mit Kutschuk als Matrosen fuhr ich mit passendem Winde über den See,
indem ich alle notwendigen Instrumente für die Kartenarbeit und die
Lotungen, die Jurte usw. mitnahm. Wir waren noch nicht weit vom Ufer
entfernt, als ein heftiger Windstoß die Rahe abbrach, so daß wir
zurückrudern mußten, um sie erst zu reparieren. Beide Stücke wurden
aneinandergebunden und mit Tamariskenlatten geschient; darauf steuerten
wir in der Richtung nach einem Schneegipfel in Nordnordosten über den
See. Ich hatte nicht erwartet, diesen See so seicht zu finden; die
größte Tiefe betrug 3,73 Meter. Am Nordufer landeten wir auf einer
kleinen Insel.
Jetzt begann der Himmel im Osten beunruhigend auszusehen, und das Tal
füllte sich mit dichten Wolken. Über dem Dünengürtel wirbelten gelbe
Sandwolken auf, und wir hielten es für das klügste, noch eine Weile
zu warten. Der Sturm brach auch richtig los, und wir suchten uns
vor dem Sturzregen dadurch zu schützen, daß wir uns gegen den Wind
gedeckt zusammenkauerten. Der See ging hoch mit schäumenden Wogen,
aber ich konnte, als der Regen aufgehört hatte, nicht der Versuchung
widerstehen, das Segel loszumachen und das leichte Fahrzeug förmlich
vom Ufer wegfliegen zu lassen. Jetzt hieß es aufpassen. Das ganze
flache Tal war gleichsam eine Rinne für den Wind, der rücksichtslos
über den See hinsauste. Dieser erstreckte sich vor uns, soweit der
Blick reichte, und wir balancierten vorsichtig über die Wogenkämme,
um nicht Wasser einzunehmen. Als der Wind stärker wurde und der Mast
zu brechen drohte, mußte Kutschuk das Segel einziehen; dann trieben
wir auch ohne dieses mit reißender Geschwindigkeit. Das Sondieren
ließ sich nur bisweilen ausführen, denn die Fahrt war zu stark, aber
die Geschwindigkeit konnte ich leicht messen und auch Kompaßpeilungen
vornehmen.
[Illustration: 138. Meine Jurte im Lager Nr. 35 (27. August 1900).
Aussicht nach Norden. (S. 341.)]
[Illustration: 139. Der Fischberg. (S. 346.)]
[Illustration: 140. Der Fischberg vom See aus. (S. 346.)]
Als der Wind an Stärke abnahm, hatte der See schon angefangen sich
zu verschmälern, so daß wir nicht mehr weit von dem Punkte entfernt
zu sein schienen, wo er sein überschüssiges Wasser in einen Fluß
entleert und es nach dem weiter westlich gelegenen großen Salzsee
+Ajag-kum-köll+ (unteren Sandsee) entsendet. Unser See wurde immer
flacher, selten über einen Meter tief, und das naheliegende, langsam
abfallende Südufer wurde von Schlammbänken fortgesetzt, über denen sich
das Wasser bei den Ruderschlägen schwarz färbte. Enten und Gänse waren
hier zahlreich. Letztere brüteten und konnten nicht weit fliegen, aber
um so besser tauchen, was wir erfuhren, als wir versuchten, mit einer
Schar um die Wette zu rudern und sie mit den Rudern anzugreifen.
Die Rückkehr von diesem herrlichen Ausfluge war tragikomisch. Wir
ruderten aus Leibeskräften, aber der Wind erhob sich wieder, und nicht
lange dauerte es, so fing es auch wieder an zu regnen. Wir wurden
pudelnaß, wozu auch die dann und wann in das Boot schlagenden Wellen
das Ihrige beitrugen. Endlich tauchten in der Ferne die Zelte auf, aber
es dauerte noch ein paar Stunden, ehe wir sie erreichten. Ich hatte
stets Pech mit den Seefahrten: sie konnten bei herrlichstem Wetter
angetreten werden, endeten aber immer mit Sturm.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Fünftausend Meter über dem Meere.
