Während des Marsches am 28. veränderte sich das Aussehen des

Seebeckens. Schnecken wurden immer zahlreicher, und toter Wald trat

wieder ziemlich häufig auf. In den Tonablagerungen sind noch zwei

Stockwerke zu unterscheiden. Sie lassen verschiedene Perioden und den

verschiedenen Wasserstand in dem früheren See erkennen und enthalten

auch Schneckenschalen. In dem Maße, wie der Wind an dem Tone frißt

und zehrt, fallen die Schnecken heraus, und der Boden ist oft ganz

weißpunktiert von ihnen. Eine dünne Sandschicht, selten einen Fuß

dick, bedeckt stellenweise den Boden. Eine kleine eiserne Tasse wurde

gefunden, und Scherben von Tongefäßen sind so häufig, daß wir ihnen gar

keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Darüber steht toter Wald in einem

Gürtel, den man deutlich nach beiden Seiten verfolgen kann und der eine

wichtige, lange bestehende Uferlinie des Lop-nor bezeichnet.

So schritten wir zwischen den Tonrücken hin, während das Wasser in

beunruhigender Weise aus den Eistagaren tropfte. Es war erst 3 Uhr,

als Tschernoff und Ördek, die zu Fuß vorausgingen, um den besten Weg

auszusuchen, stehenblieben und uns zu sich riefen. Sie hatten die

Ruinen einiger Häuser gefunden!

Die Rinne, der wir gefolgt waren, hatte uns gerade zu dieser

merkwürdigen Entdeckung hingeführt; wären wir einige hundert Meter

westlicher oder östlicher in die Wüste hineingezogen, so hätten wir

die Ruinen nicht sehen können, um so mehr als sie dem gewöhnlichen

toten Walde so sehr glichen, daß man dicht davor stehen mußte, um zu

erkennen, was es war: menschliche Wohnungen am Nordufer des Lop-nor!

Natürlich schlugen wir sofort das Lager auf und sahen uns den Platz

erst flüchtig an, um einen allgemeinen Überblick zu gewinnen. Drei

Häuser hatten hier gestanden, aber ihre mächtigen Balken und Pfosten,

ihre Dächer und Bretterwände waren eingestürzt, arg von der Zeit

und den Stürmen mitgenommen und teilweise im Sande begraben. Die

Grundbalken hatten jedoch ihre Lage noch beibehalten, so daß ich leicht

einen Grundriß der Häuser zeichnen und ihre Maße nehmen konnte.

Ein Umstand, der sogleich ein recht bedeutendes Alter angab, war,

daß die Gebäude auf Tonsockeln (Abb. 83) standen, die 2½ Meter

hohe Hügel bildeten, an Areal und Form gleich der unteren Fläche der

Häuser. Ursprünglich waren diese auf ganz ebenem Boden erbaut gewesen,

welcher aber, nachdem er ausgetrocknet, vom Winde so ausgehöhlt und

abgefeilt worden war, daß nur die von den Häusern geschützten Teile

stehenblieben. Scherben von Tongefäßen und kleine irdene Tassen, wie

sie noch heute vor den Buddhabildern oder an anderen heiligen Orten

hingestellt werden, lagen massenweise umher. Auch einige chinesische

Münzen und ein paar eiserne Äxte wurden gefunden.

Bei dem östlichsten dieser drei Häuser fanden wir beim Graben

verschiedene merkwürdige Holzschnitzereien, die zur Verzierung seiner

Wände gedient hatten. Darunter war das Bild eines Königs mit einer

Krone auf dem Kopfe und einem Dreizacke in der Hand, sowie ein Mann

mit einem Kranze, außerdem allerlei Muster und Ornamente, Gitter und

Lotosblumen, alles kunstfertig geschnitzt, aber sehr von der Zeit

mitgenommen. Von den verschiedenen Mustern wurden Proben beiseite

gelegt, die um jeden Preis mitgenommen werden mußten.

In Südosten erhob sich ein Tora, das wir besuchen mußten, um

nachzusehen, ob auch dort Entdeckungen zu machen wären. Es war

kuppelförmig und teilweise eingestürzt; wahrscheinlich war es ein Weg-

oder Signalzeichen gewesen (Abb. 84). Drei andere ebensolche bildeten

mit dem ersten dieselbe Figur wie die vier Hauptsterne im Sternbilde

des Löwen; die Entfernungen zwischen ihnen betrugen 5-7½ Kilometer.

