Woher kamen wohl diese Milliarden von Kubikmetern Luft, und wo

zogen sie hin? Welche Kräfte verursachten eine so revolutionäre

Umwälzung in der Atmosphäre? Hatte dies seinen Grund darin, daß die

westlichen Wüsten schon stärker von der Sonne erwärmt worden waren

als die östlichen, welche daher Luft liefern mußten, um den durch die

aufsteigende warme Luft entstandenen leeren Raum zu füllen? Oder war

es eine lokale Erscheinung, ein Wind, der kaskadenartig vom Kamme

des Kurruk-tag herabstürzte, um auf anderen, höheren Bahnen wieder

dorthin zurückzukehren, nachdem er hier unten die Erdoberfläche nur

gestreift hatte. Man konnte es nicht wissen; sicher aber ist, daß der

Wind in diesen Gegenden die stärkste physische Kraft ist, die an der

Umgestaltung der Erdoberfläche arbeitet.

14. März. Die Minimaltemperatur sank auf -7,1 Grad, und obgleich der

Sturm bedeutend nachgelassen hatte, war es doch schneidend kalt; es war

notwendig, ein ordentliches Feuer von Baumstämmen anzuzünden und dann

eine tüchtige Strecke zu Fuß zu gehen -- hatte ich doch meine Pelze zur

Unzeit heimgeschickt.

Im Südosten des Lagers war das Bett des Kurruk-darja an ein paar

Stellen noch feucht; dort wuchsen lebende Tamarisken und etwas Schilf,

der Wald auf den Ufern aber war tot, teils noch auf der Wurzel stehend,

teils schon umgefallen. Wir verirrten uns in einem wüsten Durcheinander

von Lehmterrassen mit scharfen Kanten. Die Eingeborenen nennen sie

„Jardang“, ein bezeichnender Name, dessen ich mich fernerhin auch

bedienen werde. In einem solchen Terrain zu wandern, ist ermüdend und

zeitraubend; man muß unausgesetzt hinauf und wieder hinunter von diesen

Terrassen, die ursprünglich vom fließenden Wasser erodiert, dann aber

vom Winde phantastisch und launenhaft geformt worden sind. Daher ist

es nicht immer ganz leicht, ein fortlaufendes Flußbett zwischen diesen

Jardang herauszufinden und zu verfolgen. Sie scheinen sich weit nach

Süden hinzuziehen, wo nur ein paar isolierte Sanddünen aus der ebenen

Wüste emporragen.

Weiterhin überschreiten wir wieder ein paar gut erhaltene

Flußkrümmungen, deren Ufer dichter toter Wald begleitet. Die

liegenden Stämme sind gewöhnlich dicker als die stehenden, die

Wind und Wetter mehr ausgesetzt und der vernichtenden, feilenden

Einwirkung des Flugsandes direkt preisgegeben sind. Sie stehen da wie

balsamierte Mumien ehemaliger Bäume, und die Landschaft gleicht oft

einem Stoppelfelde von riesigen Dimensionen. Nur längs des Laufes

des Kurruk-darja tritt dieser tote Wald auf, der seinerzeit von dem

trügerischen Wasser des Flusses gelebt hatte und abgestorben war,

als dieses sich einen südlicheren Ablauf suchte und die neuen Seen

Kara-buran und Kara-koschun bildete.

Unmittelbar zur Linken haben wir die äußersten Vorberge des Kurruk-tag.

Ihre unterste Terrasse bot uns einen ebenen, bequemen Weg. Eine

dominierende Bergpartie heißt Tschartschak-tag (der Berg der Müden),

weil Tausende von chinesischen Soldaten, die von Turfan nach dem

neuangelegten Tscharchlik kommandiert worden waren, hier gelagert

und, nachdem sie ihren ganzen Proviant verzehrt, Uniform und Gewehr

weggeworfen haben und nach Turfan durchgebrannt sein sollen.

Rechts zieht sich noch immer das Bett des Kurruk-darja hin, links ein

anderes, dessen linke Uferterrasse außerordentlich scharf ausgeprägt

ist. Wir gehen demnach auf einer langen, schmalen Erhöhung zwischen

zwei Betten, von denen das linke älter ist als der Kurruk-darja; dies

sah sogar Abdu Rehim ein, der wußte, daß es sich noch eine weite

Strecke nach Osten erstreckte. Manchmal lichtet sich der tote Wald,

und seine noch aufrechtstehenden Stämme haben von fern täuschende

Ähnlichkeit mit Telegraphenstangen. In vor dem Winde geschützten Tälern

sahen wir jetzt zum ersten Male Spuren von wilden Kamelen.

