weiß-schäumende Woge gegen die Seite des Kahns anstürmt; man glaubt,
das leichte Fahrzeug müsse im nächsten Augenblick unfehlbar kentern
oder vollständig von dem Schaumfalle unter Wasser gedrückt werden; es
hält aber den Anprall noch aus und hebt sich wieder. Bald aber mußte es
unfehlbar untergehen. Wir trieben daher den Vordersteven dem Lande zu,
wobei die ganze Wassermasse auf das Achter drängte, und der Schiffbruch
fand auf seichtem Wasser mit Sandboden statt, wo man an Land waten
konnte, ohne mehr als bis zur Mitte naß zu werden, und so noch mit Mühe
und Not alle Papiere zu retten vermochte.
Hier zogen wir uns nackt aus und breiteten unsere Anzüge und Sachen auf
dem noch sonnendurchglühten Sande zum Trocknen aus. Die Leute benutzten
die Gelegenheit zu einem Schläfchen, während ich auf besseres Wetter
wartete. Da der Sturm sich aber nicht legte, wir keinen Proviant hatten
und ich der Chronometer halber rechtzeitig wieder daheim sein mußte,
mußten zwei Ruderer die Kähne am Lande entlang führen, während ich die
Kartenarbeit zu Fuß fortsetzte.
[Illustration: 117. Hauptquartier bei Mandarlik. (Blick talabwärts.)
(S. 299.)]
[Illustration: 118. Lager bei Mandarlik. Blick talabwärts. (S. 299.)]
[Illustration: 119. Landschaft oberhalb von Mandarlik. (S. 299.)]
[Illustration: 120. Hauptkamm des Tschimen-tag, oberhalb von Mandarlik
gesehen. (S. 300.)]
Wenn auch die Tiefenmessungen auf dieser Exkursion mangelhaft gewesen
waren, so hatte ich wenigstens die Überzeugung gewonnen, daß die Kähne
bei starkem Wellenschlag geradezu lebensgefährlich sind. Es ist recht
lustig, nach seinen eigenen „Seekarten“ zu manövrieren, aber auf dem
Rückwege hatten wir wenig Nutzen von ihnen. Die Gegend verschwand in
undurchdringlicher Finsternis. Die Männer schienen nach dem Gefühle
zu rudern; sie müssen aber auch Katzenaugen gehabt haben, denn sie
stießen nicht ein einziges Mal an. Schagdur, der Haus und Heim behütet
hatte, zündete auf der Hafenspitze rechtzeitig ein Feuer an, und als
wir an der Fähre anlegten, strahlte es aus den Kajüten so hell wie aus
den Salons eines Flußdampfers.
Nachts stürmte es so heftig aus Südosten, daß die Fähre im Hafen
schlingerte. Der Wasserstand stieg in den letzten Tagen um einige
Zentimeter. Die Einwohner sagen, daß, wenn die große, durch das
Auftauen des Eises verursachte Frühlingsflut vorbei sei, ein zweites,
wenn auch unbedeutendes Hochwasser alljährlich beobachtet werde,
und zwar gerade um die Zeit, wenn die Ölweidenblüten aufbrechen und
die jungen Wildgänse selbständig zu werden beginnen. Wahrscheinlich
hängt diese Erscheinung mit der Verteilung des Luftdruckes während
dieser Jahreszeit zusammen. Uns war jeder Zuschuß zu der Wassermenge
willkommen. Am 16. Mai hatten wir 73,4 Kubikmeter, oder 22 Kubikmeter
weniger als am 7. Mai. So schnell fällt der Fluß, wenn die große
Frühlingsflut vorbei ist.
Wir mußten uns sputen. Am 19. Mai befahl ich, die Anker zu lichten,
nachdem die noch rückständigen Schulden und Belohnungen ausbezahlt
worden waren. Die neuen Fährleute, Ak Käscha, Sadik, Tokta Ahun und
Atta Kellgen, sahen angenehm und verständig aus und waren mit ihrer
Ausrüstung und ihren Stangen bereit. Die englische Jolle manövrierte
ein Loplik, das mit unserem großen Kahne zusammengebundene Segelboot
nahm ein zweiter in seine Obhut, die kleine Lailiker Proviantfähre
und unsere übrigen, jetzt überflüssigen Kähne wurden den Bewohnern
von Jangi-köll geschenkt. Auf der großen Fähre war Ördek Kemi-baschi
(Schiffskommandant), und vor dem Schreibtische hatte der alte Aksakal
Pavan, der uns gern begleiten wollte, seinen Platz.
