süß noch ganz klar, denn von diesem Winde wird aus den östlichen
Seegebieten stagnierendes Wasser nach Westen getrieben und durch den
Wellenschlag getrübt.
Beim Lager war der Strand so seicht, daß Ördek eine Strecke weit in
den See hineinwaten und uns dann an Land ziehen mußte. Wir waren
derart steifgefroren, daß wir kaum nach dem Feuer hinaufgehen konnten.
Mich überfiel ein sehr heftiger Schüttelfrost; meine Zähne klapperten
und die Hände flogen, ich zog die nassen Kleider aus, trocknete mich
am Feuer und ging dann zu Bett. Erst nach einer Stunde, als ich mich
wieder warm angezogen und eine große Tasse brühheißen Kaffee getrunken
hatte, fühlte ich mich am Lagerfeuer wieder einigermaßen normal.
Beim Sonnenuntergang nahm der Himmel einen seltsamen Farbenton an. Er
leuchtete gelbrot über den Dünen im Norden. Der schon vorher heftige
Wind schwoll zum richtigen Buran an. In zügelloser Wut stürmten die
Wogen gegen das Ufer und überschütteten die Zelte mit Spritzwasser.
Wir mußten mit den Zelten eine Strecke landeinwärts ziehen und ihre
Befestigungen in der gewohnten Weise verstärken.
Noch einen Tag durften die Kamele sich ausruhen, während der Sturm
zu heulen fortfuhr. Im Norden und Süden des Kara-koschun flammt der
Horizont in unheimlichem, brandgelbem Farbentone, in der nordöstlichen
Verlängerung des Sees aber ist er dunkelstahlgrau, was darauf schließen
läßt, daß sich die Wasseransammlungen ziemlich weit nach dieser
Richtung hin erstrecken und daß es dort keinen Flugsand gibt.
Als wir am 5. aufbrachen und am Strande entlang zogen, hoffte ich, daß
es bis zu den ersten Menschenwohnungen am Kum-tschappgan nicht mehr
weit sein würde.
Wildenten, Gänse, Schwäne, Taucher, Möwen, Seeschwalben und besonders
Krähen kommen in Menge vor; Hasen und Igel sind nicht selten. Spuren
von Füchsen, Rehen, Luchsen und Wildschweinen sieht man beständig an
den Ufern. Zwei Jäger waren vor einigen Monaten auf dem Eise gewesen;
ihre Spuren waren in den feuchten Uferlehm eingedrückt.
Längs des Ufers und auch ziemlich weit davon entfernt findet man
Schneckenschalen und abgestorbenes Kamisch. Daß das Leben aus
diesen Organismen entflohen ist, beruht darauf, daß sie einer
längstvergangenen Periode angehören und älter sind als der jetzige See.
Am folgenden Tage wurde die Wanderung längs des Sees fortgesetzt.
Ich ging schnell zu Fuß voraus, fest entschlossen, nicht eher Halt
zu machen, als bis wir Menschen träfen. Nach solchen sehnten wir uns
eigentlich nicht, wohl aber nach Fischen, Geflügel und Eiern und nicht
zum wenigsten nach einem Boote, mit dem ich die jetzige Ausdehnung des
Sees untersuchen konnte.
Als ich gegen Abend mitten in den unabsehbaren Sümpfen, die sich
südlich von unserem Wege ausdehnten, eine gewaltige Rauchwolke
erblickte, blieb ich daher sofort stehen und erwartete die anderen.
Sicherlich hatten sich einige Lopfischer dorthin begeben und das dürre,
vorjährige Schilf angezündet, einmal wohl, weil es ihnen irgendwo
den Zutritt zu ihren Fischplätzen versperrte, dann aber auch in der
Absicht, den frisch aufkeimenden Pflanzen Raum zu verschaffen. Während
wir das Lager aufschlugen, mußte sich Ördek zu Pferd in der Richtung
nach dem Rauche auf den Weg machen, obwohl ich lebhaft bezweifelte,
daß er durch dieses Labyrinth von Sümpfen durchkommen würde. Er hatte
Streichhölzer bei sich, um uns, falls er nicht zu den Lopfischern
gelangen konnte, dies mittels eines Signalfeuers mitzuteilen.
