Auf dem Passe sprühregnete es leicht; als wir aber hinuntergingen und

das breite, flache Längental, das den Astin-tag vom Akato-tag trennt,

überschritten, begann es tüchtig zu regnen, und der Donner rollte

über den Bergen. Das Land ist eine Wüstenei; man sieht keine Spur

von Leben. Wir waren über 13 Stunden geritten, als wir endlich die

namenlose Steppe erreichten, wo die Karawane Halt gemacht hatte und die

Tamariskenbüsche Feuerung gaben, wo aber weder Wasser noch Weide zu

finden war.

Am Morgen des 9. Juli war der Himmel völlig klar und die Temperatur auf

+0,7 Grad heruntergegangen. Die jetzt herrschende Marschordnung war

folgende: voran gingen die Esel und die noch übrigen Schlachtschafe.

Ihnen folgten Mollah Schah und Kutschuk mit den Pferden, und da sie

schneller ritten als alle anderen, waren sie stets die ersten an den

Lagerplätzen. Dann kamen Turdu Bai und Mollah mit den Kamelen und

zuletzt ich mit Schagdur und Tokta Ahun. Letzterer war mein Cicerone,

da er die Gegend sehr gut kannte. Schagdur hielt mein Pferd, wenn ich

Berggipfel anpeilte oder Gesteinproben abschlug, deren Einpacken in

Zeitungspapier seine Sache war. Infolge all des dadurch verursachten

Aufenthalts langten wir stets ein, zwei Stunden später im Lager an als

die anderen.

Im Südwesten leuchten die Firnfelder eines prachtvollen Bergmassivs,

+Illwe-tschimen+ genannt; an der uns zugekehrten Seite desselben liegen

zwei kleine Salzseen, der +Usun-schor+ und der +Kalla-köll+.

Während der kurzen Rast an einem Quellbecken am Fuße des Akato-tag

veränderte sich plötzlich das Wetter; der Himmel überzog sich, und es

gab einen Platzregen; wir waren augenscheinlich schon mitten im Klima

Tibets, wo Sonnenschein, Wind und Regen miteinander in wenigen Minuten

abwechseln.

Von der Quelle gehen wir durch eine trockene Rinne nach Südwesten.

Hier erhob sich ein heftiger Südweststurm, der keinen Regen brachte,

aber Staub und Sand aufwirbelte und uns so das Gesicht peitschte, daß

die Haut schmerzte. Er kam wie eine kompakte gelbgraue Wand von lauter

Wirbeln angezogen und hüllte uns in einen Nebel ein, der die Landschaft

auf allen Seiten verschwinden ließ. Nichts als der Weg ist sichtbar;

man schwankt im Sattel und kann nur mit Mühe seine Aufzeichnungen

machen, wobei die Marschroutenblätter beinahe zerrissen werden. Nach

zwei Stunden endete der Orkan ebenso plötzlich, wie er losgebrochen

war. Wir waren sozusagen durch einen Fluß von Wirbelwind gewatet. Im

Gegensatz zu den Stürmen des Tieflandes klärte sich die Luft sofort

auf und wurde wieder ebenso rein und durchsichtig wie vorher. Daß der

Flugsand von diesen heftigen Bergwinden wirklich weitergetragen wird,

sahen wir sofort; auf dem leichten Doppelpasse des Akato lagen kleine

Dünen angehäuft, die südwestliche Winde dorthin geführt hatten.

Auf dem Südabhange, den wir südostwärts kreuzten, wiederholte sich

dasselbe orographische Relief, das wir beim Astin-tag gesehen hatten.

Der Sai, der harte Schuttkegel, fällt langsam nach einem neuen

Riesentale ab, das sich von Westen nach Osten zieht und im Süden von

einer neuen Bergkette, dem Tschimen-tag, begrenzt wird. Der Sai geht

in Kakir, horizontalen, im Wasser nach Regen abgelagerten Tonschlamm,

über. Hier lagen die Gerippe der beiden Pferde, die von Tscherdons und

Faisullahs Karawane gestorben waren. Endlich hob sich vom Ufer eines

kleinen Sees, der nur den Namen „+Köll+“ führt, einen halben

Kilometer Durchmesser hat und von Rasen umgeben ist, die Jurte ab.

