die Hauptsache war, daß wir niedrigere Gegenden mit Weide erreichten.
Wir folgten dem Flußlaufe über 30 Kilometer weit, lagerten aber eine
ziemliche Strecke von seinem Westufer entfernt. Zu Anfang des Marsches
hatten die Leute einen recht ungewöhnlichen Fund gemacht, nämlich ein
Stück eines alten Muhammedanerhemdes, ein Tauende und ein Holz mit
Kerben, wie es beim Beladen der Tiere gebraucht wird. Ob diese Sachen
von einer mongolischen Pilgerkarawane oder von Hauptmann Wellbys Reise
herstammten, ließ sich nicht feststellen; letzteres ist jedoch nicht
unwahrscheinlich. Wellby und Malcolm reisten 1896 gleichzeitig mit
mir durch Nordtibet, von Westen nach Osten, von Ladak nach Zaidam und
wählten das Längental, welches meiner Route nach Süden hin zunächst
liegt. Sie machten eine denkwürdige, schöne Reise. Ein paar Jahre
darauf fiel Wellby im südafrikanischen Kriege, in dem auch Malcolm
schwer verwundet wurde.
Der größere Teil des Tages wurde von einigermaßen gutem Wetter
begünstigt; die Regenschauer fielen in solchen Pausen, daß wir
dazwischen wieder trocken wurden, doch kaum war dies geschehen, so goß
es wieder vom Himmel herunter, daß das Wasser von den Lasten rieselte
und unsere Anzüge vor Nässe glänzten. Jolldasch fing ein ganz kleines
Wölflein, einen wütenden, kleinen Teufel, der gebunden mitgenommen
wurde und die verzweifeltsten Versuche zur Wiedererlangung seiner
Freiheit machte.
Am 20. August war der Boden im großen ganzen so eben, daß sich keine
Rinnsale oder Erosionsfurchen bilden, sondern sich das Wasser in
zahllosen kleinen, trüben Lachen ansammelt. Die Grasvegetation wird
allmählich besser, als wir sie bisher in Nordtibet gesehen haben, und
hier und dort wächst üppiger wilder Lauch. Die Kamele fressen diese
Pflanze mit Begierde, und auch in unseren Suppen schmeckte sie gut.
Nach Süden hin ist das Land bis ins Unendliche offen, und keine
mächtigen Bergketten stellten sich uns mehr in den Weg. Am Horizont
zeigten sich allerdings Bergkämme, aber sie sahen ganz unschuldig
aus. Das Land hatte Plateaucharakter angenommen, und wir wanderten
über unabsehbare Hochebenen hin. An dem Ufer eines Tümpels weideten
drei große schwarze Yake. Sie setzten uns in schwerem Galopp nach,
wahrscheinlich in dem Glauben, daß wir zu ihren alten Bekannten
gehörten. Als sie nur noch 200 Schritt entfernt waren, erkannten sie
ihren Irrtum und kehrten in langsamem Trabe um. Im Südosten erblickten
wir einen ungeheueren See, an dessen Nordwestufer die Weide ziemlich
gut war, weshalb wir das Lager Nr. 30 dort aufschlugen.
Der 21. August wurde zur Ruhe und zu astronomischer Observation
bestimmt. Das Wetter war herrlich, wirklich warm, und Fliegen summten
wieder in der Luft. Wir hatten die Zelte unweit des Ufers auf sandigen
Hügeln, die das Regenwasser aufsaugen und davon nicht schlammig
werden, aufgeschlagen. Der Strand selbst war flach und kiesig, und
ein 50 Zentimeter hoher Kieswall zeigte, wie weit die Wellen zu
dringen pflegten. Das Wasser war bittersalzig, aber in der Nähe gab
es glücklicherweise eine süße Quelle. An Feuerung litten wir keinen
Mangel, denn hier wuchsen Jappkakstauden in ziemlicher Menge; einige
Männer brachten ganze Arme voll davon ins Lager. Ihnen war unheimlich
zumute, denn sie hatten ganz seltsame Klagelaute gehört und glaubten,
es seien Menschenstimmen gewesen. Doch Aldat, der von der Jagd
zurückkam, erklärte, es seien Wölfe. Außer sich warf er seine Flinte
hin, die ihm noch nie so schlechte Dienste geleistet. Er hatte einen
Kulan und einen Yak verwundet, aber beide hatten die Flucht ergriffen.
