Als ich in der Nacht hinaustrat, war der Himmel mit Wolken bedeckt,

deren Ränder, vom Monde mit Silber umgossen, hier und dort hell

glänzten. Nur das Gletschermassiv wurde nicht beschattet, und seine

kalten Firnfelder wurden vom bleichen Lichte des Mondes beleuchtet.

Meine Diener lagen in tiefem Schlafe, die Karawanentiere waren

festgebunden, das Lagerfeuer verglomm, nur der Bach sang sein

murmelndes, melancholisches Lied zwischen den Schieferscheiben in

seinem Bette.

Still wacht die Nacht allein über der Wildnis; ringsumher breitet

sich auf allen Seiten ein Chaos von unbeantworteten Fragen, von

ungelösten Rätseln aus; fern im Süden ahnt man den Kamm des Himalaja

und dahinter Indien mit seinen stickigen Dschungeln. Im fernen Westen

verflechten sich unsere Berge mit dem Hochlande von Pamir, und wenn die

Sonne bei uns aufgeht, hat sie schon ihr strahlendes Licht über das

Reich der Mitte und die Gebirgsgegenden auf seiner westlichen Grenze

ausgegossen. Im Norden, im innersten Asien, sind wir heimischer; aber

hier in Tibet ist man einsam in einem unbekannten Lande. Vergebens

späht man umher nach einem Feuer, nach der Spur eines Menschen; man

hat einen unbewohnten und unbewohnbaren Teil der Erde erreicht, man

hat das Gefühl, wie ein Staubkorn auf diesen unermeßlichen Flächen zu

verschwinden, und glaubt zu spüren, wie der Planet mit schwindelnder

Fahrt rastlos durch den Weltraum rollt.

Am 7. August zogen wir nach dem Lagerplatze Nr. 23, von Abdall an

gerechnet. In der Hoffnung, einen meiner alten Seen zu finden, zogen

wir in dem Längentale nach Westen. Jetzt war es mit Tscherdons Pferde

zu Ende. Es wurde langsam von einem Manne geführt, fiel aber oft

und konnte nur mit Mühe wieder aufstehen; dagegen war sein Appetit

gut, und wir taten alles, um es zu retten. Tscherdon behandelte es

auf mongolische Weise; er ließ es an den Ohrenzipfeln zur Ader und

schnitt ihm ein paar drüsenähnliche Auswüchse aus den Bindehäuten der

Augenlider fort, was ihm ein wenig zu helfen schien, denn es lief nun

längere Strecken. Sobald wir einen Weideplatz erreichten, wollten wir

Halt machen und ihm einen Ruhetag schenken. Ich wollte es töten lassen,

doch da Turdu Bai glaubte, es sei noch zu retten, mußte Mollah Schah es

uns nachführen.

Da wir vergebens nach einem See im Westen ausschauten, beschloß ich,

nach Süden abzuschwenken, um die Bergkette zu überschreiten, die von

dem Gletschermassiv nach Westen ging. Das Tal war ziemlich schmal;

sein Fluß führte jetzt wenig Wasser, und auf der Südseite unterhalb

der Moränen fanden wir, wie beim Kum-köll, ein Gebiet von Flugsand

in ziemlich mächtigen, oft isoliert liegenden Dünen, die regelmäßige

Halbmonde bildeten, mit dem konkaven, steilen Abhange nach Osten.

Von dem Bache, auf dessen Uferabhange wir lagerten, erschien das

Gletschermassiv im Osten ganz nahe; wir hatten es also zur Hälfte

umgangen.

Fünf Stunden später kam Mollah Schah. Er hatte das Pferd ein paar

Kilometer vom Lager zurückgelassen; es war weder besser noch schlechter

als am Morgen gewesen. Als sich jedoch Tscherdon dorthin begab, war

das Tier schon verendet. Turdu Bai ritt ein Quertal in der jetzt zu

überschreitenden Kette hinauf und kehrte am Abend mit der Nachricht

zurück, daß der dortige Paß nicht gefährlich sei und daß sich südlich

vom Passe ein großer See ausdehne. Weideland hatte er dagegen nicht

gesehen.

