Eure niedrigen Sklaven und Diener, Mirab Bek von Ullug-köll und sein

Sohn Baker Schang-ja, Seidulla Imam, Mahmet Baki Masin, Sati Ahun,

Allah Kullu, alle großen und kleinen Bewohner Ullug-kölls, fragen durch

diesen Brief nach der Gesundheit des Tura (des Herrn). Wir hätten Euch

begleiten und Euch dienen müssen, konnten es aber nicht, weil wir den

Amban fürchteten. Gott allein weiß, ob wir Euch noch einmal wiedersehen

werden; doch hoffen wir es. Wenn wir erfahren, daß Ihr glücklich im

Gebirge angelangt seid, werden wir in Wahrheit Gott danken, und wir

werden beten, daß Ihr wieder hierherkommt, damit wir uns wieder treffen.

Mehr kollegialisch schreibt der Amban von Tscharchlik:

An den sehr lieben und gnädigen Herrn He-dani (Hedin) von Dschan Daloi

aus Tscharchlik. Ich bitte, schriftlich mein Bedauern aussprechen zu

dürfen, daß wir, als wir uns zum erstenmal in Tikkenlik trafen, keine

Gelegenheit hatten, einander zum Gastmahl einzuladen. Wir trafen uns

spät, Ihr fuhrt nach Eurem, ich nach meinem Bestimmungsorte, aber wir

werden einander nie vergessen. Gebe Gott, daß wir uns einmal unter

günstigen Verhältnissen treffen! Wir müssen uns nahetreten, einander

kennen lernen und die besten Freunde werden. Möchten wir nicht anders

als gut voneinander denken. Von woher und wann es auch sein möge,

schreibt mir einen Brief und fordert mich zu einer Begegnung auf.

Wir bitten, Euch mitteilen zu dürfen, daß wir den Brief von Chalmet

Aksakal gelesen haben und sehr dankbar sind, daß Ihr uns gebeten habt,

die Diebe ausfindig und dingfest zu machen. Wir haben die abhanden

gekommenen Waren bei den Dieben gefunden und die Sache, die gesetzlich

behandelt und abgeschlossen ist, schon erledigt. Wünscht Ihr noch

etwas mehr, so seid so gnädig und laßt mich es wissen. Leider konnte

ich nicht mehr zu Euch kommen, habe aber Nachricht erhalten, daß Ihr

hier vorbeipassiert seid. Für alle Fälle schicke ich Euch 100 Dschin

Reis und ein paar Flaschen Branntwein und bitte Euch, mich nicht zu

vergessen.

Infolge der Etikette konnte er mich nicht aufsuchen, weil ich keine

Miene gemacht hatte, ihm eine Visite abzustatten. Den Branntwein mußte

der Bote wieder mitnehmen; dergleichen durfte es in unserer Karawane,

wo strenge Mannszucht gehalten wurde, nicht geben. Im allgemeinen ist

auf die Artigkeiten der Chinesen, ob sie mündlich oder schriftlich

ausgedrückt werden, nicht viel zu geben, doch hinsichtlich Dschan

Dalois hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Als er ein Jahr

darauf von dem Generalstatthalter in Urumtschi abgesetzt wurde, hieß

es in Tscharchlik, der Grund seiner Absetzung sei seine allzu große

Dienstwilligkeit gegen einen „Jang-kwetsa“ oder „fremden Teufel“. Von

dem Boxeraufstande in China verspürten wir nicht einmal eine schwache

Dünung; kein verhallendes Echo davon drang bis ins innerste Asien.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Aufbruch nach Tibet.

Das Warten dauerte uns schließlich zu lange, und mit sehnenden Blicken

betrachteten wir die Kurve des Barographen, die durchaus keine Neigung

zeigte, Sturm zu verkünden. Ich lag meistens auf meinem Bett, las

Bücher von Selma Lagerlöf und Kipling und studierte die buddhistische

Mythologie; doch die Bremsen hoben die Belagerung nicht auf, und der

Wind gab uns keine Gelegenheit, einen Ausfall zu machen und ihre

Umzingelungskette zu sprengen. Nun verlor ich die Geduld und beschloß,

am Abend des 30. Juni auf jeden Fall aufzubrechen. Die Karawane sollte

zu Land den etwa siebenstündigen Weg um die Sümpfe machen und mich in

Joll-arelisch oder an dem Punkte, wo die Straße nach Sa-tscheo sich von

der ins Gebirge führenden scheidet, wieder treffen. Ich selbst wollte

zu Kahn über dieselben Seen wie im April fahren, und da Joll-arelisch

bereits auf einer der Karten von jener Exkursion eingetragen war,

entstand also dadurch keine Lücke in der Karte.