Tschernoff machte sich mit der Flinte auf der Schulter auf und kam nach
ein paar Stunden mit einer prächtigen Gans wieder, die er auf einem See
geschossen hatte und zu der er dann hinausgeschwommen war. Er hatte
auch das Pferd gefunden, das Ördek angebunden zurückgelassen hatte, um
seinen Kundschafterweg zu Fuß und schwimmend fortzusetzen. Ördek gelang
es schließlich doch, eine Fischergesellschaft ausfindig zu machen, und
er kehrte noch am Abend mit acht Männern und ganzen Säcken voll des
sehr nötigen Proviantes, bestehend aus drei Gänsen, vierzig Eiern,
Fischen in Menge, Mehl, Reis und Brot, zurück.
Am 7. zeigten uns die redlichen Lopleute den Weg nach dem
Kum-tschappgan. Am Kum-tschappgan lagerten wir da, wo sich der Tarim
in zwei Arme teilt, in den Kum-tschappgan und den Tusun-tschappgan.
Die Hütten standen noch an derselben Stelle wie 1896, die Verteilung
der Gewässer war in der Hauptsache dieselbe, und alles war sich
gleichgeblieben. Ich hatte wieder einen Punkt erreicht, wo ich
die Marschrouten von dieser und der vorigen Reise vergleichen und
aneinanderfügen konnte. Während der Nacht trat das in diesen Gegenden
ziemlich wunderbare Phänomen ein, daß ein ziemlich heftiger Regen fiel
und auf mein Zelt klatschte. Meine Leute, die unter freiem Himmel
lagen, eilten in die nächste Sattma.
Schon am folgenden Morgen stellten sich zwei alte Bekannte ein,
Numet Bek von Abdall und Tokta Ahun, der Sohn des alten redlichen
Kuntschekkan Bek, der vor zwei Jahren tief betrauert von all seinen
Leuten gestorben war. Numet Bek sollte uns jetzt in vieler Beziehung
von großem Nutzen sein. Er wurde beauftragt, für die Kamele und das
Pferd zu sorgen, sie nach den Weideplätzen von Mian zu schicken, sie
dort bewachen zu lassen und uns später, wenn wir nach Tibet zogen, in
gutem Zustande wieder abzuliefern. Ferner sollte er uns Proviant und
Führer für die Rückreise nach Tura-sallgan-ui, die ich in Kähnen zu
unternehmen beabsichtigte, besorgen.
Die Ruhezeit in Kum-tschappgan wurde zu zwei großen Bootexkursionen
benutzt, die erste nach derselben Richtung wie 1896, die zweite durch
den Tusun-tschappgan und über den südlichen Teil des Sees in Gegenden,
die ich bisher noch nicht besucht hatte.
Tschernoff und ich nahmen in einem großen Kahne mit drei Ruderern
Platz, Faisullah mit dem Proviant und zwei Ruderern in einem kleineren.
Wie Aale glitten wir durch das Schilf, das vom Regen naß war und uns im
Vorbeifahren ab und zu eine Dusche gab (Abb. 88, 89).
Es war unmöglich, diese Landschaft von Wasser, Sand und Schilf
wiederzuerkennen, so hatte sie sich in den vier Jahren verändert.
Seen, die damals offen und frei dalagen, waren jetzt ganz mit Kamisch
zugewachsen, während sich neben ihnen andere gebildet hatten, die neue
Namen trugen (Abb. 90). Kum-köll (Sandsee) und Jangi-köll (neuer See)
sind Benennungen, die für sich selbst sprechen. Alles ist in diesem
flachen Anschwemmungsgebiet veränderlich. Die größten während dieser
Fahrt gemessenen Tiefen betrugen 4,85 und 5,15 Meter; sie befanden sich
in einem ganz neugebildeten Seebecken namens Tojagun, was beweist, daß
es neben dem Kara-koschun tiefere Senken geben kann, während ältere
Teile des Sees allmählich versanden und zuwachsen.
