Weiter oben teilt sich das Bett in zwei Arme, von denen der rechte

nach dem Tschertschen-darja zurückgeht, der linke aber nach Ostnordost

weiterzieht. In diesem befinden sich die wohlerhaltenen Reste zweier

aus Reisig und Pfählen hergestellter Dämme; ihr Zweck ist gewesen, den

Fluß zu zwingen, sich nach rechts zu wenden, was jedoch, wenigstens

hier, nicht gelungen ist. Auch dieser Arm führte uns allmählich wieder

nach dem Tschertschen-darja, den wir bei Su-ößgen erreichten.

Als wir festgestellt hatten, daß in dieser Gegend nördlich vom Flusse

kein altes Bett vorhanden ist, zog ich es vor, am rechten Flußufer,

wo es keinen Weg gibt, entlang zu wandern. Hier entdeckten wir indes

einen Kona-darja oder alten Fluß, ein Beweis dafür, daß sich der

Tschertschen-darja nicht immer nach rechts wendet, wenn er seinen Lauf

verändert.

In der Nähe des verlassenen Bettes trafen wir die massigsten Pappeln,

die ich in ganz Ostturkestan je gesehen habe. Sie sind nicht mehr

als 6 oder 7 Meter hoch, aber zwei, die wir maßen, hatten an der

Erdoberfläche einen Umfang von 4,75 und 6,80 Meter. Der eigentliche

Stamm ist nicht viel mehr als einen Meter hoch, worauf er sich in

bizarre, knorrige, dichtbelaubte Zweige teilt. Das Vorkommen derartiger

Bäume beweist, daß der Fluß hier jahrhundertelang geströmt hat. Denn

wenn man sich der Altersbestimmung der Eingeborenen, daß die Tograk

tausend Jahre lebe, tausend Jahre verdorrt auf ihrer Wurzel stehe

und tausend Jahre umgestürzt liegen bleibe, ehe sie vergehe, auch

nicht gerade anschließt, so kann man doch überzeugt sein, daß diese

Veteranen verschiedene Jahrhunderte auf dem Nacken haben.

Gleich hinter diesen Pappeln, die als Einsiedler unter lauter

Tamarisken standen, führten uns die Wegweiser nach einem alten

muhammedanischen Begräbnisplatze mit mehreren Gumbes und den Überresten

einiger Häuser, von denen das größte 15 × 13 Meter maß. Durch den Platz

lief ein deutlicher Kanal nach ebenso deutlichen Ackerfeldern.

Wir lagerten an ein paar Gräbern, die wir am 4. Februar genauer

untersuchten. Vor drei Jahren waren sie von einigen Hirten

ausgegraben worden. Diese hatten natürlich geglaubt, Gold oder andere

Wertsachen darin zu finden. Jetzt standen drei Särge am Fuße des

Tamariskenkegels, in dem sie begraben gewesen waren. Zwei von den

Leichen, die eines älteren Mannes und die einer Frau in mittleren

Jahren, waren gut erhalten. Die Haut umschloß dicht das Skelett und

war hart wie Pergament. Die Frau war mir besonders interessant. Ihr

vollkommen unbeschädigtes Haar war im Nacken mit einem roten Bande

zusammengebunden und hatte eine rotbraune Farbe, die bei den Asiaten,

an die man hier denken könnte, deren Frauen ihr Haar überdies stets in

Flechten tragen, selten vorkommt. Der Schädel hatte indoeuropäische

Form, die Stirn war hoch, die Augen lagen gerade, die Jochbeinbogen

standen wenig hervor, und die schmale Adlernase hatte längliche,

beinahe parallele Nasenlöcher. Es ging daraus unzweideutig hervor,

daß man keine Chinesin oder Mongolin vor sich hatte. Dazu kam, daß

ihre Kleidung nicht asiatisch war. Sie hatte eine Art Hemd von grober

Leinwand an, das enganliegende Ärmel hatte und sich nach unten

rockartig erweiterte. Die asiatischen Frauen haben weite Ärmel und

bauschige Beinkleider, aber nie Röcke, weil diese ihnen, die nach

Männerweise reiten, nur hinderlich sein würden. Um die Stirn hatte sie,

ebenso wie der Mann, eine kleine dünne Binde gehabt, die jetzt beinahe

ganz zu Staub geworden war. An den Füßen trug sie rote Strümpfe. Bei

beiden Leichen waren die Nägel beschnitten, nicht wie bei den Chinesen

langgewachsen.

