Doch als der Abend kalt wurde, lud ich meinen Gast in das Zelt ein, und

nun wurde im Ofen so eingeheizt, daß es in dem eisernen Rohre krachte.

Ein „lukullisches“ Mahl wurde aufgetragen und alles, was das Haus

vermochte, hergegeben, alle Speicher und Vorratskammern gebrandschatzt.

Die Hauptgerichte waren schwedische Kaisersuppe, tatarischer

Schißlick und turkestanischer Reispudding, dann folgte eine ganze

Reihe Konserven, die wir mit dem Inhalte der einzigen, meinen ganzen

Weinkeller bildenden Flasche, die Oberst Saizeff in einem unbewachten

Augenblick in eine meiner Kisten eingeschmuggelt hatte, anfeuchteten;

nach dem Essen gab es Tee und Zigarren. Es war der vergnügteste Abend,

den ich im innersten Asien verlebt habe; erst nach Mitternacht endete

das Gelage, das auch durch Tafelmusik verschönt wurde; Bonin machte es

sich im Zelte bequem, und ich übernachtete im kalten „Salon“.

Am Morgen des 18. fuhr Bonins weitgereister chinesischer Karren

vor; die Abschiedsstunde schlug, und wir trennten uns: er, um in

sein Vaterland zurückzukehren, ich, um in der Tiefe der Wüste zu

verschwinden. Er hatte sein gut ausgeführtes Tagewerk hinter sich, vor

meinem Blicke wogte in undurchdringlichem Nebel eine ganze Welt von

Rätseln. Als alles fertig war, wurden Bonin und seine Diener unter

der großen chinesischen Laterne, die an einem Pfahle in der Mitte des

Marktes hing, photographiert (Abb. 57). Er trug einen langen, roten

Mantel und ein ebenfalls rotes Baschlik und glich einem lamaistischen

Pilger. Ein kräftiger Handschlag, und ~au revoir~! Er verschwand

in seinem Karren, der zwischen den Gebüschen fortrollte. So war ich

denn wieder allein, aber ich bewahrte unser Zusammentreffen als eine

der angenehmsten Episoden der ganzen Reise in meinem Gedächtnis.

Ein Hauch aus Europa war mit der Morgenröte über den Lop-nor zu

mir gedrungen und mit der untergehenden Sonne wieder im Westen

verschwunden. --

Der stolze Tarim machte jetzt seine letzten Anstrengungen, um vor dem

langen Winterschlafe noch ein bißchen zu leben. Gleich oberhalb des

Lagers war der Fluß jedoch schon so fest zugefroren, daß man auf dem

Eise hinüberreiten konnte, und infolge der großen Wassermassen, die auf

diese Weise in dem Bette gebunden worden waren, fiel der Wasserstand

am Lager immerfort. Wenn dieses kompakte Wintereis an der Lenzsonne

schmilzt, entsteht eine erste Frühlingsflut, die „Mus-suji“ (Eiswasser)

genannt wird; diese reichliche Flut war es, die der Fähre im nächsten

Jahre weiter nach Südosten verhelfen sollte.

