und häufte sich zu einer dicken Schicht an, da er den ganzen Abend
außerordentlich dicht fiel. Eigentümlicherweise war es dabei von Zeit
zu Zeit im Zenit so klar, daß wir die Sterne funkeln sahen, während der
Schnee in gewaltigen Flocken durch die Luft wirbelte. Ein Vorteil war,
daß er nicht mehr schmolz, sondern sich wie eine wärmende Decke auf und
um die Jurte legte. Die Temperatur ging auf -4,8 Grad herab.
Als am nächsten Morgen der Tag graute, wurde ich von einem
entsetzlichen Lärm im Lager geweckt und eilte hinaus. Der Hirt Nias und
alle Schafe, bis auf vier, wurden vermißt, und an den Spuren im Schnee
konnte man leicht erkennen, daß uns während der Nacht Wölfe in dem
Schneesturm und der dabei herrschenden undurchdringlichen Finsternis
einen Besuch abgestattet hatten. Sofort wurden alle Mann auf die Fährte
losgelassen, und Tscherdon nahm seine Flinte und stieg zu Pferd. Erst
gegen 10 Uhr kamen sie mit Nias und einem Schafe wieder. Neun der
übrigen hatten sie hier und dort zwischen den Hügeln erfroren gefunden;
nur eines fehlte ganz.
Den Hergang beschrieb Nias folgendermaßen. Er hatte wie gewöhnlich
im Freien unter einem Filzteppich neben seinen Schafen geschlafen,
von denen nur vier angebunden gewesen waren; wenn nämlich nur einige
stillstehen, bleiben die übrigen auch an der Stelle. Mitten in der
Nacht hatten ihn Tritte im Schnee und das Blöken der Tiere, das jedoch
das Heulen des Sturmes nur schwach durchdrang, aus dem Schlafe geweckt.
Er fuhr in die Höhe und sah drei Wölfe, die gegen den Wind auf die
Schafe losfuhren, um sie aus dem Lager zu treiben. Nias verfiel gar
nicht darauf, erst die anderen Leute zu wecken, sondern stürmte, ohne
sich zu besinnen, zu Fuß den Schafen nach. Er war die ganze Nacht wie
ein Verrückter hinter ihnen hergelaufen, hatte aber nur das eine retten
können. Der schlaue Angriffsplan war so gut geglückt, daß die Hunde
nichts gemerkt hatten. Der „Mongole“ war schon wieder durchgebrannt,
Jolldasch schlief in meinem Zelte, und der unerfahrene Maltschik lag,
wie ein Igel zusammengerollt, hinter dem Zelte der Leute. Es nützte
wenig, daß die Leute über alles, was Wolf heißt, fluchten und die
Graubeine verwünschten; unser Proviant war und blieb schwer geschädigt.
Aber Schafe sind und bleiben Schafe; warum mußten sie den sicheren
Hafen des Lagers verlassen und ihren listigen Feinden gerade in den
Rachen laufen?
Als wir dieses traurige Lager verlassen hatten und unseren Weg nach dem
Passe hinauf fortsetzten, waren wir sehr erstaunt, das vermißte Schaf
über die Hügel galoppieren zu sehen, wobei es uns erschreckt, wild und
vorsichtig betrachtete und anscheinend nicht recht wußte, ob es uns für
Freunde oder Feinde halten sollte. Doch sobald das arme Tier seine fünf
Kameraden erblickte, gesellte es sich auf der Stelle zu ihnen. Es war
wohl die ganze Nacht umhergeirrt, hatte sich zu seinem Glücke von den
anderen getrennt und war so den Wölfen entwischt, die es übrigens, als
sie sich ertappt sahen, für gut befunden hatten, sich zurückzuziehen.
Der Tag war klar und herrlich, und der Schnee schmolz weg. Wir
schritten nach dem Hauptpasse des +Tschimen-tag+ (4269 Meter)
hinauf, von wo aus man nach Süden ein stattliches Panorama vor sich
hat. Eine neue Bergkette, der Ara-tag, zieht sich von Westen nach Osten
hin; er ist jetzt ganz mit Schnee bedeckt, obwohl nur einige Gipfel im
Südwesten wirkliche Firnfelder tragen. Das breite Längental zwischen
Tschimen-tag und Ara-tag heißt einfach +Kajir+ (Lehmschlammtal)
und wird von einem Flusse durchströmt, der nach Westen fließt. Wo er
blieb, machten wir später ausfindig.
