Wasser hing; es mußte mit den übrigen Laststricken verstärkt werden,
so daß es doppelt wurde und straffer war. Mitten in dieser Arbeit riß
das erste Seil, und wir konnten wieder von vorn anfangen. Meine Hände
waren schon ganz abgeschürft. Tscherdon mußte die Überführung der drei
übrigen Kamele besorgen; endlich hatten wir alle Tiere unversehrt
drüben. Das letzte Schaf, das sich daran gewöhnt hatte, bei den Kamelen
zu kampieren, schwamm von selbst hinüber.
Schließlich wurde das Gepäck hinübergebracht; dann wurde das Lager auf
dem rechten Ufer aufgeschlagen. Die Wassermenge dieses Flusses betrug
47,5 Kubikmeter in der Sekunde. Es war der größte Fluß, den ich bisher
in Nord- und Mitteltibet gesehen hatte. Verschiedene Wassertierchen
wurden von der Strömung aus dem Süßwassersee mitgeführt, um, sobald
die Salzmischung ihnen zu stark wird, einem sicheren Untergang
entgegenzugehen.
Ein Kamel und zwei Pferde hatten wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken
und trugen daher während der nächsten Tage kein Gepäck. Auch mein alter
Wüstenschimmel bedurfte der Ruhe, und ich bestieg deshalb ein anderes
Pferd. Gewöhnlich pflegte ich meine Reitpferde so zu dressieren, daß
sie stillstanden, sobald ich eine Kompaßpeilung vornehmen wollte. In
dieser Beziehung war das Wüstenpferd vorzüglich. Ich brauchte nur
die Hand in die Kompaßtasche zu stecken, so stand es ohne weitere
Aufforderung unbeweglich still.
Wir zogen die aus lauter weichem Material, ohne Spur von festem Gestein
bestehenden Hügel, welche die beiden großen Seen im Süden begrenzten,
hinauf. Hier und dort wuchs an den Bächen vortreffliches Gras, das
nebst Quellen und brennbaren Sträuchern zum Rasten aufforderte; aber
die Tiere waren jetzt so ausgeruht, daß wir unseren Weg fortsetzten.
Ein niedriger Kamm wird überschritten; südlich davon erscheint ein
neuer See, der keinen sichtbaren Abfluß hat, aber doch süß ist.
Zwischen den Hügeln im Südwesten des Sees grasten 18 Yake, und höher
hinauf sah man eine Yakherde von über hundert Tieren, alten und jungen;
der Boden erschien von ihnen ganz schwarz punktiert. Während wir sie
beobachteten, wurde es sowohl im Westen wie im Osten dunkel, und das
Rollen des Donners, das wie das Brüllen des Löwen ein tyrannisches
Warnungssignal zum Aufpassen ist, verkündete, daß ein Sturm im Anzuge
war. Der Hagelschauer schlug mit überwältigender Macht nieder, die Yake
verschwanden im Nebel, und Aldat, der mit der Flinte auf der Schulter
nach den Höhen auf der anderen Seite des Tales geeilt war, ebenfalls.
Er wurde sich selbst überlassen, während wir längs des Sees weiterzogen
und an einem einige Kilometer von seinem Südufer gelegenen Tümpel das
Lager aufschlugen.
Gegen 9 Uhr ertönten Rufe durch die Dunkelheit, und ein paar Leute
wurden ausgeschickt, um Aldat entgegenzugehen, der ganz müde nach
Hause kam und unter der Last eines großen Fleischstückes und eines
Yakschwanzes keuchte. Er hatte geglaubt, daß wir am See bleiben
würden, und deshalb Pelz und Flinte liegen lassen, um sie später zu
holen. Sein Opfer war ein ziemlich großes Yakkalb, das beim ersten
Schuß zusammengebrochen war. Die anderen Tiere hatten nicht die
Flucht ergriffen, sondern sich nur ein wenig höher auf die Hügel
hinaufbegeben. Aldat hätte leicht noch einige schießen können, hatte es
aber für unnötig gehalten.
