Kirgui Pavan, Aksakal und unsere alten Ruderer erhielten ihre

Entlassung. Eines Abends gaben wir ihnen zu Ehren ein prächtiges

Gastmahl; mehrere Schafe wurden geschlachtet, und die Reispuddinge

dampften auf gewaltigen Holzschüsseln. Sie bekamen ihren Lohn in bar,

ein paar Kähne und Proviant für die ganze Heimreise und bedankten sich

dafür nach der Sitte des Landes mit Gebeten für mein Wohlergehen. Als

ich am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang aus der Laboratoriumhütte

trat, standen sie alle in Reih und Glied und sprachen ihr Morgengebet.

Bevor ich mich schlafen legte, sah ich sie noch ihre Boote bemannen und

nach einem letzten Lebewohl die Heimreise antreten.

Beim Zurücklassen der Fähre war mir zumute, als sollte ich einen

sicheren Haltepunkt verlieren und ein altes Heim verlassen. Sie

hatte uns unter wechselndem Geschick treu den Fluß hinabgetragen und

ihren Zweck auf vortreffliche Weise erfüllt. Sie wurde jetzt der

Bevölkerung von Tscheggelik-ui geschenkt, die über das vorzügliche

Beförderungsmittel -- besonders für Viehtransporte über den Fluß

und das Hinüberschaffen von Gütern und Karawanen -- ganz entzückt

war. Später hörten wir, daß der Amban befohlen habe, sie nach Argan

zu schaffen, wo die Karawanenstraße den Tarim überschreitet und wo

bisher nur eine sehr mangelhafte Fähre zur Verfügung stand. Kommt ein

europäischer Reisender dorthin, so wird er sie gleich wiedererkennen,

sei es auch nur an der Etikette. Schagdur hieb nämlich in ihre Seiten

meinen Namen in großen lateinischen Buchstaben und die Jahreszahlen

1899-1900 ein.

Erst am 19. Juni gegen Mittag verließ unsere neue Flottille mit vielen

neuen Ruderern und Beken Tscheggelik-ui. Ohne weitere Schwierigkeit

ruderten wir mit prächtiger Fahrt über die Seen und durch ihre schmalen

Durchgänge, in denen das Vordringen mit der großen Fähre unmöglich

gewesen wäre. Nachdem wir bei dem Dorfe +Tokkus-attam+ gelagert

hatten, gingen wir am folgenden Tag über den Semillaku-köll, dessen

Tiefe nirgends 1 Meter überstieg. Der See Kara-buran war noch mehr

gefallen und würde, wie man mir sagte, in zwei Monaten vollständig

austrocknen; Anfang Oktober füllt ihn die Herbstflut wieder. An

der Mündung des Tschertschen-darja wurde der Messungen wegen eine

Weile gerastet. Obwohl das Flußbett scharf ausgeprägt, tief und mit

Wasser gefüllt war, betrug sein Tribut an die Kara-koschun-Seen nur 4

Kubikmeter in der Sekunde.

Die letzte Tagereise auf dem Tarim war kurz und wurde zum

Versöhnungsfest mit dem Winde, der uns vorher so oft Abbruch getan

hatte. Jetzt wehte es gerade von Osten mit 11 Meter in der Sekunde

und kühlte frisch und herrlich ab; die Ruderer brauchten tüchtig ihre

Arme und fanden gute Hilfe an der Strömung (Abb. 112). Die Bremsen,

die sich bei solchem Wetter hinausgewagt hatten, ließen sich in

meinem Zelte nieder. Es wäre für beide Teile besser gewesen, wenn wir

Waffenstillstand geschlossen hätten; hätten sie mich mit ihren Stichen

verschont, so würde ich sie nicht totgeschlagen haben.

In Abdall trafen wir unsere alten Freunde Numet Bek und Tokta Ahun

(Abb. 113). Letzterer hatte die Pferdekarawane und die Kamele bis an

den Tschimen-tag begleitet und konnte mir mitteilen, daß in dem neuen

Hauptquartier alles gut stehe. Die von uns im Frühling zurückgelassenen

Kamele und mein kleiner Grauschimmel waren, fett und ausgeruht, mit ins

Gebirge genommen worden. Der Kurier mit dem Briefe hatte schon lange

sein Ziel erreicht, und in einigen Tagen mußten Tschernoff und die

Karawane, die mich ins Gebirge führen sollte, hier sein.

