mir lauter erfreuliche Nachrichten. Der Postdschigit Jakub war aus
Kaschgar gekommen, und mit einem Schlage wurde ich durch Brief-
und Zeitungspakete meiner Heimat und der Zivilisation wieder ganz
nahegerückt. Kurz nach unserem Aufbruch von Mandarlik hatten sie das
Lager nach Temirlik verlegt, wo sie sich bei mongolischen Erdhöhlen
niedergelassen hatten. Der Amban von Tscharchlik hatte in eigener hoher
Person dort einen Besuch abgestattet, ebenso der Mongolenhäuptling
Pschui aus Zaidam, aber beide hatten wieder heimkehren müssen, ohne
mich zu sehen. Ersterer hatte 30 mit Mais beladene Esel mitgebracht.
Seit ein paar Wochen hatten die Daheimgebliebenen unsertwegen in der
größten Unruhe geschwebt, da wir versprochen hatten, höchstens 2½
Monate fortzubleiben, und nur für diese Zeit Proviant mit hatten.
Hunderte von Fragen und Antworten kreuzten einander, und erst spät in
der Nacht kam ich zur Ruhe. Die Männer saßen lange plaudernd an einem
großen, flammenden, jetzt von vielen Händen unterhaltenen Feuer; sie
hatten einander so viel zu erzählen, und alle waren froh und zufrieden
über das Wiedersehen. Welch ein Unterschied gegen den Abend vorher, an
dem wir, von allem entblößt, aufs Geratewohl Halt gemacht hatten! Die
Raben des Elias waren wiedergekommen, und unsere dreimonatigen Mühen
und Strapazen hatten ihr Ende erreicht.
Eine Veranlassung zur Trauer war Aldats Tod. Sein Bruder Kader Ahun
hatte sich selbst nach Tschimen begeben, um ihn zu treffen, und
erhielt jetzt eine eingehende Beschreibung von der Krankheit und
dem Tode seines Bruders. Er erkannte auch, daß wir gut gegen Aldat
gewesen waren, alles getan hatten, um ihn zu retten, und daß alle sein
Hinscheiden beklagten. Kader Ahun sagte, daß er auf die Trauerbotschaft
vorbereitet gewesen sei. Vor einiger Zeit habe er geträumt, daß er über
eine große Ebene reite und meiner Karawane begegne. Vergebens habe er
unter den Leuten seinen Bruder gesucht, und als er erwacht sei, habe
er gewußt, daß Aldat ein Unglück zugestoßen sein müsse. Wir rechneten
aus, daß der Traum genau mit Aldats Tod zusammentraf, und daß er nicht
erdichtet war, konnte Schagdur konstatieren. Kader Ahun hatte dem
Kosaken nämlich lange, bevor Nachrichten von uns eingelaufen waren,
sein Gesicht mitgeteilt und hinzugefügt, daß Aldat sicher tot sei.
Dies war der einzige Fall von Telepathie, der mir auf meinen Reisen
vorgekommen ist.
Nach weiteren zwei, der Ruhe, Lektüre und astronomischen Beobachtungen
gewidmeten Tagen ritten wir am 18. Oktober fast 50 Kilometer ostwärts
über kahle Einöden und Sandgürtel. Unsere Kamele und letzten Pferde
wurden unbeladen langsam nachgeführt. Es war sehr behaglich, wieder
auf einem großen, fetten, ausgeruhten Pferde zu sitzen, und ich freute
mich, daß unsere überlebenden Tiere jetzt über ein halbes Jahr in
Frieden weiden und der Ruhe pflegen würden; sie hatten es verdient.
+Bag-tokai+ (der Gartenwald) ist der Name einer kleinen,
armseligen Oase, die von Quellen aus dem sonst ganz sterilen Erdreich
hervorgezaubert worden ist. Hier trafen wir acht Männer aus Bokalik,
die auf dem Heimwege nach Tschertschen 11 Yake, 4 Kulane und 2
Orongoantilopen geschossen hatten. Sie konnten beim Verkauf der Felle
auf guten Verdienst rechnen. Wir gaben ihnen so viel Reis, wie wir
entbehren konnten; sie hatten den ganzen Sommer nur von Yak- und
Kulanfleisch gelebt, und wir wußten selbst, was es heißt, es schlecht
zu haben, und wie schön es ist, wenn der Speisezettel ein wenig
Abwechslung bringt.
