Briefe eines Soldaten

Den 6. August 1914.

Teuerste Mutter!

Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber

die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr

verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge

des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben

eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die

seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige

sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der

Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken

auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu

wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr

bekommt.

Den 13. August.

Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn

die Zensur ist außerordentlich streng.

Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und

Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser

Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der

Reservisten ist vortrefflich.

Sonntag, den 16. August.

Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas

Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind

immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen

stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die

Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut,

übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen

Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt

das mit Ruhe auf.

Den 19. August (aus einem Tagebuch).

Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich

nicht.

Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt,

gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin

gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen.

Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der

Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen.

Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat

spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe

von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen

unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht

wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der

alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der

Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt,

daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches

Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und

aller Hingabe, die der Grenze zustreben.

Den 25. August.

Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der

furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits

im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung

Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet,

was mir als meine Pflicht erscheinen wird.

Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere

Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an

sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist

vortrefflich.

. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser

vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze

Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen,

Du und ich, wie lange es auch dauern mag.

Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück

aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen

und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und

ich habe den Willen auszuharren.

Den 25. August (zweiter Brief).

Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment

fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als

ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit

begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß

wir uns wieder sehen würden.

Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber

seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen

werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend

ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen

sein konnten.

Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet

hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die

intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.

[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen,

den 13. April 1915.]

Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen

vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie

ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein

erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande

wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die

Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein

aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen

vermögen.

Den 26. August.

Teuerste Mutter!

Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der

Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was

ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch

kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich

hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich

vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu

trainieren, und halte es gut aus.

[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union

sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon

unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den

Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt,

wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr,

Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall

emporfliegt.« (S. 87.)]

Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein

körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod

wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen

Kunst dann vernichtet wäre.

Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger

Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der

Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß

die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier

herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den

stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.

Den 30. August.

Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind,

sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will

Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß

du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .

Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle

Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger

abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen

Lage herauskommen.

Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge

gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre

streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes

Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber

bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest,

welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte

leisten können.

Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die

Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.

Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).

Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel

jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die

Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.

Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen

Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die

englischen Truppen. Die Artillerie.

Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können

uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung

umgehen. Herrliches Wetter.

Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:

40 Mann in jedem Wagen.)

Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau

gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von

Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr

zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene

herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!

Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an

Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich

nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren

durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im

hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich

bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.

Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften

Zügen vorbeigefahren.

Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele

glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen

Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen

Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren

sein.

Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich

ausstrecken zu können.

Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die

gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle

Müdigkeit verschwindet!

Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der

etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur

üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den

rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun

. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche

auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit

allein eine Herausforderung war . . .

Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach

der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist

auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa

wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen,

um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande

verknüpfen, fühlen zu lassen . . .

Den 7. September (aus einem Tagebuch).

. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein

vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des

Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der

Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme

Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im

Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen,

die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser

Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat

sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu

essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne

an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres

Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern

sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein

Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen

diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd

heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd,

so hülflos, so verloren . . .

Den 10. September (aus einem Tagebuch).

Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich

bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert

ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden

Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt

dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.

Den 13. September (aus einem Tagebuch).

Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die

Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist

alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren

Opfer des Krieges.

Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir

zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den

Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den

Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon

gekommen sind.

Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind

es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern

verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft.

Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als

Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen

weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt

gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und

verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit!

. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid,

Brüderlichkeit und Güte verbleiben.

Mittwoch, den 16. September 1914.

In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße

erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom

Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da --

jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre

Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie.

Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen

Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene

Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da

ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert:

überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem,

was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen

Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt,

französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.

Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem

ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die

an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all

diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.

Den 21. September 1914.

Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen

kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als

zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit

Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was

soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern

muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten,

welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre.

Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen

durchdringen.

Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der

Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf

Vorposten ziehen nach einem Kampfe.

Den 25. September.

Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine

Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!

Den 27. September.

Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird,

greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die

Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der

Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der

strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .

Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch

den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche

Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!

O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .

Den 1. Oktober.

Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche

Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen

neuen Geist weggefegt wurde.

Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich

erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen

waren.

Briefe eines Soldaten: Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat · 第 3 / 11 题