Kurban, der Unglücksrabe, wurde jetzt entlassen und verschwand, sobald

er seinen Lohn erhalten hatte. Der junge Spitzbube verstand, sich seine

Heimreise nach Kaschgar besonders bequem einzurichten. In Kutschar war

er in das Serai der Andischaner gegangen und hatte sich dort als mein

Expreßkurier an den Konsul vorgestellt, worauf ihm die freundlichen

Kaufleute alles, was er verlangte, gegeben hatten. In Aksu war er zu

der jungen Frau eines Beks in recht intime Beziehungen getreten und

hatte Prügel bekommen, war aber vom chinesischen Amban, der sicher

gedacht hatte, gegen den Kurier eines Europäers müsse man klugerweise

höflich sein, gut behandelt worden. Aus der letztgenannten Stadt

verschwand er auf einem gestohlenen Pferde. In Kaschgar erreichte seine

Frechheit den Höhepunkt, indem er dem Konsul einen ganzen Räuberroman

auftischte. Er hatte den Verzweifelten gespielt und erzählt, daß er

von mir beauftragt worden sei, dem Konsul eine besonders wichtige Post

zu überbringen, auf dem Wege aber von Banditen überfallen worden sei,

die ihm die Postsachen und alles Geld geraubt hätten. Doch Petrowskij

war an Räubergeschichten gewöhnt und setzte den Jüngling hinter Schloß

und Riegel, um ihm Gelegenheit zu geben, über sein hartes Schicksal

nachzudenken! Weiteren Gewinn hatte er von seinem Wagestücke nicht,

und die Armen, die sich unterwegs von ihm hatten beschwindeln lassen,

mußten allein für ihre Unvorsichtigkeit büßen und ihre Ansprüche, so

gut sie konnten, mit dem jungen Kurban ausmachen.

[Illustration: 88. Ein Tschappgan auf dem Kara-koschun. (S. 240.)]

[Illustration: 89. Im Schilf unterhalb Kum-tschappgan. (S. 240.)]

[Illustration: 90. Nordufer des Sees Kara-koschun. (S. 240.)]

Neunzehntes Kapitel.

Der Kurruk-tag und der Kurruk-darja.

Als das Wetter frühlingshaft zu werden begann, schickte ich Faisullah

und Abdu Rehim mit den Kamelen und dem schwereren Gepäcke nach Dillpar

am Kontsche-darja voraus, damit sie einen guten Weideplatz aussuchten

und dort unsere Ankunft erwarteten. Ich selbst brach mit Tschernoff,

Ördek und Chodai Kullu, einem Loplik, der nachher zwei Jahre in

meinem Dienste war, sowie einer ganzen Schar Begleiter am 5. März

auf. Diesmal nahmen wir zwei Zelte und einen Ofen mit, im übrigen

aber nur das gewöhnliche Gepäck, die Instrumentkiste, zwei Kisten mit

Küchengeschirr, zwei Jagdgewehre usw. Chodai Kullu galt für einen

gewaltigen Jäger und hatte ein eigenes Gewehr. Weil mehrere Pferde von

Jing-pen, wo die Wüste anfängt, wieder zurückgeschickt werden sollten,

mußte der Dschigit Musa uns bis dorthin begleiten.

Unsere erste Tagereise auf dieser neuen Expedition führte uns nach

Norden quer über das Steppenland, das sich zwischen Tarim und

Kontsche-darja ausdehnt. Wir brachen spät auf, wie es der Fall zu sein

pflegt, wenn man ein Hauptquartier auf längere Zeit verläßt; es ist

so vieles zu ordnen und zu besorgen, und in der letzten Minute noch

sind eine Menge Kleinigkeiten zu erledigen. Die drei zurückbleibenden

Kosaken und die Muselmänner standen in Reih und Glied, als ich ihnen

Lebewohl sagte und Parpi ermahnte, sich nicht in eine der Töchter des

Landes zu verlieben -- er war nämlich wegen seiner Schwäche in dieser

Beziehung bekannt. Hochaufgerichtet stand er in seinem blauen Tschapan

da und erwiderte lächelnd, ich könne ganz ruhig sein. Er hatte recht,

seine Liebesabenteuer waren für immer zu Ende -- zwölf Tage später

starb er nach kurzer Krankheit und wurde feierlich auf dem stillen

Friedhofe beerdigt; Eingeborene und Kameraden folgten seiner Leiche,

und Stangen mit Wimpeln und Yakschwänzen schmücken jetzt sein Grab.