Auf der ganzen Tagereise sahen wir Massen von toten Fischen, die
bald auf dem Wasser trieben, bald im Schilf staken, bald, den Bauch
nach oben, weiß auf dem Grunde schimmerten. In einigen Durchgängen
war die Luft mit dem ekelhaften Gestanke verfaulter Fische erfüllt,
die immer zahlreicher wurden, je weiter wir nach Osten kamen; man
sagte mir, die Massen von Krähen, die wir überall erblickten, seien
dadurch hierhergelockt worden. Einige unserer Ruderer glaubten, eine
unbekannte Krankheit habe unter den Fischen gewütet, ein anderer aber
erklärte, die große Sterblichkeit sei auf die ungewöhnliche Schneemenge
des letzten Winters zurückzuführen. Der Schnee hatte fußhoch auf dem
Eise gelegen, und unmöglich ist es nicht, daß dies den Fischen in
den seichten Becken geschadet hat. Mit Recht klagten die Leute über
Fischmangel und konnten sich nicht erinnern, je ein so schlechtes
Fangjahr gehabt zu haben.
Wir ruderten auf neuen Wasserwegen auf den +Kanat-baglagan-köll+
hinaus, wo das Schilf so dicht und dick stand, daß jedes weitere
Vordringen eine absolute Unmöglichkeit war. Im Jahre 1896 konnte ich
dieses Becken, das jetzt zugewachsen war, noch ungehindert befahren.
[Illustration: 109. Die umgebaute Fähre. (S. 274.)]
[Illustration: 110. Der Bau der Pontonfähren. (S. 274.)]
[Illustration: 111. Sattma in Abdall. (S. 275.)]
[Illustration: 112. Die Pontonfähren auf dem Wege nach Abdall. (S.
275.)]
Auf der Rückfahrt schaute ich mit großer Spannung zu, wie die Ruderer
einen großen schönen Schwan mit den Händen griffen. Wir sahen ihn
auf dem offenen Wasser am Schilfrande schwimmen; er tauchte aber
unter, als wir uns näherten. Die Leute senkten die Ruder mit aller
Kraft ins Wasser und ruderten nach der Stelle hin, wo der Schwan
sich wahrscheinlich wieder zeigen würde, was an den Ringeln auf der
Wasserfläche zu sehen war. Als der Schwan wieder emporkam, waren
wir ihm so nahe, daß er sich in seiner Verwirrung in das Schilf
hineinbegab; damit war er verloren, denn dort konnte er nicht die
Flügel zur Flucht ausbreiten. Der Kahn flog ihm wie ein Pfeil nach; der
alte Jaman Kullu sprang ins Wasser, das ihm bis an die Hüften reichte,
fiel über das arme Tier her und schleppte dann seine Beute in das Boot.
Der Schwan war so verängstigt, daß er mit schlaffem Halse und hängendem
Kopfe wie tot dalag; er wurde sofort getötet.
Zahllose Wildenten und Gänse bevölkerten den See. Vielleicht hatten
sich einige von ihnen schon zu Prschewalskijs Zeit hier als Junge
aufgehalten. Die Generation der menschlichen Eingeborenen, die damals
in ihrer vollen Kraft stand, ist jetzt zu Greisen und Greisinnen
geworden, und ein neues Geschlecht ist seitdem herangewachsen. Nicht
einmal die Seen sind dieselben geblieben, sie sind geschrumpft
und zugewachsen und haben die Lage gewechselt; die Sanddünen sind
vorgerückt, alles hat sich in der kurzen Zeit von 20 Jahren verändert,
und das Bild, das man von einem flüchtigen Besuche mitnimmt, ist, genau
genommen, nur eine Momentphotographie.
Wir verbrachten die Nacht an einem sehr notwendigen Feuer auf einem
kleinen Eilande im „See der vergessenen Fischhaut“ und kehrten am
nächsten Tage bei starkem Winde und hohem Seegange nach Kum-tschappgan
zurück. Faisullah, der nie in einem Boote gesessen hatte, wurde bleich
und sehnte sich, wieder an Land zu kommen.
Am 10. April wurde an dem Punkte, wo der Fluß sich in Sümpfe auflöst,
die Wassermenge des Tarim gemessen; sie betrug 29,7 Kubikmeter in der
Sekunde. Im Jahre 1896 hatte ich an derselben Stelle und um dieselbe
Zeit 50,5 Kubikmeter gefunden. Der bedeutende Unterschied beruht teils
auf dem neugebildeten Schirge-tschappgan-Arme, teils auf einer Menge
von natürlichen Kanälen, die sich seit meinem vorigen Besuche oberhalb
des Kum-tschappgan vom Hauptflusse abgetrennt haben.