Seltsamerweise traten jetzt wieder Mücken und Bremsen auf, und

namentlich die ersteren plagten uns sehr, bis wir das Hauptquartier

in Tschimen-tag verlassen hatten. Sobald man einen Augenblick

stillsteht, wird man von ihnen umschwärmt; Pferde und Hunde werden

ebenso heftig angegriffen, aber die Haut der Kamele ist für ihre feinen

Folterwerkzeuge zu dick. Hier in den Bergen leben und regieren die

Mücken jeden Sommer 2½ Monate. Man wundert sich, daß ihre Larven die

hier im Winter herrschende strenge Kälte überdauern können.

Am 10. Juli zogen wir schräg über das Tal nach Südosten und kreuzten

dabei verschiedene Rinnen, bis wir an die Schlucht Temirlik kamen, wo

wir an einigen von frischer Weide umgebenen Quellen rasteten.

Es war eine wahre Feuerprobe, am folgenden Morgen mitten im ärgsten

Mückentanze die astronomischen Beobachtungsreihen auszuführen; die

Mücken nahmen immer die Gelegenheit wahr, wenn ich an den Schrauben

drehte und mich nicht verteidigen konnte.

+Temirlik+ (2961 Meter über dem Meere) sollte später während

der Reise ein wichtiger Punkt werden. Auch jetzt stellten sich

mehrere Gäste in unserem Lager ein. Gleichzeitig mit uns kamen vier

Goldgräber aus den Gruben von Bokalik an; sie hatten sich ein paar

Monate im Gebirge aufgehalten, aber nicht so viel Gold gefunden, daß

es der Rede wert war, und kehrten daher mißmutig nach Chotan zurück.

Während des Ruhetages stieß die in Tscharchlik bestellte Maiskarawane

mit ihren fünf Führern und einem artigen Briefe des Ambans, den ich

S. 284 mitgeteilt habe, zu uns. Schließlich kamen auch Boten aus

dem Hauptquartier, wohin wir noch zwei Tagereisen hatten, mit der

Nachricht, daß dort alles gut stehe.

Der eine war Chodai Värdi, „der von Gott Gegebene“, wie der Name

besagt, tatsächlich aber ein unangenehmer Kerl aus Jangi-köll, der

mir später einmal beinahe einen verhängnisvollen Streich gespielt

hätte. Der andere hieß Aldat und war afghanischen Stammes, wohnte

aber in Tschertschen. Er hatte in den Bergen überwintert, um Yake zu

schießen, deren Haut er an Kaufleute aus Kerija verhandelte. Er war ein

prächtiger, hübscher junger Mann, der jährlich als Nimrod in diesem

wilden Gebirge umherstreifte. Er wandert im Herbste hierher und nimmt

großen Munitionsvorrat mit. Die Flinte und der Pelz sind das einzige,

was er sonst noch zu tragen hat, und dann streift er den ganzen

Winter wie ein halbwilder Bergbewohner ohne Zelt und Proviant umher

und lebt von dem Fleisch der Yake, die er schießt, und stillt seinen

Durst aus den Quellen, die der ewige Schnee speist. Im Sommer kommen

dann seine Brüder mit Eseln, um die Yakfelle von seinen verschiedenen

Stapelplätzen abzuholen; sie schneiden die brauchbaren Stücke aus und

bringen sie nach Tschertschen. Islam hatte ihn engagiert, weil er

alle Gebirgsgegenden bis an den Fuß des Arka-tag genau kannte; weiter

südlich war Aldat aber nie gewesen.