Er hatte also keine Gelegenheit, sich auf dieser Expedition so

auszuzeichnen wie auf der vorigen, als er noch ein kräftiger Mann

war, aber ich bewahre ihm ein gutes, freundliches Andenken. Ich habe

vielleicht manchen Diener, der während meines Karawanenlebens bei mir

angestellt gewesen ist, vergessen, aber die Verstorbenen vergesse ich

nie; ihr Andenken liegt mir warm am Herzen, sie sind auf ihrem Posten

zusammengebrochen und haben in meinem Dienste alles hingegeben, was sie

besaßen -- ihr Leben. Möge er sanft am Fuße der Dünen ruhen, der alte,

redliche Parpi Bai. --

Es war mittlerweile dunkel geworden, bevor Faisullahs Lagerfeuer

zwischen den Pappeln am Ufer des Kontsche-darja aufloderte. Der Fluß

war noch fest zugefroren, und wir lagerten am linken Ufer in der

Waldgegend +Dillpar+, wo wir auch den folgenden Tag blieben. Die

uns begleitenden Beke kehrten am Morgen wieder um, und wir waren jetzt

von neuem auf uns selbst und unsere Vorräte angewiesen.

Als wir am 7. März nach Nordnordost weiterzogen, war die Karawane

folgendermaßen zusammengesetzt: Abdu Rehim und seine beiden jüngeren

Brüder mit acht Kamelen, von denen sechs zu unserer Verfügung standen,

die beiden übrigen trugen ihre Besitzer; ferner Faisullah mit unseren

fünf Kamelen, Tschernoff, Ördek, Chodai Kullu und Musa mit je einem

Pferde und ich auf demselben kleinen starken Schimmel, der mich durch

die Tschertschenwüste getragen hatte. Jolldasch und Maschka war das

Nachtwächteramt übertragen.

Unweit Dillpar kreuzten wir drei alte Betten des Kontsche-darja.

Darauf lassen wir die Wälder des Kontsche-darja hinter uns zurück und

reiten auf hartem, salzhaltigem, knisterndem Boden mit spärlichen

Tamarisken und einer dünnen Sandschicht. +Basch-tograk+ ist ein

kleiner Waldsee in der Einöde mit mächtigen, wenn auch niedrigen,

absterbenden Pappeln (Abb. 73). Westlich davon erscheint eine in

dem ebenen Terrain weithin erkennbare Tora (Wegpyramide), die auf

der alten Straße gestanden hat, die von den Bewohnern des Loplandes

Kömur-salldi-joll (der Weg, auf dem Steinkohlen ausgebreitet worden

sind) genannt wurde und die Korla und Sa-tscheo verband und sich jetzt

am Ufer des alten Lop-nor hinzieht. In „Durch Asiens Wüsten“ habe ich

den Teil dieser Straße, der nach Nordwesten von Jing-pen bis Korla

führt, beschreiben können. Ihre Fortsetzung nach Osten, von Jing-pen

an, zu erforschen, war einer der Zwecke dieser neuen Reise.

Nachdem wir die letzten Tamarisken (Abb. 74) hinter uns haben, beginnt

die von den Eingeborenen „Sai“ genannte Terrainform, die am Fuße

aller zentralasiatischen Bergketten gewöhnlich vorkommt, eine fürs

Auge unmerklich langsam ansteigende Bodenerhebung, hart wie Asphalt,

unfruchtbar und mit feinem, dünnschichtigem Gruse bestreut. Durch den

Boden zog sich eine trockene Erosionsfurche, die aus dem Sugett-bulak,

einem Quertale des Kurruk-tag, kam, welches Tal das Ziel unserer

Tagereise war; in dieser Furche fanden wir einen bequemen Weg nach dem

Fuße des Gebirges.

Eben wie das Meer dehnt sich der wüste Sai um uns her aus. Fern im

Süden unterscheidet man noch als dunkle Linie den Vegetationsgürtel

des Kontsche. Einige scheue Antilopen entflohen bei einem Fehlschusse,

sonst gab es kein Tierleben. Der Boden wird steiniger, der Anstieg

nimmt zu; in dem Bette liegt Treibholz von Tamarisken und Weidenbäumen,

welches eine Sil (Regenflut) mitgeschwemmt hat.

