Sodann gehen wir einen mächtigen Flußarm hinauf, der lauter Sand

durchschneidet und Lailik-darja heißt. Indem ich von Zeit zu Zeit

die Wassermenge in diesem östlichen Arme auf dem Wege aufwärts maß,

würde ich allmählich seinen Charakter erforschen und ausfindig machen

können, wieviel Wasser unterwegs in den Seen verloren geht, sich durch

Verdunstung verflüchtigt, in den Boden einsickert usw.

Der Sadak-köll hatte sein Aussehen in den vier Jahren vollständig

verändert. Er war mit Schilf zugewachsen und voller Sand und

Anschwemmungen, in denen ein Flußarm mit starker Strömung entstanden

war. Die Hütten, bei denen ich damals vom Sturme aufgehalten wurde,

standen noch. Ihre Bewohner waren größtenteils noch dieselben; sie

erkannten mich wieder und empfingen uns mit der größten Freundlichkeit.

Sie nennen ihr mit 26 Menschen bewohntes Dorf +Merdektik+,

nach einem neugebildeten Arme des Merdek-köll. Schritt für Schritt

sehen wir, wie das ganze hydrographische System nach Norden und

Osten wandert, um dereinst wieder in das Seebecken des alten Lop-nor

zurückzukehren.

Von dem Dorfe begleitete uns ein Fischer in seinem Kahne und zeigte uns

den gegen die ziemlich reißende Strömung angehenden Weg nach Norden.

Tschernoff hatte uns eine 6 Meter lange Stange besorgt, die er in Meter

und Dezimeter eingeteilt hatte, so daß er die Tiefen direkt ablesen

konnte, wenn ich Sondieren für wünschenswert hielt. Längs der Ufer

stand reicher Tograkwald in seinem ersten, zarten Lenzgrün und wirkte

da, wo er, wie hier, die gelbe, öde Sandwüste als Hintergrund hatte,

besonders anziehend.

In +Kulaktscha+ machten wir eine kurze Frühstücksrast; dort

wohnten noch immer fünf Familien, lauter alte Bekannte von 1896. Seit

meinem vorigen Besuch hatten die Hirten der Gegend eine ziemlich

feste Brücke (Abb. 94) von Balken, Ästen und Kamisch über den Fluß

geschlagen, um ihr Vieh im Sommer von einem Ufer nach dem anderen

hinübertreiben zu können. Sie ist so niedrig, daß man mit belasteten

Kähnen nur gerade unter ihr durchfahren kann; aber sie ist pittoresk,

wie sie ihre Pfähle und Balken in dem Ilek spiegelt, dessen Wasser

schwarz wie Tinte, aber auch klar wie Kristall ist.

Dann ruderten wir mit einer Geschwindigkeit von 1,8 Meter in

der Sekunde zwischen üppigen Wäldern und undurchdringlichen

Schilfdickichten weiter und langten bei Sonnenuntergang unter

Mückentanz in +Kum-tschekke+ an, wo wir gleichfalls von Freunden

aus dem Jahre 1896 empfangen wurden.

Mit ihnen machte ich am folgenden Tage eine Fahrt nach dem Merdek-köll,

um von diesem eine Karte aufzunehmen. Dieser Fluß empfängt sieben

Kubikmeter Wasser vom Ilek und hat Tiefen bis zu 7,4 Meter, also viel

bedeutendere als der Kara-koschun.

Von Kum-tschekke gingen wir weiter den Fluß hinauf, der noch immer

außergewöhnlich tief ist und von prächtigen Wäldern eingefaßt wird. Es

ist eine sehr schöne Gegend, die mit ihrem Kanale und ihrem blanken,

dunkeln Wasserspiegel einem Parke gleicht, und es ist eine Freude, die

unaufhörlich wechselnden Uferszenerien zu betrachten (Abb. 95, 96).

Von dem See und Dorfe +Tosgak-tschantschdi+ an nahmen wir neue

Ruderer, und ich machte einen Ausflug nach dem auf der vorigen Reise

entdeckten Arka-köll.

