zu finden. Es war pechfinster, als wir an dem See anlangten, und der
Sturm war jetzt auf dem Gipfel seiner Wut. Wir sahen absolut nichts,
fühlten aber um so mehr, wie die Schilfhecken vom Buran auf unsere
Kähne niedergeschlagen wurden und unser Gesicht peitschten. Ich mußte
die ganze Zeit über die Arme hoch halten und mit ihnen abwehren, um
nicht von den langen scharfen Blättern geschnitten zu werden. Rufen
und Warnen nützte gar nichts, das Sausen des Windes in dem Kamisch
ließ jeden anderen Laut ersterben. Wie die Ruderer den Weg fanden,
weiß ich nicht, aber schließlich wurde doch das von Sirkin angezündete
Feuer sichtbar. Wir befanden uns schon dicht vor dem Lager; obwohl die
Scheiter in dem intensiven Winde weiß glühten, hatten sie den Nebel
nicht weiter zu durchdringen vermocht.
Dies war einer der unheimlichsten Stürme, die ich je erlebt habe, und
in dieser Nacht wurde nicht viel aus dem Schlafen. Das meteorologische
Observatorium wurde hereingenommen, in den Kajüten wirbelten alle
leichteren Sachen umher und mußten rechtzeitig fest verstaut werden,
und durch die Filzdecken kam ein Regen von Sand und Staub. Am
unruhigsten war ich des Feuers wegen, denn die Fähre war überall von
Schilf umgeben; daher wurden sowohl an Bord wie auf dem Land die ganze
Nacht hindurch Wachen ausgestellt.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die letzte Reise der Fähre.
Den ganzen folgenden Tag tobte der Sturm, und geduldig mußten wir in
Jekkenlik warten. Gegen Abend ließ er ein wenig nach, und ich machte in
dem neuen Boote eine herrliche Segelfahrt über die offenen Flächen des
Sees.
Am 27. Mai, der windstilles warmes Wetter brachte, wurde der Rest
des Jekkenlik-köll bis an den Punkt zurückgelegt, wo sein Wasser in
Kaskaden in das Bett des Tarim hinunterströmt. Wir waren umgeben von
einer Flottille von 12 Booten mit 30 Mann Besatzung, die uns über die
Fälle hinweghelfen sollten. Es war ein eigentümliches Gefühl, als
die Fähre von Fallkamm zu Fallkamm sank; sie beugte sich mit ihrem
Vorderteile vornüber, um im nächsten Augenblick von der aufgeregten
Wassermasse in Empfang genommen zu werden. Es herrschte die größte
Spannung, und die Leute schrien, daß einem der Kopf schwindeln konnte;
aber es lief doch alles glücklich ab, und die Fähre glitt ruhig auf den
Tarim hinaus.
Am folgenden Tage wurden alle unnötigen Gäste, mit dem alten Naser Bek
an der Spitze, verabschiedet, und in ihrer Einwohnerzahl dezimiert,
zog die Flottille langsam flußabwärts. Die Tage waren folgendermaßen
eingeteilt. Bei Sonnenaufgang wurde ich von Schagdur geweckt und
inspizierte dann das Lager mit einem „Guten Morgen, Kosaken“, was
mit militärischem Honneurmachen und „Starovie schelajim vasche
prevoschoditelstvo“ (wir wünschen Euer Exzellenz Gesundheit) erwidert
wurde; an die Muselmänner wurde der gewöhnliche Gruß „Salam aleikum“
(Friede sei mit euch) gerichtet, der wie ein Echo von allen Lippen
zurückschallte. Das Frühstück bestand aus Fisch, Eiern, Tee und Brot.
Während des Tages stand das Teegeschirr in meiner Kajüte, und der
Samowar war bei den Kosaken stets angeheizt. Die Hauptmahlzeit wurde
gegen 8 Uhr abends eingenommen und bestand aus Reispudding, Fisch,
Kaffee und Milch. Die Arbeit wurde, solange es Tag war, ununterbrochen
fortgesetzt, und den Abend nahm das Eintragen der am Tage gemachten
Beobachtungen in Anspruch.