Der 19. Dezember war für längere Zeit unser letzter Tag in

Turasallgan-ui und verging unter Vorbereitungen zur Wüstenreise. Nach

den Rekognoszierungen hatten wir den Tana-bagladi zum Ausgangspunkte

bestimmt; doch lange hatten wir hin und her überlegt, ehe wir soweit

gelangt waren. Die Eingeborenen, denen das Ganze als ein unheimliches,

wahnsinniges Unternehmen erschien und die augenscheinlich nicht

wünschten, daß Selbstmörder gerade von ihren friedlichen Hütten aus

aufbrächen, rieten mir, die Wüste zu umgehen und die Durchquerung von

Tschertschen aus nach dem Jangi-köll hin zu beginnen, und auch meine

eigenen Leute fanden, daß dies ein kluger Vorschlag sei -- sie könnten

uns dann mit einer kleinen Entsatzexpedition entgegenkommen und von

einem bestimmten Tage an, wenn unsere Ankunft bevorstehe, allabendlich

auf einer himmelhohen Düne einen Holzstoß anzünden, der unsere Schritte

in die rechte Richtung lenken würde. Der Gedanke an diese Fackel der

Winternacht, die auf der äußersten Klippe des Wüstenmeeres brennen und

wie ein Leuchtturm ihren blendenden Schein über die Dünenkämme werfen

sollte, war malerisch, phantastisch und recht verlockend. Wie festlich

könnte dann unser Einzug in die warmen Hütten von Jangi-köll sein, wenn

wir erschöpft, auf dem Schiffe der Wüste schaukelnd gerade auf das

freundlich lockende gelbe Licht zusteuerten, dessen Schein uns das Ende

unserer Mühsal verkündete! Doch ich ließ mich dadurch nicht verlocken;

es war besser, mit ausgeruhten Tieren und von einem festen, sicheren

Punkte aus aufzubrechen, und dabei blieb es.

Mein alter erfahrener Diener aus den Takla-makan-Tagen, Islam Bai,

wurde auch jetzt Karawan-baschi; die übrigen Teilnehmer waren Turdu

Bai, Ördek und Kurban. Wir hatten nur sieben Kamele und ein Pferd, und

von den Hunden durften nur Jolldasch und Dowlet ~II~ mitkommen, da

ich die empfindlichen Windhunde der Mittwinterkälte unter freiem Himmel

nicht aussetzen wollte.

Eine aus Parpi Bai, Faisullah und einem Loplik namens Chodai Verdi

nebst drei Kamelen bestehende Hilfskarawane sollte uns die vier ersten

Tage begleiten und dann nach Hause zurückkehren.

Die Kisten, die in der Hütte gestanden hatten, wurden für den Winter

an Bord der Fähre gebracht, um gegen Feuersgefahr geschützt zu

sein, und auf dem Dache der Dunkelkammer hatte das meteorologische

Häuschen seinen ständigen Platz; dort arbeiteten der Thermograph

und der Barograph ununterbrochen den ganzen Winter hindurch. Sirkin

hatte es lernen müssen, mit ihnen umzugehen, und hatte seit dem 7.

Dezember gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst

erhalten. Er wurde Oberhaupt und Leiter des Winterlagers; sein

meteorologisches Journal führte er so genau, daß die Daten desselben

als Stütze meiner eigenen, auf der Reise gleichzeitig ausgeführten

Beobachtungen von großem Werte waren. Die Kosaken, die ich blutenden

Herzens als Bedeckung des Lagers zurücklassen mußte, logierten in

ihrem Zelte, in das sie den Ofen setzten, erhielten zwei Jamben zur

Bestreitung der Haushaltkosten und hatten Überfluß an Proviant. Sie

übernahmen auch die Verantwortung für den Wachtdienst und die Pflege

unserer zurückbleibenden Tiere, deren Zahl sich um drei junge Maulesel

vergrößert hatte, die wir für den außergewöhnlich billigen Preis von 70

Sär bekommen hatten und die 3½ Jahre aushielten.

Die Ausrüstung wurde mit größter Sorgfalt gewählt; es galt, mit

leichtem Gepäck in den hohen Sand hineinzugehen, nichts Überflüssiges

durfte mitgenommen werden. Wir hatten Reis und Mehl für zehn Tage,

fertiggebackenes Brot für vierzehn Tage und für ebensolange „Talkan“,

geröstetes Weizenmehl, das so wie es ist verzehrt wird. Ich nahm einige

Konservenbüchsen, Tee, Zucker und Kaffee mit, die Männer einen Block

chinesischen Ziegeltee. Der Proviant sollte also nur bis Tschertschen

reichen, wo wir unsere Vorräte leicht erneuern konnten.

In der einzigen Kiste, die ich mitnahm, lagen das Universalinstrument

mit Stativ, meteorologische Instrumente, Nivellierspiegel, Kodak,

Marschroutenbücher, Bandmaße, Proberöhren, Karten über Ostturkestan,

eine Menge Kleinigkeiten und Kleider. Die Chronometer trug ich stets

bei mir.