Von der Kleidung des Mannes war nicht mehr viel vorhanden. Das weiße

Haar war nicht wie bei den Chinesen teilweise abrasiert, noch weniger

in einen Zopf geflochten. In seinem Sarge lag ein einfacher Holzkamm.

Die Särge waren schnell und provisorisch zusammengeschlagene Laden von

sechs Pappelbrettern mit parallelen Seiten, ebenso hoch wie breit und

etwas länger als die Leichen. Ganz in der Nähe sahen wir die Überreste

einer alten Hütte, deren Wände aus ineinander geflochtenem Reisig

bestanden.

Alles schien anzudeuten, daß die Toten Russen waren, und mir stieg

gleich der Gedanke auf, es könnten zwei von den Raskolniken, den

russischen Schismatikern, sein, die in den zwanziger Jahren des

19. Jahrhunderts von Sibirien nach dem Lop-nor flohen und von deren

weiteren Schicksalen nichts bekannt ist. Der Tamariskenkegel, in

den die beiden Särge hineingestellt gewesen, hatte damals, als das

Begräbnis stattfand, wohl ebenso ausgesehen wie jetzt.

Unter den jetzigen Bewohnern Ostturkestans findet man oft Typen, die

durch Kreuzung mit arischem Blut einen großen Teil der Kennzeichen

der mongolischen Rasse verloren haben; doch daß diese Leichen keine

muhammedanischen waren, bewiesen die Särge, denn die Muselmänner

begraben ihre Leichen nicht in Särgen. Die Hirten behaupteten, daß

mehrere andere Kegel ebenfalls Gräber umschlössen, konnten uns aber

keine mehr zeigen. Vielleicht hat einmal eine ganze Raskolnikengemeinde

diesen vor jeder Religionsverfolgung geschützten Ort aufgesucht. Leider

fehlte den Särgen jede Spur von Inschrift.

So überließen wir denn diese geheimnisvollen Gräber ihrer ewigen Ruhe

in der Einöde und gingen auf dem rechten Ufer weiter.

Während der letzten Stunden gingen wir auf dem Eise des

Tschertschen-darja, das uns beinahe wie ein eigens für uns angelegtes

Asphalttrottoir erschien, -- so eben und gut ging es sich dort nach

all dem Gestrüpp und den trockenen Ästen, die im Walde umherlagen

(Abb. 66). Nur in den nach Nordosten gerichteten Krümmungen hatte

der Wind den Schnee vom Eise gefegt; sonst lag dieser überall

dezimeterhoch, und die auf dem Eise ungeschickten und hilflosen Kamele

hatten also hier nichts zu fürchten. An diesem Flusse vermissen

wir die energischen Züge des Tarim; das Bett ist nicht so kräftig

ausgemeißelt, wird aber auf den Ufern von den unvermeidlichen Pappeln,

Tamarisken und Kamischfeldern begleitet. Auf dem rechten Ufer ist der

Vegetationsgürtel breiter als auf dem linken, wo er von dem von Norden

herandrängenden Sande, dessen hohe, unfruchtbare Dünen gewöhnlich über

dem Walde zu sehen sind, stark beeinträchtigt wird.

Am 5. Februar marschierten wir teils auf dem Eise, teils auf dem

rechten Ufer in alten Betten, die den verlassenen Krümmungen des Tarim

entsprechen (Abb. 67). Tigerspuren kreuzten wir oft. Auf dem Eise lag

mitten in einer großen Blutlache das Fell eines Rehs, und um die Lache

herum sah man die Spuren von drei, vier Wölfen. Sie hatten ihrem Opfer

augenscheinlich auf dem Eise aufgelauert, um es zum Ausgleiten zu

bringen, es auf diese Weise überrumpelt und dann einen Schmaus gehalten.

[Illustration: 81. Eisschollen in der Oase Altimisch-bulak. (S. 222.)]

