Es liegt die Annahme nahe, daß diese Bajirmulden in der ganzen Wüste

verstreut liegen und ein Werk des Windes sind. In dem Bette des

Ettek-tarim haben sich bisher nur unbedeutende Dünen anhäufen können,

aber im Walde sind sie schon 3 bis 4 Meter hoch. Einstweilen liegt

das Bett noch geschützt vor der großen Flutwelle von Sand, die sich

langsam nähert und es zu begraben droht. Teilweise ist es jedoch schon

geschehen; die Welle des Tag-kum hat einen Teil des Ettek-tarim-Bettes

begraben, und weiter nach Norden hin verschwindet das Bett oft unter

dem nachdringenden Sande. Die Bajirmulden sind nicht stationär,

sie wandern nach Westen über den Boden der Wüste. Sie entstehen an

seinem Ostrande und verschwinden im fernen Westen, wo andere, weniger

regelmäßige Windverhältnisse herrschen. Eine Bajir erhält sich also

während ihres ganzen Daseins, obwohl ihr Boden sich im Laufe von 100

Jahren erneuert, wenn man die Geschwindigkeit der Wanderung der Dünen

auf zirka 5 Meter im Jahre veranschlagt. Wenn auch die Wellen der Dünen

denselben Windgesetzen wie die Wogen des Meeres gehorchen, so liegt

doch ein großer Unterschied darin, daß sich bei den Meereswogen nur die

Wellenbewegung fortpflanzt, das Wasser aber an seiner Stelle bleibt,

während sich bei den Sandwogen auch das Material weiterbewegt, vorwärts

gestoßen wird und überschwemmt. Würde der Wind nicht neues Material

zuführen, so würde der vorhandene Sand weggefegt werden.

Gegen Norden zeigt der Wald Neigung zum Absterben. Die Wurzeln

scheinen nur noch gerade bis zum Grundwasser hinunter zu reichen;

doch ist er noch dicht, und Stämme von 2,45 Meter Umfang sind nichts

Außergewöhnliches. Am östlichen Ufer des Ettek-tarim ist der Wald

unvergleichlich viel reicher als auf dem westlichen, weil jenes im

Windschatten geschützt liegt, während die Vegetation des letzteren vom

Sande langsam erstickt wird.

Auf der letzten Tagereise in diesem alten lehrreichen Bette kam toter

Wald ebenso häufig vor wie lebender, und die Vernichtung ist hier im

allgemeinen weiter vorgeschritten, indem sich die Sandmassen beider

Ufer einander bis auf 300 Meter genähert haben. Sie haben hie und da

schon eine Brücke von kleineren Dünen zueinander hinübergespannt.

Bei +Tana-baglagan+ zeigten sich frische Spuren von Wasser.

Im vorigen Jahre hatte man von Basch-argan am Tarim einen Kanal

gegraben, in der Absicht, das ausgetrocknete Bett des Ettek-tarim

wieder zu füllen, um ausgedehntere Weidegründe zu erhalten und die noch

vorhandene Vegetation zu retten. Aber der kleine Kanal war nur mit

Mühe bis Tana-baglagan geführt worden, und man hatte das Unternehmen

aufgegeben.

Endlich erreichten wir bei Basch-argan wieder unseren alten Freund, den

Tarim. Wie klein und unansehnlich zeigte sich jetzt dieser Fluß, der

im Herbst auf uns einen so mächtigen Eindruck gemacht hatte! Gefesselt

und regungslos lag er da, einem schmalen, eisbedeckten Kanale ohne

Alluvialbildungen gleichend. Die Eisdecke sah aus wie eine Rinne mit

emporstehenden Rändern -- das Wasser war nämlich gefallen, seit der

Fluß zugefroren war. Als der Tarim zufror, hatte er eine Breite von 43

Meter, aber jetzt war er nur 23,6 Meter breit. In der Wake, aus der wir

die Kamele, die drei Tage gedurstet hatten, tränkten, war die Eisdecke

52 Zentimeter dick. Dann gingen wir durch Wald, Dickicht und Unterholz

nach +Argan+ oder +Airilgan+, wo wir Lager schlugen.