Am 20. Dezember morgens um 7 Uhr weckte mich Islam mit der Frage,

ob wir reisen wollten, da es heftig aus Südwest stürme. Es war dies

deutlich zu merken, denn das Zelt blähte sich wie ein Gummiball und der

Rauch drang aus dem Ofenrohre in meine Behausung; aber der Aufbruch

war auf diesen Tag festgesetzt, und es ist nicht klug gehandelt, eine

einmal beschlossene Sache auf die lange Bank zu schieben. Ich aß also

ein letztes Frühstück in meinem warmen Zelte, dann wurde das Gepäck

nach dem rechten Ufer gebracht, wo sich die Beke und die Bevölkerung

der Gegend versammelt hatten, um uns zu einem Abenteuer aufbrechen zu

sehen, von dem wir, wie sie fest glaubten, nie wieder zurückkehren

würden!

Das Beladen der Kamele begann. Meine Instrumentkiste, mein Bettsack

und die Kiste mit dem Küchengeschirr bildeten eine Kamellast, der

Hauptproviant und die Kleider der Leute eine zweite; das dritte Kamel

war mit massiven Holzklötzen beladen, das vierte mit Mais für die Tiere

und die drei übrigen mit Eis, das in kompakten Klumpen in Tulumen

(Schläuchen von Ziegenfell) verwahrt wurde. Die drei Reservekamele

hatten tüchtige Lasten, die aus lauter Holz und Eis bestanden. Alle

Reisenden waren mit guten Winterkleidern und warmen Pelzen ausgerüstet.

Vierzehntes Kapitel.

Ins Herz der Wüste Takla-makan.

Mit dem Flusse zur Rechten und dem gewaltigen Sande zur Linken zogen

wir gerade nach Westen. Der Tarim war auf dem ganzen Wege stromaufwärts

fest zugefroren; wir verließen ihn aber bald und bogen in den Sand

ein, dem Südostufer des Tana-bagladi-Sees folgend. Eine 20 Zentimeter

dicke Eisscheibe bedeckte ihn; offenes Wasser war nirgends zu sehen.

An unserem Ufer war die Tiefe so bedeutend, daß wir trotz des klaren

Wassers nicht bis auf den Grund sehen konnten. Als wir die äußerste

Seebucht im Süden erreichten, wurde eine kurze Rast gemacht; vier

kleine Waken wurden in das Eis gehauen, und die Kamele durften noch

einmal, das letzte Mal für längere Zeit, so viel trinken, wie sie

konnten. Sie schienen zu wissen, daß sie Durst leiden würden, denn

sie tranken lange und mit langem, saugendem Schlürfen. Nach jeder

Wiederholung schnaubten sie und bewegten ihre weichen Lippen, daß

die Wassertropfen weit umherspritzten und Eiszapfen in ihrem üppigen

Winterbarte hingen. Sie waren ein wenig ängstlich davor, sich mit ihrem

ganzen Gewicht über das spiegelblanke Eis zu beugen, das deshalb erst

mit Sand bestreut werden mußte. Auch der kleine Schimmel von Kaschgar,

die Hunde und die Männer benutzten die Gelegenheit, um sich ordentlich

satt zu trinken; denn wenn wir auch für 20 Tage Eis mitgenommen hatten,

konnte es dennoch sein, daß wir später mit dem kostbaren Getränke

würden vorsichtig umgehen müssen.

So wurde denn dieses letzte Wasser verlassen. Wir gingen über die

Dünen, welche das Seebecken im Süden begrenzen, und lagerten an einem

zugefrorenen Salztümpel, in dessen nordöstlichem Teile Kamisch wuchs,

in welchem die von ihren Lasten befreiten Kamele weiden durften.

In dem dichtesten Schilfe wurde ein kleiner, runder Aushau gemacht, in

welchem wir uns niederließen, vor dem Winde geschützt, aber nur mit

dem Himmel als Dach. Von dürrem Schilfe wurde ein Feuer angezündet

das dann haushälterisch mit Spänen von dem ersten Holzklotze genährt

wurde. Parpi Bai war Koch. Er wusch den Reis, legte ein Stück Fett in

den Topf, in dem kleine Fleischstücke, Zwiebel und Suppenkraut kochten,

streute den Reis hinein und fügte eine Kanne Wasser hinzu, worauf er

den Topf mit einem Deckel zudeckte; der Pudding muß kochen, bis das

Wasser teils verdampft, teils in den Reis eingezogen ist; so wird ein

orthodoxer Reispudding bereitet. Einige nette Lopleute, die uns aus

eigenem Antriebe begleitet hatten, überraschten uns abends mit je einem

Armvoll Brennholz und Eis. Wir brauchten also unsere eigenen Vorräte

von diesen beiden wichtigen Dingen nicht gleich am ersten Abend in

Anspruch zu nehmen.