Da der folgende Tag, ein Sonntag, zur Ruhe bestimmt wurde, begab er
sich mit Kutschuk nach der Stelle, und beide holten eine ganze Ladung
Fleisch, das eine unschätzbare Verstärkung unseres sehr kümmerlichen
Proviants war. Tscherdon briet mir ein paar Schnitzel, die nicht
schlecht waren; es war aber auch ein junges Tier mit zartem Fleisch.
Am 27. August ritten wir direkt nach Süden. Auch an diesem Abend
lagerten wir im Lager Nr. 35 am Ufer eines großen Salzsees, wo es in
der Nachbarschaft eine Quelle gab und wo die Weide zu gut war, als daß
wir hätten vorbeiziehen können (Abb. 136, 137, 138).
Am 28. August wurden wir wieder von einem Labyrinth von Tümpeln,
Seebuchten und Wasserläufen aufgehalten. Einer der letzteren war recht
bedeutend und hatte eine starke Strömung. Mollah Schah versuchte es, an
ein paar Stellen hinüberzukommen, aber das Wasser war zu tief.
Jetzt standen wir von neuem da, von einem unüberschreitbaren Flusse
gehemmt, und bereiteten uns gerade vor, an seinem linken Ufer
hinaufzuziehen, um weiter aufwärts nach einer Furt zu suchen. Doch über
uns lauerte ein anderer, wohlbekannter alter Feind. Obwohl Ostwind
wehte, verfinsterte sich der westliche Horizont, und bleischwere
Wolkenmassen wälzten sich über das Land wie eine Schlagwelle, die auf
ihrem Wege alles zu begraben droht. Das Ganze glich einem riesenhaften
Netzzuge oder einem Heere, dessen beide Flügel in gleichmäßigem
Takt zum Angriff stürmten. Die Wolken des linken Flügels hatten
dunkelrot gefärbte Ränder, die auf dem rechten waren rabenschwarz.
Die alleräußersten Vorposten waren in die unglaublichsten, von einem
dämonischen Sturm gejagten Gestalten zerrissen. Noch badet sich die
Landschaft im Osten in Licht und Sonnenschein. Doch von Westen her
schnürte sich das unheimliche Netz immer dichter um uns zu. Wir
beschlossen also, schleunigst zu lagern, aber ja nicht zu nahe an dem
Ufer dieses Flusses, der vielleicht von den heftigen Niederschlägen
anschwellen würde. Wir halfen alle beim Aufrichten des Jurtengestelles
und hatten gerade ein paar Filzdecken über die Dachlatten gezogen, als
der Sturm über den Teil der Erdoberfläche, auf dem wir uns befanden,
hinfuhr und die Hagelschauer an der Erde entlangfegten. Es schmerzt im
Gesicht und an den Händen, als sei jedes Hagelkorn aus einem Blasrohr
geschossen, und man läuft buchstäblich Spießruten, ehe man unter Dach
kommt.
Am anderen Morgen war das Wetter wenig angenehm. Im Norden hatten
wir jetzt den letzten Salzsee und im Süden einen neuen See von
achtunggebietenden Dimensionen. Von diesem strömt das Wasser, wie
auch der von Westen kommende Fluß, nach dem ersteren hin. In seinem
Unterlaufe erweitert sich der Fluß zu nicht unbedeutenden Becken. In
ein solches ruderten wir aus Unkenntnis der Flußrichtung hinein und
gerieten dort in eine Sackgasse. Auf dem innersten Ufer saßen ungefähr
50 Gänse, die vermutlich auf ihrer Winterreise nach Indien hier Rast
hielten. Alle flogen langsam und niedrig, außer einer, die auf dem
Wasser liegenblieb und untertauchte, als wir an sie heranruderten.
Wir verfolgten sie nahezu eine Stunde. Das Untertauchen dauerte immer
kürzere Zeit, und als sie nur 10 Meter vom Boote auftauchte, begann
ich, sie mit der einzigen vorhandenen Waffe, dem Ruder, zu harpunieren.
Mehreremal wurde sie von dem Blatte gestreift und schließlich mit einem
gutgezielten Schlage getötet, worauf sie gerupft wurde, um uns eine
angenehme Abwechslung im Speisezettel zu bereiten.
