Zu meiner Freude hörte ich, daß Tschertschen vor einem Monate einen

Bek erhalten hatte, der kein anderer war als mein alter Freund aus

Kapa, Mollah Toktamet Bek. Nach seinem Hause begaben wir uns und

wurden dort herzlich empfangen. Er war mit seinen 72 Jahren und

seiner aristokratischen Erscheinung noch ganz derselbe sympathische,

liebenswürdige Greis wie früher und stellte uns sofort sein Haus zur

Verfügung. Ich ließ mich an dem offenen Herde in einem Hinterzimmer

nieder, die Leute mit dem Gepäcke in einem vorderen. Dies war das

erste von den wenigen Malen, die ich auf der ganzen Reise im innersten

Asien unter einem Dach schlief.

Die Einwohnerschaft von Tschertschen war jetzt auf etwa 500 Familien

angewachsen. Unter ihnen rasteten wir vom 12. bis zum 15. Januar, denn

sowohl die Leute wie die Tiere bedurften der Ruhe. Ich benutzte jedoch

die Zeit gut und zog Erkundigungen über die umliegenden Gegenden ein.

Unaufhörlich erreichten uns unbestimmte Gerüchte von in der Wüste

begrabenen Städten und Schätzen und besonders von einer alten Stadt,

die am unteren Andere-terem, 170 Kilometer westlich von Tschertschen,

liegen sollte. Doch wie ich auch die Eingeborenen verhörte, bestimmte,

zuverlässige Angaben konnte ich nicht erhalten. Sie fürchten, man

könne dorthin gehen und all das Gold finden, das ihre Phantasie so

freigebig unter den Dünen ausbreitet, zugleich aber glauben sie auch,

daß die alte Stadt der Wohnsitz der Wüstengeister sei und nach deren

Belieben ihre Lage verändere. Ein Mann erzählte, er habe sich nach dem

Andere-terem begeben und dort einen 15 Klafter hohen, zylinderförmigen

Turm von blauer Fayence gesehen; dieser habe ihm aber so seltsam und

unheimlich ausgesehen, daß er es nicht gewagt, näher heranzugehen.

Nachdem er sich beruhigt habe und, fest entschlossen, drinnen nach

Gold zu suchen, dorthin zurückgekehrt sei, sei der Turm verschwunden

gewesen. Er wollte es daher nicht unternehmen, mich dorthin zu führen,

denn er war felsenfest davon überzeugt, daß der Turm in der Wüste

umherwanderte und alle Nachforschungen vereiteln würde.

Die Gegend zwischen Tschertschen und Andere war eine der wenigen

Landstrecken Ostturkestans, die ich noch nicht bereist hatte; ich

beschloß daher, einen Abstecher dorthin zu machen, obschon es sich um

einen anstrengenden Ritt von 340 Kilometer handelte. Außer dem Führer,

den der Bek zum Mitkommen zwang, wollte ich nur drei Diener mitnehmen,

Ördek und Kurban, sowie Mollah Schah, einen Einwohner von Tschertschen,

der mit Littledale durch Tibet gereist war. Drei neue Pferde wurden

gekauft und ebenso viele für unser Gepäck gemietet. Islam Bai, Turdu

Bai, die Kamele, das Wüstenpferd und Dowlet II sollten in Tschertschen

bleiben und sich ordentlich ausruhen, während Jolldasch seinem Herrn,

wohin dieser auch ging, treu folgte.

Vorher wartete meiner in Tschertschen noch eine große Freude. Am

Morgen des 13. Januar traf einer der Winterdschigiten des Konsuls

dort ein, Musa, derselbe Mann, der 1896 in Chotan mein Dolmetscher

bei den Chinesen gewesen war. Er brachte eine gutgefüllte Posttasche

mit. Ich hatte also reichliche Lektüre an Briefen und Zeitungen aus

der Heimat und verschlang ihren Inhalt mit großem Genusse vor dem

lodernden Herdfeuer im Hause des Beks. Wie es Musa gelungen ist, mich

so leicht zu finden, ist mir noch heute ein Rätsel. Es war verabredet

worden, daß die Kuriere über Aksu nach der Lopgegend gehen sollten;