Im Laufe des Tages wurde alles gepackt, Kisten und Lasten wurden

geordnet, die englische Jolle verstaut, alle Forderungen bezahlt und

die Post nach Europa den Kosaken überantwortet, die beide ihre Pässe

und je ein Geschenk von 2 Jamben, sowie das Versprechen erhielten, daß

ich sie ihrem obersten Kriegsherrn, dem Zaren, aufs beste empfehlen

würde. Sie nahmen auch einen Brief nach Tscharchlik an Dschan Daloi

mit, in welchem ich diesen bat, sofort 3000 Dschin Mais (30 Esellasten)

in das Hauptquartier zu schicken. Die Bezahlung für die Furage und den

Transport konnte ich erst beim Empfang aushändigen, weil ich infolge

des unvorhergesehenen Aufbruchs der Kosaken ganz leere Taschen hatte.

Die Kasse befand sich im Hauptquartier am Tschimen-tag.

Um 5 Uhr nachmittags fing das Beladen an. Sobald die Kamele ins Freie

gekommen waren, wurden sie von Tausenden von Bremsen umschwärmt. Sie

benahmen sich indessen würdig, mit ihrer gewöhnlichen Geduld; bei

jedem fertigbeladenen Kamele wurden vier Männer aufgestellt, welche

die Insekten mit großen Kamischblättern fortwedelten. Als alles zum

Aufbruch fertig war, stieg Turdu Bai zu Pferd und begab sich an die

Spitze des Zuges, der sich eiligst entfernte.

Jetzt kam die Reihe an die Pferde, welche störrisch waren, ausschlugen

und sich sogar zu Boden warfen; die Lasten mußten sehr fest gebunden

werden, damit sie sie nicht abschütteln konnten. Mollah Schah, Kutschuk

und Tokta Ahun, Kuntschekkan Beks Sohn, marschierten mit ihnen den

Kamelen nach.

Der Klang ihrer Glocken und Schellen war schon verhallt, als uns auf

einmal einfiel, daß die Hunde fehlten. Sie waren auf eigene Hand auf

Entdeckungsreisen ausgegangen und wurden erst nach einstündigem Suchen

erwischt, gebunden und Schagdur übergeben, der der Karawane folgte,

nachdem er seinen Kameraden Lebewohl gesagt hatte.

Der große, bequem eingerichtete Kahn, der mich nach dem verabredeten

Orte bringen sollte, lag mit Proviant, Filzdecken, Rauchgeschirr und

Laterne bereit. Jetzt stand das schlimmste bevor: der Abschied von den

Kosaken. Voller Rührung dankte ich ihnen für ihre Dienste, und nach

einem kräftigen Händedruck und einem letzten Lebewohl sah ich sie ihre

Rappen besteigen und auf dem Wege nach Tscharchlik, das sie am nächsten

Morgen zu erreichen gedachten, verschwinden. Sie waren mit Empfehlungen

an Ambane, Beke und Aksakale versehen und sollten längs des Gebirges

über Kopa und Sourgak reisen und von dort während der Nächte über

Chotan und Jarkent nach Kaschgar reiten.

Es war pechfinster, als ich allein mit meinen Ruderern die Bootfahrt

antrat. Meine Karawanen, Diener und Güter waren jetzt zerstreut, und es

galt, sie wieder aufzulesen und das Ganze zu vereinigen. Die Strömung

half uns, und mit sausender Fahrt ging es den Fluß hinab, dessen dunkle

Ufer hinter uns verschwanden. In +Kum-tschappgan+ rasteten wir nur

so lange, wie für den Rudererwechsel erforderlich war. Der Mond ging

gerade unter, aber die Nacht war klar, und die Sterne leuchteten über

den wandernden Seen hell wie Wachsfackeln.

