Sehr weit waren wir auch am folgenden Morgen noch nicht gelangt, als

die Schützen wieder anhielten und nach Süden zeigten, wo ein einsames

Kamel philosophierend zwischen toten Tamariskenkegeln umherspazierte.

Drei Flintenläufe wurden auf das Tier gerichtet, und drei Schüsse

krachten, aber die Entfernung war zu groß, und das Kamel lief in wenig

hastigem Trabe nach Nordosten; dabei kreuzte es unseren Weg, so daß

wir es jetzt zur Linken hatten, wo es plötzlich stehenblieb und sich

die Friedensstörer der Wüste betrachtete. Daß die Hunde auf das Kamel

losstürmten, ließ es sich mit merkwürdiger Ruhe gefallen. Tschernoff

schoß wieder, worauf das Tier zusammenzuckte, alle Beine spreizte, den

Schwanz aufrichtete und ziemlich langsam, die Hunde auf den Fersen,

nach Osten lief. Verwundet war es, das sah man an den spärlichen

Blutspuren, aber die Verwundung schien nur leicht zu sein, und es

entschwand uns bald aus dem Gesichte.

Wir hatten einen neuen Beweis von der unbegreiflichen Dummheit und

Unvorsichtigkeit des wilden Kamels erhalten. Das jetzt in Frage

kommende schien sich außerordentlich für unsere Kamele zu interessieren

und stand nach der ersten Salve einige Augenblicke ganz still.

Tschernoff verfolgte es zu Pferd und näherte sich ihm auf 50 Schritt,

aber die Hunde verdarben ihm die Jagd. Das Kamel, eines jener einsamen

Männchen, die von einem stärkeren Nebenbuhler besiegt worden sind, war

wohl gerade an die Quelle gekommen, um zu saufen. Es hatte sicherlich

nur eine ungefährliche Schramme erhalten.

Zur Linken haben wir noch immer die untere Terrasse und finden auf ihr

unzählige tiefe Regenwasserrinnen. Zur Rechten schlängelt sich der

Kurruk-darja mit seinem toten Walde und seinen Jarterrassen. Von dieser

Gegend an sind Schneckengehäuse (Limnaea) außerordentlich häufig.

Hier hat es also an den Seiten des früheren Flusses Uferseen gegeben.

Diese Behauptung bedarf keines anderen Beweises als des Vorkommens von

Süßwassermollusken, die sich nicht in schnell strömendem Flußwasser,

sondern nur in stillen Seen und Lagunen mit reichlicher Vegetation

aufhalten.

Dann überschreiten wir das Bett und gehen nach Südosten, um ein Bild

von dem Aussehen der Wüste nach dieser Seite hin zu erhalten. Der harte

Felsboden ist außerordentlich unangenehm und höckerig. Die Jardang

werden niedriger, die Furchen zwischen ihnen sind nur einen Fuß tief

eingeschnitten, aber die Kamele stolpern über diese ewigen Schwellen.

Sand tritt auf, bildet aber keine Dünen. Ördek fand einige Scherben

eines an starkem Feuer gebrannten Tongefäßes und eine Art von Schiefer.

Noch aufrechtstehende Pappelstämme sind nicht ungewöhnlich, aber sie

sind tot und grau, spröde und zerbrechlich. Sie sind stets dünn, als

ob nur ihr innerstes Mark der Beschädigung durch die Atmosphärilien

zu widerstehen vermöchte. Der Boden ist mit Limnaeaschalen bestreut.

Tschidschegan (totes Kamisch), gestutzt wie die Borsten einer

Scheuerbürste, bedeckt große Flächen; es sind die früheren, üppigen

Felder auf den Ufern dieses Flusses und seiner Lagunen.

Es kam uns sehr unerwartet, daß wir in einer Bodensenkung ein Dutzend

lebender Pappeln fanden, die allerdings kümmerlich aussahen, aber doch

Wurzeln hatten, um ihren Lebenssaft aus dem Grundwasser zu saugen.