Schagdur machte sich vortrefflich, und ich gewann diesen prächtigen
Kosaken, zu dem ich unbeschränktes Vertrauen hatte, immer lieber. Er
hatte schon ziemlich geläufig mit den Muselmännern sprechen gelernt
und nahm aus eigenem Antrieb bei Sirkin Unterricht in meteorologischer
Beobachtungskunst, sowie im Lesen und Schreiben in russischer Sprache,
worin er sich während dieser Fahrt so vervollkommnete, daß er mir
später bei mehreren Gelegenheiten, als wir getrennt waren, Briefe
schreiben konnte. Hätten die Kosaken einen weniger guten Charakter
gehabt, so wären sie vielleicht während der Reise verdorben worden,
denn sie hatten sehr viel Freiheit, solange sie in meinen Diensten
standen. Doch ihre Disziplin erschlaffte nicht um Haaresbreite, und nie
vergaßen sie die Achtung, die sie dem ihnen zugeteilten Vorgesetzten
schuldig waren.
Der Beste unter den Muhammedanern war Kirgui Pavan, der siebzigjährige
Kameljäger aus Tikkenlik, ein durch und durch ehrlicher, anständiger
Mensch, angenehm und munter im Umgang. Er hielt sich tagelang vor dem
Schreibtisch im Vorderteile auf, wo er die Steuerbordstange führte,
während Aksakal aus Jangi-köll, ein großer, starker, weißbärtiger
Mann von 60 Jahren, die Backbordstange hatte. Es bereitete mir ein
Extravergnügen, der Unterhaltung dieser beiden Greise über die
Aussichten der Fahrt und die beständig größer werdenden Entfernungen,
die sie von ihrer Heimat im Nordwesten trennten, zuzuhören. Sie
zerbrachen sich den Kopf darüber, wie sie überhaupt wieder zurückkommen
sollten, und ich mußte sie wiederholt beruhigen und ihnen versprechen,
daß ich für ihre Rückkehr sorgen würde. Vorläufig war Kirgui Pavan das
Land noch bekannt, und es war ein großer Vorteil, ihn beim Beginnen
jedes neuen Kartenblattes nach der nächsten Hauptrichtung des Flusses
fragen zu können, denn sonst geschah es leicht, daß die angefangene
Zeichnung nach einer Weile über den Rand des Blattes hinausging.
Ördek, der sich so vortrefflich gemacht hatte, meldete sich krank und
mußte zu Kahn nach seiner Heimat zurückgebracht werden. --
Wir hatten beim Einbrechen der Dunkelheit die Fähre vertäut, ich
hatte zu Mittag gegessen und war mit meinem Tagebuch beschäftigt,
als die Hunde zu bellen begannen und ein unbekannter Kahn im Dunkeln
heranruderte und anlegte. Ich glaubte, ein Loplik wolle uns besuchen,
doch es ertönten schnelle Schritte auf dem Seitengange der Fähre,
die Filzvorhänge meiner Kajüte wurden zurückgeschlagen, und die
wohlbekannten Züge des Dschigiten Musa zeigten sich. Er war in 33 Tagen
mit Post von Kaschgar geritten und war uns von dem Lager in Jangi-köll,
das er öde und leer gefunden, flußabwärts zu Boot gefolgt. Die Ankunft
der Dschigiten bildete stets die großen Festtage der Reise, an denen
die Verbindung mit der Heimat und der Außenwelt wieder angeknüpft
wurde. Nachdem Pakete von Briefen, Büchern und Zeitungen auf dem
Fußboden aufgereiht worden, wurde die Kajüte zugemacht, und ich legte
mich hin und las bis um 3 Uhr morgens.