Während des Aufenthalts in Abdall (Abb. 111) hatten wir anfangs gutes

Wetter, d. h. Wind, der bis auf 16 Meter in der Sekunde anschwoll.

Ich blieb daher an Bord der Pontonfähre wohnen, die ich beinahe nie

verließ; es war der reine Stubenarrest. Ich saß die ganzen Tage

am Schreibtisch und machte eine gewaltige Post fertig, welche die

Kosaken nebst fertigen Platten mitnehmen sollten. Draußen heulte

der Wind im Schilfe, der Bretterfußboden knackte von der Dünung und

rieb sich an den Kähnen, und der Wellenschlag plätscherte gemütlich

um die letzteren. Während der Windpausen machte ich astronomische

Beobachtungen. Groß war mein Erstaunen, als ich, hiermit beschäftigt,

eines Morgens einen Reiter nach den Hütten von Abdall sprengen sah und

bald meinen prächtigen Tschernoff erkannte, der nach Empfang meines

Briefes sofort in unglaublich kurzer Zeit aus dem Gebirge hierher

geritten war. In den letzten 35 Stunden hatte er überhaupt nicht

geschlafen, war aber geradeso munter und aufgeweckt wie gewöhnlich.

Als ich ihn nachher zu einer längeren Segeltour einlud, berichtete er

mir von dem neuen Hauptquartier, das für den Rest des Jahres meine

Operationsbasis werden sollte. Es schmerzte ihn tief, uns gerade jetzt,

da ein neues Kapitel dieser Reise begann, verlassen zu müssen.

Ein paar Tage darauf langten Turdu Bai und Mollah Schah mit vier

Kamelen und zehn Pferden bei uns an. Obgleich sie, seitdem sie das

Gebirge verlassen hatten, nur nachts marschiert waren, waren doch

die Hälse und Beine der Kamele von den Bremsen blutig gestochen; die

anderen Körperteile waren durch Filzdecken geschützt gewesen.

Jetzt trat ein unangenehmer Umschlag im Wetter ein. Der Wind hörte

auf, und es folgte drückende Hitze. Wir mußten die Kamele mit größter

Vorsicht und Sorgfalt schützen, denn die Luft wimmelte buchstäblich von

Bremsen. Ich ließ daher ihretwegen eine Sattma ausräumen, die Wände

derselben gut dichtmachen und stets ein paar Leute bei ihnen aufpassen,

die nichts weiter zu tun hatten, als die Bremsen totzuschlagen, die

sich dort einschlichen, um die armen Tiere zu stechen. Nachts durften

sie auf die Weide gehen. Eines Morgens wurden sie vermißt, und Turdu

Bai, der seine Schutzbefohlenen kannte, ahnte sofort, daß sie von

diesem scheußlichen Orte durchgebrannt seien. Sie hatten sich, ihrer

eigenen Spur folgend, auf den Weg nach dem Gebirge gemacht, wo, wie

sie wußten, ihre Kameraden sie erwarteten und sie sich nicht von der

Hitze und schmerzhaften Insektenstichen plagen zu lassen brauchten;

sie wurden aber rechtzeitig wieder eingefangen und mußten sich in ihr

Schicksal finden. Jeden Abend wurden sie im Flusse gebadet, was ihnen

sehr gefiel.

Im Filzzelte auf der Pontonfähre war es bei dieser Hitze unerträglich.

Draußen ertönte unausgesetzt ein summendes Brausen, und als ich den

Filzvorhang zurückschlug, füllte sich das Zelt mit Bremsen. Ich nahm

meine Dusche und kleidete mich schleunigst an; darauf wurde die Fähre

nach dem rechten Ufer hinübergerudert, und ich eilte wie durch einen

Kugelregen nach Tokta Ahuns Hütte. Dort war es schön; es war mindestens

6 Grad weniger heiß als im Zelt, und die Sonnenglut vermochte die

dicken Kamischgarben des Daches nicht zu durchdringen. Die Hunde

hielten den Umzug für eine brillante Idee; sie siedelten sich in je

einer Ecke an und schlugen dadurch den Bremsen, die ihnen nicht folgen

konnten, ein Schnippchen.