Auf der folgenden Tagereise wurde mitten im Flusse eine der größten

Tiefen gelotet, die ich im ganzen Tarimsysteme je gefunden habe, 12,55

Meter. Von dem Punkte, wo wir am Ufer lagerten, unternahm ich wieder

eine Bootexkursion nach dem nahegelegenen +Tajek-köll+. Ich hatte

nur einen Mann bei mir, und der Kahn mußte einen halben Kilometer über

Land von dem Flusse nach dem See getragen werden. Der Tajek-köll, an

dessen östlichem Ufer wir 1896 mit Kamelen durch mühsames Terrain

wanderten, ist ziemlich offen und hat in der Mitte Tiefen von 5,7

Meter, 6,9 Meter und 9,5 Meter, die also beinahe doppelt so groß sind

wie die tiefsten Stellen des Kara-koschun.

Als ich wieder ins Lager kam, war das Zelt so voller Mücken, daß sie

ausgeräuchert werden mußten, worauf die Leinwand auf allen Seiten

zugezogen und Jolldasch angebunden wurde, damit er nicht, wie er zu

tun pflegte, aus und ein liefe und diese verwünschten Insekten, die

uns jetzt abends zu plagen begannen, mitbrächte. Es ist eine Art

großer hellgrauer Mücken, die ihr Opfer mit unglaublicher Energie und

unglaublichem Eigensinn umschwärmen; sie hinderten mich am Schreiben

sowie an jeder anderen Beschäftigung. Man ist ihrem Blutdurste, gegen

den der eines Tigers nichts ist, völlig preisgegeben. Sie zeigen eine

Todesverachtung, die nicht Mut, sondern Dummdreistigkeit ist, greifen

von allen Seiten an und gehen gern in den Tod, wenn sie nur erst eine

tüchtige Mahlzeit Blut haben einsaugen können.

Am 27. brachen wir bei Tagesgrauen aus diesem unwirtlichen Mückenneste

auf. Es dauerte nicht lange, so fegte ein warmer, dunstiger Südwestwind

über das Wasser in diesem unheimlich verwickelten Labyrinthe von

Seen, Sümpfen und Flüssen hin. Wir folgten unserem alten Ilek

aufwärts; er gleicht kaum einem Flusse, sondern eher einer offenen

Gasse in einem Sumpfsee. Unsere Richtung ist anfangs nördlich, aber

beim +Suji-sarik-köll+ (See des gelben Wassers) biegen wir nach

Westen ab, um in ungeheuer verwickelten Dickichten und Dschungeln von

Kamisch, durch die ein schlecht instandgehaltener Tschappgan führt, zu

verschwinden (Abb. 97). Drinnen ist es dunkel und schwül; das Kamisch

ist von den Stürmen über den engen Wasserweg gelegt worden und ist mit

Staub und Flugsand bedeckt. Stellenweise bildet das Ganze eine Brücke,

auf der man bequem weite Strecken über das im allgemeinen 2 Meter tiefe

Wasser gehen kann. Es war jedoch nicht immer ganz leicht, unter diesen

mächtigen natürlichen Gewölben, wo man so staubig wird wie auf einer

Landstraße, vorzudringen. Zwischen Milliarden von Schilfstengeln rinnt

das Wasser nach dem Ilek hinab. Diesen Abend lagerten wir im Dorfe

+Scheitlar+, das wir auch im Winter besucht hatten (Abb. 98); ich

erhielt also einen Anknüpfungspunkt an die Karte der Expedition nach

Tschertschen.

[Illustration: 113. Tokta Ahun und seine Mutter in Abdall. (S. 275.)]

[Illustration: 114. Tamarisken bei Tattlik-bulak. (S. 292.)]

[Illustration: 115. Frauen und Kinder der Loplik. (S. 278.)]

[Illustration: 116. Das Gerüst meiner Jurte. (S. 292.)]