29. Mai. Mein alter Lotse Kirgui Pavan teilte mir wie gewöhnlich die
Namen der Gegenden und einzelnen Stellen mit und erzählte mir alles,
was er von dem Flusse aus früherer und aus jetziger Zeit wußte. An
einen Hügel bei einer einsamen Pappel namens Kamschuk-tüschken-tograk
(die Pappel, wo sich Kamschuken niederließen), knüpfte er eine dunkle
Geschichte von Menschen unbekannten Stammes, aber obenerwähnten
Namens, die vor mehreren Jahrzehnten von Korla gekommen und auf
einigen aus Pappelstämmen zusammengefügten Flößen den Kontsche-darja
hinuntergegangen waren. Es waren etwa fünfzig Familien mit Frauen und
Kindern, aber verhältnismäßig wenig alten Leuten gewesen. Sie reisten
langsam, rasteten hier und dort ein paar Tage, waren arm und tauschten
sich gegen Flinten und Pulver Lebensmittel ein. Kirgui Pavan hatte sie
in seiner Jugend selbst gesehen. Er erinnerte sich, daß sie geschickte
Schützen gewesen, die sich von Fischen und Wildschweinfleisch ernährt
haben. Ihr Führer hieß Jiwen (Iwan?) und hatte das Land vorher allein
besucht, um zu sehen, ob es sich zur Ansiedelung eignete. Beim
Schafschlachten hatten sie nicht ebenso verfahren wie die Muselmänner,
sondern das Schaf erst durch einen Keulenschlag vor die Stirn betäubt.
Ein älteres Mitglied ihrer Gesellschaft war von den Lopbewohnern
Jeghalaghak, der „Weinende“, genannt worden; seine Gattin war gestorben
und lag bei der obenerwähnten Pappel begraben. Auf Befehl Aschur Beks
von Turfan hatten sie nach dreijährigem Aufenthalt im Loplande, wo sie
bis Tscharchlik gekommen waren, auf demselben Wege wieder zurückkehren
müssen. Die Rückreise hatten sie zu Land angetreten und waren in einer
dunkeln Nacht von einem Buran überfallen worden. Hierbei verschwand ein
junges Mädchen, die Braut eines Mannes namens Eweranj. Dieser war vor
Gram beinahe wahnsinnig geworden und hatte seine Verlobte Tag und Nacht
gesucht; da sie sich aber offenbar im Sturme verirrt hatte, hatten sie
sie ihrem Schicksale überlassen und waren weitergezogen. Alle sprachen
fließend „Turki“ und sagten, daß sie Flüchtlinge seien.
Diese unzusammenhängende, bruchstückhafte Erzählung war die einzige
Raskolnikenüberlieferung, die ich im Loplande hörte. --
Gegen Abend begann der Fluß wieder unruhig und launenhaft zu werden;
er teilte sich in mehrere Arme, unter denen wir unseren Weg mit großer
Vorsicht auswählen mußten, und ergoß sich schließlich in den neuen See
+Sattowaldi-köll+, wo wir auf einer kleinen Insel, dem einzigen
in Sehweite befindlichen festen Boden, lagerten. Hier waren die Mücken
noch lästiger als gewöhnlich, und ich hatte in meiner Kajüte ein
brennendes Becken mit Kamischhäcksel, um Ruhe vor ihnen zu haben.
Die nächste Tagereise führte ununterbrochen über Seen und durch ein
Labyrinth von engen Kanälen, in denen wir nur mit Hilfe aufgebotener
Leute vordringen konnten. Wir lagerten jedoch abends wieder auf dem
alten Tarim, der hier 23,8 Kubikmeter in der Sekunde führte.
Nachdem am 1. Juni der Dschigit Musa mit der neu gefüllten Posttasche
wieder zurückgeschickt worden war, setzten wir unseren Weg auf dem
Flusse fort. Der Tarim fing an, unangenehm gewunden zu sein, und der
Wind war uns hinderlich; bisweilen half nicht einmal das Arbeiten
mit Rudern und Stangen, und erst am Abend des 2. Juni erreichten wir
+Ajag-argan+, wo wir auf derselben Landzunge lagerten, wo unser
Zelt schon zweimal aufgeschlagen gewesen war.
Hier blieben wir verschiedener Arbeiten wegen zwei Tage liegen. Die
Muselmänner beschäftigten sich mit gründlicher Reinigung der Fähre. Ich
maß die beiden Flüsse, die der Tarim bei Argan aus dem Tschiwillik-köll
erhält und die zusammen 36,5 Kubikmeter Wasser führten. Wir würden also
während der noch folgenden Tagereisen nicht über Wassermangel zu klagen
haben. Der vereinigte Fluß, der von hier an auch Baba Tarim (Flußgreis)
genannt wird, hatte jetzt 60,8 Kubikmeter in der Sekunde.
