Nach achtstündiger angestrengter Arbeit erreichten wir endlich das

Ufer; es war ein schönes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen

zu haben. Von einem Hügel sah ich Mollah Schah, der uns an einer

Landspitze mit vier Pferden erwartete. Wir steuerten dorthin und

hielten zur Messung der Wassermengen in dem Sunde an, den wir vor einer

Woche passiert hatten. Die Breite und die Tiefen wurden gemessen, aber

nur drei Geschwindigkeiten konnten bestimmt werden, als die vierte

Sturmbö kam. Obgleich die Sonne noch über dem Horizont stand, wurde

es so dunkel wie bei Nacht, und nur zackige Blitze erhellten das

unheimliche Chaos. Nur mit Aufbietung der äußersten Kräfte konnten wir

über den 60 Meter breiten Sund hinüberkommen. Es war ein gründlicher

Abschiedsgruß des entfliehenden Sturmtages. Wir hatten wirklich genug

davon. Segel, Mast, Ruder und Rettungsbojen wurden am Ufer unter das

umgekehrte Boot gelegt, ich verteilte die Instrumente unter uns, dann

stiegen wir zu Pferd und trabten langsam nach Hause.

Das Reiten war gar zu schön nach all der anstrengenden Ruderarbeit.

Jetzt glänzte der Mond zwischen zerrissenen Wolken hervor, und sein

Licht vermischte sich in phantastischer Weise mit den zuckenden

Blitzen, die einander unaufhörlich ablösten.

Ganz erschöpft kamen wir endlich in unseren kalten Hütten an, wo alles

gut stand. Aldat hatte vier Orongoantilopen geschossen; wir hatten

daher Proviant für ein paar Wochen. Die Kamele und die abgetriebenen

Pferde waren fetter geworden und hatten sich ausruhen können. Doch der

Sturm jagte noch immer über die Erde hin, als wir uns in Morpheus’ Arme

warfen.

Der 6. September, an dem wir im Hauptquartier verweilten, hatte beinahe

den Charakter eines Winterabends. Kein Schimmer war von der Sonne zu

sehen, und die Hagelschauer folgten dicht aufeinander. Ich beschäftigte

mich mit den Ergebnissen der Exkursion, Tscherdon und Kutschuk gingen

auf ziemlich erfolgreichen Fischfang aus, und die anderen präparierten

Orongoskelette. Eine der vier Antilopen hatte, schwer verwundet, die

Flucht ergriffen und Aldat hatte sie verloren gegeben, Turdu Bai aber

verfolgte die Spur und fand das Tier tot an einem Tümpel liegen,

bewacht von einem Adler, der schon ein paarmal in die von der Kugel

verursachte Wunde gehackt hatte. Er wurde jetzt eine leichte Beute.

Vielleicht erwähne ich in dieser Reisebeschreibung viel zu oft solcher

Dinge und Verhältnisse, die dem Leser als reine Bagatellen erscheinen

mögen; es geschieht jedoch, um ihm einen Begriff zu geben von dem

Leben, das der einsame Wanderer in diesen öden, unbewohnten Gegenden

führt. Aneinandergereiht können sie ein vollständiges Bild liefern von

dem Verlaufe der Tage durch Monate und Jahre hindurch in dem kleinen

Gemeinwesen, das unsere Welt ausmachte. Letztere ist nicht groß und sie

lebt unter einförmigen Verhältnissen; dieselben Beschäftigungen kehren

regelmäßig mit dem Glockenschlage wieder, und nur das Land, das wir

durchwandern, hält mit seinen beständigen Veränderungen das Interesse

wach.

Mit der Wahl meiner Diener hatte ich allen Grund zufrieden zu sein.