Unter den toten Bäumen kommen jetzt häufig Jiggde-Büsche (Ölweide,

~Elaeagnus hortensis~) vor. Nach der ganz richtigen Auffassung der

Eingeborenen bilden sie den besten Beweis für eine frühere Bewässerung,

denn die Jiggde ist die erste unter Büschen und Bäumen, die eingeht,

wenn die Bewässerung aufhört, und schon verdorrt, wenn das Wasser

salzhaltig ist. Tograk (Pappeln) und Julgun (Tamarisken) sind weit

zäher und leben noch lange Zeit auf den Wurzeln.

Auch heute rasteten wir in einer absolut öden Gegend, aber wir hatten

sieben Tulume (Schläuche von Ziegenleder) voll Eis mitgenommen, von

denen zwei täglich draufgingen, wenn die Kamele nichts erhielten.

Am 15. März herrschte wieder starker Ostwind. Seine Geschwindigkeit

betrug nur 7 Meter in der Sekunde, aber er machte sich bei -1,1 Grad um

7 Uhr morgens fühlbar und drang durch unsere dünnen Frühjahrsanzüge.

Selbst wenn man den halben Tag zu Fuß geht, kann man nicht warm werden.

Um 1 Uhr stieg die Temperatur nur auf +6,8 Grad. In Jing-pen hatten

wir bei Westwind +21,4 Grad gehabt. Es ist wahrscheinlich, daß dieses

Verhältnis mit der verschiedenen Erwärmung des Kontinents in enger

Verbindung steht. Im Jahre 1897 hatte ich in der östlichen Mongolei

um diese Jahreszeit noch einen bitterkalten Winter mit tiefem Schnee

gehabt. In den zentralen Wüsten dagegen bildet sich ein barometrisches

Minimum, das seine Saugkraft auf die Randgebiete ausübt. Diese

Ungleichheit des Luftdrucks ist im Frühling am größten und gleicht sich

im Sommer aus. Daher treten im Lopgebiete im Frühling heftige östliche

und nordöstliche Stürme ein.

Abdu Rehim kannte eine Quelle in den niederen Bergen, die wir seiner

Ansicht nach besuchen mußten. Wir verließen daher den Kurruk-darja bis

auf weiteres und schlugen den Weg nach Nordosten ein. Nachdem wir einen

niedrigen Bergrücken passiert hatten, erblickten wir eine ausgedehnte

offene Arena. Im Norden derselben sah man merkwürdigerweise kaum etwas

vom Gebirge, so niedrig sind die Hügel, die sich auf dieser Seite

schwach abzeichnen. Mitten in diesem flachen Kesseltale finden wir die

+Oase Oi-köbruk+, wo Kamisch wächst. Wasser gibt es jedoch nicht,

und die Vegetation lebt von den Regenfluten, die sich dann und wann

hier ansammeln.

Spuren von wilden Kamelen kamen jetzt in solcher Menge vor, daß wir

ihnen kaum noch Aufmerksamkeit schenkten. An einer Stelle hatte vor ein

paar Tagen ein großes Tier im Sande gelegen und sich dort behaglich

eingewühlt. Wahrscheinlich waren alle diese Wanderer auf dem Wege von

oder nach Jardang-bulak gewesen, dem einzigen Punkte der Gegend, wo

Wasser offen zu Tage tritt.

Ein Kamm, bestehend aus einer grobkristallinischen Gesteinsart,

durchzogen von Diabasgängen, alles stark verwittert, trennte uns

noch von Jardang-bulak, und nachdem wir ein unfruchtbares Gebiet

überschritten hatten, lagerten wir in dem Talgange dieser Quelle.