Unsere Karawane war wieder zu einer ansehnlichen Reiterschar
angewachsen, als wir am 20. Oktober die Richtung nach Nordosten, nach
Temirlik, einschlugen. Die bösen Geister des Westwindes hatten sich
wieder verschworen, uns noch einmal tüchtig durchzubleuen, bevor wir
bei den Fleischtöpfen des Hauptlagers anlangten.
Auf halbem Wege begegnete mir Schagdur; mit militärischer Haltung saß
er wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde. Unser Zusammentreffen war
freudig, und wir hatten einander viel zu erzählen. Die meteorologischen
Ablesungen hatte er vortrefflich besorgt, und die selbstregistrierenden
Instrumente waren fehlerlos gegangen. Es dämmerte schon, als wir die
Quellen von +Temirlik+ erreichten. Hier kamen mir Faisullah und
Kader, der mit auf der Fähre gewesen war, entgegen und zeigten mir
unsere sechs ausgeruhten Kamele, die den ganzen Sommer ungestört
geweidet hatten. Am rechten Ufer des kleinen Baches, der von den
Quellen gebildet wird, stiegen die Funken mehrerer Feuer in die Luft
empor; hier stand das neue Hauptquartier wie ein Dörfchen. Dort sah man
zwei Zelte und die große mongolische Jurte, eine von Schilf und Zweigen
erbaute Hütte, ganze Stapel von Maissäcken und den schwereren Teil
der Kamellasten (Abb. 158). Ali Ahun, der Schneider, und Jakub, der
Postdschigit, begrüßten uns hier, und dazu noch viele Leute, die ich
noch nie gesehen hatte und die nur zufällige Gäste waren.
Auf dem linken Ufer steht eine doppelte Lößterrasse. Auf dem unteren
Absatz war bereits meine kleine Jurte aufgeschlagen und der angeheizte
Ofen hineingesetzt. In die obere Terrasse, die eine lotrechte Wand
bildet, haben die Mongolen in alten Zeiten Grotten hineingegraben, die
vorzügliche Zimmer abgeben (Abb. 159). Eines von ihnen hatte Schagdur
schon als eine vortreffliche photographische Dunkelkammer eingerichtet,
und sämtliches photographisches Zubehör stand dort bereit zur Benutzung
beim Entwickeln der Platten, die während der tibetischen Expedition
aufgenommen worden waren.
Damit war diese mühevolle Reise beendet, und wir konnten uns mit
gutem Gewissen ein paar Wochen der Ruhe hingeben. Die Reise hatte zu
großartigen geographischen Entdeckungen geführt, aber sie hatte auch
bedeutende Opfer an Strapazen, Leiden und Leben gekostet. Von den 12
Pferden lebten nur noch 2 und von den 7 Kamelen Los 4. Eines von ihnen
erreichte glücklich Temirlik und stand zwei Tage stolz aufrecht in dem
gelbgewordenen Grase; am dritten Tage legte es sich hin und starb,
ohne die Weide auch nur angerührt zu haben. Und auch ein Menschenleben
war verloren gegangen.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Über sechs Pässe.
Nachdem ich in der Jurte an den Quellen von Temirlik ordentlich
installiert war, wurde der Tag folgendermaßen eingeteilt: erst schlief
ich gründlich aus, dann aß ich mein Frühstück, beschäftigte mich
einige Stunden damit, Beobachtungsreihen und Tagebücher ins Reine
zu schreiben, um die Abschriften nach Hause schicken zu können, und
schrieb Briefe nach Europa; hierauf las ich schwedische Zeitungen in
einem von Islam gebauten Lehnstuhle am Ofen, in dem beständig ein
gemütliches Feuer knisterte. Wenn es dunkel wurde, wurde die schwarze
Grotte erleuchtet, wo ich bis zum späten Abend Platten entwickelte. War
ich mit allen diesen Arbeiten fertig, so erhielt ich in der Jurte mein
Mittagessen oder Abendessen, wie man es nennen will.