Der 18. Februar, ein Sonntag, wurde zur Ruhe bestimmt. Der Tarim

hatte beim Zusammenfluß eine Breite von 59 Meter; der Kontsche- oder

Kun-tschekkisch-tarim war 24 Meter, und der vereinigte Fluß, der nach

dem Kara-buran hinuntergeht, 76,8 Meter breit. Unser Lager stand auf

der Landspitze zwischen dem Tarim und dem vereinigten Flusse, welchen

Punkt wir bei zwei späteren Gelegenheiten wieder besuchen sollten und

der also sowohl für topographische wie für astronomische Messungen ein

wichtiger Knoten- und Kontrollpunkt wurde. Von hier zog der prächtige

alte Togdasin Bek wieder heim, der uns anderthalb Jahre später noch

mehr Dienste leisten sollte.

[Illustration: 83. Gebäude auf Tonsockeln (S. 228.)]

[Illustration: 84. Tschernoff und Abdu Rehim bei einem Tora in der

Wüste. (S. 229.)]

[Illustration: 85. Aufrechtstehender Türpfosten. (S. 230.)]

[Illustration: 86. Der Platz von Ördeks Entdeckung;

ein Jahr später photographiert. (S. 232.)]

[Illustration: 87. Einige von Ördeks Trophäen.

Das Maß auf der rechten Seite des Bildes stellt einen Meter dar. (S.

232.)]

Achtzehntes Kapitel.

Die Ankunft der burjatischen Kosaken in Tura-sallgan-ui.

Mit einer Beschreibung des Netzes der Wasserwege, welche die

Landstrecken durchkreuzen, über die wir den Rückzug nach Jangi-köll

antraten, werde ich den Leser nicht ermüden. Eine verwickeltere,

verworrenere Hydrographie läßt sich nicht denken. Namen, die auf

„köll“, „tscholl“, „daschi“, „akin“, „kok-ala“ (= See, Tümpel,

Salztümpel, Strom, Flußarm) endigen, kommen unausgesetzt vor, selbst

da, wo das Land jetzt trocken liegt.

Das Dorf +Scheitlar+ zählt drei Familien, die von Fischfang

und Schafzucht leben. Eine alte Frau saß vor den Schilfhütten (Abb.

70) und schlug Pflanzenfasern (Tschigge, ~Asclepias~), bis sie

eine baumwollartig feine, weiche Masse bildeten, aus der ein grober,

aber haltbarer Stoff gewebt wird. Sie erzählte, daß ihre Eltern am

Tschiwillik-köll gewohnt hätten, der früher sehr viel größer gewesen

sei als jetzt und noch der größte See sei, den die Leute hier überhaupt

kennen.

Unser Weg führte jetzt nach Nordwesten. Bei +Arelisch+ teilt sich

der Kun-tschekkisch-tarim in zwei Arme, von denen der östliche nach dem

obenerwähnten See geht; der westliche ist der Kok-ala, an dem wir zum

Teil hingezogen sind. Die Tage werden immer frühlingshafter, obgleich

die nächtliche Kälte noch auf -18,8 Grad herunterging. Am 21. Februar

erreichten wir +Dural+, wo der Amban von Lop residiert, und am

Tage darauf +Tikkenlik+, wo Kirgui Pavan zu mir stieß. Er war es,

der mir 1896 den Weg nach den großen Seen im Osten gezeigt und mir

dadurch Gelegenheit gegeben hatte, eine so bedeutungsvolle Entdeckung

zu machen.

Im Lager +Turduning-söresi+ wurden wir wieder vom Glück

begünstigt. Ein Mann aus Singer im Kurruk-tag, Abdu Rehim, hatte sich

dort mit acht Kamelen niedergelassen, um einige Tage im Walde zu

rasten. Ich brauchte gerade für die nächste Expedition einen Führer

nach dem trockenen Flußbette Kum-darja, dessen Vorhandensein sowohl der

russische Reisende Kosloff wie ich festgestellt hatte, doch bisher nur

dadurch, daß wir es an einigen Punkten berührt hatten. Es stellte sich

jetzt heraus, daß Abdu Rehim derselbe Mann war, der Kosloff den Weg von

Norden nach Altimisch-bulak gezeigt hatte, der Quelle im Kurruk-tag,

die dem Kum-darja zunächst liegt.