Von dem orographischen Bau des Tschimen-tag will ich jetzt nur sagen,
daß er Mangel an Ebenmaß zeigt. Das Tschimental liegt 2961 Meter über
dem Meere, das Kajirtal 4185 Meter, weshalb wir hier eine Stufe höher
nach dem nordtibetischen Plateau hinauf gelangt sind. Wenn man den
Tschimen-tag von Norden betrachtet, hat man eine gigantische Bergkette
vor sich; von Süden gesehen, erscheint er unbedeutend, weil der
relative Höhenunterschied gering ist.
[Illustration: 136. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. Aug. 1900). Aussicht
nach Nordosten. (S. 341.)]
[Illustration: 137. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900).
Aussicht nach Südosten. (S. 341.)]
Auch in diesem Lager hatten wir ein kleines Abenteuer mit den Schafen.
Als ich wie gewöhnlich nach der meteorologischen Ablesung die
Abendrunde machte, stellte sich heraus, daß von den sechs Schafen nur
zwei angebunden waren. Da aller Wahrscheinlichkeit nach auch hier Wölfe
umherstreiften, befahl ich, daß alle Schafe angebunden werden sollten.
Doch als die vier losen Schafe gebunden werden sollten, jagte ihnen
dies einen solchen Schreck ein, daß sie in wilder Flucht ins Gebirge
hinaufrannten. Trotzdem es schon pechfinster war, eilten ihnen alle
Mann nach, und eine halbe Stunde lang hörte ich verhallende Rufe von
den Hügeln.
Schließlich kam Tscherdon mit zweien wieder, die er mit dem Lasso
glücklich eingefangen hatte. Erst nach zwei Stunden näherte sich die
Treibjagd auf die anderen wieder dem Lager; aber die armen Tiere waren
derartig verängstigt, daß es unmöglich schien, sie zu ergreifen.
Schließlich gelang es freilich, aber nur durch List. Erst wurden sie
talabwärts getrieben und dann in Schlingen gefangen. Sie wurden von nun
an immer angebunden, bis sie der Reihe nach geopfert wurden, um nicht
den Wölfen, sondern uns selbst zugute zu kommen.
Von herrlichem Wetter begünstigt, bereiteten wir uns am Tage
darauf unter tiefblauem Himmel, ohne ein Wölkchen, ja ohne einen
Luftzug, auf die Erstürmung der nächsten Verschanzung in Nordtibets
Randgebirgen, des +Ara-tag+ (Zwischenkette), vor. Auf dem Passe
+Ak-tschokka-aituse+ (der weiße Felsenpaß, 4373 Meter) wiederholte
sich das Panorama von gestern, nur sah man jetzt eine neue westöstliche
Kette, den +Kalta-alagan+ (Kaltas Jagdgebiet), von dem der Ara-tag
durch ein neues Längental geschieden wird, das sich weiter westwärts
mit dem vorhergehenden vereinigt. Der vereinigte Fluß durchbricht
darauf den Tschimen-tag und strömt in das Tschimental.
Zwei prächtige Kulane sprengten in unserer unmittelbaren Nähe heran und
guckten über die hohe Terrasse; man hätte sie für zahme Pferde halten
können. Als sie uns erblickten, stoben sie davon und setzten quer über
das Tal, wobei sie mit unglaublicher Gewandtheit an dem jähen Abhange
herab- und ebenso sicher an dem gegenüberliegenden hinaufkletterten, um
im Nu zwischen den Hügeln zu verschwinden.
Die Unseren waren weit voraus. Ich wurde beständig durch Beobachtungen
auf Pässen und in Tälern, Sammeln von Gesteinproben, Photographieren,
Skizzieren usw. aufgehalten. Tokta Ahun kannte freilich einen Weg nach
Südwesten über die nächste Kette, aber aus den Spuren ersahen wir, daß
Aldat den Weg nach Osten durch das Haupttal hinauf eingeschlagen hatte.
