Frieden an zwei großen Feuern nieder in einer Gegend, die so still und
ungestört war, daß nicht einmal die Stille eines weit abseits vom Wege
liegenden vergessenen Grabes ihr darin gleichkam. Unsere Freunde wußten
nicht, wo wir waren, und in Tura-sallgan-ui waren sie ganz gewiß in
Aufregung über unser Schicksal, um so mehr, als ihre Phantasie durch
Islams haarsträubende Beschreibungen über unseren früheren Wüstenzug
und Parpi Bais Schilderung unserer ersten Wüstentage schon erhitzt
worden war. Auch die Kosaken hatten während der Rekognoszierung
gesehen, wie es dort aussah, und gestanden nachher, sie hätten
gefürchtet, daß der Sand uns auf allen Seiten den Weg versperren werde
und wir von unserem eigenen Mute verurteilt seien, vor Durst, Müdigkeit
und Kälte umzukommen. Meine vier Begleiter sagten diesen Abend, daß
sie erst jetzt, nun wir in sicheres, eine Küste anzeigendes Fahrwasser
gekommen, von ihrer Unruhe befreit seien; sie konnten aber nicht
begreifen, wie ich die Entfernung nach Tatran mit solcher Sicherheit
zu beurteilen imstande war. Sie glaubten entschieden, daß meine
Versicherungen und Versprechungen eigentlich nur wohlwollende Versuche
seien, sie zu beruhigen.
Und nun ging die Sonne in diesem Jahrhundert zum letztenmal unter
-- das konnte man nur daran sehen, daß der trübe, neblige Tag in
nächtliche Schatten überging, die das erste Morgenrot des zwanzigsten
Jahrhunderts verjagen sollte.
Wenn der erste Tag eines neuen Jahres oder noch mehr der eines
neuen Jahrhunderts eine Vorbedeutung enthalten oder ein Wahrzeichen
zukünftiger Dinge sein soll, so sah die Zukunft an diesem 1. Januar
1900 für uns in Wahrheit düster aus. Der Himmel war in ein schwarzes
Trauergewand gehüllt, und von Morgenrot war nichts zu sehen. Die
Temperatur ging um 7 Uhr jedoch bis -15 Grad hinauf, und als ich
aufstand und mich ankleidete, befand ich mich dank dem großen Feuer in
einem noch gemäßigteren Klima.
Das einzige, was die Neujahrsstimmung hob, war, daß unsere 38.
Bajir sich vor uns bis ins Unendliche hinzog, und leichten
Schrittes zogen wir in ihrer Mitte dahin. Die Leute hegten sogar
die eitle Hoffnung, dies sei der Anfang der Steppen, die sich am
Ufer des Tschertschen-darja ausdehnen. Die Vegetation wurde jedoch
magerer, nur hie und da ein Grasbüschelchen, einige Schilfstengel
oder eine Tamariske, und zwischen kleinen Löchern in dem hier mit
Sand untermischten Boden huschten Feldmäuse, von den Muselmännern
„Säghisghan“ genannt, hin und her.
Von dominierenden Punkten aus spähten wir vergebens nach der nächsten
Bajir, doch diese Bildungen schienen jetzt aufgehört zu haben. Der
Blick reichte weit nach Süden: das Sandmeer war wie in der Takla-makan
mehr kompakt, die gewaltigen Sandwände, die wir bisher zur Linken
gehabt hatten, fehlten, weitere Depressionen waren nicht zu sehen, die
ganze Bauart hatte sich mit einem Schlage verändert, aber die Dünen
lagen glücklicherweise immer noch im Norden und Süden.
Wir hatten es bisher gut gehabt, wir hatten es gehabt wie ein Schiff,
das von der offenen See in Gürtel von Treibeis und Tang hineingekommen
ist. Die Wogen gingen haushoch, und wir kamen verzweifelt langsam
vorwärts, es ging bergauf und bergab über große Dünen. Die Vegetation
hörte beinahe ganz auf. Ich fing wieder an zu vermuten, daß die Oasen,
die wir eben durchquert, von den äußersten in die Wüste vorgeschobenen
Vorposten des Kara-muran herrührten und daß diese Landstrecke auch
wohl bald im Sande begraben sein würde. In diesem Falle konnten wir
uns darauf vorbereiten, bis in die Nähe des Tschertschen-darja nur
schwieriges Terrain zu finden.