Es war wirklich ein außergewöhnlich glückliches Zusammentreffen,

daß ich gerade diesem Manne begegnen mußte, der einer von den zwei

oder drei Jägern im ganzen Lande war, die nach Altimisch-bulak

hinzufinden wissen. Ganz leicht ließ sich jedoch nicht mit ihm einig

werden, denn er taxierte seine eigene Bedeutung ganz richtig, und als

wir den Vorschlag machten, ihm seine Kamele abzukaufen, verlangte

er unverschämte Preise. Islam Bai, der in seiner Art, mit seinen

Glaubensgenossen umzugehen, etwas von Tamerlans rücksichtslosem

Despotismus hatte, geriet infolgedessen in eine Schlägerei mit Abdu

Rehim, der anfänglich den Eindruck eines Freibeuters und unbändigen

Gesellen machte. Als dieser sich grollend entfernte, rief ich ihn zu

mir, und nun machten wir die Angelegenheit unter vier Augen ab -- ohne

Handgreiflichkeiten. Er sollte mir sechs seiner Kamele für täglich

½ Sär pro Tier vermieten und mich durch das Bett des Kum-darja

nach Altimisch-bulak führen, von wo er nach Singer, seiner Heimat,

weiterziehen sollte. Seine Kamele trugen keine Lasten; er hatte

seine Schwester und ihre Aussteuer einem Bek in Dural gebracht und

kehrte jetzt mit leeren Händen wieder nach Hause zurück. Islam Bai

prophezeite, daß mir dieser Mann Unannehmlichkeiten bereiten würde,

aber er hatte unrecht. Einen besseren, zuverlässigeren, tüchtigeren

Führer habe ich nie gehabt. Es war das erste Mal, daß ich Veranlassung

hatte, mit Islam unzufrieden zu sein; es sollte aber noch schlimmer

kommen.

Unsere Kamelhengste waren nach der Erwerbung dieser neuen weiblichen

Gesellschaft für die Karawane kaum mehr zu regieren. Besonders ein

kräftiges baktrisches Kamel war störrisch und wollte seine Kameraden

unaufhörlich beißen. Es war wild geworden, und der Schaum stand ihm vor

dem Munde, als sei es von einem Barbiere eingeseift worden. Es brüllte

und seufzte den ganzen Weg in den sehnsüchtigsten, schwermütigsten

Tönen. Sobald wir lagerten, mußte es mit dem Nasenstricke und starken

Verschnürungen um die Füße an einer Pappel verankert werden.

Auf dem letzten Tagemarsche (24. Februar) begegneten uns ganze

Scharen von Dorfbewohnern der Gegend, Beke mit Gefolge, Kundschafter

und Kuriere. Alle waren ebenso froh wie erstaunt, uns lebendig

wiederzusehen, nachdem wir spurlos und still in der Tiefe der Wüste

verschwunden waren. Noch feierlicher aber war es, als drei Kosaken auf

schwarzen, schnaubenden Pferden heransprengten. Es waren Sirkin und

die beiden neuen Kosaken aus Transbaikalien; sie waren wie zur Parade

gekleidet, in dunkelgrüner Uniform, das Wehrgehenk über der Schulter,

mit schwarzen Lammfellmützen und blanken Reiterstiefeln! Trotz ihrer

ausgeprägt mongolischen Züge sahen sie auf ihren hohen Pferden, die sie

mit überlegener Sicherheit lenkten, stattlich aus. Ich kam mir neben

ihnen ganz zerlumpt vor. Sie hielten vor mir, grüßten militärisch und

statteten in vorschriftsmäßiger Weise Rapport ab.

Sirkin, der Höchstkommandierende im Winterquartier, meldete, daß ein

Kamel durchgebrannt und einer der Windhunde auf der Jagd von einem

Wildschweine schwer verwundet worden sei; im übrigen stehe im Lager

alles gut. Der älteste der beiden neuen Kosaken rapportierte, ihm und

seinem Kameraden sei von ihrem kommandierenden General in Tschita

Befehl erteilt worden, sich zu mir nach dem Loplande zu begeben.