Aldat war ein seltsamer, aber sympathischer Mensch, hatte eine

Adlernase und einen Vollbart, sowie den harmonisch geformten Schädel

der arischen Rasse, ein Typus, dessen edle Züge durch keinen Tropfen

mongolischen Blutes verdorben waren. Das einsame, düstere, an

Entbehrungen reiche, aber dennoch fesselnde Leben, das er auf den

Bergketten und in den engen Tälern des Kwen-lun zu führen gewohnt war,

spiegelte sich wider in seinem wehmütigen Blicke, der zu grübeln und zu

fragen schien. Er war noch nicht lange bei uns, als er sich auch schon

gut zurechtfand. Er redete nie unnötigerweise, antwortete kurz und

klar auf Fragen und ging, die Flinte auf der Schulter, beinahe stets

für sich allein. Sein Gang war königlich; er schien über den Boden

hinzuschweben, wurde nie müde und verspürte nichts von dem ermattenden

Einflusse der Luftverdünnung.

Ich fand großen Gefallen an Aldat und schlug ihm vor, sich an unserer

ersten Tibetexpedition zu beteiligen, was er ohne Zögern annahm. Das

Leben, das er führte, erschien mir ebenso unerklärlich wie verlockend.

Ich fragte ihn, was er anfange, wenn die Jagd fehlschlage und er nichts

zu essen habe. „Dann hungere ich,“ antwortete er, „bis ich wieder einen

Yak finde.“ Wo er schlafe? In Klüften und Schluchten, manchmal auch

in Höhlen. Ob er sich vor Wölfen fürchte? Nein, er habe Zunder, Stahl

und Stein und zünde allabendlich ein kleines Feuer an, an dem er sein

Yakfleisch brate; überdies vertraue er auf seine Flinte. Sich verirren?

Nein, das könne er nicht; er kenne alle Pässe und habe die Täler

unzählige Male durchstreift. Und das beständige Alleinsein falle ihm

durchaus nicht schwer; er habe keine anderen Freunde, die ihm fehlen

könnten, als seinen alten Vater und seine Brüder.

[Illustration: 132. Aussicht nach Süden vom Lager Nr. 28 aus. (S. 330.)]

[Illustration: 133. Bugsierung eines Kamels über den Fluß. (S. 339.)]

[Illustration: 134. Fester Boden unter den Füßen. (S. 339.)]

[Illustration: 135. Ein glücklich über den Fluß gebrachtes Kamel. (S.

339.)]

Ein unruhig umherirrender Geist in Menschengestalt! Ich kann mir kaum

ein Land denken, in dem das Alleinsein unheimlicher ist als Tibet; die

Wüste wäre nicht schlimmer. Bei Tag geht es noch an, aber nachts, wenn

die Kälte die Haut schmerzen macht und die dunkeln Bergketten sich

unheimlich drohend im Mondschein erheben! Armer Aldat, wie manches Mal

war er müde und matt nach fehlgeschlagenen Hoffnungen an die einsame

Quelle gekommen, wo nur die Antilopen zu trinken pflegten, und hatte

sich, in seinen Pelz gehüllt, am Rande ihres Bettes hingelegt und

dort den langsamen Gang der Stunden der Nacht abgewartet. Und wenn

die Sonne, seine einzige Freundin in der Wildnis, endlich aufging,

geschah es nur, um ihn zu ermahnen, die Jagd nach wilden Yaken ohne

Rast und Ruh wie ein Spürhund fortzusetzen. Sein Leben war in Wahrheit

gefährlich, arm und groß, und, als er schon lange tot war, konnte

ich nicht verstehen, wie er es ausgehalten hatte; noch heute ist er

mir ein Rätsel. Ich hatte alles, dessen ich bedurfte, Diener, eine

Leibwache von Kosaken, Wächter und Hunde, aber dennoch war mir, wenn

der Schneesturm klagend um die Jurte sauste und die Wölfe in den Bergen

heulten, oft ganz wunderlich zumute.