Um 11 Uhr nachts verließen wir +Tusun-tschappgan+, von einem

des Weges kundigen Manne in einem Einrudererkahne geleitet. Daß er

in der Dunkelheit durch diese Labyrinthe von hohem dichtem Schilf,

durch Tschappgane und enge Kanäle, Lagunen und Seen hindurchfand, war

ein vollendetes Meisterstück. Die Männer ruderten ohne Zögern und

Unterbrechung, als ob die Kähne auf unsichtbaren Schienen liefen.

Sie sprachen nicht, sie ruderten nur, taktfest und stetig. In die

dichten Hecken aber drangen die Lüfte der Sommernacht nicht; dort war

es erstickend heiß, dumpfig und moderig, und Miasmen stiegen aus dem

lauwarmen Wasser der Sümpfe auf. Ich schlummerte dann und wann ein

wenig, und gegen Morgen begannen die Leute zu singen, um sich wach zu

halten. Der Sate-köll war bedeutend seichter als im April, weshalb

die Ruderer ausstiegen und mich weiterzogen; doch wir mußten bald den

großen Kahn verlassen und uns des kleinen bedienen. Als auch dieser

nicht weiter konnte, gingen wir zu Fuß durch den Schlamm und erreichten

so das Ufer.

Jetzt folgte ein mehrstündiges Warten in der baumlosen, stillen,

finsteren Einöde. Endlich ertönten Rufe, anfangs aus der Ferne, dann

aus größerer Nähe; mit brennender Laterne gingen wir den Erwarteten

entgegen. Es waren Schagdur und Tokta Ahun mit der Pferdekarawane. Sie

hatten die Kamelkarawane bald überholt, und wir mußten nun auf diese

warten. Die Lopleute gingen weit in den See hinaus, um eine Kanne süßen

Wassers und einige Bündel Kamisch zur Feuerung zu holen, denn das Ufer

war gänzlich ohne Vegetation.

Beim ersten Tagesgrauen kam die Kamelkarawane herangezogen; sie

hatte sich in der Dunkelheit verirrt und war, durch einen Eselpfad

irregeführt, zu früh nach dem Gebirge abgebogen. Sie zog jetzt weiter,

ohne sich aufzuhalten; als die anderen mit dem Frühstück fertig waren,

stiegen auch wir zu Pferde. Das Land ist entsetzlich öde; im Norden des

Sumpfes geben wenigstens die Sanddünen der Wüste ein gewisses Relief,

und der tote Wald verkündet, daß dort einst Leben geherrscht hat, hier

aber gibt es gar nichts; die Erde ist eben wie ein Fußboden und besteht

aus hartem, salzhaltigem Lehm, der einst unter Wasser gestanden hat.

Wir entfernen uns in spitzem Winkel vom Ufer, und die äußersten Seen

des Tarim waren kaum noch wie eine dunkle, gleichsam über dem Horizont

schwebende Linie sichtbar, als sich die Sonne im Osten erhob und ein

Meer von Licht und Wärme über die Wüste fluten ließ. Das Tagesgestirn

trat in seltener Schönheit auf. Seine Strahlen brachen sich in den

feinen, leichten Wölkchen, die wie ein Schleier vor seinem Antlitz

schwebten. Die Ränder der Wölkchen wurden von hinten erleuchtet und

glühten wie Kränze von flüssigem Gold, die Mitte jeder Wolke aber

färbte sich violett in verschiedenen Schattierungen. Die Luft war klar

und still, und der Himmel prunkte in fleckenlosem, reinem Blau.

Noch schöner als dieses Schauspiel war jedoch das Gebirgspanorama,

das in der schiefen, beinahe horizontalen Beleuchtung scharf und

deutlich hervortrat; die Ketten zeigten abwechselnd hellbraune, rosa

und violette Nuancen, die infolge der großen Entfernung nicht grell,

sondern ruhig, gedämpft und harmonisch waren und einen entzückenden

Hintergrund zu dieser dürren Wüste bildeten, wie ja auch der

Sonnenaufgang viel schöner ist, wenn er auf eine schwüle, düstere Nacht

folgt.

[Illustration: 130. Allgemeines Trocknen an der Sonne. (S. 328.)

Von links nach rechts: Aldat, Nias, Kutschuk, Mollah Schah, Turdu Bai

und Tscherdon.]