Weitere Spuren von alten Häusern trafen wir nicht. Die Nacht hatte

schon ihren dunkeln Schleier über die Wüste gebreitet, als wir nach dem

großen Signalfeuer des Lagerplatzes zurückkehrten, müde und erschöpft

von dreistündiger Wanderung auf ungünstigem Terrain, denn alle die

unzähligen Jardang mußten unter rechten Winkeln gekreuzt werden.

Indessen hatten wir so durch eine glückliche Fügung die Fortsetzung

des Kömur-salldi-joll gefunden, jenes alten Weges, der von Korla am

Nordufer des Lop-nor entlang nach Sa-tscheo und Peking führte.

Abdu Rehim sollte uns jetzt verlassen und seine Bezahlung erhalten.

Sein Lohn belief sich auf 1½ Jamba, was allerdings viel war, aber

durch seine vortrefflichen Dienste und die unschätzbaren Aufklärungen,

die er mir gegeben hatte, mehrfach aufgewogen wurde. Chodai Kullu

erhielt den Auftrag, ihn nach Altimisch-bulak und Singer zu begleiten

und sich von dort mit den Holzschnitzereien auf irgendeine Weise nach

Tura-sallgan-ui zu begeben. Er entledigte sich seines Auftrages wie ein

ganzer Mann und erreichte das Hauptquartier lange vor uns. Als er dort

ankam, erzählte er, er habe in Altimisch-bulak ein Kamel getötet, wurde

aber gehörig ausgelacht, da man dies für erlogen hielt; keiner von uns

hatte ihn auch nur einen Hasen töten sehen. Er hatte jedoch später

Gelegenheit, nicht nur zu beweisen, daß er die Wahrheit gesprochen,

sondern auch, daß er ein sehr guter Schütze war.

Am folgenden Morgen zogen die beiden Männer nach Norden. Sie sollten

versuchen, in einem Tage nach Altimisch-bulak zu kommen, denn sie

erhielten keinen Tropfen aus unserem Vorrat, der schon so klein war,

daß ich leider nicht noch einen Tag an dieser interessanten Stelle

bleiben konnte. Die Karawane war jetzt noch mehr zusammengeschmolzen.

Ich hatte nur Tschernoff, Faisullah und Ördek, vier Kamele, ein Pferd

und zwei Hunde bei mir.

Wir brachen sehr spät auf, denn der halbe Tag ging mit verschiedenen

Nacharbeiten bei den Ruinen hin. Einige Einzelheiten wurden

abgezeichnet, ein paar Ansichten aufgenommen und die Maße gemessen.

Das kleinere Haus, das, seiner Ausschmückung und dem Vorkommen der

Opfertassen nach zu urteilen, ein Tempel gewesen war, maß an den Seiten

5,6 und 6,6 Meter.

Das größere Haus hatte in seinem Grundriß die Dimensionen 52,4 × 18

Meter; seine Längsrichtung war Südwest nach Nordost. Seine Grundbalken

waren über den Hügel, an dem der Wind ständig zehrt, vorgeschoben. Das

Haus war in mehrere Zimmer von verschiedener Größe geteilt gewesen.

Wie der Sand das Bauholz konserviert, sah man leicht daran, daß

verschüttete Teile sehr gut erhalten, die freiliegenden aber übel

zugerichtet, porös und oft an den Enden besenförmig aufgesprungen sind.

An viereckigen Löchern in Balkenrahmen (Abb. 85), in welche vertikale

Eckpfosten hineinpaßten, sah man sogar die Striche des Stiftes, mit

dem die Form der Löcher einst aufgezeichnet worden war. Mehrere solche

Pfosten waren hübsch verziert und so rund gedrechselt, daß sie einer

Menge übereinandergestellter Kugeln und Scheiben glichen.