Als ich am folgenden Morgen aus meinem Bette kroch, tobte noch immer

der Sturm aus Südwest, aber die natürliche Schilfhütte schützte uns vor

ihm, und das Feuer verbreitete wohltuende Wärme in dem Halbdunkel. Die

Tagereise ging in jeder Beziehung gut, da das Terrain wider Erwarten

günstig war. Unser Weg war uns vollständig durch jene eigentümlichen

Bajirmulden vorgeschrieben, die in einer Reihe nach Südwesten laufen.

Im Südwesten unseres Lagerplatzes gehen wir über eine sehr niedrige,

bequeme Sandschwelle nach der ersten Bajir, an deren Anfang einige

von Salzkristallisationen umgebene Salzwassertümpel liegen -- wie

gewöhnlich in dem Teile der Bodensenkung, der dem Flusse zunächst

liegt. Die zweite und dritte Bajir waren ein wenig kleiner. Man konnte

fürchten, daß dies ein Zeichen des Aufhörens der Bajire sei und wir

wieder in lauter Sand wie in der Takla-makan würden waten müssen, aber

die Bajir Nr. 4 beruhigte uns; sie war ebenso groß wie die drei ersten

zusammengenommen. Diese Mulden, deren Boden in gleicher Höhe zu liegen

und vollständig eben zu sein scheint, sind voneinander durch schmale

Landgürtel getrennt.

Der Bajirboden ist selten fest; hier bestand er aus feinem, feuchtem

Staube, in den die Kamele 40 Zentimeter tief einsanken, und die

Wanderung war langsam und ermüdend; wir brauchten vier Minuten zu

einer Strecke von 200 Meter, legten also nur 3 Kilometer in der Stunde

zurück. Das erste Kamel hat es am schlimmsten, denn es muß einen Weg

für die anderen auspflügen, das letzte dagegen geht beinahe wie auf

einem angelegten Fußpfade, den ich auf meinem kleinen Schimmel auch

benutzte. Meine Männer gingen zu Fuß, außer Parpi Bai, der auf einem

Kamele oben auf einem Holzhaufen saß.

Der Gestalt nach sind alle diese Bajire einander gleich, und man

findet, daß dieselben Naturkräfte sie alle gebildet haben. Denn

dasselbe Relief kehrt mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit

wieder. Sie erstrecken sich von Nordosten nach Südwesten und sind im

allgemeinen nur einen Kilometer breit. Wir wandern stets an einem

der „Ufer“ hin, weil der Boden da, wo der Sand in den Staub übergeht,

am härtesten zu sein pflegt. Gleich den Seen sind sie überall von

Sand umgeben, aber die Dünen des südöstlichen Randes bilden eine

fortlaufende zirka 33 Grad steil abfallende Wand, während im Nordwesten

die Luvseitenabhänge der Dünen langsam zu einer Kulmination ansteigen,

an deren Westfuße man sicher darauf rechnen kann, noch eine Bajir zu

treffen. Es versteht sich von selbst, daß die von uns eingeschlagene

Richtung die einzig mögliche war; sie mußte uns gerade auf unser Ziel,

das Dorf Tatran am Tschertschen-darja, eine Tagereise unterhalb der

Stadt Tschertschen führen. Nach Osten oder Westen zu gehen, ist in

dieser Wüste sogar für einen Fußgänger beinahe ganz unmöglich.