Dann hielten wir unseren festlichen Einzug in Tura-sallgan-ui, wo

Tschernoff und eine große Anzahl unserer Nachbarn sich auf dem Markte

versammelt hatten (Abb. 71). Das Lager sah größer aus, der Stall hatte

einen Anbau, und ein neues Zelt war aufgeschlagen. Alles war sauber

und zu unserer Heimkehr geschmückt, mein Haus gereinigt und der Ofen

im Zelte geheizt. Alle befanden sich wohl, die Maulesel waren dick und

fett, und die Kamele und das Dromedar hatten an Umfang zugenommen, aber

wild waren sie, namentlich das letztere, das auf eine „unterirdische“,

unheimlich dumpf rollende Weise brüllte, mit den Zähnen knirschte und

schäumte, daß ihm der Geifer in großen Flocken vom Maule herabtropfte;

es rollte die Augen und versuchte zu beißen. Wehe dem, der ihm zu nahe

kam! Es duldete nur Faisullah in seiner Nähe. Doch seine Füße waren

mit einem Tau festgebunden, das um einen in die Erde gerammten Pflock

geschlungen war, und die Bestie konnte sich nicht von der Stelle

bewegen.

Parpi Bai, der sich sofort, als das entlaufene Kamel vermißt worden

war, aufgemacht hatte, um es zu verfolgen, kehrte unverrichteter

Sache wieder zurück. Dieses Kamel, eines der fünfzehn, verschwand

auf rätselhafte Weise vom Schauplatze. Es spukte nachher noch lange

in der Gegend. Bald dieser, bald jener versicherte, es gesehen zu

haben; es sei stets verschwunden, sobald man versucht habe, sich ihm

zu nähern und es einzufangen. Parpi Bai hatte seine Spur ein paar

Wochen hindurch bis nach Schinalga verfolgt, von wo das Tier ins

Gebirge hinein, dann aber wieder abwärts in der Richtung nach Kutschar

gelaufen war, wo Parpi Bai diesem fliegenden Holländer noch einen

ganzen Tag in gestrecktem Galopp nachgesetzt war. Dann aber hatte er

das Tier völlig aus den Augen verloren, und keiner der Bewohner der

Gegend hatte ihm Auskunft über dasselbe geben können. Nur bei Tschadir

hatte ein Jäger es gesehen, für ein wildes Kamel gehalten und gerade

schießen wollen, als er den Packsattel gewahrte. In diesem Augenblick

hatte das Tier seinen Verfolger erblickt und war hinter dem nächsten

Berge verschwunden. Bei Schinalga war ihm ein anderer Reiter ganz nahe

gewesen; als sich aber das verängstigte Kamel nur noch einen Steinwurf

vor dem Lasso, den der Mann bereithielt, befand, war es auf einmal

dahingestürmt, als habe es Feuer hinter sich, und war wie der Wind

entflohen. Gegen Ende des Frühlings wurde uns erzählt, es sei nach dem

Juldustale gelaufen und dort von Kalmücken aufgegriffen worden. Wir

sahen es nie wieder.

Es ist weder vorher noch nachher je vorgekommen, daß mir ein Kamel

aus der Karawane einfach entlaufen ist, aber Turdu Bai und Faisullah,

die die Lebensgewohnheiten der Kamele aus langjähriger Erfahrung

kannten, sagten, es komme gelegentlich vor, daß das Kamel, wenn es von

Wildschweinen oder Tigern erschreckt werde, vor Angst ganz von Sinnen

sei. Es sei dann so verwirrt und verängstigt und fliehe, als sei der

Teufel und sein ganzer Anhang ihm auf den Fersen. Etwas Derartiges

hatte augenscheinlich unser Kamel betroffen.