Hier wächst auf einem ganz kleinen Flecke üppiges Schilf. Es war der

eine von den beiden Plätzen, wo wir Weide und Wasser finden sollten;

daher beschlossen wir, den Tieren hier zwei Ruhetage zu gewähren. Drei

andere ähnliche Quellen -- doch ohne nennenswerte Vegetation -- liegen

ganz in der Nähe. Unsere Quelle heißt +Atschik+ (die bittere). Das

Wasser derselben rieselt in einer Erosionsfurche zwischen niedrigen

Granitplatten hin und trägt eine dezimeterdicke Eisdecke, deren

Oberfläche wilde Kamele und Antilopen, die hier zur Tränke gegangen

sind, beschmutzt haben. Das Eis mußte daher gewaschen werden, ehe wir

es verwenden konnten, aber sein Schmelzwasser war vorzüglich und hatte

keinen Beigeschmack, obwohl das Aräometer in dem Quellwasser direkt am

Ursprung 1,012 spezifisches Gewicht zeigte.

Abdu Rehim, unser Wegweiser, ist ein gewaltiger Kameltöter; er benutzte

daher den ersten Rasttag zu einem Jagdausfluge. Er blieb vierzehn

Stunden fort und erzählte bei seiner Rückkehr, daß er auf ein großes

männliches Kamel gestoßen sei, welches er, nach der blutigen Spur zu

urteilen, schwer verwundet habe. Der Jäger hatte das Wild bis weit

über den Kurruk-darja hinaus verfolgt, und es war ihm dabei mehrmals

gelungen, sich dem Tiere bis auf 300 Schritt zu nähern, welcher Abstand

für asiatische Flinten jedoch zu groß ist. Schließlich war das Kamel

südwärts nach den ersten Sanddünen gelaufen, wo es Abdu Rehim bald

aus den Augen entschwand, und da es auch zu dämmern begann, hatte er

umkehren müssen. Er sagte, daß die Kamele, wenn sie verwundet worden

sind, stets südwärts nach der offenen Wüste laufen, und glaubte, daß

sie sich auch dann, wenn sie den Tod auf natürliche Weise kommen

fühlen, nach den Dünen begeben, um dort ihr Grab zu finden. Er glaubte

dies, weil er in den Bergen des Kurruk-tag selten oder nie Kamelgerippe

gefunden hatte. Vielleicht wissen sie, daß, wenn ihr Todeskampf

lang wird, sie sicher sein können, ihn in der Sandwüste in Ruhe

auszukämpfen, während sie im Gebirge Belästigungen leichter ausgesetzt

sein würden.

Abdu Rehim hatte auch ganz frische Spuren einer Herde von sieben

Kamelen gesehen, eines alten Männchen mit zwei Weibchen und vier Tailak

(Jungen).

Besser glückte es Tschernoff. Frühmorgens hörte ich die Männer äußerst

lebhaft, aber mit leiser Stimme davon reden, daß die Hunde angebunden

werden müßten. Darauf wurde es ganz still, und dann krachten dicht

beim Lager fünf Schüsse. Mit dem Winde hatte sich ein Kamel, ohne

einen Hinterhalt zu ahnen, der Quelle genähert. Tschernoff und Chodai

Kullu legten an, aber das Kamel machte kehrt und entfloh, nur leicht

verwundet, in östlicher Richtung. Tschernoff verfolgte es; das Tier

blieb bisweilen stehen und betrachtete ihn neugierig. Auf 500 Schritt

Entfernung wurde ein letzter Schuß abgefeuert und traf aufs Blatt. Das

Kamel lief langsam nach Süden, fiel ein paarmal, erhob sich wieder und

brach schließlich, als die Jäger ihm schon ganz nahe waren, etwa 2

Kilometer vom Lager tot zusammen (Abb. 79).

Es war ein junges Weibchen. Es hatte eine sehr weiche, feine Wolle,

die jetzt, zu Anfang der Zeit des Haarens, beinahe von selbst abfiel;

die Männer sammelten sie, um Schnüre und Stricke daraus zu drehen.