Fern im Osten schien es noch Depressionen zu geben, aber diese lagen
außerhalb unseres Weges. Nach Süden hin war alles gleichmäßig hoher
Sand, nur hie und da dominierten pyramidenhohe Dünenkämme, und der
Horizont glich einem Sägeblatt mit gezähnter Schneide. Noch tauchte
gelegentlich eine verdorrte Tamariske auf ihrem Kegel zwischen den
Dünen auf, aber die Entfernungen zwischen diesen abgestorbenen Bäumen
wurden immer größer. Als wir nach einer mühsamen Wanderung von nur
vierzehn Kilometer wieder eine von etwas Kamisch und trockenen Zweigen
umgebene Tamariske trafen, machten wir daher Halt.
2. Januar 1900. Als ich bei Tagesanbruch geweckt wurde, umgab mich
eine vollständige Winterlandschaft; es schneite leicht, der Boden
war kreideweiß, und die Dünen hätten ebensogut kolossale Schneewehen
sein können, denn vom Sand war gar nichts zu sehen. Islam war so
vorsichtig gewesen, eine Decke über meine Kiste zu legen, auf deren
Deckel Instrumente und Aufzeichnungsbücher nachts gewöhnlich liegen
blieben. Es war noch halbdunkel, als das Morgenfeuer vor meinem Bette
angezündet wurde, und seine Flammen ließen die feinen Schneekristalle
wie Diamanten glitzern und funkeln. Es waren nicht gewöhnliche
Schneesternchen, sondern Nadeln, als wenn Reif in außerordentlicher
Menge gefallen wäre.
Während der ersten Marschstunden blieb die Landschaft auf allen Seiten
blendend weiß; ich hatte noch nie Sanddünen in diesem ungewöhnlichen
Gewande gesehen, in diesem weißen Leichentuche, das nur dazu beitrug,
ihre totenähnliche Einsamkeit und Nacktheit zu erhöhen. Gegen Mittag
verschwand die dünne Decke von allen nach Süden gekehrten Abhängen, und
gleich nach Mittag hatten auch die anderen ihren gewöhnlichen gelben
Farbenton wieder angenommen; nur hier und dort in Vertiefungen lag noch
ein kleiner, weißer Streifen.
Der Sand wurde immer beschwerlicher, und es tauchte keine Bajir mehr
auf, die uns einige ermüdende Schritte hätte ersparen können; alles war
jetzt Sand. Freilich lagen die steilen Leeabhänge stets nach Süden und
Westen, auf zwei ein Netz von Vierecken bildende Dünensysteme deutend,
aber alle Depressionen waren hier längst versandet. Augenscheinlich
herrschten hier weniger regelmäßige Windverhältnisse als in der
nördlichen Hälfte der Wüste. Es war ein Glück, daß wir den Marsch nicht
von Süden her begonnen hatten, denn dies wäre nie gegangen; wir hätten
uns zur Umkehr gezwungen gesehen, und auch noch so große Feuer hätten
den in diesem Winter herrschenden Nebel auf größere Entfernung hin
nicht durchdringen können.
Um 4 Uhr begann es zu schneien, jetzt aber ordentlich. Wir waren nicht
verurteilt, an Wassermangel zu sterben. Es herrschte ein regelrechtes
Schneetreiben mit Wind aus Südsüdwest. Welch ein Unterschied gegen
die Sandstürme in der Takla-makan! Nach einer halben Stunde war die
Landschaft wieder kreideweiß, und die Schneedraperien schienen von den
Wolken herab auf dem Boden zu schleppen. Die Dämmerung breitete sich
über diesem Chaos von Sand und Schnee aus, und wir suchten und spähten
nach einem Platze, wo wir die Kamele über Nacht anbinden konnten.