Meine Zeit wurde aber auch von vielen anderen Dingen in Anspruch
genommen. Löhne für die vergangene Zeit wurden ausbezahlt. Wir kauften
vier vortreffliche Kamele und besaßen jetzt im ganzen 14. Musa aus
Osch und der junge Kader wurden entlassen, weil sie sich nach Hause
zurücksehnten; der erstere mußte die gewaltige Post mitnehmen, die ich
für Kaschgar fertiggemacht hatte. Diese Post war in vieler Beziehung
wichtig. Ich hatte einen Überschlag über den Bestand der Reisekasse
gemacht und erkannt, daß er nicht ausreichte. Ich schrieb daher an
meinen Vater und an den schwedischen Gesandten in Petersburg und bat,
daß eine größere Summe in russischem Papiergeld an Generalkonsul
Petrowskij geschickt werden möchte, der letzteres dann in chinesisches
Silbergeld einwechseln und mir im nächsten Sommer nach Tscharchlik
schicken sollte. An Oberst Saizeff schrieb ich und bat ihn, mir eine
neue Sendung Konserven nach Osch zu schicken.
Vom 25. Oktober bis zum 4. November machten die Kosaken einen
Jagdausflug nach dem Kum-köll; sie wurden von Tokta Ahun, Mollah und
Togdasin begleitet und sollten ein paar Aufgaben lösen. Da ich selbst
nicht Zeit hatte, den Tschimen-tag und den Kalta-alagan auch von
dieser Gegend aus zu überschreiten, erhielt Schagdur den Auftrag,
eine Kartenskizze von dem Wege, den sie zurücklegten, zu zeichnen,
auf dem ganzen Zuge meteorologische Beobachtungen auszuführen und
namentlich die Höhe der Pässe zu bestimmen. Er löste diese Aufgabe
tadellos, und seine Karte stimmte vorzüglich, wie sich bei der später
von mir ausgeführten Kontrollrechnung herausstellte. Jedenfalls füllte
Schagdur durch diese von ihm gemachte Arbeit eine wichtige Lücke in
meinen eigenen Aufnahmen aus. Als die Kosaken wiederkamen, brachten sie
obendrein noch eine ganze Herde erlegten Hochwildes mit (Abb. 160).
Aber kalt und unfreundlich war es in den Bergen gewesen, die jetzt vom
Scheitel bis zur Sohle kreideweiß glänzten.
Unser Lager bot denselben lebhaften Anblick dar wie früher
Tura-sallgan-ui am Tarim. Alle Goldgräber und Jäger, die von Bokalik
zurückkehrten, statteten uns natürlich einen Besuch ab, und aus den
Tiefländern kamen Leute, welche Dienst suchten. Doch auf meiner
Terrasse hatte ich Ruhe und Frieden und Aussicht auf das Lager jenseits
des Baches, über den eine kleine Brücke führte. Nur Hunderte von Raben
störten mich mit ihrem heiseren Krächzen und mußten jedesmal, wenn eine
astronomische Beobachtungsreihe vorgenommen werden sollte, durch einige
Flintenschüsse erst verscheucht werden.
Am 11. November waren wir wieder zum Aufbruch bereit. Es war mein
Wunsch, ein vorher nie besuchtes Gebiet des Tschimen-tag und des
Akato-tag zu erforschen, eine Karte davon aufzunehmen und so eine große
Lücke in meiner Karte von Nordtibet auszufüllen. Ein Vergnügen war es
nicht, diese neue Exkursion, die mindestens einen Monat in Anspruch
nehmen würde, im bitterkalten Winter anzutreten; lieber wäre ich nach
den östlichen Wüsten gegangen, wohin ich mich sehr sehnte, aber auch
diese Arbeit mußte ausgeführt werden.