Wir schreiten schwer und langsam beim Klange der Glocke des letzten

Kameles dahin. Die Landschaft ist unsagbar tot und öde; selbst die

Sandwüsten auf dem Monde, wenn es solche gibt, können nicht jeglichen

organischen Lebens barer sein als diese hier. Es ist nichts, absolut

nichts vorhanden, was darauf schließen ließe, daß hier je Leben

in irgendeiner Gestalt existiert habe. Nur die Spuren der drei

Kundschafter, die ich ausgeschickt hatte, bewirkten eine Unterbrechung

der leblosen Einförmigkeit; auch sie hörten bald auf (Abb. 58).

Kurz vor dem Ende der Bajir Nr. 4 machten wir Halt -- Lager Nr. 2 --,

aber jetzt fehlte uns die Schilfhecke, und wir waren dem wirbelnden

Flugsande völlig preisgegeben. Die Kamele wurden angebunden, damit sie

nicht ihrer Gewohnheit gemäß nachts nach den üppigen Weideplätzen am

Flusse durchbrannten. Zwei kleine Feuer wurden angezündet; es waren

unser zu viele, um an einem Feuer Platz zu finden.

Das große, alles beherrschende Gesprächsthema ist: wie weit erstrecken

sich diese gesegneten Mulden? Denn so weit sie reichen, hat es keine

Not. Ich erklomm die nächste hohe Düne. Die Landschaft, die sich nach

Osten hin aufrollt, ist geradezu unheimlich; dem Blicke begegnen auf

dieser Seite nur die steilen Abhänge auf den südöstlichen „Ufern“ der

Bajire, und man sieht nur ein aufgeregtes Sandmeer in riesenhaften

Wogen, die im Begriffe gewesen zu sein scheinen, gerade auf den

Zuschauer loszurollen, aber unterwegs erstarrt waren und jetzt nur eine

erlösende Zauberformel abwarten, um nach Westen weiterzurauschen. Nach

meinen topographischen Arbeiten von der vorigen Reise mußten wir bis

Tatran 285 Kilometer haben, also beinahe doppelt so weit wie von den

Seen des Masar-tag nach dem Chotan-darja, welche Entfernung hingereicht

hätte, eine ganze Karawane zu töten! Islam und ich, die jene Reise

nie vergessen konnten, sahen nur zu wohl ein, wie gewagt diese neue

Wüstenwanderung tatsächlich war.

Man bedenkt sich erst noch, ehe man aus den Pelzen kriecht, wenn ein

frischer westlicher Buran weht und die Luft mit Flugsand erfüllt

ist, so daß sich das Tageslicht in Dämmerung verwandelt und wenn

es obendrein -11 Grad kalt ist. Auf dieser ganzen Expedition, die

zwei Monate dauerte, schlief ich jede Nacht, außer in Tschertschen,

unter freiem Himmel, was mir in keiner Weise schlecht bekam. An den

Holzspänen und Eisstücken wurde schon jetzt gespart.

Parpi Bai war kränklich, und ich wollte ihn schon vom Lager Nr. 2

zurückschicken, aber er konnte in seinem schweren Pelze nicht gehen und

Tura-sallgan-ui in einem Tage nicht erreichen; eines der Kamele mußte

sich seiner erbarmen. Es war die einzige meiner Wanderungen, an der er

teilnahm; seine Tage waren gezählt.

Heute wurden 22,4 Kilometer zurückgelegt, größtenteils auf ebenem

Bajirboden; die Sandengen zwischen den Mulden wurden nach und nach

höher und breiter. Das einzige nicht recht Gute war, daß die Depression

sich fortlaufend nach Südwesten erstreckte; hielt diese Richtung an,

so würden wir in das grenzenlose Sandmeer hineingeraten und in die

diagonale Richtung nach Nija hinüber gezwungen werden, was mehr wäre,

als eine Karawane auch unter den günstigsten Verhältnissen würde

aushalten können. Andererseits aber wäre es töricht gewesen, von der

von den Bodensenkungen vorgeschriebenen Richtung abzuweichen, denn ein

günstigeres Terrain konnte man sich in einer Sandwüste nicht wünschen.

