Flußreise, denn sie führte uns in ganz anders geartete Gegenden,
als wir bisher passiert hatten. Der Fluß strömt beinahe gerade nach
Südosten. Links dehnen sich endlose Gras- und Kamischsteppen aus, auf
denen sich sehr selten eine einsame Pappel erhebt, rechts türmt sich
ununterbrochen der hohe, unfruchtbare Sand auf, dessen Basis vom Flusse
bespült wird. Das Ungewöhnliche ist, daß dieser Sand nichtsdestoweniger
einer ganzen Reihe höchst eigentümlicher, von lauter öden Dünen ohne
Spur von Vegetation umgebener Seen Raum gewährt. General Pjewzoff hatte
auf seiner Reise einige von ihnen bemerkt, aber weder er noch ich
hatten geahnt, daß ihre Zahl so groß sei, und es gehörte daher jetzt
noch zu meinem Reiseprogramm, sie näher zu untersuchen, eine Karte von
ihnen aufzunehmen und sie auszuloten.
Der Fluß war jetzt ganz mit Treibeis erfüllt, und nur ein Drittel
der Fläche, wo sich die Stromfurche hinzog, war eisfrei, sonst war
alles zugefroren. An einigen Stellen kamen wir nur mit Mühe hindurch
auf Kosten der Eisränder, die klirrend wie Glas zersplitterten. Den
Eisschollen wurde der Platz knapp; sie prallten aneinander und
schoben sich übereinander, wobei sie Miniaturterrassen oder auf dem
Eisbande der Ufer weiße Wälle bildeten. Die ganze Masse trieb mit
unwiderstehlicher Kraft vorwärts; die Blöcke, die nicht mitkommen
konnten, waren auf sich selbst angewiesen, während wir uns mitten in
der Bahn hielten und sicher auf das Ziel losgingen.
+Tus-algutsch-köll+, der „See, wo Salz genommen wird“, ist die
erste der langen Reihe von Wüstenlagunen, die gleich Trauben an
einem Stengel am rechten Ufer des unteren Tarim hängen. Obgleich ich
später reichlich Gelegenheit finden werde, diese seltsamen Gebilde
zu besuchen, konnte ich mich nicht enthalten, schon jetzt an Land zu
gehen, um wenigstens einen Blick auf den See zu werfen. Der Kanal,
der den See mit dem Flusse verbindet, war an der Mündung mit Lehm
und Reisig verstopft. Das Wasser wird auf diese Weise 2-3 Jahre lang
isoliert, und die darin eingeschlossenen Fische sollen fett und
schmackhaft werden, sobald das Wasser einen schwachen Anflug von Salz
bekommen hat. Der zweite See ist der +Seit-köll+; er zieht sich
beinahe eine Tagereise weit landeinwärts in den Sand hinein; seine drei
Kanäle waren ebenfalls abgesperrt worden, um das nächste Hochwasser zu
verhindern, mit dem See in Verbindung zu treten.
In der Nähe der Mündung dieser Seen sahen wir mehrere verlassene
Dörfer. Die aus Pappelholz und Kamisch gebauten Hütten (Abb. 53)
standen noch da und sahen ziemlich neu und brauchbar aus, aber nicht
ein einziges lebendes Wesen war zu sehen, und in dem Sand, der sich
ringsumher schneewehenartig angehäuft hatte, war nicht einmal eine
Fußspur zu entdecken. Mir wurde erzählt, daß die Bewohner dieser, wie
auch die einer ganzen Reihe anderer, weiter flußabwärts liegender
Dörfer vor sieben Jahren fortgezogen seien, nachdem die Pocken
(Tschitschek) die Bevölkerung in schrecklicher Weise dezimiert hätten.
