2 Uhr nachmittags.

Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser

jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.

Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner

Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld

sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb

Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.

Den 23. Januar.

-- --- --

. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen

wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein,

ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.

Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine

teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in

glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine

liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf,

wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln,

Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder

Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.

Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen

könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.

Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem

tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen

wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm

geschlagen sind, nicht leiden wird.

Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers,

nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese

herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen

Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das

unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der

Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre

Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das

spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen

zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich

jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die

Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen,

an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der

Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht

gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der

Erde aufzunehmen.

Den 26. Januar.

Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir

nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das

fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich

zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß,

in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein

müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt,

auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.

Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht

verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu

schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung

aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist

ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den

Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen

meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen

hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden

Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.

Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft

war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres

Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung

vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht

vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen

Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.

Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der

Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich

so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da

ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.

Den 27. Januar, nachmittags.

Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier

ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter

Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können.

Herrliches Wetter, Frost und Sonne.

Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere

Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit

meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger

fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel

Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die

Zukunft! . . . . .

Den 28. Januar, in der Morgensonne.

Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in

seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich

Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch

die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.

Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die

Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville,

über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .

Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*]

erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses

schrecklichen Krieges gefallen.

[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen

Jahre.]

Den 1. Februar.

Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie

geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster

Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt

worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur

mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten,

die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen

gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung

befohlen sind.

Den 2. Februar.

Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die

außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten

die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in

die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein

scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir

bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche

Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht

hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen!

Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner

Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und

vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich

verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß

ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von

menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage

verhüllt.

Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht

. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.

Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im

Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die

Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch

bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese

zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die

sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt?

Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit,

in diese Weiße hinein.

Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der

Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.

Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der

sie umfängt.

Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter.

Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa

und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und

schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne

der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!

Den 2. Februar.

Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke

philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin.

Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.

Den 3. Februar.

Teure geliebte Mutter,

Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne

greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu

quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches

Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser

Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die

Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer

empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der

Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.

Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen

Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm

von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die

fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem

Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte

Seele zurückbringen.

So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem

Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen

umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr

durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich

Dir besser.

Den 4. Februar.

Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit,

Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute

morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor

der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die

große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der

gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und

Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi

gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den

Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich

mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit

vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden,

ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu

sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie

jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der

täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!

[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D.

Übers.)]

Den 5. Februar.

Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger

Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.

Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.

Teure, geliebte Mutter,

Den 6. Februar.

Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir

eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum

Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei

Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.

[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.]

Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und

diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.

Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de

l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte

ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich

erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches

Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber

Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu

empfangen.[*]

Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des

Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben

ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich

umgebenden Stürmen zu fliehen.

Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen

des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach

seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und

erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.

Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken,

welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen

verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze

Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch

zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche

Tragödie.

[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )]

Den 7. Februar.

Teuerste vielgeliebte Mutter,

Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu

schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die

Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist

das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere

Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.

Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung

einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf

schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.

Den 9. Februar.

Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den

Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht

noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer

reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin.

Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft

erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die

Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit --

unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der

ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.

Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere

Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer

Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend

einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung

eines Unbedingten!

Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter

seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses

Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man

ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen,

um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen.

Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr

er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie

trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine

wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die

sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch

noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig

sind! Wie wird sie mitunter entweiht!

Den 11. Februar.

. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer

Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen

fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube,

der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche

Geduld übersteigende Ordnung.

Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.

In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen

liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich,

über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles

menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es

gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein

als eine Erinnerung.

Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum

Andenken an mich.

Briefe eines Soldaten: Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat · 第 8 / 11 题