Es blieb uns also nichts weiter übrig, als am Ufer entlangzurudern, um

die Unseren aufzuspüren. Ganz hinten im Westen zeigte sich unter der

sinkenden Sonne eine Rauchwolke, wir konnten aber nicht entscheiden,

ob sie von einem Feuer herrührte oder aus von fliehenden Kulanen

aufgewirbeltem Staube bestand. Ein stumpfer Vorsprung nach dem anderen

wurde in der Dämmerung umschifft, und Tokta Ahun schob jetzt das Boot

in seichtem Wasser mit dem Ruder längs des Ufers weiter. Ich saß ganz

steif gefroren in der vorderen Hälfte des Bootes, der Ruderer aber

hielt sich warm und sang ein schwermütiges Lied aus den Hütten von

Abdall. Schließlich drang ein Feuerschein durch das Dunkel, aber diese

nächtlichen Feuer sind, so belebend sie auch anfangs wirken, meistens

trügerisch. Nachdem wir drei Stunden auf den Schein zugerudert waren,

verschwand er wieder. Wir setzten jedoch unseren Weg fort und stießen

von Zeit zu Zeit gellende Rufe aus, die endlich durch Hundegebell

beantwortet wurden. Da loderte das Feuer in unserer unmittelbaren

Nachbarschaft auf, und ein Fackelträger nahm uns am Ufer in Empfang.

Togdasin, den wir gleich Aldat im Gebirge gefunden hatten, schien zu

demselben Schicksale verurteilt zu sein wie dieser. Die Krankheit

nahm sichtlich eine Wendung zum Schlechten. Der Mann lag, wie die

Muselmänner zu tun pflegen, wenn sie sich schlecht befinden, auf den

Knien mit vornübergebeugtem Leibe und auf die Erde gelegtem Kopfe; er

konnte sich nicht überwinden zu essen, wollte aber unaufhörlich kaltes

Wasser haben und phantasierte und stöhnte bei jedem Atemzuge.

Tokta Ahun teilte mir mit, daß diese Krankheit, die wohl eine

außerordentlich bösartige Form von Bergkrankheit ist, unter den Jägern

und Goldgräbern in diesen Gebirgen ziemlich häufig auftrete. Sie heißt

bei den Muselmännern einfach Tutekk (Atemnot, Bergkrankheit), oder

sie sagen auch „Is allup getti“ (hat die Bergkrankheit bekommen),

gleichviel, ob von einem Mann, Pferd oder Kamel die Rede ist. Ist man

früher einmal schwer krank gewesen, so hat man wenig Aussicht auf

Genesung. Der von dem Übel Befallene hat anfangs das Verlangen, sich

nach dem Tieflande hinunterzuflüchten, wohin er jedoch nie wieder

gelangt, wenn er nicht im Gebirge selbst wieder gesund wird. Zwei

Goldgräber waren diesen Sommer auf dem Wege nach ihrer Heimat bei

Temirlik daran gestorben. Doch wenn die Krankheit schon Fortschritte

gemacht hat, soll der Unglückliche seinen Zustand nicht mehr beurteilen

können; er weiß nichts davon, daß er krank ist, und kann über sein

Befinden keine Auskunft geben. Die Symptome bestehen in Anschwellen des

Körpers, Schwarzwerden der Beine, gänzlichem Verschwinden des Schlafs

und des Appetits, Schmerzen in Kopf und Herzen, dazu Durst, geschwächte

Herztätigkeit und abnehmende Körpertemperatur. Nach Tokta Ahuns

Erfahrung sollte Tabakrauchen das beste Mittel dagegen sein; deshalb

sah man ihn beständig mit der Pfeife im Munde. Ich selbst habe die

Bergkrankheit nicht kennen gelernt, nicht einmal in 5500 Meter Höhe.

Die Hauptsache ist, sich nicht zu überanstrengen.

Wieder beschlich uns das Gefühl, den kalten, grausamen Tod in unserer

Gesellschaft zu haben, als folge er, auf sein schon auserkorenes Opfer

lauernd, mit der Sanduhr in der Hand der Karawane treu über alle Pässe

und Ebenen. Am schlimmsten ist, daß man sich völlig machtlos fühlt,

dem Kranken zu helfen, und sehen muß, daß die Behandlung, die man ihm

zuteil werden lassen kann, erfolglos bleibt.