Darauf wurde das Tier zerlegt; sein Fleisch war uns sehr willkommen,

da unser Vorrat an Schaffleisch, das in den letzten Tagen schon etwas

verdorben gewesen war, jetzt gerade ein Ende genommen hatte. Die Hunde

hielten von den Fleischresten und Eingeweiden einen Festschmaus, und

die Füchse der Gegend werden sich gewiß auch noch eingestellt haben. Am

Tage darauf kreiste ein Geier über dem Platze, wo das arme Tier den Tod

gefunden hatte. Abdu Rehim glaubte, daß die wilden Kamele die Gegend,

wo einer ihrer Kameraden gefallen war, noch lange scheuen würden. Zum

Vergleich mit dem erbeuteten Kamele habe ich eines unserer zahmen

Kamele mit abgebildet (Abb. 80). Dieses Tier hatte schon 1896 an meinem

Zuge durch die Kerijawüste und zum Lop-nor teilgenommen; es starb 1901

im Innern von Tibet.

Abends schoß Tschernoff ein paar prächtige Rebhühner, die uns gut

zustatten kamen. Die Fleischverproviantierung ist nämlich während der

heißen Jahreszeit stets eine heikle Frage. Ich hatte mit Kirgui Pavan

und zwei anderen Jägern, die Jardang-bulak kannten, vereinbart, daß sie

sich dort mit fünf Schafen nebst Hühnern und Eiern einfinden sollten.

Da sie jedoch nichts von sich hören ließen, konnten wir nicht länger

warten. Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, daß sie zwar aufgebrochen

waren, sich aber in der Wüste verirrt und während des Sturmes drei

Schafe verloren hatten. Die übrigen waren halbtot, als sie endlich

Jardang-bulak erreichten, wo sie auch unsere Feuerstelle fanden; da war

es aber zu spät, und sie traten daher den Rückweg nach Tikkenlik an.

Wir regten uns aber ihres Nichtkommens wegen nicht auf, denn wenn wir

nur wohlbehalten den Kara-koschun erreichten, brauchten wir keine Not

zu leiden.

Zwanzigstes Kapitel.

Das gelobte Land des wilden Kamels.

Abdu Rehim gab mir manche Auskunft über die Eigenschaften des wilden

Kamels, die mit dem übereinstimmte, was ich 1896 von dem alten

Kameljäger am unteren Kerija-darja darüber erfahren hatte.

In der gegenwärtigen Jahreszeit muß das Kamel alle acht Tage saufen, im

Winter aber kann es zwei Wochen dursten. Doch kann es auch im Sommer

das Wasser einen halben Monat entbehren, wenn es saftige Weide hat.

Daß es den Durst im Winter nicht länger als 14 Tage ertragen kann, hat

seinen Grund darin, daß das Futter dann vertrocknet ist. Die Tiere

kennen die Lage der Quellen so genau, als richteten sie sich nach

Karte und Kompaß. Die Jungen sind von ihren Müttern dorthin geführt

worden, und die Reliefverhältnisse des Terrains verwachsen mit ihrem

Bewußtsein. Auch stark salzhaltiges Wasser saufen sie mit großem

Behagen. Zwischen Tamarisken und im Schilfe, wie auch überall, wo der

Schütze Deckung findet, kann er gegen frischen Wind bis auf 30 Schritt

an das Tier herankommen, und im allgemeinen schießt er nicht gern aus

größerer Entfernung als 50 Schritt.

Der Geruch ist der feinste Sinn des Kamels, und es soll den Menschen

in einer Entfernung von 20 Kilometer wittern können; wenn es merkt,

daß etwas nicht geheuer ist, entflieht es mit Windesschnelle. Gleich

seinen Vettern am Kerija-darja hegt es große Furcht vor dem Rauche

von Lagerfeuern. Es flieht auch vor dem zahmen Kamele mit Packsattel,

ja selbst, wenn dieser abgenommen ist, denn es wittert sogleich den

fremden Geruch des zahmen Kamels. Dagegen war es bisweilen vorgekommen,

daß junge, noch nicht zur Arbeit verwendete Kamele sich in wilde Herden

hineinverirrt und dort Aufnahme gefunden hatten. Bei einer solchen

Gelegenheit hatte einmal Abdu Rehims Bruder ein seinem Vater gehöriges

Kamel in dem Glauben, es sei ein wildes, geschossen. Im großen und

ganzen scheinen die Kamele des Kurruk-tag dieselben Eigenschaften zu

haben wie die vom Kerija-darja. Sie vermeiden bewohnte Gegenden sowie

Stellen, welche Menschen, wenn auch noch so selten, passieren. In

Verbindung hiermit sei erwähnt, daß nach Prschewalskij wilde Kamele in

der Kum-tag-Wüste östlich vom Sumpfe des Kara-koschun häufig vorkamen.