aber Musa erklärte einfach, er habe „es im Gefühle gehabt“, ich müsse

im südlichen Teile des Landes sein. Islam Bai wollte gehört haben, daß

Musa in Tschertschen eine Herzallerliebste habe und diese wohl auf

dem Wege habe besuchen wollen. Gesegnet sei die Schöne, wenn ich ihr

meine Post verdankte! Wäre Musa zwei Tage eher angekommen, so hätte

ich die Post erst bei der Ankunft in Tura-sallgan-ui in Jangi-köll

erhalten, denn weder der Bek noch sonst jemand in Tschertschen hatte

die geringste Ahnung davon, daß wir aus der Tiefe der Wüste auftauchen

würden, und Musa hätte dann seinen Weg nach Osten fortgesetzt.

Sechzehntes Kapitel.

Dreihundertvierzig Kilometer in 30 Grad Kälte.

Auf kleinen, munteren, ausgeruhten Pferden traten wir am Morgen des

16. Januar den kleinen Ausflug von 340 Kilometer an. In langsamem Trab

ging es auf dem +Astin-joll+ (unterer Weg) (Abb. 62) nach Nija.

Auf demselben Wege war im Jahre 1889 Hauptmann Roborowskij von General

Pjewzoffs Expedition geritten; es war so gut wie das einzige Mal auf

meiner ganzen Reise, daß ich auf dem von mir eingeschlagenen Wege nicht

der erste war.

Rasch lassen wir Tschertschens äußerste Gehöfte hinter uns und sind nun

draußen in einer öden, unfruchtbaren Gegend auf einem Wege, der rechts

und links von durch Winderosion entstandenen Lehmterrassen eingefaßt

ist. Der Pfad ist einem dunkeln Bande gleich in dem weißen Schnee

leicht erkennbar. An dem zugefrorenen Brunnen von +Kallaste+ (der

aufgehängte Schädel) wird am ersten Abend Rast gemacht.

Als ich am Morgen bei 22 Grad Kälte geweckt wurde, standen Sonne und

Mond gleich hoch über dem Horizont und hatten genau dieselbe rotgelbe

Färbung. Hätte man nicht die Himmelsrichtungen gekannt, so hätte man

beim ersten Anblick in Zweifel sein können, welches das Tages- und

welches das Nachtgestirn sei.

Schnell wieder in den Sattel! Ein greulicher Westwind erhob sich

und durchkältete Mark und Bein. Man versuche nur, bei 20 Grad Kälte

gegen den Wind anzureiten und dabei sklavisch an das Marschroutenbuch

gebunden zu sein. Die Hände erstarren, und man muß die Feder anfassen

wie den Stiel eines Hammers, sonst hat man keine Kraft in den Fingern.

Einen solchen Tag vor sich zu haben, ist eine recht schöne Aussicht.

Länger als eine halbe Stunde hintereinander im Sattel zu sitzen, geht

nicht an; man muß absteigen, laufen und mit den Füßen stampfen, um

nicht zu erfrieren.

Bei dem Brunnen von +Kettme+ waren wir schon so erschöpft,

daß wir eine Viertelstunde rasten mußten, um uns an einem kleinen

Feuer zu erwärmen; dann ging es in schnellem Trab über den schwach

wellenförmigen Boden nach +Jantak-kuduk+, wo wir wieder eine

Weile rasten mußten, um warm zu werden. Dasselbe Manöver wurde am

Brunnen von +Ak-bai+ wiederholt.

Am Tage darauf lag eine neue Schneedecke so leicht und weich wie

Daunen über der alten, hartgefrorenen. Die Landschaft ist trostlos

einförmig und öde; kein Tier war zu sehen, nur Spuren von Hasen

und Wolfsfährten zeigten sich im Schnee. Dünnes Kamisch, in weiten

Zwischenräumen stehende Tamarisken und vereinzelte Pappeln wechseln

mit unfruchtbarem Boden und Sandgürteln ab. +Tailak-tuttgan+ ist

ein größerer Brunnen; schon sein Name ist interessant, er bedeutet

„das gefangene wilde Kameljunge“ und verrät, daß diese Herrscher der

Wüste hier vorzeiten vorgekommen sind; jetzt fehlen sie ganz. Namenlose

Brunnen sieht man häufig; sie sind von verschmachtenden Sommerreisenden

gegraben, die nicht bis zum nächsten größeren Brunnen haben warten

können.