[Illustration: 131. Gletschermassiv im Südwesten vom Lager Nr. 27. (S.

329.)]

Die Sonne hat aber auch ihre Schattenseiten. Kaum guckt sie über den

östlichen Wüstenrand, so füllt sich die Luft mit Millionen Bremsen,

die, Wolkensäulen vergleichbar, Pferde und Reiter begleiten und

umgeben. Man muß sich verteidigen, so gut man kann, und die Pferde

werfen und schlagen mit Kopf und Mähne.

+Dunglik+ (die Hügel) ist eine kleine Oase auf dem Wege nach den

Bergen und liegt gerade da, wo die flachen Schuttkegel der letzteren

langsam anzusteigen beginnen. Von Abdall, das 838 Meter über dem

Meere liegt, waren wir 203 Meter gestiegen. Alle waren müde von

der durchwachten Nacht; ich selbst schlief unter der ersten besten

Tamariske ein und wachte erst wieder auf, als mir die Sonne auf den

Kopf brannte. Da siedelte ich in das Zelt über und setzte mich dort,

sehr leicht gekleidet, zum Arbeiten hin.

Am folgenden Morgen wurde ich um 3 Uhr geweckt, Lichter und Laternen

wurden angezündet und das aus Tee, Eiern und Brot bestehende Frühstück

gebracht. Das Gepäck wurde geordnet und die Tiere beladen; es fing an,

im Osten hell zu werden, und als wir um 4½ Uhr aufbrachen, wobei

wir Wasservorrat für uns selbst und die Hunde mitnahmen, war es schon

ganz hell, und geschäftig gingen die Bremsen an ihr Tagewerk. Ich

schlug ein paar Hundert tot, die sich auf der nackten Haut der Kamele

festgesogen hatten. Sie summten in Schwärmen um uns und folgten uns

ein paar Kilometer weit, wie vor Wut erglühend, als die aufgehende

Sonne durch ihre mit Blut gefüllten Leiber schien. Es knallt, wenn die

Peitschenschnur den aufgeschwollenen Sauger trifft und er platzt. Doch

bald wagten sie sich nicht weiter vom Vegetationsgebiete zu entfernen,

und wir waren sie für den Rest des Tages los.

Wir kamen jetzt auf den offenen, wüsten, kiesigen und unfruchtbaren

Sai hinaus, der langsam nach dem Gebirge ansteigt; hier gibt es keinen

Grashalm, kein Insekt, keine Spur von Leben, nur auf asphalthartem

Boden dünn verstreuten Kies und Sand.

In launenhaft wechselnden Abständen sind kleine Steinpyramiden

errichtet, deren einzige Aufgabe es ist, als Richtschnur beim Sturme

zu dienen. Die Asiaten finden, daß sie ihren Wegen und Stegen einen

gewissen Dankbarkeitstribut schuldig sind, der den Pyramiden in Gestalt

eines Zuschusses von einem oder mehreren Steinen gebracht wird. Ohne

Weg würden sie nicht nach Quellen und Weiden hinfinden, und besonders

denkt der glücklich einem Sturme entronnene Wanderer an die, welche ihm

unter schwierigen Verhältnissen folgen, und liefert daher gern seinen

Beitrag dazu, die Wegweiser noch deutlicher zu machen.

Mittlerweile begann die Tageshitze mit heißen Dämpfen und

Luftbewegungen anzurücken. Ich wußte, daß der Weg nach der ersten

Quelle Tattlik-bulak weit war, denn dieser Schuttkegel am Nordfuße des

Kwen-lun war an allen Punkten, wo ich ihn früher überschritten hatte,

unendlich breit gewesen. Doch wenn ich gehofft hatte, ziemlich bald

ins Gebirge hineinzukommen, so wurde diese Illusion vernichtet, als

wir zwei mächtige Steinhaufen, zwischen denen der Weg hindurchführte,

passierten und damit nach Tokta Ahuns wenig erfreulicher Erklärung

gerade die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Wir ritten schon

sieben Stunden in ununterbrochenem Karawanentempo.