Die Sanddüne, die dem Kum-tschappgan seinen Namen gegeben hat, ist
10,24 Meter hoch. Die größte Tiefe des Sees beträgt 5,15 Meter. Man
kann diesen Vertikalunterschied von 15,39 Meter als den größten im
ganzen unteren Lop-nor-Becken betrachten.
Am 11. April unternahmen wir eine Kahnfahrt nach den südlichen Teilen
des Kara-koschun, die den nördlichen sehr unähnlich sind. So betrug
die größte gemessene Tiefe nur 1,90 Meter, aber während des ganzen
späteren Teiles der Fahrt hatten wir nur 0,3 und noch weniger. Der
Grund besteht aus feinem gelbem Schlamm, der auf schwarzem Moore oder
blauem Tone ruht; sobald das Ruder ihn streift, steigt es wie Tinte
im Wasser auf. Als das Wasser so seicht wurde, daß die Kähne nicht
mehr darauf schwammen, mußten die Leute aussteigen und sie an Stricken
weiterziehen; als aber auch dies bald unmöglich war, mußten wir
umkehren. Man sinkt 10 Zentimeter tief in den Schlamm ein, findet dann
aber einen festen, aus einer dünnen Salzschicht bestehenden Untergrund.
Der Sate-köll ist eine ausgedehnte, seichte Wasserfläche mit wenig
Schilf und liegt ganz in der Nähe des Wüstenweges, der am Südufer von
Abdall nach Sa-tscheo führt. Weder Seevögel noch Fische gibt es in
diesen sterilen Seebecken, die zu baldigem Verschwinden verurteilt
sind; keine Algen bedecken ihren Boden. Während des Sommers trocknen
sie vollständig aus, und ihr Bett verwandelt sich dann in eine harte,
rissige Lehmschicht. Der ganze Kara-koschun wandert langsam nach Norden
zurück.
Den Tag darauf ruderten wir nach Abdall und lagerten auf dem westlichen
Ufer, wohin auch die Kamele geführt wurden. Der Tarim führte hier
nicht weniger als 93,3 Kubikmeter in der Sekunde, verlor also auf der
kurzen Strecke bis Kum-tschappgan 63,5 Kubikmeter, die sich in vielen
Tschappganen oder Kanälen von dem Hauptflusse abtrennen. Das Tarimdelta
wandert flußaufwärts, wie auch die Seen, die von den vielen Armen
gebildet werden. Der Fluß hatte hier jetzt infolge der Eisschmelze
seinen höchsten Wasserstand und war ungefähr ebenso hoch angeschwollen
wie beim Hochwasser im Herbst vor dem Zufrieren. Im Sommer steht die
Wasserfläche volle 2 Meter niedriger.
Eine kurze Tagereise nördlich von der Gegend von Abdall wird die Wüste
von einem neugebildeten Arme durchschnitten, der von Schirge-tschappgan
am unteren Tarim ausgeht. Dieser Flußarm war bisher nur von Jägern aus
Abdall besucht worden; ich wollte eine Karte von ihm aufnehmen. Da das
Gebiet aber nur mit Kähnen untersucht werden konnte, mußten solche
auf irgendeine Weise über den Wüstenstreifen, welcher den neuen Arm
vom Tarim trennte, mitgenommen werden; es handelte sich nun darum,
wie dies zu bewerkstelligen sei. Einen schweren Kahn auf einem Kamele
zu balancieren, ist unmöglich, und zwei hintereinander gehende Kamele
mit zwei Kähnen in der Länge zu beladen, gelang ebensowenig; durch den
ungleichen Takt ihres Ganges war es ein ständiges Hin- und Herreißen,
und die Tiere scheuten auch vor diesen ungewöhnlichen Lasten.
Die einzige Möglichkeit war, sie wie Schlitten auf der Erde
weiterzuziehen, wobei vor jeden Kahn ein Kamel gespannt wurde (Abb.