Die Leute, die mich auf dieser Reise nach dem Hauptquartier im

nördlichen Tibet begleiteten, sollten sich alle auf die eine oder

andere Weise auszeichnen. Turdu Bai war, wie schon erwähnt, der beste

Muselmann, den ich in meinem Dienste gehabt habe, und wenn er zugegen

war, war ich stets der Kamele wegen beruhigt. Schagdur war über jedes

Lob erhaben, und ich kann nicht Worte genug finden, um die Dienste,

die er mir leistete, zu würdigen. Er lernte alles, vergaß nichts und

brauchte nie erinnert zu werden, und ich hatte ihn stets gern in meiner

Gesellschaft. Es war ein gewisses Etwas an ihm, das ihn so sympathisch

machte. Ich bewunderte hauptsächlich seinen wilden, verwegenen Mut in

Gefahren und die Ruhe, mit der er schwere Aufgaben übernahm. Zweimal

hatte er später Gelegenheit zu zeigen, wie gern er sein Leben für mich

hingegeben hätte. Es war ein ebenso erhebendes wie wohltuendes Gefühl,

sich von solcher Treue in der blindesten, uneigennützigsten Gestalt,

die ich je kennen gelernt, umgeben zu wissen; daher hielt ich sehr viel

von diesem jungen burjatischen Kosaken, der in seiner Heimat vor den

Götzen des Lamaismus gekniet hatte, ihnen jetzt aber verächtlich den

Rücken kehrte. Es war nicht mein Verdienst, daß dies geschah, denn ich

fühlte mich nicht berufen, den Glauben der Asiaten zu erschüttern, wohl

aber gab das Leben in meiner Karawane sowohl Schagdur wie den anderen

mancherlei zu denken, wovon sie früher nie geträumt hatten.

Tokta Ahun aus Abdall war ein durchaus ehrlicher Naturmensch, ein

verständiger Kerl, der mir von großem Nutzen war. Ich habe vorher

erwähnt, daß er sowohl die Pferde wie die Kamele nach Temirlik

begleitete und jetzt mit uns zum dritten Male in zwei Monaten die Reise

nach dem Hauptquartier hinauf machte, das kürzlich der Mücken halber

von dieser Quelle nach +Mandarlik+ (3437 Meter) verlegt worden

war. Da er bei einer späteren Expedition eine hervorragende Rolle

spielen wird, sage ich jetzt nichts weiter über ihn.

Auch mit Kutschuk wird der Leser bald genauere Bekanntschaft machen; er

war ein prächtiger, außergewöhnlich tüchtiger Mensch. Auch Mollah Schah

war mit in Nordtibet.

Bleibt also nur noch Mollah, der „Herr Doktor“, eine klassische

Erscheinung von fünfzig Lenzen, ein kleines, dürres, verhutzeltes

Männchen, ohne ein Härchen auf Kinn und Lippen, weshalb wir ihn

manchmal scherzend fragten, ob er nicht eigentlich ein verkleidetes

Weib oder im besten Falle ein Mongole sei, welche Reden für die

Gläubigen des Propheten gerade nicht schmeichelhaft sind. Er redete mit

einer Stimme, die scharf wie ein Pfriemen war, und schwatzte immer,

sogar abends, wenn keiner zuhörte. Doch er war sehr lustig, wußte gut

Bescheid und war bei allen beliebt. Auch Mollah Schah werde ich noch

genauer vorstellen, denn er begleitete mich auf der zweiten Expedition

nach dem Lop-nor.

Der Abend wurde durch ein rasendes Gewitter aus Westen verherrlicht,

und die Windstöße drückten beinahe die Jurte nieder, die auf allen

Seiten verankert werden mußte. Ein strömender Regen durchweichte

unsere Wohnungen und machte den Boden schlüpfrig, und die Leute,

die den Mais gebracht hatten, kauerten sich unter den Filzstücken

und Sackleinwandstreifen, die sie zur Hand hatten, wie Murmeltiere

zusammen. Die jungen Hunde bellten wütend bei den Donnerschlägen, die

sie jetzt zum ersten Male hörten und wohl für irgendeinen unerlaubten

Spektakel in den Bergen hielten. Doch da es fortfuhr zu donnern,

beruhigten sie sich allmählich und knurrten nur noch leise. Schließlich

schienen sie dahinterzukommen, daß der Donner zum Stück gehöre und sich

durch Hundegebell nicht erschrecken lasse.

Am 12. Juli gingen wir nach Osten über das Tal +Usun-jar+.

Hinter der trockenen Schlucht +Basch-balgun+ verlassen wir den

Vegetationsgürtel und reiten auf hartem, unfruchtbarem Kiesboden

weiter; links aber sehen wir noch immer den hellen Grasgürtel, der sich

bis an den Geröllfuß des Akato erstreckt, von wo aus die Karawane von

ein paar Kulan- oder wilden Eselherden neugierig betrachtet wird.

