlichen Fuß die Brandung des stillen Meeres

schäumte, und in der Mitte lag die kleine Gruppe Häuser, die ihren

Namen dem alten wettergrauen Gebäude verdankte, das die westlichste

Flanke der Ansiedlung bildete.

Die Mission Dolores, in alten Zeiten durch die Jesuiten gegründet, zog

zuerst die benachbarten Indianerstämme zu sich, die den Mönchen nicht

allein ihr Gebäude aufrichten, sondern auch später ihr Feld bestellen

und ihre Rinder hüten mußten -- dafür wurden sie civilisirt. Nach und

nach siedelten sich dann später Californier aus den südlicher gelegenen

Städten oder aus ~Yerba buena~[2], dem jetzigen San Francisco, dort an,

und Straßen entstanden, über deren niedere Häuser hinweg das graue Dach

des Missionsgebäudes noch immer hoch und düster hinüberschaute.

Da kam das Gold und mit ihm, wie mit einem Zauberschlage, verwandelte

sich das ganze Land; das Missionsgebäude wurde, wenigstens theilweise,

zu Schenken benutzt, die Indianer zogen, von einzelnen Californiern

geführt, und Christenthum wie Mission hinter sich lassend, in die

Berge, und eine regsamere Bevölkerung, aus Deutschen, Amerikanern und

Franzosen gemischt, fing an, die alten, halb verfallenen und theilweise

verlassenen Gebäude zu bewohnen. Der Priester blieb allerdings noch

in seiner Pfarre, aber die Mission selber bestand nur dem Namen nach,

und wenn die kleinen Glocken Morgens angeschlagen wurden, die fromme

Schaar zum Gebet zu rufen, so waren es nur wenige, sehr wenige, die

dem Rufe folgten. Selbst die Indianer kümmerten sich nicht mehr um den

feierlichen Laut, der sie sonst in die Nähe des neuen Gottes gerufen

-- der eine Theil grub nach Gold in den fernen Bergen, und der kleine

Theil der aus einem oder dem andern Grund Zurückgebliebenen, trieb sich

um die Schenkstände der Europäer herum, dem Feuergeist des Alkohols zu

dienen, und seine Adern dem betäubenden Gift zu öffnen.

Die vielen Schenkstände der Mission verlangten aber auch dann und wann

eine Extra-Anregung, ihren Besitzern in der Geschwindigkeit so viel

Gold einzubringen, als diese in den Minen glaubten erwaschen zu können

-- denn war das nicht der Fall, so sahen ihre Besitzer gar nicht ein,

weshalb sie nicht lieber in die Berge gingen, gutes Gold zu graben, als

hier im flachen Lande schlechten Branntwein auszuschenken. Zu diesem

Zwecke genügten aber keineswegs die Indianer, die gar kein baar Geld

hatten, und nur höchst unvollkommen die Bewohner der Mission selber,

wie einzelne Besuche von San Francisco. Es bedurfte eines stärkeren

Reizmittels als ihr Cognac, oder selbst die umliegende freundliche

Gegend war, ihnen Kunden in Massen zuzuführen, und zu diesem Zweck

wurden Pferderennen und Fandangos, Wettspiele und Kämpfe, und Gott

weiß was sonst noch für Festlichkeiten arrangirt, den Schau- und

Trinklustigen eine Veranlassung zu bieten, ihr Gold durch den Sandstaub

herauszuschaffen und gegen ein wildes, oft widerliches Schauspiel wie

eine wüst durchschwelgte Nacht einzutauschen.

