Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im
Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine
fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel!
Oft tröstet er mich.
Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir
erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn
eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.
Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß
sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?
Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus
»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber
unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf,
das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere
französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.
Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und
verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht
mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger
Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine
Landsleute, in Frage kämen.
-- --- --
Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke
an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die
Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß
es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es
ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen
Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung
unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.
[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte
Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird
»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)]
Den 19. November, morgens.
Teuerste Mutter!
Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser
Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin
aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des
Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie
ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.
Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich
so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein
Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht
daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht
auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte,
um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.
Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen,
der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her
sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und
plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in
meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses,
auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu
morden.
Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für
mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei
Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In
meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut
fließt im Jahre 1914 . . . .
Den 20. November.
Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die
Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die
soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich
gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne
Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade
bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des
schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich
sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der
Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher
Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.
Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September
erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den
9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an
der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den
12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der
Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober
herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns
große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft
hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten
Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher
Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm
verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben
wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht,
um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den
Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern
Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den
Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen
Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige
Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser
Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten.
Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß
jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht
verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen
nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht
gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
Den 21. November.
Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der
außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir
nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe,
an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile
unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen
Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir
bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen
Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen
alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die
Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die
Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
Sie ertragen alles und opfern sich auf.
Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube
ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn
sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht.
Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die
doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer
armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil
erkennen, das uns anvertraut ist.
-- --- --
Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren
zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein
abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel,
hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf
dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist
gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen
Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie
verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie
sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen
Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.
Dein Sohn.
Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr.
Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit
gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den
tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang
aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer
heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den
Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist:
morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt
skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das
vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist
hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber
reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder
beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in
nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur
Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.
Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede
Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .
. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es
ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin,
wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin
ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft,
mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß
und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem
Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht
allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir
beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
Rätsels stehen bleibe.
Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen,
die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B.
schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen
ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich
ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen,
die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem
scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich
durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und
nicht auf menschlichen Dingen beruht.
Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch
Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.
Den 23. November.
Liebe Mutter!
Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in
Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das
Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen
wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die
Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und
doch ist auch hier alles schön.
Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin
in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei,
auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung
von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine
volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück
gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch'
wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und
doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche
die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre
Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus
moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an.
Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit
ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt
und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage
eines schönen grauen Bodens.
Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte
überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine
Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die
Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.
Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche.
Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen
lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung
angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich,
ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und
wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der
ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick
auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen
Bemerkungen geschickt zu haben.
Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie
haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir
schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen,
in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von
unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.
Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen
Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und
die Entspannung war stark.
Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die
Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe
in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13.
Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben
mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer
einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe
es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte.
Den 25. November, morgens.
. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft
meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern
heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in
unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten
Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.
Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz
ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die
ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung
zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie
radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein
Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste
scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte
Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen
Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von
vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern,
deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete,
durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer.
Den 26. November.
Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu
vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine
innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle,
wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir
nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem
vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der
menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .
Den 28. November.
Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der
Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine
Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des
Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren
Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel
eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache
sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter
draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird
durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man
Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man
unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches,
ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler
Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von
frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der
Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier
schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der
Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich
das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der
durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die
Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des
Lebens erzählten.
In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps,
verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem
äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
Feind).
[Fußnote *: »boyau de communication.«]
Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des
Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein
Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes
der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe,
wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich
will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich
darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . .
Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu
sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles
vorbereitet zu fühlen.
Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
Teuerste Mutter!
Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der
Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem
Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von
den gestern flüchtig gesehenen Wundern.
Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie
ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun
zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken,
die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines
Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch
um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!
Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald
scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am
Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten
Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche
Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende
Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die
Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.
Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort
von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in
meiner Bibliothek finden wirst.
Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen
von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie
der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir
immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!
Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die
Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die
Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines
kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die
köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher
die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in
seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)
In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein
lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei
uns.
Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung,
die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn
der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.
Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert,
Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und
berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile
Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es
versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das
Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet.
Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und
erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens
ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht.
[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)]
Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher
einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte
Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!
Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.
Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von
meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären
mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben
und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und
zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche
Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um
sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe
des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine
vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen
ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die
allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner
Lage hineinlegt.
Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll.
. . .
Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters
zu machen. . . .
. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die
ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose
Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals
gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die
Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige
Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als
Katastrophen erschienen.
Den 1. Dezember, 2. Brief.
Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen
lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche
Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner
lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein
heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der
Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz
wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes
Götzenbild im Herzen trage. . . .
Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die
Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht
geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von
der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der
Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas
Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu
verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und
meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.
Den 5. Dezember, morgens.
. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage
klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann
sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches
Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.
Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst
aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für
mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände
ermöglichen.
Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit
der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns
entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das
Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein
Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.
. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in
allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im
Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden
muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe
soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr
unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser
irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen
Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich
jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen
besteht.
Sonntag, den 6. Dezember.
Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir
brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist,
was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses
Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder
Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.
Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen
Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber
Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren,
was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .
. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man
kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer
gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit
Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .
Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen
vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen,
vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts
als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der
wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und
christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger
Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den
Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit
sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.
Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig,
aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu
dürfen. . . .
Montag, den 7. Dezember.
Vielgeliebte teure Mutter!
Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das
Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett
aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die
Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer
anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen
von Schlamm.
Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach
Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle
des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der
meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder
Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels.
Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen
habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben.
So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten
will.
Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser
Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in
sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.
Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war,
und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze
der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.
Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den
Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die
Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen,
obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in
der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie
mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll
entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .
Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut,
daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß
meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des
Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie
diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn
man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe
verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
auch sein mag.
Den 9. Dezember.
Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine
Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal
ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den
Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen
Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr
Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich
denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige,
von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .
Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde.
Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines
versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der
Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.
[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du
würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der
Übers.)]
Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.
Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern
drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß
bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die
Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil
wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die
Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.
Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die
Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung
abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben,
aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit
gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.
Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde
wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als
Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im
Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.
[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)]
. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas
Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher
sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.
Den 10. Dezember, 2. Brief.
Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne
daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .
Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für
unsere zweiten und ersten Linien an.
Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge.
Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle
Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde
kommen sehen.
Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame
Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue
ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte
finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her
geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht
manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele
darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse
Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.
Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).
Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat
es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.
Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das
wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich
hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an
der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der
Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .
Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.
Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für
das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut
und Güte am Himmel.
Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir
erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein
schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von
der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der
herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den
Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung
das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles
menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum.
Sonntag, den 13. Dezember.
. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern
spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute
breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der
bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.
Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung,
um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die
Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.
Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet
und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.
Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener
Seelenruhe).
Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer
Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel
genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.
Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen.
Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die
andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.
Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während
eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns
kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was
sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes
Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend
gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare,
für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und
doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum
und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.
Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern,
ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht,
deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.
Den 15. Dezember, in der Frühe.
Teure geliebte Mutter!
Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim
erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die
rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin
glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall
finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher
Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige
hervorstechende Ereignisse.
Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten
Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an
malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche
Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte
nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der
Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie
ich fürchte, sich wiederholen . . . .
Den 15. Dezember.
. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm
an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen
Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor
Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des
Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch
die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden
mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche
gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf
geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen,
die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von
Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.
Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.
Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir
den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die
Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren,
obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu
erreichen, in den Weg trat.
. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als
die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.
Den 16. Dezember.
Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes
Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des
Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte
unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen
zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei
herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt
ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein
wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.
Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.
. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im
Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben
erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6.
und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug
ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen
Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne
werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.
Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen
sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.