Daß der Tiger auch hier vorkommt, davon erhielt ich einen beinahe

lebenden Beweis. Nicht weit vom Lager hatte Mirabi, einer unserer

Freunde, kürzlich in einer Falle einen Tiger gefangen, der jetzt mit

Haut und Haar, gefroren und steif wie ein Turnpferd, mitten auf dem

Markte paradierte. Nachdem er im Frühling aufgetaut war, bewahrten wir

uns das Fell auf.

Da gerade von den Tieren die Rede ist, will ich noch erwähnen, daß

meine Menagerie sich um eine Katze und zwei neugeborene Hündchen, die

wir von Pavan Aksakal bekamen, vergrößert hatte. Sie wurden Malenki und

Maltschik (der Kleine und das Bübchen) getauft, weil sie so klein und

niedlich waren. So hießen sie auch noch, als sie schon ausgewachsen und

ein paar Riesen ihrer Gattung geworden waren. Sie waren in der Karawane

geboren, verbrachten ihr Leben in der Karawane und wurden vorzügliche

Karawanenhunde und meine besonders guten Freunde, die alle ihre

Kameraden überlebten. Wir hatten jetzt auch eine Menge Hühner, die dazu

beitrugen, das ländliche Bild noch gemütlicher zu machen; der Jagdfalke

hatte sich eingewöhnt, und die Lailiker Gans, unsere Reisegefährtin

von der Flußfahrt, hatte es in jeder Beziehung gut. Sie schien ihre

früheren Verwandten vergessen zu haben und schenkte den Wildgänsen gar

keine Aufmerksamkeit mehr.

Diese hatten schon im Februar angefangen, von Westen her

wiederzukommen. Es sind dieselben Scharen, die wir im Herbst nach

Indien ziehen sahen, in der entgegengesetzten Richtung, aber auf

demselben Wege, über dieselben Seen und Flüsse hin, vorbei an

denselben Pappeln und Waldgruppen, die sie seit Generationen kennen.

Der Tarim ist ihre große Heerstraße, und sie scheinen selten den

geraden Weg über die Wüste einzuschlagen. Sie flogen jetzt massenweise

über Tura-sallgan-ui hinweg; wir hörten ihr Geschrei und ihre

schnatternde Unterhaltung zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem

Wetter, in pechfinsterer Nacht, wenn die Wolken Mond und Sterne

hinderten, die Erdoberfläche zu erhellen; wir sahen sie am Tage bei

Windstille wie bei Sturm, wenn die Sonne verhüllt war oder zwischen

zerrissenen Wolken hervorguckte; sie zogen in eilender Fahrt vorbei,

ohne Rast und Ruh. Die Lopleute sagten, daß dieselben Scharen Jahr für

Jahr nach denselben Nistplätzen zurückkehren und gerade so wie die

Loplik selbst bestimmte Gesetze über das Besitzrecht haben. Durch ihre

viermonatige Abwesenheit entgehen sie der kontinentalen Kälte, die alle

Seen und Flüsse verschließt.

An Wild litt ich also keinen Mangel. Täglich gingen die Kosaken auf die

Jagd, und nie kehrten sie mit leeren Händen heim. Sie erlegten mehrere

Wildschweine und brachten uns Fasanen, Enten und Gänse, gelegentlich

auch ein Reh. Von allen Seiten erhielten wir landwirtschaftliche

Erzeugnisse, Eier, Milch, Sahne, Schafe, Hühner, Heu usw., und Fische

hatten wir stets im Überfluß.

Tura-sallgan-ui war ein Marktplatz, ein im ganzen Loplande bekannter

Ort von Bedeutung geworden. Außerhalb unserer eigenen Grenzen

entstanden kleine „Vorstädte“, in denen Tischler, Schmiede und

andere Handwerker sich niederließen. Ali Ahun, ein Schneider aus

Kutschar, gründete ein wohllöbliches Etablissement, in dem eine kleine

Nähmaschine den ganzen Tag rasselte. Parpi Bai, der gelernter Sattler

war, hatte seine Werkstatt neben dem Stalle und war damit beschäftigt,

vorzügliche Packsättel für Kamele und Maulesel anzufertigen. Von

Kutschar und Korla kamen Kaufleute mit Waren, die wir, wie sie wußten,

brauchen konnten, wie Zucker, Ziegeltee, chinesisches Porzellan,

russische Teekannen, Zeugstoffe usw. Ein Kaufmann aus Andischan baute

sich hier sogar ein eigenes Haus, eine Strohhütte, deren Wände mit

rotem russischem Kattun tapeziert wurden und in welcher ganze Stapel

von Zeugballen, Tschapanen, Mützen und Stiefel standen, ganz wie in den

Läden der Basare. Dieser „Laden“ wurde sehr beliebt, und man sah dort

unsere Muselmänner und Kosaken oft plaudern, Tee trinken, rauchen und

kaufen.