[Illustration: 82. Abdu Rehims Beute. (S. 223.)]

In einem anderen verlassenen Bette, das seit Menschengedenken

kein Wasser mehr geführt hat, hing an der Spitze einer Stange ein

Hirschschädel; die Gegend heißt infolgedessen +Kallaste+ (der

aufgehängte Schädel), welcher Name sich im innersten Asien oft

wiederholt. Der Zweck dieses Nischan (Zeichen) ist zu zeigen, wo

der Weg geht, wenn dieser aus irgendeinem Grunde, wie Flugsand,

Überschwemmung, Buschholz oder dergleichen, schwer erkennbar ist.

Die Kälte dauerte an. In der Nacht auf den 6. hatten wir -29 Grad,

aber unerschöpfliche Vorräte von vorzüglichem Brennholz. Bei

+Ak-ilek-lenger+ gingen wir nach dem linken Ufer hinüber.

Über der Stromrinne knackte das Eis unter dem Gewichte der Kamele

recht beunruhigend. Die Karawane begab sich von hier direkt nach

+Buguluk+ am Tschertschen-darja, während ich mit zwei Begleitern

in dem alten Bette weiterritt, das bei Ak-ilek anfängt und ein paar

Kilometer nördlich von dem jetzigen Flusse liegt. Es ist reich an

lebender, frischer Vegetation. Als wir gerade vor Buguluk waren,

ließen wir das Bett linkerhand liegen und vereinigten uns wieder mit

den Unsrigen, die schon an dem Punkte lagerten, wo die Straße von

Tscharchlik nach Tschertschen den Fluß kreuzt. Ich hatte diesen Punkt

1896 besucht; wir blieben jetzt einen Tag dort.

Leider mußten wir hier von unseren beiden Führern, welche die Gegenden,

in die wir jetzt kamen, nicht genau kannten, Abschied nehmen und

unseren Weg allein suchen, bis wir wieder Menschen trafen.

Der eine unserer Führer wußte nur zu erzählen, daß sich einmal ein

Hirte aus dem unteren Keng-laika nordwärts in den Sand hineinbegeben

habe und schließlich an eine „Kona-schahr“ gelangt sei. Hier habe er

acht Tschugune (Kupferkannen) und 40 Ketmene (Spaten) gefunden und

mit so viel von der Beute, wie er zu tragen vermocht, den Rückzug

nach seiner Hütte angetreten. Während seiner Abwesenheit hätten

Wölfe seine Schafe zerrissen, was man allgemein als Strafe für seine

Habgier angesehen habe. Er sei darauf nach dem Fundort zurückgekehrt

und habe Spaten und Kannen wieder an den Platz gelegt, von dem er sie

fortgenommen habe.

Auf derartige Erzählungen kann man natürlich keine Pläne bauen, und es

ist überhaupt am besten, nur das zu glauben, was man selbst gesehen und

erlebt hat.

Toktamet Bek hatte mir auch eine Räubergeschichte erzählt, die

jedoch den Eindruck der Wahrheit machte. Er war einmal in seinem

Hause in Tschertschen von sieben Dieben, die in später Nacht bei ihm

angeklopft hatten, überfallen worden. Auf seine Frage, wer da sei,

hatten sie den Namen eines seiner Bekannten genannt, weshalb er sofort

öffnete. Da hatte einer aus der Bande ein Messer gezogen und ihn

mit dem Tode bedroht, wenn er nicht schweige und sich binden lasse.

Unterdessen plünderten die anderen sein Haus und setzten sich in den

Besitz aller Wertgegenstände, sowie einer Summe von 2000 Tenge in

geprägtem Silber. Dann hatten sie die Flucht ergriffen und den Bek

gebunden mitgeschleppt, damit er keine Gelegenheit habe, Leute zur

Verfolgung aufzubieten. Das Interessanteste aber war, daß die Bande von

Wasch-schahri den Tschertschen-darja überschritten und sich nordwärts

nach dem Tarim begeben hatte, wobei sie einem alten Bette, anscheinend

dem Ettek-tarim, gefolgt war. Es war sicher nicht das erste Mal,

daß dieses Bett, dessen Bekanntschaft wir bald machen sollten, von

flüchtigen Missetätern als Rückzugslinie benutzt wurde.