Am 30. Juli wurden Tokta Ahun und Musa mit sechs Pferden nach dem
Hauptquartier zurückgeschickt. Das Gepäck wurde dadurch für die
zurückbleibenden Tiere etwas schwerer. Unsere Gesellschaft bestand nun
aus mir, sechs Mann (Tscherdon, Turdu Bai, Mollah Schah, Kutschuk, Nias
und Aldat), 7 Kamelen, 11 Pferden, 1 Maulesel, 5 Schafen und 2 Hunden.
Am nächsten Morgen lag das Becken des Kum-köll in undurchdringlichen,
feuchten Nebel gehüllt, und die Kalta-alagan-Kette war spurlos
verschwunden. Die Luft war warm und still und mit Moskitos gepfeffert,
die uns den ganzen Tag treu begleiteten. Wir sehnten uns nach Gegenden,
in denen diese gemeinen Wesen nicht leben konnten, und gedachten, erst
dann in ihre Heimat zurückzukehren, wenn der Winter ihnen den Garaus
gemacht haben würde.
Der Kum-köll lag wie ein Spiegel da, verschwand aber hinter uns gleich
im Nebel. Wir dringen in den westlichen Randgürtel des Sandes ein,
wo die Dünen wie Landspitzen auslaufen; dazwischen finden wir festen
Boden und eine Reihe kleiner Becken mit je einem schwach salzhaltigen
Tümpel. Es ist eine schwere Arbeit für unsere Tiere, denn ihre Lasten
sind ansehnlich; auf so bedeutender Höhe ist das Gehen schon auf ebenem
Boden mühsam, und hier sinken sie dazu noch in den losen Sand ein.
Nachdem der Sandgürtel aufgehört hat, reiten wir über dünn
mit Gras bestandenen kupierten Boden und gelangen an den Fluß
+Pettelik-darja+. Er führte wohl 10 Kubikmeter Wasser in der
Sekunde und war höchstens 65 Zentimeter tief, aber sein Boden war
trügerisch und für die Kamele gefährlich. Turdu Bai und Mollah Schah
probierten es wiederholt, ihn zu überschreiten, und versanken dabei mit
ihren Pferden beinahe im Schlamm. Schließlich fanden sie eine Stelle,
welche die Kamele trug, die, wenn der Boden unter ihnen nachgibt,
unverbesserlich ungeschickt sind. Nach einem Marsche von noch einigen
Stunden gelangten wir wieder an das Ufer des Pettelik-darja, wo wir
Lager schlugen.
Der nächste Tagemarsch führte nach Südsüdost und war ebenso lang
wie der vorhergehende. Es war der vierte Tag, daß wir über ebenes,
offenes Terrain inmitten der höchsten Berge der Erde zogen. Der Fluß
wurde von neuem überschritten, und vor uns erhob sich eine kleinere
Bergkette, die uns den Weg versperrte und wahrscheinlich ein Ausläufer
des Arka-tag war. Die öde Steppe dient zahllosen Orongoantilopen als
Aufenthalt; doch wie sehr unsere Jäger sich auch bemühten, es gelang
ihnen nicht, eine zu erlegen. Die Tiere scheinen hier die Gefahr kennen
gelernt zu haben, denn das Land wird von Zeit zu Zeit von Goldgräbern
und Yakjägern durchstreift; daher sind sie auf ihrer Hut und kommen
nicht zu nahe an uns heran. Nun war Aldats Terrainkenntnis erschöpft;
so weit südlich war er noch nie gewesen und von den anderen natürlich
auch keiner, weshalb ich für die Zukunft selbst das verantwortliche Amt
des Führers übernehmen mußte.
Wir richteten den Kurs auf einen Einschnitt in der Kette, wo sich ein
vielversprechendes Tal öffnete. Doch als wir darin waren, stellte es
sich heraus, daß es trocken war. Zur Rechten, d. h. an der linken
Talseite, leuchtete jedoch in einer Schlucht frisches grünes Weideland,
und dort fanden wir eine kleine Quellader, die unseren Bedürfnissen
genügte.
