. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen
ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .
Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in
das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der
täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets
wachsame Feinfühligkeit stellen.
Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck
aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine
kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger
darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben
sollte.
Den 9. Oktober.
. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn
dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt
hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der
Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben
. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die
schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .
Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch
niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug
gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir
Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte
tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das
ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.
Den 12. Oktober.
Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind
immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst.
Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe,
mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
Den 14. Oktober.
Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch
wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das
Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie
alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten
mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine
sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was
uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns
viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß
wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die
nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen
getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.
Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden
wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese
Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in
sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren
Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine
Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt;
sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen
daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch
den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht,
darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir
wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines
Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre,
sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende
auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen
alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab'
Vertrauen in unsere ewige Freude.
Den 15. Oktober, 7 Uhr.
Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns
endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere
Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich
freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser
beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas
von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu
erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe
augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres
Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen,
daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes,
Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des
Augenblickes.
Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter,
Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine
unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist
eine schädliche Kraftvergeudung.
Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele
zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können
und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin
vorzubereiten, so gut ich es kann.
Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht
ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie
das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt
nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse
alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige
Schönheit und Ordnung durchschauen.
Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung,
und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte
machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den
Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und
erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
Den 16. Oktober.
Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat
meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober
voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin
ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .
Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld.
Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er
uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen
Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit
lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu
entdecken, sie andere entdecken zu lassen.
Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die
Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man
das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber
bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird
uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M
. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme.
Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe
Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen
kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .
Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir
ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird.
Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude
wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen,
so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen
lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im
Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so
unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine
glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken
wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.
Den 22. Oktober.
. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber
alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes
birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was
eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der
scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die
ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen,
die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele
entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .
Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der
Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden
nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit
hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.
Den 23. Oktober.
Liebste Mutter!
Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal
gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute
besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint
wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische
Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine
Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem
berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt
und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die
ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich
nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich
glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere
Hände lege als die unsrigen.
Den 27. Oktober.
Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen,
sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu
neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich
habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche
Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben
auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken
von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man
zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
Den 28. Oktober.
Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren
Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie
zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost,
wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die
sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß
alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen
Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie
in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme
vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in
Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden
viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe
vollendet ist.
Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
Teure geliebte Mutter!
Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns
immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen
Ausdruck dafür finden könnte.
Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie
bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .
Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man
darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich
versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als
gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen
alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt,
offen lassen.
. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er
hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen
Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du
darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich
machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten
gelassen ist, der sie erstrebt.
Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen
Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir
führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können
wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.
Den 30. Oktober.
Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind
durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg
vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz
Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich
möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine
Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu
verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich,
nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die
Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser
Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch
den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete,
unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt,
um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die
Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat
ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht
das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.
-- --- --
Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen
in die ewige Gerechtigkeit zu haben.
Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben
bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der
menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe
dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.
Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.
Den 31. Oktober, 10 Uhr.
. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe
ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln
hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des
Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger,
der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?
Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns
verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht,
ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!
In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer
Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.
Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der
Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte.
Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich
erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des
Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
Allerheiligen!
Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln
des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in
der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des
Landschaftsbildes.
Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal.
Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes
eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.
Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.
Herrliche Pracht des Tages.
Den 2. November, Allerseelen.
Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer
Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem
Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt
auf dem Wege der Trauer ist.
Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer
und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen
kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des
geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.
Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den
die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend
kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die
Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den
Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge
unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer
neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von
Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese
schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt
dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.
Den 4. November, 1 Uhr.
Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen
Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern
gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang
in der Landschaft, die ich so innig liebe.
Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen,
der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein
ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien
sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.
Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke
an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften
Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster
Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren
Einzelheiten tief bewegen!
Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die
Beschwerden, die wir auf uns nehmen.
Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß
mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum
an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns
darbietet!
Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis
daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich
mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit
verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns
eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an
(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die
Zukunft vorbereiten.
Den 5. November, 8 Uhr.
Liebe Mutter!
Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen
Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade
dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.
Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu
verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die
Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht;
aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der
Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe
an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief
von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe
zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich
jetzt nicht mehr entbehren kann.
