Am 17. September wurde ich frühmorgens durch einen entsetzlichen Lärm

im Lager geweckt; die Hunde bellten, daß ihnen der Atem ausging, und

die Männer überschrien sich förmlich. Ich guckte hinaus und sah kaum

50 Schritt vom Zelte einen großen Bären forttraben. Aus den Spuren im

Schnee erkannten wir, daß er das Lager gründlich besichtigt und eine

Runde um meine Jurte gemacht hatte. Als die Hunde anschlugen, hatte er

es für gut befunden, den Rückzug anzutreten.

Das Wetter war jetzt gut, aber das Terrain geradezu abscheulich. Die

kupierte Landschaft scheint mit kantigen, unangenehmen Tuffstücken in

allen Größen bedeckt zu sein. Nicht ein Quadratfuß ist frei davon. Und

gibt es eine kleine freie Stelle, so haben Feldmäuse und Murmeltiere

sie benutzt, um dort ihre tückischen Höhlen zu graben. Unsere Tiere

stolperten unausgesetzt gegen die spitzen Steine, und zwei von den

Kamelen verletzten sich die Fußsohlen derartig, daß sie bluteten.

Dann folgte eine Strecke losen Bodens, der am Vormittag an der

Oberfläche noch so fest gefroren war, daß die dünne Kruste die

schweren Kamele trug. Doch allmählich taut diese obere Schicht auf,

und dann gehen wir wie auf schwachem Eise. An einer Stelle waren die

fünf Kamele in allerschönster Ruhe eben darüber hinweggeschritten,

als das sechste, das letzte, mit beiden Vorderfüßen durchtrat. Es

saß im Schlamme fest und sank immer tiefer hinein (Abb. 146). Die

anderen gingen weiter, der Nasenstrick riß, und das Kamel brüllte vor

Schmerz. Wir eilten herbei und nahmen ihm die Last ab. Dabei fiel es

auf die Seite; der Boden wurde immer weicher, und schließlich schwamm

es im Schlamme wie ein Stück Butter in einer Breischüssel. Wir banden

Stricke um seine Beine, um sie nacheinander herauszuziehen, aber

was wir auch mit ihm anstellten, es sank immer tiefer ein und hielt

sich überdies ebenso regungslos still wie im Wasser. Ich fürchtete

schon, daß wir sechs Männer es nicht würden herausholen können. Der

Packsattel hatte sich im Schlamme festgesogen und wurde abgeschnallt.

Schließlich kam ich auf den Gedanken, unter jedes Bein, das wir

herausgezogen hatten, eine Filzdecke zu breiten, und dann wälzten wir

es in die Höhe, bis es seine gewöhnliche Liegestellung einnahm. Nachdem

es sich so eine Weile ausgeruht hatte, brachten wir es dazu, eine

verzweifelte Kraftanstrengung zu machen; es taumelte nach dem festen

Boden hin, während ihm der Schmutz klumpenweise von den Beinen und den

Seiten fiel. Es war mit einem Schlammpanzer bedeckt, der mit Messern

abgeschabt wurde, und stand zitternd da, außer Atem und kollerig.

Darauf erreichten wir ein eigentümliches Tal, das sich nach Ostnordost

bis zu einem in 10 Kilometer Entfernung sichtbaren See erstreckte.

Nordöstlich von diesem erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, das wir

den ganzen Tag auf der rechten Seite gehabt hatten und das entschieden

der riesige Gebirgsstock war, dessen Nordseite ich 1896 umwandert und

den ich +König-Oskar-Gebirge+ genannt hatte.

Im Talboden stehen tafelförmige, mit 15-20 Meter dicken Tuffbetten

bedeckte Terrassen, und der Boden ist dicht mit Tuffblöcken besät.

Am folgenden Tag hatte die Sonne ihre Herrschaft wiedererlangt, und die

Stürme schwiegen. Der Rest des letzten Schnees schmolz und verdunstete.

Um 1 Uhr stieg die Temperatur bis auf +12 Grad. Es geht auf günstigem

Terrain nach Nordwesten. Zur Linken zieht sich eine kleinere Bergkette

hin, fern im Nordosten eine mächtigere und zwischen beiden ein

Längental von dem gewöhnlichen Aussehen. Vor uns erhebt sich ein

gewaltiges Schneemassiv, dessen Firnfelder in der Westsonne wie Silber

glänzen, während die hügeligen schwarzen Seiten einem Panzerturme

gleichen.

