[Illustration: 160. Tscherdon und Schagdur mit ihrer Beute. (S. 382.)

Rechts der Schneider Ali Ahun.]

[Illustration: 161. Die Packpferde am Ufer des Ajag-kum-köll. (S.

384.)]

Ein eigentümlicher, kalter, feuchter Nebel lag am 6. Oktober über dem

Seebecken, und durch seinen Schleier zeichnete sich die nördliche

Bergkette matt und schwach, aber doch malerisch ab. Sie schien leicht

auf die Leinwand des Himmels hingeworfen zu sein, und zu oberst

leuchtete der Schnee halbklar hindurch. Infolge der gedämpften Nuancen

schien die Kette noch mindestens eine Tagereise entfernt zu liegen.

Die Karawane ist im Sterben, und im Begräbnistempo schreiten wir die

langsame Steigung hinan. Kulane und besonders Orongoantilopen kommen

zu Hunderten vor. Jolldasch erbeutete eine der letzteren, die er über

die Nase biß und sie dann festhielt, bis Tscherdon hinzukam und sie

erstach; dadurch erhielten wir eine sehr notwendige Verstärkung unseres

Proviantes.

Die Steigung nimmt zu; wir überschreiten zahllose Schluchten und

Pässe; oft müssen wir eine Weile rasten, um die Tiere Atem schöpfen zu

lassen. Bald wird gemeldet, daß ein Pferd nicht weiterkann. Kaum ist es

erstochen worden, als sich schon ein zweites hinlegt, um nicht wieder

aufzustehen. Ehe wir diesen abscheulichen Paß erreichten, der für eine

ausgeruhte Karawane eine Bagatelle gewesen wäre, waren noch zwei Pferde

verlorengegangen, unter ihnen mein treuer Wüstenschimmel, der mich nach

Tschertschen und Altimisch-bulak getragen hatte.

Die Aussicht vom Passe war ebenfalls nicht erfreulich. Auf beiden

Seiten hatten wir kleine Gletscherzungen und im Norden ein Gewirr

von Bergen. Merkwürdigerweise bekamen wir die Kamele hinüber, worauf

wir in einer Kluft lagerten, in der jedoch weder von Gras noch von

Brennmaterial die geringste Spur zu finden war.

Soviel Reis, wie nur irgendwie entbehrt werden konnte, wurde an

die letzten Pferde verteilt, die angebunden und mit Filzdecken

zugedeckt wurden. Am Morgen lag eines von ihnen tot in der Reihe mit

vorgestrecktem Halse, starren Augen und schon steif gefroren. Keiner

hatte gemerkt, wann und wie seine Qual zu Ende gewesen war, und die

noch vorhandenen Pferde schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie waren

zu erschöpft und ermattet, um Teilnahme zu zeigen; sie schienen sich

nur nach Ruhe zu sehnen, und sie starben ohne einen Seufzer, ohne einen

Klagelaut, während es mich unsagbar schmerzte, ihren Untergang auf

meinem Gewissen zu haben.

Bewundernswert in ihrer Resignation lagen die Kamele wie gewöhnlich

regungslos in derselben Stellung, in der wir sie am Abend vorher

verlassen hatten. Sie waren mit Reif bepudert und blickten sehnsüchtig

nach dem Tale hin, dem wir dann nach Nordosten folgten. Sehr lange

konnten wir es nicht mehr aushalten. Die Tagemärsche wurden immer

kürzer, und die Kräfte der Tiere waren bis aufs äußerste erschöpft.

Die Nacht auf den 8. Oktober war ruhig, kalt und klar, und die

Minimaltemperatur sank bis auf -18,3 Grad. Eiskalte Luft strömte durch

das Tal herunter; es war der gewöhnliche Nachtwind, der wie Wasser

in seinem Bett strömt. Schon um 8 Uhr hatte er aufgehört zu wehen,

und wenn kein Sturm losbricht, kehrt er im Laufe des Tages um. Diesem

scharfausgeprägten Tale folgten wir nach Nordosten. Eine frische

Karawane könnte von hier in vier Tagen nach Temirlik gelangen, mit uns

aber ging es langsamer. Nur sechs kleine Stücke Brot waren noch da, und

Reis hatten wir für drei oder vier Tage. Es hatte den Anschein, als

würden wir während der letzten Strecke hungern müssen. Es wäre schön

gewesen, wenn wir hätten Brennmaterial finden können, aber diese Gegend

wird nicht von Yaken besucht.