+Osman Bai-kuduk+ trägt den Namen des Mannes, der diesen Brunnen

grub und damit seinen Namen der Nachwelt überlieferte, obwohl er

selbst längst vergessen ist und niemand weiß, wer er war. Gleich

hinter dieser Raststelle nimmt der Sand zu, und es folgt ein Gewirr

von Tamariskenkegeln, zwischen denen sich der Pfad verliert wie ein

gewundener Hohlweg, in dem sich gut Verstecken spielen läßt.

Das Bett des Kara-muran war leer und ausgetrocknet; nicht einmal

eine Eisscholle war zu sehen. Es ist 1-2 Meter tief in den Lehmboden

eingeschnitten, hat eine Breite von 70-100 Meter und soll im Sommer

zeitweise bedeutende Wassermassen in die Wüste führen.

Bei +Toktekk+ wurde in der Dämmerung gelagert, weil wir frische

Spuren von Hirten sahen. Auf der ganzen Tagereise hatten wir nur einen

einsamen Wanderer erblickt. Es war ein armer Schlucker, der, nur von

seinem Hunde begleitet, zu Fuß nach Kerija ging. Der Hund hinkte in

jämmerlichem Zustand einher; er war blutüberströmt, sein eines Ohr war

abgerissen, das andere baumelte wie ein Lappen. Der Mann erzählte, daß

der Hund in der Nacht mit einem Wolfe im Kampfe gewesen und von ihm so

zugerichtet worden sei. Es muß unheimlich sein, mitten im Winter allein

und unbewaffnet den Weg zwischen Tschertschen und Kerija zurückzulegen.

Der Mann sagte aber ganz ruhig, an sein mit Feuerstein und Zunder

angezündetes Feuer wagten sich die Wölfe nicht heran, und bei Tage

hielten sie sich gewöhnlich abseits.

Nach 28 Grad Kälte in der Nacht auf den 19. mußten wir wieder in

kleinen Entfernungen zwischen den Rastfeuern vorwärts. Wir haben eine

Gegend erreicht, die durch die Flüsse von den Nordabhängen des Kwen-lun

reichlicher bewässert wird und daher reicher an Vegetation ist.

Links haben wir noch immer unfruchtbaren Sand, rechts aber Steppe und

bewaldete Hügel.

In +Pakka-kuduk+ hörten wir von Norden her Rufe, und Mollah Schah

machte bald einen netten, braunbärtigen Hirten ausfindig, der uns nach

einer luftigen Hütte führte, in welcher der Bai, der Besitzer der in

dieser Gegend weidenden Schafherden, mit seiner Familie wohnte. Nur im

Winter hält er sich hier auf, im Sommer wohnt er am Andere-terem; dann

herrscht in diesem ganzen Landstrich eine gräßliche Hitze mit Myriaden

von Mücken und Moskitos. Die Wölfe bereiten den Schafbesitzern große

Verluste; gegen größere Rudel können die Hunde nichts ausrichten. Man

sagt, daß, wenn der Wolf ein Schaf nur streife, dieses schon vor Angst

und Schrecken sterbe. Komme nicht rechtzeitig Hilfe herbei, so werde

die ganze Herde zerrissen.

Am Brunnen von +Schudang+ fanden wir auch einen Hirten, der etwa

zehn Esel tränkte. Der Brunnen ist 3 Meter tief, liegt in einer Mulde

und hat ganz süßes Wasser. Hier steht eine Lenger (Herberge), welche

die Chinesen vor vier Jahren erbaut haben. In den auf einer Terrasse

gelegenen Lehmhütten der Hirten von Schudang ließen wir uns nieder

(Abb. 63). Wir hatten es hier warm und gut; abends kam der Bai und

verkaufte uns zwei Schafe, die sofort geschlachtet wurden.

In Schudang holten wir einen Reisenden aus Tschertschen ein, einen

chinesischen Siah (Schreiber), der auf dem Wege nach Kerija war, um

dort vor dem Amban Rechenschaft über sein Amt abzulegen. Gleich uns

blieb er dort, um sich einen Tag auszuruhen, und wir tauschten Visiten

aus. Als wir am folgenden Morgen aufbrachen, hatte er von seinem

Opiumrauchen gräßliche Kopfschmerzen.