Die Frauen der Gegend hatten sich in unseren verlassenen Hütten
versammelt, von wo aus sie uns zwischen dem Schilf hindurch begafften,
und als die Fähre von der Strömung erfaßt wurde und mit flotter Fahrt
flußabwärts trieb, begleitete uns am Ufer die männliche Bevölkerung,
die sich jedoch nach und nach verlor, um nach Hause zurückzukehren.
Während der ganzen ersten Tagereise zog sich der Fluß unmittelbar
längs hohen Sandes hin. Wir lagerten auf dem Westufer, der Mündung des
Karunalik-köll gerade gegenüber. Das Programm der jetzt beginnenden
Reise bestand darin, vom untersten Laufe des Tarim und möglichst
vielen der an seinen Ufern liegenden Seen Karten aufzunehmen. Dies
sollte die dritte Marschlinie in dieser Gegend werden. Nur bei
Argan, Schirge-tschappgan und Abdall würde ich Punkte der beiden
vorhergehenden Expeditionen berühren. Beunruhigende Gerüchte waren
freilich in Jangi-köll in Umlauf gewesen. Man hatte gesagt, daß der
Fluß sich immer mehr in neue, östliche Betten hinüberziehe und daß
das Wasser kaum ausreiche, um die Fähre bis an das Ende des Flusses
zu tragen. Wir waren jedoch entschlossen, die Fähre nicht eher zu
verlassen, als bis jedes weitere Vordringen mit ihr wirklich unmöglich
sein würde.
Am 20. Mai machte ich eine Fahrt nach dem See +Karunalik-köll+,
die in jeder Hinsicht glücklich ausfiel und von herrlichem Wetter
begünstigt wurde. Die Lotungen konnten daher kreuz und quer über
den See auf planmäßig ausgewählten Linien gemacht werden. Schon im
Einlaufskanal wurde eine interessante Beobachtung gemacht. Nicht
weniger als 2,3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde strömten vom Flusse
in den See, der also um diese Zeit den Tarim um eine Wassermenge von
200000 Kubikmeter im Tage brandschatzte. So vielen Wassers bedarf es,
um den See auf gleiches Niveau mit dem Flusse zu bringen. Man bekommt
dadurch einen Begriff davon, wieviel Wasser selbst in einem so kleinen
See durch Verdunstung und Einsickern in den Sand verloren geht.
Der See besteht aus zwei elliptischen Becken und gleicht an Gestalt
einer Acht, welches Relief sich bei diesen eigentümlichen Wüstenseen
wie auch bei den trockenen Bajirmulden oft wiederholt. Man findet
daher bei ihnen ständig dieselben Bezeichnungen wie „Bolta“, d. h.
Abschnürung oder schmale Passage zwischen den beiden Becken des
Sees, „Kakkmar“ oder Buchten an den Seiten von „Modschuk“, welcher
Name vorspringende Landspitzen oder Zungen bedeutet usw. Die größten
Depressionen liegen wie bei den Bajiren an den steil abfallenden Dünen
im Osten. Die meisten, wenn nicht alle Pappeln stehen auch am östlichen
Ufer, oft im ärgsten Sande, so daß man sich wundern muß, daß sie nicht
davon erstickt werden. Ihr Schicksal ist aber doch besiegelt, denn
die Dünenmasse wälzt sich unter dem Drucke der Oststürme unausgesetzt
westwärts. Tamarisken und Ölweiden kommen vereinzelt vor, und auf dem
Westufer steht viel Schilf, obgleich nur auf dem Trockenen.
Die Höhe des nächsten dominierenden Dünenkammes wurde mit dem
Nivellierspiegel gemessen; sie belief sich auf 89,5 Meter. Dabei ist
jedoch zu bemerken, daß ich mit dem Spiegel die Höhe einiger anderen
naheliegenden Dünen auf 10 bis 15 Meter mehr schätzen konnte, so daß
diese Dünen auf dem rechten Ufer des Tarim also eine Höhe von zirka 100
Meter erreichen (Abb. 103, 104).