Endlich haben wir auf beiden Seiten Berge und machen in der

trompetenförmigen Mündung des Sugett-bulak-Tales Halt, wo ein kleiner

Bach 88 Liter Wasser in der Sekunde führt. Hier steht ein einsamer

Weidenbaum, daher der Name +Sugett-bulak+ (Weidenquelle). Wir

hatten 33 Kilometer zurückgelegt; die Temperatur war auf 13,1 Grad

gestiegen, und Mäntel waren nur abends nötig. Die Quelle, die den Bach

speist, liegt eine Tagereise talaufwärts; es sind zwei Tagereisen bis

zu den nächsten mongolischen Nomaden, die sich ständig in den größeren

Tälern zwischen den Parallelketten des Kurruk-tag, wo es vorzügliche

Weide geben soll, aufhalten.

Ein frischer Talwind wehte die ganze Nacht über unseren schönen,

angenehmen Lagerplatz. Zum erstenmal im Jahre blieb die

Minimaltemperatur über Null, nämlich auf +1,3 Grad. Unsere Tiere

waren während der Nacht hoch oben im Tale umhergestreift, wo Gras und

Weidenbäume wachsen, und es kostete Zeit, sie wieder herunterzutreiben.

Der heutige Tagemarsch führte nach Osten am Fuße des Gebirges

entlang, wo wir unzählige trockene Erosionsfurchen überschritten.

Wir sahen Hasen, Antilopen und Archaris (Bergschafe); letztere

verschwanden gewandt und leichtfüßig in einer Klamm, als Tschernoff

sie zu überraschen suchte. Zur Linken lösen ständig wechselnde

Bergperspektiven einander ab; unzählige Gipfel werden passiert und

verschwinden, und neue tauchen vor uns auf. Die dominierenden Gipfel

werden von verschiedenen Punkten aus gepeilt. Die nächsten Vorberge

verdecken jedoch die hinter ihnen liegenden Hauptkämme, deren Gipfel

nur in den Quertälern sichtbar sind. Die Berge sind braun, violett,

rot, grau und gelb in stets wechselnder Skala, die sich auch durch die

Schatten verändert, welche entstehen, wenn Wölkchen unter der Sonne

hinsegeln.

Zur rechten Hand fällt das Terrain langsam ab, nach der Ebene

hinunter, wo der Kontsche sich nach dem Kara-köll hinschlängelt.

Nach Passierung mehrerer kleiner, schwach eingeschnittener, durch

Hügelreihen voneinander getrennter Betten stehen wir am Rande des

besonders kräftig eingeschnittenen Gebirgstales +Kurbantschik+,

das 40 Meter unter unseren Füßen liegt. Ein Bach rieselte zwischen

porösen Eisschollen hin. Unser Lager an seinem linken Ufer hatte

eine entzückende Lage. Im Norden öffnete sich der breite Schlund

der Talmündung, im Süden standen die Jarterrassen wie dunkle Wände.

Hinter einem Hügel hat sich ein kleiner Teich mit herrlichem, reinem,

smaragdfarbigem Wasser gebildet, der so tief ist, daß man in seiner

Mitte nicht bis auf den Grund sehen kann (Abb. 75). Ein kleiner Arm des

Baches ergießt sich in ihn und tritt auf der anderen Seite wieder aus

ihm heraus; es ist ein Bagrasch-köll im kleinen. Das Becken befindet

sich gerade in der Mündung einer Erosionsfurche, und nach Regen muß

hier ein ziemlich hoher Wasserfall herabrauschen; da aber Niederschläge

in diesen „trockenen Bergen“ eine große Seltenheit sind, so kann man

sich denken, welche Zeit dazu gehört, das Becken auszumeißeln. Die

Berge der Umgebung bestehen aus Diorit.

Von Kurbantschik sollen es zwei Tagereisen bis an den Kamm der

Hauptkette sein, wo ein Weg über einen Paß führt, der Dawan, von

den Mongolen aber Többwe genannt wird. Vom Passe sind es anderthalb

Tagereisen nach dem Bagrasch-köll.