Inzwischen vergingen die Tage, und es wurde Zeit zum Aufbruch. Ich

mochte gar nicht an die Trennung von Sirkin und Tschernoff denken;

ohne sie würde es so leer und öde sein. Wir warteten nur auf den

nächsten Sturm, der uns von den Bremsen befreien würde, denn bei dem

jetzt herrschenden Wetter wurden wir von diesen unangenehmen Tieren

buchstäblich belagert. Doch der Sturm kam nicht, und die Tage gingen

hin. Wir versuchten freilich einmal, auf jeden Fall aufzubrechen, aber

daraus wurde nichts; die Kamele warfen sich in Verzweiflung auf die

Erde und wälzten sich die Lasten ab. Ich wollte der Kartenarbeit wegen

nicht in der Nacht reisen; so warteten wir denn wieder, und ich schob

den Augenblick der Trennung von Tag zu Tag hinaus.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Poesie im innersten Asien.

Solange wir still lagen, ging es uns nicht schlecht. Wir hatten alles,

dessen wir bedurften, und die Bewohner von Abdall (Abb. 115) wußten gar

nicht, was sie uns alles zuliebe tun sollten. Beschäftigung hatten wir

auch vollauf; die Kosaken jagten Wildenten und machten Bootfahrten, wir

maßen zum letztenmal den alten Tarim und fanden 43,7 Kubikmeter Wasser

in der Sekunde. In zweieinhalb Monaten war der Fluß auf weniger als die

Hälfte zusammengeschrumpft und er sollte im Sommer noch mehr abnehmen.

Während dieser Tage zeichnete ich zu meinem Vergnügen einige alte

wohlbekannte Lieder auf, die seit über hundert Jahren von den Söhnen

und Töchtern des Loplandes gesungen worden waren. Auch einige neue

Lieder, welche die Fischer am Kara-koschun singen, schrieb ich nieder.

Alle diese Lieder sind einfach und ungekünstelt und zeugen von

beschränkter Phantasie und naiver Lebensanschauung. Aber sie beweisen

doch, daß auch diesem kleinen Fischervolke, das seine Tage im Herzen

von Asien abseits von den großen Karawanenstraßen und isoliert von

anderen Stämmen einförmig verlebt, Poesie nicht fremd ist und daß die

Liebe, bald süß, bald bitter, wie überall bei den Menschenkindern, auch

bei ihnen herrscht. Durch diese Lieder erhält man auch einen Begriff

von den Grenzen der Welt, in der sich ihre Gedanken und ihr Wissen

bewegen. Doch sie verlieren durch Übersetzung und machen sich in ihrer

ursprünglichen Form, in der Turkisprache mit holperig gereimten Versen

nach einer eintönigen Melodie zu den Akkorden einer Dutar gesungen,

viel besser. Die Wehmut, die sich wie ein roter Faden durch die Worte

und die Musik zieht, paßt gut für den, der einsam ist, und läßt seine

Hoffnungen schärfer hervortreten. Hier einige Proben dieser einfachen

Dichtkunst.

Es folgt ein Lied, das Dschahan Bek, der Vater des alten Kun-tschekkan

Bek, gesungen hat, das also gegen hundert Jahre alt ist; es spricht

sich darin ein Weib aus, dessen Liebe verschmäht worden ist:

Die Geister haben dich schöner geschaffen als alle anderen Männer.