In einem Seitental mit magerer Weide manövrierte eine Herde von zehn
Kulanen und zwei kleinen Füllen, die erst ein paar Tage alt sein
konnten; sie waren nett und geschmeidig und folgten ohne Schwierigkeit
dem schnellen Laufe der älteren, als diese uns vorn und auf den Seiten
umkreisten und unser Tun und Lassen mit größtem Interesse beobachteten.
Noch immer ging es höher hinauf; über einen hügeligen Paß gelangten wir
in ein anderes, tief und energisch eingeschnittenes Tal. Es begann zu
dämmern und kalt zu werden, und wir sehnten uns nach dem Anblicke der
Rauchsäule, die wie gewöhnlich verkünden sollte, daß die Karawane einen
geeigneten Lagerplatz gefunden. Doch die Spur schlängelte sich immer
weiter aufwärts, und soweit der Blick reichte, sah man keine Zelte. Die
Vegetation nahm ab, und wir näherten uns immer kälteren Regionen.
Es war klar, daß die Karawane den Weg über den Paß hinüber fortgesetzt
hatte; doch nach dem mächtigen Flusse zu urteilen, dessen Tal wir
folgten, mußte der Paß über den Kalta-alagan noch weit entfernt sein,
und wir zerbrachen uns den Kopf darüber, weshalb die anderen einfach
drauflosgegangen waren und nicht da Halt gemacht hatten, wo es noch
Brennholz und Weide gab. Bei Sonnenuntergang ballten sich schwere,
drohende Wolken zusammen; als es aber dunkel geworden war, zerteilten
sie sich wieder, und eine sternklare Nacht brach herein. Die Berge
verschmolzen immer mehr zu schwarzen Silhouetten, und die Kartenarbeit
konnte nur mit Schwierigkeit fortgesetzt werden. Der Bach war noch
groß und das Tal mit Schutt angefüllt, trotzdem aber sahen wir noch
die Spur, die um einen Felsvorsprung bog und in ein kleines Nebental
hineinging, das anscheinend nach einem näheren Passe hinführte.
Jetzt war alle Arbeit unmöglich. Was tun? Einfach in der Nacht
weiterreiten, war keine Kunst, aber es durfte mir nicht passieren, daß
ich in meiner Karte eine Lücke entstehen ließ, noch dazu an einem so
wichtigen Punkte, wo es sich darum handelte, einen Paß erster Ordnung
zu überschreiten. Ich blieb daher einfach da, wo wir waren, und befahl
Tokta Ahun weiterzureiten, bis er die Karawane erreichte, und dann mit
meiner Jurte und meinen Kisten zurückzukehren.
Währenddessen hatten Tscherdon und ich es in der nächtlichen Kälte
und Dunkelheit in diesem Lager, das 4652 Meter über dem Meere lag,
nichts weniger als gemütlich. Um 9 Uhr beschäftigten wir uns mit
den meteorologischen Ablesungen. Dann waren wir der Untätigkeit und
Erwartung preisgegeben. Wir kauerten uns dicht nebeneinander nieder,
um uns warm zu halten, und unterhielten uns von ähnlichen Lagen, in
denen wir uns früher einmal befunden hatten. Tscherdon hatte in dieser
Hinsicht von den Manövern in Transbaikalien nicht viel zu berichten,
ich aber hatte in Persien inmitten der Schakale im Freien gelegen,
war am Ufer des Kara-kul im Pamir beinahe erfroren und hatte viele
unheimliche Nächte in der Takla-makan-Wüste durchwacht.
Zum Schlafen war es zu kalt; die Kälte wurde immer stärker, wir
hatten keine Pelze und mußten uns bewegen, um nicht zu erfrieren.
Aber schließlich macht sich nach elfstündigem Ritt und all der damit
verbundenen Arbeit Müdigkeit geltend, und der Kopf wird einem wüst und
schwer. So krochen wir denn wieder zwischen zwei Felsblöcken, die uns
Schutz gewährten, zusammen. Langgezogenes Wolfsgeheul in der Ferne
ermunterte uns wieder, die Flinte wurde in Bereitschaft gehalten und
die ungeduldig zwischen den Steinen scharrenden Pferde in unserer
unmittelbaren Nähe angebunden. Hätten wir nur Feuer anmachen können,
so wäre die Lage weniger ungemütlich gewesen, doch wie wir auch in der
Nachbarschaft umhersuchten, wir fanden weder Yakdung noch Teresken. Es
war zu dunkel; man konnte nur mit den Händen umhertasten, und es blieb
uns nichts weiter übrig, als durch Stampfen und Armbewegungen dafür zu
sorgen, daß der Blutumlauf nicht ins Stocken geriet.