Er mußte also am nächsten Tage den Weg zeigen. Das Tal stieg so eben

und langsam an, daß der Paß uns keine Mühe machte. Von dem 5122 Meter

hohen Passe aus hatten wir das schon so oft gesehene Panorama vor uns:

ein Längental und eine teilweise mit ewigem Schnee bedeckte Bergkette.

Diese mußte mit dem +Koko-schili+ identisch sein. Ein großer Teil

des Talgrundes wurde von einem ansehnlichen See mit west-östlicher

Richtung eingenommen.

Die Karawane, die, wie gewöhnlich, einen großen Vorsprung hatte, war,

statt nach dem Ufer hinunterzugehen, noch eine ziemliche Strecke

westlich vom See weitergezogen. An der westlichsten Bucht des Sees

hatte sie Halt gemacht und das Lager Nr. 24 (5028 Meter) aufgeschlagen,

das schlechteste, das wir bisher gehabt hatten. Soweit das Auge

reichte, gab es weder eine Spur von Weide noch von Brennholz oder Dung

zur Feuerung. Wir zerschlugen eine überflüssige Kiste, um wenigstens

heißen Tee zu bekommen. Jedes der Tiere erhielt eine Handvoll Mais.

Kaum war das Lager in Ordnung, so brach ein wildes Unwetter los, erst

Regen, dann Hagel und darauf wieder strömender Regen, der durch die

Filzdecken in meine Jurte hineintropfte und rieselte. Der Sturm kam

von Westen, und in der Nacht verwandelten sich die Niederschläge in

Schnee. Die Kamele lagen im Halbkreise, alle an denselben in den Boden

gerammten Pflock so angebunden, daß die Köpfe vor dem Winde geschützt

waren. Die beiden äußersten waren mit Filzmatten zugedeckt. Sie froren

derart, daß sie bebten, aber sie sind nach dem Verlieren ihrer Wolle

auch beinahe nackt, und man beobachtet mit Interesse, wie die neue

Wolle langsam hervorkommt und wächst. Sie wächst hier oben schneller

als in den warmen Tiefländern; die Natur macht ihr Recht geltend und

paßt sich den Verhältnissen an. Hätten die Pelze eine Ahnung von dem

Winter gehabt, dem wir mitten im Sommer entgegengingen, so hätten sie

ihre Besitzer wohl nicht verlassen.

Das Erwachen nach einer solchen Nacht ist nicht angenehm. Es ist einem

kalt und frostig; alles ist feucht, Jurte und Gepäcklasten sind mit

Wasser durchtränkt und die eigenen Kleidungsstücke naß. Am Morgen war

die Luft mit feinem, leichtem Sprühregen erfüllt, und der Westwind

heulte durch das Tal. Frierend und schauernd brachen wir mit unseren

hungrigen Tieren auf.

Die neue Bergkette im Südwesten unseres Lagers sah niedrig und bequem

aus, ja wir glaubten, daß sie, mit den vielen schon überschrittenen

verglichen, die reine Bagatelle sein würde. Ihre Nordabhänge bestanden

nicht einmal aus anstehendem Gestein, sondern nur aus niedrigen

Hügeln; über diese hinüberzukommen, schien ganz einfach, aber in

der Wirklichkeit wurde es das Ärgste, was uns bisher begegnet war.

Zunächst war es durchaus nicht leicht, nach dem Fuße der Hügel hin zu

gelangen, denn der Boden war überall sumpfig, und um die gefährlichsten

Fallgruben, wo die Pferde bis ans Maul in den Schlamm gerieten, zu

umgehen, mußten wir mit der größten Vorsicht weiterziehen. Wir hielten

es jedoch für selbstverständlich, daß der Boden wieder hart und

tragfähig werden würde, sobald wir den Abhang erreichten.

Erst ging es auch leidlich, denn der Boden bestand aus gelber Tonerde,

die mit Steinen und Schieferstücken bedeckt war. Langsam zogen wir

aufwärts. Nur ein großes Kamel, das gegen alles, was Paß hieß, einen

ausgesprochenen Widerwillen hatte, blieb zurück und legte sich ganz

gemächlich nieder; Turdu Bai blieb bei ihm.