Den Überlebenden wurden von den chinesischen Behörden Wohnsitze auf
dem linken Ufer angewiesen. Sie hatten vorher hauptsächlich vom
Fischfang gelebt, nun aber wurde ihre Lebensweise eine ganz andere; sie
bestellten ihr Feld, säten Weizen und erwarben sich ihren Unterhalt
auch mit Viehzucht. Der Boden ist jedoch mittelmäßig, und obwohl sich
ohne Schwierigkeit Kanäle vom Flusse ziehen lassen, reicht der Ertrag
des Bodens doch nicht für ihren Unterhalt aus, und sie müssen oft ihre
Schafe verkaufen, um sich Mehl aus Korla zu verschaffen. Die reichsten
Eingeborenen besitzen bis zu tausend Schafen, aber die meisten sind arm
und begeben sich im Sommer nach ihren alten Seen, um dort zu fischen.
Hierbei bewohnen sie jedoch nicht ihre alten Hütten, an denen für die
meisten so traurige Erinnerungen hängen, sondern lagern unter freiem
Himmel. Jetzt haben die Chinesen Zwangsimpfung eingeführt, welcher die
skeptische Bevölkerung sich und ihre Kinder unterwerfen muß.
[Illustration: 52. Kleine gebundene Dünen bei Karaul. (S. 126.)]
[Illustration: 53. Verlassene Hütten am Seit-köll. (S. 128.)]
[Illustration: 54. Unser Hauptquartier Tura-sallgan-ui. (S. 135.)]
[Illustration: 55. Winterquartier in Jangi-köll mit meinen Leuten. (S.
133.)]
Auch am Seit-köll gingen wir an Land und bestiegen eine hohe Düne,
von der man eine prächtige Aussicht über den See hat, der sich nach
Südsüdwesten hinzieht und einem Fjorde zwischen steilen Felsen gleicht.
Die Flußkrümmung, an welcher der Seit-köll liegt, ist außerordentlich
energisch in den Sand eingeschnitten, wo sie gleichsam eine
vorgeschobene Bucht des Flusses bildet. Früher hatte das Sandmeer sich
weit nach Nordosten erstreckt, war aber nach und nach von dem Flusse,
der also auch hier nach rechts zu wandern scheint, zurückgedrängt
worden.
Über die Bildung der Wüstenseen gaben mir die Landeskinder ziemlich
phantastische Aufklärungen. Sie behaupteten, erst seien die Kanäle
gegraben worden, dann habe sich der Fluß während der Hochwasserperiode
durch sie neue Bahnen gesucht; große Wassermassen hätten sich in den
Sand hineingewälzt, die Dünen verdrängt und jene großen Seen gebildet,
die gewöhnlich nach dem Manne heißen, dem sie ihre Entstehung verdanken
sollen. Es versteht sich von selbst, daß trotz alles Grabens keine
Seen entstehen würden, wenn es in der Plastik des Bodens nicht schon
gewisse notwendige Vorbedingungen gäbe. Auch der +Dasch-köll+
ist in hydrographischer Hinsicht sehr eigentümlich. Dieser See liegt
ganz dicht am Ufer des Flusses, ist aber noch durch einen bedeutenden
Sandwall von ihm getrennt. Neulich hat der Fluß einfach die ganze Düne
fortgespült, und seine Wasserfläche hängt jetzt unmittelbar mit dem
Spiegel des Sees zusammen. Die Fläche des Sees steigt und senkt sich
mit der des Flusses. --
An einem Punkte namens +Arelisch+ begegneten uns Tschernoff
und Faisullah und weiter abwärts Nias Hadschi und mehrere der
Karawanenleute und begleiteten uns auf dem Ufer mit einer ganzen Reihe
neuangeschaffter Hunde. Ihre Freude, uns gesund und munter auf der
alten Fähre wiederzusehen, läßt sich nicht beschreiben. Sie hatten es
kaum für möglich gehalten, daß mich dieses Ungetüm Hunderte von Meilen
würde transportieren können, während sie auf staubigen Wegen so manchen
ermüdenden Schritt getan. Jetzt konnten wir bleiben, wo wir wollten,
denn wir waren wieder mit der Karawane in Verbindung. Da mir aber
Tschernoff sagte, wir hätten nur noch ein paar Stunden bis an einen
Punkt, wo das Treibeis sich zusammengepackt habe und zu einer dichten
Masse zusammengefroren sei, durch die nicht hindurchzukommen sei,
beschloß ich, beim Scheine der Laternen weiterzufahren.
