Jetzt wurde es im Lager lebendig; das Gepäck wurde wieder geordnet,

aber die Auslese war schon so gründlich getroffen, daß nichts mehr

entbehrt werden konnte. Parpi Bai, Faisullah und Chodai Verdi kehrten

mit den drei Reservekamelen zurück. Es war die Rede davon, daß Kurban

mit ihnen ziehen sollte, aber er war so heiter und vergnügt, daß das

Weihnachtsfest ohne ihn noch einsamer geworden wäre, weshalb er bleiben

durfte. Die Leute schienen ebenso verhext zu sein wie ich, sie wollten

alle mit durch die Wüste.

Die Zurückkehrenden erhielten ein paar Eisstücke, einen Holzklotz

und einige Brotfladen, eine sehr knappe Beköstigung für den heiligen

Abend; sie sollten die Entfernung in zwei Tagereisen zurücklegen und

versuchen, den Seit-köll zu erreichen, welcher von hier aus der nächste

Punkt war, an dem es Wasser gab. Im Sande waren unsere Spuren verweht,

in den Bajiren würden sie jahrelang erhalten bleiben. Gefahr war nicht

vorhanden; wohin sie sich auch nach Norden wendeten, stets würden sie

an den Tarim gelangen. Es war mir eine Beruhigung, sie in Sicherheit

zurückkehren zu wissen, und auch für uns war ein großer Vorteil dabei;

der Wasservorrat würde nun länger reichen, da sechs Personen weniger

davon zehrten. Bald entschwanden sie unseren Blicken wie schwarze

Punkte auf dem Gipfel der nächsten Sandenge.

Unsere sieben übrigen Kamele wurden nun mit schweren Lasten beladen,

die jedoch mit jedem Tage leichter werden sollten. Bis der Proviant

sich nicht bedeutend verringert hatte, durfte keiner reiten.

Rasch durchschritten wir den Rest der dreizehnten Bajir. Ihr Boden ist

leicht gekörnt, knisternd, hart und trocken, hier und dort mit einer

dünnen, reifähnlichen Salzschicht bedeckt. Doch gräbt man nur ein paar

Dezimeter tief, so stößt man auf ein ziemlich mächtiges Lager von

gediegenem Salze, das deutlich das Bett eines verschwundenen Salzsees

anzeigt. Die Tafeln und die Terrassen, die selten mehr als 2 Meter Höhe

erreichen, sind mit einer völlig horizontalen Schicht von gelbrotem,

beinahe steinhartem Tone von ein paar Dezimetern Dicke bedeckt.

Die fünfzehnte Bajir war im Südwesten von gewaltigem Sand

abgeschlossen. Wir arbeiteten uns hinauf; es war eine harte Anstrengung

für die Kamele, diese zahllose Folge von Abhängen hinauf und hinunter

zu überwinden.

Ich ging zu Fuß voraus, aber von einer Bajir war nichts zu sehen; ich

hoffte eine wirklich große, ebene Fläche als Weihnachtsgeschenk zu

erhalten, aber immer höher ging es hinauf in immer tiefer werdendem

Sande, und schließlich erkannte ich, daß ich auf die Protuberanz

zwischen zwei Depressionen geraten war.

Unvergeßlich ist mir das Gefühl des Ärgers, das mich überkam, als ich

von der 60 Meter hohen, abschüssigen Düne unsere sechzehnte Bajir

erblickte, die wie ein kohlschwarzer Topf unter mir gähnte; ihr Boden

war bis an die Oberfläche durch und durch naß, um ihren Rand herum lief

ein Ring von weißem Salze und ringsumher erhoben sich hohe Dünen; es

war ein Höllenpfuhl, ein Loch, das ganz gut ins Reich der Toten hätte

hinabführen können.

Doch nachdem mich die Karawane eingeholt, rutschten wir an dem

Sandabhange nach dieser unheimlichen Mulde hinunter (Abb. 60) und

folgten, wo der Boden trug, ihrem Rande. Nach einem Marsche von 15½

Kilometer hatten wir genug und lagerten an der südlichen Dünenschwelle

der Bajir.

