Deutsche Ausgabe der
Lettres d'un soldat
1918
Max Rascher, Verlag, Zürich
1. bis 5. Tausend
Nachdruck verboten
Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich
Deutsche Übertragung
von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel
1918
Buchdruckerei Züricher Post
Vorwort.
Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der
Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im
Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder
in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die
letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete,
in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen,
die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch
für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume,
seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem
Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser
Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch
nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem
Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt
war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der
Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der
Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule
für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn
bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen
wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen
ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die
Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu
besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für
seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.
Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten,
so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die
uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen
endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der
Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken
an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer
die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit
eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum
letzten Male zu betrachten:
»Und sterben sollte nun die Welt
Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«
Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht
hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist,
die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche
Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo
er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den
Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist.
Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter
pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche,
Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen
französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist
sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von
Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten
Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, --
bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus
und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der
dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen
Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch
soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem
Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine
gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen
Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O
Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser
fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die
nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein
Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre
unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des
Weltalls.
Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der
Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu
morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der
ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen
Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen
Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich
begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß
alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben
des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen
zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?
* * *
Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und
Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter
dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem
täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam
erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der
Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die
den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen
lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten,
deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still,
mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von
Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich
empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird
sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«,
flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die
ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht
auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus
unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache
. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine
Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der
Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen
Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo
der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_
entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden
kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen,
wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf,
den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen
zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen.
Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser
ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos,
weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.«
So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums
nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark
Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes
Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge,
ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.«
Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen
Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede
leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend,
ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der
andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der
Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses
französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den
seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad
Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich
versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns
den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern
wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt
noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht
getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen
Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es
erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu
erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens,
die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen
Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe
Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens
fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht
ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert
. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es
aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf
sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr
liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte,
die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen,
daß die Fahne wird getragen werden!«
[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)]
Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das
ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem
sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und
Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern
kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf
Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl,
den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der
Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich
zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das
seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er
ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!«
Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge
Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen
wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und
langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke
»auf das Ewige« stets zu richten wußte.
Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er
durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten
Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den
bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die
sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois,
Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen
Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem
tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart,
sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in
den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen
ihren Erscheinungen.
»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen
wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und
die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den
Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter
seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,«
-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen
Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu
allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener
französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten
Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und
kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne
hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren
»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein
schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun,
wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich
ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen
Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind,
Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich
anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten,
deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge
offenbart.
Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte
Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge
erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der
in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz
zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die
schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere
Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten
Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so
nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen
und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen
unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den
unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre
Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir
sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere
Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle
wieder fließt?
Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei
Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort
erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben
wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun
Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung
beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in
einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten
Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher
Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge,
mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes
sich hier ausspricht?
* * *
Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem
Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge,
gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt
sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser
außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt,
über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen
und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere
Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen
Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet.
Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das
spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er
ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich
entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine
ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die
Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus
innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die
Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er
nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer,
dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und
ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der
eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu
trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar
nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es
heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt
gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl
werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der
Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit
unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches
Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben
betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen,
in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen
Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen
erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des
Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen
Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.
Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen
Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren
Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit
bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der
Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft,
in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte
wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden
verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von
dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen
hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu
schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen
Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer
in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die
Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht
vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine
herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen
Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn
»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem
er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen
Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er
will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen
Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und
das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem
selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu
blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der
Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe,
der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den
Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des
Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen
Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen
durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen
schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens
hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu
bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts
beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben,
der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des
Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines
jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast
der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser
Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn
morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«.
Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind
sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten,
ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die
gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen
soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914).
Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren
Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es
gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«,
mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung
unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt
in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig
Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in
der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der
langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung
getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein
angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die
Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«.
»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich
auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar).
Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im
Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am
häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder
ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine
Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den
eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des
Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren
gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen
Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den
Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu
vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend;
bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter,
voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine
tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser
auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem
körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die
Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das
an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine
vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet.
Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm,
sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine
militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen.
In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er
nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war
interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war
eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder
in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso
»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche
Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die
Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart
sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur
flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum.
Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende
Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu
erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere
Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die
Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu
der er immer wieder gelangt.
Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in
die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um
die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder
geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im
ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man
bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat,
sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön,
ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten
in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten
philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen
scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem
als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner
Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene
Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn
sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt
auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine
Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten
und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden:
»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der
Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage;
plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus
Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er
sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley:
»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter,
den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der
lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem
betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser
Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden
möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich
selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der
einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum
Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher
den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem
Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser
Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist
manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf
einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt:
»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem
die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.«
(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener
erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der
Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll
Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls
den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden
Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_«
[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I
faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)]
Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe
Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die
Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und
raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher
Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben
trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im
Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und
seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche
unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen
über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch,
oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges
Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage,
beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen
und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser
Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . .
Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen,
geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .«
Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen
Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich
hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt
sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde.
Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die
ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den
Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war
die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und
der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur
ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den
Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer,
wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein,
nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer
Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte
Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche
Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die
qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung
ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese
Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die
lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der
Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich
möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die
Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder
gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13.
Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm
selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen
zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit
menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten
übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als
Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die
Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit
platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen
auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber
Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An
einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine
Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht
plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer
herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.«
(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er
die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.
* * *
Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des
Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem
Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen
Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der
Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade,
auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines
Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des
Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines
abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle
sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den
Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist
in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie
je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine
Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des
Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die
Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode
entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche
unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen
Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles
bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie
schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang
gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes
Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder
von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen
Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und
Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen,
besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein
solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so
rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen
bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und
Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer
Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich
selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in
wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele
und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir
sind Kinder geworden«. (24. Dezember.)
Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese
kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen
Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?
André Chevrillon.