Endlich erschien im Süden in einer Entfernung von zwei Kilometer ein
schwarzer Punkt; dorthin mußten wir um jeden Preis. Eine gutgemessene
Stunde gehörte dazu, und es war pechfinster, als wir bei einer
Tamariske anlegten und Brennholz fanden.
Der fallende Schnee zischte nicht einmal im Feuer, er verwandelte sich
in Dampf, ehe es dazu kam, aber auf den Blättern meines Tagebuches
ließ er sich häuslich nieder. Die freundlichen Oasen hatten gänzlich
aufgehört, und um uns herum lag lauter unfruchtbarer Sand. Ein paar
Stunden lang waren wir an zwei Fuchsfährten entlang gegangen, einer
älteren, nach Norden gehenden, und einer frischen, welche die Rückkehr
des Fuchses nach dem Tschertschen-darja anzeigte. Was mochte er in
der Wüste gesucht haben? Er mußte doch wohl am Flusse ein viel
einträglicheres Jagdrevier haben.
Ich konnte Ördeks Gedankengang verstehen, wenn ihm in dieser Wüste,
die gar kein Ende nahm, in der nicht einmal die Sonne schien, und in
die wir uns immer tiefer hineinverirrten, unheimlich zumute wurde.
Er sprach mit Begeisterung von den Ufern des Tarim, den Seen, den
Kähnen und den Fischnetzen wie von einem Paradiese, in das er nie
zurückkehren würde. Er sprach von den Schwänen, jenen himmlischen,
gefühlvollen Vögeln, welche die Seen zu besuchen pflegen. „Wird das
Männchen erschossen,“ erzählte er, „so grämt sich das Weibchen zu
Tode und weicht nicht von dem Platze, wo sein Beschützer ermordet
worden ist.“ Er habe einmal einen Jäger eine Kugel in eine fliegende
Schar hineinschicken sehen, worauf zwei Schwäne herabgestürzt seien.
Das Männchen sei tödlich getroffen gewesen, und das Weibchen sei ihm
gefolgt, sich in der Verzweiflung mit dem Schnabel die Brust zerfetzend.
Die Kamele waren jetzt so angegriffen, daß wir ihnen einen Ruhetag
gönnen mußten. In einer Tiefe von 1,13 Meter fanden wir Wasser mit
schwach bitterem Beigeschmack, und Schnee war auch genug da. Der Boden
war 33 Zentimeter tief gefroren. Es schneite den ganzen Tag heftig in
dichten, großen Flocken. Die Leute machten kleine Entdeckungsreisen in
die Nachbarschaft, und in der Dämmerung kam Turdu Bai mit zwei Kamelen
zurück, die je eine volle Last trockenen Brennholzes, das er in der
Nähe gefunden hatte, trugen. Die Flocken prasselten auf die uralte
Zeitung, die ich in der Hand hielt, und glitten an ihr herunter. Oft
mußte ich das Blatt schütteln, um die Worte unterscheiden zu können.
Auch um die Mittagszeit herrschte Halbdunkel, und Dünen, Erdboden und
Himmel verschmolzen zu einem einzigen, weißen, wirbelnden Durcheinander
in höchst unangenehmer, matter, ungleichmäßiger Beleuchtung. Noch am
späten Abend dauerte das Schneewetter an.
Die Nacht wurde für uns im Freien Liegende recht kalt; das
Minimumthermometer zeigte -30,1 Grad, um 7 Uhr -27 Grad und um 8½,
als ich aufstand, -24 Grad. Das ist recht kühl für ein Toilettenzimmer,
besonders, da ich mich stets entkleidete und im Schlafrocke schlief.
Am scheußlichsten ist das Waschen und Anziehen, wenn man auf der
Feuerseite +30 Grad und im Rücken -30 Grad hat. Die ganze Nacht
schneite es gleich stark, und am Morgen war ich so vollständig im
Schnee begraben, daß Islam mich mit Spaten und Kamischbesen aus
der Schneehülle befreien mußte. Dafür hatte der Schnee aber dazu
beigetragen, mein Nest warm zu halten; ich hatte gar nichts von der
nächtlichen Kälte gemerkt. Es ist zu schön, wenn man erst einmal in den
Kleidern steckt und mit dem Pelze über den Schultern vor dem Feuer
sitzt und seinen Tee trinkt!