Die letzte Nacht unserer Flußreise war schon einige Stunden unter ihrem
schwarzen Schleier dahingeschritten, als ein großes Feuer am linken
Ufer aufflammte. Es war von unseren Karawanenleuten an einem geeigneten
Landungsplatze gleich oberhalb der Eisbarre angezündet worden. Hier
legten wir zum letztenmal an und gingen müde und frierend nach dem
Feuer hinauf, wo wir bald in lebhaftem Gespräche mit den Unseren waren.
So hatte denn diese märchenhafte, friedvolle Reise ihr Ende erreicht!
Wie im Traume konnte ich zurückblicken auf alle die verflossenen Tage
mit ihren reichen Erfahrungen, auf unser einsames Leben an Bord,
unsere Abenteuer und Exkursionen, unsere venezianischen Abende und den
endlosen Wald, der unseren Weg mit seinen gelben Blättern bestreute.
Nie hat sich eine Reise so glücklich und bequem ausführen lassen; sie
bildete in der Tat einen passenden Übergang zwischen dem stillsitzenden
Leben in Stockholm und den mühevollen Jahren, die jetzt vor mir lagen.
Ich war wie auf einem Triumphwagen mitten in das Herz von Asien geführt
worden und nun war ich dort; und wohin ich mich wendete, lockte das
Unbekannte mit magischer Anziehungskraft. Es war ein eigentümliches
Zusammentreffen, daß uns das Eis gerade an dem Punkte, an dem sich
die Karawane befand, den Weg versperrte. Sie war vor drei Tagen hier
angekommen und hatte durch ausgesandte Kundschafter Kenntnis vom
Herannahen der Fähre erhalten, worauf sie im ersten besten Dorfe
geblieben war. Es war durchaus keine Enttäuschung, daß wir den anfangs
bestimmten Vereinigungspunkt Argan nicht vor dem Zufrieren des Flusses
erreicht hatten, sondern im Gegenteil ein großer Vorteil. Es stellte
sich nämlich heraus, daß Jangi-köll der vorzüglichste Ausgangspunkt
für die großen, gefährlichen Expeditionen war, die ich nach den Wüsten
im Osten und Westen plante, und daß es überdies noch den Vorzug hatte,
nicht sehr weit von Korla entfernt zu liegen, der nächsten Stadt, wo
wir das, was wir zur Ausrüstung der Karawane brauchten, finden konnten.
Jetzt war keine Eile mehr nötig, und es war zu schön, am Morgen des 8.
Dezember ruhig ausschlafen zu dürfen. Die Kosaken suchten einen sehr
geeigneten Platz für das Winterquartier aus, der einige hundert Meter
oberhalb des Punktes, an dem wir Halt gemacht hatten, ebenfalls auf
dem linken Ufer des Flusses lag. Dorthin wurde das ganze Gepäck der
Karawane gebracht, und hier schlugen die Leute ihre Zelte auf. Dort war
ein vorzüglicher, jetzt fest zugefrorener kleiner Hafen mit steilen
Ufern, dessen Eis mit Äxten und Stangen aufgebrochen wurde. Die Fähre,
die während der Nacht auch tüchtig festgefroren war, wurde aus ihren
Banden befreit und nach dem Hafen gezogen, wo sie am Ufer vertäut
wurde, welche Vorsichtsmaßregel jedoch überflüssig war, da sie sehr
bald von fußdickem Eise eingeschlossen war. Im Laufe des Winters gefror
das Wasser hier zum Teil bis auf den Grund, und unsere weitgereiste
Wohnung lag wie auf einem Bette von Granit.
Der erste Abend im Winterlager führte eine jener unangenehmen
Entdeckungen herbei, die jedoch etwas ganz Gewöhnliches sind, wenn man
so naiv oder gutmütig ist, allzu großes Vertrauen auf die Ehrlichkeit
eines Muhammedaners zu setzen. Nias Hadschi hatte in Lailik 4½
Jamben bekommen, mit denen er teils den Lebensunterhalt der Karawane
bestreiten, teils allerlei Einkäufe machen sollte. Die Summe war so
reich bemessen, daß ein hübsches Stück Geld hätte übrigbleiben müssen.