Von diesem Punkte aus machte ich am folgenden Tage mit zwei Führern

einen Ausflug nach dem +Kara-köll+. Wir mußten 4,1 Kilometer

zu Fuß gehen, ehe wir an sein Ufer gelangten, wo ein Kahn im Schilfe

angebunden lag. Auch jetzt hatten wir einen Nordoststurm von der

schlimmsten Sorte uns gerade entgegen. Wir ruderten um die größte

offene Wasserfläche des Sees herum, indem wir uns längs des Schilfes

oder innerhalb seines äußeren Randes, wo der Wellenschlag gemildert

war, bewegten. Im Kara-köll sieht man ganze Fladen von Kamischwurzeln,

die mit Lehm, Schlamm und verfaulten Algen vom Seeboden zusammengeballt

sind und teils auf dem Wasser, teils ein wenig unter der Oberfläche

treiben. Sie werden von der Bevölkerung „Sim“ genannt und sehen oft

aus, als könnten sie einen Mann tragen. Sie zeigen jedenfalls deutlich,

daß die Wasservegetation einer der Faktoren ist, die zur Verseichtung

dieser ausgedehnten, wenig tiefen Sumpfseen beitragen.

Mit Tschernoff als Gehilfen maß ich jeden Arm, jeden Kanal, der Wasser

nach dem Ilek und nach Argan führte und gewann die interessantesten

Resultate, unter anderem den Beweis, daß das Wasser des Tarim sich

seit meinem vorigen Besuche in immer größerer Menge in dieses östliche

System hinübergezogen hatte.

Mit neuen Booten und Ruderern fuhren wir am 29. nach Westen und

Nordwesten, den gewaltigen See Tschiwillik-köll kreuzend, der

bedeutende offene Wasserflächen besitzt, aber gleich den anderen

größtenteils von Schilf und Binsen überwuchert ist. Bei dem Dorfe

+Kadike+, das 40 Bewohner zählt, durften die anderen lagern,

während ich mit zwei Kähnen nach dem Awullu-köll weiterfuhr, um seinen

Zusammenhang mit den übrigen Wasserwegen zu untersuchen.

In Kadike gesellten sich am nächsten Tage Kirgui Pavan und Schirdak

Pavan, meine alten Führer, zu uns, und erst jetzt erhielten wir die

Nachricht von Parpi Bais Tod. Als wir uns vor ein paar Tagen von

Faisullah trennten, der sich schleunigst nach Tura-sallgan-ui begeben

sollte, hatte er den Befehl an Parpi Bai und Tscherdon mitgenommen,

mit der Hauptmasse der Karawane nach Tschimen vorauszugehen, damit die

Tiere nicht unnötig von Bremsen und Mücken gepeinigt würden. Doch Parpi

Bai sollte von dem Vertrauen, das ich zu seiner Fähigkeit hegte, eine

große Karawane leiten zu können, nie Kenntnis erhalten.

Am 1. Mai hatten wir wieder neue Boote und neue Leute, darunter

Kirgui und Schirdak. Die Fahrt ging auf dem Kuntschekkisch-Tarim nach

Westnordwest. Bei Dargillik sind im Walde noch Spuren von etwa 20

Hütten, nach denen die Beke von Turfan sich unter der chinesischen

Herrschaft vor Jakub Beks Zeit über Turfan-köbruk am oberen Ilek

begaben, um die hauptsächlich in Otterfellen bezahlten Steuern für den

Kaiser einzutreiben. Sie pflegten Geschenke in Gestalt von Mehl für

die Beke und die Bevölkerung des Landes, die sich in ihren Kähnen von

allen Seiten hier einfanden, mitzubringen. Dargillik war damals eine

Art Marktplatz, und alle sehnten sich dorthin, in der Hoffnung, mit

einem Beutel Mehl zurückzukehren, denn damals wurde im Loplande noch

kein Ackerbau getrieben.

Bei dem Lager +Dillgi+ fanden wir, daß jetzt 84,3 Kubikmeter

Wasser dem Tschiwillik-köll zuströmten, aber ein paar Tage vorher

hatten wir 91 Kubikmeter gemessen, die aus ihm abflossen. Dieses beim

ersten Anblick seltsame Verhältnis beruht darauf, daß der Zufluß schon

angefangen hat, abzunehmen, so daß der See, der als Reservoir wirkt,

sich noch eine Zeit lang mehr Wassers entledigt, als er empfängt.

Die drei folgenden Tage ruderten wir angestrengt flußaufwärts. Am 4.

Mai lagerten wir bei dem alten Naser Bek in +Tikkenlik+ (Abb.