8. Februar. Jetzt wanderten wir am linken Ufer des Tschertschen-darja

abwärts, teils um nicht denselben Weg zurückzulegen wie Roborowskij,

teils um zu erforschen, ob sich auf dieser Strecke alte Betten vom

Flusse abzweigen oder sich mit ihm vereinigen. Der Fluß ist oft mächtig

angeschwollen, und das Ufergebiet bildet eine Terrasse, die ein paar

Meter über der Eisfläche liegt. Nur an einem Punkte trat der Sand dicht

an den Fluß heran; dort fielen 10 Meter hohe Dünen steil nach dem

Eise ab. In einem kleinen Tograkhaine wurde das Lager aufgeschlagen.

Obgleich der Tag wie gewöhnlich trübe gewesen, war der Sonnenuntergang

doch herrlich, und ein purpurnes Licht ergoß sich über die Dünen, die

wie auf dem Sprunge standen, auch dieses kleine Vegetationsband, das

der Fluß speist, zu verschlingen.

Der junge Kurban, der anfangs einen so vielversprechenden Eindruck

machte, schien in Wirklichkeit ein Schlingel zu sein. So verschwand

er z. B. an diesem Abend, nachdem es dunkel geworden war. Alle Tiere

befanden sich im Lager, so daß er nicht bei ihnen sein konnte, und

sein Pelz war auch da, obwohl es 18 Grad Kälte hatte. Als er Stunde

auf Stunde ausblieb und man befürchten mußte, daß Wölfe ihn überfallen

hätten, wurden Leute auf die Suche nach ihm ausgeschickt. Nach langer

Zeit kehrten sie mit dem Jüngling zurück, der während des Tagemarsches

ein Paar Stiefel von einer Kamellast verloren hatte. Islam Bai

hielt dem Bengel, der sich später zu einem ausgewachsenen Schelme

entwickelte, eine Strafpredigt. Es war ja nichts dabei, daß er ein Paar

Stiefel verloren hatte, aber es war dumm von ihm, nicht zu sagen, daß

er sie zu suchen beabsichtige. Wir hatten gefürchtet, er sei irgendwo

eingeschlafen und könne über Nacht erfrieren.

9. Februar. Erst diese Nacht ließ uns hoffen, daß die ärgste

Winterkälte vorüber sei; das Minimumthermometer zeigte nur -20,1

Grad, und die Temperatur hob sich im Laufe des Tages auf -7,6 Grad;

so warm hatten wir es seit dem 28. Dezember nicht gehabt. Das Terrain

war gut, und wir konnten 30 Kilometer zurücklegen -- am Tage vorher

wurden es nur 26 --, aber das Land ist trostlos einförmig, und

vergebens schaut man nach Menschen aus. Ich war dieser Wüstenei recht

überdrüssig und sehnte mich nach einem dankbareren Felde. Wir zogen

rasch und in geraden Peilungen über die Steppe zwischen 30 Meter hohen,

unfruchtbaren Dünen zur Linken und dem Flusse zur Rechten. Der Fluß

gleicht noch immer einem kreideweißen Bande, doch große Strecken sind

Anschwemmungen, die jetzt, da alles mit Schnee bedeckt ist, von der

Eisdecke fast gar nicht zu unterscheiden sind.

Am folgenden Tage stieg die Temperatur um 1 Uhr auf -2,2 Grad, und

wir hatten den ersten Frühlingssturm aus Nordosten, der indessen nur

ein schwacher Vorläufer der heftigen Stürme war, die den Frühling im

Loplande charakterisieren. Auf der Wanderung nach Nordosten fanden

wir ein augenscheinlich ganz verlassenes Bett. Seine Breite betrug 32

Meter, und es war 6½ Meter tief in den Boden eingeschnitten. Es hat

also eine völlig andere Gestalt als der jetzige Fluß, der seicht und

wohl fünfmal so breit ist, was sich sicher darauf zurückführen läßt,

daß der neue Fluß sein Bett noch nicht hat vertiefen können. An den

Ufern stand dichter, toter, noch wurzelfester Pappelwald. Im Grunde des

Bettes war der Boden an einigen Stellen recht heimtückisch. Zwei Kamele

versanken geradezu in losem, leichtem, kartoffelmehlähnlich trockenem

Staube. Sie mußten mit Spaten wieder herausgegraben werden.

