Südwesten eingezogen, aber die Bevölkerung wußte von den Geheimnissen,
die sich hinter dem hohen Sande verbargen, herzlich wenig. Längs des
rechten Ufers erstreckte sich eine berghohe Wand von unfruchtbaren
Dünen und lockte mich mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt. Das
einzige, was ich gewiß wußte, war, daß ich jetzt einen gefährlichen
Streich auf ihre Verschanzungen wagen, einen Kampf auf Leben und Tod
mit dem breitesten Gürtel der Wüste Takla-makan beginnen würde. Aber,
wie gesagt, irgendwelche Auskunft von Wert konnte ich nicht erhalten.
Was mich am meisten in Erstaunen setzte, war das Entsetzen, mit dem das
Volk von der Wüste sprach, die gewöhnlich schlechtweg Kum, Tschong-kum
oder, nach einer sagenhaften Stadt, die in ihrem Inneren begraben
liegen soll, Schahr-i-Kettek-kum genannt wurde. Man hielt es für das
Schlimmste, was einem Menschen passieren könne, wenn er sich freiwillig
oder unfreiwillig dorthin verirrte; keiner war je dort gewesen;
ehemalige Kameljäger und die heutigen Goldsucher hatten sich nur zwei
Tagereisen weit vom Flusse zu entfernen gewagt und waren dann stets
schleunigst wieder umgekehrt, von Entsetzen über diesen unheimlichen,
gar kein Ende nehmenden Sand überwältigt. Wir wurden für Selbstmörder
angesehen, als wir dorthin zu wollen erklärten, und man prophezeite
uns, daß wir nie mehr zurückkehren würden. Ich beruhigte die Leute
jedoch ein wenig, indem ich ihnen erzählte, es sei nicht das erste Mal,
daß ich mich erdreiste, den Kampf mit der Sandwüste aufzunehmen.
Von Tura-sallgan-ui sah man im Südwesten eine Unterbrechung in dem
Sandwalle. In ihr sollte das Becken des Basch-köll liegen, und am
Ufer davor ist ein Dorf +Jangi-köll-ui+, in dem mehrere unserer
Lieferanten und neuen Freunde wohnten. Das Wenige, was mir erzählt
wurde, erhöhte nur noch mein Verlangen, die Wüste zu besuchen. In
der Verlängerung der Seen in dieselbe hinein sollten sich offene,
kahle Bodeneinsenkungen hinziehen, die trockenem Seeboden glichen,
nach Ansicht der Eingeborenen aber durch Nordostwinde, die den Sand
fortfegen, entstanden waren. Diese Senkungen werden „Bajir“ genannt,
doch wie weit sie gehen, wußte niemand. Man hatte nur von früher
gehört, daß vor vielen hundert Jahren fern im Südwesten ein heidnisches
Volk unter dem Herrscher Atti Kusch Padischah gewohnt habe. Heilige
Imame hätten sich zur Verbreitung des Islam dorthin begeben; da das
Volk aber die neue Lehre nicht annehmen wollte, hätten die Imame den
Fluch und die Rache des Himmels über das ganze Land herabgerufen; dann
habe es tagelang Sand geregnet und Land, Volk und Städte seien darunter
begraben worden.
[Illustration: 56. Zusammentreffen mit dem Franzosen Bonin. (S. 144.)]
[Illustration: 57. Bonin im Hauptquartier. (S. 145.)]
[Illustration: 58. Parpi, Palta und Islam auf den äußersten Dünen des
Sandmeeres am Jangi-köll. (S. 150.)]
Bevor ich endgültig aufbrach, wollte ich eine kürzere Versuchsexkursion
machen, um zu rekognoszieren, und berief daher abends alle nach dem
„Klub“, wo ich folgenden Tagesbefehl für den 11. Dezember erteilte.
Die Kamele, die die Exkursion mitmachen sollten, mußten über den
Fluß geführt werden, der notwendige Proviant war zu ordnen, und die
Verbindung zwischen beiden Ufern offen zu halten. Während meiner
Abwesenheit sollte die Hütte wohnlich eingerichtet werden. Das große,
dem Flusse zugekehrte Zimmer sollte in zwei kleine geteilt werden,
von denen das innere doppelte Kamischwände erhalten und mit Filz
ausgeschlagen werden sollte, um es zugfrei zu machen. Der Fußboden
sollte mit Binsen und Teppichen belegt werden, in der Mitte aber eine
Feuerstelle und darüber ein Loch im Dache sein. Das neue Haus war bis
zu meiner Rückkehr fertigzustellen.
