Es hat es schon lange Grupen(7) beobachtet, dass sich in ältern Zeiten
alle teutschen Bräute vor der Hochzeit hätten beschlafen lassen. Wir
treffen noch in der spätern Zeit unter dem hohen Adel Beispile an. Der
Professor Koehler zu Göttingen(8) lifert uns eine Urkunde, nach welcher
Graf Johann IV. von Habsburg 1378. da er schon ein ganzes halb Jahr die
nächtliche Probezeit mit der Herzland von Rappoltstein gehalten hatte,
zulezt von ihr den Korb bekam, weil sie ihn der Unmännlichkeit
beschuldigte. Gleich in dem nächsten Jahrhundert kommt im Habsburgischen
Hause ein anderes Beispil vor. Nachdem Kaiser Friederich III. sich die
Prinzessin Leonore von Portugall durch seine Gesandten verlobt hatte, und
dises Verlöbnis bereits zu Rom durch den Pabst bestättiget war, so
zauderte er doch mit der Vollzihung der Ehe unter dem Vorwande, dass er
keine Italienische Kinder zeugen wollte. Die Prinzessin, der diser Verzug
etwas lange Weile verursachen mochte, wandte sich deswegen an ihren Oheim,
den König Alfons von Neapel. Allein da diser nicht vil mehr bei dem Kaiser
auszurichten vermochte, so brach er zulezt in dise Worte aus: „Du wirst
also meine Nichte nach Teutschland führen, und wenn sie dir dort nach dem
ersten Beischlafe nicht gefällt, mir wider zurüksenden, oder sie villeicht
gar vernachlässigen, und dich mit einer andern vermählen; beschlafe sie
vilmehr hir, damit du, wenn sie gefällt, die angenehme Wahre mit dir
nehmen, oder wo nicht, uns die Bürde zurük lassen kanst.“ Der
phlegmatische Friderich fand auf einmal dise Vorstellung so nachdrüklich,
dass er im Augenblik iene bekannte Ceremonie veranstaltete, die den
Portugisischen Damen ein so grosses Aergernis verursacht hat.(9) Man kan
sie unten nach den eigenen Worten des Pabst Pius II. nachlesen, wobei
seine Bemerkung, dass es eine allgemeine Gewohnheit der teutschen Fürsten
gewesen, Aufmerksamkeit verdint.(10) Mit der Tochter dises Kaisers,
Kunigunde, hielt Herzog Albrecht IV. von Baiern das Beilager zu Innsprugg,
und feierte erst nach der Heimführung zu München die Hochzeit mit ihr,(11)
oder wie sich ein österreichischer Schriftsteller ausdrükt: „Herzog Albert
beschlief Fräulein Kunigunden vor der Vermählung.“ Adlzreiter, oder
vilmehr der verkapte Jesuite Vervaux(12) widerspricht disem aus dem
Grunde, weil Veit Arenbek nichts davon melde. Man kan hirauf antworten,
der Chronikschreiber Arenbek beschreibe nur die Hauptceremonie und
übergehe ienen Umstand, als eine allgemeine Gewohnheit, wovon zu seiner
Zeit iedermann wusste, dass sie vorhergehen musste. Die Sache wird ausser
Zweifel gesezt, wenn man die Stelle mit einer andern vergleicht,(13) wo er
eine artige Begebenheit von einer Probenacht erzählt, die Herzog Ludwig I.
von Baiern mit der schönen Gräfin Ludmille von Bogen, einer gebohrnen
böhmischen Prinzessin gehalten hat. Man war um dise Zeit von der alten
Heiligkeit der Sitten so sehr abgewichen, dass den Mannspersonen die
Probezeit oft nur eine bequeme Gelegenheit war, die Unschuld ihrer Damen
zu missbrauchen. Ludmille, die ebenso klug als schön war, erfand eine
List, ihren Freier gewiss zu fesseln. Der Herzog musste ihr in der
Probenacht vor drei Rittern, die sie sich auf ihre Bettdecke gemahlt
hatte, schwören, dass er sie zu seiner Gemahlin machen wollte. Er tat es
ohne Bedenken, weil er sich für aller Ueberweisung sicher glaubte. Allein
kaum hatte er sich dem Vergnügen übergeben, so öffnete die Prinzessin die
Gardinen, wo sich plötzlich drei leibhafte Ritter zeigten, die den Herzog
an die Erfüllung seines Gelübdes erinnerten. Er bekannte sich überlistet
und vollzog nach dem Herkommen die Ehe in Jahresfrist. Bei den Alten hat
dise Begebenheit sovil Beifall gefunden, dass sie ihr Andenken in einem
eigenen Gedichte verewigten, daraus ich eine Stelle anführen will.(14)
„Ein Fürst von Payren kom geyn Pogen geriten
Zw einer Gräfin schön vnd klug mit Siten
Er begert ir zw Freidenspil
Sie sprach ich einwil,
Er erwellet dan sein mein eelich man
So will ich darumb ratt han.