Die schwindelnd hohen, unendlichen Sandmassen, die sich in diesem

Teile des inneren Ostturkestan ausbreiten, gleichen in ihrer

Anordnung einem Netze, in dessen Maschen die Bajire liegen. Wo wir

auch vom Flusse aus die Reise angetreten hätten, stets wären wir in

eine ununterbrochene Rinne von Mulden hineingeraten, die alle auf

derselben Linie nach Südsüdwesten liegen. Die Depressionen erleiden

schon jetzt eine deutliche Veränderung. Ihr Boden wird härter und

bequemer für die Kamele, trockener und sandreicher. Ferner tauchen an

den „Ufern“ Lehmränder in Gestalt von 1½ Meter hohen Tafeln und

Terrassen oder nur unter dem Sande hervorspringenden Leisten auf; sind

sie kein Gebilde der Winderosion, so können sie ihre Entstehung nur

dem Wasser verdanken; sie gleichen uralten Uferlinien, die auf Seen

oder Flüsse schließen lassen. Für die Annahme, daß die Bajirmulden

alte Seedepressionen anzeigen, spricht ihre Beckenform und die

konzentrisch angeordneten Gürtel von Terrassen aus mit Salz gemischtem

Staube (Schor) und Salz, welches Aussehen auch die jetzigen Uferseen

Jangi-köll, Basch-köll, Tana-bagladi usw. erhalten würden, wenn sie

austrockneten.

Ich selbst neige mehr zu dem Glauben, daß wir jetzt auf dem

Grunde eines riesigen Binnensees wanderten. Dafür sprechen die

Niveauverhältnisse des ganzen Tarimbeckens, die Stromrichtung des

Tarimflusses und des Tschertschen-darja und die Lage der Bajirketten;

denn jede Bajirreihe bildet einen Bogen, dessen Mittelpunkt zwischen

dem alten Lopsee und dem Kara-koschun, wo wir auch die tiefste

Depression des Tarimbeckens finden, gelegen ist.

Von der sechsten Bajir an wurde der Boden so, daß man die Depression an

jedem Punkte überschreiten konnte; die vorhergehenden waren in ihren

inneren Teilen so weich und tückisch gewesen, daß man in ihnen spurlos

hätte versinken können, wenn man sich zu weit vom Rande entfernt hätte.

Ein interessanter Fund wurde in der Bajir Nr. 8 gemacht: einige poröse

spröde Skeletteile von einem wilden Kamele.

Im Lager Nr. 3 wurde versuchsweise ein Brunnen gegraben, der schon

auf 1,2 Meter Tiefe reichlich Wasser von +4,8 Grad gab, es war aber

bitteres, konzentriertes Salz. Der Boden ist nirgends gefroren, obwohl

die Feuchtigkeit bis an die Oberfläche reicht; er ist aber auch überall

stark mit Salz vermischt.

23. Dezember. Heute weckte uns wieder ein richtiger Buran. Der Himmel

war mit Wolken bedeckt und die Luft so mit Flugstaub gesättigt, daß

die Landschaft, wenn man diese Heimat der Todesstarre so nennen kann,

auf einige hundert Meter Entfernung verschwand und nur die nächsten

Gegenstände seltsam und unheimlich hervortraten (Abb. 59). Die einzigen

menschlichen Gäste, welche diese Wüste je gehabt, erstaunten darüber,

daß der Flugsand, der besonders während der Frühlingsstürme in Menge

treiben muß, die Bajire nicht ganz und gar ausfüllt und sie ganz von

der Erdoberfläche vertilgt. Doch in Wirklichkeit scheint jedes Sandkorn

ebenso treu, wie der elektrische Strom durch sein Kabel eilt, gewissen

Bahnen zu folgen, die ihm nicht erlauben, sich in den Depressionen

niederzulassen, sondern es zwingen, sich auf einem der Dünenabhänge

niederzulassen. Es ist, als scheute der Sand die nackten Flächen.

Natürlich werden diese Verhältnisse vom Winde diktiert.