99) und erhielten gute Nachrichten aus dem Hauptquartier. Der 5.

wurde Tikkenlik geopfert, denn am Morgen langte die erste Karawane

aus Tura-sallgan-ui unter Tscherdons Oberbefehl hier an und mußte

inspiziert werden. Die übrigen Teilnehmer waren Faisullah, Mollah

Schah, Musa, Kutschuk und zehn Loplik samt 35 Pferden, 5 Mauleseln und

5 Hunden; Menschen wie Tiere waren in gutem Zustand. Das Gepäck der

Karawane war imponierend und bestand aus Reis, Mehl, Konserven usw.,

der privaten Habe und den Kleidungsstücken der Leute, einem großen

mongolischen Filzzelte und unzähligen anderen Dingen. Eine kleine

Strecke außerhalb des Dorfes hatte die Karawane ihr großes Lager

aufgeschlagen. Nach dem von mir durch Faisullah gesandten Befehl sollte

sie den großen Karawanenweg bis Abdall benutzen und von dort direkt

nach Tschimen in Nordtibet gehen, ein passendes Standlager aussuchen

und meine Ankunft dort abwarten, wobei vor allem dafür gesorgt werden

sollte, daß die Tiere gut gepflegt wurden, damit sie die Strapazen, die

ihrer im Sommer warteten, aushalten konnten.

Der Amban von Tscharchlik, Dschan Daloi, passierte Tikkenlik während

meiner dortigen Anwesenheit. Er war auf dem Wege nach seiner

Residenzstadt und zeigte sich als ein ungewöhnlich liebenswürdiger,

artiger, feiner Chinese, der mir später von großem Nutzen sein sollte.

Am 6. Mai wechselten wir zum letzten Male auf dieser langen Fahrt die

Ruderer und Kähne. Wir brauchten leichte Fahrzeuge und starke Muskeln,

denn ich beabsichtigte, die uns noch von Jangi-köll trennende Strecke

möglichst schnell zurückzulegen. Über den +Kalmak-ottogo+-Arm

(Abb. 100) gelangten wir wieder in den Tarim, wo wir am 7. gute Hilfe

vom Winde hatten, was bei der starken Strömung, die jetzt nach der

Eisschmelze herrschte, auch sehr nötig war.

Den letzten Tag lag wieder Staubnebel schwer über dem Lande. Bei

+Artillma+ ersparten wir uns eine große Flußbiegung dadurch,

daß wir die Kähne über eine schmale Landzunge schleppten. Als wir

schließlich an unseren wohlbekannten Strand mit der einsamen Pappel

gelangten, standen alle Mann zu unserem Empfang bereit. Sirkin

berichtete über alles Vorgefallene und überreichte das meteorologische

Journal nebst seinen Aufzeichnungen und Beobachtungen über die

Veränderungen des Flusses während meiner Abwesenheit. Auf dem Korso

hatten sie eine hübsche kleine mongolische Jurte aufgeschlagen, in der

ich von nun an wohnte. Die Kosaken logierten in der Kamischhütte, Islam

und Turdu Bai im Zelte. Die Fähre lag im Hafen vertäut und sollte jetzt

wieder zu Ehren gelangen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Gefährliche Wasserfahrten.

Durch die Rückkehr in das alte Winterquartier war ein neues Glied in

die Kette der Exkursionen eingefügt worden und hatte ein neues Kapitel

der Reise seinen Abschluß gefunden. Der unschätzbaren Operationsbasis,

die wir in Jangi-köll gehabt hatten, bedurften wir jetzt nicht länger,

denn jetzt sollte all unser lebendes und totes Hab und Gut nach anderen

Gegenden Asiens, in eine neue Welt und neue Verhältnisse übersiedeln:

auf die unwirtlichen Berge zwischen dem Himalaja und dem Kwen-lun,

welche die mächtigste Erhebung der Erdrinde bilden.

Die zehn Tage, die ich jetzt im Hauptquartiere zubrachte und die

zur Ruhe so sehr notwendig waren, vergingen sehr schnell unter

mannigfaltigen Beschäftigungen. Zuerst wurden alle Geschäfte mit

Chalmet Aksakal von Korla abgeschlossen, der uns Pferde und Proviant

auf lange Zeit hinaus besorgt hatte und der, als er uns verließ, meine

große Post nach Europa mitnahm.