Nachher fanden wir die Mündung des Flusses in dem sehr breiten Arme,
der vom Süßwassersee in den salzigen geht. Wir bestiegen am anderen
Ufer einen Hügel und sahen uns dort beinahe auf allen Seiten von
ansehnlichen Wasserflächen umgeben. Gerade nach Osten erstreckte sich
die Landenge, auf deren äußerster Zunge wir uns befanden, im Norden
dehnte der Salzsee seinen großen Wasserspiegel aus, und im Süden lag
der neuentdeckte süße See. Die Mittelpartie dieser Landenge bestand aus
einer kleineren Bergkette, an deren Südfuß es gute Weide und reichlich
Wildbret zu geben schien. Ehe wir noch in dunkler Nacht nach dem Lager
zurückkehrten, hatte ich schon den Plan zu einer besonderen Exkursion
um diesen neuen See gefaßt.
Dreißigstes Kapitel.
Über stürmische Seen und himmelhohe Berge.
Das Lager Nr. 36 am Flusse wurde jetzt zur Operationsbasis gewählt.
Hier sollten Turdu Bai, Aldat und Nias mit allen Kamelen und vier
müden Pferden zurückbleiben. Mich sollten Tscherdon, Mollah Schah
und Kutschuk begleiten, und die Karawane aus dem Maulesel, sieben
Pferden und den Hunden bestehen. Wir hatten Proviant für eine Woche
und nahmen nur absolut notwendige Sachen, Filzdecken und Pelze mit.
Meine Instrumente wurden in das Futteral des großen photographischen
Apparates gepackt; in diesem von Seen überschwemmten Hochlande war auch
das Boot unentbehrlich. Nur die Hälfte meiner Jurte wurde mitgenommen,
d. h. die Holzgitter, die den unteren Teil ihres Gerüstes bilden. Das
Gepäck war also leicht; es wurde zu Boot nach dem gegenüberliegenden
Ufer gebracht. Die Pferde durchwateten den Fluß.
Darauf wurde die Karawane beladen, und wir setzten uns in Marsch. Doch
wir waren noch nicht weit gelangt, als uns der Sund zwischen den Seen
Halt gebot; wir mußten wieder alles abpacken, das Gepäck hinüberrudern
und die Pferde über den Sund schwimmen lassen. Endlich standen wir
jedoch auf der Spitze der Enge und konnten im Ernst darauf losgehen,
indem wir dem Nordufer des Süßwassersees folgten. Bald erreichten
wir jedoch einen Teil desselben, wo die Berge steil ins Wasser
abfielen, ja sogar überhingen, so daß wir zu einem Umweg über den Kamm
gezwungen wurden. Dort hatten wir sowohl links wie rechts weitgedehnte
Wasserflächen.
An einem kleinen Bache wurde unsere sehr provisorische Jurte
aufgeschlagen. Auf den Abhängen weidete 300 Schritt von uns entfernt
eine Herde von elf großen schwarzen Yaken, die nicht die geringste
Miene zur Flucht machten. Man konnte sich versucht fühlen zu glauben,
daß sich Nomaden in der Gegend aufhielten und zahme Yake bei sich
hätten. Doch als unsere Pferde auf die Weide geschickt wurden und
allmählich nach den besseren Weideplätzen hinaufgingen, blähten die
Yake ihre Nüstern auf, spähten aufmerksam nach unserer Richtung hin
und bewegten sich dann in langsamem Trab über den Kamm nach dem Salzsee.
[Illustration: 152. Blick nach Süden von Aldats Begräbnisplatz. (S.
364.)]
[Illustration: 153. Lager Nr. 60 in 5111 Meter Seehöhe. (S. 366.)]
Meine Jurte war so eng, daß Tscherdon erst mein Bett zurechtmachen und
dann die Gitter über dem Bett aufschlagen mußte. Ich mußte wie in eine
Hundehütte hineinkriechen; sobald ich aber erst drinnen war, hatte ich
es gut und warm, und Jolldasch half noch wärmen.