Nachdem wir abends mit der Fähre noch bis an den Einlauf des Ullug-köll
(großer See) gefahren waren, lagerten wir und bestimmten den folgenden
Tag zu einem Ausfluge dorthin. Gleich mehreren anderen Seen auf dem
rechten Tarimufer hat auch dieser in seinem südlichsten Teile zwei
durch eine gewaltige Sanddüne getrennte Buchten.
Fische sind sehr reichlich vorhanden, aber regelmäßiger Fischfang
wird erst dann betrieben, wenn der Fluß so weit gefallen ist, daß der
See abgeschnürt wird und zusammenschrumpft. Dann sollen die Fische
fetter werden und wohlschmeckender sein. Sie werden auf andere Weise
gefangen als in den schilfreichen Seen, wo man in jedem Tschappgan
Netze auslegt. Hier fängt man sie mit einem Schleppnetze, das bis zu 80
Meter lang ist und von zwei Kähnen in seichtem Wasser gerudert wird.
Man bildet erst einen Halbkreis, dann aber schwenkt das eine Boot in
diesen hinein wie in eine Spirale, während andere Ruderer die Fische
mit den Rudern in diesen Schneckengang hineinjagen, wo sie dann in
dem Schleppnetze hängenbleiben, mit diesem aufgenommen und mit einem
Knüttel totgeschlagen werden.
An den Ufern ist das Tierleben durch Rehe und Wildschweine vertreten,
die sich dort jedoch nur sporadisch zeigen. Adler, Seeschwalben und
einige kleine Sumpfvögel waren die einzigen Vögel, die wir sahen. Enten
und Gänse würden hier vergeblich nach Nahrung suchen.
Diese ganze Reihe von Seen, die am rechten Ufer des Tarim wie Blätter
an einem Zweige hängen, sind Schmarotzer, Auswüchse an dem Leibe des
Flusses; sie erhalten von ihm ihre Lebenskraft und würden sterben und
verschwinden, wenn der Fluß eine andere Richtung einschlüge. Im Herbst
sind sie zur Hälfte ausgetrocknet und müssen wieder gefüllt werden. Der
Fluß wird also jährlich ungeheuerer Wassermengen beraubt, die sonst
dem Kara-koschun zugute kommen und der Karte ein ganz anderes Aussehen
geben würden. Man kann sich daher denken, daß, als die Seenreihe noch
nicht vorhanden war, die Lopseen viel größer gewesen sein müssen
als jetzt, und ihre Zunahme ist eine der Ursachen des langsamen
Verschwindens der unteren äußersten Seen.
Am 22. Mai sollte eine lange Fahrt flußabwärts gemacht werden, aber
schon gegen 11 Uhr jagte uns ein toller Südwest in eine Bucht hinein,
in der wir fast den ganzen Tag bleiben mußten. Erst um 6 Uhr konnten
wir weiterfahren. In den ziemlich gerade nach Osten laufenden Teilen
des Flusses ging es mit reißender Geschwindigkeit vorwärts, denn der
Wind half, und wir legten 1,52 Meter in der Sekunde zurück, was von
der Schnelligkeit, mit welcher die Kähne gewöhnlich gerudert werden,
nicht weit entfernt ist. Es war ein Genuß, die Ufer wieder vorbeieilen
zu sehen, und es ging so geschwind, daß ich mit dem Kompaß und der Uhr
aufpassen mußte, um nicht mit der Karte im Rückstand zu bleiben. Sirkin
war mir eine unschätzbare Hilfe; er führte Tiefenmessungen aus, maß
die Stromgeschwindigkeit und von Zeit zu Zeit auch die Geschwindigkeit
der Fähre.