Turdu Bai sorgt mit stoischer Ruhe für die Kamele, als wären es seine

eigenen Kinder. Tscherdon ist ordentlich, pünktlich und aufgeweckt

und überdies ein sehr komischer Geselle mit seiner eigenen kleinen

Philosophie. Mollah Schah pflegt die Pferde tadellos, ist aber ein

bißchen wortkarg, brummig und verschlossen. Während des Marsches wird

die halbe Pferdekarawane von Kutschuk geführt, der, wenig über zwanzig

Jahre alt, ein Riese ist, stets heiter und zufrieden, besonders wenn er

auf dem Wasser sein kann, denn seit seiner Kindheit hat er die Ruder

geführt. Ohne Aldat wäre unsere Lage jetzt recht besorgniserregend

gewesen. Er hat uns mit frischem Fleische versorgt und läuft stets

hinter Wildbret her. Sowohl im Lager wie auf dem Marsche mag er am

liebsten allein sein, und er redet nur wenig. Nias verrichtet die

gröberen Arbeiten, trägt Wasser, wenn wir lagern, sammelt Feuerung,

treibt morgens die Tiere ein und hilft beim Beladen.

Am besten haben es die Hunde; sie erhalten frisches Fleisch im Überfluß

und haben weiter nichts zu tun, als Wache zu halten; bellen sie einmal

des Nachts, so gilt es nur Yaken, Kulanen oder unseren eigenen Tieren.

Sie spielen mit dem letzten Schafe, das zu schlachten keiner übers Herz

bringen kann; treu zu den Kamelen haltend, weidet es mit ihnen und ruht

nachts zwischen ihren wärmenden Leibern.

Das Lager Nr. 43 wurde ein Wendepunkt. Weiter südlich konnten wir

nicht gehen, da unsere Vorräte nur für 2½ Monate berechnet und wir

schon 1½ Monate unterwegs waren. Reis hatten wir noch genug, aber

mit dem Mehl mußte mit der größten Sparsamkeit umgegangen werden. Es

war davon zuviel draufgegangen, als wir versuchten, das Kamel, welches

starb, zu retten. Der Winter würde nicht lange auf sich warten lassen,

und wir mußten daher in einem großen westnordöstlichen Bogen nach dem

Hauptlager im Tschimentale eilen.

Ich wollte, bevor wir diesen Teil von Tibet verließen, noch eine der

latitudinalen Bergketten, die in einem im Südwesten sich erhebenden

gewaltigen Bergmassiv mit ewigem Schnee kulminierte, überschreiten.

Im Lager Nr. 44 (4888 Meter) beschlossen wir also, die Karawane zu

teilen. Turdu Bai sollte mit dem größeren Teile nach Westsüdwest

durch das sich in dieser Richtung öffnende Längental ziehen. Er

hatte Befehl, uns auf offenem Lande unmittelbar nordwestlich von dem

Bergmassive, um dessen Südseite ich herumgehen wollte, zu erwarten.

An dieser Exkursion, deren mutmaßliche Dauer auf vier Tage berechnet

war, sollten Tscherdon und Aldat teilnehmen. Wir hatten nur sechs

Pferde, die kleinen provisorischen Jurten, Proviant für eine Woche

und Feuerung für zwei Tage. Ich würde mich mittelst meines Besteckes

und des Kompasses schon zurechtfinden, aber von dem Gesichtspunkte

aus, daß sich die Muselmänner verirren konnten, war das Ganze doch

etwas abenteuerlich. Indessen mußten die Spuren der einen Gesellschaft

doch immer der anderen als Leitschnur dienen, und gab es in der zum

Sammelplatze ausersehenen Gegend gar keine Spuren, so sollte die zuerst

angelangte Gesellschaft dort warten. Für den Fall aber, daß alle

Spuren durch Schnee oder Regen bald verwischt werden würden, sollte

Turdu Bai, wenn wir nach einer Woche noch nichts von uns hören ließen,

alle Nachforschungen aufgeben und sich nach Norden nach dem großen

Hauptquartiere durchzuschlagen suchen. Ihr Proviant reichte im Notfalle

aus, und was uns betraf, so würde uns Aldat wohl mit Fleisch versorgen

können.

Am 8. September brachen die beiden Abteilungen gleichzeitig aus dem

Lager Nr. 44 auf. Nachdem wir den Fluß, der vor einigen Tagen unseren

Marsch nach Süden gehemmt hatte, in seinem oberen Laufe überschritten

hatten, gingen unsere Wege auseinander. Wir eilten nach Südsüdwesten.