91). Die Tiere mußten vorsichtig geführt werden, damit sie nicht
scheuten und durchgingen. So gelangten die Fahrzeuge mit ein wenig
abgescheuertem Boden, sonst aber in gutem Zustand an Ort und Stelle.
Unser Zug nahm sich recht komisch aus. Die Kamele hatten den größten
Teil ihrer Wolle verloren und waren, ein paar hier und dort noch
sitzende Haarbüschel abgerechnet, nackt. Sie zogen die langen,
knirschenden Kähne geschickt durch den Sand, in welchem dadurch eine
abgerundete Furche entstand. Alle Mann gingen zu Fuß; ein drittes
Kamel trug das Gepäck, alle notwendigen Instrumente und Proviant für
sieben Tage.
Faisullah sollte die Kamele wieder zurückführen und dafür sorgen, daß
sie nach Mian gebracht würden, worauf er und Ördek uns wieder bei
Schirge-tschappgan zu treffen hatten.
Ich, Tschernoff, Tokta Ahun, Jaman Kullu und noch zwei Ruderer lagerten
bei +Jangi-jer+ (neue Stelle), wo wir die erste seeartige
Anschwellung des Schirge-tschappgan-Armes erreichten, die größtenteils
mit Schilf zugewachsen war, im Norden aber von ziemlich hohem Sand
begrenzt wurde.
Die Kähne wurden sofort ins Wasser gebracht, und die Männer machten
eine kleine Rekognoszierung, um die Strömung zu suchen, der wir
aufwärts folgen mußten, um uns in diesen Irrgängen von Kamisch und
Wasser nicht ganz zu verlieren.
Der Tag war so weit vorgeschritten, daß wir unser Nachtlager da, wo wir
uns befanden, aufschlugen. Die Nacht unter freiem Himmel war jedoch
wenig angenehm. Ein heftiger Nordoststurm erhob sich und brachte
starken Regen. Als Tschernoff mich gegen 4 Uhr mit einem Filzteppiche
bedeckte, war ich schon ziemlich durchweicht, hatte einen kleinen See
an den Füßen und ein paar kleine Bäche auf dem Kopfkissen, schlief aber
wieder ein, ohne mich um den Regen zu bekümmern.
Unsere erste Beschäftigung am Morgen war, unsere Kleider an einem
schönen Feuer zu trocknen, worauf das Geschwader ausgerüstet wurde.
Ich hatte die Instrumente in meinem Kahne, Tschernoff den Proviant in
dem seinen; dieser war aber so schwer belastet, daß die Reling nur 4
Zentimeter über dem Wasser lag, und an offneren Stellen des Flusses
schlugen die Wellen dann und wann in den Kahn. Jolldasch, der ohne
Erlaubnis bei uns geblieben war, durfte auch mitkommen, fiel uns aber
nur lästig; wenn es ihm im Kahne zu langweilig wurde, sprang er ins
Wasser und schwamm in das Schilf hinein, und wir hatten viele Mühe, ihn
wieder zu erwischen.
Die Fahrt war ziemlich mühsam. Der Buran fuhr fort, im Schilfe zu
heulen und zu pfeifen, und wir mußten an dem dichten Schilfbestande
entlang rudern, um Schutz zu finden. Auf offenem Wasser drohten die
Kähne sich selbst bei ziemlich unbedeutendem Wellenschlage mit Wasser
zu füllen und unterzugehen. In dem Schilfdickicht war es halbdunkel.
Hier und dort plätscherte ein Fisch; Schwäne und Gänse eilten fort, und
bei ein paar Gelegenheiten wurden sie ihrer Eier beraubt.
Solange die Strömung deutlich war, ging alles gut; dann aber wurden
wir durch ein vollständiges Labyrinth von dichtem Kamisch, aus dem
Wasser herausguckenden Tamariskenkegeln, Anschwemmungen, Landzungen
und Landengen gehemmt. Über drei Stunden lang suchten wir hier kreuz
und quer nach einem Durchgange, gingen denselben Weg, den wir gekommen
waren, wieder zurück, verloren uns in schlängelnden Buchten, wo wir
wieder umkehren mußten, forcierten den Schilfbestand, indem wir
die Kähne mit den Rudern durch seine knackenden Wände trieben, und
schleppten sogar die Fahrzeuge über schilfbewachsene Landengen, die
benachbarte Wasserflächen voneinander trennten. Jede Düne, die dabei
passiert wurde, mußte einer von uns besteigen; doch der Blick reichte
bei dem Nebel nicht weit, und die ganze Umgebung war ein einziges
dichtes Dschungel.