Vom Anfange dieses alten Bettes an, das sich längs der Grenze

des Sandmeeres hinzieht, hört aller Pappelwald an den Ufern des

Tschertschen-darja auf; die wenigen dort vorkommenden Bäume sind nicht

älter als 30 Jahre. Der ehemalige, jetzt tote Wald begleitet dagegen

das verlassene Bett.

Am 11. Februar trafen wir bei der Sattma von +Araltschi+ am linken

Ufer des Tschertschen-darja endlich Menschen (Abb. 68). Es waren ein

Mann, zwei Knaben und zwei Frauen mit 600 Schafen, sechs Kühen und

einigen Pferden und Eseln. Sie teilten uns mit, daß das alte Bett,

dem wir gestern gefolgt waren, sich in das äußerste Gebiet des Sandes

hineinziehe und sich weiter abwärts mit dem Ettek-tarim vereinige. In

einem Monate erwarten sie die „Mus-suji“, die Eisschmelzflut, die zehn

Tage lang so gewaltig dahinströmt, daß der Tschertschen-darja dann

nicht durchwatet werden kann; wenn diese Frühlingsflut vorbei ist,

bleibt nicht viel Wasser in dem Bette zurück und es ist sehr seicht,

bis im Spätsommer das eigentliche Hochwasser aus dem Gebirge kommt und

es aufs neue füllt.

Jetzt zogen wir auf dem zugefrorenen Flusse weiter nach Osten. Dieser

ist so breit wie ein See, und sein Boden liegt beinahe in gleicher Höhe

mit den Ufern; im Schilfe des Ufers waren große, jetzt zugefrorene,

überschwemmte Strecken zu sehen. Der Name +Keng-laika+ (das

ausgedehnte Anschwemmungsgebiet) ist eine sehr passende Bezeichnung

für das ganze ausgedehnte Delta des Tschertschen-darja. Daß dieser

Teil des Flusses ein sehr junges Gebilde ist, sieht man ganz deutlich;

es kann nicht lange her sein, seit der Fluß in dieses südliche Bett

übergesiedelt ist.

In einem kleinen Pappelhaine bei +Jiggdelik-agil+ ließen wir uns

in der Nähe von zwei Hütten nieder und richteten uns für einen Rasttag,

der der Ortsbestimmung gewidmet werden sollte, häuslich ein.

Ich schlief mich an diesem Ruhetage gründlich aus. Man darf nicht durch

Gardinen verwöhnt sein, wenn man unter freiem Himmel schläft, besonders

nicht, wenn man erst am hellen Tage und bei schon hochstehender Sonne

erwacht. Und man darf sich nicht vor den Hirten und ihren Familien

genieren, die sich die Morgentoilette des Fremden mit der größten

Verwunderung ansehen, während die frei umhergehenden Kamele dicht neben

dem Bette vorjährige Pappelblätter auflesen.

Mollah Chodscha, der Herr des Ortes, wußte gut Bescheid; als ich ihn

aber bat, uns den Weg nach dem Ettek-tarim, dem früheren Bette des

Tschong-tarim, zu zeigen, leugnete er hartnäckig, ihn zu kennen. Er log

offenbar, um uns nicht begleiten zu müssen. Meine Leute wollten ihm

eine Tracht Prügel verabreichen, um ihn gefügiger zu machen; da mir

dieses gewiß wirksame Verfahren jedoch nicht zusagte, beschlossen wir,

ihn beim Aufbruch ganz einfach gebunden mitzunehmen und ihn mit dem

jetzt bedeutend zusammengeschmolzenen Gepäck auf eines der Kamele zu

laden.