Und erst alle die Reisenden, die hier vorbeizogen! Die große Landstraße

führte freilich über Dschan-kuli, aber der dortige Herbergsvater

hatte in uns einen gefährlichen Konkurrenten bekommen, und der Weg

fing allmählich an, über Tura-sallgan-ui zu gehen. Alle Reisenden

wollten natürlich in unserem Dorfe übernachten; für sie war es ein

willkommenes Tama-schah, beobachten zu können, wie es bei uns aussah.

Reiter ritten täglich in das Dorf ein und boten auf dem Markte Pferde

aus, von denen mehrere gekauft wurden.

So wuchs die Bedeutung unserer kleinen Stadt mit amerikanischer

Schnelligkeit, und noch am späten Abend war es ein ewiges Kommen und

Gehen und ein Lärm ohnegleichen. Die einzige Laterne des Marktes mußte

brennen, bis der letzte Fremdling abgezogen war. Dann hörte man nur

noch die Schritte des Nachtwächters und das Bellen der Hunde.

Während meiner Abwesenheit hatte Sirkin das meteorologische Journal mit

musterhafter Genauigkeit geführt, und da es ein großer Vorteil war,

einen festen Punkt für die Beobachtungen zu haben, erhielt er Befehl,

es während der nächsten Exkursion fortzusetzen und auch dann Chef im

Winterquartier zu sein. Tschernoff wurde zu meinem Leibkoch ernannt und

bereitete kleine vorzügliche Koteletten und Pilmen (Fleischklöße). Er

sollte mich auf der nächsten Reise begleiten.

Streng genommen hätte ich diese beiden Kosaken, die dem Konsulatskonvoi

in Kaschgar angehörten, jetzt zurückschicken müssen, denn ich hatte nur

das Recht, sie bis zur Ankunft der beiden Burjaten zu behalten. Doch

ich hatte sie so liebgewonnen und gesehen, wie ehrlich und gewissenhaft

sie die ihnen anvertrauten Aufträge ausführten, daß ich mich mit dem

Gedanken, mich von ihnen zu trennen, nicht vertraut machen konnte. Ich

schrieb daher an Generalkonsul Petrowskij und bat ihn, sich an die

betreffende Behörde mit dem Gesuche zu wenden, daß ich die Kosaken noch

behalten dürfe, und überzeugt, daß mein Gesuch bewilligt würde, behielt

ich Sirkin und Tschernoff bis auf weiteres.

Islam Bai sollte im Lager als Oberbefehlshaber der Muselmänner bleiben.

Er und Sirkin erhielten den Auftrag, sich nach meiner Abreise nach

Korla zu begeben, um 25 Pferde, einige Maulesel und Proviant für die

Sommerkampagne in Tibet zu kaufen.

Die beiden neuen Kosaken waren Vollblutburjaten. Ihre Sprache

unterscheidet sich nur wenig vom Mongolischen, aber sie sprachen auch

fließend Russisch, und während der Zeit, die sie in meinem Dienste

waren, lernten sie ganz vorzüglich Dschaggataitürkisch. Der Religion

nach sind sie Lamaisten, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung, als

ich ihnen einmal anvertraute, daß wir später südwärts nach dem heiligen

Tibet ziehen würden.