Östlich von der Quelle +Kumutluk+ sieht man im Nordosten die

bedeutende Wasserfläche des +Gas-nor+ einen großen Teil des

Talgrundes einnehmen. Die Ufer sind von so heimtückischen Sümpfen

umgeben, daß man nur an einem einzigen Punkte an den See gelangen kann.

Sie glänzen hier und dort kreideweiß wie von Schnee, und das Wasser ist

scharf salzig. Im Westen des Gas-nor liegt eine kleine Süßwasserlagune,

Ajik-köll genannt, weil sich dort Bären von den Früchten der Sträucher

ernähren sollen.

Bei +Tschiggelik+ (Binsenstelle, 2977 Meter) oder Dundu-namuk

(mittelste Quelle), wie die Mongolen den Platz nennen, wachsen

„Boghana“-Sträucher, Kamisch und Binsen; hier war die Luft buchstäblich

voll von Mücken und Moskitos, die uns ärger peinigten als je am Tarim

und ein Jucken wie von einem Ekzem hervorriefen.

Jetzt hatten wir nur noch eine Tagereise vor uns. Wir ritten gegen

Süden das Tal von Mandarlik hinauf, das sich zwischen 8 Meter hohen

Geröllterrassen scharf markiert und höher oben von einem kristallhellen

Bach durchrauscht wird. Wir treten in dieses Quertal auf dem

Nordabhange des Tschimen-tag ein; die äußersten Felsausläufer lassen

wir hinter uns zurück, die Granitmassen mit ihren wilden, bizarren

Vorsprüngen rücken einander immer näher. Wendet man sich im Sattel um,

so sieht man wie durch ein breites Tor den Gas-nor und dahinter in der

Ferne den Kamm des Akato-tag. Das breite Tschimental läuft im Osten in

das Zaidambecken aus.

In einer Erweiterung des Mandarliktales weiden unsere Pferde, Maulesel

und Kamele. Tscherdon, Islam, Faisullah und die anderen kommen uns zu

Fuß entgegen, und bald darauf sind wir wieder daheim in einem großen,

gut ausgestatteten Hauptquartier (Abb. 117, 118, 119).

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Über den Tschimen-tag, Ara-tag und Kalta-alagan nach dem oberen

Kum-köll.

Vor dem Aufbruch zur ersten tibetischen Expedition gönnten wir uns

im Hauptquartier im Tale von Mandarlik eine Woche Ruhe. Es war

eine weidereiche, schöne, herrliche Gegend, die zwischen mächtigen

Granitfelsen eingeschlossen war. Auf einer Terrasse am linken Ufer des

munter rauschenden Flusses dieses Tales erhob sich unser wanderndes

Dorf. Die Kosaken und der Schneider Ali Ahun, der beständig vollauf zu

tun hatte, residierten in der großen mongolischen Jurte, hinter welcher

Schagdur aus mitgebrachten Brettern eine Einfriedigung zimmerte, um das

meteorologische Häuschen vor etwaigen Besuchen der Kamele zu schützen.

Die Muselmänner wohnten teils in zwei geräumigen Zelten, teils in den

schützenden Verschanzungen, die dadurch entstanden, daß die Kamellasten

und die Maissäcke in Kreisen und Reihen aufgestapelt wurden. Ich

selbst hauste in der kleinen Jurte, vor welcher alle meine Kisten

standen, die zum Schutze gegen die oft genug fallenden Regenschauer

mit einer weißen Decke zugedeckt waren. Die Aussicht talaufwärts war

großartig; im Hintergrund erhob sich der Hauptkamm des Tschimen-tag

mit seinen bei klarem Wetter blendenden Schneefeldern (Abb. 120). Die

Kamele, die jetzt fast zwei Monate im Gebirge geweidet hatten und bald

ins Feuer sollten, waren rund wie Tonnen und glänzten vor Fett. Auch

die anderen Karawanentiere hatten es in jeder Beziehung gut. Von der

Schafherde waren noch 42 Stück da; die verlorenen Hunde wurden durch

drei zugelaufene ersetzt, welche halbwilde Deserteure von den nächsten

mongolischen Lagerplätzen in Tschurchak waren.