Einer der äußeren Räume hatte wahrscheinlich als Schafstall gedient,

denn dort lag eine fußdicke Schicht von Schafdung. Dieser wird von den

Chinesen zur Feuerung benutzt, aber in einer so holzreichen Gegend,

wie die Uferwälder des Lop-nor es gewesen sind, wäre eine solche

Sparsamkeit überflüssig gewesen. Alle Dachteile lagen in je einem

Haufen auf der Westseite der Häuser. Der letzte Oststurm, dem sie nicht

länger hatten widerstehen können, hatte sie dorthin geschleudert.

Alles Bauholz war Pappelholz aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Nach

der Bodengestalt zu urteilen, hatten diese beiden Gebäude und ein

drittes, das beinahe zerstört war, auf einer Halbinsel in einem See

oder auf einer Landenge zwischen zwei Seen gelegen. Man hat allen Grund

zu der Vermutung, daß der Verlauf der Uferlinie beim Lop-nor ebenso

unregelmäßig und launenhaft gewesen ist wie beim Kara-koschun.

Man wird fragen, welchen Zweck diese Häuser erfüllt und was für Leute

sie erbaut und dort gelebt haben. Mein erster Eindruck war, daß sie

eine „Örtäng“ oder größere Poststation auf der Straße nach Dung-chan

(Sa-tscheo) gebildet haben. Eingehenderes darüber behalte ich mir für

ein späteres Kapitel vor.

Während ich und Tschernoff mit Messungen beschäftigt waren, hatten die

beiden anderen Männer von frühmorgens an die Umgegend abgestreift, ohne

noch mehr Entdeckungen zu machen. Daher wurden die Kamele beladen,

und wir zogen nach Südwesten, in einer durch die Lage der Jardang mit

absoluter Notwendigkeit vorgeschriebenen Richtung; wir mußten den

zwischen ihnen vom Winde ausgemeißelten Furchen sklavisch folgen. Die

Schwellen werden jedoch allmählich niedriger, und unausgebildete Dünen

treten auf. Toter Wald ist sehr häufig, aber er steht in Gehölzen, die

sicher Inseln in dem alten See gewesen sind. Welch ein Unterschied

gegen den Kara-koschun, an dem es jetzt keine einzige Pappel gibt.

Milliarden von Schnecken liegen umher, und die harten, scharfen

Kamisch- und Binsenstoppeln sind nicht gut für die Fußschwielen der

Kamele. Solche Kamischstoppeln werden auch stehenbleiben, wenn der

Kara-koschun einst austrocknet.

Darauf hört der Sand wieder auf; es war nur ein erster Gürtel, den wir

eben gekreuzt hatten. Alles ist tot und öde, erstickt und verdorrt in

dieser Gegend, die früher so reich bewässert und so reich an üppiger

Vegetation war.

Nach einer Wanderung von 20 Kilometer blieben wir in einer

unbedeutenden Bodensenkung, wo ein paar lebende Tamarisken wuchsen und

wir also Hoffnung hatten, an das Grundwasser zu kommen. Als aber der

Brunnen gegraben werden sollte, stellte sich heraus, daß der Spaten bei

den Ruinen vergessen worden war. Ördek, der sich diese Nachlässigkeit

hatte zuschulden kommen lassen, erbot sich sofort, ihn zu holen.

Ich hatte großes Bedenken, ob ich ihm erlauben sollte, allein einen so

weiten Gang zu machen, noch dazu in einer Jahreszeit, wo man nie vor

Sandstürmen sicher ist; da aber unser Wasservorrat gering war und der

Spaten für uns alle noch von unschätzbarem Nutzen sein konnte, sagte

ich ihm, er solle sich aufmachen und unseren Spuren folgen. Doch sollte

er sich erst durch ein paar Stunden Schlaf stärken, und ich ermahnte

ihn, wenn er uns nicht wiederfände, nur gerade nach Süden zu gehen, da

er dann früher oder später das Ufer des Kara-koschun erreichen würde.

Wir selbst konnten nicht auf ihn warten, um ihm aber seine Aufgabe zu

erleichtern, gab ich ihm das Pferd. Nach einem tüchtigen Abendessen

ritt er um Mitternacht durch die Wüste nach Norden zurück.

Was ich gefürchtet hatte, trat schon gegen 2 Uhr morgens ein; ein

halber Sturm aus Nordost weckte mich und hielt den ganzen Tag mit

Sandgestöber und Staubnebel an. Man sah nicht weit vor sich, und die

Spuren konnten nicht lange erhalten bleiben. Ich hoffte jedoch, daß

Ördek bei Beginn des Sturmes so klug gewesen sei, den Spaten seinem

Schicksal zu überlassen und sofort umzukehren.