Um sie herum kreuzten sich mehrere Kamelspuren, und man sah auch die

Fährte eines Wolfes, der von Süden gekommen war, wohin auch ein paar

Kamelspuren gingen. Abdu Rehim glaubte, daß es nach dieser Richtung hin

Weide gebe oder daß dort ein See liege. Er hatte nie vom Awullu-köll

gehört und ahnte gar nicht, wie recht er hatte.

Wir ziehen dann zwischen 3 Meter hohen, steil nach Westsüdwest

abfallenden Dünen hindurch, die außerordentlich regelmäßig gebildet

sind, eine hübsche Halbmondform haben und isoliert liegen. Im Süden

dieses noch in den Windeln liegenden Übersandungsgürtels erscheinen

höhere Dünen, zwischen denen jedoch noch immer toter Wald auftritt.

Es war nicht unsere Absicht, uns jetzt in dieser Richtung noch weiter

zu begeben, sondern wir kehrten nach Nordosten zurück und lagerten in

einer wüsten Gegend, wo die Kamele, die hier in der Heimat ihrer wilden

Verwandten stets angebunden wurden, Kamisch aus den Säcken erhielten.

Oft verlieren wir das alte Bett ganz, um uns dann nach stundenlangem

Suchen plötzlich wieder am Rande einer Biegung zu befinden.

Wahrscheinlich finden wir in dem gegenwärtigen Relief der Landschaft

verschiedene hydrographische Epochen abgespiegelt. Die außerordentlich

scharf markierte Terrasse am Fuße des untersten Sai ist eine

Uferlinie, die seinerzeit von den Wellen eines sehr ansehnlichen Sees

bespült worden ist. Dieser ist nach und nach flacher geworden und

zusammengeschrumpft; die Schneckenschalen sind liegen geblieben und

zeigen, welche Gegenden früher unter Wasser standen.

Die Wüste wird immer unfruchtbarer. Oft kreuzen wir nach Süden führende

Kamelspuren; es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Kamel sich nach

dem Awullu-köll, der selten von Lopleuten besucht wird, zu begeben

pflegt. Und dann geht unser Zug wieder durch ein Stück Flußbett,

das bewundernswert deutlich ist. Es ist 94 Meter breit, 6,5 Meter

tief eingeschnitten und trägt auf seinen Ufern toten Wald. Es ist

ein fossiler Fluß. Nimmt man ein Stück vom Tarim, läßt sein Wasser

verschwinden und seinen Wald welken und verdorren, so wird das Resultat

genau dasselbe sein, das wir hier vor uns hatten.

Wir rasteten in einer Bodensenkung.

Von diesem Lager folgten wir einem Kamelpfade, der jedoch

wahrscheinlich nur einmal von einer Herde benutzt worden war, denn es

liegt nicht in der Natur des wilden Kamels, sich an bestimmte Wege

zu halten, sondern es pflegt im Gegenteil seine Sicherheit dadurch

zu vergrößern, daß es sich davon ganz unabhängig macht. In dieser

Beziehung ist es schlauer als der Tiger, der sich in Fallen fangen

läßt, weil er stets alte Wege benutzt.

Die Landschaft verändert sich wenig. Die Berge sehen eher aus wie eine

niedrige Hügelreihe mit eingekerbtem Kamme. Toter Wald ist spärlich,

aufrechtstehende Stämme selten. Rechts ein Meer von Jardang mit

Milliarden von Schneckenschalen. Ördek fand einen Tonkrug, Stücke einer

großen Schüssel mit einem glasierten Rankenornament und ein Stück von

einem großen Kupferkessel mit horizontal umgebogenem Rande. Hier hat

ein Gehöft oder ein kleiner Weiler gelegen; jedenfalls zeigte der Fund,

daß die Gegend bewohnt gewesen ist. Die Gefäße waren chinesische Arbeit.