Während ich am 11. meine wissenschaftlichen Beobachtungen machte,
wurden Anstalten zum Überführen der Kamele getroffen, was durchaus
nicht leicht war. Unsere Annahme, daß das Eis tragen würde, erwies
sich als unrichtig. Ein heftiger Wind hatte die gefrorenen Stellen
wieder aufgerissen; darauf war der Fluß in der letzten Nacht von neuem
zugefroren, aber das Eis war noch nicht genügend tragfähig. Die Kamele
hinüberschwimmen zu lassen, wäre ihr Tod gewesen. Der einzige Ausweg
war, sie auf der großen Fähre zu transportieren, aber diese lag so fest
wie in einem Schraubstock. Die Kosaken wußten aber Rat; sie boten Leute
auf, die eine Rinne durch die fußdicke Eisdecke in unserer kleinen
runden Bucht schlugen. An einer schmalen Stelle unmittelbar oberhalb
des Lagers wurde ein Tau viermal über den Fluß gespannt. Die Strömung
betrug hier beinahe einen Meter in der Sekunde, und gerade dieser
Punkt war der letzte, der im Winter zufror. Die Stelle war bis auf ein
ziemlich breites Eisband an dem niedrigen rechten Ufer noch vollständig
offen. Die Fähre wurde an dem Tau hinübergezogen und nahm ein Kamel auf
dem Achterdeck mit. Sie landete an der Eisdecke des rechten Ufers, die
so fest war, daß sie die Kamele trug.
Gegen Abend besuchte mich ein chinesischer Siah (Schreiber); er war von
dem Amban von Kara-schahr hergeschickt, um sich nach meinem Befinden
zu erkundigen, eigentlich aber war er ein unschädlicher Spion, der
ausfindig machen sollte, was für ein Kunde ich sei. Nasar Bek, mein
alter Freund und Wirt von Tikkenlik, kam spät abends und blieb über
Nacht, so daß wir lange gemütlich miteinander plaudern konnten. Er
teilte mir allerlei Interessantes mit. Zuerst wußte er zu erzählen,
daß ein Russe von Dung-chan (Sa-tscheo) nach Tscharchlik gekommen sei
und in einer Woche ungefähr hier sein werde; ich ahnte, daß dies kein
Russe, sondern der französische Reisende Bonin sei.
Nasar Bek erzählte auch, daß sich in der Nachbarschaft von Jing-pen und
Tikkenlik in der letzten Zeit einige Male wilde Kamele gezeigt hätten,
und einmal hatte der Bek selbst eine Herde von fünf Tieren in der Nähe
der Straße nach Turfan gesehen. Er wußte, daß zu den Zeiten seiner
Vorfahren Beke aus Turfan gekommen waren, um von der Lopbevölkerung
einen Tribut von Otterfellen für die Chinesen einzufordern. Sie
pflegten östlich um den Bagrasch-köll über den Kurruk-tag und den
Kum-darja, dann bei Turfan-köbruk über den Ilek zu gehen und am
Kara-köll Halt zu machen. Aus chinesischen Quellen wissen wir, daß
diese Angabe mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Otter (Kama)
kommt im Tschiwillik-köll und mehreren andern Seen der Gegend vor,
dagegen aber, soviel ich habe erfahren können, im Kara-koschun nicht;
man muß sich dies merken, denn es läßt vermuten, daß die nördlichen
Seen mit den südlichen, die ein ganz neues Gebilde ausmachen, nicht in
Verbindung gestanden haben. Der Otter wird des Felles wegen mit einer
Art Fischgabel (Sendschkak) auf dem Eise nach Schneefall gefangen. Man
sieht dann in dem Schnee, dessen Menge in diesen Gegenden übrigens
sehr unbedeutend ist, wo ein Otter gegangen ist; hat er sich z. B. in
eine Wake begeben, um Fische zu fangen, so lauert der Jäger mit der
Fischgabel an dem Loche oder er hat rings um das Loch eine Schlinge
gelegt, die zugezogen wird, sobald das Tier wieder den Kopf aus dem
Wasser steckt. Gibt es mehrere Waken, so werden an allen Schlingen
gelegt und Wachen ausgestellt, da man nicht wissen kann, wo sich der
Otter zu zeigen gedenkt.