Nach diesem Orte machte Schagdur einen Ausflug und wurde dort sehr

freundlich aufgenommen. Die Mongolen versprachen uns alles, was wir

an Tieren brauchen würden, zu verkaufen, und hofften, daß ich ihnen

gelegentlich einen Besuch abstatten würde. Tscherdon ritt eines Tages

talaufwärts, stieß dort auf eine Herde von 50 Yaken und erlegte eine

prächtige fette Kuh. Ich beschäftigte mich mit Beobachtungen und

Exkursionen und bereitete die nächste Reise vor. Proviant für sieben

Mann auf 2½ Monate wurde beiseite gestellt. Alle überflüssigen

Gäste, die unser Lager bevölkerten, wurden fortgeschickt.

Im Hauptquartier blieben Islam als Karawan-baschi, Faisullah als Hüter

der vier Kamele von Abdall, Chodai Kullu, Kader und Chodai Värdi zur

Besorgung der Pferde, Ali Ahun als Schneider und Schagdur als Bedeckung

und Meteorolog. Er sollte die ganze Zeit über täglich dreimal ablesen

und die selbstregistrierenden Instrumente in Gang halten. Musa aus Osch

sollte uns bis an den Kum-köll mit sechs Pferden begleiten, die dazu

bestimmt waren, anfangs den anderen Tieren die Lasten zu erleichtern,

und Tokta Ahun sollte von dort mit ihm umkehren. Letzterer hatte

gebeten, den Sommer in Mian, wo er Weizen baute, zubringen zu dürfen,

erhielt aber Befehl, sich in 2½ Monaten wieder bei uns einzufinden

und dann ein halbes Dutzend Kamele mitzubringen.

Die Karawane war mit besonderer Sorgfalt ausgewählt und folgendermaßen

zusammengesetzt: Tscherdon als meine rechte Hand, Zelterrichter,

Kammerdiener und Koch, Turdu Bai als Karawan-baschi für die sieben

Kamele, Mollah Schah als solcher für die elf Pferde und einen Maulesel,

Kutschuk als Ruderer für die geplanten Seefahrten. Nias aus Kerija,

ein Goldgräber, den wir im Gebirge getroffen hatten, sollte als

Handlanger der höhergestellten Muselmänner fungieren, und Aldat war

so weit Wegweiser, als seine Kenntnis der Gegend reichte. Jolldasch

kam natürlich mit und wohnte, wie gewöhnlich, in meiner Jurte. Von den

übrigen Hunden nahmen wir nur Maltschik mit, sowie einen großen, gelben

Mongolenhund, der einem Wolfe glich. Die zurückbleibenden Hunde zausten

die abreisenden, mit denen sie nicht in Eintracht gelebt hatten, zum

Abschiede noch tüchtig im Nacken. Von den Schafen wurden sechzehn

mitgenommen, die der Goldgräber Nias hinter der Karawane hertrieb.

So zogen wir denn fort aus den Wohnungen des Friedens, unbekannten

Schicksalen in unbekannten Teilen der Erde entgegen, und der Klang der

Glocken und Schellen hallte von Mandarliks Granitfelsen wider (Abb.

121). Bald ließen wir das Haupttal, das sich bis an die Schneefelder

hinauf zu erstrecken schien, rechts liegen und folgten einem kleinen,

wasserlosen Tale. Von einem kleinen Passe zweiter Ordnung läuft nach

Südosten ein von Jägern und Goldgräbern ausgetretener Pfad, der uns

über ausgedehntes, kupiertes Weideland führt.

Obgleich wir im Zickzack über Hügel und Pässe auf und nieder wandern,

gelangen wir doch allmählich in immer höhere Regionen.