Am 9. März mußten wir noch das Kurbantschiktal eine ziemliche Strecke

hinabreiten, ehe wir durch ein Seitental auf seine linke Terrasse

hinaufgelangen konnten (Abb. 76). In südöstlicher Richtung kommen

wir über eine holperige Steppe in einen gewundenen, trocknen Hohlweg

hinunter, den abgerundete Höhen von weichem Material, das jedoch weiter

oben in festes Gestein übergeht, einfassen.

+Tograk-bulak+ ist eine reizende Stelle in diesem stillen Tale

(Abb. 77). Wir rasteten in einem Pappelhaine, wo es eine Quelle gab,

die jetzt mit dickem Eise, aus dem dichtes Schilf hervorguckte, bedeckt

war.

Stunde auf Stunde wandern wir nach Osten, zur Linken das Gebirge. Der

Sai wird nicht von bedeutenderen Furchen durchschnitten, wohl aber

von Tausenden kleiner Betten, die nur einen Fuß tief in den Boden

eingeschnitten und mit Schutt gefüllt sind. Die Sonne ging glutrot

unter, dann trat Dämmerung ein; aber noch hatten wir einen weiten Weg

bis an die Bergpartie, wo die nächste Quelle sein sollte. Chodai Kullu

hatte sie früher besucht und führte jetzt die Karawane. Im Dunkel der

Nacht hörten wir ihn rufen, und wieder standen wir am Rande einer

gewaltigen Erosionsfurche, deren Uferhang die Kamele hinunterrutschten.

Es stellte sich heraus, daß wir in der Dunkelheit in ein falsches Tal

gelangt waren; es war ganz unfruchtbar, und es gab dort keinen Tropfen

Wasser. Doch wir hatten heute schon 42 Kilometer zurückgelegt und

lagerten trotz alledem.

Am folgenden Morgen machten wir die Entdeckung, daß die Quelle von

+Budschentu-bulak+ nur einen Kilometer weiter östlich lag, und die

Tiere wurden daher dorthin geführt. Ich selbst wurde bei Sonnenaufgang

geweckt, und zwar gründlich. Tschernoff war, wie gewöhnlich, in mein

Zelt gekommen und hatte, während ich schlief, den Ofen geheizt,

aber nicht darauf geachtet, daß der abwärtsgehende Talwind das

Zelttuch gegen das erhitzte Kaminrohr drückte. Ich erwachte von einer

unleidlichen Wärme und sah das Zelt in Flammen stehen. In demselben

Augenblick stürmten auch schon die Männer herbei, rissen das Zelt um,

während Tschernoff die Kisten und die herumliegenden Sachen und Papiere

hinaustrug, und ich selbst warf über das Zelt eine Filzdecke, die das

Feuer erstickte. Meine luftige Wohnung sah nach diesem Abenteuer wenig

einladend aus; die Männer wußten jedoch Rat. Sie nahmen ein Stück

Sackleinwand, schnitten die Ränder der angebrannten Stelle weg und

machten das Loch mit dem Sackleinen zu. Glücklicherweise hatte das

Feuer noch nichts anderes vernichten können.