Als Teilnehmer waren Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai, Tokta Ahun,
Chodai Bärdi und Togdasin, der die betreffende Gegend ganz genau
kannte, ausersehen. Kutschuk und Nias begleiteten uns den ersten Tag,
um die Pferde führen zu helfen, die, ausgeruht und munter, anfangs
ihre Lasten abzuschütteln versuchten. Es waren ihrer 13; wir hatten
auch 4 Maulesel, dafür aber keine Kamele. Ich hatte mir selbst das
Versprechen gegeben, daß ich es nicht wieder so schlecht haben
sollte wie das letztemal, und nahm daher einen reichlichen Vorrat
Konserven, sowie den Ofen mit. In Temirlik sollte Schagdur Chef sein
und mit den meteorologischen Ablesungen fortfahren. Mein sämtliches
zurückbleibendes Gepäck wurde zum Schutze vor Feuersgefahr in einer der
Grotten untergebracht, an deren Eingang beständig Wache gehalten werden
sollte.
Da das Gebiet, welches wir jetzt erforschten, den Gegenden, die
wir im vorigen Sommer gesehen hatten, sehr ähnelte, werde ich
mich in der Folge kurz fassen. Sechs Tagemärsche führten uns nach
dem Ajag-kum-köll, wohin wir 140 Kilometer hatten. Den ersten Tag
durchquerten wir das Tschimental, seinen ebenen, unfruchtbaren
Lehmgrund und auf seiner Südseite einen Gürtel von höchstens 15 Meter
hohen Dünen und traten darauf wie durch ein Riesenportal von lauter
Granitfelsen in den Tschimen-tag ein. Die ganze Zeit über stiegen wir
nach Süden aufwärts. Von unserem Lager, wo ich es bald ebenso warm und
gemütlich hatte wie in Temirlik, beherrschte man das ganze Tal nach
Norden hin bis an den Akato, dessen domförmiges Gebirge sich ohne eine
Spur von Schnee auf seinem Kamme gen Himmel erhob.
Als ich nach einer herrlichen Nacht aus meinen Träumen geweckt wurde,
konnte ich mich erst gar nicht in die Tatsache hineinversetzen, daß
wir uns jetzt wieder auf dem Marsche befanden. Die kurze Ruhezeit
war gar zu schnell vergangen. Doch zu Grübeleien haben wir keine
Zeit; das Frühstück wird gebracht und verzehrt, dann geht es wieder
vorwärts durch eine Gebirgslandschaft von Granit in allen erdenkbaren
Abarten. Jetzt führte uns Togdasin nach dem Tschimen-tag über eine
Kette von Vorbergen auf einem bequemen Passe, auf dem der Schnee eine
zusammenhängende Decke bildete. Die Löcher der Murmeltiere waren zur
Hälfte vom Schnee verstopft, in welchem auch keine Spuren von diesen
Tieren zu sehen waren. Sie waren schon für den Winter zu Bett gegangen
und hatten es gut und warm in ihren Höhlen. Sie tun wohl daran.
Nordtibet ist schon im Sommer so unfreundlich, daß man gut tut, es im
Winter zu meiden.
Der Hauptpaß, der uns über den Tschimen-tag selbst führte, war sehr
bequem und bestand aus weichen, abgerundeten Hügeln ohne anstehendes
Gestein. Auf seiner Südseite gelangten wir in dasselbe Längental, das
wir im Juli weiter oben im Osten gekreuzt hatten. Unweit des Lagers
heißt die Gegend +Att-attgan+ (das erschossene Pferd), weil dort
ein Jäger, der längere Zeit Pech gehabt hatte und am Verhungern gewesen
war, schließlich sein Pferd hatte erschießen müssen, um Fleisch zu
bekommen. Unser Lagerplatz am Flusse heißt +Mölle-koigan+ (der
fortgeworfene Sattel), weil er hier seinen Sattel im Stiche gelassen
hatte.
Als wir auf der anderen Seite in ein schmales Tal eintraten, das nach
dem Kamm der Kalta-alagan-Kette hinaufführte, scheuchten wir eine
friedlich an den Abhängen weidende Yakherde auf. Sie ergriff die Flucht
und erschreckte ihrerseits eine Kulanherde, die sich höher oben befand.
Jetzt wälzten sich die schweren Bataillone lawinengleich in Wolken von
Sand und Staub den Berg hinab.