Gestern hatte er eine Orongoantilope angeschossen, deren Skelett wir
später auf dem Marsche fanden; das Fleisch und die Eingeweide waren von
Wölfen gefressen worden. Es fing an Zeit zu werden, daß Aldat uns etwas
Fleisch verschaffte, denn wir lebten jetzt meistens von Reis und Brot.
Ein paar Konservendosen hatte ich noch, und Tscherdon bewirtete mich
täglich mit einer vortrefflichen Suppe von grünen Erbsen, wildem Lauche
und Liebigs Fleischextrakt, der mir auf dieser Reise große Dienste
leistete.
Jetzt wurde folgende Verabredung getroffen. Am 22. August sollte
Kutschuk mich schräg über den See nach einem ziemlich bedeutenden
Gipfel, der sich im Südosten zeigte, hinrudern. Gleichzeitig sollte die
Karawane nach Westen und Süden um den See herummarschieren und am Ufer
vor dem erwähnten Gipfel Halt machen. Da ich fürchtete, daß es ihnen
vielleicht unmöglich sein möchte, auf diesem Wege hinzugelangen, ließ
ich Mollah Schah auf Rekognoszierung dorthin reiten. Er kam am Abend
wieder und versicherte, daß keine Hindernisse vorlägen. Im Westen hatte
er einen zweiten, ebenso großen See gesehen, in den sich wahrscheinlich
das Schmelzwasser des Gletscherstockes ergoß. Die Sache lag also klar,
und ich hielt es für selbstverständlich, daß die Karawane vor uns an
dem verabredeten Platze eintreffen würde, da Tiefenlotungen und andere
Beobachtungen naturgemäß ziemlich viel Zeit kosteten. Tscherdon wurde
daher ermahnt, bei der Ankunft ein Feuer anzuzünden, das uns abends als
Leuchtfeuer dienen sollte und nach welchem wir, wenn es nötig wäre,
unseren Kurs rechtzeitig ändern könnten.
Warm und klar brach der Tag an; nur einige leichte Wölkchen segelten
an dem türkisblauen Himmel, und spiegelblank lag der See. Während die
Karawane beladen wurde, brachten wir das Boot am Ufer in Ordnung.
Segel, Ruder und Rettungsbojen wurden mitgenommen, im übrigen nur die
notwendigen Instrumente. Wir fuhren eine gute Weile vor der Karawane
ab, sahen aber nachher ihre lange Reihe am Ufer entlang schreiten.
Mit der Uferlinie beginnt die zusammenhängende Salzkruste, die den
ganzen Seeboden bedeckt und hier anfänglich 2-4 Zentimeter dick war.
Sie bricht unter unseren nackten Füßen. Wir mußten das Boot nämlich
erst 1½ Kilometer in den See hineinziehen, ehe es schwamm, und in
dieser Entfernung vom Strande betrug die Tiefe noch kaum 50 Zentimeter.
Jetzt steuerten wir erst nach einer kleinen Insel in Ostsüdosten.
Kutschuk brauchte nicht zu rudern, sondern schob das Boot vorwärts;
das Ruder scharrte wie auf Stein, wenn es die allmählich immer fester
werdende Salzkruste berührte.
Dieser umfangreiche See ist nur ein kolossaler Salztümpel ohne Spur
von Leben. Keine Schwimmvögel, keine Wassertiere, keine Algen waren
zu sehen. Auch der Uferstreifen ist, soweit der Wellenschlag reicht,
unfruchtbar; nur auf den sandigen Hügeln, welche die Wasserfläche um
einige Meter überragen, wächst Gras.
Wir landeten an der kleinen, birnförmigen Insel, deren größte Höhe
5 Meter über dem Wasserspiegel nicht übersteigt. Sie liegt wie eine
Semmel im See und hat vortreffliches, geschütztes und unberührtes
Weideland. Das Gerippe eines Vogels war das einzige Lebenszeichen, das
wir finden konnten. Die Aussicht aber ist großartig und orientierend.