Das Leben an Bord war ebenso ruhig und friedlich wie im Herbst; alle
taten ihre Pflicht. Die Kosaken, die damals noch nicht bei mir gewesen
waren, fanden diese Fahrt höchst vergnüglich. Sie saßen plaudernd vor
ihrer Kajüte oder umkreisten zu Kahn die Fähre, gingen an Land, um in
den Buchten Wildenten zu schießen und belustigten sich nach beendeter
Tagereise mit Fischfang. Wir leben beinahe ausschließlich von Fischen
und Enten, doch konnten wir von den Hirten an den Ufern auch Schafe und
Milch bekommen. Schagdur war mein Koch und Kammerdiener. Ördek, der
Kapitän, kommandierte ein wenig geräuschvoll, versah aber sein Amt in
vortrefflicher Weise. An den Lagerplätzen schliefen die Muselmänner an
Land, die Kosaken und ich an Bord. Jeden Abend wurden die jungen Hunde
gebadet, zum großen Vergnügen der Zuschauer, aber zum Entsetzen für die
kleinen Sündenböcke selber.
Am 23. Mai machten wir eine außergewöhnlich lange Fahrt. Gerade als
wir am Abend mit dem Messen des Flusses beschäftigt waren, erschienen
Nasar Bek, Kirgui Pavan und Temir Schang-ja in ihren Kähnen. Der letzte
wurde sogleich fortgewiesen, weil er ein ausgemachter Schuft war, der
durch seine dressierten Spießgesellen Chalmet Aksakal um eine Partie
Zeugstoffe und andere Waren hatte bestehlen lassen und der überdies die
Bevölkerung seines Distrikts gewohnheitsmäßig aussog. All sein Bitten
half ihm nichts; ich zeigte ihn beim Amban von Tscharchlik an, der ihm
seine Amtstracht und sein Amt entzog.
In Verbindung hiermit möge man es nicht für vermessen halten,
wenn ich sage, daß so lange wir unseren Wohnplatz im Loplande
aufgeschlagen hatten, dort Ordnung und Ruhe herrschten; ich duldete
keine Ungerechtigkeiten gegen die arme, aber redliche Bevölkerung.
Es wurde auch eine Gewohnheit, daß die, denen ein Unrecht zugefügt
worden und die nicht die Kraft und die Mittel besaßen, sich ihr Recht
zu verschaffen, sich mit Bittschriften um Hilfe und Beistand an mich
wandten, und Tura-sallgan-ui ist daher seinerzeit auch der Sitz eines
„Landgerichts“ gewesen, das unserem Lager mit Übergehung von Dural,
Kara-schahr und Tscharchlik, wo chinesische Ambane regieren, den
Anstrich einer Metropole des Landes gab. Bei schwereren Fällen pflegte
ich an die Ambane zu schreiben und sie daran zu erinnern, daß es
ihnen schlimm gehen würde, wenn sie meinen Wünschen nicht nachkämen;
leichtere Rechtsstreitigkeiten aber konnten wir selbst schlichten. Die
Lopbevölkerung wird tatsächlich mehr von ihren Beken und Ambanen als
von Bremsen und Mücken gepeinigt.
Wir bekamen jetzt recht viele Passagiere, unter anderen auch einen
Mann, der nach Kum-tschappgan wollte und es für bequem hielt, auf
diese Weise dorthin zu gelangen; er mußte aber als gewöhnlicher
Matrose gegen freie Station an Bord dienen. Ein Geschwader von neun
Kähnen war aufgeboten worden, um uns einen Weg über die Seen, die wir
heute zu passieren hatten, zu bahnen und uns durch ihre verwickelten
Schilflabyrinthe zu führen. Bei +Keppek-ui+ begann dieses Gewirr
von neugebildeten Seen, die voller Kamisch waren, in dem wir nur mit
Schwierigkeit vorwärtskamen. Alle überflüssigen Passagiere mußten in
die Kähne steigen, und alle Fischer und Ruderer, die das Geschwader
bemannten, begaben sich ins Wasser, zogen aus Leibeskräften und preßten
die Fähre zwischen den kompakten Schilfbeständen hindurch. Über die
Seen Kurban-dschajiri und Süssük-köll ging es dagegen gut, dank dem
nachschiebenden Winde und unseren Leuten, welche die Stangen mit Rudern
vertauschten und die Fähre über ziemlich offenes Wasser ruderten.