Uns, die wir nach Südwesten weiterzogen, war der Sturm willkommen; er

schob uns, erleichterte das Gehen und nahm einen Teil der stechenden

Glut der Mittagssonne fort. Die Wüste wurde jetzt immer öder; sogar der

tote Wald hörte fast ganz auf, der Sand wurde zusammenhängend und nur

selten von kleinen Bajiren unterbrochen, die Dünen waren aber nur noch

5 Meter hoch. Von ihnen aus sieht man, daß der Sand gegen Westen und

Südwesten, wohin der Wind ihn beständig trägt, immer höher wird. Das

tote Kamisch, an dem wir dann und wann vorüberziehen, ist vom Winde

nach Südwesten niedergeschlagen, als sei es mit einer Riesenbürste nach

dieser Seite niedergebürstet worden.

An einem Punkte, wo wir ein paar Holzstücke fanden, wurde das Lager Nr.

18 aufgeschlagen. Während wir noch damit beschäftigt waren, stellte

sich der prächtige Ördek wieder ein; er brachte den Spaten mit und

führte das Pferd, das, wie er selbst, von dem 60 Kilometer weiten

anstrengenden Ritte auf schlechtem Terrain vor Müdigkeit beinahe

umfiel. Das Allermerkwürdigste aber war die wichtige Neuigkeit, die

Ördek, nachdem er sich eine Weile ausgeruht hatte, zu erzählen wußte.

Er hatte sich während des Sturmes verirrt, unsere Spuren verloren und

einen Tora erreicht, in dessen Nähe er die Ruinen mehrerer reich mit

geschnitzten Planken verzierter Häuser gefunden hatte (Abb. 86, 87).

Dort hatten auch irdene Tassen, Spieße, Beile, Metallstücke, Münzen und

dergleichen gelegen, von denen er einiges mitgenommen hatte und uns

nun zeigte. Er hatte auch zwei geschnitzte Planken mitgenommen, und

zwar die besten der vorhandenen, und dann das Suchen nach der ersten

Ruinenstelle fortgesetzt, die zu finden ihm schließlich auch gelungen

war. Vergebens hatte er die Bretter auf das Pferd zu binden versucht;

dieses scheute so davor, daß er sie schließlich selbst hatte tragen

müssen. Seine Schultern waren noch blutig von den Stricken. Als er

unser Lager Nr. 17 erreicht hatte, versuchte er wieder, seine Last

dem Pferde aufzubürden, dieses riß sich aber los und ging durch. Nach

vielen Bemühungen gelang es ihm, das Pferd wieder einzufangen; er war

aber so müde, daß er die Bretter liegen ließ und uns aufsuchte.

Daß diese Nachricht das Programm für das nächste Jahr umgestalten

würde, war mir sofort klar. Zunächst wurde der arme Ördek beauftragt,

den zurückgelassenen Fund am nächsten Morgen zu holen, welcher Auftrag

schon ausgeführt war, bevor wir aufbrachen. Die Planken waren sehr gut

erhalten und mit geschnitzten Blumen und Girlanden verziert. Ich hatte

jetzt sehr große Lust zum Umkehren, was jedoch eine Torheit gewesen

wäre, da unser Wasservorrat nur noch für ein paar Tage reichte und die

warme Jahreszeit mit großen Schritten nahte.

[Illustration: 105. Sandsturm auf dem Beglik-köll. (S. 263.)]

[Illustration: 106. Die Fähre sitzt auf dem Tuwadaku-köll im Schilfe

fest. (S. 261.)]

[Illustration: 107. Frauen und Kinder in Tscheggelik-ui. (S. 273.)]

[Illustration: 108. Stall in Tscheggelik-ui. (S. 273.)]