Als wir glücklich auf den ersten Kamm hinaufgelangt waren, zogen wir

auf seinem Rücken nach Südosten weiter. Ich ritt voran und folgte einer

Yakspur, die anfangs zeigte, wo der Boden trug, höher oben aber in dem

losen, durch und durch nassen Schmutze verschwand, in dem es unter den

Hufen des Pferdes klatschte und quatschte. Schließlich sank das Pferd

so tief ein, daß ich vorzog, abzusteigen und es zu führen. Ich hätte

natürlich umkehren müssen, aber der Kamm erschien mir so verlockend

nahe. Als ich einen Punkt erreicht hatte, wo mir der Stiefel im

Schlamme beinahe steckenblieb, wartete ich auf die anderen. Die Männer

gingen zu Fuß und keuchten bei jedem Schritte. Die wie immer geduldigen

und fügsamen Kamele kamen hinterdrein, bei jedem Schritte fußtief

einsinkend, aber doch besser von ihren Fußschwielen getragen als die

Pferde von ihren Hufen. Eines von ihnen fiel und mußte abgepackt

werden. Sie wunderten sich wohl, was wir mit diesen wahnsinnigen

Anstrengungen auf schwankendem Boden mit merklicher Steigung und in so

verdünnter Luft zu erreichen beabsichtigten.

Man wird vom Gehen schwindlig, der Boden gibt nach und scheint zu

schwanken, unaufhörlich muß man stehenbleiben, um nach Luft zu ringen.

Nicht einmal die ziemlich großen Schieferplatten, die hier und dort

liegen, sind zuverlässig, sondern drücken sich allmählich in den

Boden ein, und in der dadurch entstandenen Grube sammelt sich ein

Wasserpfuhl. Man hört das Wasser unter dem Schutte sickern und brodeln;

man wandert wie über unterirdische Fluten hin, die jeden Augenblick uns

alle verschlingen können. Man meint, daß dieser Teig von Hügeln, der

aus einer zähen Flüssigkeit oder Grütze zu bestehen scheint, mehr und

mehr nach allen Seiten auslaufen müsse.

Eine solche Terrainform entsteht durch die ewigen Niederschläge,

die beim Fallen in den Boden eindringen und nur einen unbedeutenden

Beitrag zu den sichtbaren Flüssen und Bächen liefern. Auch das Fehlen

jeglicher Vegetation mit ihren bindenden Wurzeln trägt dazu bei. Nicht

selten stehen die Schieferplatten quer, und einigen Kamelen brachte das

Abenteuer blutige Füße ein. An einer Stelle mußten ein paar Pferde,

die buchstäblich drauf und dran waren, im Schlamme zu ertrinken,

schleunigst von ihrem Gepäck befreit und herausgezogen werden.

Als die Lage gar zu schwierig wurde, schickte ich Tscherdon nach dem

Kamme hinauf, um zu rekognoszieren. Er kehrte mit dem Bescheide zurück,

daß dieser Kamm nur der erste einer ganzen Reihe solcher sei, die sich

nach Süden ausdehnten und die Aussicht versperrten. Sie seien fleckig

von Schnee, der durch sein Auftauen den Boden noch ungangbarer mache.

Seine Worte gaben endlich das Signal zum Rückzug. Wir hatten auf dieser

erbärmlichen Strecke über vier Stunden verloren und uns unnötigerweise

nach einer Höhe von 5248 Meter hinaufgearbeitet; schlimmer aber war,

daß wir die Kräfte der Tiere so angestrengt hatten. Nach einigem Suchen

fanden wir ein Erosionstal und zogen mitten in seinem Bache, der

einzigen Linie, auf welcher der Boden trug, abwärts. Er bog nach Westen

in das Längental ein; an seinen Ufern war der Boden ebenso lose und

sumpfig wie oben auf dem Kamme. Von mehreren Seiten kamen Zuflüsse, so

daß der vereinigte Fluß schließlich 8 Kubikmeter Wasser führte. Als wir

endlich an seinem rechten Ufer in 5011 Meter Höhe ein wenig Weideland

fanden, lagerten wir und beschlossen, die Tiere zwei Tage ruhen zu

lassen.