Auf der anderen Seite mußten wir uns wieder durch einen Korridor
zwängen, wo das 4 Meter hohe Schilf einer dichten Hecke glich. Das
war ein Geschrei und Lärm in diesem Hohlwege, wo wir drauf und dran
waren, wie in einer Mausefalle steckenzubleiben, ohne vorwärts oder
rückwärts zu können; wir hatten allen Grund zu fürchten, daß dies der
unglückselige Punkt sei, an dem wir die Fähre zurücklassen mußten!
Solange wir festsaßen, hatten wir es schön in dem kühlen Schatten.
Dagegen bildeten die durch die Luft schwärmenden Bremsen (Kökkön)
eine wirkliche Landplage. Unaufhörliches Brummen ertönt in den Ohren;
sie setzen sich klatschend auf das Kartenblatt, lassen sich in meiner
Kajüte häuslich nieder und stechen und quälen uns wie böse Geister.
Ich hätte mich freilich mit dem Moskitonetze schützen können, schämte
mich aber vor den Leuten, die nackt im Wasser gingen und sich gar
nicht beklagten. Bei Sonnenuntergang verschwinden diese scheußlichen
Insekten, aber nur, um Mücken und Moskitos Platz zu machen. In dieser
Jahreszeit hat man im Loplande weder Tag noch Nacht vor den Insekten
auch nur eine Stunde Ruhe.
In den See Tuwadaku-köll war nicht leicht hineinzukommen. Die Passage
war gerade 1½ Meter zu schmal, dazu seicht und winkelig; aber
dies war der einzige Weg, der sich uns bot (Abb. 106). Etwa 20 Leute
arbeiteten ein paar Stunden mit Spaten an der Vertiefung des Kanals
und hieben das Schilf auf beiden Seiten fort; auf diese Weise drang
die Fähre Fuß für Fuß vor. Um die Arbeit zu erleichtern, steckten
wir nach und nach das Schilf in Brand, wodurch kolossale Feuersäulen
und Rauchwolken von dem See aufstiegen. Dieses Verfahren ist jedoch
manchmal recht unangenehm und konnte nur auf der Leeseite der Fähre
vorgenommen werden. Man begab sich sozusagen mit Hab und Gut auf einen
brennenden See hinaus; wäre uns das Feuer zu nahe gekommen, so hätte
der Oberbau der Fähre ebenso hell gebrannt wie das Schilf.
Bei dem Dorfe +Jekkenlik+, das auf einer Insel inmitten des
gleichnamigen Sees liegt und von zwei Familien bewohnt wird, ließen wir
nach einem sehr anstrengenden Tage die Anker fallen.
Die Exkursion, die wir am 25. Mai nach dem Beglik-köll unternahmen,
wurde eine ziemlich muntere Fahrt. Früh am Morgen war die Luft
außergewöhnlich frisch, obwohl das Minimumthermometer nicht unter +16
Grad heruntergegangen war; es ist merkwürdig, wie schnell sich der
Körper an die verschiedenen Temperaturen gewöhnt; im Winter war es
uns bei -10 Grad oft warm vorgekommen. Die Atmosphäre war vollkommen
ruhig, und der Jekkenlik-köll lag spiegelblank, als wir nach dem Dorfe
+Kattik-arik+ hinüber ruderten. Dieses besteht aus zwei Sattmen
mit drei Familien, die uns freundlich begrüßten und uns halfen, die
Kähne über eine schmale Landenge nach dem alten, jedoch noch mit
stillstehendem, klarem Wasser gefüllten Bette des Jarkent-darja zu
schleppen.
Der Abwechslung halber hatte ich Schagdur mitgenommen. Er war im
Ablesen der Tiefen und Geschwindigkeiten schon ebenso geschickt wie
Sirkin; nur eine Eigenschaft machte ihn für diese abenteuerlichen
Seefahrten ungeeignet, und diese bestand darin, daß er nicht schwimmen
konnte.