Als dieses Suchen umsonst war, steckten wir das Kamisch in Brand. Es
gab in dieser mit Dämmerung gesättigten Atmosphäre ein großartiges
Schauspiel, als sich die Flammen in die regenfeuchten Schilfhecken
hineinwarfen und diese knallten, knisterten und dampften und
rabenschwarze Wolken emporsteigen ließen, die vom Sturme zerzaust
wurden und wie ein Trauerflor über diese irreführenden Sümpfe mit ihren
überwachsenen Irrgängen führten. Rußflocken erfüllen die Luft, und
man wird ebenso schmutzig wie naß, während man in dem seichten Wasser
umherpatscht und die Kähne in die vom Feuer gebahnte Gasse schleppt,
die jetzt auch einen Blick nach vorn gestattet und uns sehen läßt, wo
wir den nächsten Weg zum offenen Wasser haben (s. bunte Tafel).
Endlich waren wir wieder auf dem rechten Wege, wo das Wasser
tüchtig strömte. Die Strömung war so saugend und so schnell, daß
die Ruderer all ihre Kraft aufbieten mußten, um den Kahn gegen sie
vorwärtszubringen. Gegen Abend sahen wir uns nach einem geeigneten
Lagerplatze an dem hier überall feuchten Ufer um; da es uns aber nicht
gelang, einen solchen zu finden, blieben wir bei einigen Tamarisken
und legten, um wenigstens trocken zu liegen, Kamisch auf die Erde. In
schneidendem Wind machte ich meine Aufzeichnungen beim Scheine des
Lagerfeuers, und der Sturm peitschte den Flußarm derart, daß von den
Wogenkämmen weißer Gischt sprühte.
Der Morgen war wenig verlockend zur Fortsetzung der Fahrt. Im Norden
war der Himmel schwarzgrau von Flugsand, und bei Wellenschlag läßt
sich die Strömung schwer unterscheiden. Erst um 11 Uhr konnten
wir aufbrechen und zogen nun nach Nordwesten über langgestreckte
Seen, die uns wieder in ein deutliches Flußbett führten. Manchmal
verengte sich dieses bis nur auf 10 Meter Breite und hatte dann eine
Stromgeschwindigkeit von 0,9 Meter. Dann folgt eine verwickelte
Strecke, von den Jägern Tokkus-Tarim (neun Flüsse) genannt, weil der
Strom hier in mehrere Arme geteilt ist.
[Illustration: In brennendem Schilfe.]
Der größte See auf dem ganzen Wege zog sich glücklicherweise von Norden
nach Süden hin. Indem wir seinem östlichen, von hohen Dünen eingefaßten
Ufer folgten, blieben wir vor dem Sturme geschützt. Gerade über den
See hinüberzufahren, wäre unmöglich gewesen; er war ganz weiß von den
schäumenden Wellen, und es war mehr Glück als Geschicklichkeit, daß
wir uns auf der anderen Seite wieder in den Flußarm hineinfanden. Der
Wasserweg lief alsdann nach Südwesten, und der Wind neutralisierte den
hemmenden Einfluß der Strömung. Bei dem Lager Nr. 30 führte dieser Arm
10,6 Kubikmeter Wasser, die dem unteren Tarim entzogen worden waren.
Auch die folgende Tagereise war verwickelt, und der Wind dauerte
fort. Die Minimaltemperatur war auf -0,3 Grad heruntergegangen. Wir
ruderten längs des Ufers weiter, gerieten aber oft in Sackgassen. Ein
junger Hirt, auf den Tokta Ahun gestoßen war, diente uns als Lotse,
bis wir eine Sattma erreichten, von welcher aus ein alter Fischer
uns zu Boot begleitete. Ohne seine Hilfe wäre es uns nicht möglich
gewesen, die Mündung des Flußarmes zu finden, denn sie war total vom
Schilfe verdeckt. Ein wenig weiter aufwärts lotste er uns durch einen
kaum meterbreiten Kanal, wo die Kähne an einer Stelle auf das Land und
durch das Schilfdickicht gezogen werden mußten, um an einem etwa 55
Zentimeter hohen Wasserfalle vorbeizukommen. Ein zweiter Katarakt hatte
eine Höhe von 60 Zentimeter.