[Illustration: 158. Aus dem Hauptquartier in Temirlik. (S. 379.)]

[Illustration: 159. Das Hauptquartier bei Temirlik. (S. 380.)

Auf dem andern Ufer des Baches meine Jurte und die Terrassen mit den

Höhlen, im Hintergrund der Akato-tag.]

Einunddreißigstes Kapitel.

Aldats Tod.

So zogen wir durch das öde Tibet hin. Zwei Monate waren schon

vergangen, ohne daß wir Spuren von Menschen gesehen hatten, und wir

fingen an, uns zu den Unseren zurückzusehnen. Aber jeder Tagemarsch,

den ich auf meiner Übersichtskarte mit Punkten verzeichnete, zeigte,

wie langsam wir uns ihnen näherten und wie viele Tagereisen uns noch

blieben. Über 400 Kilometer trennten uns noch von Temirlik.

Wir folgten dem Längentale nach Westen und blieben dadurch auf ein und

demselben Niveau. Die Gegend ist außerordentlich wildreich. Schädel und

Skeletteile von Yaken zeigen an, daß auch diese zähen Tiere sich der

Macht des Todes nicht entziehen können.

Der dritte Marschtag hat seinen besonderen Reiz, denn dann wissen alle,

daß wir morgen rasten dürfen. Den 20. September über blieben wir also

im Lager Nr. 54 (4917 Meter) (Abb. 147). Tscherdon schoß mit Aldats

Flinte einen fünfzehnjährigen Yak, der, bevor wir ihn abhäuteten und

zerlegten, in mehreren Stellungen photographiert wurde (Abb. 148, 149,

151). Am Abend kam Tscherdon mit einer Orongoantilope heim, und nun

wurde eine neue muselmännische Kur mit Aldat versucht. Der Kranke wurde

entkleidet und in das noch weiche, warme Fell der Antilope gehüllt,

das dicht an seinen Körper gedrückt wurde. Ich glaubte nicht recht an

die Wirkung, und es tat mir bitterlich weh, daß ich ganz machtlos war

und ihm nicht helfen konnte. Die letzten Abende gab ich ihm ein paar

Zentigramm Morphium; er konnte sonst nicht einen Augenblick schlafen.

Auf dem Zuge nach dem Lager Nr. 55 hatten wir andauernd gutes Terrain.

Ein paar Kilometer vom Ufer eines nicht unbedeutenden Sees, dem alle

Bäche des südlichen Gebirges zuströmten, rasteten wir in einer ziemlich

gastlichen Gegend. Der Boden war hier von Murmeltieren, deren Höhlen

überall ihre gähnenden Eingänge zeigten, derartig zugerichtet, daß er

wie wurmstichig aussah. Diese großen, starkgebauten Nagetiere sehen,

wenn sie einzeln oder paarweise über dem Höhleneingang in der Sonne

sitzen, unbeschreiblich drollig aus. Sobald wir uns nähern, rollen

sie wie Billardbälle in ihre Löcher hinein, und sobald sie unsere

schweigend und langsam dahinschleichende Karawane erblicken, lassen

sie durchdringende, gellende Pfiffe ertönen, die von allen Seiten

widerhallen. Die Karawane wird in diesem sonst so friedlichen Lande

förmlich ausgepfiffen.

Ein alter Invalide, der taub gewesen sein oder sich von seiner sicheren

Höhle zu weit entfernt haben muß, mußte diese Unvorsichtigkeit mit dem

Verluste seiner Freiheit büßen. Er lag auf einem Abhange in der Sonne

und sah prächtig aus, er hatte sogar Ähnlichkeit mit einem Menschen

oder wenigstens mit einem Affen. Jolldasch flog wie ein Pfeil hin und

störte das Murmeltier in seinem friedlichen Schlafe, und während es

sich verteidigte, kamen die Männer, banden es und legten es unversehrt

auf ein Kamel. Wir beabsichtigten, es zu zähmen; es lebte zwei

Monate, blieb aber die ganze Zeit gleich wild. Sobald man sich ihm

näherte, setzte es sich auf die Hinterbeine und war bereit, mit seinen

messerscharfen Vorderzähnen, in denen es eine achtunggebietende Kraft

besitzt, sofort zuzubeißen. Es biß große Späne aus den Stöcken, die man

ihm hinhielt. Ein Biß von seinen Zähnen soll gefährlich sein und die

Wunde sehr schwer heilen. In seine Höhle kehrte es nie wieder zurück,

und es gewöhnte sich bald daran, auf dem Kamelrücken zu schaukeln.