Der +Mölldscha+ ist, wie ich in „Durch Asiens Wüsten“ mitgeteilt

habe, da, wo er den oberen Weg schneidet, ein mächtiger Fluß, hier

aber, auf dem Astin-joll, gewahrt man ihn kaum, weil er sich deltaartig

in mehrere veränderliche Arme teilt. Hierdurch wird die Bewässerung

wirkungsvoller und die Vegetation reicher. Doch scheint der Kara-muran

ein mächtigerer Fluß zu sein, der sich wahrscheinlich tiefer in die

Wüste hinein erstreckt und auch wohl seinerzeit die Vegetation erzeugt

hat, die in den von uns durchzogenen Bajirmulden noch ein kümmerliches

Dasein fristet.

Bei +Tschaltschik+ lagerten wir in einer kleinen Hütte, durch

deren aus einigen Zweigen bestehendes Dach es ebenso stetig schneite

wie draußen. Von jetzt an begleitete uns ein Eingeborener zu Fuß, um

dem Wegweiser Turduk beim Führen zu helfen.

[Illustration: 76. Tal zwischen Kurbantschik und Budschentu-bulak. (S.

204.)]

[Illustration: 77. Tograk-bulak. (S. 204.)]

[Illustration: 78. Ruine bei Jing-pen. (S. 205.)]

[Illustration: 79. Tschernoffs wildes Kamel. (S. 213.)]

[Illustration: 80. Eines unserer zahmen Kamele. (S. 213.)]

Die Hirten, die in diesen vor den Blicken der Welt so abgesperrten

Gegenden ihre Tage verleben, sind gutmütige, freundliche Leute, die

nur anfänglich eine gewisse Scheu vor dem Fremdling zeigen, aber,

nachdem sie sich überzeugt haben, daß er keine bösen Absichten hegt,

bald zutraulich werden. Sie sprechen alle mit weicher, milder, durchaus

nicht unangenehmer Stimme, die den Eindruck macht, selten zu ertönen

und beinahe vor ihrem eigenen Klange zu erschrecken. Unser Hirt

hatte eine wirklich schön klingende Stimme, die er übrigens in allen

möglichen Nuancen und so leise und vorsichtig ertönen ließ, als fürchte

er sich vor dem Sprechen. Hätte man nur seine Stimme gehört, so würde

man ihn für einen Mann von weit höherem Bildungsgrad gehalten haben,

aber sein Aussehen zeigte, daß er ein echter Wilder war. Er trug einen

Schafpelz, eine Pelzmütze und Schuhe von demselben Material, sah mit

seinem nie gewaschenen Gesichte so dunkel wie ein Indianer aus, hatte

schmale, schrägliegende Augen, eine dicke Nase und fleischige Lippen

und war völlig bartlos. Religion hatte er jedoch, denn als wir an einem

Masar vorbeiritten, blieb er stehen und strich sich mit den Handflächen

über das Gesicht, wie es die Muselmänner bei ihrem „Allahu ekbär“ immer

tun.

Am Morgen des 22. Januar waren wir wieder ganz eingeschneit. Wir

verlassen jetzt die Straße und schlagen auf ungebahnten Wegen die

Richtung nach der „alten Stadt“ ein. Das Terrain war scheußlich.

Zwischen einem Chaos von Tamariskenkegeln liegen kleine, lockere

Sanddünen, die im Verein mit dem frischgefallenen Schnee das Vordringen

entsetzlich langsam und anstrengend machen. Die Pferde waten im Sande

und sinken bei jedem Schritte fußtief ein.

Auf solchem Terrain gelangten wir schließlich an die Ruine eines

Hauses, das zwei quadratische Zimmer enthalten hat. Die aus Lehm

bestehenden Mauern und ein Gerippe aus Pfählen und Stangen standen noch

aufrecht bis zu einer Höhe von 5,8 Meter. Sie waren so dick und stark,

daß man in ihnen eine Festung früherer Zeiten vermuten konnte. Wir

lagerten in geringer Entfernung bei den Ruinen einiger uralter Türme.

Der Schnee lag so hoch, daß er die genauere Untersuchung dieses an und

für sich armen Ruinenfeldes in hohem Grade erschwerte.

