5 Uhr Nachmittags.

Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas

erhält mich aber immer gesund.

Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen

zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den

Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer

wie Blei . . .

Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden.

Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden

Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den

tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche

Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die

abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die

das Merkmal der Gegend ist . . .

. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der

man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt

uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.

Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten

Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie

an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine

Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte

ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre

praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.

Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine

Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war

interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals

von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich

persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die

mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende

Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte,

wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich

in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es

gemacht ist«.

Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich

gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat

diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von

ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine

gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die

unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines

arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher

als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.

Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er

fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar

vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das

bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein

dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick,

welchen die französische Seele gewährt.

Den 14. März 1915.

An Madame de L. . .,

Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen

hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre

Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr

aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter

sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie

war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer

Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige

Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die

uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das

Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener

Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen

ist.

Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe

gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine

Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen

in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde

ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und

bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der

mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu

verunstalten und zu verdunkeln vermochte.

Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.

Den 15. März (Karte).

Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil

wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft

vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich

selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich

sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem

Geschick gegenüber.

Den 17. März.

Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem

Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage.

Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las,

trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit

prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und

war George Perrot gezeichnet.

Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner

Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens

beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich

am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.

Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die

Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei

zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich

erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch

trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als

ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft

brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber

unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug

gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,

und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein

flatterndes Band.

Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von

jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die

abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken

aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit

rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der

Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche

Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in

unser Fach, augenblicklich.

Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag.

Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die

alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart

bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen

könnte.

Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens

auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man

alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des

menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie

Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen

Geschicks beschützen . . .

Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und

über Allem der siegreiche Frühling . . .

Den 20. März.

Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und

Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut

gehalten.

Den 20. März.

Teure geliebte Mutter,

Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich

bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter

vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett

teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.

Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch

bewahren darf.

Den 21. März.

Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine

Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich

Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.

Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten

unter den Schmerzen uns nicht verlasse.

Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne.

Teure geliebte Mutter,

Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß

wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein

Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf

scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten

sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der

Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir

hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die

Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu

beschleunigen.

Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit

ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo

die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den

Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich

in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling

darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und

nun ein Mensch sein . . .

Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur

vierzig Mann zählten, zurückgekommen.

Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade

erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann,

ausschöpfen zu dürfen.

Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt

nicht gedacht hatte.

Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen

gestärkt!

Den 22. März.

Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der

Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse,

mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht.

Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.

Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front

befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu

gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein

Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns

demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen

sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie

vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.

Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich

nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit

habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines

Selbst darauf zu verwenden.

Den 25. März.

Teure geliebte Mutter,

Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz

wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während

meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist

unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt.

Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere

schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen

lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich

vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich

zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos.

Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine

äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen

ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir

mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die

Dienstarbeiten zu verrichten.

Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche

glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben,

manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche

Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch

rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen

wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte

einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt

auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe

gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an

das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse

sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns

heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die

herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.

Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .

Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während

des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer

Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in

der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die

Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein

lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt

sind.

Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht

hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.

Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!

Den 26. März.

Teure geliebte Mutter,

Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand

setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das

schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke

einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.

Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige

Beschießung gestörten Sonntag.

Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff

unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine

Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist

freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der

Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes

ab.

Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der

Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,

vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die

trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung

angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so

die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff

erfolglos war.

Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu

erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in

denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger

weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel

diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt

halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und

davor kletterten die Jäger immer weiter . . .

Sonntag, den 28. März (2. Brief).

Liebe Mutter,

Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich

habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die

Beschießung wieder an Stärke zu.

Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich

um Weisheit für Dich und für mich.

[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,

besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der

Übersetzer.)]

Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den

Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens

ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling,

derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich

nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und

meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu

erhalten.

Den 1. April.

Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger

Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des

Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung

verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen

gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen

müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.

Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die

Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.

Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die

französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender

Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als

dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie

sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . .

-- --- --

Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust

die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir

die lieblichsten Funken des Frühlings.

Den 3. April (Karte).

Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne

und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.

Den 3. April, 2. Brief.

Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals

als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich

gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern

Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was

geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder

den Ansturm zu tragen haben?

Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der

Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir,

gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr

zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger

Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die

Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns

erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte

wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen

noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.

Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße

ich mir nichts an.

Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die

Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter

Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt

worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in

diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen

Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen

des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge

die Vorsehung uns davon fernhalten!

Den 4. April.

Teure geliebte Mutter,

Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis

dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem

Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr

minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben

sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der

glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und

unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich

Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann

für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben

beleuchtet.

Den 4. April, abends, Ostersonntag.

Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr

gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch.

Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was

kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für

Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe.

Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen,

einer schweren Aufgabe zu.

Den 5. April, ein Uhr.

Liebe Mutter und liebe Großmutter,

Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum

Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein

Leben besteht nur noch in Euch.

Den 5. April, gegen Mittag.

Liebe Mutter,

Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die

Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie

immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen

und müssen die höchste Weisheit anrufen.

Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude

Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht

erhalten werden!

Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.

Euer Sohn.

Den 6. April, mittags.

Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der

äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen

mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.

* * *

In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser

Briefe spurlos verschwunden.

Europäische Bücher:

Andreas Latzko, Menschen im Krieg

Romain Rolland, Beethoven

Leonhard Frank, Der Mensch ist gut

Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899

Henri Barbusse, Das Feuer

Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges

Briefe eines Soldaten: Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat · 第 10 / 11 题