Nach Westen und Osten erstreckt sich völlig offenes Land, auf dem
bis an den Rand des Horizontes auch nicht der kleinste Berggipfel
sichtbar ist. Im Nordwesten glänzt das mächtige Firnmassiv, vor dessen
Gletscherzungen wir vor ein paar Tagen lagerten. Im Süden erscheinen
flache, weich abgerundete Landrücken und im Norden die sich hie und
da bis zu Schneebergen erhebende größere Kette, die wir zuletzt
überschritten hatten.
Darauf steuerten wir nach Südosten in der Richtung des vereinbarten
Sammelplatzes. Nur in einem Ringe um die Insel herum lag Kies auf
plastischem blauem Ton, dann aber setzte die Salzkruste wieder ein.
Die Tiefe nahm ein wenig zu, so daß Kutschuk das Boot nicht mehr mit
dem Ruder weiterstoßen konnte, sondern rudern mußte.
Die Tiefenverhältnisse in diesem See waren höchst unerwartet. Der Boden
ist beinahe ganz eben, und die größte Tiefe betrug nur 2,33 Meter. Der
See liegt also wie eine papierdünne Wasserschicht über der Salzkruste
und ist nur halb so tief wie die Kara-koschun-Sümpfe. Die Unterschiede
zwischen den einzelnen Lotungsstellen beliefen sich auf einen oder ein
paar Zentimeter. Ich hatte eine mehrere hundert Meter lange Lotleine
mit Bleigewicht mitgenommen, doch meistens genügte das 2,13 Meter
lange, in Dezimeter und Zentimeter eingeteilte Ruder.
Gerade im Osten schien sich der See bis ins Unendliche zu erstrecken,
einer Meeresbucht vergleichbar; dies beruhte aber auf einer durch
Luftspiegelung hervorgerufenen Sinnestäuschung.
Es war ein wunderbarer, in Wahrheit höchst außergewöhnlicher Tag,
den wir auf diesem Salzsee zubrachten. Das Wetter war prächtig; kein
Lüftchen regte sich, und der Himmel spiegelte sich deutlich im Wasser
wieder. Nur um die Randgebirge herum lag ein Kranz von dichteren
weißen Wolken. Die Sonne, ein seltener Gast in diesen Gegenden, wärmte
ordentlich; man freute sich, wieder etwas vom Sommer zu sehen, und
träumte von den entflohenen Annehmlichkeiten dieser Jahreszeit. Es war
schon wohltuend, das Gesicht in der Strahlenflut baden zu können und
nach all der Nässe und Kälte in der Nachbarschaft des Arka-tag einmal
wirklich das Gefühl des Trockenseins zu haben, aber ohne die giftigen
Insekten, die tiefer unten die treuen Sommerbegleiter der Sonne bilden.
Um uns herum ist es so still wie im Grab; keine Fliege summt in der
Luft, kein Fisch plätschert im Wasser, das leblos daliegt wie eine
chemische Lösung, überall war es still und friedlich wie an einem
Sonntage. Die vor kurzem noch so unruhigen Geister der Luft und des
Wetters hatten sich einen freien Tag gemacht, wahrscheinlich nur, um
sich zu neuem wildem Streitgetümmel auszuruhen.
Die Landschaft hat in dieser reinen, verdünnten Luft einen ganz
ungewöhnlichen, leichten Ton. Man könnte sie mit einer Braut in weißer
und hellblauer Seide vergleichen; es ist das duftigste Aquarell in den
zartesten Farben, denn alles ist ätherisch und durchsichtig wie eine
Luftspiegelung oder ein Traum. Nur unmittelbar beim Boote schimmert das
Wasser grün, sonst ist es hellblau vom Widerscheine des Himmels.
Welch herrliche Art, nach dem nächsten Lagerplatze zu gelangen,
verglichen mit dem Reiten mit der schwerfälligen, müden Karawane!