In pfeifendem Schneegestöber zogen wir durch dieses Tal, das sich

bald zu einem Hohlwege zusammendrängt, dessen Boden mit ganzen Mauern

und Stapeln von herabgestürzten, teilweise rundgeschliffenen Blöcken

bedeckt ist. Es ist ein außerordentlich energisch in den Granit

eingesägtes Durchbruchstal, und die Landschaft trägt die gewöhnlichen

wilden, felsigen, malerischen und launenhaften Charakterzüge des

Granits. Ich saß buchstäblich festgeschneit auf meinem stolpernden

Pferde, die meisten der Leute aber mußten zu Fuße gehen, da ihre

Reittiere gefallen waren. Unaufhörlich kreuzten wir den Fluß, um

möglichst auf den ebeneren Erosionsterrassen bleiben zu können. Oft

trägt das Eis des Flusses sogar die schweren Kamele und muß dann mit

Sand bestreut werden; da aber, wo es nicht trägt, wird es vorher mit

Steinen und Stangen zertrümmert. Manchmal brechen die Tiere ein und

fallen. Die alten Kamele bewährten sich auf diesem schwierigen Terrain

vorzüglich, trotzdem sie nun auch noch die Lasten der toten Pferde

tragen mußten.

Das Tal trägt den Namen +Togri-sai+ (das gerade Tal) (Abb. 154)

und ist den Goldgräbern aus Tschertschen und Kerija wohlbekannt;

hier gibt es nämlich ein Goldfeld, das wir auf dem heutigen Marsche

passierten. Vor ungefähr einem Monat sollten die letzten Goldgräber

abgezogen sein; jetzt gab es im Tale keine frischen Spuren von

menschlichen Besuchern mehr. Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres

Weges zurückgelegt, als wir die drei ersten, aus Granitstücken erbauten

Hütten passierten. In der Nähe sahen wir eine Menge Gruben in den

Schuttbetten, umgeben von Sand- und Schuttwällen, welche die Goldgräber

aufgeworfen hatten. Selten sind diese Gruben mehr als 2½ Meter tief.

Man kann sie zu mehreren Hunderten zählen; die meisten sind längst

verlassen, einige aber scheinen während des letzten Sommers bearbeitet

worden zu sein. Die Hütten sind sehr provisorisch, viereckig mit 2-3

Meter langen Seiten; die Mauern sind von Blöcken ohne das geringste

Bindemittel aufgetürmt, und das Dach besteht im besten Falle aus grober

Leinwand oder einer Filzdecke, unter die eine Stange gelegt wird. Hier

und dort laufen in diesem asiatischen Klondike Gänge und Zäune zwischen

den Schutthaufen hin, und an einigen Gruben waren Zeichen aufgerichtet,

z. B. ein Antilopenschädel oder eine Kulanhaut auf einer Stange,

wodurch das Besitzrecht angezeigt wird. Manchmal hat der Besitzer sein

Gebiet noch besonders mit einer niedrigen Mauer von Granitstücken

eingefriedigt.

Einige Hütten besaßen sehr einfache Öfen zum Brotbacken. Die Goldgräber

bringen einen Vorrat von Mehl mit, leben im übrigen aber von Yak-,

Kulan- und Antilopenfleisch, das ihnen von den Jägern, die um des

Verdienstes willen in dieser Wildnis mit ihnen kampieren, für eine

geringe Summe überlassen wird. Die Vorräte werden auf Eseln hierher

befördert, die für die Zeit von zwei Monaten, während welcher in

den Gruben gearbeitet wird, in die tiefer gelegenen Täler, wo es

Weideland gibt, hinuntergeschickt werden. Nur in zweien der Hütten

fanden wir einiges Hausgerät, ein paar plumpe Harken, um den Schutt

von den goldhaltigen Gesteinarten zu entfernen, eine Bahre, ein paar

Dachfirststangen und einen Trog zum Backen oder Goldwaschen. Wir

machten uns kein Gewissen daraus, dieses vortreffliche Holz, das uns

mehrere Tage ein prächtiges Feuer liefern sollte, mit Beschlag zu

belegen.