Indessen rettete ihn ein für beide Teile glückliches Ereignis von allen

Schikanen. Mein alter Freund aus Tscharchlik, Togdasin Bek, kam abends

in unserm Lager an, weil er vom Amban jener Stadt Befehl erhalten

hatte, nach mir Ausschau zu halten und mir seine Dienste zur Verfügung

zu stellen. Daher war es ihm ein Vergnügen, mich nach dem Ettek-tarim

zu führen, dessen Bett ihm schon zweimal als Straße gedient hatte, und

er machte mir über dieses Bett höchst unerwartete Mitteilungen, die mit

denjenigen, die ich 1896 von Kuntschekkan, dem Bek von Abdall, erhalten

hatte, genau übereinstimmten. Der Ettek-tarim, sagte er, ist erst seit

30 Jahren verlassen. Vor dieser Zeit strömte die Hälfte der Wassermenge

des Tarim (Jarkent-darja) durch dieses Bett.

Togdasin Bek war einmal auf diesem Wege, wo es jetzt keinen Tropfen

Wasser gibt, sogar in einem Boote gerudert. Das zweite Mal hatte er

den Ettek-tarim 1877 gesehen, als der berühmte Nias Hakim, Bek von

Chotan, der Vertraute und Mörder Jakub Beks, mit einer Karawane von

Kamelen, Eseln und Mauleseln von Chotan nach Korla flüchtete, bei

welcher Gelegenheit Togdasin Bek ihm diesen Ogri-joll (Diebsweg) zeigen

mußte, auf dem alle diejenigen entlang schleichen, die auf dem großen

Karawanenwege den Dienern der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen

fürchten.

13. Februar. Noch immer hoher Sand zur Linken. Der gute alte Bek zeigte

uns jetzt den Weg, und es war merkwürdig, wie gut er Bescheid wußte,

obwohl er seit 23 Jahren nicht hier gewesen war. Der Ortssinn der

Asiaten ist oft unglaublich scharf ausgebildet. Togdasin konnte z. B.

sagen. „Wenn wir noch ein paar “joll„ gehen, kommen wir an eine Stelle

mit besserer Weide“ und er irrte sich dabei nie.

Die Kamele sind während der Brunstzeit, deren Höhepunkt gerade

im Februar ist, gefährlich und boshaft. Wir haben bloß Hengste

und müssen aufpassen, daß sie einander nicht verletzen. Im Lager

+Koschmet-kölli+ wurden jedoch zwei Bestien handgemein. Sie

kämpften in blinder Wut, die Köpfe am Boden hinstreckend, wickelten

ihre Hälse umeinander wie Schlangen, rangen und stießen aus allen

Kräften, bissen und schlugen nach allen Seiten aus, und der Geifer

spritzte dabei wie Seifenschaum umher. Der Stärkere fuhr seinem Gegner

mit dem Kopfe zwischen beide Vorderbeine, um ihn umzuwerfen. Gelingt

dies, so kann der Besiegte froh sein, wenn er ohne ernste Verletzungen

davonkommt. Das muß jedoch verhindert werden. Alle Männer eilen herbei.

Am Nasenstricke ziehen nützt nichts, denn dies fühlt das Kamel, wenn

es vor Wut schäumt, gar nicht. Nein, sie schlagen die Kämpfenden so

lange mit Knüppeln auf die Nase, bis sie voneinander ablassen und

schaumbespritzt und blutig mit vor Haß glühenden Augen nach ihren

Weideplätzen zurückkehren. Wir mußten, wenn wir lagerten, den ärgsten

Raufbolden stets die Vorderbeine zusammenbinden und ihnen auf dem

Marsche Halftern anlegen.

Am 14. Februar machten wir einen ganz kurzen Tagemarsch von nur 15

Kilometer, weil wir bei +Basch-agis+, dem letzten Punkte, wo wir

Wasser bekommen konnten, Halt machen mußten (Abb. 69). Der nördlichste

Arm des Tschertschen-darja biegt an diesem Punkte nach Südosten ab nach

dem Lop-kölli, wie der Kara-buran hier ausschließlich genannt wird. Wir

hatten drei Tagereisen in wasserloser Gegend vor uns und mußten für

unseren eigenen und den Bedarf der Pferde ein paar Säcke Eis mitnehmen.

Um 1 Uhr zeigte das Thermometer +0,4 Grad; es war das erste Mal seit

dem heiligen Abend, an dem wir +0,1 Grad hatten, daß das Quecksilber

über Null stand. Doch ging die Temperatur in der Nacht bis -24 Grad

herunter.