Doch wie fiel es in diesem Lager Nr. 25 mit der Ruhe aus! Der Morgen

sah allerdings vielversprechend aus, doch als ich mit dem Observieren

der Sonne anfangen wollte, bedeckte sich der Himmel mit Wolken. Sodann

sollten mein Bett, meine Filzdecke und mein Teppich nach der Nässe der

vorhergehenden Tage getrocknet werden; doch kaum hingen sie auf der

Leine, als der Himmel im Westen blauschwarz wurde. Wir konnten die

Sachen kaum noch unter Dach bringen, bevor ein Hagelsturm mit Geheul

und Geprassel durch das Tal fegte. Nachdem dieses Unwetter abgezogen

war, hatte ich Gelegenheit, eine Sonnenbeobachtung zu machen, mit der

ich eben fertig wurde, als ein neuer Sturm im Anzuge war, der ebenso

schwarz wie der vorige aussah, aber siebenmal so arg war. Einige

heftige Windstöße bildeten den Vortrab, dann folgten Hagel und nasser

Schnee. Selten habe ich in Tibet ein ärgeres Unwetter erlebt. Es

blitzte und donnerte mehrere Male in der Minute, und der Orkan fegte

ganz dicht am Erdboden unmittelbar über unseren Köpfen hin. Es krachte,

als zerrissen die Berge und als rollten Felsblöcke mit Donnergepolter

in die Tiefe. Man schloß bei den blendenden Blitzen unwillkürlich die

Augen und fühlte den Boden unter den Donnerschlägen erbeben. Es ist

unheimlich und feierlich, sich in einem solchen Unwetterzentrum zu

befinden und den Leidenschaften der Naturkräfte preisgegeben zu sein.

Man legt seine Arbeit fort, sieht, lauscht und staunt.

Die Hunde heulten erbärmlich. Der Wind riß das Zelt der Männer um, und

sie konnten es nur mit großer Mühe wieder festmachen. Die Landschaft

wurde wieder mit Schnee und Hagel zugedeckt, unter welcher Decke die

hungrigen Pferde ihr kärgliches Futter suchten.

Turdu Bai war den ganzen Tag mit den Kamelen draußen gewesen und

kam abends heim. Sie legten sich in ihren gewöhnlichen Halbkreis

und wurden bald überschneit, nachdem wir alles getan hatten, um sie

warm einzupacken. Sie zitterten vor Kälte. Die Männer gaben zwei

Filzteppiche her, ich einen, und die beiden, in welche die Boothälften

eingenäht waren, wurden auch genommen und über die armen Tiere gedeckt.

Der zweite Rasttag war besser; die Sonne taute den Schnee auf, und

der Hagelsturm kam erst um 5 Uhr. Als wir am 12. August nach Südosten

zogen, um die Bergkette zu überschreiten, ging Turdu Bai mit zwei

kranken Kamelen, die unbeladen blieben, voraus. Wir überholten ihn

bald, denn er kam nur außerordentlich langsam vorwärts, da das eine

Kamel, der Paßhasser, oft liegen blieb und sich eine Weile ausruhen

mußte.