Ich saß im Vorderteile des Bootes so bequem wie in einem Lehnstuhl
und machte meine Beobachtungen und Aufzeichnungen wie vor einigen
Monaten auf der Fähre. Der Kurs war ein für allemal gegeben, und ein
Blick nach dem Berggipfel genügte zur Kontrolle der Richtung. Die
Geschwindigkeit wurde alle fünf, die Tiefe alle zehn Minuten gemessen,
und Kutschuk sang und summte zu den Ruderschlägen allerlei Weisen. Er
ruderte das Boot mit einem Ruder, das bald an der Backbord-, bald an
der Steuerbordreling senkrecht ins Wasser getaucht wurde. Mast und
Segel waren in der Mitte des Bootes querüber festgebunden, um uns nicht
im Wege zu sein. Mäntel hatten wir nicht mitgenommen; hätte ich mich
erwärmen müssen, so würde ich mit dem zweiten Ruder geholfen haben,
nun aber freute ich mich untätig meines Daseins, aller Hagelschauer
uneingedenk. Die Temperatur stieg auf 14 Grad und betrug im Wasser 17,1
Grad; es war ordentlich warm.
Das Wasser ist so salzig, daß die ins Boot fallenden Tropfen wie
Stearin erstarren. Nachdem das Wasser verdunstet ist, bleibt eine
kreideweiße dünne Glocke zurück, die jedoch gewöhnlich einfällt. Das
Lotungsruder wird so weiß, als wäre es angestrichen, unsere Hände
werden weiß und rauh, unsere Kleider von Spritzern weißgetüpfelt, und
der Strommesser glitzert mit tausend Facetten. Die Ränder und der Boden
des Bootes sehen aus, als wäre es kürzlich zu einem Mehltransport
benutzt worden.
Während der ersten Stunden sahen wir die Karawane am Westufer entlang
schreiten, und ich beobachtete mit dem Fernglase ihren gewöhnlichen
ruhigen Gang und ihre Marschordnung. Sie beschrieb einen Bogen, während
wir in gerader Linie nach dem Sammelplatze ruderten. Zuerst entfernten
wir uns demnach voneinander, darauf verschwand die Karawane hinter
den Uferhügeln, mußte aber bald am südlichen Ufer wieder auftauchen,
und dann würden wir uns einander wieder nähern und schließlich an
demselben Punkte zusammentreffen. Aber sie erschien nicht wieder. War
sie vielleicht auf schwankenden Boden gestoßen und mußte einen Umweg
machen, sammelten am Ende die Leute unterwegs noch Brennholz oder
war gar Wildbret geschossen worden, das erst abgehäutet, zerlegt und
eingepackt werden mußte?
Kilometer auf Kilometer blieb die Tiefe 1,88 Meter. Stunde auf
Stunde schien sich der Abstand zwischen uns und dem Südufer nicht zu
verringern. Aber, wie gewöhnlich, verging die Zeit auf dem Wasser
schnell. Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit leichten, dünnen
Wolken, und die blaue Wasserfläche nahm eine marmorierte Schattierung
an. Das Boot schoß in gerader Linie nach Südosten, und das Wasser
plätscherte um das Ruder; dies war der einzige Laut, der die Stille
auf diesem tibetischen „Toten Meere“, dessen Spiegel 4765 Meter über
dem Weltmeere liegt, unterbrach.
Um 4 Uhr guckte die Sonne wieder hervor. Unter der sinkenden Sonne
schien sich der See am weitesten nach Westen auszudehnen; es ist die
Strahlenbrechung, die diese Sinnestäuschung hervorruft. Die Karawane
war nicht zu sehen, aber die Entfernung war auch bedeutend, und sie
mochte wohl hinter einigen Uferhügeln marschieren.
Gegen Abend sah der vor kurzem noch so klare, blanke Wasserspiegel beim
Südufer mattgeschliffen aus. Ein brausendes Geräusch ließ sich immer
deutlicher vernehmen und wurde von Kutschuk für das Rauschen eines
in der Nähe mündenden Flusses gehalten. Bald wurde uns jedoch klar,
daß das Brausen von einem sich erhebenden Winde herrührte, in dessen
Bahn wir bald hineingerieten. Der Wind kam von Osten; es ruderte sich
schwer, und als er stärker wurde, hißten wir Segel und änderten den
Kurs in Südwest ab. Mit reißender Fahrt und in hohem Seegange strichen
wir nach dem Ufer hin, wo sich die Brandung weißschäumend und donnernd
über scharfkantige Kiesel wälzte, die das Segeltuchboot aufzuschlitzen
drohten. Das Segel wurde rechtzeitig gerefft, Kutschuk sprang ins
Wasser, ich half mit dem Ruder, und so brachten wir das Fahrzeug
unverletzt an Land und zogen es hoch am Ufer hinauf.