Nach fünf unendlich langen Stunden hörten wir Hufe auf dem Schutte
klappern. Kutschuk und Tokta Ahun kamen mit zwei Pferden und der
Jurte. Eine halbe Stunde später erschien Turdu Bai mit den Kisten
und Küchengeschirr auf Kamelen. Sie schoben alle Schuld auf Mollah
Schah, der mit den Pferden weitergezogen sei, als Aldat ihm von einem
guten Weideplatze an einer kleinen Quelle jenseits des Passes erzählt
habe. Sie brachten einen Sack voll Feuerung mit, und das Mittagessen
schmeckte nach siebzehnstündigem Fasten gar zu schön. Es graute schon
über den kahlen Bergen, als wir uns schlafen legten.
Ermattet von den Anstrengungen des Tages und der Nacht kamen wir am
folgenden Morgen nicht vor 10 Uhr in Gang; nun wurde die noch fehlende
Strecke nach dem Lager Nr. 14, wo die übrigen warteten, zurückgelegt.
Der Anstieg nach dem +Awraspasse+ (4786 Meter), auf dem wir den
Kalta-alagan überschreiten, ist ganz unbedeutend. Hier entrollt sich
uns eine unendlich weitgestreckte, großartige Aussicht nach Süden; aber
jetzt handelt es sich nicht mehr um eine einzige, leicht orientierte
Bergkette, sondern um eine ganze Welt von Bergen, deren richtige
Einteilung Monate in Anspruch nehmen würde.
Von dem Passe führt ein trockenes Quertal auf offenes, flaches Terrain
hinab. Bei einigen Hügeln, wo eine Quelle entspringt, hatte die
Karawane am vorhergehenden Abend das Lager aufgeschlagen. Mollah Schah
und Musa erhielten für ihren unnötig langen Marsch gehörige Schelte.
26. Juli. Jetzt ging es nach Westen weiter, in rechtem Winkel gegen die
Route der letzten Tage und in der Richtung nach dem oberen Kum-köll,
der mit dem Fernglase in der Ferne zu sehen war, später aber wieder
durch kleine Hügel und Bodenanschwellungen verdeckt wurde. Auch jetzt
marschierten wir in einem großen, breiten Längentale, das den Südfuß
der mächtigen Kalta-alagan-Kette begleitet. Im Süden begrenzt unser
Tal ein kolossaler Sandgürtel, der mir anfangs eine kleinere, mit den
übrigen parallellaufende Kette von Hügeln zu sein schien, sich aber,
als wir näherkamen, als eine Reihe von Dünen entpuppte, die beinahe
ebenso gewaltig waren wie in der Takla-makan und die gleiche Farbe
hatten. Dieselben Vorbedingungen für die Entstehung eines Sandmeeres,
die in der Wüste vorhanden sind, finden sich also auch hier auf 4000
Meter Höhe vor. Die nördliche Grenze des Sandgürtels markiert sich
außerordentlich scharf gegen den weichen oder kiesigen Talboden, wo die
Tereske und andere Brennholz liefernde Büsche zerstreut wachsen. Die
Dünenkämme ziehen sich in nord-südlicher Richtung hin und scheinen von
vorwiegend westlichen Winden gebildet worden zu sein.
Mit dem Sande zur Linken und dem Kalta-alagan zur Rechten wurde der
Tagemarsch recht einförmig. Das einzige, was dem Auge ein wenig
Abwechslung gewährte, war das Tierleben. Kulane waren den ganzen Tag
außerordentlich zahlreich; wir sahen sie überall auf den gleichmäßig
und langsam nach dem See abfallenden Steppen grasen und auch
miteinander kämpfen.