Sowohl für den Kranken wie für die Seefahrer war ein Ruhetag notwendig.

Islam Bai erhielt diesen Tag eine Aufgabe zu lösen. Er sollte mit

Kutschuk über den See rudern und eine Lotungsreihe ausführen, deren ich

zur Vervollständigung der Seekarte bedurfte (Abb. 166). Das Kniffliche

dabei war nur, daß Islam nicht schreiben konnte; er mußte daher

mechanisch wie ein selbstregistrierender Apparat arbeiten. Die Uhr

konnte er immerhin ablesen und verstand auch, alle fünfzehn Minuten die

Lotungen anzustellen. Beim ersten Punkte knüpfte er einen Bindfaden mit

einem Knoten um die Lotleine, beim zweiten Punkte einen mit zwei Knoten

usw. Nachher wurden diese Abstände von mir mit dem Bandmaße gemessen.

Die gemessene Linie konnte ich selbst vom Ufer aus feststellen, und die

Durchschnittsgeschwindigkeit des Bootes war bekannt.

Pechschwarz senkte sich diese Nacht auf unser Lager herab; der Himmel

war mit dichten, undurchdringlichen Wolken bedeckt, kein Unterschied

machte sich zwischen Land, Wasser und Atmosphäre bemerkbar; unser

kleines Gemeinwesen verschwand in einem unergründlichen, kohlschwarzen

Raume. Öffne ich den Vorhang vor der Tür der Jurte, so fällt eine

schwache Lichtstraße über den Boden, im übrigen ist das vor der

Jurte der Leute brennende Feuer das einzige, woran das Auge einen

Anhaltspunkt findet. Das Innere meiner Wohnung ist gemütlich möbliert,

der Fußboden da, wo meine Kisten stehen, mit einem Chotaner Teppich

bedeckt, mein Bett auf der Erde ausgebreitet, und auf ihm sitze ich

mit gekreuzten Beinen, meine Aufzeichnungen machend oder an meinen

Kartenblättern zeichnend. Tscherdon bringt von Zeit zu Zeit ein

Kohlenbecken herein, ohne welches man bei 20 Grad Kälte schwer arbeiten

könnte.

Wenn ich jetzt, nachdem Jahre vergangen sind und ich wieder von allem,

was mir am liebsten ist, umgeben bin, zurückdenke an diese langen

kalten, stillen Winterabende in Tibet, wundere ich mich beinahe, daß

mir in dieser tödlichen Einsamkeit, die Tage und Jahre hindurch immer

gleich einsam blieb, die Zeit nie lang geworden ist. Doch das beständig

unerschöpfliche Arbeitsfeld hielt mich aufrecht; ich hatte stets treue,

zuverlässige Diener, und für jeden Tag des Jahres hatte ich ein kleines

Buch mit Bibelsprüchen, das, wie ich wußte, auch täglich in meinem

Elternhause gelesen wurde.

Wie eine schwere Last lag es mir freilich auf dem Herzen, wieder einen

Kranken im Lager zu haben, und Togdasins kurze Gebetrufe an den Gott

der Muhammedaner, „Ja Allah, Ej Chodaim“, ließen mir keine Ruhe. Nicht

einmal Kiplings herrliche Lieder in „~The seven seas~“ konnten

meine Gedanken ablenken, als ich diesen Abend zur Ruhe ging.

Die Rückreise nach Temirlik, die am 22. November angetreten wurde,

nahm 12 Tage in Anspruch und führte uns über die Bergketten

Kalta-alagan und Tschimen-tag und zweimal über den Akato-tag.