Bevor die Dämmerung in Dunkelheit überging, eilten wir nach den
nächsten Hügeln hinauf, um nach der Karawane auszuspähen. Doch von
Menschen und Tieren war keine Spur zu entdecken! Die ganze Gegend lag
schweigend und ausgestorben, beinahe unheimlich vor uns, und mir war
zumute wie beim Eintreten in eine Klosterruine, in der seit tausend
Jahren niemand gewesen ist. Während Kutschuk Jappkakbüschel sammelte,
ging ich weiter in die Hügel hinein, wurde aber von ein paar Buchten
und Lagunen aufgehalten, deren nur von einer außerordentlich dünnen
Wasserschicht bedecktes Salz wie Eis glänzte. Ein Kulanschädel lag,
verwittert und gebleicht, an einem Abhange, und in dem losen Erdreiche
stand eine Bärenspur eingedrückt. Ich lauschte und rief, aber die
Karawane war und blieb verschwunden.
[Illustration: 148. Tscherdons Yak. (S. 361.)
Von links nach rechts: Mollah Schah, Turdu Bai, Kutschuk.]
[Illustration: 149. Ein erbeuteter Yak. (S. 361.)]
[Illustration: 150. Ein junger Kulan. (S. 362.)]
[Illustration: 151. Kopf und Seitenfransen des Yaks. (S. 361.)]
Als ich nach dem Landungsplatze zurückkehrte, war es schon dunkel.
Kutschuk hatte einen gewaltigen Armvoll Jappkak zur Feuerung
zusammengesucht, und ich half ihm den Vorrat noch vergrößern. Jetzt war
es ganz klar, daß sich den anderen irgendein unerwartetes Hindernis in
den Weg gestellt haben mußte, sonst wären wenigstens ein paar Reiter
nach dem Sammelplatze gekommen, um uns Bescheid und -- was für uns das
Wichtigste war -- Essen, Wasser und warme Kleider zu bringen. Erst
überlegten wir, ob wir nicht den heftigen, günstigen Wind benutzen
und westwärts segeln sollten; aber in der Dunkelheit wäre dies doch zu
gewagt gewesen, besonders da der Wind immer heftiger wurde. Vielleicht
hatte die Karawane auch einen so weiten Umweg machen müssen, daß sie
noch gar nicht hier sein konnte.
Es blieb uns also kein anderer Ausweg, als uns auf beste Weise für die
Nacht einzurichten. Ein ebener Fleck wurde für das Lager aufgesucht,
der ganze Feuerungsvorrat dort aufgestapelt, alle Sachen aus dem Boote
geholt und dieses selbst in seine beiden Hälften auseinandergenommen.
Letztere wurden aufgerichtet und bildeten so vorzügliche
Schilderhäuschen, die uns gegen den Wind schützten. Wir waren gerade in
Ordnung, als es zu regnen begann. Nun wurden die Boothälften, gegen je
ein Ruder gelehnt, in einem Winkel von 45 Grad aufgestellt; wir hatten
sowohl ein Dach über dem Kopfe wie Schutz vor dem Winde. Ich nahm die
eine Rettungsboje, Kutschuk die andere, und mit diesen als Kopfkissen
gelang es uns, solange die Luft noch warm war, eine Weile zu schlafen.
Um 9 Uhr zog ich die Chronometer auf und besorgte eine meteorologische
Ablesung, während Kutschuk Feuer anmachte. Dann blieben wir noch ein
paar Stunden sitzen und stellten philosophische Betrachtungen an. Es
wäre zu schön gewesen, wenn wir eine Tasse heißen Tee und ein bißchen
Brot oder wenigstens einen Becher Wasser gehabt hätten. Ich zog mir aus
dieser Fahrt die Lehre, mich künftig nie ohne Proviant und warme Decken
für die Nacht aufs Wasser zu begeben!