Wo Murmeltiere, Dawagan werden sie von den Muselmännern genannt,

vorkommen, kann man beinahe sicher sein, auch Bären anzutreffen. Der

tibetische Bär lebt zum größten Teile von diesen Nagetieren, die er

mit Haut und Haar, Knochengerüst und allem auffrißt. Er belauert sie

nicht, wie Jolldasch es tat, sondern überzeugt sich nur, wenn er auf

Besuch nach der Höhle kommt, ob die Herrschaften zu Hause sind. Mit

seinen starken Tatzen gräbt er die Erde an den Seiten des Ganges auf

und erwischt schließlich sein Opfer. Er macht sich auf diese Weise noch

tüchtig Bewegung vor dem Mittagessen. Ein gewaltiger Erdwall verrät

schon von weitem, daß ein Bär dagewesen ist und Haussuchung abgehalten

hat.

Kleinere Herden von Kulanen kreisten auf diesem breiten Talboden.

Sechs Kulane begleiteten uns in nächster Nähe wohl eine halbe Stunde

weit. Sie sind außerordentlich hübsch anzusehen (Abb. 150); ihre

schlanken Formen besitzen vollendete natürliche Schönheit; sie laufen

im Halbkreise, einen Winkel von 45 Grad mit dem Erdboden bildend, und

bleiben plötzlich ein wenig vor und neben uns in einer Reihe stehen.

Ihre Bewegungen sind so regelmäßig und so sicher, als trügen sie

unsichtbare Kosaken auf dem Rücken.

Während dieses Tagemarsches hatte Aldat zu Pferde sitzen können, obwohl

gut festgebunden und beaufsichtigt. Wir hofften alle auf Besserung,

aber abends wurde es wieder schlechter mit ihm. Jeden Atemzug

begleitete ein stöhnender Laut, und er atmete 58 mal in der Minute,

was selbst in einer Höhe von 4838 Meter abnorm ist. Seine Temperatur

war merkwürdig niedrig; von den Herzschlägen war nichts zu vernehmen,

wie angestrengt man auch horchte, und ebenso schwach war der Puls.

Sein Bewußtsein umnachtete sich. Er sprach davon, fortgehen und Yake

schießen zu wollen. Obwohl es gegen die Marschordnung verstieß, blieben

wir seinetwegen einen Tag liegen. Die Leute wollten indessen gern

weiter, denn mit unseren Vorräten war es schlecht bestellt; das Brot

mußte in ein paar Tagen zu Ende sein, und Pulver war nur noch für ein

Dutzend Schüsse vorhanden.

Da der Zustand des Kranken auch am Morgen des 23. September so gut wie

unverändert war, obgleich er jetzt nur 24mal in der Minute atmete,

beschlossen wir aufzubrechen. Daß er nicht mehr lange leiden würde,

war klar, aber wir konnten nicht länger warten. Er wurde zwischen zwei

Feuerungssäcke auf ein Kamel gebettet und erhielt eine weiche Unterlage

von Filzdecken. Die Beine wurden in Filzmatten eingepackt, und unter

den Kopf wurde ihm ein zusammengerollter Pelz geschoben. Über das Ganze

wurden Stricke gebunden; er lag so bequem wie in einem Bett.

Gerade als das Kamel sich zum Aufbruch erheben sollte, hörte Aldat auf,

zu atmen. Seine gebrochenen Augen, schöne, graue afghanische Augen,

schienen in der Ferne ein Land zu suchen, wohin unsere Blicke nicht

reichen. Er, der früher mit leichten, schnellen Schritten in den Spuren

der Yake über die Berge geeilt war, hatte den Strapazen erliegen müssen

und ein Leben beendet, das an Freuden so arm gewesen war.

