5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.

Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.

Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen

Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.«

Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige

sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht

verzweifelt.

Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf

Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der

Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große

Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür.

Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.

Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber

manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles,

selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.

Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch

gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf

einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.

Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere

Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder

eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.

Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.

Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare

eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft

wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird

durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für

einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine

Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich

allmählich wieder.

Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was

man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse

der Ratte, die Einsiedler wurde.[*]

Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der

Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte

herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger

seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .

Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über

verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der

Erkenntnis zerreißen.

[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht

angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui

s'est retiré du monde. (Der Übers.)]

Den 16. Februar.

Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen,

allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden

Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der

Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den

fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als

der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit

meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die

Vorbereitungen sich häuften.

Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der

Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage

vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube

ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches

Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit

des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung

war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder

anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.

In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die

Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart,

daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir

warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die

Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde?

Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften

ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen

. . .

Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen

Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer

angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen

der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle

ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem

Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens

gelitten als durch gewisse Berührungen.

Den 16. Februar, 9 Uhr abends.

Teuerste, geliebte Mutter,

Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen

sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die

den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von

vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der

Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen,

sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine

Ruhe mehr.

Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem

sternenhellen Himmel.

Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.

Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir

mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.

Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote

oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird

wahrscheinlich große Verspätung haben . . .

Den 22. Februar.

Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles

gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir

bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches

Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.

Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.

Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen

auf Erden erzählen.

Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte,

war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen

erwartete.

Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft

hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des

Ereignisses.

Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen

unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.

Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir

losgestürmt sind . . .

Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten.

Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die

bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite

nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten

beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur

Worte für ihren Jammer.

Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren

Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir

haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch

hierbei habe ich meine Pflicht getan.

Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in

Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt.

Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer

Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im

Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel.

Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den

Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei

ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des

Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter,

was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine

Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf

Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname

angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine

Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde,

von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges

Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen

Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner

Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .

Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet

haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.

[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«]

Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.

Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe,

erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher

Sturm entdecken läßt?

Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.

Den 23. Februar.

Teuerste, geliebte Mutter,

Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front.

Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was

unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß,

daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach

dem, was in Weisheit unser Glück ist.

Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der

Erwartung. Aber Gott ist über uns.

Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags.

Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die

Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit

Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die

Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene,

erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.

Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt.

Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte

Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber

die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen

Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche

Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.

Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.

Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich,

daß es Greuel gibt in dem Maße!

Den 28. Februar, im Quartier.

Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch,

indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und

soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte

durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in

Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit

aufhäufen kann.

Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu

machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.

Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die

ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da

blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der

Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.

Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten,

versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein

einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der

Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns

überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.

Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte

den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte

mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe

sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von

Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den

militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben

habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl

vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu

lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen

hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse,

freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere

Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht

gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu

tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so

geschehe sein Wille!

Den 3. März, im Quartier.

Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an

gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen

vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse

allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast

vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in

Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.

Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein

von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von

deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die

deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal

von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen

Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß

dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich

habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen

gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir

gemildert.

Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein

muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . .

Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die

musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die

schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß

diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.

. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl

hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .

Den 5. März, 6. Tag im Quartier.

Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor

diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen

des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin

ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der

aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft

einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis

des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.

Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so

schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in

diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.

Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die

Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche

Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben,

daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in

V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die

Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .

Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist

aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit

hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren

allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war

tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir

haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine

Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden

die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.

Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll

empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die

Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.

Den 7. März, 10 1/2 Uhr.

Teure vielgeliebte Mutter,

Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren

Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die

Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten

meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche

Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.

Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die

unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und

weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .

Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor

bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah

ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten

hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der

vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die

mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.

Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird.

Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten

verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der

Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte

Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können.

Den 7. März, zweiter Brief.

Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die

fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.

Den 11. März.

Teure geliebte Mutter,

Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben

zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine

Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen

schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn

in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten

kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen

Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.

Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir

Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der

Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen

unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den

steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an.

Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben.

Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen

so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie

entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir

erlauben will.

Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines

innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .

Briefe eines Soldaten: Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat · 第 9 / 11 题