Als du in deine Heimat zurückkehrtest, wäre ich dir nachgeflogen

wie eine Gans, wenn ich Flügel gehabt hätte, und ich habe geschrien

wie eine Wildgans. Du wußtest nicht, daß ich dich ein ganzes Jahr

erwartet und auf deine Rückkehr wartend keinen anderen Mann geliebt

habe. Ich erwarte dich seit lange und bitte alle, die zu dir reisen,

dich, du meine andere Hälfte, zehnmal zu grüßen. Du nimmst alle auf,

die vorbeiziehen und zu dir kommen, und du spielst und singst, aber

wenn du spielst und singst, darf ich nicht mit dabei sein. Deine Füße

scheinen gebunden zu sein, sonst kämst du her. Dein Name ist über ganz

Alti-schahr bekannt. Mach’ es wie Juldus Wang, sei faul und laß andere

für dich arbeiten. Wenn du mich nicht haben willst, komme ich doch und

werde, so gut ich es kann, deine Magd. Alle Frauen raten mir, zu dir zu

gehen; ein ganzes Jahr lang habe ich deinetwegen nicht lächeln können,

denn du hast die Unwahrheit gesprochen; ich habe keine Freude von dir

gehabt, meine Augen sind übergeströmt wie ein Fluß. Gott hat nicht

befohlen, daß wir vereinigt werden sollen. Deine Wimpern und Brauen

sind das Schönste, was es gibt.

Aus derselben Zeit stammt das mit Bitterkeit gemischte, sehnsuchtsvolle

Lied eines Liebenden, dem seine Angebetete einen Korb gegeben hat:

Seitdem du dich zu Pferde fortbegeben, gehe ich hier umher und sehne

mich nach deinen schwarzen Augenbrauen. Wenn ich Gelegenheit finde,

reise ich dir im Laufe dieses Monats nach, um zu singen, zu spielen und

zu trommeln. Du bist noch jung, und deine Eltern haben dich einem guten

Manne gegeben. Du bist wilder als der Teufel, Jungfrau Sahib, du bist

hartherzig; du verstehst meine Worte nicht, du wilder Teufel! Du bist

wie das Wetter, bald trübe, bald sonnig. Deine Eltern hielten viel von

dir und mußten dich fein und weich kleiden. Laß mich wissen, wann deine

Hochzeit sein soll, damit ich komme und sie mitmache. Deine Mutter war

besser als Imam Pattma und rein wie Nephrit. Imam Pattma liebt dich;

als wir alle jung waren, spielten wir miteinander und waren Freunde. Du

schwankst hin und her wie die Nackenfeder des Okkarvogels, und dein Ruf

ist wie auf Flügeln bis Tschimen geflogen. Wenn wir uns im Herbst nach

dem Tarim begeben, werden sich unsere Augen begegnen. Du bist jetzt

vater- und mutterlos, aber alle werden dir mehr geben, als Vater und

Mutter gekonnt hätten. Wenn du dein Gewand angelegt hast, gleichst du

einem Sternwurme (Glühwürmchen).

Kuntschekkan Beks Schwiegervater pflegte nachstehendes Lied zu

singen, das also wenigstens achtzig Jahre alt ist, obgleich es ebenso

wahrscheinlich ist, daß es damals schon ein altes Lied war. Ein

Liebender, der noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, singt:

Ich bin sehr traurig darüber, daß ich nicht meine kleine Freundin nahm;

ich friere deswegen wie eine verfrorene Fischotter. Du hast einen

schönen Chalat, aber ich war nicht stark genug, um deinen Chalat zu

gewinnen. Wenn ich dich jetzt nicht zur Frau bekomme, werde ich doch

an deinem Hause vorbeireisen und dich sehen. Dein schwarzes Haar ist

sehr schön; wenn ich dich bekommen hätte, würde dein schwarzes Haar

an meiner Brust geruht haben, aber mein Nebenbuhler nahm dich und gab

dich mir nicht. Hätte ich gewußt, daß du einen Ring am Finger trägst,

so hätte ich nie mit dir bekannt werden wollen, aber ich komme im

zehnten Monat. Wenn ich im zehnten Monat komme, werde ich dich fragen,

wie es dir geht, du bezaubernder Engel, der du allein in deinem leeren

Hause geblieben bist. Deine Brust ist so weiß wie eine angezündete

Lampe; wenn du dein Gewand öffnest, sieht man deine kreideweiße Brust.