— — —
Der Fürst redt der Frauen zw
Ob sy seinen Willen wolde thun.
Dy Fraw sprach — —
Gelobt mir dy ee frölich.
Der Fürst gelobt die ee in Heldesmut.
— — —
Und da vergangen was ein ganz Jar
Da kom der Fürst gein Landaw spatt
Er wolt nicht da benachten
Zw seiner Hausfraw gein Pogen was ertrachten
Da sy komen zusamen Payde
Da vergassen alles ir Layde
Sy lebten miteinander eelich
Als es zugehörd der Fürsten reich.“
In ältesten Zeiten fieng die Probezeit mit dem Raub des Frauenzimmers an,
und erst ein Jahr hernach geschah die Vermählung. Auf dise Weise heiratete
z. B. König Suigger von Norwegen die Tochter des Königs Grims von
Dännemark.(15)
Trogill Arnkiel(16) schloss aus einer gewissen Stelle Saxens des
Grammatikers,(17) dass der Beischlaf, der vor der Hochzeit geschiht, bei
den alten nordischen Völkern als etwas abscheuliches angesehen worden.
Diser Beobachtung widersprechen aber nicht nur die übrigen Nachrichten
dises Saxens, sondern überhaupt alle nordischen Monumente. Ueberall kommen
Beispile von gehaltenen Probenächten vor. Man muss daher, um allem
ungeräumten Widerspruche auszuweichen, iener Stelle die Deutung geben,
dass König Högnus von Jütland sich aus der Ursache gegen seinen Eidam
Hythin von Norwegen entrüstet habe, weil er seine Tochter vor dem
förmlichen Eheverspruch schon beschlafen, und sie folglich auf den Fuss
einer gemeinen Beischläferin behandelt hätte; oder welches mir noch
wahrscheinlicher dünkt, weil er ohne Erlaubnis und Vorwissen des Vaters
die Probezeit mit der Tochter hielt. Die gleichfolgende Begebenheit, und
die daraus entstandene langwierige Fehde bestärkt mich in meiner Meinung.
Der alte König Harald in Norwegen wollte die schöne Asa, eine Tochter des
Grafen Hrings, mit Gewalt zur Gemahlin nehmen, und ward deswegen von Kol
Krappe, dem man sie bereits verlobt hatte, zum Zweikampf herausgefordert.
Ohngeachtet der Kämpfer, der für ienen gefochten hatte, überwunden
geworden war, so erlaubte der Siger doch, dass noch Einer gestellet werden
durfte. Allein diser wollte um keinen geringern Preis, als um den eigenen
Besiz der Schönen fechten, den man ihm auch bewilligen musste. Nun hielt
er die Probenacht mit ihr, und dann trat er erst den Zweikampf an, worinn
er seinen Gegner glüklich überwand.(18)
Frithiof, Herr von Frammesien, beschlief die Prinzessin Ingibiorg, eine
Schwester der beiden Könige Helgos und Halfdans von Sognien, gleich nach
dem Verlöbnisse in dem heiligen Tempel zu Baldershagen, obschon er sie
erst nach dem Tode des K. Krings zur Gemahlin bekam.(19) Ein sehr
merkwürdiges Beispil von einer Probenacht in Schweden erzehlt uns
Bartholin aus der Illugur Saga,(20) das meine Leser in der Note selbst
nachlesen mögen. Ich will dagegen ein anderes aus der alten Fränkischen
Geschichte anführen: Teudebert, König in Austrasien, liess die Witwe
Teuderia schon im Jahr 533 bei sich schlafen, ohngeachtet er sich erst ein
Jahr nachher förmlich mit ihr vermählte.(21)