Am 1. August legten wir 29 Kilometer nach Südsüdost zurück. Im großen
betrachtet, führte unsere Reise nach Süden, weil ich alle diese
Bergketten rechtwinkelig überschreiten und außer den geographischen
Entdeckungen auch Material zu einem geologischen Profile sammeln
wollte. Wir gedachten, soweit wie nur irgend möglich nach Süden
zu gehen und wieder umzukehren, sobald die Hälfte unserer Vorräte
verbraucht war. Bei dieser Berechnung vergaß ich jedoch einen wichtigen
Faktor zu berücksichtigen, den nämlich, daß auf dem Rückwege die
Kräfte der Tiere so gesunken sind, daß die Heimreise viel längere Zeit
erfordert. Ich dachte zwar daran, aber mir war die Hauptsache, auf
jeden Fall möglichst weit zu gelangen. Auf irgendeine Weise würden wir
wohl wieder nach Hause kommen, schlimmstenfalls zu Fuß. Der Wendepunkt,
hatte ich mir gedacht, sollte in eine weidereiche Gegend fallen, wo
die Tiere sich ausruhen könnten. Ich ahnte nicht, wie anstrengend
unser Rückzug sein und welche Mühe es kosten würde, mit den Resten der
Karawane zurückzukommen.
Es war nicht leicht, die Granitmauer, die sich uns jetzt in den
Weg stellte, zu forcieren. Es kostete den ganzen Tag, gelang aber
schließlich doch. Durch gewundene Furchen und Täler, über Ausläufer
und kleinere Pässe suchten wir uns einen Weg nach der Wasserscheide
auf diesem neuen Kamme hinauf und sahen im Süden in ihrer ganzen Länge
eine gewaltige, rabenschwarze, schneebedeckte Kette, die ich für den
+Arka-tag+ hielt (Abb. 124). Ich kannte diese mächtige Bergkette
von 1896 her und fürchtete, daß ihre Besteigung auch jetzt für uns
eine harte Nuß werden würde. In dem Längentale vor dieser neuen Mauer
lagerten wir an einem kleinen Bache. Die Weide war schlecht, aber
Yakdung, unsere einzige Feuerung, reichlich vorhanden. Die Höhe über
dem Meeresspiegel betrug hier 4638 Meter.
Der Tag war herrlich gewesen, ohne Bremsen und Moskitos. Um 7 Uhr
begann jedoch der Regen auf die Jurte zu prasseln, und als ich
ins Freie trat, sah ich nichts von den Bergen, denn alles war in
Regenwolken gehüllt. Die paarweise gekoppelten Pferde lassen die
Köpfe hängen. Sie blinzeln und sind halb im Schlafe, und das Wasser
tropft von ihren Packsätteln und Mähnen herab. Die Kamele liegen dicht
aneinander gedrängt, um sich warm zu halten; sie atmen schwer und
scheinen sich des Ausruhens zu freuen. Das Lagerfeuer glüht und raucht
vor dem Zelte der Leute, wo Tscherdon mein Mittagessen und Mollah
Schah das der Leute bereitet. Bald daraus lassen Kutschuk und Nias die
Pferde weiden; sie bleiben die ganze Nacht auf der Weide, doch ab und
zu muß sich ein Wächter nach ihnen umsehen, damit sie sich nicht gar
zu weit entfernen. Die Kamele können erst zur Weide gehen, wenn es Tag
wird, und bleiben daher die ganze Nacht liegen, erhalten aber einige
Scheffel Mais zum Abendessen. Jolldasch hütet sich, bei solchem Wetter
auszugehen, sondern liegt lieber zusammengerollt in meinem Zelte.
Maltschik hat die Entdeckung gemacht, daß es bei den Kamelen warm ist.
Er hat einen schlimmen Fuß und ist in den letzten Tagen auf ein Kamel
gepackt worden, dessen wiegende Bewegungen er mit der Geschicklichkeit
eines Akrobaten und mit einer gewissen Eleganz pariert hat. Man ist
froh, in die hell erleuchtete Jurte kriechen zu können, wenn draußen in
der Dunkelheit der Regen die Erde peitscht.