Die Strecke am 5. Juni war voller Biegungen und Windungen und führte
durch ziemlich üppigen Wald, der jetzt in seiner größten Sommerpracht
stand. Das Wasser des Flusses hatte 23,5 Grad. Sirkin pflegte oft von
der Fähre hineinzuspringen und eine kleine Schwimmtour um sie herum
zu machen. Ich selbst badete nur um Mitternacht und 7 Uhr morgens,
hatte aber den ganzen Tag über einen großen Zuber mit Wasser in meiner
Kajüte, um mich zwischen den Kompaßpeilungen erfrischen zu können.
Jeden Abend legten die Kosaken ihre Netze aus, und wir konnten uns also
selbst mit Fischen versorgen. Eines Morgens betrug der Fang zwanzig
Stück, die so groß waren, daß ein Fisch gut für einen hungrigen Mann
ausreichte.
Flußabwärts nehmen Bremsen, Mücken und Moskitos in beängstigendem Grade
zu, und wo sie sich zusammentun, hat man keine sonderliche Freude am
Dasein. Sie sind außerordentlich gesellschaftlich und übertreffen
einander an Aufmerksamkeit. Doch gegen sie zu kämpfen, ist ganz
vergeblich; man zieht dabei in jedem Falle den kürzeren. Die Stiche
der Bremsen brennen wie Feuer, und jeden Abend liegen Hunderte dieser
Insekten tot um den Schreibtisch herum, so daß täglich ausgefegt
werden muß. Die Hunde führen einen verzweifelten Krieg mit ihnen und
haben nur nachts Ruhe. Die Hütten, die wir gelegentlich passieren,
sind unbewohnt, und Hirten fehlen, weil ihre Herden von den Bremsen
vernichtet werden würden. Die Kaufleute, die in dieser Jahreszeit
zwischen Tscharchlik und Korla reisen, reiten nur nachts und schützen
ihre Tiere in Kamischhütten.
Wir rasteten bei +Küjüsch+, um dort unser Abendbrot zu essen und
den Fluß zu messen, aber um 10 Uhr brachen wir wieder auf und hatten
noch ein paar Stunden Nutzen vom Monde. Nachdem dieser untergegangen
war, umgab uns tiefes Dunkel. Vor uns war nur die uns führende
chinesische Papierlaterne zu sehen, die, an ihrer Stange schaukelnd,
wie ein Elmsfeuer über das Wasser hinhuschte. Die Nacht war absolut
ruhig und windstill; kein Laut war zu hören, kein Hauch zu spüren.
Die Bremsen schlummerten längst zwischen Gras und Schilf, bisweilen
plätscherte ein Fisch im Wasser, oder man hörte das leise Rauschen um
einen steckengebliebenen Stamm.
Auf der Kommandobrücke saßen die Kosaken, rauchten ihre Pfeifchen und
amüsierten die Gesellschaft mit der Spieldose, wodurch sie auch die
Leute wachhielten, was jedoch infolge der Furcht derselben vor dem
Anprallen gegen überhängende Pappeln und dem Aufgrundgeraten eigentlich
überflüssig war. Sirkin hatte eine gewaltige Ölfackel angezündet, um
die Ufer zu beleuchten, und er und Schagdur berichteten mir ständig
von dem Aussehen der Ufer, z. B. „rechts dichter Wald am Ufer, links
Kamischfelder, Gesträuch und junger Wald“ usw. Die Kompaßrichtungen
wurden nach der Laterne gepeilt.
So gleiten wir denn, von stiller Nacht umgeben, diesen endlosen Fluß
hinab. Alle freuen sich nach einem glühend heißen Tage der erquickenden
Kühle und können jetzt ihre sommerlich dünnen Kleidungsstücke
öffnen, ohne juckende Stiche befürchten zu müssen. Ich begleite am
Schreibtische mit der Flöte die wohlbekannten Melodien der Spieldose,
die Kosaken qualmen ihre Schifferpfeifen, Kirgui ruft dann und wann
sein: „Chabardar“ (gebt acht), wenn er besondere Wachsamkeit für
nötig hält, und Stunde auf Stunde gleiten wir den gewaltigen Fluß
hinab, seinem Grabe in der Wüste entgegen. Das Stundenglas ist bald
abgelaufen; es sind die letzten Pulsschläge, denen wir folgen, und mit
einem Gefühle des Bedauerns sehe ich eine Flußbiegung nach der anderen
hinter uns verschwinden.