Nach einem mehrstündigen schnellen Ritt gelangten wir an eine

Hügelreihe, der Quellen entsprangen, die kleine Becken kristallhellen

Wassers bildeten und von niedrigem, dichtem, intensiv grünem Grase von

der Weichheit eines indischen Rasens umgeben waren. Da nach Süden hin

keine Weide zu erblicken war und wir in der Nähe der Quellen reichliche

Feuerung fanden, weil Yake und Kulane sie zu besuchen pflegten, blieben

wir dort in einer Meereshöhe von 4973 Meter.

Während des Rittes hatten wir Gesellschaft von ein paar großen, ganz

hellgelben Wölfen, die uns mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten.

Jolldasch, der sie in die Flucht jagen wollte, mußte an die Leine

genommen werden; er wäre ihnen ein willkommener Bissen gewesen. Das

Wetter war natürlich abscheulich. Es war der achtzehnte Tag mit Schnee-

und Hagelsturm aus Westen; die Nacht aber war wie gewöhnlich windstill

und sternklar.

[Illustration: 154. Unser Lager in Togri-sai am 8. Oktober. (S. 370.)]

[Illustration: 155. Die Kamelkarawane. (S. 372.)]

[Illustration: 156. Das Illwe-tschimen-Gebirge aus dem Tschimental. (S.

374.)]

[Illustration: 157. Obo beim Lager Nr. 71 im untern Togri-sai. (S.

373.)]

Auch am 9. ritten wir bei starkem Wind nach Südwesten. Es geht bergauf

und bergab über eine Menge Hügel. Wir nähern uns immer höheren

Regionen. Ein aus lauter Moor bestehender Ausläufer mußte umgangen

werden, bevor wir wieder nach Westen abschwenkten und das Schneemassiv

vor uns hatten. Steifgefroren und abgespannt lagerten wir auf dem

letzten Grasplatz.

Als das Lager fertig war, meldete Aldat, daß ein großer Yak in der

Nähe weide, und bat, auf die Jagd gehen zu dürfen, was erlaubt wurde.

Ich beobachtete ihn, wie er katzengleich in den Bodensenkungen

hinschlich, um auf genügende Treffweite an das nichts Böses ahnende

Tier heranzukommen. Er hatte dem starken Gegenwinde zu danken, daß er

sich dem Yak bis auf 30 Schritt nähern und die Flinte auf die Gabel

legen konnte. Der Schuß krachte, und der Yak machte einen Satz, daß

der Sand hoch aufwirbelte, lief dann noch ein paar Schritte, blieb

stehen, taumelte, versuchte sich im Gleichgewicht zu halten, fiel,

stand wieder auf und wiederholte diese Bewegungen mehrere Male, bis er

schließlich wie ein Klotz auf die Erde fiel und liegenblieb. Aldat lag

noch, unbeweglich wie eine Statue, hinter seiner Flinte, um nicht die

Aufmerksamkeit des sterbenden Tieres zu erwecken.

Tscherdon und ich begaben uns nun dorthin. Alle drei bis vier Schritte

bleibt man stehen und hat das Gefühl, als müsse man in dieser ungeheuer

verdünnten Luft von der Anstrengung sofort einen Herzschlag bekommen.

Der gefallene Yak war ein großer fünfzehnjähriger Stier. Die Messer

wurden hervorgeholt, der Kopf vom Rumpfe getrennt und die Eingeweide

herausgenommen; dann blieb das Tier bis zum nächsten Morgen liegen, da

das uns besonders nötige Fett erst dann geholt werden sollte. Betrübten

Herzens mußte Aldat das prächtige Fell zurücklassen, das ihm in

Tschertschen eine hübsche Summe eingebracht hätte, aber wir hatten nur

drei Lastpferde, und ich versprach ihm, seinen Meisterschuß zum vollen

Werte zu bezahlen.

Der 10. September war ein harter Tag. Vor Sonnenaufgang trieb Aldat die

Pferde ein, die sich bis weit ins Tal hinunter verirrt hatten; dann

ging er wieder fort, um das Fett und den Yakkopf in das Lager zu holen.