Im Süden des Passes haben wir einen steilen Abstieg in einer mit
Granitblöcken und Schutt besäten Talfurche. Nach dem Austritt aus der
trompetenförmigen Mündung des Tales schwenkt unser Weg nach Südwesten
und Westen ab und begleitet den Fuß der Bergkette (Abb. 162, 163),
deren Ausläufer und Verzweigungen von Wetter und Wind in launenhafter
Weise geformt worden sind. Sie gleichen Tischen, Lehnstühlen, Schalen
und Hälsen mit Köpfen, und manchmal hat sich die Kraft des Windes quer
durch dünnere Partien durchgefressen.
Der +Ajag-kum-köll+ blitzte am südwestlichen Horizont wie eine
riesenhafte Schwertklinge. Da aber der Weg dorthin noch weit war,
lagerten wir in der Einöde, wo trinkbares Wasser in 1,42 Meter Tiefe
gegraben wurde.
Während des Rasttages, der hier unseren Tieren geschenkt wurde,
erhielten Tscherdon, Togdasin, Islam Bai und Turdu Bai die Erlaubnis,
auf die Jagd zu gehen. Sie ritten in zwei Partien, aber nur die beiden
letztgenannten kamen abends wieder. Wir zerbrachen uns natürlich
sehr den Kopf darüber, was den anderen passiert sein könnte, und als
der Abend und die Nacht vergingen, ohne daß sie etwas von sich hören
ließen, fürchteten wir, daß sie sich verirrt hätten. Erst am nächsten
Morgen gegen 10 Uhr kamen sie in traurigem Zustand im Lager an. Eine
Archariherde verfolgend, waren sie wilde Täler hinaufgeritten, hatten,
als es gar zu steil wurde, ihre Pferde zurückgelassen und waren über
Block- und Geröllmassen weiter geklettert. Auf einmal war Togdasin
buchstäblich zusammengebrochen und hatte über entsetzliche Kopf- und
Herzschmerzen geklagt. Er konnte keinen Schritt mehr gehen und sich,
als Tscherdon die Pferde geholt hatte, nicht einmal im Sattel halten.
Die Nacht verbrachten sie infolgedessen mitten im ärgsten Geröll,
wo sie nicht einmal Wasser zum Trinken hatten. Der Kranke hatte den
Kosaken gebeten, allein ins Lager zurückzukehren, da er selbst auf alle
Fälle bald sterben werde und es ihm ganz gleichgültig sei, wo dies
geschehe.
Beide blieben in der Kälte liegen, und Tscherdon rüttelte von Zeit
zu Zeit Leben in seinen Kameraden und hinderte ihn am Erfrieren.
Beim ersten Tagesgrauen machten sie sich wieder auf und schleppten
sich langsam nach dem Lager hinunter. Togdasin befand sich in höchst
bedauernswertem Zustande und mußte auf seinem Pferde festgebunden
werden, als wir nach dem Seeufer hinabritten und in einer Gegend
lagerten, die nur spärliche Jappkakbüschel und kleine Eisschollen am
Ufer aufzuweisen hatte (Abb. 161).
[Illustration: 164. Turdu Bai und Kutschuk mit dem zusammengelegten
Faltboot. (S. 384.)]
[Illustration: 165. Der Verfasser im Faltboot auf dem Ajag-kum-köll.
(S. 384.)]
Am Morgen des 18. November wurde das Boot (Abb. 164) zu einer
Fahrt über die salzigen Tiefen des Ajag-kum-köll instand gesetzt
(Abb. 165). Es wurde von Tokta Ahun gerudert und trug eine
bedeutende Last, denn wir nahmen außer Segeln, Rudern, Rettungsbojen,
Tiefenlotungsapparaten und Instrumenten auch Proviant für zwei Tage,
nämlich Fleisch, Konserven, Brot und Kaffee, ferner Geschirr zum
Bereiten der Speisen, eine Tschugun (Kupferkanne) mit Wasser und einen
kleinen Beutel mit Eisstücken mit. Schließlich versahen wir uns auch
mit Pelzen und Filzdecken; so war der Raum in dem kleinen Fahrzeug
überall besetzt. Ich peilte ein für allemal ein kleines vorspringendes
Vorgebirge im Südwesten ein, auf das wir in gerader Linie zusteuerten.