Der erste Tagemarsch wurde fürchterlich. Wir gingen nach Westen und

hatten den Wind, einen halben Sturm mit -2 Grad um 1 Uhr und -10

Grad um 2 Uhr, gerade entgegen; selten habe ich mich so gelähmt und

erschöpft gefühlt. Es erfordert Geduld, der Karawane zu folgen und

sich die Hände abwechselnd vor Kälte erstarren zu lassen. Die über

Nacht auf dem Ajag-kum-köll entstandene dünne Eisdecke wurde vom Sturme

zersplittert und nach Osten getrieben; der See sah unheimlich, kalt und

dunkelblau und vom Wellenschaume weißgestreift aus. In solchem Wetter

mit unserem kleinen Boote unterwegs zu sein, wäre wohl der sichere

Untergang gewesen. Der ganze östliche Teil des Sees ist nämlich nur

einen oder ein paar Dezimeter tief, das Boot wäre gegen den hier etwas

festeren Eisrand geworfen und zerschnitten worden, und der Seeboden

besteht aus Schlamm, in welchem man rettungslos versinkt. Die Kosaken

hatten auf ihrem Jagdausfluge die Mündung des Flusses zu überschreiten

versucht, aber das erste Pferd war bis an den Hals in den Schlamm

gesunken und hatte nur mit großer Mühe noch gerettet werden können.

Der Tschimen-tag zeichnete sich auch an dem Punkte, wo wir jetzt diese

Kette überschritten, durch eine höchst sonderbare Architektur aus. Das

Tal, aus welchem man nach dem Passe hinaufgeht, liegt selbst so hoch,

daß man die Paßschwelle kaum gewahrt. Auf der nördlichen Seite ist

das Gefälle aber um so steiler. Hier stürzt sich ein zwischen nackten

Wänden und Vorsprüngen eingeklemmter Hohlweg wie eine Treppe über

Felsenschwellen und Gesteinplatten jäh nach dem Tale hinunter. Wir

hatten einen langen Marsch gemacht; die Karawane ging voraus, und ich

erreichte den Anfang dieses Korridors erst bei Einbruch der Dunkelheit.

Islam erwartete mich mit einer Laterne, aber mein Pferd wäre trotzdem

beinahe gestürzt, da es von einer Treppenstufe auf die andere springen

mußte. Tief unter uns im Tale bei dem sandumgürteten und zu gewaltigen

Eisblöcken gefrorenen Wasser der Quellen von +Kum-bulak+

leuchtete das Lagerfeuer, und nach vielen Mühen erreichte ich meine

Jurte, die auf einem steil in die Tiefe abstürzenden Felsenabsatze

aufgeschlagen war. Erst am Morgen, als wir reisefertig waren, merkte

ich, wie gefährlich diese Lage gewesen war. Die Jurte stand gerade in

der Mündung eines Abzugskanales für alle Blöcke, die von den oberhalb

zunächst stehenden Felswänden abstürzten. Dann und wann ertönte in der

Nacht das Echo eines Blocksturzes, aber meine Jurte war doch verschont

geblieben.

Der Zug weiter durch das Tal hinunter war nicht leicht. An ein paar

Stellen, wo der Granit mehrere Meter hohe Stufen in der Rinne selbst

bildete, mußten alle Tiere abgeladen und dann vorsichtig an den Platten

hinuntergelassen werden. Einmal überschritten wir eine gewaltige

Eistafel, die den Talgrund wie gegossenes Porzellan ausfüllte und sich

allen Spalten und Ritzen anschmiegte. Ihre glatte Oberfläche mußte

erst mit Sand bestreut werden, damit die Pferde nicht fielen. Es war

wirklich schön, diesen von Blöcken und Schutt angefüllten Hohlweg

hinter sich zu haben und wieder in das Tschimental zu gelangen,

wo wir an der Stelle lagerten, an der wir vor einem Monat mit der

Hilfskarawane zusammengetroffen waren.

Von hier aus wurde Kutschuk mit dem sich jetzt etwas besser befindenden

Togdasin und dem Boote nach Hause geschickt, während wir anderen nach

Norden weiterzogen, um über den Akato-tag zu gehen.

Die Nacht auf den 28. November war mit ihren -24,6 Grad die kälteste,

die wir bisher in diesem Winter gehabt hatten.