Man erhält durch diese Wasserfälle den Eindruck, daß der
Schirge-tschappgan-Arm stärkeres Gefälle hat als der Hauptfluß, sich
also auf einem etwas höheren Niveau befinden muß. Hierdurch erklärt
sich auch die Tendenz des ganzen hydrographischen Systems, nach Norden
zu wandern und sich nach diesen flachen Depressionen hinüberzuwerfen.
Ein Niveauunterschied von einem Meter spielt in einem Lande, das
beinahe ganz horizontal ist, eine sehr große Rolle.
Bei +Jekken-öi+ fanden wir ein Dörfchen (Abb. 92) von 4 Sattmen
und 20 Einwohnern, ausschließlich aus Greisen, Frauen und kleinen
Kindern bestehend, denn die kräftigere männliche Bevölkerung hatte
sich nach Tscharchlik begeben, um Ackerbau zu treiben. Die Bevölkerung
lebt hier von Fischfang, Wildenten, die sie massenweise fangen, und
Enteneiern. Sie besitzen auch 150 Schafe und eine Anzahl Kühe. Vor vier
Jahren waren sie von Tscheggelik-ui hierher gezogen und sie erzählten,
daß der neue Flußarm erst vor sieben Jahren angefangen habe, sich von
ihrem See aus einen Arm nach Osten zu bahnen.
Von einem ganzen Geschwader von Kähnen begleitet, steuerten wir am
18. nach Südwesten über eine Seenreihe, die Tiefen bis zu 4,6 Meter
zeigten. Diese Seen sind dadurch eigentümlich, daß das Wasser sich von
ihnen nach zwei Seiten teilt; die Bifurkation findet nach Osten und
Westen statt. Die Hauptmasse geht ostwärts und bildet den Arm, dem
wir gefolgt waren, ein Teil aber fließt bei Schirge-tschappgan in den
Tarim, und der Spiegel des Sees liegt 60 Zentimeter über dem Niveau des
Tarim.
Allmählich kommen wir in einen Kok-ala (kleinen Flußarm) hinein, der
sich nach dem Tarim hinunterschlängelt, wo sein kristallhelles Wasser
sofort in den trüben Fluten des Flusses verschwindet.
Eine Strecke weiter abwärts machen wir an den Hütten von
+Schirge-tschappgan+ Halt und haben eine prachtvolle Aussicht
über den gewaltigen Fluß, der hier gerade und regelmäßig ist und von
ehrwürdigen dichtbelaubten Pappeln eingefaßt wird. Hier werden 5,6
Kubikmeter Wasser aus den Seen von Jekken-öi wieder an den Tarim
abgegeben, der selbst an diesem Punkte 108,4 Kubikmeter in der Sekunde
führte, die größte Wassermenge, die ich bis dahin in dem Flusse
gefunden hatte (Abb. 93).
In der Nacht auf den 20. April ging die Temperatur wieder auf -4 Grad
herunter, was für diese Jahreszeit recht ungewöhnlich ist. Nachdem wir
uns mit Faisullah, Ördek und Maschka wiedervereinigt hatten, war unser
Plan, auf den östlichen Seen, die ich das vorige Mal entdeckt hatte,
nach Tikkenlik zurückzurudern. Es war recht ärgerlich, zwei Tage lang
denselben Weg wie damals gehen zu müssen, nach Kum-tschekke, aber die
hydrographischen Verhältnisse hatten sich so verändert, daß ich auf
mehrere neue Erfahrungen hoffen konnte.
So ließen wir denn jetzt den Nias-köll zur Linken liegen und ruderten
über den Tschong-köll, der seinen Namen (großer See) mit Recht führt
und auf dem man sich mit den wenig seetüchtigen Kähnen nicht zu weit
hinauswagen darf.