Während des heutigen Tages hörte das Bett des Kurruk-darja ganz auf,

und der Boden, den wir jetzt betraten, war ehemals vom Wasser des alten

Lop-nor-Sees überschwemmt. Daher endigte der Wald hier, die Schnecken

aber waren noch zahlreicher als früher. Die Jardang bildeten jetzt ein

paar Meter breite und einen Meter hohe Rücken von ziemlich festem,

horizontal geschichtetem gelbem Tone, deren Richtung Nordost-Südwest

war und die einander bis ins Unendliche folgten. Furchen oder

Rinnen von derselben Breite und Tiefe trennten sie voneinander. Die

Richtung dieser eigentümlichen Bodenform läßt uns vermuten, daß sie

ausschließlich ein Werk des vorherrschenden Nordostwindes ist, dessen

Flugsand an dem leicht vergänglichen Tone beständig feilt und frißt.

Alle Ränder und Seiten dieser langen Tafeln zeigen deutlich vom Winde

abgeschliffene Flächen. Anhäufungen von Treibsand fehlen jedoch, weil

der See erst vor relativ kurzer Zeit verschwunden ist. Marco Polos

Behauptung, daß zur Durchquerung der Lopwüste ein Jahr erforderlich

sei, ist nicht so übertrieben, wenn man bedenkt, daß dazumal Kara-buran

und Kara-koschun noch nicht existierten und man also von der

Takla-makan bis nach der Mandschurei von einer ununterbrochenen Wüste

sprechen konnte.

Unweit des Lagers Nr. 12 wurden dicke, graublaue Scherben von einem

großen Tongefäße mit kleinen Henkeln gefunden. Es war das dritte Mal,

daß wir an diesen ausgetrockneten Wasserwegen Spuren von Menschen

fanden. Der Boden ist hier und da mit Salzablagerungen bedeckt, an

denen man sieht, daß der See, nachdem er seines Zuflusses beraubt

worden war, allmählich salzig geworden ist. Daß die Salzschichten so

selten sind, hat seinen Grund darin, daß der Wind die Oberschicht des

Bodens beständig abhobelt.

Jetzt galt es, Altimisch-bulak (die sechzig Quellen) zu finden. Wir

schlugen daher den Weg nach Nordnordost ein, die niedrigen Ausläufer

und Hügel des Kurruk-tag ersteigend, von wo aus der Blick sich auf der

absolut ebenen, aber rauhen Fläche der Wüste verliert. Nur zweimal

während aller seiner Wanderungen in diesen Gegenden hatte Abdu Rehim

fern im Süden einen schneebedeckten Kamm gesehen, aber er hatte nie

etwas vom Astin-tag gehört.

Gegen Abend erhob sich ein heftiger Nordwind; der Himmel bedeckte sich

mit Wolken, und es war bei der herrschenden Finsternis nicht möglich,

die Quelle zu finden, weshalb wir nach einem Marsche von 38 Kilometer

in einer gänzlich unfruchtbaren Tonwüste lagerten. Seit fünf Tagen

hatten wir keinen Tropfen Wasser gefunden, und das bißchen, das sich

noch in den Schläuchen befand, war verdorben. Der Fleischvorrat war

auch zu Ende, und die Bewirtung fiel an diesem Abend kärglich aus.

Der Wind hielt die ganze Nacht an; das Zelttuch war straffgespannt,

es flatterte und riß an den Tauen, und ich hatte alle meine Papiere

und Karten eingepackt, denn wenn der Wind das Zelt umstürzte, wären

sie fortgeflogen und nicht wieder zu erlangen gewesen. Noch am Morgen

betrug die Windstärke 11 Meter in der Sekunde.

Als ich bei Tagesanbruch aus dem Zelte trat, lag eine trostlose

Landschaft vor mir. Im Nordosten erstreckt sich ein niedriger Rücken,

im Südosten fällt das Terrain nach der Wüste ab, im übrigen sieht man

in weiter Ferne unbedeutende Kämme und Landrücken; der Boden ist mit

Schutt bedeckt, keine einzige Pflanze; alles ist verwittert, kahl und

öde. Die Chinesen haben diese Landrücken auf ihren Karten nicht als

Gebirge verzeichnet, nur der Hauptkamm weit hinten im Norden ist darauf

angegeben.