Statt dessen aber hatte mein Karawan-baschi unterwegs noch eine Anleihe
von gegen 4 Jamben gemacht. Jetzt wurde am Feuer Gericht abgehalten;
ich hatte auf dem Richterstuhle -- einem Mehlsacke -- Platz genommen,
und der angeklagte Sünder, seine Ankläger, die Zeugen und Zuhörer
standen um mich herum; es war feierlich und tragisch, und gern hätte
ich noch ein paar Jamben dazubezahlt, wenn ich mit meinem Diener nicht
hätte ins Gericht zu gehen brauchen. Doch um ein Exempel zu statuieren,
den anderen zur Warnung, und die Autorität, die der Führer haben muß,
aufrechtzuhalten, nahm ich Nias Hadschi vor und verlangte von ihm
Rechenschaft darüber, wie er die ihm anvertrauten Gelder verwaltet
habe. Wie er diesem Verlangen nachkam, wird jeder sagen können, der je
mit Muhammedanern zu tun gehabt hat; er suchte mir auseinanderzusetzen,
daß nicht ein Tenge unnötig ausgegeben sei und daß er ehrlich und treu
seinen Auftrag ausgeführt habe -- aber er log. Sirkin hatte auf meinen
Befehl auf der Reise Buch geführt, und es war leicht, die Ausgaben zu
kontrollieren. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, daß er hochmütig und
stolz gegen die anderen gewesen sei. In Aksu hatte er seine eigenen, in
Korla seines Sohnes Schulden bezahlt, und dieses Herrchen hatte er mir
noch obendrein als Geschenk mitgebracht. Ich wollte ihm nicht an diesem
Tage, der für mich so glückbringend gewesen, ein zu strenges Urteil
sprechen; überdies hatte ich ihn ja selbst in Versuchung geführt,
indem ich ihm soviel Geld anvertraut hatte. Das Urteil lautete auf
Entlassung; im Laufe des folgenden Tages sollte er das Lager verlassen.
Eigentümlich sind diese Muselmänner; man wird nie recht klug aus ihnen.
Dieselben Männer, die ihn eben noch angeklagt hatten, legten nun
Fürbitte für ihn ein und baten, ich möchte ihn doch nur degradieren
und als Koch der Muselmänner behalten. Es nützte ihnen jedoch nichts;
das Urteil war gesprochen, und ich wollte meinen Entschluß nicht
ändern. Es tat mir freilich leid, den alten Mann, den Mekkapilger, den
Freund des Propheten und Prschewalskijs einstigen Diener, allein in
den öden Winter hinauszuschicken. Ich versprach, der ganzen Geschichte
nicht mehr zu gedenken, und als er abzog, gab ich ihm noch eine
halbe Jamba mit auf den Weg, die seine Tränenfluten stillte. Hiermit
war seine kurze Geschichte zu Ende, und er war sicher der Ansicht,
noch gut davongekommen zu sein. Er hatte bei unserer herumziehenden
Theatertruppe von Karawane als ein Schauspieler figuriert, der nur
im ersten Akte auftritt. Doch im Laufe des Stückes werden immer neue
Schauspieler die alten ablösen und ihre Rollen mit wechselndem Glück
spielen. Der Souffleur ist das Gewissen, die Bühne das innerste Asien,
und die Zuschauer sind die Sterne des Himmels und die am Tage heulenden
Stürme. Wenn man den Himmel als Zuschauer hat, muß man gut spielen und
muß mild gegen schlechte Spieler sein. --
Während der drei Tage vom 9. bis zum 11. Dezember wurde das Lager und
die Zusammensetzung der Karawane für die nächste Zukunft geordnet.
Chalmet Aksakal erhielt den Auftrag, uns von Korla eine Verstärkung
einiger unserer Vorräte, zwei mongolische Filzzelte und fünf Maulesel
zu besorgen, sowie einige Silberbarren in Kleingeld umzuwechseln,
und zwar in Tengestücke aus Jakub Beks Zeit, die zwischen Korla und
Tscharchlik noch gangbar sind und von denen 21 auf 1 Sär gehen. Musa
Ahun sollte ihn nach Korla begleiten und mit den Sachen zurückkehren.