Als wir am 15. Februar nach Nordosten wanderten, entfernten wir uns

nach und nach von dem hohen Sande, der jedoch noch immer in etwa 5

Kilometer Entfernung zu sehen war.

Am +Julgunluk-köll+ (Tamariskensee) erreichten wir den

Ettek-tarim, dessen Bett von hier an nach Süden geht und der seinerzeit

unweit des jetzigen Fischerdorfes Lop in den Kara-buran mündete. Wir

folgten seinem Laufe den ganzen Tag nach Norden. Hier wächst frisches,

saftiges Buschholz ziemlich üppig, obwohl der Erdboden überall so

trocken wie Zunder ist. Daß jedoch das Grundwasser nicht fehlt, sieht

man schon an dem Julgunluk-kuduk, der gegenwärtig versandet war.

Ein aus einem Pappelstumpfe ausgehöhlter Wassertrog für Pferde und

Esel zeigte auch, daß dieser Schleichweg gelegentlich benutzt wird,

besonders von Leuten, die „Jiggde“(~Elaeagnus~)-Beeren sammeln.

Die das Bett umgebenden Sanddünen sind höchstens 4 Meter hoch. Das

Bett des Ettek-tarim ist sehr deutlich, und man sieht gleich, daß es

nicht länger als einige dreißig Jahre her sein kann, seit der Fluß es

verlassen hat. Es markiert sich als eine nackte, von lichten Wäldern

und Dickichten eingefaßte Rinne. Auch der gewundene Verlauf der letzten

Stromrinne tritt in dem Bette als deutliche Vertiefung hervor. Sogar

Treibholz steckt hier und dort noch im Boden.

Ein paar geophysische Charakterzüge, auf die ich nur flüchtig hinweisen

will, dienen zur Beleuchtung meiner Theorien über die Wanderungen des

Lop-nor. Erstens beweist die Tatsache, daß der Ettek-tarim reich an

lebenskräftigem Pappelwalde ist, während an dem entsprechenden Teile

des Tarim jeder Wald fehlt, daß letzterer ein neugebildeter Fluß ist,

an dem der Wald noch nicht hat groß werden können. Zweitens beweist die

kolossale Anhäufung von Flugsand, die wir an dem heutigen Lagerplatze

fanden und die den bezeichnenden Namen +Tag-kum+ (Berg-Sand)

trägt, daß der Tarim in früherer Zeit im Osten dieser Stelle noch nicht

existiert hat, denn sonst hätte der hier herrschende Ostwind nicht

solche Massen von Sand hierher treiben können. Dies hat nur zu einer

Zeit geschehen können, als sich der Tarim noch in den alten, jetzt

ausgetrockneten Lopsee ergoß. Schließlich ist zu beachten, daß der Sand

zwischen dem Ettek-tarim und unteren Tarim vom Tag-kum an nach Norden

wesentlich abnimmt. Er hat sich in den Gegenden, die auf der Leeseite

des alten Lopsees lagen, nicht anhäufen können.

Das Vegetationsgebiet des Ettek-tarim bildet einen 3 Kilometer breiten

Gürtel, gegen welchen im Osten der hohe Sand steil abfällt; im Westen

dagegen erheben sich die Dünen langsam zu den gewaltigen Protuberanzen,

die wir weiter westlich in der innersten Wüste gesehen hatten.

16. Februar. Während meine Leute die Kamele beluden, erstieg ich am

Morgen den höchsten Kamm des Tag-kum, der wohl 50 oder 60 Meter über

den Wald emporragt. Man hat von hier eine orientierende Aussicht. Im

Nordosten erscheint eine Bajir von dem gewöhnlichen Aussehen dieser

Mulden und mit den charakteristischen konzentrischen Ringen. Im Osten

wird diese Bodensenkung von einer Sandmauer begrenzt, die nur halb so

hoch ist wie der Tag-kum. Weiter nach Osten hin nimmt der Sand ab in

der Richtung nach dem rechten Ufer des Tarim, dessen Vegetationsgürtel

man an dem dunkleren Farbentone erkennt. Im Osten des Tarim taucht

wieder Sand auf, der stets nach Westen steil abfällt.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 20 / 42 段