Eines der Kamele verfiel sichtlich und wurde zurückgelassen, sollte

aber am folgenden Morgen in das Lager geholt werden. Bei kaltem Wetter

mit Schneegestöber und -3 Grad zogen wir außerordentlich langsam

abwärts. Erst um 11 Uhr lagerten wir in 4515 Meter Höhe nach diesem

anstrengenden, aber interessanten Tage; eben war der Mond wieder aus

der Nacht der Schneewolken hervorgetreten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Ein trügerisches Feuer.

Das Kamel starb während der Nacht und war schon steif gefroren,

als Turdu Bai es aufsuchte. Es wurde der Preis, den die Götter des

Togri-sai-Tals für den Brennholzraub forderten. Jetzt blieb uns gerade

noch die Hälfte der ursprünglichen Zahl der Karawanentiere, 6 Kamele,

3 Pferde und 1 Maulesel. Da auch diese Tiere sich in jämmerlicher

Verfassung befanden, mußten alle Mann zu Fuß gehen.

Es ist lehrreich, die Kamele zu beobachten (Abb. 155). Sie sind

prächtige Tiere, stets ruhig und geduldig in ihrem harten, ermüdenden

Dienste, und es ist ein Vorbild für den Menschen, einen solchen Riesen

ohne einen traurigen Blick in seinem erlöschenden Auge, ohne einen

Klagelaut über den Verlust eines Lebens, dessen einzige Befriedigung

mit frischen, sättigenden Weideplätzen verknüpft gewesen ist,

zusammenbrechen zu sehen. Das Tier machte seinen Tagemarsch, solange

es noch konnte; es ging mit schwankenden Füßen, aber hocherhobenem

Kopfe, es suchte nicht mehr nach Gras zwischen diesen unfruchtbaren

Granitfelsen; würdig und majestätisch blieb es bis an die Stelle, wo

sein Gebein im Tale bleichen wird. Als es nicht mehr imstande war, noch

einen Schritt weiter zu tun, als die Schatten des Todes sein Bewußtsein

umflorten, nahm es einen letzten Abschied von dem entfliehenden Tage

und legte sich so bequem nieder, wie das Schuttbett es erlaubte. Den

anfeuernden Schlägen setzte es stolze Verachtung entgegen; einige

Peitschenhiebe mehr oder weniger bedeuteten für das Tier nichts mehr,

das jetzt im Begriffe stand, das irdische Leben für immer zu verlassen.

Das Tal erweitert sich immer mehr. Nach Weide suchen nützte nichts,

und die Tiere konnten nicht weit gehen. Wir mußten Halt machen, um sie

ruhen zu lassen, und die letzten Packsättel wurden ihres Strohpolsters

beraubt.

Langsam, müden Schrittes wanderten wir am 10. Oktober nach Nordnordost

in demselben Tale weiter. Auch ich ging zu Fuß, um das mir noch zur

Verfügung stehende Pferd zu schonen. Der Fluß ist nach den -18,8

Grad in der Nacht fest zugefroren. Ich ging nach der rechten Talseite

hinüber, um das Gestein zu untersuchen, und fand dort durch reinen

Zufall einige sehr interessante Zeichnungen. Sie sind auf von Wind und

Wetter blankgeschliffenen, dunkelbraun gewordenen Flächen von sonst

hellgrünem Schiefer angebracht, und dadurch, daß sie mit einem spitzen

Werkzeug durch die äußerste Rindenschicht hindurch eingehauen sind,

treten sie deutlich in hellen Linien auf dunkelm Grunde hervor. Ihr

Alter muß bedeutend sein, denn einige Teile der Bilder sind verwischt.

Die dargestellten Szenen sind alle dem Leben eines Jägers entnommen.