Still und ruhig lag der Beglik-köll da, und man ahnte kaum, daß
dieser Wasserspiegel von den Mächten des Himmels zu schäumenden Wogen
aufgepeitscht werden könne. Es tat mir beinahe leid, die Spiegelbilder,
die sich naturgetreu wie Photographien auf der Wasserfläche zeigten,
zerstören zu müssen. Heißer denn je brannte die Sonne. Ich mußte meinen
weißen Anzug unaufhörlich mit Wasser bespritzen, um es einigermaßen
kühl zu haben. Der ganze Tag wurde diesem See gewidmet, und dennoch
kamen wir nicht mehr dazu, die Messungen auf ein paar Fjorden ganz zum
Abschlusse zu bringen. Einer von ihnen wurde von einem Dünenkamme aus
in die Karte eingetragen. Der Sand war glühend heiß, er brannte durch
die Schuhsohlen, und es war daher schön, eine Weile auf der Kahnreling
zu sitzen, mit den Füßen im Wasser zu plätschern und eine Pfeife
Virginia zu rauchen.
Wir hatten dort noch nicht lange gesessen, als mein alter Freund Kirgui
Pavan, auch Kurban genannt, auf die hohen, steilen Dünen des uns gerade
gegenüberliegenden östlichen Ufers zeigte und mit fragendem Tone
„Kara-buran“ (schwarzer Sturm) sagte. Dort sah man eine dunkle, ein
wenig schräge Säule mit einem Kapitäl aus helleren Wolken am Horizont
aufsteigen. Ähnliche Säulen tauchten nach und nach in langen Reihen
auf beiden Seiten der ersten auf, Händen und Fingern vergleichbar; sie
zogen sich allmählich zu einer zusammenhängenden Wand mit gezähnten
Konturen zusammen, die immer höher wurde. Wir schwebten nicht länger
über das, was uns bevorstand, in Ungewißheit.
Einen Augenblick überlegten wir die Situation. Die Lopleute stimmten
dafür, zu bleiben, wo wir waren; darauf konnte ich aber durchaus nicht
eingehen, nicht weil wir nicht genügend Proviant hatten und ich die
Nacht lieber in meiner bequemen Hütte zugebracht hätte, sondern einzig
und allein, weil die Chronometer zur bestimmten Zeit aufgezogen werden
mußten. Kirgui Pavan war gar nicht dafür, bei einem von Osten kommenden
Sturme am Westufer zu liegen. Er war außerordentlich vorsichtig und
klug, hatte aber nie Angst, und wenn Gefahr vorhanden war, verlor er
nie seine Kaltblütigkeit. Jetzt machte er seine Berechnungen und schlug
dann vor, wir sollten versuchen, die Mündung des schmalen Kanales zu
erreichen, der den Beglik-köll vom Flusse aus mit Wasser versieht und
der so lang ist, daß wir am Morgen zwei gute Stunden gebraucht hatten,
um ihn zurückzulegen. Doch von seiner Mündung trennte uns die größte
Partie des Sees mit einem breiten Fjord, der sich westwärts in den See
hineinzieht.
Nach dem Ostufer hinüberzugehen, wo wir unter den Dünen Schutz gehabt
hätten, wäre das beste gewesen; aber obwohl der See noch so gut wie
ganz ruhig dalag, rieten doch alle davon ab, denn die Entfernung war
zu groß und es wäre uns nicht gelungen, noch hinüberzukommen. Es blieb
uns also nichts weiter übrig, als die Fjordmündung zu kreuzen und dann
am nördlichen Seeufer, wo wir zwischen kleinen Holmen und Inseln Schutz
finden würden, entlang zu rudern.
Die Männer ruderten mit solcher Kraft, daß ich erwartete, die Ruder
zerspringen zu hören; diese standen so straff gespannt im Wasser wie
Pfeilbogen, als wir über das stille Wasser hinsausten, und der Schaum
spritzte büschelförmig vom Bug der Kähne auf (Abb. 105). Wir machten
fast 9 Kilometer in der Stunde. Die Leute waren fürchterlich ängstlich
und unausgesetzt riefen sie mit dumpfer, hohler Stimme: „ja Allah!“
Noch war die Atmosphäre still, aber deutlich fühlte man, daß eine
fürchterliche Revolution bevorstand, und man sah, wie der Sturm an
Boden gewann.