Im Laufe des Abends nahm das Schneien so zu, daß wir, die wir kein

Zelt hatten, einige Vorsichtsmaßregeln ergreifen mußten. Mein Bett

wurde, wie gewöhnlich, auf der Erde aufgeschlagen, nachdem der Schnee

fortgeschaufelt worden war, und meine kleine Kiste vor das Kopfende

gestellt. An dieser wurde eine Filzdecke befestigt, deren anderes

Ende ein paar Tamariskenzweige trugen, und die wenigstens meinen Kopf

schützte, während der untere Teil des Bettes sich allmählich mit

richtigen Schneewehen bedeckte. Während der Nacht weckte mich plötzlich

etwas, das mein Gesicht wie eine eiskalte Hand berührte. Es stellte

sich heraus, daß es die Filzdecke war, die infolge des Gewichtes des

Schnees heruntergeglitten war; ein Teil der kalten Niederschläge hatte

längs meines Halses seinen Weg in das Bett hinein gefunden. Nahe am

Feuer sind die Filzdecken wie in Schlamm getaucht.

Am andern Tage wurde die Kona-schahr (alte Stadt) in Augenschein

genommen. Eine ziemlich massive Lehmmauer ragte aus dem Schnee hervor,

und mehrere Wälle und Trümmerhaufen zeigten die Plätze früherer

Häuser an. Wir fanden Spuren von einem Kanal, der anscheinend aus dem

nahegelegenen Flusse Bostan-tograk nach diesem Orte hingeleitet worden

war. Die am besten erhaltene Ruine war ein zirka 10,5 Meter hoher Turm

von 24,2 Meter Umfang mit einer Öffnung oder Schießscharte oben an der

einen Seite, wohin man jedoch nicht ohne Leiter gelangen konnte, da das

Innere des Turmes kompakt war. Im Südosten sah man noch zwei Türme.

Sie hatten also alle in einer Reihe gelegen und wahrscheinlich einen

alten Weg markiert. Rote und schwarze Scherben von gebrannten Ziegeln

kamen in großer Menge vor. Spuren von Inschriften oder Ornamenten waren

nirgends zu entdecken, und alles war sehr von der Zeit mitgenommen.

Leider wurde eine genauere Untersuchung durch den fußhohen, alles

nivellierenden Schnee erschwert.

Es mag hier eingeschaltet sein, daß ~Dr.~ Stein von Rawalpindi

während der höchst interessanten, verdienstvollen und ergebnisreichen

Reise, die er 1900-1901 hauptsächlich zu archäologischen Zwecken

durch Ostturkestan machte, auch den unteren Andere-darja besuchte und

dort die Ruinen eines alten Ortes entdeckte. Von besonders großer

Bedeutung sind die von ihm ausgegrabenen Manuskripte. Ich empfehle

jedem, der sich für die archäologischen Probleme in Innerasien

besonders interessiert, aufs wärmste Steins vortreffliche Arbeit.

«~Archæological Exploration in Chinese Turkestan. Preliminary

Report~» (London 1901), um so mehr als die von mir am Lop-nor

gemachten Entdeckungen durch Steins gründliche Untersuchungen an

anderen Stellen in klarerem und vielseitigerem Lichte erscheinen. --

Wir ritten am Abend nach dem +Bostan-tograk+ weiter, dessen

Flußbett bis zu 8 Meter tief in den Boden eingeschnitten und 141 Meter

breit ist; es war mit Eis gefüllt, das einen halben Meter dick war und

direkt auf dem Schlammgrunde ruhte. Daß das Eis so dick wird, beruht

darauf, daß eine Quelle den ganzen Winter hindurch das Bett hinabfließt

und nach und nach gefriert, wobei das Eis an Dicke zunimmt. Bei Andere

führte dieser Quellstrom 3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Der

Bostan-tograk ist also auch in seinem Unterlauf ein ansehnlicher Fluß;

wo der Fluß aufhörte, ein solcher zu sein, eine gute Strecke weiter

nach Norden, lag früher die Ansiedlung Andere-terem, die aber jetzt

verlassen ist.