Deine Nägel gleichen dem Tage. Ich liebe dich glühend, du bist wie

der Stern, der in die Spur des Mondes tritt. Wenn ich dich bitte, ein

wenig zu verweilen, eilst du auf deinem schnellen Pferde davon. Nun,

da ich ein alter Bettler geworden, kann ich dich, die du die schönste

der Frauen bist, nicht bekommen; du bist schöner als die Sonne. Du,

Assan, begib dich zu ihr und bringe die Worte vor, die ich gesagt! Ich

werde die Beke bitten, dich mir zu geben. Als ich deine Fußspuren auf

dem feuchten Sande sah, weinte ich so, daß kleine Hügel unter Wasser

standen. Du gleichst einer Fürstin, und hast deine Teetasse auf einer

Metallschale. Ich kam nach Jatschi hinüber, um dich zu sehen, fand aber

nur deine Schale mit Reispudding. Da ich dich nicht bekam, habe ich tot

in dieser Welt gelebt. Ich werde Gott bitten, mich noch ein paar Jahre

leben zu lassen, damit ich dich doch noch bekommen kann. Ich jagte

meine alte Frau fort. Möge Gott dich mir geben. Du gehst so leicht, wie

der Falke fliegt, aber dein Mann hat dich noch nicht verlassen, und ich

bin allein.

[Illustration: 128. Rast der Karawane während Tscherdons

Rekognoszierung (3. Aug. 1900). (S. 318.)]

[Illustration: 129. Auf der höchsten Bergkette der Erde. (S. 320.)]

Ein zehn Jahre altes Lied aus Argan, gesungen von einem Manne, der an

die Unrechte geraten ist, lautet:

Wie Tajir Chan und Suja Chan in derselben Nacht starben, haben wir

einander auch nicht bekommen. Tajir Chan starb in dem Dorfe seines

Mädchens, ehe er es bekommen hatte. Kara Vater schlug ihn dreimal mit

dem Schwerte, und nun erholt er sich nie wieder. Er war nicht schwer

verwundet, muß aber viele Sünden auf seinem Gewissen gehabt haben, weil

er doch gestorben ist. Wie keiner Tajir Chans Tod rächte, so wird sich

auch niemand darum kümmern, daß ich dich nicht bekommen habe. Jetzt,

seit ich mit dir bekannt geworden, kommt am Ende jemand und schlägt

mich tot. Jetzt habe ich eine andere Frau genommen, und nun mögen sie

mit dir tun, was sie wollen. Nun aber reut es mich, daß ich den Bek und

Ahun nicht gebeten habe, lieber dich mir zu geben. Und nun denke ich,

daß, wenn Gott mich nicht sterben läßt, die Menschen mich nie werden

töten können. Es wäre freilich besser gewesen, mit dem ganzen Dorfe zu

kämpfen und totgeschlagen zu werden, als die Frau, die ich jetzt habe,

auf dem Halse zu haben.

Agatscha Chan war ein Mädchen aus Kum-tschappgan, das sich tröstete und

sang:

Mein Freund ist hierhergekommen, und seitdem grünt alles. Es ist für

dich, der du die Erde mit deinem Spaten bearbeitest, Zeit, deinen

Weizen zu säen. Wenn ich die Sprache der Wildente verstehen könnte,

würde ich sie fragen, wie es dir geht. Du kamst hierher, wolltest mich

aber nicht ansehen, und dann reistest du wieder heim. Agatscha Chan

begleitete dich nicht, sie stieg aufs Pferd und ritt mit einem anderen

Manne fort.

Noch ein Liebeslied trostlosen Inhalts, das vor einigen Jahren in

Tusun-tschappgan gedichtet ist, lautet:

Du gleichst der weißen Ente. Ich möchte die Nacht an deinem Busen

zubringen. Wenn du zum abendlichen Saitenspiele tanzest, umflattern

dich die schönen Bänder. Ich sitze bei mir, du bei dir, aber ich weiß,

daß du an mich denkst. Sende mir den Falken, den du auf deiner Hand

trägst. Wenn ich mich abends hinlege, kann ich nicht schlafen, weil ich

an dich denke. Deine Eltern wollen dich mir nicht geben, sie geben dich

gewiß einem Bek aus Turfan. Die Leute sagen, daß deine Eltern dich mir

darum nicht geben, weil sie mich nicht mögen. Meine Sehnsucht nach dir

macht mir den Kopf wirr, mir ist, als drehten sich die Wolken um mich

herum. Du hast einen vornehmen Mann bekommen, und ich bleibe einsam und

verlassen. Ein anderer hat dich genommen, ich bekam dich nicht. Deine

Mutter hat Brot und Saatkorn in Menge, ihr Vorrat nimmt kein Ende. Wenn

deine Mutter morgens Brot backt, kocht schon der Kessel. Es ist so

lange her, seit ich dich sah.