Dieser Jäger ist ein vielseitiger Mensch gewesen. Er hat Yake, Kulane,

Orongoantilopen und Wölfe im Gebirge, Enten, Gänse und Tiger am

Lop-nor gejagt. Besonders beachtenswert ist der Umstand, daß alle fünf

abgebildeten Schützen sich des Bogens bedienen. Die Felsenzeichnungen

rühren also von einem Meister her, dem Feuerwaffen noch unbekannt

waren, denn sonst hätte er die Flinte auf ihrer Stützgabel abgebildet.

Die langen Pfeile haben nach vorn gerichtete Widerhaken und gleichen

dem Dreizacke Neptuns.

Obgleich nur mit ein paar Konturlinien ausgeführt, sind die

verschiedenen Tiere charakteristisch und leicht erkennbar gezeichnet.

Die Schützen sind in verschiedenen Positionen dargestellt, bald

stehend, bald kriechend, bald liegend; derjenige, welcher seinen Pfeil

gegen den Tiger richtet, hat es für das Sicherste gehalten, im Sattel

sitzenzubleiben. Die drei Felsplattenflächen, denen der Meister seine

Kunstwerke anvertraut hat, sind 1½ und 1 Meter hoch und die Bilder

ungefähr 3 Dezimeter lang. Gewiß stammen sie aus der Zeit, als Mongolen

am Lop-nor wohnten und wahrscheinlich einen Teil des Sommers im Gebirge

zubrachten.

Eine kräftige Stütze für die Richtigkeit dieser Annahme erhielt ich

an dem Punkte, wo wir am linken Ufer des Flusses auf ziemlich gutem

Weidelande lagerten (4067 Meter). Hier fanden wir einen mongolischen

Obo, einen zusammengetragenen Steinhaufen mit Schieferscheiben, in

welche alle „~Om mani padme hum~“ (O das Kleinod im Lotos,

Amen), das Fundamentaldogma des Lamaismus, in tibetischen Buchstaben

eingehauen war (Abb. 157).

Wegen dieser Menschenspur war uns die Stelle sympathisch, und wir

hielten uns noch einen Tag bei dem Obo auf. Dieser Tag brachte eine

große, erfreuliche Veränderung in unserer Lage hervor. Tscherdon hatte

dicht beim Lager mit Aldats letztem Schusse einen jungen Kulan erlegt,

als Mollah Schah atemlos zu mir gelaufen kam und mir sagte, er habe

fern im Osten zwei Jäger zu Pferd gesehen. Er wurde sofort beauftragt,

ihnen nachzusetzen und sie um jeden Preis ins Lager zu bringen. Sie

kamen und waren anfangs ein wenig scheu, wurden aber bald zutraulich.

Drei Monate hatten sie im Gebirge zugebracht und die Goldgräber mit

Kulanfleisch versehen. In Temirlik waren sie nicht gewesen; wir

schwebten also noch immer in Unkenntnis über unser Hauptquartier.

Durch diese unerwartete Berührung mit Menschen nach 84tägiger

Isolierung hob sich die Stimmung. Ich kaufte sofort ihre beiden Pferde,

die, mit den unseren verglichen, wie englisches Vollblut aussahen.

Ein kleiner Sack Weizenmehl kam uns ebenfalls vortrefflich zupasse.

Was uns aber am meisten interessierte, war die abends am Lagerfeuer

geführte Unterhaltung. Mollah Schah hatte sich schon erboten, zu Fuß

nach Temirlik zu gehen und eine Entsatzkarawane aufzubieten, doch

das war jetzt nicht mehr nötig. Togdasin, so hieß der eine Jäger,

kannte die Gebirgspfade genauer und sollte auf seinem eigenen, eben

an mich verkauften Pferde nach dem Hauptquartier reiten und eine

Entsatzkarawane holen. Er sollte in zwei Tagen dort sein und Islam Bai

den Auftrag bringen, uns mit 15 Pferden und Proviant bis an die Quellen

von Supa-alik, zwei Tagereisen westlich von Temirlik im Tschimentale,

entgegenzukommen.