Wenn dann die Musik den Reiz der Neuheit eingebüßt hat, stellen sich
Müdigkeit und Schlaflust ein. Die Spieldose verstummt, die Fackel darf
erlöschen, Sirkin pufft Aksakal, dessen geneigter Kopf bedenklich
hin und her schwankt, wird aber selbst eine Weile darauf überrascht,
wie er, den Rücken an die Reling gelehnt und den Kopf über den Rand
hinaushängend, mit weitgeöffnetem Munde eine Serenade zu Ehren des
Sandmannes anstimmt. Hinterlistig gerät seine Mütze ins Gleiten und
fällt ins Wasser, er fährt auf und ist eine Weile munter wie ein Fisch.
Um 2 Uhr nachts erbarmte ich mich meiner müden Diener, die nicht von
denselben Interessen wachgehalten werden konnten wie ich. Wir vertäuten
die Fähre am Ufer, und nach fünf Minuten herrschte an Bord lautlose
Stille.
Wir hatten jedoch nicht lange geruht, als ein neuer Buran heransauste
und meine Filzdecken losriß; er tobte den ganzen Tag und machte uns
das Aufbrechen unmöglich. Erst um 10 Uhr abends nahm er ab und gönnte
uns Zeit zu einer dreistündigen Fahrt. Aber am 8. und 9. Juni hielt
uns der wütende Sturm wieder fest. Kleine Flugsanddünen lagerten sich
überall in der Kajüte ab; man braucht beim Schreiben kein Löschpapier;
ich selbst bin wie mit Puder überschüttet, in der Teetasse kann man,
wenn man sie zuzudecken vergißt, alluviale Gebilde und sedimentären
Schlamm studieren, und Schagdurs Frühstückskotelette sind mehr sandig
als gesalzen.
Ganz passend, um mir während dieses gezwungenen Wartens Beschäftigung
zu geben, langte noch ein Dschigit an, und ich dachte mir gleich, daß
er mir wichtige Nachrichten bringen würde, denn er war ein Extrakurier,
dessen Absendung nicht vereinbart worden war. Konsul Petrowskij teilte
mir denn auch mit, er habe vom Generalgouverneur von Turkestan ein
Telegramm bekommen, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff unter
den jetzigen unruhigen Verhältnissen an mehreren Grenzen Asiens nicht
länger zu entbehren seien, sondern nach Kaschgar zurückgeschickt werden
müßten.
Diese Nachricht traf mich sowohl wie Sirkin, der uns danach in einigen
Tagen verlassen mußte, wie ein Donnerschlag. Wir sprachen lange
darüber und mutmaßten, daß an der sibirischen Grenze ernste Unruhen
ausgebrochen seien; von den wahren Verhältnissen, dem Kriege in China,
hatten wir ja keine Ahnung. Zunächst schickte ich sofort einen Eilboten
mit einem Briefe an Tschernoff, daß er sich unverzüglich nach Abdall
zu begeben habe. Sirkin mußte ja seinen Kameraden erwarten, einzeln
konnte ich sie nicht reisen lassen. Als ich nun vor dieser gezwungenen
Trennung stand, freute ich mich, daß ich in einem von Jangi-köll an
den russischen Kaiser abgegangenen Briefe ausführlich von diesen
beiden Kosaken und den unschätzbaren Diensten, die sie mir geleistet,
gesprochen hatte.