„Getti“ (er ist fortgegangen), sagten die Muselmänner und standen

schweigend um dieses seltsame Totenlager herum. Turdu Bai aber

betrachtete die Lage von der praktischen Seite und fragte mich, was wir

mit der Leiche machen sollten. Ich wollte ihn nicht sofort begraben,

und alle waren sichtlich zufrieden, als ich „Marsch“ kommandierte. Das

Kamel hatte ihn schon so manchen Tag getragen, und er war eine leichte

Last. Ich hatte den Leuten versprochen, daß wir Temirlik in 18 Tagen

erreichen würden, wenn wir 6 Rasttage machten und täglich 24 Kilometer

zurücklegten. Sie zählten daher die Kilometer mit steigendem Interesse

und waren eifrig darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren.

So brachen wir denn auf und näherten uns dem Seeufer. Unsere Karawane

hatte sich in einen Leichenzug verwandelt, der durch Tibets wüste

Täler einen Kameraden zu Grabe trug. Keiner sprach; eine stille,

feierliche Stimmung herrschte. Kulane und Yake weideten ungestört

neben unserem Wege, und die schwarzen Totenraben folgten uns in weiten

Kreisen.

Nun erreichten wir das Ufer, wo der Boden hart und vorzüglich zum Gehen

war.

Der See nahm ein Ende, und wir zogen nach Nordwesten über eine

langsam ansteigende kupierte Ebene, die von Furchen mit gefährlichem

Schlammboden durchschnitten war (Abb. 152). In einer solchen fanden

wir ein kleines Holzstück, das zu einem mongolischen Packsattel

gehört hatte. Es war mürbe wie Rinde und stammte vielleicht von einer

mongolischen Pilgergesellschaft, die sich aus den nördlicheren Tälern

hierher verirrt hatte, oder auch von Hauptmann Wellbys und Leutnant

Malcolms unglücklicher Karawane, deren Weg wir gerade heute gekreuzt

haben mußten.

Während die anderen im Lager ihre gewöhnliche Arbeit verrichteten,

gruben Mollah Schah und Nias ein Grab für Aldat. Ein Pelz wurde unter,

ein zweiter über die Leiche gelegt, und so wurde er in dieser feuchten,

heimtückischen Erde zur ewigen Ruhe bestattet.

Es war von allen Beerdigungen, bei denen ich zugegen gewesen bin, die

einfachste; keine Zeremonien, keine Tränen, keine anderen Gebete, als

die, welche ich stumm für die Seelenruhe des Toten in einer anderen,

besseren Welt zum Himmel emporsandte. Das Grab wurde zugeschüttet

und ein länglicher Hügel darüber aufgeworfen. Am Kopfende wurde eine

Holzlatte eingerammt, an deren Spitze wir eine von Aldats eigenen

Jagdtrophäen, einen Yakschwanz, als „Tugh“ festbanden, wie es die

muhammedanische Sitte verlangt. Auf ein kleines Holzstück schnitt ich

mit arabischen und lateinischen Buchstaben den Namen des Toten, das

Datum und meinen eigenen Namen ein, für den Fall, daß das Schicksal

jemand hierherführte, bevor alle Spuren des Grabes vertilgt sein würden.

Die Flinte des Toten, seinen noch nicht ausbezahlten Lohn und den Wert

seiner Kleidung und seines Pelzes hatte ich später Gelegenheit, seinem

Bruder, den wir im Tschimentale trafen, eigenhändig zu übergeben. Sein

alter Vater besuchte mich ein Jahr später in Tscharchlik. Es war mir

eine Beruhigung, daß die Mutter tot war und ihr der Kummer, einen so

guten, prächtigen Sohn zu verlieren, erspart geblieben war.

Am 24. September wurde die Karawane außergewöhnlich früh fertig;

meine Begleiter wollten gewiß möglichst schnell von diesem traurigen

Friedhofe fortkommen. Die Muselmänner sprachen ein Dua (Gebet) am

Hügel, dann wurde der arme Aldat in der großen Einsamkeit allein

gelassen; keine anderen Pilger als die Tiere der Wildnis würden künftig

nach seinem Grabe wallfahrten. Der schwarze Yakschwanz flatterte im

Winde, wurde aber, als wir fortzogen, bald von den Hügeln bedeckt.