Das Wetter war herrlich, der See lag ruhig und still, und nur eine kaum
merkbare Dünung bewegte seine Fläche.
Einmal in der Viertelstunde maß ich die Geschwindigkeit und lotete die
Tiefe, die nach der Mitte des Sees, wo sie 19,63 Meter betrug, zunimmt.
Unweit des Nordufers stießen wir auf ein dünnes, loses Eisfeld, das mit
Leichtigkeit forciert wurde. Diese Eisscheiben, die nur 1 Zentimeter
dick waren, glänzten so intensiv im Sonnenschein, daß ihr Anblick ohne
Schneebrille nicht zu ertragen war. Wahrscheinlich breitet sich vom
Flusse eine Süßwasserschicht über den salzigen See aus, und diese ist
es, die gefriert.
Das Arbeiten mit der Lotleine, die jedesmal, wenn sie heraufgeholt
wurde, gefror und so steif wie Holz wurde, war ein ziemlich frostiges
Vergnügen, und ich konnte mir zwischen den verschiedenen Lotungen kaum
die Hände wieder warm reiben.
Die Stunden enteilten, ohne daß wir uns dem Vorgebirge merklich
näherten. Aber wir kreuzten den See ja auch in der Diagonale. Am
Nachmittag erhoben sich Staubwirbel und Tromben auf dem südlichen Ufer
und verschmolzen bald zu einer einzigen graugelben Wolke, die über
den Erdboden hinjagte. Das bedeutete nichts Gutes. Hier herrschte
sichtlich starker Nordwestwind. Noch eine Weile, und wir hörten ein
Brausen im Westen; die ersten Windhauche erreichten uns, den eben noch
blanken Wasserspiegel trübte eine leichte Kräuselung, die mit großer
Schnelligkeit zu Wellen und Wogen anschwoll, und je weiter wir in den
Bereich der Windpeitsche eindrangen, desto höher wurden die Wogen. Wir
behielten den Kurs bei, bis das Stampfen des schwerbeladenen Bootes uns
zwang, nach Süden und Südosten zu rudern. Das einzige, was wir jetzt
zu tun hatten, war, zu versuchen, möglichst schnell das nächste Ufer
zu erreichen, denn es war nur zu wahrscheinlich, daß der Wind in einen
Sturm ausartete und uns gegen eine unwirtliche Küste schleudern könnte,
wo das zerbrechliche Fahrzeug vielleicht zerfetzt würde. Die Dämmerung
war schon eingetreten, und es wäre unter allen Verhältnissen mit Gefahr
verknüpft gewesen, in der Dunkelheit bei schwerem Seegang zu landen.
Die Karawane hatte Befehl, an demselben Tag 5 Stunden weit am Nordufer
entlangzugehen und in dem neuen Lager nachts ein Feuer zu unterhalten,
das uns zur Leitung dienen sollte, falls wir die Nachtzeit zur
Rückfahrt benutzten. Dieses Feuer ist uns jedoch überhaupt nicht zu
Gesicht gekommen, weil die Entfernung zu groß und die Luft voll dicken
Staubes war.
Mittlerweile tanzte das Schiffchen auf seiner gefährlichen Straße
weiter. Glücklicherweise hatten sich Wind und Wellen über das Eis
am südlichen Ufer hergemacht; dieses hätte sonst unser Boot wie mit
Messern zerschnitten. Die weiße Linie, die vor uns in der Dunkelheit
leuchtete, war die Brandung der schäumenden Wogen am Ufer, das
glücklicherweise aus Sand bestand und ziemlich steil nach dem See
abfiel. Ehe wir uns dessen versahen, befanden wir uns mitten in
der tobenden Brandung. Das Boot wurde von einer Welle auf das Ufer
geworfen, aber vom zurücklaufenden Wasser sogleich wieder mitgezogen,
dann von neuem emporgeschleudert, so daß seine Holzrahmen knackten und
der Segeltuchrumpf sich bis zur Gefahr des Zerplatzens ausbauchte.