Vor uns waren keine hohen Berge sichtbar; doch der Boden war

widerwärtig: ein einziger Morast von gelbem Schlamm, mit Wasser

vollgesogen wie ein Schwamm, trügerisch selbst da, wo er mit dünnem

Schutt bedeckt ist und sicher und vertrauenswürdig aussieht. Bei

jedem Tritt sinken die Tiere fußtief ein, und da jeder Schritt ein

Herausziehen der Füße aus dem zähen, saugenden Schlamme ist, ist das

Vordringen sehr anstrengend. Der Boden ist jetzt so lose, daß die

anfangs schwarzgähnenden Fußspuren sich bald wieder schließen und

verschwinden. Im allerglücklichsten Falle sinken die Tiere nur etwa 10

Zentimeter ein, und man freut sich ihretwegen, wenn man an derartige

rettende Inseln in einem unabsehbaren Sumpfe gelangt. Doch die Freude

ist kurz; bald versinken sie wieder knietief, fallen, müssen von

ihren Lasten befreit, herausgezogen und von neuem beladen werden. Ein

fluchwürdiges Land! Daß Weide und Brennholz 5000 Meter über dem Meere

fehlen, kann man verstehen, doch warum trägt uns die Erde nicht, warum

droht sie die ganze Karawane zu verschlingen?

Kein einziges Fleckchen, wäre es auch nur so groß wie ein

Fünfmarkstück, ist trocken; alles ist von Wasser durchtränkt; man

befindet sich wie auf schlammigem Seeboden, von dem das Wasser gerade

abgezapft worden ist. Die Tiere sind zu bewundern, daß sie überhaupt

gehen; weshalb legen sie sich nicht nieder und weigern sich, sich

in einem so barbarischen Dienste anzustrengen? Das große Kamel, der

Paßhasser, hatte vollkommen recht, daß es sich nicht weiter abmühte.

Das Innerste der Wüste Takla-makan ist nicht lebloser als dieses

entsetzliche Bergland.

Alle müssen zu Fuß gehen; das Herz klopft, als wolle es zerspringen,

und man schnappt nach Luft. Und wenn man wieder im Sattel sitzt, fällt

das Pferd beinahe alle Augenblicke vornüber. Es ist, als wären ihm

unausgesetzt die Füße mit Bindfaden festgebunden, der bei jedem Schritt

erst abgerissen werden muß. Ich reite jetzt voran, um den Boden zu

erproben. Aber die Lasttiere scheuen vor den tiefsten Spurgruben und

weigern sich ihnen zu folgen; sie schwenken lieber seitwärts ab, aber

nur, um an noch schlechtere Stellen zu geraten.

So schreiten wir Stunde auf Stunde dahin. Dieses Land will uns

festhalten. Unser Vorrücken erinnert an einen Feldzug in Feindesland,

wo man auf sich selbst und seine eigenen Vorräte angewiesen ist, sich

immer mehr von einer sicheren Operationsbasis entfernt und auf dem

Marsche nichts weiter findet als eingeäscherte Städte, zerstörte Dörfer

und verwüstete Felder. Je weiter es geht, desto deutlicher erkennt man,

daß die Schwierigkeiten des Rückzuges wachsen werden, und gerade diese

Schwierigkeiten sind es, die anreizen. Mit gespanntem Interesse fragt

man sich, ob es wohl gelingen werde, sie zu überwinden. Und man denkt

nicht im entferntesten ans Umkehren!

Es ist eigentümlich, in verhältnismäßig so kurzer Entfernung wie

zwischen dem Akato-tag und diesen Gegenden so ungleichartige

Naturverhältnisse zu finden. Bald muß man lange Tagemärsche machen, um

eine erbärmliche Quelle zu finden; bald braucht man nur, wo man will,

auf den Boden zu stampfen, um die Grube sich gleich mit Wasser füllen

zu sehen.

Auf einem niedrigen sattelförmigen, die Wasserscheide bildenden Paß,

nach dem wir hinsteuerten, ging gerade ein einsamer Wolf in Gedanken

versunken spazieren, ergriff aber die Flucht, sobald er uns erblickte.

Wir befanden uns gerade auf dem Passe (5111 Meter), als der übliche

Sturm kam. Als der Donner rollte, klang es wie das Kugelrollen auf

einer riesenhaften Kegelbahn oder das Bombardement einer Festung. Es

war erst 4 Uhr, aber es wurde so dunkel wie an einem Herbstabend. Die

Pferde gehen schräge, um den Hagelschauer zu parieren. Das Lager wurde

in aller Hast mitten in einem Morast aufgeschlagen. Ehe man noch mit

dem Aufschlagen fertig wird, ist man schon pudelnaß, und wenn man

dabei dem Schauer nicht die ganze Zeit den Rücken zudreht, so schlägt

einem der Hagel ins Gesicht. Nach zwei Stunden war der Sturm vorüber,

und die Sonne guckte hervor, aber wir lagen im Schatten, und der

Sonnenschein vergoldete wie hohnlächelnd die Hügel im Osten.