Nachdem wir über Nacht es bei einer Temperatur von -5,2 Grad hatten
aushalten müssen, erwachten wir am 31. August an einem wirklich
herrlichen Sommertage ohne ein Wölkchen oder einen Windhauch. Der See
lag wie ein Spiegel da. Ein Kulan kam heran und besah sich die Pferde
so ungeniert, als wisse er ganz genau, daß Tscherdons Patronen schon
lange zu Ende waren. Auf dem Südufer erhoben sich zwei blendendweiße
Schneeberge ohne Spur von Wolkenkranz und spiegelten sich im See wider.
Ein mehrstündiger Marsch am Ufer entlang führte uns nach dem Ende des
Sees, aber dieser wurde nur durch eine mehrere hundert Meter breite
Landenge von einem neuen getrennt, der sich weit nach Osten erstreckte
und dessen nördlichem Ufer wir ebenfalls folgten.
Eine Strecke weit gingen wir oben auf den Uferfelsen zirka 70 Meter
über der Wasserfläche, einen Kulanpfad benutzend, der so dicht am Rande
entlangführte, daß einem beinahe unheimlich zumute wurde. In dem tiefen
Wasser sahen wir einen Schwarm ziemlich großer, schwarzrückiger Fische,
die besonders Kutschuks lebhaftes Interesse erregten. Wir lagerten
in der Nähe, weil wir versuchen wollten, einige von ihnen zu fangen.
Jolldaschs Halsband lieferte Material zu Angelhaken, die in der Glut
des Lagerfeuers eine entsprechende Gestalt erhielten. Für den Fall, daß
es in der Gegend Wildgänse oder Enten geben sollte, wurde aus einer
Holzlatte ein Bogen fabriziert. Wir lebten ungefähr wie Robinson Crusoe
und mußten uns mit der dürftigen Ausrüstung, die uns gerade zu Gebote
stand, weiterhelfen.
Der Abend war kalt und windig, und die Aussichten auf den nächsten
Tag waren wenig hoffnungsvoll. Meine Jurte stand fest wie ein Berg,
und ich lag darin wie ein Begrabener, aber es war dort so eng, daß
die Toilette mit gewissen Schwierigkeiten verbunden war. Am nächsten
Morgen machte ich in aller Frühe einen Spaziergang nach den nächsten
Hügeln in der Nachbarschaft und hatte von dort aus einen großartigen
Überblick über dieses eigentümliche Gebiet, das reicher an Wasser als
an Land ist. Der innerste Teil des Sees erstreckte sich keilförmig nach
Nordosten. Er liegt 4848 Meter über dem Meere. Wir waren hier wieder
in verhältnismäßig tiefere Gegenden gelangt, und doch befanden wir uns
noch höher als der Gipfel des Montblanc!
Unterdessen wurde das Boot ins Wasser gebracht und ausgerüstet, und
nun ruderten wir dicht an die senkrechten roten Sandsteinfelsen heran,
unter denen die Fische standen. Die Karawane zog um den See herum
weiter, um an seinem Südufer gegenüber einem Berggipfel zu lagern (Abb.
139, 140).
Das Boot wurde ganz nahe am Ufer verankert. Die Blöcke der Bergwände
schienen oft nur an einem Haar zu hängen; es war, als drohten sie
herabzustürzen und uns zu zerschmettern.
Als Angelruten wurden Zeltstangen benutzt, als Köder kleine Stücke
Yakfleisch, und eine leere Zündholzschachtel diente in tadelloser Weise
als Kork. Die Fische bissen gut an, aber die Ausbeute war doch gering.
Nur vier mittelgroße Asmane blieben an unseren Angelhaken hängen.
Wir angelten nicht zum Vergnügen, sondern der Nahrung wegen, der
Fang reichte jedoch nur gerade zu einer Mahlzeit für uns. Wenn unser
Mittagsessen an diesem Abend auch nur dürftig ausfiel, so war es dafür
aber wenigstens außergewöhnlich und delikat.