Wir blieben den nächsten Tag dort, weil ich eine astronomische
Beobachtung machen mußte, eine die Geduld auf die Probe stellende
Arbeit, wenn man unaufhörlich durch Hagelschauer und Wolken
unterbrochen wird. Der Morgen sah wenig versprechend aus. Seit
Mitternacht hatte es geschneit, und das Schneien hielt noch bis 9 Uhr
an. Das überhaupt spärlich vorhandene schlechte Gras lag unter einer
weißen Decke begraben, und die Tiere wurden nicht zur Hälfte satt,
obwohl sie den ganzen Tag nach Gras suchten. Die Berge zeichnen sich in
wechselnden Beleuchtungen ab; bald stehen die Schneefelder grellweiß
auf einem Hintergrunde von dunkeln Wolken, bald ist der Himmel im
Hintergrunde klar, während die Schneefelder, wenn Wölkchen die Sonne
verschleiern, einen kalten, stahlblauen Ton annehmen. Der ewige
Schnee mit seinen rudimentären Gletschern, der sich gestern so scharf
markierte, macht sich nicht länger geltend, denn alles ist gleich weiß.
Die Nacht auf den 3. August war eine der kältesten, das Thermometer
fiel auf -5,2 Grad. Die ersten Symptome der Müdigkeit zeigten sich
jetzt bei den Tieren; ein Pferd mußte ohne Last gehen, und ein Kamel
ließ nach, wenn es bergauf ging. Wir zogen gerade ins Gebirge hinein,
wo es uns am niedrigsten erschien, und gelangten in eine Talweitung,
wo es von Hunderten von Orongoantilopen wimmelte; es waren große,
prächtige Tiere mit Hörnern, die wie Bajonette in die Luft standen. Sie
flüchteten schnell und leicht die Abhänge hinauf, und es schien ihnen
nicht die geringste Anstrengung zu sein, in der verdünnten Luft über
die Hügel zu eilen.
Von dieser Talweitung führte ein Tal nach Süden und ein zweites nach
Südwesten; wir wählten das erstere (Abb. 125). Das Tal verschmälerte
sich und wurde steil. Da hier dem Anscheine nach kein Vordringen
möglich war, mußte Tscherdon weiterreiten und rekognoszieren, während
wir warteten und ich mich mit Photographieren beschäftigte. Er kam bald
mit dem Bescheid wieder, daß hier kein Weg für die Kamele sei, weshalb
wir es in dem anderen Tale versuchten.
Dieses Tal bog nach Südsüdwesten ab und schien nach einem schneefreien
Passe hinaufzuführen. Ich ritt voraus. Die Steigung war entsetzlich
steil. Auf dem mit Schutt bedeckten Passe (Abb. 126, 127), dem höchsten
Punkte, den wir bisher erreicht hatten (4962 Meter; der Montblanc hat
nur 4810 Meter!), mußte ich eine halbe Stunde auf die anderen warten,
die schwer und mühsam den steilen Schuttweg emporkeuchten. Die Aussicht
vom Kamme war nichts weniger als erfreulich. Ein Chaos von Felsen,
Bergästen und schneebedeckten Kämmen breitete sich im Süden vor uns
aus. Es war klar, daß wir noch nicht auf dem Kamme des Arka-tag waren.
Endlich war es den anderen möglich, die Höhe zu erklimmen. Die
Kamele hatten sich so angestrengt, daß ihnen die Knie zitterten.
Ihre Nasenlöcher waren aufgebläht; sie brauchten mehr Luft, und müde
und gleichgültig schweiften ihre Blicke nach Süden, als hätten sie
die Hoffnung ganz aufgegeben, sich in dieser Welt von unfruchtbaren,
kahlen Bergen je satt grasen zu können. Vom Passe ging es im Zickzack
zwischen Felsvorsprüngen hindurch in ein kleines Tal hinunter, das
nach Südsüdwesten führte. Auch dieses war in anstehendes Gestein von
schwarzem Schiefer, Porphyr und Diorit eingeschnitten. An dem Bache
wuchs nur Moos; doch da, wo er in ein mächtiges Längental mündete,
wuchs auch „Jappkak“, von den Leuten sogleich zur abendlichen Feuerung
gesammelt.
Dieses Längental durchfließt der größte Fluß, den wir gesehen, seit wir
den Tarim verlassen hatten; bei einer Breite von 65 Meter und einer
Maximaltiefe von 60 Zentimeter führte er 27 Kubikmeter Wasser in der
Sekunde; er strömte nach Westnordwesten.
