Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich in der Gegend Schwabens, die
man den Schwarzwald nennet, ist unter den Bauren der Gebrauch, dass die
Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon dieienige Freiheiten
über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der Ehmänner sind. Doch
würde man sehr irren, wenn man sich von diser Sitte die Vorstellung
machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche Sittsamkeit verwahrlost
hätten, und ihre Gunstbezeugungen ohne alle Zurükhaltung an die Libhaber
verschwendeten. Nichts weniger! Die ländliche Schöne weiss mit ihren
Reizen auf eine ebenso kluge Art zu wirtschaften, und den sparsamen Genuss
mit ebensoviler Sprödigkeit zu würzen, als immer das Fräulein am
Puztische.
Sobald sich ein Bauermädchen seiner Mannbarkeit zu nähern anfängt, sobald
findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheiten besizt, die
hir ungefähr im ähnlichen Verhältnisse, wie bei Frauenzimmern von Stande,
geschäzt werden, von einer Anzahl Libhaber umgeben, die solange mit
gleicher Geschäftigkeit um seine Neigung buhlen, als sie nicht merken,
dass einer unter ihnen der Glücklichere ist. Da verschwinden alle Uebrigen
plözlich, und der Libling hat die Erlaubnis, seine Schöne des Nachts zu
besuchen. Er würde aber den romantischen Wohlstand schlecht beobachten,
wenn er den Weg geradezu durch die Hausthür nehmen wollte. Die
Dorfsetiquette verlangt nothwendig, dass er seine nächtlichen Besuche
durch das Dachfenster bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige Ahnen erst
dann ihre Romane glüklich gespilt zu haben glaubten, wenn sie bei ihren
verlibten Zusammenkünften unersteigliche Felsen hinanzuklettern und
ungeheure Mauren herabzuspringen gehabt; oder sich sonst den Weg mit
tausend Wunden hatten erkämpfen müssen, ebenso ist der Bauerkerl nur dann
mit dem Fortgange seines Libesverständnisses zufriden, wenn er bei iedem
seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den Hals
zu brechen, oder wenn seine Göttin, während dem er zwischen Himmel und
Erde in grösster Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem Dachfenster herunter
die bittersten Nekereien zuruft. Noch in seinen grauen Hahren erzehlt er
mit aller Begeisterung dise Abenteuer seinen erstaunten Enkeln, die kaum
ihre Mannheit erwarten können, um auf eine ebenso heldenmütige Art zu
liben.(1)
Dise mühsame Unternehmung verschaft anfangs dem Libhaber keine andere
Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern darf,
das sich um dise Zeit ganz angekleidet im Bette befindet, und gegen alle
Verrätereien des Amors wol verwahrt hält. Sobald sie eingeschlafen ist, so
muss er sich plözlich entfernen, und erst nach und nach werden ihre
Unterhaltungen lebhafter. Ja in der Folge giebt die Dirne ihrem Buhler
unter allerlei ländlichen Scherzen und Nekereien Gelegenheit, sich von
ihren verborgenen Schönheiten eine anschauliche Erkenntnis zu erwerben;
lässt sich überhaupt von ihm in einer leichtern Kleidung überraschen, und
gestattet ihm zulezt alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer
Mannsperson befridigen kan. Doch auch hir wird immer noch ein gewisses
Stufenmass beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben, die
Zärtlichkeit des heutigen Wolstands verbeut. Man kan indess viles aus der
Benennung _Probenächte_ erraten, welche die leztern Zusammenkünfte haben,
da die Erstere eigentlich _Kommnächte_ heissen.
Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Libhaber die Gewährung seiner lezten
Wünsche solang, bis er Gewalt braucht. Das geschiht allezeit, wenn ihnen
wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurük sind, welche sie sich
freilich auf keine so heikle Weise, als die Witwe Wadmann aufzulösen
wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf dem Kerl oft sehr teuer zu
stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, ein Baurenmensch zu bezwingen,
das iene wollüstige Reizbarkeit nicht besizt, die Frauenzimmer von Stande
so plözlich entwafnet. Disen Umstand meinen Lesern etwas begreiflicher zu
machen, muss ich mich auf eine Reisebeschreibung(2) berufen, worinn von
den Europäern mit den schönen Tschirkassirinnen verschidene Versuche
angestellt worden sind; denn sonst laufe ich Gefahr, dass man auf meine
Erfahrungen ein ganz unverdintes Vertrauen sezt.