Es ist derselbe Klageton, der durch alle diese Liebesergüsse geht: es

ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, wo man ihr auf

Erden begegnet. Aber auch die Lieder, die nichts mit Liebe zu tun

haben, sind ebenso wehmütig. So singt zur Zeit des alten Numet Bek

(etwa 1700 geboren) ein Jüngling ein Lied an seinen Bruder; sie waren

beide vom Kara-koschun, hatten sich aber nach Abdall begeben:

Reise du heim und erkundige dich, wie es dort steht; ich fahre aus und

fange Fische. Wenn die Fische hier knapp sind, reise ich lieber nach

Hause und fische dort. Ich sehne mich so nach Hause, daß ich nicht

essen kann. Alle in dieser Gegend, Gute und Böse, schelten auf mich,

so daß ich nicht essen kann. Ich kam hierher, um zu sehen, ob dies ein

guter Ort sei, aber meine Frau und die Kinder blieben in Jatschi (Dorf

am alten Kara-koschun). Wenn ich mit dem Kahne früh abfahre, komme ich

in einem Tage heim. Jetzt reise ich; es war dumm, daß ich den Pelz und

andere Sachen, die ich hätte zu Hause lassen können, mitnahm. Wenn

die Abdalleute mich auch töten wollen, werde ich mich nicht umsehen,

sondern heimreisen. Sie mögen nach Belieben hinter mir herschelten und

schreien, aber heim fahre ich. Wie das Siebengestirn am Himmel und das

Archari auf den Bergen ging ich von Hause fort, und nun weine ich.

Jetzt fahre ich heim; lebe wohl du mein einziger Freund an diesem Orte.

Wenn ich dich verlassen habe und nach Hause zurückgekehrt bin, sind wir

wie durch einen hohen Berg getrennt.

Vor hundert Jahren sprach ein blinder Greis in Tusun-tschappgan seinen

Schmerz in folgendem Liede aus, das noch gesungen wird:

Ich Armer bin von Gott mit Blindheit gestraft worden. Wie bin ich jetzt

unglücklich; nun sehe ich weder die Hütten noch die Kamischhecken um

sie herum, sondern muß einsam in meiner Sattma sitzen! Jetzt ist es

traurig, ich kann meine Freunde weder sehen noch treffen, meine Knochen

sind so weich wie Mehl geworden. Seit ich blind geworden bin, ist mir,

als ob mein ganzer Körper schmerze. Gott hat mich hart gestraft, daß

er mich die Hütten und die Kamischfelder nicht sehen läßt. Weshalb,

Gott, ließest du mich geboren werden, wenn du mich nachher meines

Augenlichtes berauben wolltest? Seit ich blind geworden, ist mein

Inneres voll Kummer und Gram. Möchte Gott nie einen anderen Elenden

mit Blindheit heimsuchen! Da ich nicht sehe, kann ich nicht gehen,

ohne die Hände zum Fühlen auszustrecken. Meine Kinder rufen mir zu:

du tust nichts, du fängst keine Fische, du verschaffst uns nichts zu

essen. Es wäre besser, wenn Gott mich sterben ließe, statt mich zu

meiner Qual in dieser Welt zu lassen. Früher konnte ich Geld verdienen,

jetzt sehe ich es nicht einmal und kenne es nur wieder, wenn ich daran

rieche. Gott hat mich hart gestraft, als er mich so elend werden ließ.

Wenn ich mit meinem Weibe sprechen will, antwortet sie mir nur mit

harten Worten. Als ich sah, erhielt ich gut zubereitetes Essen; jetzt

stellt sie mir kaum Tee hin. Wenn ich nur sehen könnte, würde ich wie

früher auf den See hinausfahren und meine Netze auslegen. Würde ich

es jetzt versuchen, so würde ich den Weg nicht finden können und an

die unrechte Stelle kommen. Als ich Kind war, müssen meine Eltern für

ein Versehen meinerseits den Wunsch ausgesprochen haben, daß ich blind

werden möchte. Früher konnte ich meine Netze auslegen, doch dem Blinden

ist das Fischen unmöglich. Jetzt, da ich die Meinen nicht mit Fischen

versehen kann, werden sie nur halbsatt. Ich glaubte, daß du, mein Sohn,

mir auf meine alten Tage helfen und mich ernähren würdest, aber du hast

mich von dir gestoßen.