Als alle Feuerung verbrannt war, krochen wir in die Koje; jetzt kamen
uns die Boothälften wieder vorzüglich zustatten. Erst wurde das Segel
auf dem Kiese ausgebreitet, der dadurch auch nicht viel weicher wurde,
dann wurde die Rettungsboje zur Hälfte in den Boden eingegraben, darauf
legte ich mich entsprechend zusammengekrümmt nieder und zuletzt deckte
Kutschuk die eine Boothälfte über mich. Alle Ritzen, durch die Zug
kommen konnte, verstopfte er mit Sand, wobei er ein Ruderblatt als
Spaten benutzte. Der Boden des Bootes war nur 1-2 Zoll über meinem
Kopfe, und ich lag wie eine Leiche in ihrem Sarge, welcher Gedanke
sich um so mehr aufdrängte, als Kutschuk draußen stand, Sand aufgrub
und um mich herumschüttete. Drinnen war es so eng, daß ich mich in
meinem Grabe nur mit Mühe umdrehen konnte, und ebenso dunkel wie in der
Ruhestätte der Toten.
Ein ganzer, auf dem Wasser zugebrachter Tag greift an und macht
hungrig, und wenn man nichts zu essen bekommt, friert man leicht;
aber in unseren kleinen „Zelten“ wurde es bald warm. Kutschuk packte
sich auf dieselbe Weise ein. Ein prächtiges Boot, das uns erst den
ganzen Tag getragen hatte und uns hinterdrein noch als Zelt diente!
Die Annehmlichkeit wurde noch größer, als es wieder zu regnen begann
und die schweren Tropfen auf dem straffgespannten Bootboden wie
Trommelwirbel schmetterten. Wir unterhielten uns eine Weile; Kutschuks
Stimme klang durch die beiden Segeltuchwände wie eine Stimme aus
dem Grabe, und auch meine tönte dumpf und hohl. Doch die Müdigkeit
machte sich geltend, und wir schliefen, Wölfe, Bären und unsere eigene
treulose Karawane vergessend, auf unserem Kirchhofe ein.
Ein paarmal wachte ich von der eindringenden Nachtkälte auf, schlief
aber wieder ein, und als endlich das Morgenlicht unter den Bootrelingen
hereinflutete, sah ich zu meinem Erstaunen, daß es schon 7 Uhr war.
Kutschuk wurde gerufen und mußte den Sargdeckel öffnen; richtig stand
die Sonne schon hoch über dem Horizont. Wir waren starr vor Kälte und
sammelten schleunigst Feuerung, die mit den letzten Zündhölzern in
Brand gesteckt wurde und uns wieder neues Leben gab. Es wehte frisch
und gleichmäßig aus Osten, und da von der Karawane nichts zu sehen und
zu hören war, blieb uns nichts weiter übrig, als westwärts zu gehen und
sie zu suchen.
Also wurde das Boot wieder zusammengefügt, getakelt, ins Wasser gesetzt
und bemannt, das Segel wurde aufgespannt, das eine Ruder diente als
Segelbaum, das andere als Steuer, und mit sausendem Winde strichen wir
längst des Südufers hin. Der Wind war ziemlich stark, der See ging
hoch, die Jolle rollte ordentlich, und Kutschuk, der vorn im Boote
saß, wurde seekrank. Die Geschwindigkeitsmessungen und die Lotungen
wurden fortgesetzt und die Route eingetragen. Nachdem wir eine gute
Stunde unterwegs waren, konnte ich mit dem Fernglas am Westufer des
Sees zwei weiße Punkte wahrnehmen, die wir für die Jurte und das Zelt
hielten. Kleine schwarze Punkte, die beide umgaben, mußten unsere Leute
und Tiere sein. Nach drei Stunden waren wir dort. Tscherdon und Aldat
wateten uns entgegen, um die Jolle vorsichtig ans Land zu ziehen.
Der Karawane war richtig von einem mächtigen Fluß, den zu durchwaten
unmöglich war, der Weg abgeschnitten worden. Der Fluß kam von einem
großen See im Westen. Sie waren daher nach der Quelle zurückgekehrt,
bei der wir sie fanden, und hatten die ganze Nacht auf einem Hügel ein
Feuer unterhalten, das uns als Richtschnur dienen sollte, wenn wir
draußen auf dem See umherirrten. Aldat hatte einen Kulan geschossen,
denn frisches Fleisch war uns hochnötig. Das Wölflein hatten sie jedoch
so freigebig damit traktiert, daß es an Überfütterung starb.