Jetzt fehlen sie in dieser Wüste oder sind wenigstens sehr selten

geworden, was seinen Grund in dem Austrocknen des Sees, wie auch darin

haben kann, daß die noch vorhandenen Wasserflächen bewohnten Gegenden

zu nahe liegen.

Die wilden Kamele nähern sich einem Platze, wo Jäger gelagert haben,

für längere Zeit nicht wieder. Abdu Rehim glaubte, sie würden nicht

eher als nach dem nächsten Regen wieder nach Jardang-bulak kommen oder

dort wenigstens nicht eher weiden, als bis die Stelle reingewaschen

und jede Spur unserer Feuer fortgeschwemmt worden sei. Im allgemeinen

bleibt die Kamelherde bloß 2-3 Tage an einem Platze mit Weide und sucht

dann einen anderen auf. Nach einer Quelle gehen sie nur, um zu trinken,

und bleiben nie länger dort, selbst wenn die Weide noch so gut ist.

Mein Gewährsmann behauptete, dem Kamele sage sein Instinkt, daß es bei

den Quellen die größte Gefahr laufe, mit Menschen zusammenzutreffen.

Wenn es solche gesehen oder gewittert hat, flieht es mehrere Tage

ohne Aufenthalt, bewerkstelligt seinen Rückzug aber im ganzen mit

großer Ruhe. Findet es auf der Flucht Weide, so hält es sich dort eine

Weile auf und frißt sich satt, bevor es weiterläuft. Wenn die Nacht

hereinbricht, legt es sich neben eine Tamariske, wo der Boden weich

ist, und setzt seine Flucht erst fort, wenn es wieder hell ist. Es

frißt alles mögliche aus dem Pflanzenreiche, am liebsten aber trockene,

losgerissene, vom Winde verwehte Grasbüschel. Auch die Weideplätze

findet es mit überraschender Sicherheit auf und begibt sich in gerader

Linie vom einen zum anderen, selbst wenn sie mehrere Tagemärsche weit

voneinander entfernt liegen und die Gegend keine Anhaltspunkte für die

Orientierung zu bieten scheint.

Während der Brunst, die in die Monate Dezember, Januar und Februar

fällt, kämpfen die Männchen förmliche Schlachten. Sie beißen sich, wo

sie sich nur treffen. Der im Streite Unterliegende muß oft einsam und

allein abziehen, während dem Sieger dann bis zu acht Weibchen zufallen

können. Geraten zwei gleich starke Männchen aneinander, so trennen sie

sich nicht eher, als bis eines oder beide kampfunfähig geworden sind.

Sie richten einander mit den Zähnen gräßlich zu und ziehen sich blutig

und zerbissen zurück; oft reißen sie einander ganze Fleischstücke aus

dem Leibe, und selten trifft man ein ausgewachsenes Männchen, das nicht

durch scheußliche Narben entstellt ist.

Oft stößt man auf einzelne Kamele, auch auf Paare; aber Herden von

4 oder 6 Tieren sind die Regel, während Herden von 12-15 selten

sind; stets ist jedoch ein starkes Männchen der Führer. Das zahme

Kamelweibchen geht ein Jahr lang trächtig, bei dem wilden soll es 14

Monate dauern. Man ist der Ansicht, daß das zahme jeden 18. Monat ein

Junges gebären kann, und zwar zum ersten Male im Alter von 8 und zum

letzten Male mit 15 Jahren. Das Junge wird 40 Tage gesäugt, ehe es Gras

fressen lernt, setzt das Säugen aber noch über ein Jahr fort. Bevor

es anderthalb Monate alt ist, kann es mit dem Maule kaum an die Erde

kommen. Bei den wilden soll es ebenso sein.

Das zahme Kamel ist bis zum Alter von 20 Jahren arbeitsfähig. Das wilde

soll 50 Jahre alt werden, was jedoch unsicher und unwahrscheinlich ist.