Daß ein Volk, welches früher fast ganz von Fischnahrung gelebt

hat, den Fischfang und die kleinen Abenteuer dabei besingt, ist

selbstverständlich. Als Probe dieser kunstlosen Seepoesie mag das im

Fischerdorfe Kara-koschun passierte und besungene Mißgeschick dienen:

Ich war draußen auf dem See, als der Sturm kam und meinen Kahn umriß,

und hier liege ich nun, und Vater und Mutter wissen es nicht. Die

Fische und das Brot, die ich mit hatte, landeten im Magen des Sees

statt in meinem Magen. Beim Schiffbruche konnte ich nichts weiter

retten als den Kochtopf, Gott sei gelobt. Ich habe gewiß harte Worte

gegen einen Älteren gebraucht oder irgendein Unrecht getan, weil ich

diese Strafe erhalten habe. Mein Kamerad, der gleichzeitig mit mir

draußen war, verlor nichts; Gott muß ihn lieben. Ich hatte 30 Fische in

einem Bunde und 12 in dem anderen, und alle gingen sie unter. Wenn ich

jetzt aufstehe und mich spute, komme ich zum Abendessen nach Hause. Ich

warf einen Blick auf die Binsenbündel, die auf dem Wasser schwammen,

und eilte dann heim. Bei meiner Heimkehr schalten meine Eltern und

sagten: Was hast du mit all den Fischen gemacht? Und ich antwortete:

Wäret ihr froher über die Fische gewesen als über meine Rettung, so

könnt ihr mich ja totschlagen. Du, mein Freund, komm, laß uns das Boot

an Land ziehen und es zum Trocknen hinlegen.

Ich kann auch einige Proben geben, wie die Menschen, welche derartige

Lieder singen, ihre Briefe schreiben, was ebenfalls von Interesse

sein dürfte. Die Schriftstücke zeugen bei all ihrer sklavischen

Untertänigkeit von großem Wohlwollen und großer Höflichkeit, und

zwischen den Zeilen schimmert das Ansehen hervor, dessen sich unsere

Karawane überall erfreute. Während meines Aufenthalts im Lande erhielt

ich Massen von Briefen und mußte einen einheimischen Sekretär für ihre

Beantwortung haben. Der Sekretär las mir die Briefe vor, und ich teilte

ihm mit einigen Worten mit, was er antworten sollte. Es ist sowohl

komisch wie für die Achtung, die wir genossen, bezeichnend, daß alle

diese Briefe mit den Worten. „Dem großen König, dem gnädigen Herrn,

Gottes Segen“ begannen. Als die Kosaken mich Exzellenz nannten, fand

ich diesen Titel schon übertrieben, aber den Beken des Loplandes war

er noch viel zu nichtssagend; sie kamen sofort mit Ullug Padischahim

(Eure Majestät). Ich fühlte mich zweihundert Tage lang beinahe als

König von Lop-nor.

Der alte Naser Bek von Tikkenlik überraschte mich mit folgendem Briefe:

Wir, Eure allerschlechtesten Untertanen, Naser Bek, mein Schwiegersohn

und alle, Große wie Kleine, wünschen unserem großen Padischah, daß Ihr,

was Gott gnädig geben möge, in Tschimen ruhig und friedvoll anlanget;

und wenn Ihr dorthin gekommen seid, hatten wir zu Euch eilen und Euch

dienen wollen, aber der Amban ist hier, und ich kann daher nicht um

Urlaub bitten. Indessen wäre es notwendig gewesen, daß ich mich bei

Euch eingestellt und meine Verbeugung gemacht hätte. Wenn Ihr mich

durch eine Zeile von Tschimen wissen laßt, daß Ihr ruhig und friedvoll

dort angekommen seid, wäre ich sehr dankbar. Zum Zeichen, daß ich lebe,

sende ich Euch zehn Ellen weiße Leinwand. Bitte, vergeßt mich nicht.

Mirab Bek von Ullug-köll schreibt:

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 30 / 42 段