Am Abend des 9. waren wir sehr in Unruhe um Schagdur, der gegen 5 Uhr
auf die Jagd gegangen war. Als er um die Abendbrotzeit, um 9 Uhr, noch
nicht da war, zündeten wir an verschiedenen Punkten des Ufers sechs
Feuer an, die malerisch und unheimlich leuchteten und den feinen Staub,
der noch immer die Luft erfüllte, rot färbten. Doch er kam nicht, und
es war klar, daß er sich verirrt hatte. Ich schickte nun alle Mann mit
Öl- und Kienfackeln nach verschiedenen Seiten aus. Ich hörte ihre Rufe
in der Ferne verhallen und dachte an die Gefahren, die einen einzelnen
Fremdling unter Flugsanddünen, Tigern und Wildschweinen umlauern
können. Es wäre schlimm gewesen, drei von den vier Kosaken auf einmal
zu verlieren.
Die Kundschafter kehrten einer nach dem anderen unverrichteter Dinge
zurück. Um Mitternacht kam Schagdur selbst und berichtete, daß er ein
Reh verwundet habe, das nach Westen in den Sand hinein geflohen sei.
Er habe seine Beute stundenlang verfolgt, und als er beim Eintreten
der Dunkelheit umgekehrt sei, habe er seine Spur verloren, sei aber
gerade nach Osten gegangen. Dann sei er längs des Flusses am Ufer
weitermarschiert, bis er endlich eines der Feuer erblickt habe.
Am 10. konnten wir weiterfahren. +Tuga-ölldi+ (das Kamel starb)
ist eine Gegend auf dem linken Ufer. Mongolen, die zu Jakub Beks Zeit
nach Lhasa pilgerten, pflegten aus Furcht vor Jakub Beks Leuten auf
dem linken Ufer hinzuziehen. Auf einer solchen Reise war eines ihrer
Kamele an diesem Punkte gestorben. Ein längst vergessenes, unwichtiges
Ereignis bleibt so durch den Namen der Nachwelt erhalten. Jetzt
benutzen die Mongolen stets die große Karawanenstraße, die am rechten
Ufer entlang geht.
Bei Schirge-tschappgan hielten wir abends an, um den Fluß an demselben
Punkte wie am 18. April zu messen; die Wassermasse betrug 68,3
Kubikmeter; der Fluß fällt also in dieser Jahreszeit sehr bedeutend.
Nachdem der letzte Dschigit von hier nach Kaschgar zurückgeschickt
worden war, fuhren wir nachts weiter und hatten mehrere Kähne vor uns,
welche die Ufer mit Fackeln erhellten. Es war ein seltsamer Fackelzug,
der in stiller Nacht den Tarim hinabzog, während die Kahnleute ihre
eintönigen, schwermütigen Liebeslieder sangen.
Von der Strecke von Schirge-tschappgan bis +Tscheggelik-ui+ hatte
ich 1896 eine Karte aufgenommen, und als wir am 11. Juni +Ak-köll+
passierten, sah ich, daß die früher hier befindliche große Flußbiegung
verlassen worden war und der Fluß sich quer durch die Landzunge
gearbeitet hatte.
[Illustration: 126. Aussicht vom Passe nach Ost zu Nord (3. Aug. 1900).
(S. 317.)]
[Illustration: 127. Aussicht vom Passe nach Norden (3. Aug. 1900). (S.
317.)]
Im Laufe des Tages hörte der Wald auf, und das Land war nach allen
Seiten hin offen und flach. Die Luft war still, aber noch herrschte
nach all den Stürmen Halbdunkel. Einige Kähne begegneten uns; in dem
ersten saß Temir Bek von Tscheggelik-ui. Er wurde an Bord eingeladen
und teilte mir unter anderem mit, daß es unmöglich sei, mit der Fähre
jenseits seines Dorfes weiterzukommen, denn der Semillaku-köll sei ganz
mit Schilf zugewachsen. Obgleich ich mich nach der frischen Gebirgsluft
und meine Ruderer sich nach Hause sehnten, dachten wir doch mit einer
gewissen Wehmut daran, daß dies die letzte Fahrt unserer alten Fähre
war. In später Nacht vertäuten wir unser Fahrzeug zum letztenmal am
linken Tarimufer, +Tscheggelik-ui+ gerade gegenüber.