Um 11 Uhr in der Nacht sprengte Togdasin fort. Er nahm ein paar

leere Konservenbüchsen mit, um seine Legitimation als mein Kurier zu

bekräftigen und Islam begreiflich zu machen, daß er mir neue Büchsen

von derselben Art mitzubringen habe. Togdasins ganzer Proviant bestand

aus einem kleinen Stück Kulanfleisch. Ich beneidete ihn nicht um seine

nächtliche Reise; die letzte Nacht hatten wir -20,2 Grad gehabt; es war

ihm aber eine ansehnliche Vergütung versprochen, wenn er seinen Auftrag

gut ausführen würde. Er konnte sich natürlich mit dem Pferd aus dem

Staube machen, aber ich vertraute ihm, obwohl er uns fremd war, und er

vertraute uns.

Die beiden folgenden Tagemärsche führten uns aus dem Togri-sai hinaus

eine gute Strecke ostwärts im Tschimentale. Der +Piaslik+, die

mächtige Bergkette, die sich auf der Südseite des Tales erhebt und die

Fortsetzung des Tschimen-tag bildet, sandte eine ganze Reihe wilder,

felsiger Kulissen nach Norden in das Tal hinein. Am 14. Oktober

brachen wir in ungewöhnlich heiterer Stimmung auf, die dadurch,

daß fast alle zu Fuß gehen mußten, nicht herabgedrückt wurde. Nach

unseren Berechnungen mußten wir am Abend mit der Rettungsexpedition

zusammentreffen.

Im Norden erhebt sich der +Illwe-tschimen+ mit seinen

schneebedeckten Gipfeln (Abb. 156); über alle die zahllosen, jetzt

trockenen Schluchten, die seine Abhänge durchfurchen, mußten wir

hinüber, und sie machten uns viel Mühe. Mollah Schah verbürgte sich

dafür, daß wir die Quellen von Supa-alik, wo wir Islam am Abend treffen

sollten, noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, aber er

wußte in der Gegend offenbar nicht Bescheid, und der zweite Jäger hatte

uns nur zwei Tagereisen weit begleitet und war dann wieder umgekehrt.

Es wurde dunkel, es wurde pechfinster, ohne daß wir einen Schimmer von

den Quellen erblickten. Wir verloren den Pfad, dem wir bisher gefolgt

waren. Hier und dort wuchsen Jappkakbüsche, Gras aber fehlte. Dank

dem festen Boden hielten jedoch die Tiere diese lange Wanderung aus.

Nachdem wir, müde und schläfrig, anderthalb Stunden in rabenschwarzer

Nacht marschiert waren, blieben Mollah Schah und Nias, die vorangingen,

stehen und signalisierten ein Feuer in der Ferne. Dieser Anblick

elektrisierte uns alle, und wir beschleunigten unsere Schritte. War

das Feuer klein, so konnte es in der Nähe brennen, war es aber groß,

so würden wir es über Nacht nicht mehr erreichen. Jedenfalls war es

klar, daß der Kurier in Temirlik gewesen war und daß Islam sofort mit

der Hilfsexpedition aufgebrochen, spornstreichs hierher geritten und

vielleicht gerade angekommen war, Feuer zum Abendessen angezündet

hatte und bis zum Ausgange des Mondes zu rasten beabsichtigte, um uns

dann noch weiter entgegenzugehen. Er mußte sich sagen, daß unsere

Lage, da wir uns so verspäteten, kritisch sein konnte und daß wir,

von allem entblößt, schneller Hilfe bedurften. Jetzt endlich fühlten

wir uns wirklich erleichtert; es war uns, als hätten wir das Ende

unserer Mühen und Entbehrungen gerade vor uns und brauchten uns nur

wenig anzustrengen, um es zu erreichen. In später Nachtstunde würden

wir dieses gleich einem Leuchtturme freundlich lockende und leitende

Feuer erreichen, wir würden bald um seine Glut herumsitzen und uns mit

den Unsrigen unterhalten, würden erfahren, wie es ihnen gegangen, und

von unseren Abenteuern erzählen, während eine prächtige, heißersehnte

Mahlzeit für unsere ausgehungerten Mägen zubereitet würde.