Sobald wir an Land gekommen waren, mußte Tscherdon mir ein Frühstück
mit Kaffee bereiten; der Rest des Tages wurde zu verschiedenen
Nacharbeiten benutzt. Jetzt handelte es sich darum, nach welcher Seite
wir zunächst unsere Schritte lenken sollten. Gingen wir nach Westen,
so brauchten wir drei Tage zur Umgehung des dort liegenden Sees, und
im Osten hatten wir unseren großen Salzsee. Im Süden versperrte uns
der Fluß, der von dem westlichen, entschieden süßen See Wasser nach
dem salzigen führte, den Weg. Von Umkehren konnte noch keine Rede
sein; dies durfte erst geschehen, wenn das morastige Hochland so
fest gefroren war, daß der Boden trug. Ich beschloß daher, die ganze
Karawane mit der Jolle über den Fluß zu führen.
Die Karawane mußte also nach der schmalsten Stelle des Flusses ziehen,
während ich mit Kutschuk nach dem Mündungsgebiete ruderte. Die Breite
beträgt hier etwa 300 Meter, und unmittelbar vor der Mündung lag eine
Bank mit nur 50 Zentimeter Wasser, die eine prachtvolle Furt gewesen
wäre, wenn sie nicht in der Mitte eine schmale Rinne von 2,56 Meter
Tiefe gehabt hätte. Wir fuhren nach dem schmalen Übergange, wo die
anderen warteten und alles Gepäck abluden. Auch hier ist das Wasser
scharf salzig, obwohl die Strömung von dem Süßwassersee ziemlich
stark ist; man sieht, wie sich süßes und salziges Wasser miteinander
vermischt, wobei Flockenbildungen und Wirbel entstehen wie bei
Zuckerwasser.
Die beiden Ufer bestanden aus hartem Kies. Die schmalste Stelle, wo
die Überführung stattfinden sollte, war 58 Meter breit. Die größte
Schwierigkeit war das Ausspannen eines Taues zwischen beiden Ufern.
Beinahe alle Stricke, mit denen die Packlasten auf Kamelen und Pferden
festgebunden wurden, mußten dazu genommen und aneinandergebunden
werden. Am linken Ufer wurde das eine Ende festgemacht, dann wurde das
Seil flußabwärts gezogen, worauf ich aus allen Kräften in einem Bogen
hinüberruderte, während Kutschuk mit dem anderen Ende bereitstand, am
rechten Ufer ans Land zu springen. Wir trieben indessen, da das Seil
sich als zu kurz erwies, an der hier vorspringenden Landspitze vorbei
und mußten uns wieder zurückschleppen und noch ein Ende anbinden,
worauf dasselbe Manöver mit besserem Erfolge wiederholt wurde. Das Tau
wurde nun auch an diesem Ufer festgebunden und so straff gezogen, daß
es die Wasserfläche nicht mehr berührte.
Die Pferde sollten hinübergetrieben werden, aber sie ließen sich nicht
dazu bringen, ins Wasser zu gehen. Es gelang erst, als wir eines von
ihnen hinüberbugsiert hatten. Am schlimmsten war das Übersetzen der
Kamele (Abb. 133, 134, 135). Sie ließen sich nicht bewegen, selbst
hinüberzuschwimmen. Wir mußten sie einzeln mit dem Boote holen.
Dabei wird das Kamel ins Wasser getrieben, und ein Strick wird ihm
um den Kopf geschlungen. Diesen hält Turdu Bai, der im Achter des
Bootes sitzt, über Wasser. Ich ziehe das Boot an dem ausgespannten
Seile entlang quer über den Fluß. Da es dem Kamel aber durchaus nicht
einfällt zu helfen, sondern es sich ganz bequem im Wasser ziehen läßt,
habe ich die ganze durch die unaufhörlich saugende Strömung verursachte
Wucht auf meinen Händen ruhen, und ich muß beim Weiterschieben alle
meine Kräfte aufbieten, um das Seil nicht loszulassen, in welchem Falle
natürlich die ganze Bescherung nach dem See hinuntergetrieben wäre und
das Kamel leicht hätte verloren gehen können. Ich brachte es jedoch
nach dem anderen Ufer hinüber, wo es eine Weile zappelte, bis es festen
Boden unter sich fühlte und für gut fand, sich wieder auf eigene Füße
zu stellen. Das Wasser strömte von seinen Seiten, als es dort in der
Einsamkeit stand und sich verwundert nach seinen Kameraden umsah.