Der große Paßhasser konnte nicht mehr bis zum Lager gehen, sondern war

jenseits des Passes zurückgelassen worden. Um zu versuchen, ob wir

ihn nicht doch noch retten könnten, blieben wir einen Tag in diesem

greulichen Lager in 5076 Meter Höhe. Tscherdon und Turdu Bai ritten

am Morgen hin, kamen aber mit der Nachricht wieder, daß das Tier dem

Tode geweiht sei. Sie hatten es dazu gebracht, sich zu erheben und

einige Schritte zu gehen, dann aber war es auf die Seite gefallen, und

da es nicht dazu vermocht werden konnte, aufzustehen, hatten sie es

totgestochen.

Den ganzen Tag goß es. Ich hatte +2 Grad in der Jurte und konnte nichts

weiter tun, als mit Pelzen zugedeckt lesen. Man muß sich sehr genau

überlegen, wohin man empfindliche Sachen legen kann, denn durch das

Dach tropfte das Wasser, und ich hatte an beiden Seiten des Bettes ein

paar kleine Seen, die abgeleitet werden mußten. Überall ist es naß und

ungemütlich; man sehnt sich von einem solchen Platze fort, einerlei

wohin, denn schlimmer kann es nicht werden. Tscherdon und Turdu Bai

waren vom Regen überfallen worden, als sie bei dem Kamele waren. Sie

saßen fünf Stunden bei ihm, unter ihren Mänteln zusammengekauert, und

ihre Pferde waren bis an den Bauch gelbbraun; nach dem frischen Regen

waren sie doppelt so tief wie gestern eingesunken.

Der 14. August brach endlich mit Sonnenschein an. Die Temperatur war in

der Nacht auf -3,2 Grad heruntergegangen, so daß der Boden am Morgen

steinhart gefroren war und eine dünne Eiskruste die in unseren Spuren

entstandenen Pfützen bedeckte, aber die Freude währte nicht lange, denn

schon am Vormittag war alles wieder naß und weich.

Der heutige Tag brachte uns über diese greuliche Bergkette hinüber,

die uns so viel Mühe gekostet hatte. Von ihrem leichten, hügeligen

Passe aus sah man wieder ein Längental, das im Süden von einem neuen,

ansehnlichen Rücken begrenzt wurde. Weiter aufwärts im Tale, nach

Südwesten zu, schimmerte der Boden grün; dorthin lenkten wir unsere

Schritte, denn der Weide bedurften wir jetzt am allermeisten.

Sobald wir den Platz erreicht hatten und uns endlich auf trockenem

sandigem Boden befanden, wurde Halt gemacht; es war ein Vergnügen,

die Tiere in dem dünnen Grase wieder aufleben zu sehen. Alles, was

Bettstücke und Decken hieß, wurde auf dem Sande ausgebreitet, um im

Sonnenbrande zu trocknen (Abb. 130); die Jurte und das Zelt trockneten

am besten, wenn sie in gewöhnlicher Weise aufgeschlagen wurden.

[Illustration: 144. Lagerplatz im tibetischen Hochland. (S. 355.)]

[Illustration: 145. Umbetten des kranken Aldat. (S. 356.)]

[Illustration: 146. Ein im Schlamm versinkendes Kamel. (S. 359.)]

[Illustration: 147. Turdu Bai auf einem Berge in der Nähe des Lagers

Nr. 54. (S. 361.)]