Nein, der ganze Reiseplan mußte geändert werden. Nach den Ruinen

mußte ich zurückkehren, koste es was es wolle, aber den Sommer über

wollten wir nach Tibet gehen und uns im Winter dann wieder nach dem

Lop-nor begeben. Würden wir die Stelle in dieser ebenen Wüste, wo

das Auge vergebens nach einem einzigen Anhaltspunkte sucht, auch

wiederfinden? Ich zweifelte nicht daran, denn ich vertraute fest auf

meine Ortsbestimmungen. Wenn ich es nur übernähme, den Weg nach

Altimisch-bulak zu zeigen, so würde Ördek, wie er fest behauptete, die

von ihm so glücklich entdeckten Ruinen ganz bestimmt wiederfinden.

Schon jetzt sehnte ich mich dorthin zurück, mußte mich aber noch acht

Monate gedulden. Ich segnete den Spaten, der vergessen worden war und

dadurch Veranlassung zu dieser großartigen Entdeckung gegeben hatte.

31. März. Die Temperatur ist nachts noch unter 0 Grad, bei Tage aber

steigt sie bedeutend. Der Sturm hatte aufgehört, und die Luft war klar,

der Himmel prunkte in der reinsten türkisblauen Farbe, die grell gegen

die trostlos graugelbe Wüste absticht. Der tote Wald hat aufgehört;

Bruchstücke, die sein ehemaliges Vorhandensein ahnen lassen, kommen

nicht mehr vor; wir haben das Vegetationsgebiet des Lop-nor hinter uns

gelassen. Ich gehe zu Fuß voraus und gewinne dadurch Zeit; denn mein

Vorsprung übt eine gewisse Zugkraft auf die Karawane aus, und außerdem

trage ich als Führer die Verantwortung. Wir pflegten den Marsch barfuß

anzutreten, aber die Füße sind auf dem erhitzten Boden bald wie

verbrannt, und man muß wieder Schuhe anziehen. Abkühlung spürt man nur,

wenn man als letzter im Zuge in die Spuren der Kamele tritt, die den

nachtkalten Sand aufgewühlt haben.

Die Lopwüste ist öder als die Tschertschenwüste, denn dort fanden wir

wenigstens Weide und Brunnenwasser; hier hätte das Graben nirgends

Erfolg gehabt. Bei einer toten Tamariske lagerten wir. Die Kamele sind

müde und matt, denn seit fünf Tagen haben sie nicht getrunken; am

Morgen des 1. April aber erhielten sie jeder einen Eimer Wasser, worauf

der Vorrat nur noch einen Tag reichte. Auch den letzten Kamischsack

durften sie leer fressen. Wir mußten nach dem Kara-koschun eilen, wohin

es noch 60 oder 70 Kilometer sein mußten. Wie gewöhnlich brach ich

früher auf und ging direkt nach Süden. Wüste Dünen auf allen Seiten,

dieselbe trostlose Wüstenperspektive, die ich schon so oft gesehen

hatte.

So erreichte ich eine hohe Düne, auf der ich mich ermüdet niedersetzte

und den Horizont mit dem Fernglase absuchte. Lauter Sandrücken.

Doch was war dies! Im Südosten breiteten sich zwischen Dünen und

Jardangterrassen große Wasserflächen aus. Wasser in dieser Wüste! Ich

traute kaum meinen Augen; es mußte eine Luftspiegelung sein!

Jetzt mußte ich mich sputen und eilte sofort dorthin. Nein, es war

richtig ein See mit den bizarrsten Einschnitten, Buchten, Inseln,

Holmen und Sunden, dem tollsten Gewirre von Wasserflächen, wie sie

nur auf ebenem Terrain zwischen Dünen und vom Winde ausgearbeiteten

Terrassen entstehen können. Außer ein paar jungen Tamariskensprossen

auf dem weichen sumpfigen Uferrande und etwa 20 Kamischstengeln war

die Gegend jedoch ebenso unfruchtbar wie bisher.

Ich ging an dem gebuchteten Ufer entlang nach Südwesten. Der See

verengerte sich manchmal bedeutend, erweiterte sich aber bald wieder

zu größeren Flächen. Das Wasser hatte einen leichten Anflug von Salz,

wurde aber von allen Tieren gern getrunken. Darauf wandte sich unser

Ufer nach Norden, und wir mußten ihm dorthin folgen, denn eine Furt

fanden wir nicht, und die Kamele wären im Schlamme versunken.