Nasar Bek war vor ein paar Jahren in Tusun-tschappgan gewesen und
hatte dort von einem Hügel herab ungefähr einen Tagesritt weit nach
Nordosten eine Wolke oder Nebelwand (Bulut) gesehen, die seiner Meinung
nach von einem im Norden des Kara-koschun liegenden unbekannten See
herrühren mußte. Er glaubte, daß der Kum-darja, das ausgetrocknete Bett
am Südfuße des Kurruk-tag, früher in diesen See gemündet habe, welche
Vermutung von guter Urteilskraft zeugte und, wie ich später nachweisen
konnte, vollkommen richtig war.
Vor 18 Jahren war der Bek in drei Tagen von Argan nach Lop geritten,
wobei er das trockene Bett des Ettek-tarim als Straße benutzte. Vor 12
Jahren kamen noch wilde Kamele von Westen her an dieses Bett. Damals
gingen öfters Kameljäger von Wasch-schahri nach Argan durch die Wüste,
in der noch Tamarisken waren; über das Innere der Tschertschenwüste
konnte aber auch Nasar Bek keine Auskunft geben.
Dies und vieles andere erzählte der dicke Nasar Bek, und ich merkte mir
seine Worte; sie sollten nicht ohne Einfluß auf meine künftigen Pläne
bleiben.
Dreizehntes Kapitel.
Eine französische Visite.
Der 12. Dezember, an dem die Exkursion beginnen sollte, setzte mit
wenig einladendem Reisewetter ein, denn es stürmte heftig aus Südwest,
und sobald man ins Freie trat, erstarrte man vor Kälte. Durch die
Talsenkung des Basch-köll strich der Wind wie durch einen Flintenlauf.
Die Kosaken, die sich wie Polarreisende eingehüllt hatten, nahmen
unsere Jagdgewehre mit. An dem Ausfluge beteiligten sich außerdem
nur Faisullah, Ördek und Pavan Aksakal (der weißbärtige Jäger), ein
hochgewachsener, heiterer Greis aus dem Dorfe Jangi-köll, der bald
einer unserer besten Freunde wurde und alles tat, um sich uns aufs
beste nützlich zu machen. Die Karawane bestand aus vier Kamelen, auf
denen wir abwechselnd ritten. Die Hunde Maschka und Taigun begleiteten
mich zum ersten Male.
Meine Ausrüstung war so einfach wie nur möglich: eine kleine Kiste
mit den notwendigen Instrumenten, Kodak, Fernglas und Küchengeschirr;
ein Bündel Kissen, Filzdecken und Pelze bildeten mein Bett. Das
Gepäck wurde in der kleinen Fähre hinübergebracht, die stets, solange
es noch offenes Wasser gab, die Verbindung zwischen beiden Ufern
aufrechterhielt und so fleißig benutzt wurde, daß wir eigens einen
Loplik als Fährmann anstellen mußten. Die Kamele wurden auf dem rechten
Ufer beladen; dann zogen wir nach dem Dorfe Jangi-köll. Ein Vorrat von
Eis wurde mitgenommen, denn das Wasser des Basch-köll ist salzig, seit
sein Kanal vor 10 Jahren abgesperrt wurde.
Das jetzt 20 Familien zählende Dorf lag früher am Kanale des
Jangi-köll, als aber vor acht Jahren elf Einwohner an den Pocken
starben, zogen die Überlebenden nach der Mündung des Basch-köll und
nahmen den Dorfnamen mit. Erkrankt jemand an den Pocken, so ergreift
alles, was in der Nähe ist, die Flucht.
Unsere Reise ging längs des Südostufers des Basch-köll weiter. Dieser
war am Rande schon so fest zugefroren, daß er gerade einen Mann tragen
konnte; im übrigen glich die Eisdecke einer sehr dünnen, schwankenden
Scheibe, und in der Mitte des Sees sah man noch große, offene Stellen
klaren, blauen Wassers, das jetzt in Wellen ging und den Eisrand
zerfetzte. Daß der See nicht ganz zugefroren war, kam von seinem
leichten Salzgehalte.