Wir mußten jetzt lange nach Norden ziehen und steuerten zuerst auf ein

in der nördlichen Bergkette gähnendes Taltor los. Es war nicht leicht,

dorthin zu gelangen. Der Boden besteht aus losem rotem Sand und wird

von einer Menge 30-50 Meter tiefer Schluchten durchfurcht, nach deren

Moorgrunde es steil hinuntergeht und in denen man leicht mit Mann

und Maus ertrinken könnte, wenn nicht einer der Leute zuvor zu Fuß

versuchte, ob der Moorboden trägt.

Der folgende Tagemarsch führte uns über mehrere parallele kleine

Ketten. Als wir sie endlich überschritten und die Freude hatten,

im Norden offenes, flaches Land, ein breites Längental, zu sehen,

war dort keine Spur von Vegetation zu erblicken. Obgleich wir eine

gute Tagereise hinter uns hatten, setzten wir daher unseren Weg

quer über das Tal fort. Wir ritten stundenlang, ehe wir einige

Grashalme und einen Süßwassertümpel fanden. Wir waren offenbar in ein

vegetationsloses Gebiet gekommen und würden uns jetzt mit jedem Tage in

immer unfruchtbarer werdenden Gegenden befinden.

Die verdünnte Luft dieses Hochlandes, das 5000 Meter über dem Meere

liegt, tat mir nichts; ich hatte mich an sie gewöhnt, und auch meine

Leute hielten sich tapfer. Vermeidet man alle Anstrengungen, so kann

man die Luftverdünnung sicherlich ziemlich lange ertragen.

Je mehr wir uns in den folgenden Tagen dem Arka-tag näherten, desto

wüster wurde das Land. Am 27. September suchten wir vergebens

nach einem Grashalm; keine Spur von Pflanzen- oder Tierleben war

zu erblicken. Es ging bergauf und bergab, über Berge und Täler,

die jetzt stets durchquert wurden. Kaum ist man nach einem Flusse

hinuntergelangt, so muß man sich schon wieder an der anderen Seite

hinaufarbeiten, und obgleich diese Höhenunterschiede nur 100 Meter

betragen, so werden sie doch durch die unaufhörliche Wiederholung

mörderisch. Nach vielen zeitraubenden Bogen und Rasten erreichten wir

endlich den Hauptpaß dieser neuen Bergkette (5203 Meter). Unmittelbar

nördlich davon erhob sich ein einzelner Bergrücken, der auf der

östlichen oder auf der westlichen Seite umgangen werden mußte. Ich

entschied mich für die letztere und ritt der Karawane weit voraus. Als

es dunkelte, mußte ich jedoch Halt machen und die anderen erwarten.

Sie kamen todmüde in kleinen Partien an und hatten einen Schimmel aus

Jangi-köll in hoffnungslosem Zustand zurückgelassen.

Nach dem Abendessen inspizierte ich mit der Laterne, wie gewöhnlich,

besonders nach schwereren Tagereisen, das Lager (5111 Meter) und die

Tiere. Sowohl die Kamele wie die Pferde waren geknebelt, damit sie

nicht auf die Suche nach Weide gingen. Die Leute schliefen, müde von

den Strapazen des Tages. Ich selbst wollte gerade einschlafen, als der

Türvorhang der Jurte von einem heftigen Windstoß in die Höhe gerissen

wurde und feiner Schnee hereinwirbelte.

Am nächsten Morgen waren wir wieder von Winterlandschaft umgeben (Abb.

153). Doch die Wolken verzogen sich bald; es wurde ruhig, und die Sonne

glühte mit intensiver Kraft.

Unsere Straße ging jetzt nach Nordwesten ein schmales, von roten

Felsen, Sandstein und Schiefer eingefaßtes Tal hinab, das in ein

Längental ausmündete. Solange wir uns in dem engen Durchgange befanden,

dessen Bach über Nacht zu Eis gefroren war, hatten wir Schutz vor dem

Winde, sobald wir aber die Hügel hinter uns hatten, fuhr der Wind,

der sich eben erhoben hatte und bald zu einem vollständigen Orkan aus

Westen anschwoll, über die Karawane her. Man muß die Knie ordentlich

andrücken, um nicht aus dem Sattel geworfen zu werden. Pferde, Reiter

und Kamele beugen sich nach der Windseite hinüber und liegen auf dem

Winde; die ganze Karawane sieht schief aus, alle leichten Gegenstände,

die Pferdeschwänze und die Kleider der Leute stehen auf der Windseite

wie Flaggen ab. Die Atmung wird erschwert, man erstickt beinahe. Die

Kamele schwanken in ihrem wiegenden Gange. Das erste beste Weideland

sollte das Signal zur Rast geben, denn lange kann man in solch einem

Winde nicht gehen; wer es nicht selbst erprobt hat, kann sich keinen

Begriff davon machen.