Ein düsteres, steiles Granittal führt nach dem 4926 Meter hohen Passe

+Gopur-alik+ im Akato hinauf (Abb. 167). Mit einem Male konnten

wir nicht hinauf gelangen, sondern lagerten in dem Tale zwischen Massen

von Felsblöcken, wo es weder Wasser noch Feuerungsmaterial und auch

kein Gras gab. Am folgenden Morgen strengten wir uns weiter mit dem

Erklimmen der Abstürze an. Die Pferde atmen so schnell und mühsam,

daß man erwartet, ihre Lungen würden zerspringen; sie bekommen keine

Luft und müssen unaufhörlich ausruhen, um nicht zusammenzubrechen.

Der Paß ist scharf wie eine Klinge und fällt nach beiden Seiten jäh

ab. Alle gehen zu Fuß; ich lasse mich hinaufbugsieren, indem ich

mich am Schwanze meines Pferdes halte. Lasten gleiten ab, und Pferde

fallen. Hier heißt es aufpassen und zugreifen, sonst könnten sie

in das abschüssige Tal Hunderte von Metern tief hinabrollen und zu

Brei zerschmettert werden. Der Westwind heult so regelmäßig wie ein

Passatwind, und es ist bei -15 Grad recht fühlbar kalt.

Die Maulesel gehen sicherer als die Pferde; daher mußte einer von

ihnen meine Instrumentenkiste tragen. Endlich erreichen wir den Paß

und haben von seinem scharfen Kamme eine großartige Aussicht. Mit

einem Blick beherrscht man alle diese mächtigen, mit blendenden

Schneepanzern bekleideten Bergäste, und im Westen breitet sich ein

unentwirrbares Durcheinander von Felsen aus. Das Tal, das uns nach

dem Passe hinaufgeführt hat, liegt wie eine schattige, jäh abfallende

Rinne unter unseren Füßen, und wir erstaunen, daß es möglich gewesen

ist, in ihm hier heraufzuklimmen. Im Norden erhebt sich der gewaltige

schneebedeckte Gebirgsstock Illwe-tschimen mit seinen vielen bizarren

Gipfeln, die wir von früheren Exkursionen her kannten.

Nach der üblichen Rast zu Beobachtungen sehnte ich mich nur nach

dichteren Luftschichten und Schutz gegen den Wind. Jetzt folgen wir

einem imposanten Tale, das auf beiden Seiten mehrere Nebentäler

empfängt. Ihre Mündungen gleichen gigantischen Toren zwischen

lotrechten Felswänden. Wenn man in die Tore hineinsieht, erblickt man

im Hintergrunde die wunderlichsten Berggestalten, wo der Schnee auf

allen Vorsprüngen in Friesen und Mustern liegt; in dem gedämpften

Purpur der Abendsonne gleichen sie Galerien und Dekorationen in einem

tibetischen Tempel.

Sobald die Pferde im Lager von ihren Lasten befreit worden waren,

ergriffen sie die Flucht, wurden aber nach einer Weile wieder

eingefangen und angebunden. Weide gab es nämlich in dieser Gegend (4057

Meter) nicht. Der Wind weht noch immer, und die Glut des Kohlenbeckens

reicht nicht aus, um die Tinte in meiner Feder flüssig zu halten. Ich

habe -12 Grad in der Jurte. Durch die unvermeidliche Zugluft von allen

Seiten brennt mein Licht in drei Stunden herunter und ist von dicken

Stearinstalaktiten umgeben. Tscherdon schoß einen Yakstier, und ich

bedauerte Turdu Bai, Tokta Ahun und Chodai Värdi, die den Yak um 9 Uhr

abends bei grimmiger Kälte zerlegen sollten. Solange das Fleisch warm

war, konnten sie sich daran die Hände wärmen, aber gegen Mitternacht

kehrten sie in das Lager zurück mit einem Bündel steinhartgefrorener

Fleischstücke, die unter den Beilhieben wie Glas zersprangen.

Beim nächsten Lagerplatze fanden wir in den harten, gefrorenen Büscheln

der Hochlandsteppe gutes Brennmaterial, und der Schnee schenkte uns

Wasser. Am folgenden Morgen vergoldete die Sonne die Gipfel des

Illwe-tschimen, während wir noch im Schatten lagen; es wehte nicht,

wir sehnten uns in den Sonnenschein hinaus und waren bald im Gange.

