Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die
feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die
Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein
Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen.
Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern
geschützt.
Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von
Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen
vergangener Tage zu stählen. . . .
Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung
versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches
Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh
verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber
in vortrefflicher Gesundheit.
Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
Den 6. Januar, abends.
Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden
ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und
Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste
Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem
erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.
Den 7. Januar, gegen mittag.
Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug
auf Wache zieht.
Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist
unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und
die Decke auch.
Den 9. Januar.
. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser
entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe,
indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit
anrufe, die höher ist als unsere menschliche.
Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen
sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte,
daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!
Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen
wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der
Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor
langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was
aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede
menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei
diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen
verschlossen ist.
Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder
in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will
also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick
selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr
selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich
gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.
Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue
Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine
wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den
Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das
allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine
unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.
Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die
einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine
unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit
setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische
Bestimmung.
Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars,
wo der Schnee auf den Donner folgt?
Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber
eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen
Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes
Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk
noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen
führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige
Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der
Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze
ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger.
Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas
unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß
der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das
volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber
schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie
viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die
bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir
in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher
getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe
Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes
erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des
Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen,
sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.
[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und
Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)]
Den 19. Januar.
Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher
gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel,
rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die
Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde
weiß.
Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche
Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht
gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit
den bösen Geistern erzählt.
Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du
vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.
Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein
bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne
Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein
harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die
vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte
Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben
in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die
Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt,
wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen
der letzten Ordnung nur hemmen würde.
Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung
bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen
der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden,
wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist
ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger
Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals
dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der
menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns
nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter
Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade
daher, daß wir das nicht vergessen können.
Den 20. Januar, früh morgens.
Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist
unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei
Nächte, bald ist es umgekehrt.
Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die
fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben
in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere
Schritte.
Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas
abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am
Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge
zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum,
in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des
Schnees.
Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut
sind, klangen friedlich an mein Ohr:
Mein Kind, meine Schwester,
Denke, wie süß es wäre,
Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
In dem Lande, daß Dir gleicht.
Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den
entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des
Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen
. . .
Den 20. Januar, abends.
Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um
unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.
Den 21. Januar.
Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee
folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere
jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der
Schützengräben.
Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was
Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr
feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter
vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres
Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des
Himmels.
[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).]
[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime
qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent
la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est
charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis
petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)]
Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt
und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest.
Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit
verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich
gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!
Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön
und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und
wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .
Den 22. Januar.
. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert
sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes
Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über
Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in
Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die
rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die
Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche
Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.
Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden.
Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres
Winterlebens hat ein Ende genommen.