Am Südufer des Sees lagerten wir an einem kleinen Bache.

Bei der veränderlichen Temperatur und dem ewigen Witterungswechsel wird

die Haut empfindlich. Besonders Nase und Ohren sind übel daran und

blättern unaufhörlich ab. Die Nägel werden spröde wie Glas und springen

ein, und beständig hat man Schmerzen in den Fingerspitzen.

Mehrere Pferde waren jetzt kränklich, und Mais hatten wir nur noch

für zwei Tage. Daher wurde der Reisvorrat hervorgesucht; alles, was

wir davon entbehren konnten, sollte den Tieren gegeben werden. Unser

kleinster Maulesel wäre uns in diesem Lager Nr. 61 (4907 Meter) beinahe

gestorben, wurde aber von Tscherdon, der ihn auf burjatische Weise

behandelte, gerettet. Das Tier schwoll unförmlich auf und krümmte

sich am Boden. Nachdem der Kosak durch Befühlen eine passende Stelle

ausgesucht hatte, nahm er einen Pfriemen und rannte ihn dem Tiere mit

einem kräftigen Stoße bis an den Stiel in den Leib. Da strömte Gas

heraus, aber kein Tropfen Blut. Dann wurde der Maulesel gezwungen,

aufzustehen. Ein Strick wurde um sein Hinterteil geschlungen. Ein Mann

zog ihn vorwärts, und ein zweiter prügelte ihn mit einer Holzlatte.

Jedesmal, wenn er hinten ausschlug, zogen zwei Männer an dem Stricke,

so daß der Esel von rechts nach links gerissen wurde. Über die Methode

selbst mag man sagen, was man will, aber diese echte Pferdekur hat dem

Tiere geholfen. Es wurde gesund, war mit auf dem Ritte nach Lhasa, zog

mit durch ganz Tibet nach Ladak, ging über den Kara-korum nach Kaschgar

und befand sich ausgezeichnet, als ich Ende Mai 1902 in letzterer Stadt

von ihm Abschied nahm.

Nach einem Rasttage zogen wir uns an dem kalten letzten Tage des

September recht warm an, um die Verschanzungen des Arka-tag zu

erstürmen. Wir folgten dem Ostufer des Sees und gingen nach Norden,

wo sich ein vorteilhafter Paß zeigte. Dann aber zwang uns eine Bucht,

die der See nach Osten ausschickt und in die sich ein Fluß ergießt, zu

einem bedeutenden Umwege.

Bald gelangten wir an ein Erosionstal, das uns einen guten Weg nach

den Höhen bot. Ich ritt mit Tscherdon und Mollah Schah voraus nach dem

Passe hinauf. Von der Südseite, auf der wir uns befanden, war der Paß

leicht zu ersteigen, und wir erreichten bald seine Schwelle; auf der

Nordseite aber, wo die Schichtköpfe zutage treten, fiel er sehr steil

ab.

Gerade auf diesem Kamme, der fast die ganze Erdrinde überragt und wie

ein Schwungbrett in den Weltenraum hinauszeigt, tobte der Schneesturm

mit solcher Wut, daß man das Gefühl hatte, verloren zu sein. Ich hatte

kaum die Kraft, die nötigen Beobachtungen auszuführen. Die Hände

werden steif und ganz gefühllos. Die Höhe betrug 5203 Meter. Da die

Karawane auf sich warten ließ, gingen die beiden Männer wieder zurück.

Ich kehrte dem Sturme den Rücken zu und kauerte mich nach Möglichkeit

zusammen. Nach dem Abgrunde im Norden zu ist jetzt nichts weiter zu

sehen als wirbelnde Schneewolken, ein kochender Schneekessel; es heult

und stöhnt auf allen Seiten, es pfeift, wenn der Wind sich über den

scharfen Paßkamm wälzt.