Wie düster der Tagemarsch auch gewesen sein mag, sobald ich Halt

geboten habe, wird die Stimmung immer gleich fröhlicher. Islam macht

sofort mein Bett am Feuer zurecht, Kurban sorgt für mein Reitpferd,

Turdu Bai und Ördek laden die Kamele ab, deren Lasten so gelegt werden,

daß sie sich am folgenden Morgen bequem wieder aufladen lassen. Darauf

werden die Kamele in unserer unmittelbaren Nähe angebunden, die beiden

Holzklötze in kleine Scheite zerspalten, Feuer angemacht und die

Eisstücke zum Schmelzen in den Eisentopf und in einen eisernen Eimer

gelegt, dann bereitet Ördek den Reispudding. Das Wasser, in welchem der

Reis gewaschen wird, erhalten das Pferd und die Hunde; kein Tropfen

darf umkommen. Nachdem das letzte Holzscheit des Abends verbrannt ist,

bleibt nichts weiter übrig, als in die Koje zu kriechen. Wenn die

Kamele nicht gar zu durstig werden, haben wir noch Wasser für 15 Tage

und Holz für 11 Tage.

Nie habe ich den heiligen Abend in einer düsterern, einsamerern

Umgebung zugebracht. Nichts weiter als die Kälte erinnerte an dieses

frohe Fest, an dem sich alle Erinnerungen aufrollen und an dem

Blicke, der sich in der ersterbenden Glut des Lagerfeuers verliert,

vorüberziehen. Das fröhlichste, glücklichste aller Feste verbrachte ich

in einem Höllenloche, wo nur der Tod oder der Mangel jeglichen Lebens

einen seiner größten Triumphe feierte. Wie Fledermäuse im Winter saßen

wir zusammengekauert um das spärliche Feuer, über dessen Kohlen nur

noch die letzten blauen Flammen züngelten; wir hüllten uns dichter

in die Pelze, um den eisigen Pfeilen der Mittwinternacht die Spitze

abzubrechen, doch der Weihnachtsengel ging an uns vorüber, obwohl ihm

alle Türen weit geöffnet waren. Es war ein Weihnachtsfest der Wüste,

und selbst am Pol kann es nicht einsamer verlaufen.

Während des ersten Festtages war das Terrain so günstig, daß wir 18,2

Kilometer zurücklegen konnten. Hinter der Sandenge des Weihnachtslagers

kamen drei kleine Mulden, aber die Bajir Nr. 20 lag groß wie ein Tal

vor uns. Ihre Längsrichtung ging gerade nach Süden, und ihre östliche

Sandmauer stieg bis gegen 100 Meter hoch direkt vom „Ufer“ auf. Wenn

nur Ostwinde in der Gegend herrschten, würde man diese Regelmäßigkeit

verstehen, doch im Winter waren südliche und nördliche Winde häufiger,

und man sollte denken, daß diese die Mulden mit der Zeit ausfüllen

mußten. In der westlichen Takla-makan hatten wir nur in dem dem

Chotan-darja am nächsten liegenden Teile Flecke mit freiem Boden

gefunden, also in einer Gegend, wo östlicher Wind vorherrscht.

Als wir die ganze Bajirreihe hinter uns hatten, gerieten wir wieder

in gewaltigen Sand hinein, auf dem es beständig bergauf ging. Auf

beiden Seiten unseres Kurses sahen wir Mulden; da sie uns aber nichts

nützen konnten, zogen wir auf dem höchsten Kamme der Protuberanz

weiter. Wenn man auf dem Kamme selbst bleibt, wo der Sand eine feste,

zusammengepackte Masse bildet, wird der Marsch leichter, doch lag der

Sand an mehreren Stellen so ungünstig, daß für die schwerbeladenen

Kamele mit dem Spaten ein Pfad gegraben werden mußte. Obgleich wir uns

alle durch Gehen warm zu halten suchten, erstarrten wir beinahe vor

Kälte in dem heftigen Südwestwinde, der keinen Augenblick nachließ.

Straußenfedern vergleichbar wirbelte der Sand von den Dünenkämmen,

und alles verschwand in graugelbem Nebel. Man sieht, wie die scharfen

Kammlinien unter der Einwirkung des Windes ihre Lage verändern. Der

Sand durchdringt alles; er juckt auf der Haut des ganzen Körpers, er

knirscht zwischen den Zähnen, und noch heute fallen Sandkörner aus

meinem Tagebuche, wenn ich darin blättere.