Wenn das Lager fertig ist, macht sich Turduk allabendlich seine Pfeife

zurecht, wozu recht originelle Anstalten nötig sind. Er schneidet sich

zwei Stäbchen und steckt sie so in die Erde, daß das eine senkrecht,

das andere in einem Winkel von 45 Grad nach oben zeigt, beide aber

von demselben Punkte ausgehen. Dann wird feuchter Lehmteig um sie

herumgelegt und dicht an sie herangedrückt, worauf die Stäbchen

entfernt werden. In die Öffnung des so gebildeten vertikalen Ganges

wird eine Fingerspitzevoll von dem sauren, schlechten Tabak des Landes

gelegt, an dem Ende des schrägen Ganges wird der Rauch eingesogen. Die

Stellung desjenigen, der sich dieses raffinierte Genußmittel zu Gemüt

führt, ist jedoch weder bequem noch graziös. Der Raucher muß der Länge

nach auf dem Bauche an der Erde liegen. --

Am folgenden Tage setzten wir unseren Weg längs des Bostan-tograk nach

+Andere+ und dem +Baba-köll+ fort, von wo aus wir den Rückweg

nach Tschertschen antraten. Unterwegs trafen wir nur eine Eselkarawane,

die Häute von wilden Yaken und Kulanen aus den nordtibetischen Bergen

nach Kerija brachte. Es wurde ein kalter Ritt. In der Nacht auf den 25.

Januar hatten wir -29,6 Grad, und das Maximum stieg selten über -14

Grad. Man ist der Kälte und dem Winde völlig preisgegeben und gerät

in einen Zustand apathischer Gleichgültigkeit. Jetzt brauchte ich

wenigstens keine Wegaufnahme zu machen, denn wir kehrten auf demselben

Wege, den wir gekommen, wieder zurück, und ich konnte also die Hände in

die Ärmel meines sartischen Wolfspelzes stecken.

In der Nacht auf den 27. sank die Temperatur auf -31,2 Grad, und

als sie um 1 Uhr auf -16 Grad stieg, erschien uns die Luft, da es

windstill war, beinahe temperiert. Wir ritten schnell. Die Hufe

schlugen dumpf und eintönig auf die gefrorene Erde. Vornübergebeugt,

zusammengekauert, saßen wir mit gekreuzten Armen im Sattel und ließen

den Pferden freie Zügel. Erst im Lager wurde bemerkt, daß Kurban und

ein Packpferd fehlten. Um Mitternacht kam er jedoch zu Fuß an, halbtot

vor Kälte. Sein Pferd war zu müde gewesen, und er hatte es bei Turduk

zurückgelassen.

Den letzten Tag ritten wir von +Jantak-kuduk+ nach Tschertschen

in 10 Stunden, nachdem wir nachts eine Minimaltemperatur von -32,2

Grad gehabt hatten, was in diesem ganzen Winter das Minimum blieb.

Wir brachen indessen erst spät auf, so daß wir noch mehrere Stunden

in finsterer Nacht reiten mußten und die nächtliche Kälte wieder

anfing. Es war schneidend kalt und dazu herrschte noch Gegenwind, der

freilich schwach war, aber hinreichte, um uns im Sattel fast vor Kälte

erstarren zu lassen. Ich versuchte, mein Gesicht durch ein Halstuch

zu schützen; aber der Atem gefror und erstarrte im Barte und an der

Nase; das Tuch schützte jedoch ein wenig gegen den schneidenden Wind.

Am schlimmsten ist es für die Augen, denn wenn sie vom Winde tränen,

kleben die Wimpern zu kleinen Eisklumpen zusammen, die man von Zeit zu

Zeit entfernen muß, um die Augen öffnen zu können.

Schön war es daher, endlich an Ort und Stelle zu gelangen und sich an

den Feuern im Hause des Bek erwärmen zu können, heißen Tee mit frischen

Eiern, Brot und Honig zu bekommen und dann in die Koje zu kriechen,

um noch ein paar Stunden schwedische Zeitungen zu lesen und sich an

dem züngelnden, gemütlichen Spiele des Feuerscheines an den Wänden zu

freuen, während Jolldasch, müde von der langen, kalten Reise, lang

hingestreckt am Feuer schnarchte.