Doch Abdu Rehim hatte einmal in den Muskeln eines alten Kamelmännchens

eine mongolische Kugel gefunden, deren Form erkennen ließ, daß sie

dort 40-50 Jahre gesessen haben mußte, denn solange bedienten sich die

Mongolen schon nicht mehr solcher Kugeln. Seinen Beschreibungen nach

schienen die Kamele der Berge schwerer zu schießen zu sein als die der

Takla-makan. Tschernoff glaubte, dies könne darauf beruhen, daß die

Jäger des Landes weniger reichliche Pulverladung in ihren Flinten haben

als wir und daß ihre Waffen unvollkommener sind. Die Kugel dringt nicht

tief genug ein und bleibt oft sitzen, ohne ein empfindliches Organ

verletzt zu haben.

Zwischen Jardang-bulak und Chami kommt das wilde Kamel überall vor.

Es geht nach Westen hin nie über den Weg zwischen Jing-pen und Turfan

hinaus. Unser Lager Nr. 6 (am 13. März) kann als sein westlichster

Verbreitungspunkt im Bette des Kurruk-darja betrachtet werden. Im

Kurruk-tag findet man es am häufigsten im Tale von Altimisch-bulak

und östlich von diesem. Es ist aber ein unruhiges Tier, das ein

Nomadenleben im großen Stile führt.

Abdu Rehim war 6 Jahre Kameljäger gewesen und hatte in dieser Zeit

13 Kamele erlegt, was darauf schließen läßt, daß sie eine keineswegs

leicht zu gewinnende Beute sind. Sein Vater hatte einmal versucht, ein

Junges zu fangen, um es aufzuziehen und zu zähmen. Geduldig legte er

sich auf die Lauer. Sobald das Junge geboren war, witterte jedoch die

Mutter Unrat, nahm das Neugeborene zwischen Hals und Kinn und entfloh

mit solcher Geschwindigkeit, daß sie nicht einzuholen war.

[Illustration: 95. Unsere Kähne auf dem Ilek. (S. 247.)]

[Illustration: 96. Pappeln am Ufer des Ilek. (S. 247.)]

[Illustration: 97. Im Schilf auf dem Suji-sarik-köll. (S. 248.)]

[Illustration: 98. Unsere Kähne bei einem Nachtlager. (S. 248.)]

[Illustration: 99. Brücke bei Tikkenlik. (S. 250.)]

[Illustration: 100. Der Kalmak-ottogo-Arm. (S. 250.)]

Bevor uns der prächtige junge Abdu Rehim verläßt, seien noch ein paar

Worte über seine Familie gesagt. Er ist ein Sohn des Pavans Ahmed,

der seit 40 Jahren in Singer mit seinen vier Söhnen wohnt, die alle

dort geboren und von denen drei verheiratet sind. Alle Bewohner des

Dörfchens sind demnach Mitglieder der Familie Ahmeds. Der älteste Sohn

ist Karaultschi, der vom Amban von Dural eingesetzte Stationswächter

des Dorfes. Wenn in der Gegend etwas Unerlaubtes oder Verdächtiges

geschieht, ist es seine Pflicht, darüber Bericht zu erstatten. Er ist

Besitzer von 200 Schafen, die ein Mongole in der Gegend von Argan unter

der Bedingung hütet, daß die Hälfte der im Jahre geborenen Lämmer dem

Mongolen, die andere Hälfte aber Ahmed zufällt, welch letzterer auch

noch so viel Wolle beansprucht, wie zur Herstellung von drei Kigis

(Filzdecken) erforderlich ist. Den Rest darf der Mongole, der selbst

große Herden besitzt, behalten.

Ferner ist Ahmed Besitzer von 27 Kamelen, mit denen er nicht selten

Geschäfte macht, indem er neue ankauft, wenn sie billig sind, und sie

teuer verkauft, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Schließlich

hat er noch 2 Pferde und 10 Kühe. Er baut Weizen, Gerste, Melonen,

Zwiebeln und andere Gemüse in Singer, wo der Boden besonders ergiebig

sein soll, so daß sie dort jedes Jahr auf Ernte rechnen können, während

man in anderen Gegenden die Äcker einige Jahre ruhen lassen muß. Die

Leute sind von ihrem Dorfe entzückt und möchten mit keinem anderen

tauschen.