Von dem obenerwähnten Gebirgsstock geht ein Tal aus, dessen Gehänge

außergewöhnlich gute Weide tragen. Daher blieben wir hier nach einem

kurzen Tagemarsch, und ich war gerade dabei, das Stativ des Theodoliten

aufzustellen, als der Weststurm kam und jeder Arbeit im Freien ein Ende

machte. Er riß das Zelt der Leute um; es flog fort und landete auf dem

Eise des Talgrundes.

Längs des zunächststehenden Berges sahen wir einen Mann auf einem Kamel

reiten. Ich glaubte, es möchte ein Bote an mich sein, und schickte

daher Tokta Ahun aus, um Erkundigungen einzuziehen. Der Mann war, wie

sich herausstellte, ein Mongole und gehörte zu einer Pilgergesellschaft

aus Kara-schahr, die auf dem Wege nach Lhasa war. Die anderen waren

am Morgen hier vorbeigekommen, er aber war zurückgeblieben, weil sein

Kamel nicht so schnell hatte laufen können.

[Illustration: 166. Islam Bai und Kutschuk stoßen vom Lande ab. (S.

389.)

Im Hintergrund die kleine isolierte Bergpartie am Nordwestufer des

Ajag-kum-köll.]

[Illustration: 167. Das nach dem Passe Gopur-alik hinaufführende Tal.

(S. 391.)]

Mongolische Pilger begeben sich jährlich aus den russischen und

chinesischen Vasallenländern im Norden über Temirlik, Ghas und

Zaidam nach der heiligen Stadt. Sie wandern stets im Spätherbst oder

Winter dorthin und kehren im nächsten Jahre um dieselbe Zeit wieder

zurück. Während der warmen Jahreszeit gehen sie nie über Abdall, weil

die Bremsen ihnen die Kamele ruinieren würden. Auf der Rückreise sind

sie stets übel daran, weil ihnen von ihren Tieren nur noch wenige

geblieben sind, und die meisten Männer gehen zu Fuß. In Abdall pflegen

sie zu versuchen, ihre erschöpften Kamele gegen Pferde zu vertauschen,

um dadurch instand gesetzt zu werden, ihre noch weit entfernte Heimat

zu erreichen. Ein schwächliches Kamel hat gleichen Wert mit einem

Pferd, drei schlechte Kamele mit einem gesunden, ein ganz abgetriebenes

mit einem Esel. Ihren Proviant verwahren die Pilger in Säcken und

Kisten, und auf der Rückreise kaufen sie in Abdall neue Vorräte.

Wenn sie auf der Hinreise in das Land der Zaidammongolen gelangen,

lassen sie alle Kamele bei ihren Stammverwandten zurück und reisen auf

gemieteten Pferden weiter. In Zaidam haben viele Mongolen hierdurch ein

bedeutendes Einkommen.

Sie müssen großes Vertrauen zu der Wahrheit ihrer Religion besitzen, da

sie das Opfer eines ganzen Jahres voller Strapazen, Entbehrungen und

Kosten bringen, um nur die heilige Stadt zu sehen und an den dortigen

Tempelfesten und Prozessionen teilzunehmen. Sie richten es stets so

ein, daß ein Pilger, der schon in Lhasa gewesen ist, mitkommt, und

von Zaidam nehmen sie Führer, die alle geeigneten Lagerplätze kennen.

Vier Monate sind sie unterwegs und richten sich ihr Karawanenleben so

angenehm wie möglich ein. Während des Marsches sammeln sie „Argussun“

(Argol oder Yakdung) zum Brennen und sitzen abends um ihre Feuer,

bereiten sich Tee und essen Tsamba, das tibetische Nationalgericht.

Mit gespannter Erwartung nähern sie sich dem Ziele ihrer Träume, sehen

eine Bergkette nach der anderen hinter sich verschwinden und empfinden

ohne Zweifel, wenn hinter der letzten Höhe endlich Lhasas weiße

Tempelfassaden glänzen, dieselbe heilige Ehrfurcht, die den Mekkapilger

ergreift, wenn er zum ersten Male in seinem Leben vom Berge Arafat

seine heilige Stadt erblickt.