Das Ergebnis dieser Rekognoszierung war weniger reich, als ich gehofft,

und kaum die dreizehn Tage, die ich geopfert hatte, wert. Dennoch waren

mehrere wichtige geographische Beobachtungen gemacht worden, besonders

hinsichtlich der Ausdehnung der Sandgürtel in diesem Teile des Landes,

der Breite der Vegetationsgebiete und der Größe der Flüsse nebst ihrer

Richtung, die nördlicher ist als auf Roborowskijs Karte, was seinen

Grund in dem langsamen Gefälle des Tarimbeckens nach dem Lop-nor hat.

Siebzehntes Kapitel.

Zwischen vergessenen Gräbern und ausgetrockneten Flußbetten.

Der 30. Januar war ein wenig einladender Tag zum Aufbruche von

Tschertschen: Wind, dichte Wolken, Schneefall und ein eiskalter,

feuchter Nebel und dabei mittags um 1 Uhr noch -15 Grad. Wir brachen

indessen doch auf. Wir waren eine recht stattliche Karawane mit sechs

Kamelen, fünf Pferden und einer ganzen Schar Bürger von Tschertschen,

die uns bis an den Fluß begleiteten. Mollah Schah wurde fest bei mir

angestellt; er schien mir sehr brauchbar für die Reise nach Tibet. Sein

Abschied von der Vaterstadt, von seiner Frau und seinen sechs Kindern

war so ruhig, als handelte es sich um einen Ausflug von ein paar Tagen.

So leicht verläßt kein Europäer sein Heim, wenn er es erst in 2½

Jahren wiedersehen soll.

Wir folgten nicht dem gewöhnlichen Wege auf dem linken Ufer des

Flusses, sondern überschritten ihn und durchzogen in den ersten beiden

Tagen die Steppen des rechten Ufers, um in +Keng-laika+ zu lagern,

wo wir zuerst an den Fluß gelangt waren und wo ich einen astronomisch

bestimmten Punkt hatte.

Es war jetzt meine Absicht, so genau wie möglich das alte Bett des

Tschertschen-darja festzustellen, das nach Roborowskij, der es jedoch

nie selbst gesehen hatte, etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen

liegen sollte. Dies war das Problem, das jetzt zu lösen war und das zu

dem ursprünglichen Programme gehörte. Es stellte sich nachher heraus,

daß die Angaben, welche Roborowskij von den Eingeborenen erhalten

hatte, unzuverlässig gewesen waren und einer Revision bedurften.

Um uns ordentlich vorzubereiten und uns vor allem zwei zuverlässige

Führer zu sichern, opferten wir einen Rasttag in Keng-laika. Fanden

wir das alte Bett, so mußten wir auf eine neue, wenn auch kleinere

Wüstenreise vorbereitet sein, denn wir mußten dem Bette folgen, um zu

sehen, wohin es führe.

Von den Hirten erhielten wir sofort die unerwartete Auskunft, daß die

nördliche der beiden Bodensenkungen, die wir in der Wüste gesehen,

sich schon bei Su-ößgen, eine Tagereise abwärts, mit dem Flusse

vereinige. Unterhalb dieses Punktes gebe es ihres Wissens im Norden des

Flusses kein altes Bett, sondern nur lauter hohen Sand, und was dieser

verberge, wisse niemand; dies hatten wir auf unserer Wüstenwanderung

selbst schon zur Genüge gesehen.

Bei einem kleinen Salztümpel, dem +Schor-köll+, verließen wir am

2. Februar den Tschertschen-darja und gingen durch Tamariskensteppen

und toten Wald nach dem +Tschong-schipang+, wie das hintere

alte Bett genannt wird (Abb. 64). Es ist sehr deutlich, hat ungefähr

dieselbe Breite wie der jetzige Fluß, bildet eine wenig gewundene

Rinne im Boden und hat hohe, deutliche Uferwälle oder nivellierte

Erosionsterrassen mit Tamarisken oder vereinzelt stehenden, teils

lebenden, teils verdorrten Pappeln (Abb. 65). Nach Norden hin erstreckt

sich in unabsehbarer Ferne das Sandmeer. Auf dem rechten Ufer des

Bettes fanden wir einige größtenteils versandete Hirtenhütten, die wohl

ein- bis zweihundert Jahre alt waren.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 19 / 42 段