Den 6. November.
Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die
Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem
Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich
entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht
so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen
einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte
und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober
darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu
Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar
erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der
Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese
Aufzeichnungen zuschicke.
. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft
Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen
zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im
Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten
jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein
so edles Empfinden hatte.
So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts
ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .
Den 7. November, 8 Uhr morgens.
Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets
ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden
gebührend gewürdigt.
Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude
an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf
eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe
unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden,
grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem
Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser
Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in
der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch
alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon,
wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse,
Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser
Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer
Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche
beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.
-- --- --
Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide.
Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt
haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
Den 9. November, Montag 7 Uhr.
. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr
liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun,
es ist wenigstens so viel! . . . .
. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft
genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört.
Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
daran gewöhnt.
Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den
Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag
aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke.
All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.
Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen
Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem
Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung
enden.
Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach
zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre
Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen
Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren
ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein
Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front
sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung
zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh
ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht
ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch,
wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand
immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der
nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem
vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter
Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die
Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge,
davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die
Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem
Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie
wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel
ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können,
gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl,
geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber
wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und
des Schicksals.
Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber
abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des
gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.
-- --- --
Den 10. November, 11 Uhr.
Teuerste Mutter!
Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel.
Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die
geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern
schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie
teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte
als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich
froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.
Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen
lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen.
Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten
abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der
roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten
Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein
Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt,
daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders
wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch
der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in
einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den
Schützengraben zurückzukehren.
Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber
manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude
uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen
Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des
Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten
von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine
Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer
Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe.
Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem
solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu
wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir
vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche
betrachtest! . . . .
Vom 12. November, 15 Uhr.
. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der
erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und
Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte
Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während
man die andern mehr ahnte als sah.
Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben
wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die
wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und
schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in
demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht
vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens
schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und
unübertrefflich. . . .
. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei
der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin,
plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das
Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage
ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . .
Den 14. November.
Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt
mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind
nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken
ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor,
voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen
waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem
Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch
graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der
romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im
vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns
vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten
und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also
unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und
genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön
ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit
Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie
hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste
Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich
schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen
man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu
kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und
ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir
haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert
Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam
finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen,
die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich
diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin
setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser
Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des
Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit
schenkt.
Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber,
abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe
Deine Briefe mir bringen.
Den 14. November, zweiter Brief.
Treue, geliebte Mutter!
Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz
erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen,
woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen
Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die
Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.
[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre
Gottes in der Natur.«]
[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).]
Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen
ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen,
der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in
Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische
Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18.
August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit
gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich
öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die
Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ.
Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu
schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das
Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die
Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.]
Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer
hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr
freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in
denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war
diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter
der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein
langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der
herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose,
rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel
anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen
den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
Den 15. November, 7 Uhr.
Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers
beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch
heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel,
den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!
Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß
man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind
wir gewappnet.
. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene
bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde
gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem
wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein
Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch
ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe
ich die Umgebung, die ich brauche.
. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube
an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten
Staaten Europas.
Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher
Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel
ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich
wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der
Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben
müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu
tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer
Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische
Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche
Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue
Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf
unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe
zu diesem neuen Horizont geöffnet.
Den 16. November an Frau C . . .
Sehr verehrte gnädige Frau
und beste Freundin!
Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre
warme Freundschaft meinen Mut!
Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben.
Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.
. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle
hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit
zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen
Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen,
welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des
Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit
der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören.
Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu
übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die
Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie
nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt
sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die
Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht;
Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick
erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich
in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte
ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere
Zerrissenheit ertragen.
Den 17. November, morgens.
Liebe Mutter!
. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben
Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares,
strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten
Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien
meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche
und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß
kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin
verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe,
trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe
umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten
Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten
zu offenbaren beginnt.
Den 17. November, 11 Uhr.
Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein
Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu
unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt
zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des
großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13.
Oktober.
Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von
Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom
Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich
Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn
gewaltsamer Mittel.
Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und
wo ich die Pracht der Natur genieße.
Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der
Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.
Den 18. November.
Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine
gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht
dadurch ganz eingefroren aus.
Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand
zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin
bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis
vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.
Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast
alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den
Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden
Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.