Der See streckte seine schmalen Buchten wie Finger nach Nordosten

aus, die uns ärgerliche Umwege verursachten. Der Boden ist feucht und

schwankt unter den ängstlichen Kamelen; er geht auf und nieder, als sei

eine Gummihaut über ein verborgenes Wasser gespannt, und man hat das

Gefühl, als bedürfe es nur eines Loches darin, um die Karawane in den

Fluten verschwinden zu lassen.

Das Land ist gänzlich unfruchtbar. Der See zeigt einen auffallenden

Parallelismus mit Bajirmulden und Jardangterrassen, mit Dünen,

Dünentälern und Windfurchen; alles zieht sich von Nordosten nach

Südwesten, und ziemlich oft sieht man die Jardangrücken unter dem

Wasser.

Daß dies nicht der Anfang des Kara-koschun sein konnte, schien mir

keinem Zweifel zu unterliegen, denn sonst hätte es hier Kamisch im

Überflusse gegeben. Doch woher kommt dann dieses Wasser? Sein geringer

Salzgehalt zeigte, daß es ziemlich neu war. Wäre es alt, so sähe

man hier schon junges aufkeimendes Kamisch, das sich so unglaublich

schnell mit dem Wasser verbreitet. Ich vermutete, daß der See von dem

neugebildeten Arme von Schirge-tschappgan herrührte.

So merkwürdig diese Entdeckung auch war, indem sie mich der Lösung

der verwickelten Lop-nor-Frage einen Schritt näher führte, so hatten

wir doch unter den gegenwärtigen Umständen wenig Nutzen davon; wir

bedurften jetzt vor allem der Weide für die Tiere und der Lebensmittel

für uns selbst, denn wir hatten nur noch Reis und Tee, und bei so

kärglicher Kost konnten wir nicht anders als hungrig sein. Statt die

Schritte rasch südwärts nach dem Kara-koschun zu lenken, hatten wir

uns von diesem unfruchtbaren See aufhalten lassen -- ein richtiger

Aprilscherz!

Da der See sich immer weiter nach Westen hinzog, beschloß ich Halt zu

machen, um zu sehen, ob sich keine Furt würde entdecken lassen. Wir

standen augenscheinlich an einem ganz neuen Wasserarme des Tarim und

mußten hinüber. Eine Strömung war allerdings nicht wahrzunehmen, wohl

aber eine ganz frische Wasserlinie, die zeigte, daß der Wasserspiegel

um einen Meter gesunken war, was seinen Grund im Fallen des Tarim

während des Winters hatte. Die bedeutenden Dünen, die den See auf allen

Seiten einrahmen, ja bisweilen kleine Inseln bilden, beweisen, daß sie

sich an Ort und Stelle befunden haben, als diese Überschwemmung das

Land unter Wasser setzte. Die Anordnung der Dünen würde sonst eine ganz

andere sein; sie hätten im Süden und im Südwesten des Sees gefehlt, wo

sie nun statt dessen am höchsten waren.

2. April. Tschernoff gab sich nicht eher zufrieden, als bis er eine

90 Zentimeter tiefe Furt mit tragfähigem Sandboden gefunden hatte.

Den Kamelen gefiel das Bad. Auf der anderen Seite drangen wir wieder

in hohe Dünen ein, und der See entschwand uns bald aus den Augen. Der

Sand wurde immer gewaltiger; 8-11 Meter hohe Dünenkämme wurden mit dem

Nivellierspiegel gemessen.

Die Muselmänner waren mißmutig und glaubten, der See, den wir verlassen

hatten, sei der Kara-koschun gewesen. Ich selbst begann unwillkürlich

darüber nachzugrübeln. War es so, dann waren wir verloren! Die Kamele

keuchten in dem weichen Sande und sahen so melancholisch aus, als

zerbrächen sie sich den Kopf darüber, warum wir den See sogleich

verlassen hatten. Die Hitze war unerträglich, und die Sonne schien uns

gerade ins Gesicht.

So gefährlich war es jedoch nicht. Das Terrain veränderte sein Aussehen

in erfreulicher Weise. Der Sand nahm ab, ein Gürtel von toten Pappeln

wurde durchquert, und dann kam einer von lebenden Tamarisken. Vor uns

erhob sich ein 5 Meter hoher Hügel. Ich sagte Faisullah, er solle mich

hinaufbegleiten, um den Kara-koschun in Augenschein zu nehmen. Und

richtig! Von dieser Anhöhe sah man im Südwesten, Süden, Südosten und

Osten große und kleine Flächen reinen, blauen Wassers, die durch gelbe

Kamischfelder voneinander getrennt waren.