Die kleinen, fünf Monate alten Hunde waren schon zu Anfang des Marsches

müde und in einem Korbe auf ein Kamel gesetzt worden, wo es ihnen

sehr gut ging. Als die Sonne zu stechen begann, wurden sie mit einer

Filzdecke zugedeckt, und wir hörten nichts weiter von ihnen, bis wir

an unserem Bestimmungsorte anlangten, wo sie munter und gesund, nur

etwas steifbeinig, aus ihrem Verstecke hervorkamen und die Gegend in

Augenschein nahmen.

Maschka und Jolldasch waren empfindlicher gegen die Hitze und

schienen vor Müdigkeit erschöpft zu sein, als wir die zweite Hälfte

des Tagemarsches antraten. Obgleich sie ein paarmal Wasser bekamen,

blieben sie doch zurück und mußten geholt werden. Schließlich wurden

sie gebunden auf ein Kamel gelegt. Aber diese Art zu reisen war nicht

nach ihrem Geschmack; sie wälzten sich herunter, sobald das Kamel sich

in seinen wiegenden Gang setzte. Dann blieben sie wieder zurück, und

Schagdur ritt mit der Wasserkanne zurück. Nach ziemlich langer Zeit

sahen wir ihn mit Jolldasch zurückkehren; er war sehr niedergeschlagen

und meldete, daß Maschka gestorben sei. Beide Hunde hatten sich an

einer schattigen Terrasse in einem Hohlwege halb eingegraben. Maschka

hatte alles Wasser, das in der kupfernen Kanne war, bekommen und es

gierig verschlungen. Dann hatte Schagdur Jolldasch an der Leine geführt

und Maschka vor sich auf den Sattel genommen; er war aber noch nicht

weit mit ihnen gekommen, als der Hund aufgeregt wurde, das Pferd in den

Hals biß und den Kopf fallen ließ. Die letzten Wassertropfen nützten

nichts; der beste und klügste aller unserer Hunde war und blieb tot und

mußte am Wegrande zurückgelassen werden.

Jetzt war das Wasser zu Ende, und ich fürchtete das Schlimmste für

Jolldasch. Nach mehrfachem Fortlaufen band ich ihn selbst auf einer

Kamellast fest, wo er halb tot und seekrank geschaukelt wurde.

Im übrigen hielten sowohl Menschen wie Tiere sich gut. Es war aber

auch einer großen Anstrengung wert, dem stickigen Sommer drunten zu

entfliehen. Des Reitens müde ging ich mehrere Stunden zu Fuß. Die

Landschaft bleibt sich gleich; die Steigung ist unmerklich. Gegen Abend

wurde das Terrain kupiert, und wir gelangten zwischen niedrige Hügel

von Rollsteinkies, Sand und Lehm. Später tritt anstehendes Gestein

auf, außerordentlich verwitterter und brüchiger hellgrüner Schiefer

und Granit. Wir folgen einem ausgeprägten Trockentale aufwärts,

das Seitentäler aufnimmt, und die Landschaft wird immer kräftiger

ausgemeißelt von Regenbächen, die jetzt keinen Tropfen Wasser mehr

enthalten.

Von dem oberen Teile einer schmalen, abfallenden Talfurche öffnet

sich die Perspektive über die Oase, den Bach und die Herberge

+Hung-lugu+, ein doppelt angenehmer Anblick nach einem solchen

Tage. Sobald wir dort angekommen waren, wurden die Hunde nach dem

Bache gebracht, und es folgte ein Trinken, das gar kein Ende nehmen

wollte. Sie liefen in das frisch sprudelnde, schwach salzhaltige

Wasser, das sie mit großer Begierde „löffelten“, wobei ihre Augen vor

Freude strahlten. Manchmal ging es zu schnell, und das Wasser kam in

die unrechte Kehle; dann husteten und räusperten sie sich, um sofort

weiterzuschlürfen. Darauf legten sie sich der Länge nach ins Wasser,

wälzten sich in dem am Ufer wachsenden Grase, bellten vor Freude und

tranken von neuem.

Die Vegetation ist in diesem herrlichen Tale üppig und besteht

hauptsächlich aus prächtigen, zu wirklichen Bäumen entwickelten

Tamarisken, im übrigen aus Gras, Kamisch und allerlei Kräutern;

in einer Erweiterung des Tales steht sogar eine Gruppe alter

knorriger Pappeln. Wir zogen talaufwärts weiter. In einem herrlichen

Tamariskenhaine fanden wir die Pferdekarawane, die den ganzen Tag

bedeutenden Vorsprung gehabt hatte, und eine kleine Karawane von sieben

Eseln und sieben Schafen, die Numet Bek einen Tag vorher von Abdall

geschickt hatte, um uns mit Proviant zu unterstützen.