In schwarzer Nacht gingen wir gerade auf das Feuer zu, das bisweilen

verschwand, jedoch bald wieder aufloderte. Wir hatten einen Lotsen,

der uns vor allen gefährlichen Schluchten warnte. Ich hielt mich an

dem Boote, das von einem Kamel getragen wurde, und ging immer nach der

anderen Seite hinüber, wenn mir die Hand zu erfrieren begann; dann

hielt ich mich mit der anderen, bis auch diese alles Gefühl verloren

hatte und die erste inzwischen wieder warm geworden war.

Während einer langen Strecke war das Feuer nicht sichtbar, unsere

Hoffnung erlosch, und die Müdigkeit kam wieder. Vielleicht lagerten

dort nur einige Goldgräber. Wir blieben stehen und riefen und sammelten

Jappkakbüschel, mit denen wir ein gewaltiges Feuer anfachten. Doch

kein Zeichen von Verständigung ließ sich wahrnehmen. Aus dem Revolver

wurden ein paar Schüsse abgefeuert, die in der dunkeln Nacht klanglos

verhallten, ohne auch nur von einem Echo beantwortet zu werden. Mit

verhaltenem Atem lauschten wir; still wie ein Grab lag die Gegend,

und das Feuer zeigte sich nicht mehr. Vielleicht waren sie von einem

forcierten Ritt todmüde und schliefen fest.

Als wir unser eigenes Feuer, an dem wir eine halbe Stunde gerastet

und uns für eine Weile erwärmt hatten, verließen, war die Dunkelheit

vor uns noch undurchdringlicher als vorher. Ein Blinder kann keine

schwärzere Nacht vor Augen haben, und unwillkürlich blickte ich zu den

Sternen empor, um mich zu überzeugen, daß ich mein Augenlicht nicht

verloren hatte. Stunde auf Stunde marschierten wir nach Osten weiter

und zogen unsere müden Tiere, die Weide zu wittern schienen, da sie

sich nicht weigerten, uns zu folgen.

Jetzt flammte das Feuer wieder auf, und die eben noch stumm

einherwandernden Männer sprachen wieder eifrig miteinander. Wir

passierten die ersten Malgunsträucher, deutliche Vorboten nahen

Wassers; wir konnten nicht mehr weit von den Quellen entfernt sein.

Dann wurde dieser falsche Feuerschein wieder matter und erlosch. Die

Männer riefen alle fünf Minuten mit der ganzen Kraft ihrer Lungen, aber

ihre Stimmen verhallten ungehört in der Nacht. Ich hätte mich versucht

fühlen können zu glauben, ein Irrlicht wolle uns foppen, es schwebe vor

uns her und entferne sich in dem Maße, wie wir uns näherten.

Unsere Geduld war auf eine zu starke Probe gesetzt worden, unser mit

dem Feuer entflammtes Interesse erschlaffte wieder, als jenes erlosch,

und die Müdigkeit erhielt von neuem die Oberhand. Als wir den nächsten

Gürtel von Buschholz und Gestrüpp erreichten, kommandierte ich zu

allgemeiner Zufriedenheit Halt. Wir waren über 12 Stunden gewandert,

hatten aber dennoch nicht mehr als 43 Kilometer zurückgelegt.

Menschen und Tiere waren so erschöpft, daß die Karawane sich beim

Scheine des in aller Eile angezündeten Feuers höchst kläglich ausnahm.

Der Atem der Kamele bildete in der Kälte Wolkensäulen, die Leute

saßen jeder da, wo er stehengeblieben war, auf der Erde, und die

fehlgeschlagene Hoffnung ließ uns unsere Erschöpfung doppelt fühlen.

[Illustration: 162. Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16.

November). (S. 384.)]

[Illustration: 163. Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16.

November). (S. 384.) (Fortsetzung nach rechts des Bildes Nr. 162.)]