Der Schnee fiel den ganzen Tag, und die Temperatur brachte es nur zu
-13 Grad, was bitterkalt ist, wenn man den Wind gerade entgegen hat.
Das Terrain war nicht unvorteilhaft. Wir konnten oft zwischen den
schlimmsten Dünen hindurchkreuzen, und schließlich zeigten sich wieder
einige kleine Mulden, die jetzt nach Südsüdost gerichtet und voller
Sand waren. In einer solchen, Nr. 43, lagerten wir, obwohl dort keine
Spur von Feuerungsmaterial war. Wir besaßen jedoch noch eine halbe
Kamellast von unserem ursprünglichen Vorrat; da alle halb erstarrt
waren, mußte sie diesen Abend draufgehen, geschehe, was da wolle.
Auf den nach Süden gerichteten steilen Dünenabhängen vermag sich der
frischgefallene Schnee nicht lange zu halten. Nur auf den Nordseiten
der Dünen bleibt er liegen, und in den Dünentälern ist er mehrere
Zentimeter tief. Wirft man einen Blick nach Norden, so sieht man fast
nur Sand, nach Süden bloß Schnee.
5. Januar. Endlich hatten die Wolkenmassen, die uns während der ganzen
Wüstenreise verfolgt hatten, sich entschlossen, sich von ihrem Inhalte
zu trennen, denn der Schnee fuhr die ganze Nacht fort, lautlos wie
Watte zu fallen, und am Morgen waren sogar die Stellen, wo unsere Feuer
gebrannt hatten, verschneit. Alle unsere Sachen mußten unter dem Schnee
hervorgesucht werden. Auch die Kamele lagen überschneit im Kreise da
und sahen mit den kleinen Schneewehen auf dem Rücken, Puder in der
Perücke und Eiszapfen im Kinnbarte und am Maule ganz barock aus.
Jetzt war nicht einmal ein Streifen gelben Sandes zu sehen. Am
Vormittag lagen die steilen, nach Westen gerichteten Abhänge im
Schatten und hatten eine prachtvolle Färbung -- stahlblau in
verschiedener Schattierung, je nach der wechselnden Abschüssigkeit des
Hanges, -- zu oberst aber wölbten sich die weißen Kuppeln der Dünen,
intensiv von der Sonne beleuchtet.
Die hohen Sandprotuberanzen hatten auffallende Ähnlichkeit mit dem
in ewigen Schnee gehüllten Kamme einer Bergkette; ich glaubte hier
ein Miniaturbild des Transalai mit dem durch eine hohe Dünenpyramide
dargestellten Pik Kauffmann wiederzuerkennen. Das blaßblaue Farbenspiel
war dasselbe. Es blendete die Augen. Ich hatte eine doppelte
Schneebrille, und alle Männer trugen dunkle Brillen. Doch war die Luft
nicht rein, wie sie es im Gebirge an klaren Tagen ist. Die feinen
Kristallnadeln erlaubten uns nicht, Umrisse und Formen über eine
Entfernung von einem Kilometer hinaus deutlich zu unterscheiden; weiter
fort verschwindet alles in undurchdringlichem Schneenebel. Und das war
gut, denn das Terrain war nach Süden hin wenig ansprechend. Lauter
immer höher werdende Berge von Sand, kein sandfreier Fleck von auch nur
einem Quadratmeter Größe, keine Vegetation, weder lebende, noch tote.
Im Laufe des Tagemarsches erlitt die Schneedecke gewisse Veränderungen.
Trotz des Schmelzens und der Verdunstung wurde sie um so dicker, je
weiter wir nach Süden gelangten, was seinen Grund darin hat, daß die
Schneemenge mit der Entfernung von den Bergen, denen wir uns jetzt
langsam näherten, abnimmt. Manchmal hatte der Schnee eine harte Kruste,
und man hätte lange Strecken auf den Schneeschuhen zurücklegen können.