Am 26. Dezember überschritten wir nicht weniger als acht Bajire, aber

sie waren alle klein und von keinem Nutzen für uns, da wir erst nach

ihnen hinunter und dann auf der anderen Seite gleich wieder hinauf

mußten. Es tat mir leid zu sehen, wie dies die Kamele anstrengte, aber

ich hoffte, daß ihre Kräfte ausreichen würden, und ihr Lohn sollte

groß sein, wenn wir erst die üppigen Weiden des Tschertschen-darja

erreichten. Wir wanderten also meistens zu Fuß im Sande, und nur auf

ebenem Bajirboden benutzte ich die Gelegenheit, ein paar Kilometer zu

reiten.

Die Sandengen werden auf Kosten des ebenen Bodens immer höher und

breiter; für uns ist es ein Glück, daß ihr steiler Abhang immer nach

Süden und ihr allmählich ansteigender nach Norden liegt. Bei jeder

neuen Bajir gelangen wir an den Rand einer solchen jähen Sandklippe.

Ohne sich zu besinnen, lassen sich die Kamele beinahe Hals über Kopf

den Abhang hinabgleiten. Der Sand fängt dann an nachzugeben und

gleitet wie in einem Wasserfall hinab, in dem sie mit steifen Beinen

hinunterrutschen. Sie sind schon daran gewöhnt, balancieren sicher und

fürchten sich nicht mehr vor den hohen Dünenkämmen.

Islam, mein alter erfahrener Wüstenlotse, geht gewöhnlich voraus und

sucht die Kurve, die unser Weg bildet, soviel wie möglich auf derselben

Ebene zu halten. Auf jedem neuen Kamme, nach welchem wir uns mühsam

hinaufgearbeitet haben, machen wir Halt und schauen uns um, stets

hoffend, in der Richtung des Weges eine neue Bajir zu finden, sehen

uns aber meistens in der Hoffnung getäuscht und folgen dann den besten

Dünenkämmen.

Im Lager Nr. 7 konnte ich meinen Dienern zu ihrer Beruhigung mitteilen,

daß wir schon 2 Kilometer über die Hälfte des Weges nach dem alten

Bette des Tschertschen-darja hinaus waren, von dessen Vorhandensein der

russische Reisende Roborowskij vor einigen Jahren hatte erzählen hören

und das nach seiner Karte etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen

Flußbette liegen mußte. Noch besaßen wir 2½ Kamellasten Eis, was

ausreichen mußte; dafür aber war zu befürchten, daß uns das Brennholz

ausgehen und uns damit die Möglichkeit genommen werden könnte, das Eis

zu schmelzen.

Am 27. Dezember brachen wir früh auf; die Leute fühlten sich in dieser

endlosen Wüste entmutigt und hielten es für das beste, den Marsch zu

beschleunigen, um in gastfreundlichere Gegenden zu gelangen, ehe unsere

Vorräte gar zu sehr zusammenschmolzen. In der Nacht sank die Temperatur

unter -20 Grad, und als wir aufbrachen, war es noch -18 Grad kalt. Doch

der Sonnenaufgang war schön und der Himmel klar. Das Tagesgestirn war

aber noch nicht viele Grade über den Horizont emporgestiegen, als auch

schon die gewöhnlichen Wolkenbänke heraufzogen, um die Nachtkälte, die

die Sonne noch nicht hatte vertreiben können, auf der Erdoberfläche

festzuhalten.