Während ich in Gedanken versunken saß und mich des Sonnenbades und der
Ruhe erfreute, flogen die Stunden nur so hin, und es wurde Zeit, nach
dem Sammelplatze zu steuern. Im Westen wurde es dunkel, und der Himmel
überzog sich bald mit Wolken. Ein Sturm war im Anzug. Wir mußten uns
entscheiden, ob wir ihn erst vorüberziehen lassen wollten, was sich
nicht verlohnt hätte, da es schon 2 Uhr und die Karawane wahrscheinlich
bereits am Vereinigungspunkte angelangt war, oder ob wir uns auf den
See hinauswagen sollten; ich zog das letztere vor. Kutschuk brauchte
nicht lange zu rudern, so kamen wir in den nordwestlichen Wind hinein,
der uns großartig weiterhalf. Im Süden strichen schon blaugraue Wolken
mit lang herunterhängenden, nachschleppenden Hagelfransen längs der
Berge hin, die allmählich verschwanden, und hinter uns verdichtete sich
die Luft auf dieselbe Weise. Der Sturm kam immer näher, der See ging
immer höher, und um uns her waren die Wogen mit weißem Schaum bedeckt.
Jetzt schlug die Hagelbö nieder, und die großen Körner prasselten
auf das Wasser. Das Innere des Bootes wurde binnen wenigen Minuten
kreideweiß. Nach allen Seiten hin war nichts weiter zu sehen als
Wasser und Hagelwolken, keine Spur vom Ufer und von den Bergen. Wir
mußten der Wellen wegen, die der anschwellende Wind zu bedeutender
Höhe aufpeitschte, scharf aufpassen; da sie aber mehrere Male so
lang waren wie das Boot, wurden wir gut mit ihnen fertig. Die Jolle
wurde wacker nach Südosten getragen, und der Schaum spritzte um den
Vordersteven. Unmittelbar südlich von den Felsen hatte die Tiefe
48,67 Meter betragen, die größte von mir in Tibet gemessene, nach dem
Südufer zu aber nahm sie schnell ab. Je weiter wir uns von diesen
Felsen entfernten, desto mehr waren wir dem Sturme ausgesetzt, und ich
fürchtete, daß der See so flach werden würde, daß unser Fahrzeug wie
eine Nußschale von der Brandung umhergeworfen werden könnte.
Nachdem der Hagelschauer aufgehört hatte, tobte der Wind noch ärger;
aber jetzt konnten wir wenigstens sehen, wo das Land lag (Abb. 141,
142). Wir hatten noch nicht den halben Weg zurückgelegt und steuerten
nach einer Landspitze hin, hinter der wir im Windschutz sein würden.
Die Wellen waren jetzt so hoch, daß wir das Ufer nicht sehen konnten,
wenn wir uns in ihren Tälern befanden. Sie sahen unheimlich aus
und waren, wenn die Sonne aus den Sturmwolken hervortrat, blank
wie Delphinrücken und glänzten bald grün, bald blau, während die
Sonnenstrahlen den spritzenden Schaum wie Juwelen funkeln ließen. Der
Segeltuchrumpf der Jolle bauchte sich bei dem Stampfen aus; er war so
gespannt, daß ein heftiger Seitenstoß ihn hätte sprengen können, und
wir mußten das Boot jetzt mit beiden Rudern manövrieren und die Stöße
parieren. Doch auch diesmal lief alles glücklich ab. Der Sturm ging
vorüber, der Wind legte sich, die Einzelheiten des Ufers ließen sich
erkennen, und wir änderten den Kurs, indem wir ihn jetzt gerade auf das
Lager richteten. Der Sonnenuntergang war prachtvoll. Die Sonne selbst
versteckte sich hinter einer kohlschwarzen Wolke, ihre reflektierten
Strahlen aber glänzten wie Quecksilber auf der Oberfläche des Sees.