Der Bach von Budschentu-bulak war in mehrere Arme geteilt, die unter

einer umfangreichen Eisscholle rieselten. Wir entfernten uns jetzt

von den Bergen und zogen in südlicher Richtung weiter. In der Ferne

zeichnete sich die „Kona-schar“ von +Jing-pen+ auf dem Nebel der

hinter ihr liegenden Sandwüste ab. Die Ruinen lagen in einer Linie

von Norden nach Süden, so daß ich sie im Vorbeiziehen alle besehen,

messen und abzeichnen konnte. Die beiden ersten sind Tora oder Türme

aus Lehm, 4,5 Meter hoch und 15 Meter im Umfang (Abb. 78). Ein Guristan

(Begräbnisplatz) war, wie schon aus der Lage der Leichen hervorging,

von Muhammedanern angelegt. Die Füße lagen nach Süden, der Kopf nach

Norden und das Gesicht nach der Kibla gewendet. Die Gräber sind mit

zigarrenkistenförmigen Denkmälern von an der Sonne getrocknetem Lehm

geschmückt. Spätere Überschwemmungen haben die Außenseite der Terrasse,

in welcher die Gräber liegen, zerstört, so daß mehrere derselben

freigelegt sind und die Schädel wie aus Schießscharten in einer Mauer

herausgucken. Das Skelett eines ungefähr fünfzehnjährigen Jünglings

war aus seiner Grabhöhle herausgefallen; es konnte etwa 200 Jahre alt

sein. Dicht daneben stand etwas, das ein „Mesdschid“ oder „Chanekah“,

ein „Gumbes“ oder Monument auf dem Grabe eines Vornehmen hätte sein

können und von dem nur noch drei Mauern ohne Dach standen; die vierte

Mauer war anscheinend gleich dem Außenrande der Terrasse vom Wasser

fortgespült worden. Die Hinterwand war 6 Meter lang, die Höhe der

Mauern betrug 4,13 Meter. Um die Ruinen herum lagen eine Menge Scherben

von Krügen aus gebranntem Ton, rote sowohl wie schwarze; an einigen

von ihnen saß noch der runde Henkel. Darauf fanden wir ein Tora von 8

Meter Höhe und 31,4 Meter Umfang. Sieben solche von kleinerem Umfange

thronten auf einem isolierten Hügel; entweder sind sie als Denkmäler

auf den Gräbern hervorragender Persönlichkeiten errichtet worden, oder

sie sind chinesische Potai (Meilensteine), die, wie noch heute an

wichtigeren Plätzen, durch ihre Anzahl die Entfernung bis zur nächsten

größeren Station der Gegend in Li (etwa 450 Meter) angeben.

Die interessanteste dieser Ruinen war eine Ringmauer von demselben

Aussehen wie die, welche ich bei Sai-tschekke und Merdek-schahr gesehen

hatte. Sie war aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut, dem ein

Skelett von horizontalen Balken Festigkeit verlieh, und besaß vier

Tore. Der Durchmesser betrug 182 Meter, die Dicke der Mauern 11 Meter

und die Höhe 6,6 Meter; die Tore lagen im Norden, Süden, Osten und

Westen. Im Zentrum stand eine kleine Lehmpyramide.

Welchen Zweck eine solche Mauer gehabt hat, ist schwer zu sagen.

Für eine Stadtmauer ist sie zu klein, und überdies fehlt im Innern

jegliches Anzeichen von Häusern. Für eine Festung dürften die vier

offenen Tore überflüssig sein. Ich bin daher eher geneigt anzunehmen,

daß hier eine Art Wirtshaus oder Posthalterei gewesen und die

Bewohner in Zelten oder Holzhäusern im Schutze dieser provisorischen

Mauer gewohnt haben. Die Lop-nor-Straße ist wahrscheinlich mitten

hindurch gegangen, denn das Ost- und das Westtor liegen gerade in der

Längsrichtung dieses Weges. Alte Lopleute bewahren noch eine Tradition,

wonach die große Heerstraße nach Peking über Jing-pen und weiter nach

Dung-chan oder Sa-tscheo geführt habe.

Wenn wir von den Ruinen nach Jing-pen gegen Ostsüdost ziehen, haben

wir weit nach rechts einen üppigen Gürtel von ansehnlichen Pappeln,

der das trockene Bett begleitet, dessen Untersuchung der wichtigste

Punkt des Programmes war. Alle Jäger im Lande, die es kennen, nennen

es Kurruk-darja (trockener Fluß), manchmal auch Kum-darja (Sandfluß),

welchen Namen auch Kosloff gebraucht.

Die Örtäng von Jing-pen ist eine chinesische Poststation, die seit

einem Jahre öde und leer steht. Die Behörden versuchten vor einiger

Zeit, den Verkehr auf dem alten Wege zwischen Lop und Turfan wieder ins

Leben zu rufen, doch diese Straße wird äußerst selten benutzt und ist

überdies überflüssig, da der Weg über Korla, wenn auch länger, viel

angenehmer und bequemer ist.

Jing-pen ist eine wahre Oase, die auf allen Seiten von Wüsten eingefaßt

wird; wir brauchten nicht zu fürchten, daß unsere Tiere uns während

der beiden Ruhetage, die wir ihnen gewährten, fortlaufen würden. Die

Posthalterei liegt auf einer scharf markierten Terrasse, die sich ein

paar Meter über einen langgezogenen reichbewachsenen Salzsumpf erhebt.