Schon am folgenden Morgen schickte ich Kirgui Pavan auf Rekognoszierung
nach den Seen. Er kam mit der Nachricht zurück, daß die Fahrstraße für
die große Fähre unpassierbar sei. Um seine Ansicht zu bekräftigen,
brachte er ein Bündel Kamischstengel mit, deren Länge die Tiefe des
Wassers in den seichtesten Stellen angab. Er glaubte jedoch, daß wir
mit 25 Mann in 4 Tagen einen fahrbaren Kanal herstellen könnten. Dieser
Vorschlag wurde nicht angenommen, weil es bis Abdall nur noch drei
Tagereisen waren. Ich beschloß daher, einige Tage in Tscheggelik-ui zu
bleiben, weil ich der Dunkelkammer noch einmal zum Entwickeln bedurfte
und ein paar neue Fahrzeuge hergerichtet werden sollten.
So brachten wir denn in diesem friedlichen Fischerdorfe eine
behagliche Ruhewoche zu (Abb. 107). Wir lagen am westlichen Ufer und
hatten Aussicht auf das Dorf mit seinen Kamischhütten, auf seine
offenen Ställe (Abb. 108), wo Rinder, Pferde und Esel von Millionen
Bremsen gepeinigt wurden, und den Strand, wo kleine nackte Kinder
umherliefen und zwischen den Kähnen spielten. Der Hintergrund dieses
lebhaften Bildes war ein ~memento mori~, der Begräbnisplatz des
Fischerdorfes mit seinen Stangen und Wimpeln, die über den Wohnungen
der Toten im Winde flatterten.
Jede Nacht arbeitete ich bis 4 Uhr in der Dunkelkammer; Sirkin war
dabei mein Gehilfe, er holte reines Wasser und trocknete die Kopien.
Das Wetter war eigentümlich, denn es stürmte beinahe ununterbrochen
aus Nordosten. Wer sich einen ganzen Frühling und Vorsommer inmitten
dieser ewigen Burane aufgehalten und ihre Gewalttätigkeit und Kraft,
ihre umgestaltende Arbeit kennen gelernt hat, wundert sich nicht mehr
darüber, daß die Verteilung der Wüsten, Seen und Flüsse in diesem Lande
eine ständige Veränderung erleiden muß. Die Arbeit wurde von dem Heulen
des Sturmes begleitet; beim Plätschern der Wellen und dem klagenden
Sausen des Windes im Schilf legte man sich zum Schlafen nieder, und
wenn man erwachte, hatte man wieder dasselbe wohlbekannte Pfeifen,
dieselbe staubgesättigte Atmosphäre um sich herum. Einen Vorteil hatte
dieses Wetter aber doch: es verscheuchte Bremsen und Moskitos und
kühlte die Luft angenehm ab. Bisher hatten wir nur zweimal über +40
Grad im Schatten gehabt, jetzt zeigte das Thermometer selten über 25
Grad, nachts sogar nur +9,3 Grad und 11 Grad.
Die Kosaken machten kleine Ausflüge, um zu jagen und Fische zu fangen,
beschäftigten sich im übrigen aber mit der Herstellung unserer neuen
Fähren, die aus je drei langen Kähnen bestanden. Meine Pontonfähre
wurde etwas ganz Außergewöhnliches (Abb. 110). Ein Bretterfußboden
wurde quer über die Kähne gelegt und darauf ein prismatisches Gitter
von Latten gestellt, das mit Filzdecken überzogen einem Zelte glich.
Als ich am 18. Juni zum letztenmal auf der großen Fähre zu Mittag
gespeist hatte, traf diese das Gesetz der Veränderung; die Kajüten
wurden abgerissen, alle Nägel verwahrt und die mit Sand und Staub
bedeckten Filzdecken ausgeklopft; meine Kisten wurden in die neue
schwimmende Wohnung gebracht, die 26 Mann trug, also für mich, meine
vier Ruderer und das Gepäck mehr als ausreichend war (Abb. 109). Ein
Teil des Proviants wurde unter den Bretterfußboden in die Kähne gelegt,
den Rest beförderten einzelne Kähne, die uns begleiten sollten. Wir
hatten freilich weniger Platz als bisher, aber das neue Zimmer war doch
außerordentlich gemütlich. Die Kosaken wohnten ebenso auf der zweiten
Pontonfähre.