Die Probenächte werden alle Tage gehalten, die Kommnächte nur an den Sonn‐
und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die Erstere dauren solange, bis sich
beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit zur Ehe
genugsam überzeugt haben, oder bis das Mädchen schwanger wird. Hernach tut
der Bauer erst die förmliche Anwerbung um sie, und das Verlöbnis und die
Hochzeit folgen schnell darauf. Unter den Bauren, deren Sitten noch in
grosser Einfalt sind, geschiht es nicht leicht, dass Einer, der sein
Mädchen auf dise Art geschwängert hat, sie wieder verliesse. Er würde sich
ohnfehlbar den Hass und die Verachtung des ganzen Dorfs zuzihen. Aber das
begegnet sehr häufig, dass beide einander nach der Ersten oder Zweiten
Probnacht wider aufgeben. Das Mädchen hat dabei keine Gefahr, in einen
übeln Ruf zu kommen; denn es zeigt sich bald Ein anderer, der gern den
Roman mit ihr von vorne anhebt. Nur dann ist ihr Name zweideutigen
Anmerkungen ausgesezt, wenn sie mehrmals die Probzeit vergebens gehalten
hat. Das Dorfpublikum hält sich auf disen Fall schlechterdings für
berechtiget, verborgene Unvollkommenheiten bei ihr zu argwöhnen. Die
Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, dass es nicht selten
geschiht, wenn der Geistliche im Orte einen Bauren nach dem Wohlsein
seiner Töchter frägt, dieser ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen,
mit aller Offenherzigkeit und mit einem väterlichen Wolgefallen erzehlt,
wie sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu halten. Keyssler gibt in
seinen Reisen(3) uns eine sehr drollichte Erzehlung von einem Prozesse,
den die Bregenzer Bauren ehmals zur Verteidigung einer solchen Gewohnheit
geführt haben, die sie _fügen_ nennen. Die Kasuisten, die sich eben nicht
immer von den erlaubten und unerlaubten Begattungsarten die richtigsten
Begriffe machen, und manchmal dasienige für Sünde halten, was keine ist,
und dasienige nicht dafür halten, was doch eine ist, ereiferten sich von
ie her sehr über disen ländlichen Gebrauch. Er musste ihnen daher sehr oft
zum Stoffe dienen, ihre Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und
pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen Landprister, die mit den
Angelegenheiten und mit dem Charakter ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas
näher, als die Protestanten mit den Jhrigen bekannt sind, und mithin die
Untadelhaftigkeit diser Sitte besser einsehen, äussern darüber mehr
Duldsamkeit als die Leztere, die nie unterlassen, ihre Bauren deswegen mit
den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, und weil doch leider
heutzutage, wo die Welt so ganz im Argen ligt, dise Züchtigungen nicht
allezeit von Wirkung sind, so verabsäumen sie keine Gelegenheit, zu
Vertilgung dises heidnischen Greuels den weit kräftigern weltlichen Arm zu
Hülfe zu rufen. Die Klagen eines gewissen geistlichen Aufsehers im
Herzogtume Würtemberg vom XVI. Jahrhundert habe ich im II. Bande meines
_Versuchs über die Geschichte der teutschen Erbfolge_(4) bekannt gemacht.
Der Kanzler von Ludewig(5) verwarf ebenfalls disen Gebrauch mit
Geringschäzung, und tat auf den Kardinal Heinrich von Segusio, welcher
denselben schon im XIII. Jahrhundert bei den Sachsen beobachtete, einen
sehr hastigen Ausfall. Wenn es der Wohlstand nicht untersagte, gewisse
Forschungen allzuweit zu verfolgen, und ihr endliches Resultat enthüllt
darzustellen, so könnte ich ihn leicht überführen, dass dise Sitte nicht
nur in der Physiologie des Menschen gegründet, sondern auch eine für die
Bevölkerung sehr heilsame Anstalt sei. Denienigen Teil meiner Leser aber,
der sich so schlechterdings nicht abfertigen lässt, und verschidene
Erläuterungen wünscht, muss ich an die Aerzte und an dieienigen Advokaten
weisen, die vor den Ehegerichten Prozesse führen. Denn dergleichen Herren
allein besizen das veriährte Vorrecht, dass ihnen die Welt, ohne schamrot
zu werden, über alles Gehör gibt. Sollten aber einige von ihnen die
Hörsäle der Rechtsgelehrten besucht haben? O! die können sich hir alles
das widerhohlen, was dort sehr oft mit Einmischung der ärgerlichsten
Anekdoten von der bezihungsweisen Unvermögenheit der Geschlechter gelehrt
wird.(6) Wem dise gelehrte Nachfragen nicht bequem sind, der belibe einen
flüchtigen Blik auf das zu werfen, was in grossen Städten alle Tage zu
geschehen pflegt. Wie vile Ehen findet man da nicht, wo die Männer im
besten Alter erschöpfte Greise sind; wo blühende Damen durch die
allzufrühzeitige und nicht selten unnatürliche Wollüste ihrer Gemahls zu
einer beständigen ehlichen Nüchternheit verdammt sind? Wie sehr müssen
dise ihre weibliche Sittsamkeit nicht verläugnen, wenn sie sich
entschliessen, vor einem halbduzend Männer, die sie in ihren Leben nie
gesehen haben, über eine solche Angelegenheit Klage zu führen, und darüber
die unverschämten Einwürfe eines widrigen Advokaten anzuhören, dem man oft
zur Replik die Antwort widerholen möchte, die schon lange die Gemahlin des
Germanikus dem Tiber gegeben hat! Weil es also für die Bauermädchen eine
Apologie zu machen, und die moralische Unschädlichkeit ihrer Galanterie zu
zeigen nicht taugt, so will ich wenigstens beweisen, dass sie allen
Ständen unserer Nation gemein gewesen, und eine Ursitte der Menschheit
ist.