Nach einem schwierigen steilen Übergang auf das linke Ufer steuerten
wir auf der Südseite hinauf, wo wir (4783 Meter hoch) auf offenem
Terrain an einem Nebenflusse lagerten (Abb. 128). Ein wenig höher
oben grasten 13 große, schwarze Yake. Sie beachteten uns nicht, doch
als das Lager aufgeschlagen wurde, witterte der Führer Unrat, und die
Herde setzte sich in geschlossener Reihe in Bewegung nach dem Arka-tag,
dessen Hauptkamm sich jetzt in seiner ganzen düsteren Größe vor uns
erhob. Kamen wir nur glücklich über ihn hinüber, so mußte nachher im
Süden ziemlich offenes Terrain vor uns liegen.
Damit Tscherdon und Aldat die nächsten nach dem Arka-tag
hinaufführenden Täler untersuchen konnten, blieben wir am nächsten
Tag liegen. Am 5. August kamen wir an ein großes Tal mit einem
wasserreichen Flusse, von dem wir hofften, daß es uns zu einem
geeigneten Passe im Arka-tag führen würde.
Ein in seiner gigantischen Größe überwältigendes Panorama entwickelte
sich vor uns. Die Ausläufer des Arka-tag glichen Sphinxen, die
nach Norden starren und ihre Tatzen vom Flusse benetzen lassen.
Bald verschleierte sich jedoch die starre Schönheit der Natur mit
tröpfelnden Wolken und Regennebel, der den Blick trübte, während wir
unseren mühsamen Marsch immer höher talaufwärts fortsetzten, wo die
Luft kalt und rauh war.
Während wir nach dem besten Wege Ausschau hielten, wurde Jolldasch
vermißt, der sich die Freiheit genommen hatte, mit Turdu Bai zu laufen.
Dieser hatte ihn einer Herde Orongoantilopen nachsetzen gesehen
und geglaubt, er würde sich, wie gewöhnlich, schon wieder bei uns
einstellen. Aber er ließ nichts von sich hören, und als wir dann bei
Platzregen bei der nächsten Talgabelung lagerten, kehrte Turdu Bai um,
um den Hund zu suchen.
Unterdessen wurden die Zelte so schnell wie möglich aufgeschlagen; der
Regen plätscherte, und es wehte ein heftiger Wind. Mollah Schah dagegen
ritt weiter, um zu sehen, wohin das Tal führte; gab es hier keinen Paß,
der sich überschreiten ließ, so würden wir durch das Weiterziehen mit
der ganzen Karawane die Tiere nur unnötig ermüden. Der Regen ging um 4
Uhr in Hagel über, was weit besser war. Wir waren jedoch mit unserem
ganzen Sack und Pack bereits so durchnäßt, daß wir von dem Wechsel
keinen Vorteil mehr hatten.
Nach dem Regen wurden alle Lasten bedeutend schwerer für die armen
Tiere. Diese fingen auch schon an nachzulassen. Tscherdons Reitpferd
hatte all seine Freßlust verloren und sah jämmerlich aus. Dies
schmerzte den Kosaken, der eine unendliche Liebe für seinen Rappen
hegte, tief. Er hatte ihn vorzüglich dressiert. Wenn er den Rappen
beim Namen rief, kam dieser gelaufen und legte seinen Kopf auf
Tscherdons Schulter. Der kleine burjatische Kosak war ein richtiger
Akrobat. Er stand auf den Händen im Sattel, wenn der Rappe im Schritt
ging, sprang Bock und machte einen Purzelbaum über ihn hinweg. Das Tier
stand bei solchen aufregenden Vorgängen ganz still. Tscherdon hegte und
pflegte es daher, so gut er konnte, und war sehr niedergeschlagen, es
krank zu sehen.
Die vier noch übrigen Schafe sind merkwürdig. Sie folgen der Karawane
wie Hunde, erklimmen mit Leichtigkeit jede noch so steile Höhe und
scheinen von der spärlichen, schlechten Weide ganz befriedigt zu sein.