In geographischer Hinsicht ist dieser Punkt von größtem Interesse,

denn man findet bald, daß der Sumpf in der Biegung eines alten

Flußbettes liegt und auf beiden Seiten, ganz wie der Tarim, mit alten

Pappelgruppen eingefaßt ist. Sogar die Eingeborenen erkannten, daß wir

uns hier an dem früheren Laufe jenes Flusses befanden. Weiter nach

Osten hin erstreckt sich die Feuchtigkeit jedoch nicht; das Bett liegt

trocken wie Zunder da, bis es sich in dem ebenso trockenen Becken des

alten Lop-nor verliert. Enten, Gänse und Rebhühner bevölkern die Oase,

und süßes Wasser erhält man aus einem Brunnen.

Die Temperatur stieg am 12. März auf +21,4 Grad; Fliegen und Spinnen

fingen an sich zu zeigen, und mit Bangen sah ich der Zeit entgegen,

da man täglich von Hitze und Insekten gequält werden und nur nachts

Kühlung finden würde. Diese deutlichen Anzeichen des Sommers mahnten

uns indessen, das Gepäck wesentlich zu erleichtern. Musa, der von hier

mit allen Pferden, meinen kleinen erprobten Wüstenschimmel ausgenommen,

und einem Kamele, das schlechten Appetit hatte, zurückkehren sollte,

mußte auch meinen Pelz, meinen Regenrock, den Ofen usw. mitnehmen, was

ich jedoch später bei ein paar Gelegenheiten sehr zu bereuen hatte.

Der Zweck dieser langen Rast war, daß die Tiere ordentlich weiden

sollten, denn auf der ganzen Strecke nach dem Kara-koschun konnten

wir nach Abdu Rehims Aussage nur an zwei Stellen gute Weide finden.

Anhaltender Westwind mit 8 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde und

undurchdringlicher Nebel erschwerten jegliche Arbeit im Freien.

Doch die Stunden vergehen schnell, und am 13. März konnten wir uns

wieder in Bewegung setzen. Abends sprang der Wind nach Osten um

und riß um Mitternacht das Zelttuch in die Höhe, so daß es wie ein

losgerissenes Segel flatterte. Darauf wurde das Zelt an der Windseite

mit Stricken und Pflöcken festgemacht und auf den am Boden schleppenden

Saum des Zelttuches große Lehmschollen gelegt.

Während des Tages schwoll der Wind immer mehr an und artete abends

in einen vollständigen Orkan aus. Wir wanderten auf der linken

Uferterrasse nach Osten; die Anordnung der Pappelgruppen bezeichnete

den Verlauf des Bettes. Eine seiner Biegungen war so deutlich, daß sie

gut erst im vorigen Jahre hätte verlassen worden sein können. Ihre

salzige, eisfreie Wasseransammlung bildete einen Halbmond, ganz wie in

den Bold-schemal des Tarim, und auf dem linken Ufer stand eine Gruppe

von Pappeln mit bis zu 4,10 Meter Umfang an der Basis. Eine Schar Enten

flog auf, bevor Tschernoff hatte schießen können, und die Hunde liefen

sich außer Atem, um eine Antilope zu erjagen, die mit elastischen

Sprüngen wie ein Gummiball über die Steppe flog.

Dann ist es mit Wasser und lebendem Walde vorbei -- der noch

vorhandene ist tot, aber die Stämme stehen noch auf ihrer Wurzel, wie

Grabdenkmäler auf einem Kirchhof. Der Boden ist mit feinem, losem

Staub bedeckt, der sich wie ein Kometenschwanz hinter der Karawane

erhebt. Schon um 2 Uhr herrschte Dämmerung; der Sturm wurde ärger, und

Abdu Rehim erklärte, daß wir Halt machen müßten, weil es den Tieren

zu schwer werde, gegen diesen Luftdruck anzukämpfen. Wir machten also

Halt, und es galt nur noch, einen einigermaßen geschützten Lagerplatz

zu finden.

Die Lehmwüste hat hier eigentümliches Relief. Sie ist vom Winde

modelliert. Würfel, Terrassen und Tische in horizontaler Lage erheben

sich überall ein paar Meter hoch, und Holz von toten Bäumen liegt auf

der Erde umhergestreut.