Nichts kann herrlicher sein, als nach 14½stündigem, angestrengtem

Marsche durch eine Wüste von 70 Kilometer Breite eine solche Oase zu

erreichen. Hier wurde auch in der Dämmerung eines der gemütlichsten

Lager, die ich je gehabt habe, aufgeschlagen. Meine Jurte wurde zum

ersten Male am Außenrande des Tamariskenwaldes aufgerichtet und war mit

Bett, Teppich und Kisten so nett, sauber und einladend, daß ich die

Fähre und ihre behagliche Kajüte nicht länger vermißte. Schagdur, Turdu

Bai und Mollah Schah pflanzten ihr weißes Zelt unter den Tamarisken

auf, die anderen kampierten in einem Dickicht, das einer Laube glich.

Um 9 Uhr zeigte das Thermometer +20 Grad und im Wasser +12,8 Grad, so

daß mir die gewöhnliche Abenddusche nach all der Hitze ziemlich kalt

vorkam. Schon hier befanden wir uns in einer Höhe von 1953 Meter, 1115

Meter über Abdall.

Alle waren entzückt über den Tagesbefehl für den 3. Juli, der auf

Ausruhen an der +Tattlik-bulak+ (süßen Quelle) lautete. Über die

Hitze brauchten wir uns nicht länger zu beklagen; die Sonne stach

mittags allerdings, aber es wehte aus Südwest, nicht gleichmäßig und

ununterbrochen wie in der Ebene, sondern stoßweise, manchmal so heftig,

daß die Jurte umzufallen drohte, manchmal hörte der Wind auf und

machte der Windstille Platz. An der linken Talseite steht ein kleiner

senkrechter Wall von Rollsteinen, und aus dieser Wand sprudelt mit

einer Temperatur von +10 Grad die kristallklare süße Quelle hervor. Auf

dem Walle oberhalb erhebt sich eine Steinpyramide mit ein paar Stangen.

Auf einer derselben las ich: P. Splingaert 1894 und C. E. Bonin 1899.

Die Vegetation ist reich, obwohl sie nur in wenigen Arten auftritt.

Von Tieren kommen nur einige kleine Vögel, Ameisen, Spinnen, Fliegen,

Zecken und Käfer vor. Ein paar Bremsen hatten sich hierher verirrt; sie

waren vielleicht von unseren eigenen Kamelen mitgebracht. Wir genossen

unser Glück in vollen Zügen, und alles wäre gut gewesen, wenn wir nicht

Maschka, den Liebling aller, verloren gehabt hätten. Beim Aufbruch von

diesem herrlichen Ruheplatze wurden einige Veränderungen mit dem Gepäck

vorgenommen. Die Jolle wurde in eine Filzdecke genäht, um vor dem

Scheuern geschützt zu sein, und die Jurte wurde auf die Pferde geladen,

die immer zuerst nach dem Lagerplatz gelangten. Von nun an sollte ich

schon bei der Ankunft mein Haus fertig finden.

Der Weg führt zwischen Felsen von schwarzem Schiefer in dem Tale

des Baches von Tattlik-bulak aufwärts. Die Tamarisken stehen gerade

in Blüte, und ihre prachtvollen Blütentrauben mit ihrer reinen

violetten Farbe erheitern sozusagen die sonst eintönige, braungraue

Berglandschaft (Abb. 114). Unaufhörlich kreuzen wir den kleinen Bach,

dessen frisches Wasser in unmittelbarer Nähe zu haben uns sehr angenehm

war, da der Tag heiß wurde. Im Winter ist dieses ganze Tal mit Eis

bedeckt. Der Bach friert nach und nach zu, und diejenigen, welche dann

hier durchkommen, müssen auf dem Eise gehen. Man vermeidet dann diesen

Weg, weil die Tiere sich leicht die Beine brechen können. Hier lag noch

ein totes Kamel von einer mongolischen Pilgerkarawane, die diesen Weg

im Winter gemacht hatte; es war auf dem Eise ausgeglitten und hatte ein

Bein gebrochen. Gleich hinter Tattlik-bulak steht eine kleine Gruppe

von Pappeln, und zwischen ihren Ästen lagen Stangen, die eine Art Bahre

bildeten. Hier sollen früher Kameljäger ihr erlegtes Wild auf die Bäume

gelegt haben, um es vor Hunden und wilden Tieren zu schützen. Jetzt

kommen selten wilde Kamele in diese Gegend.