Unterdessen waren die Kosaken durchaus nicht müßig. Sie veränderten

den Oberbau der Fähre in besonders bequemer, gemütlicher Weise. Unser

altes Schiff sollte nämlich bald wieder in Gebrauch treten, da die

Reise den Tarim hinunter fortgesetzt werden sollte. Statt des Zeltes

wurde auf dem Vorderdeck eine ordentliche Hütte errichtet, die ganz

wie die Dunkelkammer aussah, nur mit dem Unterschiede, daß die Latten

mit weißen Filzdecken tapeziert wurden. Die Vorderwand bildeten zwei

Filzvorhänge, von welchen der rechte vor dem Schreibtische nur nachts

heruntergelassen wurde. Hier wurde auch eine kleine Markise gegen die

Sonne, die mir sonst auf der Fahrt nach Süden sehr lästig geworden

wäre, angebracht. An die aus Brettern bestehende Backbordlängswand

wurden drei meiner Kisten gestellt, von denen eine als Eßtisch diente.

Das Bett hatte seinen Platz an der Steuerbordlängswand, die nur aus

einer großen herabhängenden Filzwand bestand. Ein Teppich wurde dagegen

nicht auf den Boden gelegt; die Behausung sollte so luftig wie möglich

sein. Das meteorologische Observatorium hatte denselben Platz wie

früher, und die Instrumente ließen sich bequem von drinnen ablesen,

wenn ich nur den kleinen Filzvorhang ein wenig zurückschlug. Die

Decke bildeten sieben mit einem Teppiche bekleidete Latten. Von einer

derselben hing an Stahldrähten ein mehr als einfacher „Kronleuchter“

herab.

Als die neue Residenz fertig war, wurden all meine Habseligkeiten

dorthin gebracht, außer den Sachen, deren ich auf dem Flusse nicht

bedurfte und die mit der Karawane gingen. Meine kleine Mongolenjurte

wurde zusammengelegt und an Bord verstaut, denn ich wollte von ihr auf

der Reise nach dem neuen Hauptquartier im Gebirge Gebrauch machen.

Das neue Studierzimmer war so einladend und gemütlich, daß ich nicht

begriff, wie ich mich auf der langen, kalten Herbstreise mit dem Zelte

hatte begnügen können; die Filzdecke, die das Eindringen der Sonnenglut

verhinderte, hielt auch die Wärme im Zimmer fest. Am besten von allem

war, daß ich in dieser angenehmen Wohnung auf dem Tarim bis an den

Punkt bleiben konnte, wo wir früher oder später unsere gute alte Fähre

würden im Stiche lassen müssen, was sich, wie ich hoffte, noch recht

lange würde hinausschieben lassen.

Auf dem Achterdeck bauten sich die Kosaken aus Brettern und Filzdecken

eine ähnliche Kajüte, in der sie ihre Sachen unterbrachten. Sirkin

hatte dort seinen kleinen Beobachtungstisch mit Aneroiden, einer

Uhr, Wasserthermometern, Strommessern, Bandmaßen, Papier und

Schreibmaterial. Er war mir auf der Reise nach Abdall ein unschätzbarer

Sekretär.

Die Arbeit an der Fähre war schnell erledigt. Weil die Kosaken vor dem

Aufbruche nicht müßig gehen sollten, gab ich ihnen ein neues Problem zu

lösen. Die kleine englische Segeltuchjolle taugte zu allem, nur nicht

zum Kreuzen; da aber unsere Freunde, die Fischer und die Bootsleute, es

einstimmig für unmöglich erklärten, ohne Zuhilfenahme der Ruder gerade

gegen den Wind anzugehen, fühlte ich mich versucht, sie in Erstaunen zu

setzen und ihnen einen schlagenden Beweis von der Richtigkeit meiner

Behauptung des Gegenteils zu geben.