Wer hätte geglaubt, daß dies in einer Sandwüste möglich sein würde!
Im allgemeinen wurde unser Marsch durch den Schnee erleichtert, denn
infolge der Regelierung an den Berührungsflächen des Schnees und des
Sandes wurde die Tragkraft des Bodens größer. Namentlich waren alle
Kämme hart wie Eis, und auf die steilen Abhänge brauchte man nur
den Fuß zu setzen, so rutschten schon Schollen von 20 Quadratmeter
Größe hinunter. Jetzt hätte nicht einmal der heftigste Buran den Sand
aufzuwirbeln vermocht, denn der Schnee wirkte wie Öl auf die Wellen.
Am 6. Januar blieb das Sandmeer sich gleich, ja seine Wogen gingen wenn
möglich noch höher. Islam wandert an der Spitze, wird aber müde und
besteigt ein unbeladenes Kamel. Turdu Bai ist unermüdlich, er führt die
Karawane wie eine Lokomotive ihre Güterwagen. Wenn ich gehe, um mich
warm zu halten, darf Kurban auf meinem munteren Pferdchen reiten.
Der Lagerplatz war von allen, die wir bisher gehabt hatten, der
schlechteste, eine Grube im Sandmeere, in der nicht einmal ein vom
Winde verschlagenes Blatt zu entdecken war. Es ist im Bette, wenn man
sich schlafen legt, beinahe -20 Grad kalt, und man muß sich eine Weile
gedulden, ehe die Glieder wieder so elastisch werden, daß man sich der
Situation gewachsen fühlt und alle die Diebslöcher, durch welche die
Nachtkälte eindringt, zustopfen kann. Diese Nacht ließen die Kälte
und der Wind uns kaum schlafen, und am Morgen hatten wir der -24 Grad
starken Kälte nur noch ein paar Scheite entgegenzusetzen. Die Leute
lagen auf einem Haufen, um sich aneinander zu wärmen, und waren von
der Bekanntschaft mit diesem unheimlichen Lande, in das wir uns wie
Holzwürmer in eine Planke hineingebohrt hatten, völlig entmutigt.
Am nächsten Morgen waren wir erst um 10 Uhr hinreichend aufgetaut, um
unseren Weg fortsetzen zu können. Die Luft war außergewöhnlich klar,
und im Süden zeigte sich zum ersten Male die äußerste, Tokkus-dawan
genannte Kette des Kwen-lun. Im Norden war der Himmel rein und blau,
im Süden aber zogen tiefhängende weiße Wolken, die man oft kaum von den
beschneiten Dünen unterscheiden konnte.
[Illustration: 71. Meine Kosaken Tschernoff, Sirkin und Schagdur. (S.
195.)]
[Illustration: 72. Meine burjatischen Kosaken Tscherdon und Schagdur
mit tibetischer Jagdbeute. (S. 198.)]
[Illustration: 73. Basch-tograk. (S. 202.)]
[Illustration: 74. Tamariskendickicht. (S. 203.)]
[Illustration: 75. Der Teich bei Kurbantschik. (S. 204.)]
Von dem Gipfel einer Düne aus machte ich eine erfreuliche Entdeckung.
Als ich den fernen südlichen Horizont mit dem Fernglase musterte, fiel
mir etwas auf, das sich gegen den Schnee wie schwarze Baumstümpfe
abhob und nichts anderes sein konnte als toter Wald. Die Stelle lag
etwas aus unserem Wege, gegen Südost, aber ich ließ die Karawane
nichtsdestoweniger dorthin ziehen, und wir schlugen am Abend unser
Lager unter Massen von abgestorbenen, verdorrten Pappelstämmen auf.
Mit vermehrter Lebenslust und frischem Mute gingen die Leute an die
Arbeit. Sie schaufelten den Schnee fort und ließen die Äxte zwischen
den Tograkbäumen tanzen, so daß wir bald ganze Stöße von Brennholz
hatten. Ein unmittelbar neben dem Lager stehender Stamm war zum Fällen
zu dick; er wurde deshalb, so wie er war, in Brand gesteckt und
beleuchtete wie eine Riesenfackel das weiße Leichentuch der Wüste.