Vom Lager Nr. 3 wurde die Richtung der Bajirreihe Südsüdwest, und ich

hielt immerfort den Kurs auf das Dorf Tatran. Es war jedoch deutlich,

daß wir uns immer höher werdendem Sande näherten; schon jetzt wuchsen

die Engen zwischen den Bajiren an Höhe und Breite, und wir gingen

längere Strecken in diesem Sande als auf ebenem, nacktem Boden. Ein

paarmal suchten wir sogar vergebens nach einer Bajir; wir waren

offenbar vom Wege abgekommen und hatten uns auf Protuberanzen zwischen

Depressionen, die wir in der dicken Luft nicht sahen, verirrt. Die

Karawane mußte Halt machen, während wir einen Übergang suchten und

darauf die anderen anriefen.

[Illustration: 61. Das endlose Wüstenmeer. (S. 159.)]

[Illustration: 62. Karawane auf dem Astin-joll. (S. 174.)]

[Illustration: 63. Hirtenhütten in Schudang. (S. 176.)]

[Illustration: 64. Das alte Bett des Tschertschen-darja. (S. 182.)]

Die Bajire 9-12 waren tief wie Kessel, aber so klein, daß sie unsere

Wanderung wenig erleichterten, um so mehr, als ein System von kleinen

Dünen in der Richtung von Nordosten nach Südwesten ihren Boden kreuzte.

Als wir die zwölfte Depression gekreuzt hatten, sah es bedenklich aus;

wir keuchten lange auf dem Wege über die nächste Schwelle, die kein

Ende nehmen wollte, und die Kamele blieben immer öfter stehen; aber

schließlich erreichten wir den höchsten Rücken, der uns einen angenehm

überraschenden Anblick bot: vor uns und tief unter uns dehnte sich die

dreizehnte Depression aus; ihr Boden war ganz sandfrei, und ihr anderes

Ende verschwand im Staubnebel; sie mußte uns also ein gutes Stück

weiterhelfen. In der Mitte dieser großen Bajir erhoben sich einzelne

Terrassen von Tonerde in horizontalen Schichten, aus der Ferne Häuser-

und Mauerruinen gleichend.

Wir lagerten zwischen zwei solchen Blöcken. Solange der Kochtopf und

die Teekanne auf dem Feuer brodeln, hocken wir alle um dasselbe herum;

nach dem Abendessen plaudern die Muselmänner über die Aussichten

für den nächsten Tag, während ich beim Scheine einer Laterne meine

Aufzeichnungen mache. Nur drei Holzstücke dürfen in jedem Lager

draufgehen, zwei am Abend und eines am Morgen, sonst würde der Vorrat

nicht zwei Wochen reichen.

Der Sturm legte sich während der Nacht, und als ich in aller Frühe aus

meinem Pelzneste guckte, warf der Mond seine silberglänzenden Strahlen

auf unser stilles Lager, wo alle fest schliefen und nur die schweren

Atemzüge der Kamele das tiefe Schweigen unterbrachen. Ich mußte daran

denken, daß der Mond, wenn er überhaupt die Fähigkeit besäße, auf

menschliche Weise zu sehen und zu reflektieren, sich sehr über die

armen Würmer wundern würde, die sich in den ewigen Sand hinein verirrt

haben und die in ihrem Trotze über Teile der Erdoberfläche ziehen, die

nicht für Menschenkinder geschaffen sind. Ich dachte mit Neid an seinen

erhöhten Platz im Weltraume, der ihm nicht nur auf dieses Sandmeer im

innersten Asien hinabzusehen erlaubte, sondern auch auf mein Heim im

Norden, nach welchem meine Gedanken gerade an diesem Abend mit ganz

besonderer Sehnsucht eilten, war doch heute der heilige Abend.

Müde von dem anstrengenden Sandmarsche des gestrigen Tages schliefen

wir uns alle gemütlich aus, und die Sonne stand schon über den Kämmen

der Dünen, als ich am Morgen erwachte. Alle Wolken und aller Flugstaub

waren fortgezaubert worden, und das Sandmeer um uns herum glühte wie

ein Lavastrom. Die Kamele, die stets dicht zusammengedrängt lagen, um

sich aneinander zu wärmen, warfen lange, grelle Schatten auf den Boden,

jenen seltsamen, öden Boden, auf dem man ein hilfloser, linkischer

Gast ist und den zu betreten man sich kaum berechtigt fühlt. Es ist,

als gehörte er einem anderen Planeten an.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 16 / 42 段