Der Westwind, unser schlimmster Feind, verschlief sich und stellte

sich erst um 9 Uhr ein; er entschädigte sich aber für den Zeitverlust,

denn so arg hatte er selten getobt. Das Lager lag auch sehr offen und

in einer Höhe von 5143 Meter, so daß der Wind in den hohen Regionen

freien Spielraum hatte. Im Westen zeigte sich der auf der Südseite des

Schneegebirgsstockes liegende Paß, über den wir hinüber sollten. Man

bebte zurück vor dieser unheimlichen Schwelle, deren Höhe bedeutend

sein mußte. Gefährlich sah der Paß jedoch nicht aus.

Da Aldat noch immer nicht kam, schickte ich Tscherdon aus, um tragen

zu helfen. Erst um 11 Uhr kehrten sie zurück. Tscherdon hatte den

jungen Jäger krank neben seinem Opfer liegend gefunden, außerstande,

seine Arbeit fortzusetzen. Der Kosak half ihm nach dem Lager zurück und

brachte einen Teil des Yakfettes mit. Der arme Jäger sah wirklich sehr

angegriffen aus und hatte heftiges Kopfweh und Nasenbluten. Er mußte

sich ruhig verhalten, während ich und Tscherdon das Zelt abbrachen und

unsere Tiere beluden.

Die Erde war bei -6 Grad Kälte gefroren; in der vorhergehenden Nacht

hatten wir sogar -10,7 Grad gehabt; dies waren deutliche Anzeichen des

Winters. Aldat war so schwach, daß er ohne Hilfe nicht in den Sattel

kommen konnte; schließlich aber waren wir mit allem in Ordnung und

konnten uns auf den Weg nach dem abscheulichen Passe machen. Rechts

von uns defilierten alle bisher aus der Ferne erblickten Schneegipfel

vorbei, jetzt aber in unserer unmittelbaren Nähe. Als die Sonne

kräftiger wurde, taute der Boden wieder auf, und wir mußten mühsam

durch den Schlamm patschen. Stundenlang ging es bergauf; wir glaubten

unaufhörlich, den Paß dicht vor uns zu haben, aber immer wieder war er

in die Ferne gerückt. Neue Höhen, neue kleine Schwellen erheben sich

vor uns; wir überschreiten sie und müssen dann sehen, daß die Aussicht

nach Westen schon wieder von einer neuen Höhe verdeckt wird.

Die Pferde sinken in den Schlamm ein. Der lockere Boden ist mit

Schieferplatten bedeckt; die armen Tiere gleiten auf ihnen aus,

geraten in den Schlamm daneben und verletzen sich die Beine an den

scharfen Kanten. Im Schutze eines großen Felsblockes rasten wir eine

Viertelstunde, um unsere steifgewordenen Glieder wieder geschmeidig

zu machen. Etwa 10-20 Meter nördlich von unserem Wege enden zwei

scharfabgeschnittene Gletscherzungen. An ihnen entlang gingen ebenso

langsam wie wir zwei Yake. Jolldasch lief hin und bellte sich heiser,

aber sie schenkten ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Manchmal

blieben sie stehen und betrachteten uns, hielten uns aber sichtlich für

ungefährlich. Diese großen Tiere bewegten sich auf diesem Moorboden und

in dieser dünnen Luft mit beneidenswerter Leichtigkeit und Gewandtheit.

Auf dem Passe zeigten die Aneroide eine Höhe von 5426 Meter; man hat

dort genau die halbe Höhe der Atmosphäre unter sich!

Das Thermometer stieg an diesem Tage nicht einen halben Grad über Null,

und der Wind drang uns durch Mark und Bein; Pelze und Lederwesten

nützten gar nichts. Könnte man gehen, so wäre es leicht, die

Körperwärme wieder zu erhalten, aber man kann nicht gehen, man hockt

auf den vorwärtstaumelnden Pferden und sehnt sich nach einem leidlichen

Lagerplatze. Der einzige Trost, den wir hatten, war, daß es wieder

bergab ging, nachdem wir den Paß endlich erreicht hatten. In einer Höhe

von 5263 Meter, 450 Meter über dem Gipfel des Montblanc, lagerten wir

in einem vom Passe nach Südwest führenden Tale. Dort wuchsen einige

erbärmliche Grashalme, und wir hatten nur noch eine Handvoll Feuerung.