Nachdem ich meinen Morgentee eingenommen, brach ich, gut eingehüllt,

als Vorhut auf. Es wehte nicht, und mir wurde bald so warm, daß ich

den Ulster fallen ließ, damit die Karawane, die meinen Spuren folgte,

ihn mitnehme. Über zahllose Kämme hinweg erreichte ich endlich die

Höhe der Schwelle, wo ich überlegend stehenblieb und das Terrain mit

dem Fernglase untersuchte. Hinten in der Richtung des Kurses erschien

eine Bajir, deren Boden ein außergewöhnliches Aussehen hatte und ganz

schwarzpunktiert war. Voller Neugierde, was dies sein möchte, eilte

ich von den Dünen hinab, und meine Verwunderung wurde noch größer, als

ich vom Winde verwehte Kamischblätter und die Spuren eines kleinen

Nagetieres fand, das nicht größer sein konnte als eine Ratte. Als ich

näherkam, sah ich zu meiner Freude, daß in dieser Bajir Kamisch wuchs,

wenn auch dünn und in welken, verdorrten Stauden. Doch es gab dort auch

lebendes, gelbes Schilf; es hatte sich nur gegen die ebenso gelben

meterhohen Dünen, welche die Bodensenkung in der Diagonale kreuzten,

von fern nicht abgehoben.

Mich an dem Anblicke von Leben freuend, erwartete ich die Karawane.

Die Männer waren froh, als sähen sie vor sich ein Paradies winken, und

die Kamele blähten, die Weide witternd, ihre Nasenlöcher auf. Jetzt

hielten wir Rat; Turdu Bai schlug vor, hierzubleiben, damit sich die

Tiere ordentlich satt fressen könnten. Da wir jedoch vermuteten, daß

die nächste Bajir noch besser sein würde, mußte Islam vorausgehen, um

zu rekognoszieren, indes wir langsam seiner Spur folgten und die Kamele

im Gehen fressen ließen. Der Kundschafter gab uns ein Zeichen ihm

nachzukommen, und wir lagerten mitten in der Bajir Nr. 31, obwohl sie

nicht besser war als die vorige.

Es war eine in hohem Grade unerwartete, staunenswerte Entdeckung,

mitten in der Wüste, 120 bis 140 Kilometer vom nächsten Wasser

entfernt, Vegetation zu finden. Daß dies nicht die äußerste

„Strandinsel“ des Tarim sein konnte, lag auf der Hand, denn

stark salzhaltiger Untergrund und wüstester Sand trennten uns

von diesem Flusse. Ebensowenig konnte es einer der Vorposten des

Tschertschen-darja sein, denn bis an diesen Fluß hatten wir noch 150

Kilometer. Vielleicht befanden wir uns in einer Gegend, welche einst

der Fluß Kara-muran durchzogen hatte. Wie dem auch sei, alle lebten

wieder auf, und wir sahen die nächste Zukunft in den hellsten Farben.

Die Kamele erhielten jedes seinen Eimer mit 30 Liter Wasser, das sie

austranken wie unsereiner eine Tasse Tee. Es war ein tiefer Griff in

unseren Eisvorrat. Die Blöcke wurden im Eisentopfe über Kamischfeuer

geschmolzen, und die Lasten wurden dadurch leichter. Bei Tagesanbruch

durften die Kamele auf die Weide gehen. Auch wir zogen aus dem dürren

Schilfe Nutzen. Solange es noch Tag war, sammelten wir ganze Haufen

davon und brauchten abends die vorgeschriebenen drei Holzklötze nicht

in Anspruch zu nehmen.

Der Sonnenuntergang war an diesem Abend von einer ungewöhnlichen

Farbenpracht. Die schweren Wolken, die den Himmel den ganzen Tag

erfüllt hatten, verzogen sich; sie waren oben grauviolett mit einem

goldglänzenden Rande, aber ihre Unterseite war ebenso schmutziggelb wie

die Dünen, und man glaubte, das Spiegelbild der Wüste am Himmelsgewölbe

widerscheinen zu sehen.

Fünfzehntes Kapitel.

Das endlose Wüstenmeer.