Es war ein seltsames Gefühl, diese Pilger in der Nähe zu wissen und

in den Spuren zu ziehen, die nach Lhasa führten. Einen Augenblick

lang fühlte ich mich versucht, mich ihnen anzuschließen, nur Schagdur

mitzunehmen und als Burjate verkleidet mit ihnen zu ziehen. Aber nein,

es ließ sich nicht ausführen; ich hatte für den Winter andere Pläne und

durfte mein Programm nicht ändern.

Wir folgten den wie helle Kreise in den Sand gedrückten Spuren

der mongolischen Kamele. Im Norden unseres Weges zieht sich die

Astin-tag-Kette so weit nach Osten und Westen hin, wie das Auge

reicht. Gegen Abend nahm die Luft einen hellblauen Farbenton an,

war aber im Zenit glänzend weiß, -- wahrscheinlich brachen sich

die Mondstrahlen in seinen Eisnadeln; die Berge leuchteten in rosa

Schattierungen, alles zeigte sich in schwachen, winterkalten Tönen;

auch wenn man von lauter Wärme umgeben wäre, würde man sehen, wie diese

Landschaft unter der vernichtenden Macht der Kälte erstarrt ist.

Wir wandern in dem Tale nach Osten und gelangen an den am Nordfuße

des Akato-tag gelegenen Salzsee +Usun-schor+. Hier entspringen

mehrere Süßwasserquellen, und nur da, wo sich ihre Rinnsale in den See

ergießen, liegt Eis. Sonst ist das mit Salz gesättigte Wasser offen,

obwohl es eine Temperatur von -7,9 Grad hat.

Es war schön, am Abend des 5. Dezember wieder daheim zu sein und im

Lager alles gut und ruhig vorzufinden. Die Quellen von Temirlik waren

jetzt von mächtigen Eisblöcken und Eiskuppeln umgeben. Togdasin hatte

sichtlich einen ernstlichen Stoß bekommen, denn sein Zustand hatte sich

nicht gebessert. Er wohnte in einer Grotte neben mir, und ich nahm mich

in den Tagen, die ich jetzt im Hauptquartier zubrachte, seiner sehr an.

Als das Hauptquartier Ende Dezember nach Tscharchlik verlegt wurde, kam

er mit, und ich sah ihn dann erst im April des folgenden Jahres wieder.

Er war ein Krüppel geworden; die Füße waren ihm buchstäblich Stück für

Stück abgefallen, aber er war heiter und zufrieden, und ich gab ihm

soviel ich konnte für seinen Lebensunterhalt.

In betreff der mongolischen Karawane erzählte Schagdur, daß sie einen

Tag in Temirlik gerastet und aus 75 Männern, lauter Lamas, und zwei

Weibern bestanden habe. Einer dieser Priester hatte einen besonders

hohen vornehmen Rang, und ihm wurde von den anderen die größte

Ehrfurcht erzeigt. Ungefähr 25 von den übrigen waren so arm, daß sie

zu Fuß gingen und nur unter der Bedingung mitkommen durften, daß sie

ihren wohlhabenderen Kameraden dienten. Letztere hatten eine Reisekasse

von 10 Jamben pro Mann und außerdem noch eine Kasse von 120 Jamben,

die für den Dalai-Lama bestimmt waren, weil sie für alle Feste und

Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen, bezahlen müssen. Dies ist der

Peterspfennig, von dem der Papst in Lhasa lebt.

Die Schar war gut bewaffnet und besaß 30 mongolische Flinten, 2

Berdan- und 1 Winchestergewehr; sie waren also auf die Abwehr

tangutischer Räuberanfälle vorbereitet. Schagdur hatte einige von

ihnen aufgefordert, mit ihm auf die Kulanjagd zu gehen, sie hatten

aber erwidert, daß jegliches Blutvergießen verboten sei, weil es die

Wallfahrt besudeln würde.

Der Mann, der zurückgeblieben war und den wir gesehen hatten, war ein

Lama, der zehn Jahre in Lhasa gelebt hatte und jetzt noch drei dort

bleiben sollte. Ich fragte mich, ob er Schagdur wohl wiedererkennen

würde, wenn es uns später noch gelingen sollte, in die heilige Stadt zu

gelangen.