Aldat konnte nicht auf den Beinen stehen; er mußte an der Stelle, wo

er vom Pferde heruntersank, bleiben und wurde sofort in Filzdecken

eingepackt; wir konnten ihn nicht einmal dazu bewegen, ein wenig heißen

Tee zu trinken, und er stöhnte die ganze Nacht.

Am folgenden Morgen erschien im Südwesten ein neues Schneemassiv und in

seiner Südostverlängerung ein ganzer Kamm von schneebedeckten Bergen,

gewiß die +Tang-la-Kette+. Von Osten nach Westen erstreckt sich

ein Haupttal, in welches alle Flüsse und Bäche der Gegend einmünden.

Um nicht alle ihre Täler überschreiten zu müssen, beschlossen wir,

in dieses Längental hinunterzugehen. In der Nähe des Bergfußes erhob

sich ein kleiner isolierter Hügel, auf dem Tscherdons scharfe Augen

einige dunkle Punkte entdeckten, die er für Menschen oder Yake hielt.

Wir machten Halt und beobachteten sie mit dem Fernglase. Etwas war es,

denn sie bewegten sich, aber der eine Punkt schien unförmlich groß;

vielleicht war es eine Yakkuh mit ihren Kälbern.

Angeregt von diesem Anblick schlugen wir die Richtung nach dem Hügel

ein. Der arme Aldat befand sich jetzt so schlecht, daß er festgebunden

werden mußte, um nicht herunterzufallen. Er redete unzusammenhängende

Worte, schien zu phantasieren und bat unaufhörlich, wir sollten ihn

zurücklassen. Als wir weiter unten am Abhange waren, konnten wir in den

schwarzen Punkten zwei Männer erkennen, die Steine zu einer Pyramide

sammelten. Noch ein bißchen weiter und wir sahen, daß die beiden Männer

unsere Freunde Turdu Bai und Kutschuk waren, die sich am Abend vorher

hierher begeben hatten, um nach uns auszuspähen. Da sie keine Spuren

von uns hatten finden können, hatten sie beschlossen, in ihr Lager

zurückzukehren, vorher aber noch ein Wahrzeichen für uns zu errichten.

Für eine künftige Expedition wird die Pyramide, die über zwei Meter

hoch ist, ein gutes Merkmal und ein leicht wiederzuerkennendes Zeichen

sein.

Nach einem sehr notwendigen Ruhetage im Lager Nr. 48 (5073 Meter) zogen

wir am 13. September nach Westen weiter (Abb. 144). Es war nicht unsere

Absicht, einen Kranken den Strapazen der Reise auszusetzen, aber unsere

knappen Vorräte erlaubten uns nicht, noch länger zu verweilen. Aldat

hatte die ganze Nacht phantasiert, gestöhnt und Lieder in persischer

Sprache gesungen. Die Behandlung, die ich für geeignet gehalten hatte,

wirkte nicht. Er hatte die Herrschaft über seinen Körper und seinen

Geist verloren, verfiel sichtlich und starrte mit wirrem Blicke ins

Leere. Während des Marsches lag er auf einem Bett, das ihm auf einem

Kamel zwischen ein paar Säcken zurechtgemacht worden war. Er hatte ein

Kopfkissen, war mit Filzdecken zugedeckt und mußte festgebunden werden,

um nicht herunterzugleiten (Abb. 145).

In dem Längentale gingen wir über eine niedrige Schwelle (5107 Meter)

und folgten dann einem Bett, dessen Boden aus Sand bestand; es war ein

vortrefflicher Untergrund, der die Tiere trug. Vor uns ging in aller

Gemächlichkeit ein Yakstier, dessen schwarzer Fransenbehang die Erde

berührte und der wie ein mit einer Trauerdecke versehenes Turnierroß

aussah. Jolldasch lief ihm nach und zupfte ihn an den hinteren Zotteln.