Wir hatten uns jetzt so weit von Turdu Bais Lager entfernt, daß wir
an den Rückzug denken mußten. Nach meinem Besteck konnten wir nicht
mehr weit von den Quellen des Jang-tse-kiang sein, und ich hatte
den Gedanken an einen Versuch, sie zu finden, noch nicht gänzlich
aufgegeben. Daß die drei großen Seen, die wir in dieser Gegend entdeckt
hatten, mit ihnen nichts zu schaffen haben, war klar; diese Seen
bilden ein abflußloses Becken für sich. Ganz sicher war ich meiner
Sache jedoch noch nicht und ich beschloß daher, den 2. September einer
Exkursion nach Süden zu opfern. Diese führten uns über wellenförmige
Ebenen mit spärlichem Graswuchs und morastigem Boden, und nach einer
Wanderung von 27 Kilometer machten wir am Ufer eines Flusses Halt,
der sich in den nächsten See, einen südöstlich von den vorhergehenden
liegenden kleinen Salztümpel, ergießt.
Weiter konnten wir mit unseren abgetriebenen Pferden und unseren
zusammenschmelzenden Vorräten nicht gehen, sondern mußten am folgenden
Tage wieder nach Westen ziehen, wobei wir in dem tückischen Boden
beinahe steckengeblieben wären. Die Pferde sanken bisweilen 60
Zentimeter tief ein. Ein mächtiger, von den Bergen im Süden kommender
Fluß strömte nach Norden, nach dem von uns übersegelten See hin; sein
Bett bot uns guten, festen Boden zum Reiten dar.
Diese Gegend ist außerordentlich reich an Wild. Von Orongoantilopen
sahen wir ein halbes Dutzend Herden von etwa je 20 Tieren; Yake und
Kulane traten einzeln oder in kleinen Gruppen von ein paar Tieren auf;
Feldmäuse, Murmeltiere und Hasen gab es überall, und am Seeufer schrien
Gänse und Möwen. Die Karawane ritt in zwei Gruppen, zwischen denen
eine Lücke von 50 Meter war. Gerade durch diese Lücke jagte Jolldasch
drei Kulane, die in schmetterndem Trab vorbeisausten. Kaum war ich mit
meinem kleinen photographischen Apparate in Ordnung, so waren sie schon
fort. Eine Weile darauf verschwand der Hund, einer Orongoherde auf den
Fersen folgend, und als er nach langer Abwesenheit wieder erschien, war
er mit Blut befleckt und augenscheinlich übersatt. Es war ihm gewiß
gelungen, eine der Antilopen zu erwischen, und er hatte an ihr eine
ordentliche Mahlzeit gehalten. Auch Wölfe und Füchse streiften auf den
Ebenen, die sich im Süden des Sees ausdehnen, umher.
Es war meine Absicht gewesen, am Tage darauf nach Norden über den See
zu rudern, um eine neue Lotungslinie zu erhalten, aber wir erwachten
unter höchst ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen. Der Himmel war
ganz klar, die Sonne schien in all ihrem Glanze, dabei aber wehte ein
halber Sturm aus Norden, und die Wogen rauschten gegen das langsam
abfallende Ufer. Aus einer Seefahrt konnte demnach nichts werden. Wir
ritten daher westwärts weiter, immer am Ufer entlang, das hier so weich
ist wie ein großes Moorbad, ein Schlammpfuhl, ein abscheulicher Sumpf,
worin man bei jedem Schritt Gefahr läuft zu versinken. Ein seltsames,
unwirtliches Land! Sogar die Erde scheint gleich der Luft verdünnt zu
sein, ja selbst die Berge sind porös wie Bimsstein. Alles ist in einer
Art Auflösungszustand; auf das Wetter ist hier gar kein Verlaß, und es
ist lebensgefährlich, sich den Seen anzuvertrauen.
An einigen Stellen trägt der Boden, geht aber in Wogen und schwankt
unter dem Gewichte der Pferde. Endlich nimmt der See ein Ende,
und sein Wasser ergießt sich durch einen breiten, ziemlich großen
Flußarm in den unteren süßen See. Hier hatten sich Hunderte von
Wildgänsen niedergelassen, die in kurzen Kreisen ihre neugefiederten
Flügel erprobten und sich zu der bevorstehenden Reise nach wärmeren
Himmelstrichen vorbereiteten. Ein einsamer Königsadler beobachtete sie.