Heute war es Melik Ahun, Abdu Rehims Bruder, der den Zug führte.

Schweigend und ruhig thronte er auf seinem hohen Kamele an der Spitze,

den ganzen Zug hinter sich, wie ein Lotse ein ganzes Geschwader leitet.

Nachdem wir einen Hügel passiert hatten, erblickten wir ein großes,

offenes Feld, und in der Mitte desselben glänzte der Boden gelb -- es

war die gesegnete, herrliche Oase +Altimisch-bulak+!

Mit ihren durch ständiges Leben im Freien geschärften Augen hatten Abdu

Rehim und Melik sogleich eine am Ostrande weidende Kamelherde erblickt

-- ich konnte die Tiere kaum mit dem Fernglase erkennen. Jetzt übernahm

der erfahrene Kameljäger die Führung und gab der Karawane Anweisung,

einen Umweg hinter einem niedrigen Bergrücken herum zu machen. Abdu

Rehim und Tschernoff eilten nach dem Kamischfelde der Oase; ich folgte

ihnen, um mir den Verlauf der Jagd als passiver Zuschauer anzusehen.

Wir kreuzten das Bächlein der „sechzig Quellen“, wo, wie unser

Wegweiser schon vor einem Monate richtig prophezeit hatte, noch große

schöne Eisschollen lagen (Abb. 81) und gingen dann in das Schilf und

die Tamarisken hinein.

Auch diese Herde bestand aus einem großen dunkeln Bughra und fünf

hellen Kamelen; vielleicht war es dieselbe, die wir schon gesehen

hatten. Das alte und eines der Jungen weideten eifrig, die übrigen

lagen, die Köpfe uns zugewandt. Wir waren 300 Schritt von ihnen

entfernt und der Wind kam gerade von ihnen, weshalb weder Gehör noch

Geruch sie warnen konnte; für uns war es das Wichtigste, uns nicht

sehen zu lassen. Eigentlich war es feige, sich auf diese Weise an

die edeln Tiere heranzuschleichen und sie aus dem Hinterhalte zu

überfallen.

Mich interessierte es am meisten, möglichst viel von ihren Bewegungen

und Gewohnheiten im Freien zu sehen, aber ich wollte den Männern nicht

das Schießen verbieten, denn dies würde in der Karawane Unzufriedenheit

und Ärger erweckt haben, die verdrießliche Folgen haben konnten. Dazu

kam, daß Abdu Rehim Kameljäger von Beruf war. Die Muselmänner besitzen

keine Spur von Gefühl für die Leiden eines Tieres und hätten das

Verbot sicherlich als einen gegen sie selbst gerichteten launenhaften

Einfall aufgefaßt. Für einen Jäger mußte auch die Jagd auf ein solches

Tier ein Fest sein, das sah man unseren Schützen an; sie sahen und

hörten nichts anderes, wenn sie Kamele beschlichen, und ihre Augen

strahlten vor leidenschaftlicher Freude. Ich aber seufzte erleichtert

auf, wenn sie fehlten, denn meine Sympathien waren ganz auf seiten der

Kamele. Diesmal stand es jedoch in den Sternen geschrieben, daß ein

unschuldiges Leben erlöschen sollte.

Abdu Rehim bat uns, dort, wo wir uns befanden, zu warten, während er

einen großen Umweg machte, um ungesehen an einer Lücke im Dickicht

vorbeizukommen. Lautlos und unsichtbar wie ein Panther glitt er

durch die Büsche; wir konnten weder sehen noch hören, wo er blieb.

Mittlerweile hatte ich vortreffliche Gelegenheit, die Bewegungen der

Tiere zu beobachten. Die beiden Weidenden gingen mit gesenktem Kopfe,

erhoben ihn manchmal, wenn das Maul voll war, kauten langsam und

kräftig, so daß das dürre Kamisch zwischen den Zähnen knisterte, und

ließen den Blick über den offenen Horizont gleiten. Sie zeigten keine

Spur von Unruhe und hatten keine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand.