Am 15. August waren gerade 15 Jahre vergangen, seit ich meine erste

Reise nach Asien angetreten hatte; ich konnte den Tag nicht besser

als durch Verweilen an diesem gastfreundlichen Platze feiern. Das

Wetter war gut, obwohl es ein paar Stunden regnete, und die Temperatur

stieg auf etwas über +15 Grad. Die müden Tiere erholten sich sichtlich,

und da wir nicht wußten, was unserer wartete, wurde ihnen noch ein

Ruhetag zugestanden. Wenn es dunkel wird, kommen die Kamele ganz von

selbst gravitätisch nach dem Lager gezogen, doch in einem Halbkreis

können sie sich nicht ohne Hilfe legen. Sobald der Tag graut, erheben

sie sich und gehen wieder auf die Weide. Man denkt, es müsse sie

ermüden, die ganze Nacht mit erhobenem Kopfe in derselben Lage

zuzubringen, aber es scheint ihnen gar nichts auszumachen.

Dieser Platz (Abb. 131) rettete uns für die nächste Zukunft. Er glich

einer Oase in der Wüste (Lager 27). Tiere und Menschen sammelten hier

neue Kräfte. Letztere hatten eigentlich nichts weiter zu tun, als Brot

zu backen, schmutziges Zeug zu waschen und Feuerung einzusammeln, die

uns eine kleine in harten Büscheln wachsende Pflanze mit trockenem

Stamme, die „Jer-baghri“ genannt wird, lieferte.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Eine lange Seefahrt.

Am 17. August brachen wir auf, um die nächste, von Osten nach Westen

gehende Bergkette zu überschreiten. Der Anstieg macht sich unseren

müden Tieren bald recht fühlbar. So, wie wir jetzt zogen, waren wir

gezwungen, unnötigerweise über drei Pässe zweiter Ordnung zu gehen,

ehe wir den Hauptpaß erreichten. Hinten im Westen erhebt sich der

mächtige Gebirgsstock mit den Gletschern und den ewigen Schneefeldern

im Osten erscheint ein Tafelberg, dessen Kammlinie so gerade ist,

als sei sie mit einem Lineale gezogen worden; wahrscheinlich war der

Berg mit dem porösen Tuff, der in diesen Gegenden allgemein vorkommt,

bedeckt. Vom Passe führte ein zwischen roten Hügeln eingeschnittenes

Tal langsam nach Süden. Sein Bach mündet schließlich in einen wohl

10 Kubikmeter Wasser führenden Fluß vom nächsten Gletscher. In der

Nähe des Zusammenflusses hatte sich die Karawane auf einem mageren

Rasenplatze, wo der sandige Boden wenigstens trocken war, im Lager Nr.

28 niedergelassen (Abb. 132).

Jetzt hatten wir nur noch zwei Schafe, von denen hier eines dem

Hunger geopfert werden mußte. Das letzte blökte ängstlich und suchte

vergeblich seinen toten Kameraden. Schlimmer war, daß Aldat, als er auf

eine Orongoantilope schoß, seine Flinte ruinierte; eine hinten am Laufe

befindliche Stahlschraube wurde losgesprengt und hätte ihn beinahe ins

Gesicht getroffen. Zum Glück fand er die Schraube wieder; sie wurde nun

mit Stahldraht und einem Lederriemen in ihrer Lage so festgemacht, daß

die Flinte im Notfalle benutzt werden konnte.

Als wir am Tage darauf gerade aufbrechen wollten und die Tiere

schon zum Beladen bereitstanden, verdunkelte sich der Himmel in

beunruhigender Weise, weshalb wir es für das klügste hielten, noch eine

Weile zu warten; wir wären in ein paar Minuten durch und durch naß

geworden. So warteten wir denn einen Regenguß nach dem anderen ab, und

auf diese Weise ging der Tag hin. Um 2 Uhr klärte es sich auf, aber

nun war es zum Aufbrechen zu spät. Statt dessen begab ich mich mit dem

großen photographischen Apparat nach der nächsten Gletscherzunge und

wollte mich gerade anschicken, ein paar Aufnahmen zu machen, als der

Himmel wieder seine freigebigen Schleusen öffnete. Gleichzeitig näherte

sich von Süden her, schwarz wie die Nacht, ein Hagelsturm, der sich wie

eine dicke Masse über die Erde hinwälzte und ihre Oberfläche hinter

sich weiß färbte.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 35 / 42 段