Einige Enten und Schwäne draußen auf dem Wasser hatten wohl das
Fortziehen vergessen. Der See ist 20 Kilometer lang und an einigen
Stellen nur einen, selten zwei Kilometer breit. Er zieht sich ganz
gerade nach Südsüdwest hin und gleicht einem in die Sandwüste
einschneidenden Fjord; in seinem fernen Hintergrunde erheben sich die
Dünen kaum über den Horizont. Das Seeufer reicht jedoch nicht bis an
die Basis der Dünen heran; ein Gürtel von sehr langsam abfallendem
Erdreich liegt zwischen beiden und besteht aus mit Sand untermischtem
Schlamm, in welchem man um die Sommerzeit einsinkt, der aber jetzt
festgefroren war. Wenn man den Kanal, der vom Flusse nach dem See
führt, jetzt öffnete, würde das Wasser um Manneshöhe steigen und diesen
tiefliegenden Gürtel überschwemmen. Am Ostufer, wo wir wanderten,
fallen die Dünen steil ab, am Westufer aber steigen sie treppenförmig
auf, welches Verhältnis seinen Grund in dem im ganzen Loplande
vorherrschenden östlichen Winde hat.
In einiger Entfernung vom Ufer sah man einige Brunnen, welche
Schafhirten aus Jangi-köll gegraben hatten, weil das Brunnenwasser
weniger salzhaltig sein soll als das des Sees. Diese Hirten besuchen
auch von Zeit zu Zeit die Steppen am Kontsche-darja.
Wir machten am Südende des Sees, wo es gutes Brennholz gab, Halt, und
das Biwak unter freiem Himmel -- wir hatten kein Zelt mitgenommen --
war wirklich gemütlich. Was machten wir uns daraus, daß es in der
dunkeln Nacht um uns herum stürmte. Wir hatten in der Dunkelheit
einen gewaltigen Arm voll trockener Tamariskenzweige gesammelt. Die
Kosaken hatten ein vortreffliches, aus Rebhühnern, Reispudding und Tee
bestehendes Mittagessen bereitet, und nachdem ich die auf dem Marsche
gemachten Beobachtungen in das Tagebuch eingetragen hatte, legten wir
uns schlafen, von dem Zufußgehen ziemlich müde. Sirkin deckte mich so
sorgfältig zu, daß ich mir wie ein in Papier eingewickelter Hering
vorkam.
Am nächsten Morgen war die ganze Landschaft mit einer gewaltigen
Reifschicht überzogen, und die Dünen sahen wie beschneit aus. Die
aufgehende Sonne drang nicht bis zu uns, sie wurde von den mächtigen
Dünen im Osten verdeckt, und es war ein etwas ungemütliches Aufstehen,
da wir 8 Grad Kälte hatten.
Im Süden des Sees steigt der Sand in nicht allzu steilen Absätzen an,
und die Vegetation hört mit einem Schlage auf. Von der Höhe sieht man
im Westen eine Bodeneinsenkung (Bajir), die etwa 1 Kilometer lang und
½ Kilometer breit sein mochte, mit feuchtem, unfruchtbarem Salzboden
in der Mitte und vereinzelten Grasbüscheln am Rande. Sie hat die Form
eines Kessels, da sie auf allen Seiten von kolossalen, steilen Dünen
umschlossen ist, und gleicht dem Boden eines alten Sees, den der
Flugsand sorgfältig zu vermeiden scheint.
Im Süden und Südwesten erscheint ein Meer von Sand mit außerordentlich
markierten Protuberanzen oder kulminierenden Anhäufungen von Dünen, die
den Wellen des Ozeans gleichen. Man kann sich vorstellen, daß in den
zwischen ihnen liegenden Tälern zahlreiche Bajire liegen müssen. Die
Protuberanzen sind hier näher aneinander als in den westlichen Teilen
der Takla-makan, und oft sind die Dünen auf beiden Seiten steil, was
eine Folge wechselnder Winde ist. Jedoch zeigen die großen Sandwogen,
daß der Ostwind vorherrscht und kräftiger ist als alle anderen.