Jetzt krachte Abdu Rehims Flinte, und fünf Kamele liefen in langsamem

Trab auf unsere Büsche zu; doch wahrscheinlich hielten sie den Punkt

für verdächtig, denn sie machten plötzlich kehrt und rannten in wildem

Laufe bergauf, gerade gegen den Wind. Dies war eine ebenso kluge wie

natürliche Strategie, denn gegen den Wind wittern sie die Gefahr,

während in der entgegengesetzten Richtung alle möglichen Fallstricke

verborgen sein können.

Das jüngere weidende Kamel hatte eine Kugel in den Bauch erhalten und

bekam eine zweite in den Hals, als es sich erhob, um sich den anderen

zuzugesellen.

Als wir es erreichten, lag es auf allen vier Knien und kaute an dem,

was es noch zwischen den Zähnen hatte. Manchmal erhob es sich auf

den Hinterfüßen, fiel dann aber, weil ihm die Vorderbeine den Dienst

versagten, auf die Seite. Der Blick war ruhig und resigniert, ohne

Furcht oder Verwunderung; nur wenn man ihm über die Nase strich,

versuchte es zu beißen. Es glich auffallend den zahmen Kamelen aus

Singer und hatte gerade angefangen, Wolle zu verlieren. Nachdem

es von verschiedenen Seiten photographiert worden war (Abb. 82),

öffnete ihm Abdu mit einem kräftigen Schnitte die Adern am Halse;

das Blut spritzte in einem dicken Strahle heraus, es folgten einige

Todeszuckungen, und dann ging dieser Sohn der Wüste, der noch vor ein

paar Minuten so friedlich und ruhig in dieser einsamen Gegend geweidet,

in die ewigen Weidegründe ein. Die anderen waren unseren Blicken schon

entschwunden. Abdu Rehim war selig, seinen alten Vater nun mit einem

großen Vorrate von Kamelfleisch überraschen zu können.

Das erlegte Kamel war ein etwa vierjähriges Männchen. Wie bei den

zahmen, kann man bei den wilden Kamelen das Alter mit ziemlich großer

Sicherheit am Aussehen der Vorderzähne erkennen. Daß es bei einer

Herde weilte, in der ein Bughra das Szepter führte, läßt sich dadurch

erklären, daß es ein für allemal durch einen scheußlichen Biß in den

Nacken gezüchtigt worden und überdies noch so jung war. Sonst weiden

Bughrakamele nur während des Sommers friedlich zusammen, in der

Brunstzeit duldet keines ein anderes Männchen in seiner Nähe.

Die Kamele aus Singer wurden nachts angebunden und tags bewacht, sonst

wären sie heimgelaufen. Ihr Ortssinn ist scharf entwickelt, und sie

würden sich selbst dann dorthin finden, wenn man sie in eine ihnen ganz

unbekannte, dreißig Tagereisen von Singer entfernte Gegend führte. Abdu

versicherte, es seien die Kamele gewesen, die uns im Dunkeln an jenem

Abend, als wir in der Steinwüste lagerten, direkt nach Altimisch-bulak

geführt hätten, und sie würden sicher weitergegangen sein und die

Quelle gefunden haben, wenn ich nicht Halt kommandiert hätte.

Der Reichtum an wilden Kamelen am Fuße des Kurruk-tag wechselt in

verschiedenen Jahren sehr. Werden sie in der Gegend von Luktschin sehr

von Jägern bedrängt, so begeben sie sich hierher und umgekehrt. In

diesem Jahre waren sie zahlreich. Läßt man sie in Ruhe, so besuchen sie

die Quellen alle drei Tage. Eine Herde von acht Kamelen kam von Süden

her an die unterste Eisscholle, um Eis zu kauen. Die Männer kamen mit

ihren Flinten erst dorthin, als die Tiere schon wieder fort waren.

[Illustration: 101. Jugend am Ufer des Tarim. (S. 254.)]

[Illustration: 102. Malenki und Maltschik. (S. 254.)]

[Illustration: 103. Dünen auf dem rechten Tarimufer. (S. 258.)]

[Illustration: 104. Gewaltige Sanddünen am rechten Tarimufer. (S.