Ich schnitzte daher ein kleines Modell, und nach dieser Vorlage hieben

die Kosaken aus einem Pappelstamme ein Segelboot zurecht, dessen

Rumpf nach allen Regeln der Kunst geformt wurde. Mit eisernen Krampen

wurde am Boden ein loser Kiel und unter diesem ein paar Eisenstangen

befestigt. Darauf wurde das Boot mit Leder gedeckt, das so fest

gespannt wurde wie ein Trommelfell; ein abnehmbarer Mast hatte seinen

Platz am Vorderteil, und das Fahrzeug trug ein einziges Segel. Unser

Schmied verfertigte ein vortreffliches Steuer mit Ruderzapfen, drehbar

auf zwei Stiften. Am Boden wurden zwei Sandsäcke festgemacht, um dem

an und für sich schwankenden Fahrzeuge etwas Halt zu geben. Es trug nur

einen Mann und war so schmal, daß der Segler kaum im Achter Platz fand

und, so gut er konnte, mit den Beinen auf der Reling balancieren mußte.

Während all dieser Arbeiten hatte sich der freie Platz in unserem

Dorfe, wo abends treu die chinesische Laterne brannte, aus einem Markte

in eine Werft verwandelt, und mit Interesse und Neugierde verfolgten

die Eingeborenen unser Tun (Abb. 101). Als das Boot fertig war und bei

starkem Winde auf dem Flusse probiert wurde, versammelten sie sich

an den Ufern und legten die größte Verwunderung über meine Manöver

an den Tag. Das Boot kreuzte leicht und gehorchte willig dem Steuer,

aber man durfte nicht gegen Nässe empfindlich sein, denn die Reling

tauchte gewöhnlich unter die Oberfläche, und das Wasser stürzte in den

Achterraum, den es bald füllte. Das Boot ging ausgezeichnet schnell,

und seine Benutzung war ein erquickender Sport an den Tagen, da wir mit

der großen Fähre starken Windes halber nicht weiter konnten.

Am Abend des 17. Mai besuchten alle Muselmänner Parpi Bais Grab

und sprachen dort ihre Gebete; es war ihr letzter Abschiedsgruß

an den alten Kameraden. Darauf wurde die Bevölkerung der Gegend

zusammengetrommelt, und Holzfäller, Wasserträger, Hirten und alle, die

uns sonst Dienste geleistet hatten, erhielten ihre Bezahlung.

Als ich am folgenden Morgen aus meiner Kajüte trat, standen die neun

Kamele bereit und warteten auf ihre Lasten, die schon geordnet und

an den Leitern festgebunden waren. Es war ursprünglich beabsichtigt,

daß sie nachts marschieren sollten, um von den Bremsen verschont zu

bleiben, die sie besonders jetzt, da sie nach dem Haaren nackt und

empfindlich sind und mit den vereinzelten Haarbüscheln auf Kopf und

Höckern wie junge Krähen aussehen, entsetzlich peinigen. Da sie aber

lange geruht hatten und an das Gehen mit Lasten noch nicht gewöhnt

waren und daher wahrscheinlich anfangs spielen und bocken würden,

beschlossen wir, daß sie die ersten Märsche bei Tag zurücklegen und

erst, sobald sie sich eingewöhnt hatten, nachts marschieren sollten.

Islam, Turdu Bai, Chodai Kullu und zwei Lopleute führten die Karawane;

Tschernoff hatte den Auftrag, sie nach dem Gebirge zu eskortieren.

Maschka, Jolldasch und die beiden, jetzt schon tüchtig gewachsenen

jungen Hunde Malenki und Maltschik wurden angebunden, damit sie nicht

mit der Karawane liefen (Abb. 102). Als meine besonderen Lieblinge

sollten sie mir auf der Fähre Gesellschaft leisten. Die übrigen Hunde

dagegen durften die Karawanenreise mitmachen; Jollbars, dem ein

Wildschwein einen schlimmen Riß in der Seite beigebracht hatte, sollte

nach seinem Belieben handeln. Er lag, seine Wunde leckend, in meiner

alten Hütte, erholte sich aber wieder und begleitete mich später auf

dem Wege nach Lhasa.