Als wir am Abend auf der kleinen Weide von +Basch-kurgan+

ankamen, war mein tragbares Hotel schon fertig und möbliert, ganz

wie ein Wirtshaus an der Landstraße (Abb. 116). Doch darf ich dort

nicht eintreten, um mich ausschließlich der recht notwendigen Ruhe

hinzugeben. Nein, erst werden Thermo- und Barograph ausgepackt,

dann die heute unterwegs gesammelten Gesteinproben etikettiert und

eingepackt, darauf die Kartenblätter gezeichnet und zuletzt die

Aufzeichnungen und Beobachtungen eingetragen. Um diese Zeit ist das

Mittagessen fertig; ihm folgen um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische

Ablesungsreihe und das Ablesen des Hypsometers; wenn dann auch noch die

Chronometer aufgezogen und verglichen sind, gehe ich ins Freie, um eine

Weile mit den Hunden zu spielen und sie zu füttern. Vor 11 Uhr ist die

Tagesarbeit selten zu Ende; dann lese ich noch eine halbe Stunde im

Bett, bevor ich in der frischen, gesunden Gebirgsluft fest einschlafe.

Um die Höhen nicht zu schnell zu nehmen, hatten wir beschlossen,

während des Rittes nach dem Hauptquartier oft Rasttage einzuschieben;

so wurde auch Basch-kurgan ein Tag geopfert. Hier treffen drei Täler

zusammen, die in das lange Tal von Tattlik-bulak übergehen. Der Name

„Festung des Talkopfes“ schreibt sich von der Ruine eines auf einem

isolierten Hügel thronenden kleinen chinesischen Forts her. Schagdur

und Mollah, mein Sekretär von Abdall, machten einen weiten Ausflug

nach Osten, auf welchem ersterer nach einiger Unterweisung im Gebrauch

von Kompaß und Uhr eine rohe Kartenskizze von dem Lande zu machen

beauftragt war. Es war das erstemal, daß er eine solche Aufgabe löste,

und wenn die Karte auch nur als Kroki verwendbar war, gab sie mir doch

einen guten Begriff vom Verlauf der Bergketten und Täler in jener

Richtung. Schagdur vervollkommnete sich später zu einem bedeutenden

Grade von Sicherheit in der Auffassung des Terrains.

Bei Basch-kurgan kreuzten wir die untere Kette des Astin-tag, welche

das Tal von Tattlik-bulak durchbricht; ein Paßübergang ist daher

unnötig. Der nächste Tagemarsch führt uns weiter aufwärts nach dem

Hauptkamme desselben Bergsystems. Dorthin gelangten wir jedoch nicht in

einem Tag, sondern wir lagerten unterwegs schon in +Basch-joll+,

einem kleinen Weideplatz mit einer herrlichen Quelle (+5,8 Grad) und

den Ruinen einer chinesischen Festung.

Am 8. Juli hatten wir einen langen Wüstenweg vor uns und nahmen Wasser

mit. Um 6½ Uhr brachen wir auf und zogen immer höher nach dem Kamme

des Astin-tag hinauf. Auf beiden Seiten erheben sich steile, wilde,

zackige Felsenmassen. Der Hohlweg erweitert sich und führt nach einem

bequemen, hügeligen Passe hinauf, der merkwürdigerweise keinen anderen

Namen als „Dawan“, der Paß, hat. Der bisher nach Osten führende Weg

bog jetzt nach Süden ab. Doch auch ostwärts erstreckt sich zwischen

felsigen Bergen ein Tal, in welchem zwei wilde Kamele davonflüchteten.

Dies ist im innersten Asien das dritte Gebiet, wo ich wilde Kamele

getroffen habe, und ich bin, nach den Beobachtungen, die später gemacht

wurden, in der Lage, eine Karte ihrer Verbreitung zu geben.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 31 / 42 段