Das unfreundliche Wetter hielt noch immer an. Nach einer -21 Grad

kalten Nacht erwachten wir am 28. Dezember wieder bei östlichem Winde,

dicker Luft und bleischweren Wolken, an denen nicht einmal eine

schwache hellere Färbung verriet, wie hoch die Sonne schon gestiegen

war. Wir waren in das Land der ewigen Dämmerung hineingeraten. Auch am

Kerija-darja hatte ich im Winter 1896 solches Nebelwetter gehabt; es

muß wohl ein charakteristisches Zeichen des Winters der inneren Wüste

sein. Man täuscht sich leicht in den Entfernungen und hält eine Bajir,

in die man hinuntergekommen ist, für lang, weil ihr anderes Ende in

weiter Ferne verschwindet; doch man ist noch nicht weit gelangt, so

steigen schon die sie begrenzenden Dünenwände wie Gespenster aus dem

Boden auf. Die Sandprotuberanzen vor uns gleichen im Staubnebel fernen

Bergketten, und doch sind sie uns ganz nahe. Man täuscht sich beständig

und weiß nicht, wohin man am besten seine Schritte lenkt, und auf dem

Sattel wird man so vom Winde durchkältet, daß man vorzieht, zu Fuß zu

gehen und das Pferd zu führen.

In der Anordnung des Sandes herrscht beständig dieselbe Regelmäßigkeit

(Abb. 61). Gibt es auch sonst nichts in dieser Wüste, so treffen wir

doch hier eine Kraft, die mit souveräner Allmacht aus diesem flüchtigen

Material ein phantastisches Gebilde -- ein Mittelding zwischen Gebirge

und Meer -- gestaltet. Jede einzelne Düne gibt die Form der großen

Protuberanzen wieder, und die Form der Düne wiederholt sich in den

unzähligen kleinen Wellen, die ihren Rücken kräuseln. Der tiefste Teil

des Wellentales ist stets der, welcher der Basis der steilen Leeseite

zunächst liegt, welches Gesetz auch für die Bajirmulden, die größte

Wellentälerform der Wüste, gilt. Der Sand, der von granitharten Bergen

stammt, muß treu denselben Gesetzen gehorchen wie das wenig beständige

Wasser. Er wälzt sich in Wogen dahin, die denen des aufgeregten Ozeans

gleichen; auch die seinen rollen unwiderstehlich vorwärts, nur ist die

Bewegung unendlich viel langsamer.

In der Bajir Nr. 33 konnte ich ein gutes Stück vorausreiten. Mich

lockte ein schwarzer Gegenstand, der sich höher erhob als das

tote, vertrocknete Kamisch. Dieses ist selten mehr als ein paar

Dezimeter hoch und sieht aus, als wäre es abgeweidet worden, obwohl

es nur verkümmert und abstirbt, sobald seine Wurzeln nicht mehr zum

Grundwasser hinabreichen. Der schwarze Gegenstand stellte sich als die

erste Tamariske heraus. Noch lebte sie ein schwaches Leben, aber rund

umher lagen längst abgestorbene, vertrocknete Zweige, ein willkommener

Zuschuß zu unserem Holzvorrat.

Noch eine Stunde konnte ich reiten, ohne diese angenehme Bajir endigen

zu sehen. Auch das Kamisch nahm kein Ende. Es lebt, ja besitzt sogar,

besonders in der Nähe von Flugsand, vom Sommer her einen Anflug von

Grün, ist aber auf ebenem Staubboden abgestorben. Es scheint beinahe,

als sei der Sand für sein Gedeihen erforderlich oder trage dazu bei,

es am Leben zu erhalten. Weitere Tamarisken sind nicht zu sehen; ich

machte daher an einem Punkte Halt, wo das Schilf etwas dichter stand

und gegen den Wind schützte; hier band ich das Pferd an und zündete ein

kleines Feuer an.

Erst in der Dämmerung kam die Karawane herangezogen. Eines der Kamele,

ein prächtiges Männchen, das beste von den fünfzehn Kaschgarern, war

seit vier Tagen kränklich und ging daher langsamer als gewöhnlich.

Einen Kilometer vom Lager hatten sie es, von der Last befreit,

zurückgelassen, und Kurban war bei ihm geblieben. Doch, als es dunkel

geworden, kam Kurban uns nach, weil es ihm allein bei dem kranken Tiere

zu unheimlich geworden war. Nach dem Abendessen mußten Islam und Turdu

Bai mit einer Laterne und einem Beutel voll Häcksel, der eigentlich

für das Pferd bestimmt war, nach jenem Platze zurückkehren. Sie fanden

jedoch das Kamel tot; es lag mit offenem Maule und halbgeschlossenen

Augen da und war noch warm. Es war rührend, Turdu Bai Tränen vergießen

zu sehen; er liebte die Kamele wie ein Vater und er war von allen

Männern derjenige, der sich am wenigsten am Feuer sehen ließ, da er

sich stets bei den Kamelen zu schaffen machte. Das Tier, welches

zuerst auf dieser Reise verendete, erlag weder der Überanstrengung

noch dem Mangel wie seine vielen Nachfolger. Die Muselmänner sagten:

„Choda kasseli värdi“ (Gott hat ihm eine Krankheit gegeben), und

wahrscheinlich würde es ebenso sicher auf den Steppen des Tarim

gestorben sein wie hier in der Wüste. Die übrigen sechs Kamele befanden

sich vorzüglich. Und doch war es der neunte Tag. In der Takla-makan

waren gerade am neunten Tage zwei Männer, vier Kamele und das ganze

Gepäck liegen geblieben, damals aber waren wir vor Hitze und Durst

verschmachtet, jetzt erstarrten wir fast vor Kälte und hatten Wasser

in genügender Menge.

[Illustration: 65. Eine alte Tograk am Tschertschen-darja. (S. 182.)]

[Illustration: 66. Auf dem Eise des Tschertschen-darja. (S. 184.)]

[Illustration: 67. Am Ufer des Tschertschen-darja. (S. 184.)]

[Illustration: 68. Sattma in Araltschi. (S. 187.)]

[Illustration: 69. Tränken der Pferde an einer Wake. (S. 189.)]

[Illustration: 70. Schilfhütten in Scheitlar. (S. 193.)]

Wir hatten jetzt den Abschnitt der Wüstendurchquerung erreicht, in

welchem man die großen Schwierigkeiten hinter sich hat und jedes neue

Anzeichen von Leben und Wasser mit Spannung und Interesse wahrnimmt.

Derartige Zeichen blieben auch heute nicht aus. Wir hatten schon das

erste Kamisch und die erste Tamariske passiert. Ich ritt jetzt als

Vorhut über die große, lange Bajir Nr. 33, die sich noch immer wie ein

ausgetrocknetes Flußbett vor mir hinzog.

Den Boden kreuzten in allen Richtungen Spuren von Hasen, welche Tiere

des Wassers gar nicht zu bedürfen scheinen; auch Fuchsfährten waren zu

sehen. Dann traten einige Steppenpflanzen, Grasflecke und „Tschigge“,

eine am Lop-nor vielfach vorkommende Binsenart, auf. Schließlich

zeigten sich wieder Tamarisken, teils frische, geschmeidige, teils

abgestorbene, die auf den charakteristischen Kegeln thronen, die ihre

längst verdorrten Wurzeln umschließen.

Das Terrain war eben und vorzüglich; wer hätte ahnen können, daß man

ein solches im Herzen dieser Sandwüste finden würde! Es wehte jedoch

aus Osten so kalt, daß ich bisweilen zu Fuß gehen mußte, um nicht Hände

und Füße zu erfrieren.

Diese schöne Bajir endete jedoch in einer Sackgasse, und ein ziemlich

hoher Sandpaß war ihr im Süden vorgelagert. Da das Terrain aussah, als

könne hier das Grundwasser erreicht werden, beschloß ich, hierzubleiben

und zu versuchen, einen Brunnen zu graben.

Islam und Ördek machten sich sogleich ans Brunnengraben, während Turdu

Bai die Kamele versorgte und Kurban Holz sammelte. In einer Tiefe von

1,38 Meter stand Wasser. Es war fast ganz süß und hatte +8,2 Grad

Temperatur, es quoll aber so langsam aus dem Boden des Brunnens, daß

man bei der Verteilung Geduld haben mußte. Abends durften zwei Kamele

nach Herzenslust trinken, jedes nämlich sechs Eimer.

Jetzt hatten wir alles, was wir brauchten: Wasser, Brennholz und Weide;

es war eine wirkliche Oase in der Tiefe der Wüste. Zwei große Feuer

loderten den ganzen Abend in dem intensiven Winde und erhellten mit

ihrem rötlichen Scheine die Dünenkämme, von denen Flugsand auf uns

herabregnete. Als die Männer meiner Spur folgten, hatten auch sie ein

neues, erfreuliches Anzeichen besserer Gegenden erblickt: einen großen,

schwarzen Wolf, der über die Dünen im Westen fortgelaufen war.