Wir haben uns an die kolossale Höhe gewöhnt. Sitze ich still im Sattel
oder Zelte, so spüre ich nichts davon, aber die geringste Anstrengung,
wie einige Hammerschläge gegen eine Felswand, verursacht Atemnot und
Herzklopfen. Ein Vorteil ist, daß wir von Moskitos und Bremsen, die
spurlos verschwanden, befreit sind. Statt ihrer kommt hier eine Art
gewaltiger Hummeln vor, die im Sonnenschein umhersausen und deren
Summen wie Orgeltöne durch die Luft braust. Ihre Ausstattung paßt sich
diesen winterkalten Gegenden an, denn sie tragen richtige Pelze und
Überstiefel von dichten, gelben Haaren.
Bei diesem Lager fehlte jegliche Weide; es nützte also nichts, die
Tiere frei umherlaufen zu lassen, es wäre sogar grausam gewesen. Statt
Nahrung zu finden, erhalten sie nur Duschen von Wasser und Eis.
Nach einigen Stunden kam Turdu Bai mit Jolldasch zurück, den er
jenseits des von ihm rekognoszierten Passes gefunden hatte. Der Hund
war wie toll und verzweifelt hin und her gelaufen und hatte vergebens
nach der Spur der Karawane, von der ihn ein ganzer Bergrücken trennte,
gesucht. Ohne Hilfe würde er uns nie gefunden haben. Damit er es
künftig unterließ, hinter Antilopen her zu jagen, bekam er zur Strafe
nichts zu fressen und wurde außerhalb der Jurte angebunden.
Mollah Schah kehrte nach sechsstündiger Abwesenheit zurück und
versicherte, daß der mit unserem Tale verbundene Paß überschritten
werden könne. Doch was jenseits auf der Südseite lag, wußte er nicht,
denn er hatte sich dort mitten in einem Schneegestöber befunden, das
die Aussicht versperrte.
Als wir am Morgen diesen unwirtlichen Lagerplatz verließen, lag die
Landschaft wieder unter Schnee. Am Vormittag zeigte sich jedoch
die Sonne, die Schneefelder wurden kleiner, und man hörte überall
Schmelzwasser rieseln. Das Tal stieg langsam und gleichmäßig nach dem
Passe des Arka-tag an; sein Boden war mit schwarzem Schieferschutt
bedeckt, der unter den Pferdehufen knisterte.
Der Paß bildete einen kuppelförmig abgerundeten Kamm, den sogar die
Kamele ohne Schwierigkeit erstiegen. Mittelst des Photographiestativs
wurde ein kleines Zelt für das Thermohypsometer errichtet, das eine
Höhe von 5180 Meter anzeigte. +Wir befanden uns hier auf der+ --
der Kammhöhe nach -- +höchsten Bergkette der Erde+ (Abb. 129). Vor
uns breitete sich das Längental aus, das ich 1896 durchwandert hatte.
Gerade im Süden erhob sich ein kolossaler Gebirgsstock mit ewigen
Schnee- und Firnfeldern und kurzen, nach allen Seiten auslaufenden
Gletscherzungen -- aus der Vogelperspektive mußte er einem Seesterne
gleichen. Nach Norden erstreckten sich drei breite, stumpfe Gletscher
mit gewaltigen Stirnmoränen aus schwarzem Schutt. Von dem Felsstocke
selbst sieht man nur einzelne schwarze und braune Zacken, sonst ist
alles kreideweiß, und selbst das Eis ist überschneit.
Es ist sehr angenehm abwärts zu ziehen, wenn man mehrere Tage lang
immer höhere Regionen mühsam erklommen hat. Die Tiere gehen leicht, und
man hofft, eine Bodensenkung mit Weide zu finden. Wir zogen demnach in
gutem Marschtempo das Quertal hinab, welches von dem Passe nach Süden
in das Längental hinunterführt. In der Nähe seiner Mündung überraschte
Aldat eine junge Orongoantilope, die er mit seiner plumpen, primitiven
Vorderladeflinte erlegte. Es war ein schöner Zuschuß zu unserem
Fleischvorrat, und unsere drei noch übrigen Schafe durften sich ihres
Lebens noch ein paar Tage länger freuen.