Doch auch eine erfreuliche Entdeckung wurde in dem Feuerscheine

gemacht. Es stellte sich heraus, daß unser Glücksstern uns nach einem

vorzüglichen Weideland mit gutem, hohem Gras und Brennholz in Hülle

und Fülle geführt hatte. Eine Kanne Flußwasser war noch da, und

es reichte zu einer Tasse für die Person. Tee und ein paar Stücke

Kulanfleisch, die über dem Feuer geröstet wurden, waren alles, was wir

noch besaßen. Das Lager wurde ganz provisorisch aufgeschlagen, da wir

am folgenden Morgen auf jeden Fall früh aufstehen und die Quellen

suchen wollten. Das trügerische Feuer ließ sich nicht wieder sehen,

aber der Mond schien, und für den Fall, daß die Unsrigen sich in der

Nähe befänden und in der Nacht weiterzureiten gedächten, unterhielten

wir noch anderthalb Stunden lang ein großes Signalfeuer. Und dann

fielen wir unter dem klaren, sternenfunkelnden Himmelsgewölbe in einen

todähnlichen Schlaf. Wir befanden uns hier wieder auf einer Höhe von

nur 3471 Meter.

Am Morgen des 15. Oktober fanden die Männer eine nur ein paar hundert

Meter entfernte Süßwasserquelle, und da das Lager in jeglicher Hinsicht

vortrefflich war, beschlossen wir, hier den Gang der Ereignisse

abzuwarten. Mollah Schah, der auf Kundschaft ausgewesen war, erklärte,

das gestrige trügerische Feuer sei von Jägern angezündet worden, die

jetzt mit ihren gesammelten Fellen nach Tschertschen zurückkehrten

und uns augenscheinlich absichtlich auswichen, weil sie nicht wissen

konnten, was für Leute wir sein würden. Wir waren also wieder auf uns

selbst angewiesen und wußten nicht, was wir von der Hilfsexpedition

und der Zuverlässigkeit des Kuriers Togdasin denken sollten. Tscherdon

hatte von ihm etwas Pulver und Blei erhalten und war den ganzen Morgen

fort, um uns eine Antilope zu verschaffen. Den Tieren ist jedoch in

dieser von Jägern oft besuchten Gegend schwer beizukommen.

Um 2 Uhr kam er mit leeren Händen wieder. Dafür aber sagte er, daß er

im Westen etwas Schwarzes sehe, von dem er erst geglaubt habe, es sei

eine Kulanherde, das er jetzt jedoch für Reiter halte, die sich unserem

Lager näherten.

Ich eilte mit dem Fernglase hinaus. Eine berittene Schar sprengte

wirklich in einer Staubwolke heran. Von einem Hügel beobachteten wir

die Schar mit größter Spannung. Sie war noch weit, weit entfernt, aber

über den Vegetationsgürtel hinweg, den sie noch nicht erreicht hatte,

gut zu sehen. Infolge der Luftspiegelung schien sie etwas über dem

Erdboden zu schweben, doch an den auf und nieder hüpfenden Bewegungen

merkte man, daß die Männer im Galopp ritten. Jetzt verschwanden sie

zwischen der dunkleren Vegetation, aber die Staubwolke erhob sich noch

über den Büschen. Es mußten die Unseren sein, die unser Signalfeuer

nicht bemerkt hatten, sondern erst in der Frühe weitergeritten waren,

bis sie die Spur der Kamele gefunden hatten und dann umgekehrt waren,

um uns ausfindig zu machen.

Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als zwei Reiter diesseits des

Gebüsches auftauchten; dann erschienen noch zwei und eine ganze Herde

von Pferden, die jene vor sich her jagten. Sie ritten in Karriere.

Jetzt erkannte ich Islam an seinem Lederbaschlik. Er ritt auf einem

Schimmel an der Spitze. Er trieb sein Pferd zu noch schnellerem Laufe

an, so daß er einige Minuten vor den anderen ankam, stieg in einiger

Entfernung ab und grüßte. Er sah gesund und munter aus und meldete, daß

im Hauptquartier alles in Ordnung sei. Die übrigen waren Musa aus Osch,

Chodai Värdi und Tokta Ahun aus Abdall.

Es war ihr Feuer gewesen, das wir gesehen hatten. Sie waren richtig

in aller Frühe aufgebrochen und scharf nach Westen geritten, bis

sie unsere Spuren gesehen und erkannt hatten, daß wir aneinander

vorbeigegangen waren.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 40 / 42 段