Ferner sollte Chalmet Aksakal meine große Post mitnehmen und nach
Kaschgar weiterschicken.
Die vier Männer aus Lailik, unsere guten, prächtigen Fährleute, traten
jetzt vom Schauplatze ab und kehrten in ihre ferne Heimat zurück. Ihr
vereinbarter Monatslohn wurde verdoppelt, und ich bezahlte ihnen die
Heimreise. Ihre Dankbarkeit war groß, und mit Tränen in den Augen
beteten sie „Dua“ und „Allahu ekbär“ für mich; mit Bedauern trennte
ich mich von diesen Männern, die in jeder Hinsicht ein gutes Andenken
hinterließen. Sie wollten zu Fuß nach Korla gehen, wo der Aksakal ihnen
beim Einkaufen guter Reitpferde helfen sollte. Ich habe nachher nichts
wieder von ihnen gehört, hoffe aber, daß sie glücklich nach Hause
gelangt sind.
Trotz dieser großen Verminderung des Karawanenpersonals bot das
Lager doch ein außerordentlich lebhaftes Bild dar. Die mir am
nächsten im Range Stehenden der Leute waren die Kosaken und Islam
Bai als unser Karawan-baschi. Parpi Bai wurde zum Oberaufseher der
Pferde ernannt und benutzte seine freie Zeit zur Falkenjagd. In
Friedenszeiten wurde der Falke mit lebendigen Hühnern gefüttert, ein
greuliches Schauspiel. Turdu Bai und Faisullah waren für die Kamele
verantwortlich und hielten abwechselnd an den Weideplätzen derselben
Wache. Kurban, ein sechzehnjähriger, hübscher, offener und heiterer
Junge aus Aksu, war Laufbursche, führte die Pferde zur Tränke und
brachte denen, die draußen die Kamele hüteten, Essen. Ein mit diesen
Gegenden außerordentlich gut bekannter Loplik, der treffliche Ördek,
wurde für die grobe Arbeit im Lager, wie Wassertragen für die Küche,
Holzfällen in dem nächsten dürren Walde und Futterholen für die
Pferde, angenommen. Im Hafen wurde eine Wake aufgehauen und ständig
offengehalten, das Kochwasser aber wurde stets aus dem Flusse geholt,
wo es, weil fließend, frisch und rein war. Die Kamele trugen das
Brennholz ins Lager, und unsere nächsten Loplik-Nachbarn verschafften
uns auf Veranlassung des Beks der Gegend schon am ersten Tage tausend
Bündel Klee und tausend Bündel Heu. Auch ein Schmied wurde für diverse
Arbeiten angenommen; er mußte anfangs Sirkin helfen, mir Schlittschuhe
zu machen. Ich hatte mir nämlich gedacht, mit diesem Transportmittel
über die Seen zu ziehen, doch sie fielen nicht so aus, daß ich sie
zu etwas anderem hätte benutzen können, als mir in der Nachbarschaft
Bewegung zu machen.
Das Lager bekam Besuch von ganzen Scharen von Lopliks (Abb. 55). Sobald
unsere Nachbarn gehört, daß wir uns in ihrem Lande niedergelassen und
in der Wildnis ein kleines Dorf angelegt hatten, wallfahrteten sie
scharenweise dorthin; sie brachten stets Geschenke mit und gaben uns
so viele Aufklärungen, wie sie nur konnten. Es war ein fortwährendes
Kommen und Gehen, und wenn ich an Bord im Zelte arbeitete, hörte ich
ein ununterbrochenes Stimmengewirr wie von einem Marktplatze.