Abdu Rehim war ein hübscher, munterer, kräftiger und zuverlässiger

Mensch, und was ich an ihm besonders schätzte, war seine Wahrheitsliebe

und die Zuverlässigkeit seiner Angaben. Konnte er eine gewünschte

Auskunft nicht erteilen, so antwortete er, daß er es nicht wisse. Sonst

pflegen die Muselmänner in einem solchen Falle rasch eine Geschichte

zu erfinden. Er besorgte seine acht Kamele mit bewundernswerter

Geschicklichkeit, war überall bei der Hand, belud und lud ab wie ein

Sklave und fand den geraden Weg zwischen den Quellen wie ein wildes

Kamel. Ihn zu sehen, wie er sich mit der schweren, plumpen Flinte auf

der Schulter auf sein Reitkamel schwang, war ein wahres Vergnügen; er

war geschmeidig und stark wie ein Tiger. Jeden Abend pflegte ich ihn

in mein Zelt zu rufen, um ihn eine Stunde lang über seine Erfahrungen

auszuhorchen. Ich versuchte, ihn noch länger an unsere Karawane zu

fesseln, aber er sehnte sich nach seinem Heim in den Bergen zurück.

Beim Aufbruch am 18. März wurden sieben Ziegenfellschläuche und

zwei Säcke mit Eis mitgenommen, sowie zwei Säcke Kamisch, um an

Lagerplätzen ohne Weide sparsam an die Kamele verteilt zu werden.

Unterwegs sahen wir Spuren von einem alten und einem jungen Kamele,

und zwar so frische, daß die Tiere am selben Morgen dort gegangen sein

mußten. Tschernoff brannte vor Eifer und verschwand, von Chodai Kullu

begleitet, hinter den Hügeln. Abdu Rehim ritt wie gewöhnlich an der

Spitze, seine Kamele anführend, ihm folgte Faisullah mit unseren vier

Tieren; ich war der letzte. Ördek ging gewöhnlich zu Fuß.

Plötzlich machte der Vortrab Halt, und die Männer saßen ab. Sie hatten

ein großes, liegendes Kamel wahrgenommen. Abdu Rehim kroch mit der

Flinte auf dem Rücken am Boden entlang. Ich schlich mich zu ihm hin

und beobachtete mit dem Fernglase eine Herde, die aus einem großen

schwarzen Bughra (Männchen) und fünf helleren Kamelen bestand. Das

Bughra hatte sich gerade erhoben und wendete den Kopf mit aufgeblähten

Nüstern unruhig und aufmerksam nach unserer Seite. Drei von den anderen

lagen wiederkäuend, und zwei weideten.

Während wir anderen in einer Entfernung von 800 Schritt auf einem

gutversteckten Aussichtspunkte, von dem man allen Bewegungen der Herde

folgen konnte, stehenblieben, schlich Abdu Rehim nach dem Platze,

wohin auch Tschernoff durch die Spuren geleitet worden war. Doch der

Wind kam gerade von hier, und das Männchen witterte offenbar Unrat. Es

ging nach Westen, wo die Weibchen lagen, blieb stehen, schnüffelte,

den Blick unverwandt nach unserer Seite gerichtet, in der Luft und

ging dann weiter; die anderen, zwei ausgewachsene Weibchen und drei

Jährlingsfüllen, merkten nichts.

Jetzt krachte ein Schuß. Er traf nicht, die Entfernung war zu groß;

aber, erschreckt von dem Knall, ergriff das Bughra schleunigst die

Flucht. Die Weibchen zögerten einen Augenblick, schnellten darauf wie

Sprungfedern in die Höhe und schwenkten in so starkem Galopp ab, daß

der Staub hinter ihnen aufwirbelte. Das Bughra lief allein, die anderen

dicht aneinander gedrängt 100 Schritt rechts von ihm. Ich betrachtete

die Schar durch das Fernglas, aber nach wenigen Minuten waren die

großen Tiere zu kleinen schwarzen Punkten zusammengeschrumpft, und

nachher sah ich nur noch die Staubwolke, die ihren Weg angab. Die

Tiere flohen mit großer Schnelligkeit und ohne sich zu verschnaufen;

sie waren in den Wind hineingekommen, der ihnen den Karawanengeruch

zuführte, und hatten die Gefahr erkannt. Abdu Rehim glaubte, daß sie

drei Tage in der Sandwüste bleiben würden, ehe sie sich auf einem

weiten Umweg wieder in die Berge wagten.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 23 / 42 段