Als die Kamele mit ihren hohen Lasten und die Männer in farbigen

Gewändern, von einer Menge Schaulustiger umgeben und von berittenen

Lopleuten und Beken begleitet, durch Schilf und Unterholz fortzogen,

boten sie ein schönes, farbenprächtiges Schauspiel. Doch in

Tura-sallgan-ui war es, als sie fort waren, öde und leer geworden. Das

Dorf lag verlassen, und sogar die Laterne war fort; auf dem Markte,

wo es eben noch so lebhaft zugegangen war, spazierten jetzt nur noch

ein paar Krähen umher. Die Ställe standen leer, die Kaufleute, die

in unserer Nähe ihre Läden aufgeschlagen gehabt, hatten sich nach

dankbareren Handelsplätzen begeben und nur aus der alten Küche der

Muselmänner stieg noch der Rauch des letzten Feuers.

Die Hütten aber, in denen jetzt nur Skorpione und Spinnen hausen

würden, sollten nicht niedergerissen werden; Chalmet Aksakal hatte

erklärt, daß sie reisenden Kaufleuten von Nutzen sein könnten. Ein

Jahr darauf wurde jedoch, wie schon erwähnt, die ganze Herrlichkeit

durch die Frühlingsflut zerstört; die Hütten wurden dem Erdboden

gleichgemacht, und selbst die Pappel ging den Weg alles Irdischen.

Der Klang der Kamelglocken war kaum verhallt, als Sirkin, Ördek und ich

mit ein paar Ruderern in zwei Kähnen die Fähre, die für die Zukunft

unser Lager bilden sollte, verließen. Wir eilten in sausender Fahrt

flußabwärts und in den schmalen Kanal hinein, der nach dem Göllme-ketti

(See des verlorenen Netzes) führte, wo Tiefenmessungen vorgenommen

werden sollten. Merkwürdigerweise nahmen die Tiefen nach Süden zu, wo

sie bis zu 7 Meter betrugen, also bedeutend mehr als gerade gegenüber

im Flusse. Die größten Tiefen findet man im allgemeinen am östlichen

Ufer, wo auch die Dünen steil nach dem See abfallen.

Während wir den Göllme-ketti hinabfuhren, nahm der Wind schnell an

Heftigkeit zu und ging in einen halben Sturm über mit Dämmerung

und Wolken von Staub und Sand, der wie Besen von allen Dünenkämmen

aufwirbelte. Die Wellen schlugen in die Kähne, die bald hinter einem

Vorsprunge an Land gezogen und leergeschöpft werden mußten.

Nachdem dies getan war, fuhren wir weiter; es wurde aber eine

abenteuerliche Fahrt. Weit nach Süden hin erstreckte sich der See mit

weißschimmernden, hellgrünen Wogen. Die Lage war insofern kritisch,

als der See manchmal ziemlich flach war; wenn der Kahn an solchen

Stellen den Sandboden streifte, konnte das Fahrzeug im Wogenschwalle

kentern. Um eine solche Katastrophe zu vermeiden, mußten wir ziemlich

weit vom Lande abhalten. Die Wellen schlugen über die niedrige Reling,

und nach einer Weile saßen wir pudelnaß in einem erfrischenden Bade.

Ich zitterte für das Skizzenbuch und die Instrumente, fand aber sonst

die Lage höchst amüsant und spannend. Auf die Dauer wurde sie jedoch

unhaltbar, denn die Kähne waren halb voll Wasser, und je tiefer sie

lagen, desto leichter konnten die Wellen hineinströmen. Auf einmal sank

Sirkins Boot und wurde von der Brandung hin und her geworfen, nachdem

die Leute hinausgesprungen waren und ihre Sachen zu retten versucht

hatten, was ihnen teilweise auch geglückt war. Wir sahen sie nachher

ihr Fahrzeug ganz ruhig auf das Trockene ziehen, wo sie das Wasser aus

ihren Kleidern wrangen. Wir anderen fuhren noch etwas weiter, bis auch

unsere Lage höchst bedenklich wurde. Der Kahn wurde wie eine Nußschale

von den Wellen hin und her geworfen. Noch hoben ihn jedoch die Kämme,

und ich schöpfte, während die anderen ruderten, was das Zeug hielt;

aber seine lange, schmale Form verursachte, daß jede Welle wenigstens

mit ihrer Spitze hineinschlug und unter den Filzdecken, die meinen

Sitzplatz bildeten, Spritzwasser zurückließ.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 27 / 42 段