Der Yak drehte sich um, richtete den Schwanz in die Höhe und senkte

die Hörner zum Angriff, worauf Jolldasch auskniff, um das Spiel nach

einer Weile wiederzubeginnen. Eine Herde von 20 Archaris oder wilden

Schafen verschwand wie der Wind, als Tscherdon mit Aldats Flinte sie zu

beschleichen versuchte.

Das Tal, dem wir gefolgt waren, mündete in eine Ebene, in der wir an

dem ersten Süßwassertümpel (4903 Meter) lagerten.

Von nun an wurde meine Jurte sowohl abends wie morgens geheizt. Der

Deckel des großen Eisentopfes oder, wenn dieser gebraucht wurde, meine

Waschschüssel wurde mit glühenden Kohlen auf einem Bett von Asche

in die Jurte gestellt; dies war bei dem ewigen Winde, der über das

Hochland hinstrich, wirklich notwendig.

Am 14. September konnten wir infolge des vorteilhaften, wenig kupierten

Terrains volle 30 Kilometer zurücklegen. Die Landschaft wird durch

zahllose kleine Salztümpel charakterisiert, von denen jeder das Zentrum

eines ganz kleinen abflußlosen, sehr oft auch keinen sichtbaren Zufluß

erhaltenden Beckens bildet. Wir suchten lange nach süßem Wasser

und blieben bei einer kleinen Quelle, die mit spärlichem Graswuchs

umgeben war. Das Wetter war zu Anfang des Tages herrlich gewesen,

nachmittags aber kamen die gewöhnlichen Stürme, jetzt der Abwechslung

halber von Osten. Es hagelte und gewitterte. Gerade als wir lagerten

(4890 Meter), begann ein ärgeres Schneetreiben, als wir es je erlebt

hatten. Das kurze Gras war bald unter dem Schnee begraben. Auf der

Windseite meiner Jurte türmte sich eine ganze Düne von Schnee auf. Es

war nicht leicht, um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesung

auszuführen, denn es war so dunkel wie in einem Sacke, und man wurde in

kompakte Wolken von wirbelndem Schnee gehüllt. Die Ablesungslaterne

ist invalid geworden, denn drei ihrer Glasscheiben sind durch Pappe

ersetzt, und die vierte ist in zwanzig Stücke zersprungen, die durch

Papierstreifen und Syndetikon zusammengehalten werden. Der Schnee

knirscht unter unseren Füßen, und man braucht sich nur ein paar Minuten

im Freien aufzuhalten, um einem Schneemanne zu gleichen. Das Zelt der

Leute schlägt und knallt im Winde; ich kann daraus entnehmen, wo es

steht, denn obwohl es nur ein paar Meter entfernt ist, kann ich es im

Schneegestöber nicht sehen. Man kann sich indessen noch freuen, daß

man sich bei solchem Wetter unter Dach befindet, während die armen

Tiere müde und frierend, die Schwänze gegen den Wind gekehrt, draußen

stehen müssen. Es ist unheimlich in einem Lande, das nichts weiter als

Wasser bietet, eingeschneit zu werden. Die Aussichten für die Zukunft

sind auch nicht gut; all dieser Schnee kann schmelzen und den Boden in

einen Schlammpfuhl verwandeln. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur

auf -2,1 Grad heruntergegangen, nachdem wir um 1 Uhr +11 Grad gehabt

hatten. Wir waren jetzt jedoch so von Schnee umgeben, daß sowohl das

Zelt wie die Jurte die Nacht über warm gehalten wurden.

Die Stimmung wurde durch den Zustand des armen Aldat noch gedrückter.