Das Zelt der Leute war unter der einzigen Pappel, die es im Lager gab,
aufgeschlagen; dahinter lagen alle Kamellasten auf ihren Saumleitern
aufgestapelt. Die Küche der Leute war ein Feuerherd unter freiem
Himmel, umgeben von einer hohen Einfriedigung von Brennholz, die
mit dem Winterbedarfe an Umfang zunahm. Das Ganze wurde von fünf
Hunden bewacht, denn die Karawane hatte fünf Hunde aus Kutschar und
Korla mitgebracht. Zwei von diesen waren unübertreffliche, schöne,
sympathische Windhunde; sie wurden Maschka und Taigun genannt und
waren schon vom ersten Tage an meine erklärten Günstlinge. Sie waren
groß, hochgewachsen, weiß und sehr kurzhaarig, so daß sie im Winter
beständig das Feuer aufsuchten und nachts bei mir in eigens für sie
angefertigten Mänteln aus weißem Filz schliefen. Es war komisch
zu sehen, mit welcher Gewandtheit sie ohne Hilfe in die Mäntel
kriechen lernten und wie dankbar sie waren und wie wohlgefällig sie
stöhnten, wenn man sie zudeckte. Auf dem Kriegspfade aber waren sie
unüberwindlich und verbreiteten geradezu Entsetzen unter den Hunden
der Umgegend. Ich habe nie Hunde auf so raffinierte Weise Krieg führen
sehen wie Maschka und Taigun. Sie umkreisten ihren Gegner, bis sie ihn
an einem Hinterbeine packen konnten, drehten ihn daran um sich selbst
und ließen ihn erst los, wenn die Geschwindigkeit so groß war, daß
der Ärmste kopfüber eine Strecke weit hintaumelte und dann heulend auf
drei Beinen davonhinkte. Beim Füttern wagte keiner der anderen Hunde
die Fleischstücke auch nur anzusehen, solange die Windhunde sich noch
nicht sattgefressen hatten. Mir waren sie Gesellschafter und ein guter
Ersatz für den ersten Dowlet, leider waren aber auch ihre Tage gezählt.
Nach ihrer Ankunft im Lager fiel Jolldasch zwar nicht in Ungnade, er
zog sich aber freiwillig ins Privatleben zurück und wagte mein Zelt nie
zu betreten, wenn die Neuen dort waren. Er schlief aber getreulich vor
dem Zelte, und wenn ich ihn beim Hinausgehen streichelte, sprang und
bellte er vor eitel Dankbarkeit und Entzücken. Jollbars, der „Tiger“,
war ein kolossaler schwarzbrauner Hund, ein Sohn des Lopdschungels
mit Wolfsblut in den Adern, der immer an einer eisernen Kette bei den
Kamellasten lag und so wild war, daß sich niemand in den Radius der
Kette hineinwagte. Er war ein Hofhund furchtbarster Art, ein Ritter
von den mörderischsten Reißzähnen, aber ich wurde selbst mit ihm bald
gut Freund. Er spielte eine gewisse Rolle in der Karawane, begleitete
mich auch auf dem Wege nach Lhasa, und als er zwei Jahre später spurlos
verschwand, trauerten alle um ihn. Ich liebe die Hunde; sie gehen mit
ihrem ganzen Wesen in den Mühen des Karawanenlebens auf und tun stets
ihre Pflicht.