Nikolai Schagdur und Tseren Dorschi Tscherdon (Abb. 72) waren jeder

24 Jahre alt und gehörten dem transbaikalischen Kosakenheere an, das

zu nicht geringem Teile aus Burjaten besteht. Ihre Dienstzeit ist

vier Jahre, von denen meine beiden Kosaken erst die Hälfte hinter

sich hatten, als sie diesen außergewöhnlichen, verlockenden Auftrag

erhielten, der ihnen Gelegenheit geben sollte, eine ihnen unbekannte

Welt zu sehen. Ihren Sold für zwei Jahre hatten sie in 1000 Goldrubeln

erhalten, denn der russische Kaiser hatte bestimmt, daß die Eskorte

mich nichts kosten solle. Ich nahm indessen ihr Gold in Verwahrung,

gewährte ihnen freie Station, solange sie bei mir waren, und gab ihnen

nachher, außer anderen Geschenken, ihre 1000 Rubel wieder, so daß die

Abkommandierung ihnen noch bedeutenden pekuniären Gewinn brachte. Aber

ihre Dienste waren auch unschätzbar, und ihre Aufführung war über jedes

Lob erhaben.

Sie hatten die Reise von Tschita hierher in 4½ Monaten gemacht, mit

der Eisenbahn, mit der Post, zu Pferde und zuletzt in der Arba. Als

Kosaken in Dienst hatten sie auf russischem Gebiete freie Reise. Die

Reise war über Irkutsk, Krasnojarsk, Kuldscha und Urumtschi gegangen,

an welch letzterem Orte sie von dem großen Sinologen, dem nunmehr

verstorbenen Konsul Uspenskij, zwei Monate aufgehalten worden waren,

weil dieser meine Spur verloren und nicht gewußt hatte, wohin er sie

schicken sollte.

Nach beendeter Dienstzeit, während welcher sie in Sprache und Disziplin

völlig russifiziert werden können, kehren die burjatischen Kosaken in

ihre Stanitzen (Dörfer) zurück, nehmen die Tracht und die Sitten ihrer

Heimat wieder an und leben hauptsächlich von Viehzucht. Schagdurs und

Tscherdons Stanitza war Ataman Nikolajewska, 200 Kilometer nordwestlich

von Troizkosawsk. Diese beiden Männer wären für mich in den Tod

gegangen, und ich schloß mich ebenso an sie an wie an ihre russischen

Kameraden. Besonders Schagdur war das Ideal eines Menschen und ein

guter, treuer Diener. --

Während meines kurzen Aufenthalts in Tura-sallgan-ui war das Wetter

noch recht winterlich. Schon am 25. Februar tobte der erste wirkliche

„Kara-buran“. Es war schön, im Hause sitzen zu können, während

der Sturm um unsere Schilfhütten heulte und unsere einzige Pappel

umzubrechen drohte. Flugsand und Staub trieben über das Eis des Tarim

hin, und die Dünenwand im Süden war im Nebel gar nicht zu sehen. Am

26. fiel Schnee in Gestalt von runden Körnern, die knatternd auf das

Zelttuch schlugen. Die Landschaft wurde wieder kreideweiß, und die

Dünenwand sah aus wie eine schneebedeckte Bergkette. Schließlich aber

wurde das Wetter schön, und ich konnte mich an die astronomischen

Observationen machen; für die Kartenarbeit war Tura-sallgan-ui der

wichtigste Knotenpunkt der ganzen Reise.

Am 4. März stieg die Temperatur auf +7 Grad. Der feste Eispanzer des

Flusses begann allmählich porös zu werden, und das Schmelzwasser

stand nicht nur hoch auf dem Eise, sondern strömte auch in nicht

unbedeutenden Mengen von den Ufern hinab. Die im ersten Eise

festgefrorene Fähre lag infolgedessen mit ihrer Reeling in gleicher

Höhe mit dem auf dem Eise stehenden Wasser und war schon halb

vollgelaufen.

Wo die Stromgeschwindigkeit groß war, öffnete sich wieder eine Rinne

im Eise. Sirkin und die anderen wurden ermahnt, wenn die erste

Frühlingsflut komme, sehr vorsichtig zu sein. Meine Kisten sollten für

den Fall, daß dem Lager eine Überschwemmung drohte, an Bord gestellt

werden. Falls auch die Fähre in Gefahr sein würde, sollte sie an einen

sicheren Platz gebracht werden.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 21 / 42 段