Quer über mein Feuer wurde eine hohle Pappel gelegt, durch welche die
Flammen wie durch ein Rohr leckten. Sie glühte, krachte, wurde von
innen erleuchtet und glänzte wie Rubine, bis die Rinde platzte und
sich wie in Verzweiflung unter der rasenden Gewalt des losgelassenen
Elementes wand. Gewaltige Rauchsäulen stiegen zum Monde empor, der
jetzt seit langer Zeit zum ersten Male wieder aus seinem Wolkenversteck
hervortrat. Meine Leute überlisteten diesen Abend die nächtliche
Kälte; sie schaufelten Gruben in den Sand, füllten sie mit glühenden
Holzkohlen, schütteten sie wieder zu und legten sich dann darauf
nieder. Die Kamele haben seit zwei Tagen kein Futter erhalten, und die
Hunde bekommen nur Brot.
Am 8. Januar sollten wir aus der Macht der Wüste befreit werden. Als
wir aufbrachen, sagte ich den Leuten, daß sie diese Nacht am Ufer
des Tschertschen-darja schlafen würden. Wir nahmen kein Brennholz
mit, da wir vor uns überall dürre Stämme sahen, doch sie wurden immer
vereinzelter, und bei dem letzten, wo der hohe Sand wieder anfing,
beluden wir ein Kamel mit Holz.
Als wir den Gipfelpunkt eines dominierenden Dünenkammes erreicht
hatten, zeigte sich im Südosten das erste Anzeichen des ersehnten
Zieles: eine dunkle Linie am Horizont, die sich scharf gegen die ewige,
weiße Schneedecke abhob. Das mußte der Waldgürtel am Tschertschen-darja
sein!
Nachdem wir noch eine Stunde marschiert, gelangten wir an die ersten
Tamariskenkegel; ihre Grenze war außerordentlich scharf, kein einziger
Strauch überschritt sie, und der Sand, dessen letzte Abhänge langsam
nach dem Vegetationsgürtel abfielen, hörte ebenso plötzlich auf. Nun
zogen wir in ein vollständiges Labyrinth von Tamarisken hinein; sie
standen so dicht, daß zwischen ihnen nur schmale, gewundene Gänge
waren; auf diesen zwängten wir uns in unzähligen Zickzackbiegungen
durch, wobei die Kamellasten so dicht an den trockenen Zweigen
vorbeischrammten, daß diese krachten.
Die Leute wollten gern in einem Haine von uralten Pappeln bleiben, wo
alles, dessen wir bedurften, im Überfluß vorhanden war; ich gab ihnen
jedoch die Versicherung, daß, wenn sie sich noch eine Weile geduldeten,
wir am Flußufer selbst lagern würden. Nach einer Viertelstunde
erreichten wir auch den Weg, der von Tschertschen nach dem Lop führt
und auf dem wir im Schnee frische Spuren von Kühen und Schafen
erblickten. Wir folgten diesem Wege eine Strecke, bis er das Flußufer
berührte, und schlugen hier auf einem kleinen Hügel, von dem wir die
schneebedeckte, 100 Meter breite, in dem Rahmen der dunkeln Uferwälder
kreideweiß erscheinende Eisdecke des Tschertschen-darja überschauen
konnten, das Lager auf. Es war sehr angenehm, am Fuße dieser gewaltigen
Bäume rasten und die schöne Aussicht genießen zu können. Die Berge
zeichneten sich scharf und deutlich ab, und der Schnee glitzerte im
Mondschein. Am allerbesten war es jedoch, daß unsere sechs Kamele und
das Pferd sich jetzt in die Schilffelder vertiefen konnten, nachdem sie
die Probe so rühmlich bestanden hatten. Meine Leute waren verwundert,
daß ich die Entfernung fast bis auf eine „gulatsch“ (Klafter) hatte
berechnen können, und erklärten, daß sie mir jetzt überallhin folgen
würden, ohne sich auch nur einen Moment zu bedenken.