Die Murmeltiere beobachteten uns von ihren Löchern aus. Sie sahen zu
drollig aus, wenn sie auf den Hinterbeinen standen und die Vorderpfoten
über der Brust kreuzten. Erst wenn die Hunde ganz nahe sind, stürzen
sie sich Hals über Kopf in ihre Höhlen. Auch Hasen waren häufig, und
Wildenten sah man nach dem See fliegen. Die Mücken machten einen
Angriff, der jedoch bald nach Sonnenuntergang endete. Den ganzen Tag
herrschte Sommer; die Mittagstemperatur stieg auf +20 Grad, und es kam
uns heiß vor, weil die Luft windstill war; man würde die bedeutende
Höhe vergessen haben, wenn nicht selbst geringfügige Bewegungen Atemnot
und Herzklopfen verursacht hätten.
Während des Rittes wurden zwei Kulanfüllen lebend gefangen. Aldat
und Tscherdon ritten auf eine Herde von 34 Tieren zu, die bei ihrem
Herannahen die Flucht ergriff. Eine Mutter aber blieb mit ihrem
viertägigen Füllen zurück. Als sie die Gefahr näherkommen sah, ließ sie
das Junge im Stich und vereinigte sich mit der Herde. Das Füllen blieb
ruhig stehen und ließ sich ergreifen, ohne auch nur einen Versuch zur
Flucht zu machen. Aldat nahm es vor sich auf den Sattel, dann wurde
es, in eine Filzdecke gewickelt, auf ein Kamel gelegt. Es schien diese
Beförderungsart ganz natürlich zu finden, aber es war auch noch nicht
lange her, seit es von der Mutter in wiegendem Gange über diese Berge,
die sein Aufenthaltsort werden sollten, getragen worden war. Das andere
Füllen wurde auf dieselbe Weise beim Lager Nr. 15 gefangen.
Als ich im Lager anlangte, liefen die Füllen ganz ungeniert umher
und zeigten keine Spur von Furchtsamkeit, wenn man sie streichelte
(Abb. 122, 123). Es war mein Wunsch und meine Absicht, den Versuch zu
machen, sie mit Mehlgrütze großzuziehen, bis sie sich selbst ernähren
konnten, was im Alter von 20 Tagen geschehen soll. Wir würden sie mit
der größten Liebe gepflegt haben und sie hätten uns über die Höhen
ihres Heimatlandes begleitet. Doch als wir über die Sache sprachen,
versicherte Tokta Ahun, daß sie binnen fünf Tagen sterben würden; er
habe achtmal versucht, Kulane aufzuziehen, aber es sei stets mißlungen.
Nun befahl ich, daß sie nach dem Platze, wo sie gefangen worden,
zurückgebracht werden sollten, damit ihre Mütter sie leicht
wiederfinden könnten. Tscherdon und Aldat stiegen sofort zu Pferde,
aber Tokta Ahun sagte, daß dies nichts nützen würde. Er habe die
Erfahrung gemacht, daß die Mutter, deren Junges man gefangen und
berührt habe, von ihrem Kinde nichts mehr wissen wolle, sondern das
Füllen wie einen Pestkranken fliehe. Sie scheine ihr verlorenes Kind
weder zu vermissen noch zu betrauern, sondern fliehe mit der übrigen
Herde und wolle nicht wieder nach dem Platze zurück.
Hätten wir dagegen eine Stute gehabt, so wäre das Aufziehen sicher
möglich gewesen. Im Tschimentale sollen jährlich Massen von Füllen
umkommen, weil sie in den ersten Tagen ihres Lebens den älteren
Kulanen nicht folgen können, wenn diese vor einer drohenden Gefahr die
Flucht ergreifen. Sie verhungern oder werden eine Beute der Wölfe.
Wahrscheinlich vermögen die älteren jedoch sich zu einer geordneten
Verteidigung gegen diese Raubtiere aufzuschwingen; sonst würde die neue
Generation gar zu arg mitgenommen werden.
Inzwischen wurden unsere kleinen Gäste im Lager gehegt und gepflegt
und lernten leicht die Mehlsuppe hinunterschlürfen. Doch sie waren dem
Untergange geweiht, und als sie schon am Abend anfingen hinzusiechen
und heftiges Verlangen nach der Muttermilch verrieten, ließ ich sie
schlachten; es war der einzige Dienst, den ich diesen Kindern der
Wildnis, die sonst in die Krallen der Wölfe gefallen wären, leisten
konnte. Die Muselmänner nahmen die Häute und das Fleisch, das sie für
besonders zart und wohlschmeckend hielten, mit.