Nun ertönten die Kamelglocken ganz in der Nähe. Die Tiere zogen wie

Schatten an mir vorüber, ihre Tritte waren nicht zu hören. Turdu Bai

ging vornübergebeugt, den einen Arm zum Schutze erhoben, als arbeite er

sich durch ein Dickicht hindurch. Jetzt galt es, auf der Nordseite des

Passes hinunterzusteigen; es war, als sollte man sich auf gut Glück in

einen unbekannten Abgrund stürzen, dessen Boden nicht zu sehen ist.

Um bei der Hand zu sein, sobald die Kamele der Hilfe und Stütze

bedurften, gingen alle zu Fuß. Kutschuk geht voran und untersucht den

Weg. Er nimmt die Wand in unzähligen Zickzacklinien. Wir müssen alle

zehn Schritte stehenbleiben, damit uns nicht das Gesicht erfriert. Wir

gleiten und rutschen auf dem Schnee hinunter. Ein Kamel gleitet aus und

fällt, rollt noch ein halbes Mal herum, aber bleibt in so vorteilhafter

Stellung liegen, daß es aufstehen kann, ohne erst abgeladen werden zu

müssen.

Jetzt war der Tag zu Ende, und es wurde dunkel; aber wir gingen

trotzdem weiter, bis wir den steilen Abhang hinter uns hatten. In

finsterer Nacht lagerten wir auf einer Halde (4977 Meter), wo es keinen

Grashalm gab; Feuerung hatten wir auch nicht, nur Wasser in Gestalt von

Schnee und Eis, davon aber im Überfluß.

Als die Sonne am 1. Oktober aufging, konnten wir sehen, wie sich die

Gegend, in der wir in der Dunkelheit Halt gemacht hatten, ausnahm.

Vollständiger Winter umgab uns auf allen Seiten, und dabei schneite es

noch immerfort. Die Tiere waren steifbeinig und hungrig; daher rasteten

wir schon nach wenigen Kilometern auf einer Halde mit leidlichem

Graswuchse (4899 Meter). Mit wehem Herzen gab ich Befehl, das letzte

Schaf zu schlachten; es kam mir wie ein Mord vor.

Am 2. Oktober zogen wir 30 Kilometer nordwärts bergab. Noch eine

Tagereise half uns dieses freundliche, langsam abfallende Tal weiter.

Die Luft war klar geworden, und wir sahen das Tschimengebirge in einer

Entfernung von gewiß 100 Kilometer vor uns liegen. Doch bevor wir

aufbrachen, war schon wieder der Westwind im Gange, um uns auf unseren

elenden Kleppern vor Kälte erstarren zu lassen.

Das Tal erweitert sich, und wir sehen im Norden den See

+Atschik-köll+. Wir hätten bleiben sollen, wo der Bach, dem

wir bisher gefolgt waren, endete, aber wir hofften, den See bald zu

erreichen und dort Quellen zu finden. Die armen Tiere waren ganz

erschöpft. Das Pferd, auf dem ich nach Andere geritten war, blieb mit

Nias zurück, und ein zweiter Schimmel wurde mit Kutschuk als Pfleger

zurückgelassen. Sie sollten uns langsam nachkommen. Wir ritten nach

Norden weiter, es dämmerte und wurde dunkel, aber der Mond erhellte mit

seinem bleichen Lichte die kalte Einöde. Wasser war nicht zu sehen, und

der See blieb eine ziemliche Strecke östlich von unserem Wege liegen.

Frierend ging Turdu Bai zu Fuß voraus. Wir waren seelenfroh, als er

endlich stehenblieb und uns zurief, wir hätten einen sich in den See

ergießenden Fluß erreicht. 37½ Kilometer täglich war ungefähr das

meiste, was die Tiere nunmehr aushalten konnten. Die kranken Pferde

erreichten wirklich noch dieses Lager Nr. 65 (4251 Meter), aber erst

gegen Mittag und nachdem sie die Nacht in einiger Entfernung vom Lager

zugebracht hatten. Sie wurden dann aufs beste gepflegt und mit Reis

traktiert.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 39 / 42 段