„Jetzt ist er schon auf den äußersten Dünen“, sagte Kirgui Pavan in
demselben Augenblick, als sich ihre Konturen auflösten und wie auf
einer Schiefertafel ausgelöscht wurden; im Nu verschwand die ganze
Dünenwand, der ganze Strand in dickem, gelbgrauem Nebel. „Rudert,
rudert, Kinder, es gibt einen Gott.“ fügte er, die Leute anfeuernd,
hinzu. „Chodaim var“ (es gibt einen Gott) war in allen kritischen
Fällen sein stehender, beruhigender Wahlspruch.
Jetzt kamen die ersten Windstöße aus Ostnordost, dann hörte man das
Brausen, als der schwarze Sturm auf das Wasser niederschlug, welches
zischte und spritzte und in wenigen Minuten mit hohen, dunkeln,
rollenden Wogen in völligem Aufruhr war. Je näher der Sturm kam, desto
angestrengter wurde gerudert, und die Geschwindigkeit betrug jetzt bis
an das Nordufer sicherlich 10 Kilometer. „Wir kommen nicht mehr hin,“
riefen sie, „ja Allah!“
Ich steckte die wenigen mitgenommenen Instrumente zu mir, zog mir
Schuhe und Strümpfe aus und war auf alles gefaßt. „Jetzt ist er hier!“
schrien unsere Ruderer, die alle auf den Knien lagen, die Ruder fester
fassend, und die Ruderschläge folgten so dicht aufeinander, als würden
die Arme der Ruderer mit Dampf getrieben.
Gerade als der Sturm uns erreichte und die leichten Boote umgerissen
hätte, wenn wir uns nicht rechtzeitig luvwärts gebeugt hätten, wurden
wir in dicken Nebel gehüllt, der aus lauter feinem Staube bestand.
Jetzt verhüllte er auch das westliche und nördliche Ufer, und recht
ernste Gefühle bemächtigten sich unserer, als wir nichts weiter
sahen als tobende Wellen, zwischen denen die Kähne wie Strohhalme
verschwanden.
Kirgui Pavan aber und seine Ruderer kannten einen feinen Kniff, der
darin bestand, bei jeder heranstürmenden hohen Welle die Kähne ein
bißchen gegen den Wind zu kehren; auf diese Weise nahmen wir nicht so
sehr viel Wasser ein, obwohl wir alle von dem aufspritzenden Gischt
völlig durchnäßt wurden.
Wir waren noch im letzten Augenblick vom Westufer aufgebrochen; ein
paar Minuten später und die Kähne wären untergegangen. Schön war es,
als wir endlich die am Nordufer stehenden Tamarisken wie dunkle Flecke
durch den Nebelschleier schimmern sahen, und bald darauf befanden
wir uns im Schutze eines vorzüglichen Wellenbrechers, einer langen,
schmalen Halbinsel.
Sirkin und Nasar Bek hatten sich unsertwegen sehr beunruhigt, und
letzterer begab sich selbst mit zwei großen Kähnen von Jekkenlik
nach dem Beglik-köll, um uns Entsatz zu bringen. Wir trafen ihn
und seine Begleiter in der Nähe der Kanalmündung, und sie waren
freudig überrascht, uns wohlbehalten auf dem Rückwege zu sehen. Er
hatte Betten, warme Kleidungsstücke und Proviant mitgebracht, eine
vollständige Ausrüstung, die Sirkin für den Fall, daß wir am Abend
nicht zurückkehren könnten, zurechtgemacht hatte.
[Illustration: 121. Aufbruch ins tibetische Hochgebirge. (S. 300.)]
[Illustration: 122. Zwei gefangene Kulanfüllen. (S. 309.)]
[Illustration: 123. Die Kulanfüllen von vorn gesehen. (S. 309.)]
[Illustration: 124. Ein Parallelkamm des Arka-tag, von Lager Nr. 19 aus
gesehen. (S. 315.)]
[Illustration: 125. Einige unserer Pferde im südlichen Quertale (3.
Aug. 1900). (S. 317.)]
Bei solchem Wetter, in dem man nicht sieht, nach welcher Seite
man schwimmen muß, hätte ein Schiffbruch draußen auf offenem See
verhängnisvolle Folgen haben können. Alle, außer Schagdur, waren
allerdings gute Schwimmer; dagegen ist die Tragkraft der Kähne, wenn
sie erst mit Wasser gefüllt sind, gering; die Instrumente wären wohl
für immer verloren gewesen.