Ehe die Füllen geschlachtet wurden, photographierte ich sie mehrere
Male. Das eine war 90, das andere 91 Zentimeter hoch. Der Kopf ist
unverhältnismäßig groß, und die Beine sind im Verhältnis zum Leib
geradezu lächerlich lang entwickelt, aber diese Glieder sind ja auch
dasjenige, dessen sie zuvörderst und am meisten bedürfen. Der Leib
ist sehr kurz und zusammengedrückt und gibt kaum eine Andeutung von
den edeln, harmonischen Formen, welche die ausgewachsenen Kulane
kennzeichnen. Die, welche wir fingen, waren noch zu unerfahren, um das
geringste Erstaunen über Menschen, Kamele und Zelte zu zeigen. Eine
Woche später hätten sie sich weder fangen lassen noch wären sie unter
uns umhergegangen, ohne einen Fluchtversuch zu machen. Man konnte sich
durch Hinhalten eines Fingers überzeugen, ob sie hungrig waren; sie
fingen dann an, eifrig zu saugen.
27. Juli. Nachdem die Minimaltemperatur in der Nacht knapp +1
Grad geblieben war, folgte wieder ein warmer, herrlicher Tag. Die
Längentäler haben im allgemeinen ein gemäßigteres Klima, sie bilden
aber auch die relativ niedrigen Gegenden des Hochlandes. Als wir uns
zum Aufbruche rüsten wollten, stellte sich heraus, daß die Pferde
fortgelaufen waren und sich talaufwärts nach den besseren Weideplätzen,
wo sich die Kulane aufhielten, begeben hatten. Mollah Schah mußte eine
halbe Tagereise zu Fuß machen, um sie zu suchen, und kam erst gegen 11
Uhr wieder.
Wir hatten bei +Bulak-baschi+ (erste Quellen) gelagert und
ritten von dort nach Westen. Rechts haben wir den ganzen Tag eine
ununterbrochene Reihe von Sümpfen, Mooren und Tümpeln. Das Gras ist
üppig, aber der Boden trägt nicht einmal einen Fußgänger, sondern
ist außerordentlich tückisch und gefährlich. Einige Becken sind ein
paar hundert Meter lang. Das Wasser, welches sie speist, sprudelt in
unzähligen Quelladern unter dem Sande hervor; diese vereinigen sich
weiter unten zu einem Flusse, der am Ostende des Kum-köll mündet.
Wir spähten nach dem See aus. Endlich trat im Westen sein heller
Streifen hervor. Der Tag war warm und ruhig, die Mücken lästig, und
eine Bremsenart, „Ila“ genannt, peinigte die Pferde und machte sie
durch Eindringen in ihre Nüstern unruhig und aufgeregt. Die Kulane
schützen sich gegen diese Insekten dadurch, daß sie die Nüstern
beim Grasen dicht am Boden halten, die Orongoantilopen, indem sie
an den heißen Tagen im Sandgürtel bleiben und erst abends nach den
Weideplätzen herunterkommen.
Die Yake schützen sich auf dieselbe Weise, gehen aber tiefer in den
Sand hinein, weshalb wir sie auf dem heutigen Ritte nicht sahen,
während wir überall Fußspuren und Dung von ihnen erblickten. Als aber
gegen 4 Uhr ein heftiges Unwetter mit Hagel und Regen losbrach, mochten
sich die Yake sagen, daß ihre Feinde sich zurückziehen würden, und nun
erschienen sie truppweise auf den Dünenkämmen. Erst sahen wir eine Kuh
mit ihrem Kalbe den steilen Abhang herunterrutschen; sie erblickte
uns rechtzeitig und kehrte sofort wieder um. Dann zeigte sich eine
große Herde von mehr als 30 Tieren, die sich in einer Reihe auf einem
mächtigen Dünenkamme aufstellten und sich durch die Karawane nicht
erschrecken ließ. Ich mußte eine Weile halten und diesen wirklich
stattlichen Anblick durch das Fernglas genießen. Die Tiere hoben sich
mit außerordentlicher Schärfe rabenschwarz vom gelben Hintergrund ab.