Im Tale +Kar-jakkak+ (der fallende Schnee) fing die Natur schon

an, einen mehr alpinen Charakter anzunehmen. Die absolute Höhe betrug

3984 Meter. Ein klarer Bach rieselte zwischen rundgeschliffenen

Granitstücken, und auf seinen Uferwällen waren niedliche Blumen in

üppiges Moos und Gras eingebettet. Überall war Überfluß an Kulan-

und Yakdung, der uns gute Feuerung lieferte. Ein paar Yakschädel

verkündeten, daß Jäger die Gegend besuchen, wo ihnen eine Höhle mit

Feuerherd als Nachtlager dient. Das Murmeltier (Dawagan) hatte an

mehreren Stellen seine Löcher in den Boden gegraben; die lebhaften,

achtsamen Nagetiere saßen an den Eingängen ihrer Wohnungen und pfiffen,

wenn wir herannahten. Rebhühner gackerten geschäftig auf den Berghalden.

Im oberen Teile dieses einladenden Tales schlugen wir Lager. Allerdings

waren wir nicht sehr weit gekommen, aber ausgeruhte Tiere unter

schweren Lasten dürfen zu Anfang nicht angestrengt werden. Das Gepäck

wird mit der Zeit leichter, ja der Proviant vermindert sich leider

viel zu schnell, und gegen ihn spielt das Gewicht der gesammelten

Gesteinproben keine Rolle, obwohl auch diese schließlich zu einer nicht

unbedeutenden Last anwachsen.

Wir hatten Mandarlik bei stechendem Sonnenbrand und Mückenspiel

verlassen, aber schon jetzt sahen wir uns vom kalten Herbst umgeben.

Als ich am anderen Morgen aus der Jurte trat, herrschte vollständiger

Winter; der Schnee fiel in dichten Flocken, und der Boden verschwand

unter einer kompakten Schneedecke. Mitten in Asien Mitte Juli

vollständiger Winter! Wenn der Sommer schon so ist, bekommt man Respekt

vor dem Winter in diesen Bergen.

Wir warteten besseres Wetter ab, aber das Schneien dauerte fort, und

der Tag war verloren. Bisweilen fiel der Schnee nicht in Flocken,

sondern in runden Hagelkörnern, die kräftig auf das Dach der Jurte

schmetterten. Die Temperatur hielt sich etwas über Null, und gegen

Mittag taute der Schnee auf der Jurte auf und tropfte durch alle Säume

hinein.

Diese vierte Parallelkette des Kwen-lun-Systems zeigte sich schon bei

der ersten Bekanntschaft den vorhergehenden sehr unähnlich. Letztere

waren trocken, hatten keinen ewigen Schnee und besaßen abgerundetere

Formen; hier waren wir in wirklichen Alpen mit Niederschlägen und

reicher Vegetation. Bisher hatten wir 13-14 Stunden von einer der

spärlich vorkommenden Quellen zur anderen wandern müssen; hier fanden

wir auf Schritt und Tritt Wasser.

Obgleich das Schneien auch am 22. Juli fortfuhr, beschlossen wir

trotzdem aufzubrechen. Der weiche Boden war glatt und tückisch, aber

die Kamele kamen doch gut vorwärts. In den Tälern fiel der Schnee in

großen, federleichten, feuchten Flocken, die verschwinden, sobald sie

den Boden berühren, der nach und nach durchtränkt und naß wird. Auf

den Höhen fiel er in Gestalt runder, leichter Graupeln. Diese sind

für den Reitenden angenehmer, weil sie leicht herunterrollen, während

man von den Flocken naß wird. Es tropft von der Mütze; die Hände sind

naß und steif, das Kartenblatt wird knitterig und ruiniert. Der Blick

dringt nicht weit, man erhält keinen Überblick über die Anordnung und

Gestalt der Bergkämme. Nur im Norden wurde es ein paarmal hell, und man

erblickte wie durch einen Tunnel den kuppelförmigen, flach gewölbten

Rücken des Akato.

Der Tagemarsch führte in einem Bogen um einen mächtigen Teil des

Tschimen-tag, immer bergauf und bergab. Nach all diesem durchkältenden

Schnee war es schön, in +Jappkaklik-sai+ (3998 Meter), wo Teresken

wachsen, die Weide aber kümmerlich ist, rasten zu können.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 32 / 42 段