Nachdem ich einen Überblick über das Terrain erhalten hatte und zu
der Überzeugung gelangt war, daß dieser Punkt sich nicht eignete, um
von hier aufzubrechen, da die Bajir des Basch-köll uns nur eine kurze
Strecke weit bequemen, ebenen Boden bot, beschloß ich, für die große
Wüstendurchkreuzung einen anderen Ausgangspunkt zu wählen und längs des
Sees Jangi-köll nach Tura-sallgan-ui zurückzukehren.
Wir wandten uns also nach Osten, in welcher Richtung die steilen Seiten
der Dünen uns zugekehrt lagen. Wir mußten über alle diese abschüssigen
Treppenstufen hinüber und machten lange Umwege, um die Kamele über die
Riesenwelle, welche die beiden Seebecken scheidet, hinüberbringen zu
können. Die Tiere hatten vor dem unsicheren Boden Angst, und über die
höchsten Pässe rutschten zwei von ihnen auf den Knien, wohl um dem
Boden näher zu sein, wenn sie fallen sollten.
Während die Karawane weiterzog, führte mich Pavan Aksakal auf eine gut
100 Meter hohe Düne hinauf, die das ganze Land weit umher beherrschte
und von der aus die Kamele in der Tiefe wie kleine Käfer aussahen. In
der südwestlichen Verlängerung des Jangi-köll zeigten sich drei große,
durch ansehnliche Sandmassen getrennte Bajire. Im Nordosten trat der
See selbst mit graublauem, glänzendem Eise hervor und in größerer Ferne
der mächtige Sandwall, der sich zwischen dem Jangi-köll und dem rechten
Ufer des Tarim erhebt.
Mit Mühe lotsten wir die Kamele über einen gewaltigen Sandrücken und
stiegen dann nach der großen viereckigen Bajir hinab, die dem innersten
Teile des Jangi-köll am nächsten liegt. Ihr Boden ist ganz sandfrei und
besteht aus konzentrischen Ringen. Zu äußerst, an der Basis der Dünen,
haben wir weiche Stauberde, in welche die Tiere fußtief einsinken,
dann folgt ein Ring sumpfigen Bodens, und zuletzt schneeweiße
Salzkristallisationen. Im nordöstlichen Teile der Senkung finden
wir einen großen und mehrere kleine Tümpel mit bitterem Salzwasser.
Im Nordosten breitet sich ein Gürtel von zwei Meter hohem Schilfe
aus; dort fanden wir einen vorteilhaften Lagerplatz mit einer Menge
trockenen Brennholzes.
Vom See ist unsere Bajir durch eine 30 Meter hohe Sandenge getrennt,
an deren Basis süße Quellen sprudeln; das Wasser derselben wird aber
salzig, nachdem es sich im Grunde der Senkung gesammelt hat. Die
ungewöhnliche Landschaft gewährte, vom Sandrücken aus gesehen, einen
außerordentlich ansprechenden Anblick. Der Jangi-köll ist so lang
und gerade, daß sein nördliches, dem Flusse zunächst gelegenes Ende,
an dem es keinen Sand gibt, gar nicht zu sehen ist, und man hätte
ebensogut glauben können, an einem Fjord mit dem Meere vor sich zu
stehen wie an einem Wüstensee, der von gewaltigen Dünen eingefaßt wird.
Das Wasser ist süß und soll höchstens 7 Meter tief sein. Es ist zwei
Jahre abgesperrt gewesen und sollte, zum Besten des Fischfanges, noch
sieben bis acht Jahre isoliert bleiben. Einige kleine, im Nordosten
offengebliebene Stellen ließen jedoch auf unterirdische Quellen
schließen. Doch der Zufluß durch sie hält nicht gleichen Schritt mit
der Abnahme des Sees; daß sein Spiegel fällt, sieht man schon an den
Rändern der Eisscheibe, die an den Ufern umgebogen zu sein scheinen.