Auf einer Landzunge in dem nächsten großen See wurden die Zelte

unmittelbar am Strande aufgeschlagen. Mit Genuß betrachtete ich von

meinem Zelte aus durch das Fernrohr die Scharen von Gänsen, Enten und

Schwänen, die auf dem See schwammen und tauchten. Ein Wüstenreisender

kann sich keine schönere Aussicht träumen. Leider waren die

Schwimmvögel zu weit vom Ufer entfernt. Aus ihrer Art zu tauchen konnte

man schließen, daß der See nicht sehr tief war. Sein Wasser war ganz

süß.

Das Zelttuch flatterte im Seewinde. Welch ein Unterschied gegen den

Wüstenwind und seinen Staub! Das Wasser plätscherte so herrlich am

Ufer, und halb träumend lag ich da, über diese jetzt so glücklich

beendete Fahrt nachdenkend. Das Vorhandensein des Seebeckens des alten

Lop-nor war festgestellt, ein ehemals bewohnter Ort war entdeckt, ein

neuer See in der Wüste angetroffen worden. Weder Menschen noch Tiere

waren dabei verloren gegangen.

Was das Profil quer durch die ganze Lopwüste betraf, so fand ich, daß

es nicht genügte. Man kann die Ergebnisse des Kochthermometers und des

Aneroids in einem Lande mit so unbedeutenden Höhenunterschieden nicht

verwerten. Mein schon gefaßter Entschluß, diese Gegend noch einmal zu

untersuchen, wurde nur noch fester, denn nur ein Präzisionsnivellement

des Beckens konnte über die äußerst unbedeutenden Höhenunterschiede

zwischen dem Lop-nor und dem Kara-koschun Auskunft geben. Ich hatte

nach meiner früheren Reise gerade deshalb betont, daß der Lop-nor ein

wandernder See sein müsse, weil dieses ganze Gebiet nahezu in ein und

derselben Fläche liege.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzig Tage im Kahn.

Am 3. April stürmte es den ganzen Tag heftig aus Nordosten. Der See

lockte mich mit unwiderstehlicher Gewalt; ich wollte mich nach all dem

erstickenden Sande und der Hitze auf seinen frischen Wogen tummeln

und seine Tiefe messen, aber wir hatten kein Boot. Hätten wir nur die

eine Hälfte der Segeltuchjolle mitgenommen, so hätte es damit keine

Not gehabt. Es mußte sich aber mit den Ziegenlederschläuchen und den

Leitern, an denen sie befestigt gewesen, ein Floß oder jedenfalls eine

Art Fahrzeug herstellen lassen, in welchem man mit dem Winde über

den See treiben konnte. Mit Tschernoff und Ördek ging ich am Strande

entlang. Die Leitern wurden mit Stricken an zwei Stangen festgebunden,

und das auf diese Weise hergestellte Floß wurde von den sechs

Ziegenlederschläuchen getragen, die mit Luft gefüllt waren, die Ördek

hineingeblasen hatte. Tschernoff und ich nahmen an Bord Platz, jeder

auf einer Leiter reitend. Als Tschernoff seinen Platz einnahm, wäre

die ganze Herrlichkeit beinahe umgeschlagen; die Ziegenlederschläuche

lagen schon auf dem Wasser, die Leitern etwas unter diesem, und wir

saßen halbnackt da und ließen die Beine ins Wasser herunterhängen.

Unsere breiten Rücken dienten als Segel. Wir trieben gerade auf das

Lager zu. Hunderte von Enten flogen, erschreckt durch die ungewöhnliche

Erscheinung, in lärmenden Scharen auf. Wir mußten uns festhalten

und balancieren, um nicht zu kentern, wenn die großen Wellen an uns

vorüberrauschten. Binnen kurzer Zeit waren auch unsere Oberkörper

völlig durchnäßt, denn jede Schlagwelle ging über das Floß weg und gab

uns eine ordentliche Dusche.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 25 / 42 段