Die Karawane zählte 120 Kamele und 40 Pferde. Außerdem hatten sie 7

Paradepferde bei sich, die mit der größten Sorgfalt gepflegt wurden

und als Geschenk für den Dalai-Lama bestimmt waren. Der Proviant

bestand aus gehacktem Fleisch in kleinen gedörrten, gefrorenen Stücken,

geröstetem Weizenmehl und Tee.

Mit der größten Neugierde hatten sich die Pilger unser Lager angesehen

und die Veranlassung meines Besuches zu erforschen versucht. Es

unterliegt keinem Zweifel, daß sie bei der Ankunft in Lhasa ihre in

dieser Beziehung gemachten Entdeckungen den betreffenden Behörden

meldeten und daß dies eine der Ursachen war, weshalb die Grenze gegen

Norden mit so großer Aufmerksamkeit bewacht wurde. Ich erhielt später

eine Bestätigung für diesen Verdacht.

Schagdur hatte einige Neuigkeiten aufgeschnappt, die ich mir merkte.

Die Mongolen hatten erzählt, daß alle Pilger, die sich Lhasa nähern,

unter strenger Aufsicht stehen. Schon in Nakktschu werden alle

angehalten und untersucht. Sie müssen ihre Namen angeben, die Orte, in

denen sie leben, und den Namen des Oberlamas, unter dem sie stehen, und

von ihm ein Zeugnis vorzeigen, in welchem angegeben wird, zu welcher

Kloster- oder Tempelgemeinde sie gehören und was der Grund ihrer

Wallfahrt ist. Wenn alle diese Formalitäten erledigt sind, wird ein

Bericht darüber nach Lhasa geschickt, und die Pilger müssen warten, bis

sie von den Behörden der Stadt besondere Pässe erhalten.

Sind sie erst damit versehen, so brauchen sie sich nachher keiner

weiteren Kontrolle zu unterwerfen. Diese Vorsichtsmaßregeln sollen

getroffen worden sein, um Russen, d. h. Europäer, zu verhindern,

sich in Lhasa einzuschleichen. Aus denselben Gründen war vor einigen

Jahren ein Erlaß an die Turgutenstämme, die russische Untertanen sind,

ergangen, daß aus ihrem Lande künftig keine Pilger nach Lhasa geschickt

werden dürften. Dieses Verbot war aber kürzlich aufgehoben, und die

einige Zeit unterbrochenen Wallfahrten waren wieder aufgenommen worden.

Ein Lama der Pilgerkarawane hatte von einer Prophezeiung in einem

in Lhasa befindlichen alten heiligen Buche zu erzählen gewußt, die

verkündete, daß der Tsagan Chan, der „Weiße Zar“, einst über die ganze

Welt herrschen, Tibet erobern und Lhasa zerstören werde. Die Lamas

würden dann ihre Heiligtümer in unzugängliche Gebirge in Südtibet

flüchten.

Der Lama hatte Schagdur eingeladen, mitzukommen; für ihn würde es

leicht zu machen sein, besonders wenn er sich für einen Turguten

ausgäbe. Ich unterhielt mich abends, wenn es im Lager still war,

mit meinem treuen Kosaken über diese Dinge, die ihn in so hohem

Grade interessierten. Schon als Kind hatte er von der heiligen Stadt

gehört und brannte nun vor Eifer, einmal dorthin zu kommen. Er ahnte

nicht, daß es meine Absicht war, es selbst auf den verbotenen Wegen

zu versuchen. Doch wir mußten uns noch gedulden. Ich hatte vorher

noch wichtigere Dinge auszuführen, und der ganze Plan des Versuchs,

verkleidet nach Lhasa zu dringen, gehörte zu jenen waghalsigen

Abenteuern, die nur Reiz ausüben, wenn man noch jung ist.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

[Illustration]

[Illustration: TARIM

und

WÜSTE TAKLA-MAKAN.]

[Illustration: OSTTIBET.

Faksimile eines Originalblattes meiner Karte des Tarimflusses

(einige Tagereisen oberhalb von Karaul aufgenommen).]

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 42 / 42 段