Wir folgten dem Westufer nach Nordnordost. Der See hat dieselbe Form
und Größe, sogar dasselbe Aussehen wie der Basch-köll und gleicht einem
breiten Flusse. An einem Fischereiplatze mit Feuerspuren lag etwa ein
Dutzend Kähne eingefroren am Ufer. Streckenweise wanderten wir auf dem
Eise, das rein und durchsichtig wie Spiegelglas über kristallklarem
Wasser lag. Bis in drei Meter Tiefe traten die kleinsten Einzelheiten
auf dem Grunde hervor, und anfangs fühlte man sich unsicher, als
sollte man über das Wasser einer ruhigen Bucht gehen. Es glich einem
riesengroßen Aquarium mit Algen, die regungslos waren wie Korallen,
und mit großen schwarzrückigen Fischen, die in den Algenbüschen
schlummerten und von den Kosaken durch Stampfen aus ihrem starren
Winterschlafe aufgeweckt wurden. Sie bewegten dann langsam die Flossen
und zogen sich ruhig und gemächlich in die Tiefe zurück. Die kleinen
Fische schossen in ganzen Schwärmen am Ufer entlang, wo das Eis 10,2
Zentimeter dick war, während es nur hundert Schritte weiter seeeinwärts
bloß 3 Zentimeter Dicke hatte. Nie habe ich einen so wunderbar schönen
Eisspiegel gesehen. Ich fühlte mich beinahe versucht, mich hier für den
Winter niederzulassen, nur um in einer provisorischen Eisjacht über
seine glatte Bahn hinzusegeln, statt mich in den mörderischen Sand
hineinzuwagen!
An den Kanälen des Jangi-köll vorbei begaben wir uns längs des rechten
Tarimufers nach dem Ausgangspunkte der Exkursion, wo der Fährmann uns
mit seinem Fahrzeuge erwartete und Islam Bai und Parpi Bai uns in
Empfang nahmen. Im Lager war alles ruhig.
Der Tagesbefehl für den 15. Dezember lautete, daß Tschernoff, Islam
und Ördek zu Pferd den Seit-köll untersuchen und nachsehen sollten, ob
das Land in seiner südwestlichen Verlängerung sich zum Ausgangspunkte
der Wüstenreise eignete. Sie führten ihren Auftrag schnell und gut
aus. Tschernoff und Ördek, die beide Rekognoszierungen mitgemacht
hatten, konnten infolgedessen Vergleiche über die Güte beider Wege
anstellen. Nach anderthalbtägiger Abwesenheit kehrten sie mit einer
in großen Zügen entworfenen Kartenskizze über ihre Tour zurück.
Meine Kundschafter versicherten, daß solcher Sand, wie wir ihn am
Jangi-köll gesehen, dort weit und breit nicht zu erblicken sei und daß
die Anhäufungen, welche die Bodensenkungen trennen, sogar zu Pferde
passiert werden können. Von ihrem äußersten Südpunkte aus hatten sie
noch einige Bajirmulden sich nach Südwest hinziehen sehen; durch diese
würden uns wenigstens die ersten Tagereisen in hohem Grade erleichtert
werden. Auch jetzt waren die Dünen weißbereift gewesen, und Ördek
sprach den Gedanken aus, daß man bei Wassermangel seinen Durst mit Reif
stillen könne. Ich vermutete indessen, daß der Reif nur in der Nähe des
Flusses so reichlich sei und nach den zentralen Teilen der Wüste hin
abnehmen werde.
So wurde denn beschlossen, das Seebecken des Tana-bagladi zum
Ausgangspunkte der Wüstenreise zu wählen.
Bei meiner Rückkehr von der Rekognoszierung hatte sich das Aussehen des
Tarim in einiger Hinsicht verändert. An der Fährstelle war jetzt nur
noch ein Drittel der Breite offen, und das Treibeis hatte sich noch
mehr vermindert, seit sowohl oberhalb wie unterhalb des Lagers große,
ruhige Strecken des Flusses zugefroren waren. Das Wasser wurde klarer
und war auf 19 Zentimeter durchsichtig, aber es war im Fallen begriffen
und in einer Woche 24 Zentimeter gesunken, so daß die Eisfläche eine
Schale mit klaffenden Rissen bildete.
In Tura-sallgan-ui verbrachte ich wieder ein paar herrliche Ruhetage,
und die Hütte wurde zu einer behaglichen Wohnung eingerichtet.