Als ich am Morgen des 10. aus dem Zelte trat, das noch immer an Bord
stand, fand ich zu meinem Erstaunen das Holzgerüst zu einem ganzen
Hause am Ufer aufgeschlagen. Der Bek von Jangi-köll hatte diese
vorzügliche Idee gehabt; er hatte seine Leute aufgeboten, Bauholz
besorgt und die Arbeit beim Morgengrauen anfangen lassen. Das Gerippe,
das aus Pfählen, schmalen Stangen und Latten bestand, wurde im Laufe
des Tages mit vertikal gestellten Schilfbündeln ausgefüllt, und sogar
die Dachbalken wurden mit Kamischgarben bedeckt. Es wurde eine ideale
Hütte von der im Loplande üblichen Bauart; sie enthielt zwei große
Zimmer. Die Männer hatten sich das eine als meine Küche und Backstube,
das andere als Aufbewahrungsort für mein ganzes Gepäck gedacht. Mir
fiel jedoch ein, wie der bekannte Afrikaforscher Schweinfurth einmal
Aufzeichnungen und Sammlungen von vielen Jahren dadurch eingebüßt hat,
daß er sie in einer sehr feuergefährlichen Hütte aufbewahrte; ich
ließ das Gepäck daher den ganzen Winter im Freien, es wurde aber mit
Segeltuch und Filzdecken zugedeckt. Hätte es in meiner Absicht gelegen,
in Jangi-köll zu überwintern, so hätte ich natürlich ein vollständiges,
bequemes Holzhaus, in das die Fenster der Dunkelkammer hätten
eingesetzt werden können, bauen lassen, aber ich hatte andere Pläne
und sollte bloß einige Tage, zu drei verschiedenen Malen, an diesem
schönen Orte Gastfreiheit genießen. Doch während dieser Tage kam mir
die Hütte sehr zustatten, und sie erlangte einen gewissen Ruf im ganzen
Loplande. Unser Lagerplatz wurde allgemein +Tura-sallgan-ui+
(das von dem Herrn erbaute Haus) genannt (Abb. 54), und mir ist von
Lopliks versichert worden, daß dieser Name sich für alle Zeiten in der
geographischen Nomenklatur der Gegend einbürgern werde, geradeso wie
eine Stelle am Kuntschekkisch-Tarim noch heute Urus-sallgan-sal oder
„Der Russe baute eine Fähre“ heißt, weil dort einst Kosloff auf einem
Floße von dürren Tograkstämmen den Fluß überschritten hat.
Die Hütte sollte jedoch die Vergänglichkeit aller anderen irdischen
Dinge teilen. Als die nächste Frühlingsflut das Bett des Tarim
füllte, überschwemmte er hier seine Ufer und zerstörte nicht nur
den Bootshafen, sondern riß auch unsere Hütten und die Pappel mit
fort; da waren wir aber schon abgezogen und hatten unsere Penaten
auf festerem Boden aufgestellt. Es war dies jedoch eine schlagende
Bekräftigung meiner auf jahrelange Beobachtungen gegründeten Theorien
über die hydrographischen Unberechenbarkeiten in den unteren Teilen
des Tarimsystems; nicht ein Stück blieb von Tura-sallgan-ui übrig,
keine einzige Spur wird in Zukunft von unserem langen Besuche an diesem
reizenden, aber trügerischen Ufer Zeugnis ablegen.
Wie friedlich vergingen mir die Tage in Tura-sallgan-ui! Ich hätte als
Gast des Schahs von Persien in den Spiegelhallen und Marmorsälen seines
Palastes nicht in gehobenerer Stimmung sein können als hier zwischen
den Kamischmauern dieser luftigen Wohnung, wo der Wind seine unendlich
melancholischen Trauermärsche in den Schilfstengeln pfiff, dem Klagen
unzähliger, friedloser Luftgeister vergleichbar.
Für unsere acht Pferde wurde aus demselben Material ein geräumiger
Stall erbaut, dessen eine Längsseite nach dem Hofe zu offen blieb.
Unsere Hühner erhielten neue Kameraden, und wir kauften auch Schafe und
Kühe, die uns mit Milch versahen. Das Ganze wurde schließlich der reine
Gutshof, der, wenn er auch gerade nicht als Muster eines solchen gelten
konnte, doch der gemütlichste und behaglichste war, mit dem ich je zu
tun gehabt habe. Zwischen den Hütten, dem Zelte, den Kamellasten, der
Küche und dem Hafen entstand ein freier Platz, der Markt des Dorfes;
dort brannte Tag und Nacht ein Feuer, um das herum Matten ausgebreitet
waren und Gäste empfangen wurden; dies war der „Klub“. Das Feuer
durfte erst im Mai des folgenden Jahres ausgehen; es wurde nicht von
jungfräulichen Vestalinnen, sondern von bärtigen Barbaren unterhalten.
Die Nachtwachen, die alle zwei Stunden abgelöst und von den Kosaken
kontrolliert wurden, speisten die Flammen während der nächtlichen
Stunden und wärmten sich dort in den kalten Winternächten.