Statt nach dem Flusse des Haupttales hinunterzugehen, bogen wir nach
Westen ab und lagerten auf einer Halde, wo dünnes Gras wuchs. Da es
Aldat auch hier gelang, eine prächtige Orongo zu erlegen, hatten wir
für mehrere Tage Proviant. Der Reis ist auf diesen Höhen ein wenig
appetitliches Gericht; der Pudding bäckt sich zu einem unschmackhaften
Teige zusammen, und wir hatten beschlossen, die letzten Schafe so lange
wie irgend möglich am Leben zu lassen. Leider hatte Tscherdon viel zu
wenig Patronen mitgenommen und war anfangs viel zu verschwenderisch
damit umgegangen. Für die Zukunft waren wir auf die Flinte Aldats
angewiesen, dessen Munitionsvorrat glücklicherweise mehr als
ausreichend war.
So war es uns denn endlich gelungen, den gewaltigen Wall zu bemeistern,
den die Natur wie ein Bollwerk gen Norden aufgerichtet hat, um Tibets
Geheimnisse zu schützen und zu umgürten. Schon lange hatten wir die
Pfade der halbwilden Yakjäger und der törichten Goldgräber hinter uns
zurückgelassen, und eine vollkommene ~Terra incognita~ breitete
sich vor uns im Süden aus, wo ich nur an ein paar Punkten meinen
früheren Weg sowie Wellbys, Rockhills und Bonvalots Routen schneiden
würde. Das Wissen des Führers war erschöpft; er betrachtete die
unendlichen Einöden, nach denen unser Weg führte, mit fragenden,
fremden Blicken. Er konnte mir keine Auskunft mehr geben, woher die
Wasserläufe, die wir überschritten, kamen, noch wohin sie gingen; ich
bin nun auf mich selbst angewiesen und kann nur das auf der Karte
angeben, was ich mit eigenen Augen sehe. Die Karte wird daher ein
schmaler Gürtel um die Route, die wir einschlagen, aber es ist mein
Plan, mir später durch neue Routen Gelegenheit zu verschaffen, den Bau
des Gebirges klarlegen zu können.
[Illustration: 141. Blick vom See aus nach Westen auf den abziehenden
Sturm. (S. 347.)]
[Illustration: 142. Blick vom See aus nach Osten. (S. 347.)]
[Illustration: 143. In Todesgefahr. (S. 349.)]
Arbeit habe ich von früh bis spät vollauf, freie Augenblicke sind
selten. Muß man in diesem Lande, das so öde ist, wie man es vom Monde
annimmt, auch viel Ungemach ertragen, so wird man dafür doch täglich
durch Entdeckungen und Erfahrungen überreich belohnt. Es ist ein
großer Reiz, zu wissen, daß man überall der erste ist, der über diese
Berge wandert, wo es weder Wege gibt noch je gegeben hat und wo man
vergeblich nach anderen Spuren als denen sucht, welche die gespaltenen
Hufe der Yake und Antilopen und die runden der Kulane in den Boden
eingedrückt haben. Das Gebiet ist herrenlos; Flüsse, Seen und Gebirge
haben keine Namen, ihre Ufer und Schneefelder sind nie von den Blicken
eines anderen Forschungsreisenden als den meinen betrachtet worden;
sie bilden mein ephemeres Eigentum. Es ist erhebend und wonnig, seinen
Weg über die gewaltigen Gebirge zu suchen, wie das Schiff seine
spurlose Bahn durch die Dünungen des Weltmeeres zurücklegt; hier
aber sind die Wellen, die über das tibetische Hochland hinrollen, in
Stein verwandelt, und alle Entfernungen, alle Dimensionen sind in so
gigantischem Maßstabe angelegt, daß ein Marsch von Wochen die Situation
nicht verändert; wir befinden uns stets im Mittelpunkte einer Welt
von Bergen. Ebenso wunderbar ist es, inmitten der Stürme, dieser
Revolutionen des Luftkreises, zu leben, welche über die kahlen Berge
jagen und das Gestein mit dem Feuer ihrer schnell einherrollenden
himmlischen Batterien, mit ganzen Schauern schmetternder Hagelkörner
beschießen.