Der Punkt, an dem wir den Fluß erreichten, liegt nach meiner früheren
Karte (Petermanns Mitteilungen Ergänzungsheft Nr. 131) 285 Kilometer
von dem Punkte entfernt, an dem wir den Tarim beim Tana-bagladi
verlassen hatten. Nach dem jetzt aufgenommenen Bestecke betrug die
Entfernung 284,5 Kilometer. Eine größere Genauigkeit kann man bei
solchem Terrain nicht verlangen.
Es war mir also gelungen, die große, breite Tschertschen-Wüste zu
durchqueren, und zwar ohne weitere Verluste als den eines Kameles und
ohne die übrigen, die noch wohlbeleibt waren, zu überanstrengen. Den
höchsten Sand hatten wir im Norden gehabt, den schwersten aber im
Süden, wo sich die Dünen auf keine Weise hatten umgehen lassen. Daß
alles so gut gegangen, hatte seinen Grund in dem unerwarteten Vorkommen
von Mulden, die etwa zwei Drittel des Weges ausmachten, sowie darin,
daß wir mitten in der Wüste Wasser, Brennholz und Kamisch gefunden
hatten. In einer älteren Auflage der Karte des russischen Generalstabs
über die südlich von der sibirischen Grenze liegenden Gebiete hatte ich
einen Weg eingetragen gefunden, der diese Wüste von Tatran nach einem
Punkte im Westen von Karaul kreuzt. Diese Angabe, die wohl begründet
sein mußte, hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, diese
gefährliche, lange Wüstenwanderung zu versuchen, und ich halte es jetzt
nicht für unmöglich, daß ein solcher Weg früher wirklich hat vorhanden
sein können.
Die Kamele verdienten einen ganzen freien Tag in den üppigen
Kamischfeldern; dies traf sich auch insofern gut, als ich eine
astronomische Beobachtung machen mußte, die den ganzen Tag und Abend in
Anspruch nahm. Die Temperatur erhob sich nicht über -14 Grad, und da es
obendrein noch leicht aus Norden wehte, konnte ich mit dem Theodoliten
nicht arbeiten, ohne mir zwischen den Ablesungen die Hände am Feuer
wieder geschmeidig zu machen. Als ich am Abend bei -25,1 Grad den
Sirius observierte, klebten meine Fingerspitzen an dem Instrumente, das
sich glühend heiß anfühlte, fest.
Ördek machte sich auf die Suche und fischte wirklich einen von Kopf
bis zu Fuß in Schaffelle gehüllten Hirten auf. Dieser war über so
unerwartete Gäste in seinem friedlichen Walde ganz verdutzt. Wir
wurden aber bald bekannt und gute Freunde; er verkaufte uns ein Schaf,
das eine angenehme Abwechslung in unseren Küchenzettel brachte, und
erschien abends noch mit einer Kanne Milch für uns. Die ergiebigen
Schneefälle der letzten Tage waren für die 400 Schafe, die er und
seine beiden Kameraden hüteten, verhängnisvoll geworden; mehrere waren
erfroren, und die übrigen hatten nur mit Schwierigkeit an ihre Weide
gelangen können. Die Waldgegend nannte er +Keng-laika+ (das
breite Überschwemmungsgebiet). Der Fluß war schon 20 Tage zugefroren
und würde es noch 2½ Monate bleiben. Der Tschertschen-darja friert
also bedeutend später zu als der Tarim, er hat aber auch ein größeres
Gefälle und liegt südlicher.
Wir hatten nur noch 7 Kilometer bis Tatran; nach dem Bestecke hätte
die Entfernung ungefähr eine Tagereise mehr betragen müssen. Der
Unterschied beruht auf der Mißweisung des Kompasses, die in dieser
Gegend 6 Grad nach links von der Richtung des Weges ausmacht, d. h.
daß man, wenn man nach dem Kompasse z. B. direkt nach Süden zu gehen
glaubt, in Wirklichkeit nach Süden 6 Grad Osten geht.
Der 10. und 11. Januar brachten uns auf dem Wege, den ich von meiner
vorigen Reise her kannte, nach Tschertschen.