Dieser Ruhetag war für Menschen und Tiere außerordentlich schön und

notwendig. Wir waren meistens zu Fuß gegangen, die Kamele hatten

schwere Lasten schleppen müssen, und die Kälte greift den Körper an,

wenn man nicht hinreichend Brennholz hat, um sich zu erwärmen.

Wir machten das Lager so gemütlich, wie es die Umstände erlaubten.

Der weiße Filzteppich, auf welchem mein Bett ausgebreitet zu werden

pflegte, wurde in ein improvisiertes, mit ein paar Tamariskenzweigen

gestütztes Zelt verwandelt, das uns Schutz gegen den Sturm gewährte,

der den ganzen Tag tobte. Auf der vor dem Winde geschützten Seite hatte

ich ein gewaltiges Feuer. Die Leute kampierten auf dieselbe Weise.

Während ich den Tag lesend auf meinem sandbedeckten Bette verbrachte,

tränkten sie die Kamele, was geraume Zeit in Anspruch nahm.

Das während der Nacht hervorgesickerte Wasser war am Morgen gefroren,

und die ausgegrabene Erde war steinhart. Aus den Stangen eines

Packsattels wurde eine Leiter gemacht, die bis auf den Boden der

Grube reichte, wo Ördek die Eimer mit einer Schale allmählich füllte.

Die Kamele tranken nicht weniger als je neun Eimer, zwei von ihnen

sogar elf, und man sah sie förmlich anschwellen, während sie sich die

Flüssigkeit einverleibten. Ihre Stimmung veränderte sich sichtlich.

Sie wurden munter, spielten miteinander, liefen umher und grasten dann

tüchtig in dem spärlichen Schilfe.

Der letzte Tag des neunzehnten Jahrhunderts sah am Morgen, als es

noch dunkel war, recht vielversprechend aus; ich sah die Sterne auf

das Biwak herabfunkeln, wo die Tamarisken sich auf ihren Kegeln

gespensterhaft erhoben. Als wir uns aber zum Aufbruch rüsteten, war das

Wetter wieder ebenso unfreundlich wie gewöhnlich. Klare, ruhige Nächte

und wolkenschwere, windige Tage charakterisieren den Winter und halten

die Kälte an der Erdoberfläche fest.

Heute bedeckte sich die Karawane mit Ruhm; sie legte 24,3 Kilometer

zurück, die längste Tagereise auf dem ganzen Wüstenzuge.

In den Bajiren Nr. 34, 35 und 36 kam andauernd Vegetation vor, aber die

Tamarisken standen dort zerstreuter. Von dem Grenzpasse der letzten

Mulde scheint sich eine Bajir nach Südosten zu erstrecken; sie lag aber

nicht auf unserem Wege und wurde links liegen gelassen. Ich merkte

allerdings, daß es eine Enttäuschung für die Leute war, sie nicht

benutzen zu dürfen, sondern nach Südsüdwest abbiegen und einen hohen

Paß erklettern zu müssen, doch ihre Überraschung war ebenso groß wie

die meine, als wir von der Höhe herab die Bajir Nr. 37 erblickten, die

groß, breit und offen wie ein Feld war und nicht mehr den Eindruck

einer geschlossenen Arena machte. Der sie im Süden begrenzende Paß

sah aus wie eine sehr niedrige Schwelle, und hinter ihm erhob sich

kein Sand mehr, was ich der bedeutenden Entfernung und der unklaren

Luft zuschrieb. Als wir diese Schwelle endlich überschritten hatten,

zeigte sich vor uns die Depression Nr. 38 ebenso groß und offen. Es

war herrlich; eine unsichtbare Hand schien eine Riesenfurche durch den

Wüstensand gepflügt zu haben, um der Karawane den Weg zu bahnen.

Wir lagerten vorn in der Mulde, wo wir reichlich Brennholz fanden.

Islam wollte uns von der letzten Kamellast Holz befreien, aber Turdu

Bai, der ein vorsichtiger General war, schlug vor, sie noch eine

Tagereise weit mitzunehmen, eine kluge, verständige Rede.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 17 / 42 段