Er war von einer schweren Krankheit befallen, auf die ich mich nicht

verstand. Er klagte über Schmerzen im Herzen und im Kopfe, und seine

Füße waren kalt und hart wie Eis und sahen schwarz aus. Ich rieb sie

tüchtig, um das Blut in Umlauf zu bringen, aber ohne Erfolg. Sie waren

wie tot, und man konnte mit einer Stecknadel hineinstechen, ohne daß

er es fühlte. Dieser Zustand schritt nach und nach immer höher an

den Beinen hinauf. Spät am Abend gab ich ihm ein warmes Fußbad, das

ihm gut zu bekommen schien. Merkwürdig kam es uns jedoch vor, daß er

sozusagen verrückt geworden war. Während der Märsche schwatzte er

ununterbrochen und rief seinem Kamele zu, es solle sich legen, und

noch eine gute Weile, nachdem er im Zelte in sein Bett gelegt worden

war, bat er die andern in der herzbewegendsten Weise, doch das Kamel

halten zu lassen. Mollah Schah, der ihn von Tschertschen her kannte,

erzählte uns, daß er früher verrückt gewesen, aber von einem gewissen

Abdurrahman Chodscha, einem Ischan (Arzt), geheilt worden sei, welch

letzterer in das Haus von Aldats Eltern gekommen sei, dort Gebetformeln

über diesen gesprochen und ihn mit Koranversen beschriebene

Papierzettel habe verschlucken lassen. Es war herzzerreißend, diesen

vierundzwanzigjährigen, vor kurzem noch so kräftigen Mann in seinen

Fieberphantasien von seinem Vater und seinen Brüdern in Tschertschen

sprechen zu hören. Jetzt wurde nachts stets bei ihm Wache gehalten, und

wir taten alles, um ihn zu retten. Doch dazu ist nicht viel Aussicht

vorhanden, wenn man einen Sterbenden durch eisige Schneestürme und über

himmelhohe Berge schleppen muß!

Von Hunger getrieben gingen die Pferde über Nacht auf

Grasentdeckungsreisen aus, und es dauerte am Morgen ziemlich lange,

bis wir sie wieder alle hatten. Jetzt schien die Sonne warm auf die

30 Zentimeter dicke Schneedecke, die durch ihre glänzend reine Weiße

blendete. Der Tag wurde jedoch kalt und rauh, denn ein häßlicher

Westwind wehte über die Schneefelder hin. Wenn er gelegentlich

aussetzte, war es richtig heiß in der Sonne, aber schon nach ein paar

Minuten waren wir wieder mitten im Schneegestöber. Dieses dauert zwar

nie lange, und die Sonne tritt bald wieder aus den Wolken hervor,

aber der Wind macht kalt. Es ist Winter und Sommer in brüderlicher

Vereinigung, ein charakteristisch tibetisches Wetter.

Wir hielten jetzt konsequent nordwestliche Richtung ein und brauchten

daher keine mächtigen Bergketten zu überschreiten. Das Land war nach

dieser Seite ziemlich offen. Die Temperatur blieb den ganzen Tag

unter Null, und der gefrorene Boden trug. Aber der Schnee verbarg die

unglaublich dicht nebeneinanderliegenden Murmeltierlöcher, in welche

die Pferde oft traten und dann fielen. Unsere Marschregel lautete

jetzt: drei Tage Wanderung, den vierten Rast. Der 16. September, ein

Sonntag, war solch ein herrlicher Ruhetag mit gutem Wetter (in 4997

Meter Höhe). Tscherdon hatte vorsorglich einige Patronen aufgespart,

gab sie nun aber für einen jungen Yak hin, der uns einen großen Sack

voll prächtigen Fleisches einbrachte; gut schmeckt es nicht, aber man

ist wenig wählerisch, wenn einem nichts anderes geboten wird. Er schoß

auch einen jungen Wolf, der es augenscheinlich auf unser letztes Schaf

abgesehen hatte. Der Kadaver wurde eine willkommene Speise für einige

Raben, die unsere immer müder werdende Karawane seit einigen Tagen

begleiteten; vielleicht ahnten sie, daß es nicht mehr lange dauern

konnte, bis jemand zurückgelassen werden würde.

Abends bat Aldat, die Nacht im Freien zwischen zwei Kamelen zubringen

zu dürfen. Die Muselmänner glauben nämlich, daß die von diesen Tieren

ausströmende Körperwärme einen Kranken, dessen Kräfte im Abnehmen

begriffen sind, zu heilen und zu stärken vermag. Er wurde gut

eingepackt in den Kreis gelegt, und Mollah Schah und Nias leisteten ihm

Gesellschaft.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 38 / 42 段