Das innere Zimmer, wo meine Kisten, Instrumente, Schreibsachen
usw. geordnet wurden und das von dem äußeren durch einen von einem
Dachbalken herabhängenden, dicken Vorhang von rotem Filz getrennt
wurde, war jedoch nicht warm zu bekommen. Inmitten all dieses trockenen
Schilfes wagte ich nicht einen Ofen aufzustellen, da es nur einiger
Funken aus seinem Rohre bedurfte, um das Ganze in Brand zu setzen.
Daher wurde in die Hinterwand des Gemaches eine Tür gebrochen und
unmittelbar vor dieser das Zelt aufgeschlagen; hier war die Benutzung
des Ofens nicht mit Feuersgefahr verbunden. Die Außenseite des Zeltes
wurde zusammengenäht, und rundherum schütteten wir einen Wall auf, um
alle Zugluft abzusperren. Hier wurde mein Bett ausgebreitet; auf einem
Tische hatte ich einige Arbeitsgeräte usw. Ich residierte demnach in
einer Wohnung von drei Zimmern und fühlte mich in meinem eigenen Dorfe
so wohl, daß es einer guten Portion Energie bedurfte, um alles zu
verlassen und das Weihnachtsfest in der Wüste zu feiern.
Doch wer konnte der „Urus Tura“ (der russische Herr) sein, der sich
unseren Gegenden nähern sollte? Da ich wußte, daß Charles Eudes Bonin
von China aufgebrochen war, um den Kontinent über Sa-tscheo, Lop und
Urumtschi zu durchqueren, nahm ich an, daß er es sein müsse, und
schickte ihm daher einen Eilboten entgegen, mit der Einladung, zu
mir zu kommen und bei mir zu wohnen. Dieser Auftrag wurde Parpi Bai
anvertraut, weil es Bonin interessieren mußte, einen Mann zu sehen,
der den Prinzen von Orléans und Bonvalot auf ihrer Reise durch Tibet
begleitet hatte und der Zeuge der Ermordung von Dutreuil de Rhins
gewesen war.
Am Abend des 16. kam Parpi Bai mit einer von französischer Artigkeit
überfließenden Antwort wieder. Bonin -- er war es in der Tat -- war
in dem 10 Kilometer nördlich von unserem Dorfe gelegenen Örtäng
(Gasthause mit Posthalterei) von Dschan-kuli angekommen. Bei hellem
Mondschein ritt ich dorthin und fand den berühmten Reisenden, von
seinen anamitischen, französisch sprechenden Dienern umgeben, in einer
Gaststube, die ein mitten auf dem Fußboden brennendes Feuer mit Rauch
erfüllte.
Auf einer langen Reise durch öde Gegenden kann es nichts Angenehmeres
geben, als einen Europäer zu treffen. Jetzt war es mehr als je der
Fall, denn Bonin war ein reizender, heiterer, witziger und gelehrter
Herr, und es war für mich ein unvergleichliches Vergnügen, seinen
interessanten Erfahrungen und Hypothesen zu lauschen. Er hatte eine
alte Pilgerstraße über den Astin-tag nach Tibet gefunden und eine
ehemalige Heerstraße, die von Sa-tscheo nach der Gegend führte, wo
der alte Lop-nor gelegen hatte, und in betreff der Wanderung dieses
Seebeckens hatte Bonin dieselben Ansichten wie ich.
Bonin lud mich zu einem vortrefflichen Abendessen ein; am folgenden
Morgen nach dem Frühstück begaben wir uns nach Tura-sallgan-ui, wo
wir einen außerordentlich gemütlichen Tag verlebten (Abb. 56). Mein
französischer Gast nahm mit großem Interesse das Dorf und seine
Sehenswürdigkeiten, die Hütten, den Klub und den Hafen mit den
eingefrorenen Booten in Augenschein. Die ganze Karte über den Tarim
mit seinen zahllosen Krümmungen passierte Revue, und als der Mond
aufging, machten wir sogar eine kleine Bootfahrt zwischen dem Treibeise.
[Illustration: 59. Sandsturm in der Wüste. (S. 152.)]
[Illustration: 60. Abstieg über den steilen Abfall einer Sanddüne. (S.
155.)]