258.)]

Einundzwanzigstes Kapitel.

Der frühere See Lop-nor.

Unsere Zelte wurden zwischen Tamarisken und Schilf unmittelbar neben

der Quelle aufgeschlagen. Nach der Wüstenwanderung war dies ein

reizender, einladender Lagerplatz, und ein Genuß war es zu sehen, wie

die Kamele und mein Pferd in der üppigen Weide schwelgten und von Zeit

zu Zeit an die Quelle kamen, um an der Eisrinde zu knabbern. Hier

wollten wir einige Zeit bleiben, um die Tiere zu der bevorstehenden

Wüstenreise nach Süden Kräfte sammeln zu lassen. Wir selbst litten

beinahe Mangel an Nahrungsmitteln. Reis und Brot waren allerdings noch

im Überfluß vorhanden, aber bekommt man weiter nichts, so wird das

Menü sehr einförmig. Tschernoff und ich konnten uns nicht überwinden,

Kamelfleisch zu essen, das den Muselmännern jedoch gut schmeckte.

Die Leute aus Singer sehnten sich nach Hause, aber es gelang mir

dennoch folgendes Übereinkommen mit ihnen zu treffen. Melik und sein

jüngerer Bruder sollten mit vier Kamelen in Altimisch-bulak bleiben,

während Abdu uns mit den übrigen vier Kamelen zwei Tagereisen weit

begleitete, um unseren Kamelen die Last zu erleichtern und Säcke mit

Eis zu transportieren. Weiter wagte er nicht mitzukommen; er hatte

riesigen Respekt vor der Wüste, die er nicht kannte.

Vom 23.-27. März blieben wir in dieser wunderbaren Oase, der

herrlichsten, die ich je besucht hatte. Nach dem angestrengten Marsche

von Jardang-bulak hierher war es schön sich auszuruhen. Die Atmosphäre

war in Aufruhr, aber das genierte mich wenig; mein Zelt war von

undurchdringlichem Kamisch und Tamarisken umgeben, und lieblich klang

es, wenn der Wind durch das Dickicht ringsum sauste und pfiff.

Unsere Jäger streiften nach Wildenten und Antilopen umher, aber mit

beiden Wildarten war es hier gleich schlecht bestellt. Ein einsames

Kamel kam von Nordwesten nach der Quelle herunter; einige von Abdus

Kamelen wurden, von ihren Packsätteln befreit, auf den Sai getrieben

und gingen dem wilden neugierig entgegen. Es näherte sich vorsichtig,

beobachtete unverwandt die unseren und hatte entschieden die Absicht,

sich zu ihnen zu gesellen. Dann aber kam es auf andere Gedanken, kehrte

um und verschwand im Westen.

Nur ein Fuchs, der an der Kamelleiche geschmaust hatte, wurde die Beute

der Jäger. Er hatte ein großes Fleischstück im Maul und wollte damit

wohl in seinen Bau gehen, als er statt dessen ins Gras beißen mußte.

Ich benutzte die Ruhetage zu einer astronomischen Beobachtung in

mehreren Serien und zum Lesen. Die Luft fing an, frühlingshaft

zu werden. Am 25. hatten wir mittags +17,2 Grad, obgleich die

Minimaltemperatur in der Nacht vorher auf -7,1 Grad heruntergegangen

war. Abdu Rehim bereicherte meine Kenntnisse in der Geographie der

Gegend und zählte die Namen aller Quellen, die er kannte, auf, wobei

er auch ihre Lage zueinander genau beschrieb. Von der Zuverlässigkeit

seiner Angaben erhielt ich ein Jahr später deutliche Beweise. Er sagte

mir nämlich, daß er nach Osten hin nur drei namenlose Quellen in einer

Entfernung von zwei kleinen Tagereisen jenseits Altimisch-bulak kenne.