Beim Suchen nach einem geschützten Platze hätten wir einander beinahe

verloren. Ich ging nach Südwest oder wurde vielmehr dorthin geweht; es

ging sich so leicht, daß ich nicht merkte, wie ich mich von den anderen

entfernte; doch als ich keinen geeigneten Platz fand und umkehrte,

kam mir der ganze Sturm mit rasender Heftigkeit entgegen und jagte

mir einen horizontalen Regen von Sand und feinem, rotgelbem Staub ins

Gesicht, und von der Karawane war keine Spur zu sehen. Es war dieselbe

Empfindung wie beim Gehen durch Wasser oder Schlamm, und trotz all

meines Bemühens entfernte ich mich nur von den Meinen. Alle Spuren

sind sofort verwischt. Augen, Mund und Nase werden von Sand und Staub

verstopft, und ich mußte stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Da sah ich

im Nebel eine Gestalt erscheinen und erkannte Tschernoff, der auf der

Suche nach mir war.

Nachdem wir die anderen gefunden hatten, lagerten wir da, wo wir

uns befanden. Im Schutze eines Tamariskenkegels wurde mein Zelt

aufgeschlagen, wobei nur die halben Zeltstangen benutzt und ihre

oberen Enden mit Tauen befestigt wurden. Die Seitenstricke wurden um

massive Wurzelstämme gebunden und Stücke von trockenem Holz auf die

Säume gelegt, so daß schließlich alles fest war und den Sturm aushalten

konnte. Doch feiner Sand sickerte durch das Zelttuch und bedeckte das

Bett und die Sachen im Zelte.

[Illustration: 91. Transport der Kähne über Land. (S. 242.)]

[Illustration: 92. Hütten bei Jekken-öi. (S. 245.)]

[Illustration: 93. Flußmessung bei Schirge-tschappgan. (S. 246.)]

[Illustration: 94. Brücke über den Ilek. (S. 247.)]

Die Männer hüllten den Kopf in den Mantel, als sie sich niederlegten;

sie konnten ihr Zelt, dessen Stangen nicht zerlegbar waren, nicht

aufschlagen. Die Kamele lagen in einer Reihe da, den Hals in der

Windrichtung ausgestreckt und den Kopf vor dem Winde geschützt. Am

Boden betrug die Geschwindigkeit des Windes 18,1 Meter in der

Sekunde, auf einem nur 2 Meter hohen Hügel aber 26,1 Meter. Dort mußte

ich auf den Knien liegen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Der Sturm kam jetzt aus Nordosten, und man konnte sich leicht davon

überzeugen, was für ungeheuere Massen von Sand und Staub von diesem

kräftigen Träger nach Westen und Südwesten befördert wurden. Sobald

man sich nur niederkauert, wird man von den sausenden Wolken, die am

Boden hinfegen und im Windschatten wirbeln, beinahe erstickt. Zweige,

entwurzelte Grasbüschel und erbsengroße Sandkörner treiben im Winde und

schlagen einem ins Gesicht.

In der Dämmerung schien der Sturm des Tobens überdrüssig zu sein,

er schien sich die Sache zu überlegen und Atem schöpfen zu wollen;

die Luft klärte sich für ein paar Minuten auf. Es berührte uns ganz

eigentümlich, als wir uns überzeugten, was für Irrtümer man beim

Schätzen vertikaler und horizontaler Dimensionen begeht, wenn man

überall von Nebel umgeben ist. Wir hatten in einer Talmulde zu lagern

geglaubt und fanden nun, daß wir uns inmitten eines wenig kupierten

Geländes befanden.

Da pfiff es schon wieder um die Ecken und heulte und sauste um meine

Höhle, wo ich wie in Nacht und Nebel verschwand. An Kochen des Essens

war nicht zu denken, und ich mußte mich mit Wasser und Brot und dem

Inhalte einer Konservendose begnügen.

Maschka und Jolldasch rollten sich jeder in seiner Zeltecke zusammen.

Als ich beim Scheine der Laterne in meinem Tagebuche schrieb, trocknete

die Tinte sofort von dem darauf fallenden Sand, und die Feder

kratzte und quietschte in den kleinen Dünen, die sich auf dem Blatte

bildeten. Die ausgepackten Sachen waren nach einer halben Stunde total

verschwunden. Es war nicht besonders angenehm, sich in diesem Gestöber

von Sand, von dem auch das Bett voll war, entkleiden zu müssen, und es

war in der schwülen, staubschweren Luft zum Ersticken.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 22 / 42 段