Ein Stierkampf war diesmal die Veranlassung, und die Arena eine im

Mittelpunkt des Ortes errichtete starke Umzäunung, um die her eine

Art von erhöhten Sitzen angebracht war, den Entrée Zahlenden doch

einigermaßen Entschädigung für das gewöhnlich nur höchst mittelmäßige

Schauspiel zu bieten. Die Wirthe der Mission schienen übrigens bewiesen

zu haben, wie richtig sie ihre Nachbarschaft kannten, die wirklich

immer nur auf eine Gelegenheit wartete, ihr Geld, sei es für was es

wolle, zum Fenster hinauszuwerfen. Schaaren von Menschen füllten die

breiten Straßen des kleinen Orts, drängten um die Barriere und zankten

um ihre Plätze, oder tummelten ihre Pferde vor dem Missionsgebäude,

auf dessen Veranda die ganze schöne Welt versammelt schien und manches

dunkeläugige holde Mädchengesicht auf die kühnen Reiter hinüberblitzte.

Das wilde Publikum, Amerikaner und Mexikaner, Wilde und Weiße, bunt

durch einander, hatte indeß an Plätzen eingenommen, was eben zu

erreichen war, und theils eine nahe kleine Erhöhung des Bodens, theils

die aufgerichteten Gestelle benutzend, den Platz umlagert, auf dem

ihr Pfeifen und Trommeln, Stampfen und Schreien noch immer nicht die

ersehnten Stiere und Kämpfer hervorrufen konnte.

Mehre buntgekleidete, frech und ungeschickt genug aussehende Burschen,

Mexikaner ihrem Aeußeren nach, und Einer, ein Halbindianer, dem tiefe

Blatternarben das ganze Gesicht entstellten, trieben sich indeß in

der Arena umher, und tanzten und sangen und suchten durch Späße die

Geduld des Publikums etwas länger hinzuhalten. Wenn ihnen das aber auch

vielleicht bei dem spanischen Theil desselben gelungen wäre, der oft in

ein lautes und rohes Gelächter bei den roheren Witzen ausbrach, half

das Nichts bei dem englischen oder amerikanischen, der das Spanische

gar nicht verstand. Ja diese wurden eher noch ärgerlicher, daß sich

Andere amüsiren sollten, während sie ihr gutes Geld ebenfalls gezahlt

hatten und nun nicht einmal herausbekommen konnten, weshalb das

„Gesindel“ lachte.

Der Lärm wurde immer toller, und einige Amerikaner, halbtrunkene

Seeleute, denen der Spaß zu lange währte, sprangen schon in die Arena

hinunter, thätigen Antheil an dem Singen und Springen der unten

Befindlichen zu nehmen, das sie wenigstens ihrer eigenen Versicherung

nach „~all to smash~“ überbieten konnten, als plötzlich das enge,

in den Kreis führende Thor aufgerissen wurde, und ein brauner, zwar

kleiner aber doch muthiger Stier so urplötzlich zwischen die natürlich

nicht wenig überraschten Seeleute hineinschoß, daß diese im ersten

Augenblick rath- und thatlos dastanden und dem Thier, hätte es wirklich

Böses im Schild geführt, oder irgend einen Angriff beabsichtigt,

leichte und nicht zu rettende Beute gewesen wären.

Der Jubel der Zuschauer bei diesem kleinen Intermezzo läßt sich

gar nicht beschreiben. Von allen Seiten zugleich brach er los, war

aber auch die einzige Rettung der bestürzten und unfreiwilligen

Stierfechter, denn der eingelassene muthige Stier stand bei dem

furchtbaren Lärm, der von +allen+ Seiten auf ihn einbrach, im ersten

Moment wie verdutzt da und warf nur unwillig die Hörner bald da, bald

dort hin, und riß den Boden auf mit den scharfen Hufen.

Der erste Schreck war vorüber und die Matrosen flüchteten mit völlig

abgekühltem Kampfesmuth und unter dem Lachen, Pfeifen und Zischen der

Zuschauer so rasch sie konnten über die Fenz zurück. Daß sie das nach

verschiedenen Seiten zu thaten, deckte zugleich ihren Rückzug, denn

der Stier wurde sie gewahr und suchte sie noch zu erreichen, konnte

aber nicht gleich eine Wahl zwischen den ihm von allen Enden verlockend

genug zugedrehten Rücktheilen treffen, und bekam dadurch keins.

Californische Skizzen · 第 2 / 18 段