Sie waren auf dem Wege nach ihren Weideplätzen am See, als sie sich
davon abgeschnitten sahen. Man konnte beinahe beobachten, welchen Genuß
ihnen der noch immer auf die Erde klatschende Regen bereitete. Die in
dieser Gegend lebenden Yake sollen immer dieselbe Taktik befolgen, um
den Bremsen zu entgehen. Die ganze Nacht gehen sie auf die Weide, bei
Sonnenaufgang aber sieht man sie wieder den Rückzug nach den Dünen
antreten, wo sie ruhig bleiben, bis die Dunkelheit einbricht oder ein
Sturm sie wieder herunterlockt.
Die Reihe der Sanddünen nahm vom Regen einen dunkleren Farbenton an.
Man meint, solch ein heftiger, plätschernder Regen müsse alles in einen
Brei verwandeln, aber nicht einmal die scharfen Kanten der Dünen werden
dadurch verändert, und die Regentropfen vermögen nur kleine Gruben auf
der Oberfläche hervorzubringen. Der Sand nimmt nach und nach an Höhe ab
und tritt weiter zurück; rechts haben wir den See, dessen Südufer sich
nach Nordwesten hinzieht; hier grasten 14 große Yake.
Tscherdon, der mit mir ritt, konnte seine Augen nicht von ihnen
abwenden und bat schließlich, ob er nicht sein Glück versuchen dürfe.
Er schlich sich wie eine Katze nach einem gewaltigen Stiere hin; da
dieser aber ruhig stehenblieb und ihn nur wütend, ohne eine Spur von
Furcht betrachtete, wurde Tscherdon dabei unbehaglich zumute und er
trat ohne Blutvergießen den Rückzug an. Ich hatte ihm anempfohlen,
sich mit den Yaken vorzusehen und sich lieber nicht allein auf eine
solche Jagd einzulassen, weil der Yak, wenn er verwundet wird, oft den
Schützen angreift.
Ein wenig weiter vorn erblickte Tscherdon einen einsamen, vier Monate
alten Wolf, dem er im Galopp nachsetzte und den er auch glücklich
einfing. Der Gefangene blieb gefesselt im Lager. Die Hunde behandelten
ihn mit größter Gleichgültigkeit, aber die Leute gaben ihm alle
möglichen liebenswürdigen Ehrentitel, in Erinnerung an die neun Schafe,
die jetzt gerächt werden sollten. Tokta Ahun riet mir, gut auf die
Schafe aufpassen zu lassen, denn die Wölfin, die wahrscheinlich ihre
Höhle in der Nachbarschaft habe, werde ihr Junges schwerlich aus dem
Auge verlieren und, wenn ihm etwas Böses widerführe, an den Schafen
Rache nehmen. Zweimal hatte er junge Wölfe gefangen, und beide Male
hatten ihm die älteren Wölfe einen Esel zerrissen. Ausgewachsene Kulane
lassen sie in Frieden, weil sie sie im Laufe doch nicht einholen
können, jüngere aber pflegen sie in schlammige Moräste hineinzujagen
und ihnen dort die Kehle durchzubeißen.
Das jetzt gefangene Wölflein, das aufgezogen und mitgenommen werden
sollte, überlistete jedoch seine Wächter. Es biß nachts den Strick
durch und entfloh mit dem Ende desselben. Die Muselmänner hofften,
daß es, wenn es wüchse, von dem Stricke, den es um den Hals hatte,
erdrosselt würde; ich hielt es jedoch für wahrscheinlich, daß die
Mutter die Strickschlinge rechtzeitig durchbeißen würde.
Das Lager Nr. 16 am oberen Kum-köll war in jeder Hinsicht befriedigend.
Es gab dort gute Weide und Brennholz, und das Wasser des Sees war süß.
Die absolute Höhe betrug hier nur 3882 Meter. Im Norden erhob sich
stattlich und deutlich der Kalta-alagan und erstreckte sich, soweit das
Auge reichte, nach Westen. Im Süden war die Bergwelt in dicke Wolken
gehüllt.