Ich fand sie alle drei, und sie retteten uns im rechten Augenblick aus

einer kritischen Lage. Ferner beschrieb er alle alten Wege, die er im

Kurruk-tag kannte. Sie werden durch Steinpyramiden bezeichnet, welche

die Singerleute „Ova“ (das mongolische Wort „Obo“) nennen. Ein solcher

Weg führte über Singer nach Südsüdwest und ist wahrscheinlich mit dem

alten Weg der chinesischen Steuereinnehmer nach dem Lop-nor identisch.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen, ein großer Eisvorrat und vier

Tagare (Säcke) Kamisch beschafft worden waren, brachen wir am Morgen

des 27. März wieder auf.

Unsere Absicht war, die Lopwüste von Norden nach Süden zu durchqueren

und dabei einen klaren Überblick über die Ausdehnung des früheren Sees

und unwiderlegliche Beweise für das Vorhandensein des Seebeckens zu

erhalten. Schon durch den Marsch im Bette des Kurruk-darja und die

Feststellung, daß dieser schließlich in einen See mündete, war die

Richtigkeit der chinesischen Karten, sowie der Ansichten v. Richthofens

und meiner eigenen in dieser geographischen Streitfrage bewiesen

worden; es blieb nur noch übrig, ein Profil der Gegend, wo der See sich

früher ausgedehnt hatte, zu erlangen.

Mit eigentlichen Gefahren war diese neue Wüstendurchquerung nicht

verknüpft. Die Entfernung nach dem Kara-koschun, wo wir Wild und

weiter westwärts auch Lopfischer finden sollten, ließ sich in einer

Woche zurücklegen, und selbst wenn der mitgenommene Wasservorrat sich

als unzureichend erwies, würden wir kaum vor Durst verschmachten

können. Die Tagare waren so dicht mit Eis gefüllt, daß alle Ecken

straff gespannt waren; doch wie wir sie auch vor der Sonne zu

schützen suchten, ein paar Eimer vertropften wohl während des ersten

Tagemarsches.

Wir zogen das Bett des Rinnsals von Altimisch-bulak hinunter nach

Ostsüdost. Der Quellbach verschwindet schon etwa 100 Meter vom Lager

unter Sand und Schutt. In einer gleich links liegenden Rinne, wo

auch eine kleine Quelle aufsprudelte, ließ sich gerade, als wir dort

vorbeizogen, eine Schar Enten nieder. Tschernoff schlich sich mit der

Doppelflinte dorthin und erlegte fünf Stück mit einem Schusse; sie

waren recht fett und eine willkommene Verstärkung unseres mageren

Proviants.

Die 30 Kilometer lange Tagereise führte uns vom Fuße des Gebirges

auf die ebene Wüste hinunter, wo Tonformationen drei verschiedene

Stockwerke bilden. Das unterste bilden die Bodenfläche oder die Rinnen,

in denen wir nach Südwesten hinziehen, das mittlere die gewöhnlichen

Jardang von 2 bis 3 Meter Höhe, welche die Hälfte des ganzen

Wüstenareales einnehmen; das oberste besteht aus mächtigen Tischen,

Türmen und Würfeln von rotem Tone, die sich 15-20 Meter über den Boden

erheben und östlich von unserem Wege am zahlreichsten sind. Sie stehen

hier in langen Reihen und sehen Mauerruinen so täuschend ähnlich, daß

wir sie ein paarmal ganz nahe betrachten mußten, um uns vom Gegenteil

zu überzeugen.

Es ist beachtenswert, daß die Rinnen zwischen den Jardangrücken in

jeder Hinsicht den Bajiren der Tschertschenwüste entsprechen. Beide

eigentümliche Terrainformationen verdanken ihre Entstehung dem Winde.

Nach Osten hin erscheint keine eigentliche Fortsetzung des Kurruk-tag,

sondern nur ein isolierter Bergstock. Ich hatte allen Grund, die

gewaltige Bergkette, die in dieser Richtung auf unseren Karten des

innersten Asien angegeben ist, schon jetzt als apokryph zu betrachten.

Die Wüste ist gänzlich unfruchtbar, nicht einmal dürres Holz kommt vor.

Schnecken liegen hier und dort, aber nirgends so zahlreich wie weiter

westlich.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 24 / 42 段