In der Nähe des Punktes, wo der Fluß in den unteren See mündet, wurde
das Lager Nr. 62 aufgeschlagen. Von hier aus konnten wir von dem
Hauptquartiere, wo Turdu Bai wartete, nicht mehr als eine Tagereise
längs des südlichen Seeufers entfernt sein. Während Mollah Schah und
Tscherdon zu Land weiterzogen, fuhr ich mit meinem sicheren Ruderer
Kutschuk diagonal über den See. Ich trat die Fahrt im herrlichsten
Wetter bei günstigem östlichem Winde an. Der Wind wurde stärker, schlug
nach einer Weile aber wieder um. Die gewöhnlichen Vorboten des Sturmes,
die schwarzen Wolken, verdunkelten den Himmel im Westen. Sie teilten
sich in zwei Abteilungen. Die eine zog über die Berge im Süden hin und
ließ eine weiße Schneedecke hinter sich zurück, die andere eilte uns
über den See entgegen. Wieder erhoben sich die unruhigen Wellen, denen
hier nie Ruhe gegönnt ist. Das Klügste wäre gewesen, mit dem Sturme zu
treiben; aber dann hätten wir uns von den Unseren entfernt, die uns vom
Nordufer, von welchem sie der breite Sund trennte, nicht hätten abholen
können.
Wir beschlossen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte gegen Wind und
Wellen anzurudern. Schon stampfte das Boot greulich, und ich, der vorn
saß, nahm das Spritzwasser jeder hohen Welle in Empfang und war bald
klatschnaß (Abb. 143). Ein Gußregen tat das Seine, um die Situation
noch unbehaglicher zu machen. Wir arbeiteten mit je einem Ruder, daß
diese knackten, aber die Wellen warfen uns immer wieder zurück. Das
Boot schwebt auf einem Wogenkamme oft zur Hälfte über dem Wasser und
plumpst dann in das Tal mit einem Knalle hinunter, der leicht ein
Sprengen des schwachen Fahrzeuges verursachen könnte.
Jetzt trat ein neuer, unheilvoller Umschlag in der Windrichtung ein;
der Wind sprang mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Süden um, so daß
ein neues Wogensystem, welches das bisherige kreuzte, entstand. An
den Kreuzungspunkten bilden sich Wellenpyramiden von doppelter Höhe.
Es gilt ihnen entgegenzutreten, sie zu parieren und möglichst auf
den verhältnismäßig ebenen Wasserflächen zwischen ihnen zu bleiben.
Doch ehe man sich besinnen kann, wird die Jolle auf einen Wellenkamm
gehoben, und balanciert man dann nicht, so kann man leicht kentern.
Lotungen konnten nicht mehr vorgenommen werden. Man darf sich freuen,
wenn man von diesem Abenteuer mit dem Leben davonkommt, und wir fragen
uns unwillkürlich, ob diese oder die nächste Welle unser Boot umreißen
wird.
So arbeiteten wir anderthalb Stunden, ehe sich die Sturmbö und mit ihr
auch die Wellen legten. Doch der Himmel sah noch immer unheilverkündend
aus. Überall sah man Sturmzentren, die Tromben mit schwarzen, hängenden
Wolkendraperien glichen. Das Ufer schien noch immer gleichweit
entfernt, als die zweite Bö kam und uns mit Massen von Schnee und
Hagelkörnern, die uns gerade ins Gesicht schlugen, überschüttete. Man
mußte den Kampf aufnehmen, denn ein unvorsichtiger Augenblick des
Erschlaffens konnte bewirken, daß eine Welle die Gelegenheit benutzte
und das Boot umkehrte. Den ganzen Tag arbeiten wir wie Galeerensklaven.
Während der Pause, die jetzt eintrat, beeilten wir uns Terrain zu
gewinnen, denn der Himmel verfinsterte sich zum dritten Male, und die
dritte Sturmbö sauste mit strömendem Regen auf uns los. War das Innere
des Bootes vorher kreideweiß von Schnee und Hagel gewesen, so stand
jetzt in beiden Hälften Wasser, das mit den Wellen im Takte plätscherte.