Doch nun sprang Tokta Ahun ins Wasser, und mit vereinten Kräften zogen
wir das Boot an Land, was uns jedoch erst gelang, nachdem ein paar
heranstürmende Wellen hineingeschlagen waren und einen Teil unserer
Habseligkeiten durchnäßt hatten.
Wir lagerten unmittelbar am Ufer im Schutze eines kleinen Hügels. Hier
gab es sehr viele Köuruk-Pflanzen, eine Art kleiner, niedriger holziger
Steppengewächse, die ein vortreffliches Feuermaterial abgaben und
von denen wir einen gewaltigen Haufen sammelten. Das einzige Zeichen
von Leben waren Gänsefedern und Kulanspuren. Von der Landschaft war
nichts zu sehen, denn wir waren von undurchdringlicher Nacht umgeben
und fanden das Brennmaterial nur mit Hilfe hier und dort angezündeter
kleiner Filialfeuer.
Als der Vorrat hinreichend groß war, ließen wir uns mit umgehängten
Pelzen am Lagerfeuer nieder, stellten die kupferne Kanne mit Wasser auf
die Glut und bereiteten uns ein hochfeines Abendessen, das für mich aus
Ochsenschwanzsuppe, Käse, Brot und Kaffee bestand, während sich Tokta
Ahun an einer Hammelkeule gütlich tat und Tee dazu trank. Dann blieben
wir noch gemütlich sitzen, qualmten mit unseren Pfeifen und schmiedeten
großartige Pläne für die beschlossene Winterreise durch die Wüste Gobi
nach den Kara-koschun-Sümpfen, die Tokta Ahun so genau kannte wie seine
Tasche.
Der Wind flaute ab, der Himmel klärte sich auf und kündigte eine kalte
Nacht an. Um 9 Uhr hatten wir -14 Grad, die Feuerung war zu Ende,
und es war Zeit, sich schlafen zu legen. Mein ehrlicher Ruderer hörte
meinen Vorschlag, die beiden Boothälften als Zelte zu benutzen, mit
skeptischer Miene an; er mußte aber bald eingestehen, daß es eine
außerordentlich schlaue Idee war. Wir rollten uns wie Knäuel unter
der Bootschale zusammen und sahen mit einem gewissen Beben einer
eiskalten Nacht entgegen. Ich schlief auch nur einige Stunden. Dann
jagte mich die starke Kälte von -22,1 Grad auf, und ich weckte meinen
Reisekameraden, der mir aus diesem nicht für helle Sommerträume
geschaffenen Neste heraushalf.
Wir waren halb erfroren, als wir aus unseren dünnen Schalen krochen.
In den Füßen hatte ich das Gefühl verloren, obwohl sie in vier Paar
Strümpfen und gewaltigen, von Ali Ahun angefertigten, mit Lammfell
gefütterten Stiefeln steckten. Unsere erste Sorge war daher, Material
zu einem ordentlichen Feuer zu sammeln, und an diesem mußte ich mich
ausziehen, um das Blut durch Reiben wieder in Umlauf zu bringen. Doch
die Nachtkälte liegt einem noch den ganzen Tag in den Knochen, bis man
wieder in seine gewöhnlichen, relativ bequemen Verhältnisse gelangt.
Bei 19 Grad Kälte stießen wir das Boot vom Lande ab und ruderten im
herrlichsten Wetter über den See in der Richtung der Gegend, wo die
Karawane, unserer Meinung nach, angelangt sein und uns erwarten mußte.
Die Maximaltiefe betrug hier 24 Meter.
Schon weit draußen vom See aus glaubten wir, auf der rechten Spur zu
sein, und vermeinten, Zelt und Jurte und Pferde zu sehen. Als wir uns
aber genügend genähert hatten, um die Gegenstände mit dem Fernglase
deutlich erkennen zu können, verwandelten sich jene beiden in zwei
kleine Hügel, diese aber in eine Kulanherde. Wir landeten jedoch,
um zu konstatieren, daß die Karawane hier vorbei und nach Westen
weitergezogen war. Zwei Bären waren kürzlich nach Osten getrabt, um die
Murmeltiere in ihrem tiefen Winterschlafe zu stören.