Wir schoben die Fähre in das Treibeis hinaus und folgten seinen

tanzenden Schollen. Das Beobachten ihrer Bewegungen bot eine

Abwechslung, ein neues Interesse für die Besatzung. Wie die Fähre

waren auch die Schollen gehorsame Sklaven der Launen der Strömung. Sie

wurden in die Stromfurche hineingezogen, wo sie stets am zahlreichsten

waren; sie gerieten in Wirbel hinein, wo sie sich im Kreise drehten,

bis es dort so voll wurde, daß einige wieder in die Strömung

hinausgedrängt wurden; sie blieben stecken, wo Bänke unmittelbar unter

der Oberfläche lagen, und sie sagten uns oft, nach welcher Richtung die

Fähre gesteuert werden müsse. Munter, kleinen Inseln gleich, trieben

sie den Fluß hinab, mit einem schnarrenden Geräusche schlugen sie

gegeneinander, sie stießen gegen unsere Boote, zerschellten, taten sich

wieder zusammen, trieben gegen die Ufer und drehten sich dort wieder

im Kreise. Das Treibeis nahm jedoch im Laufe des Tages ab; um 1 Uhr

war der größte Teil verschwunden, und um 4 Uhr sahen wir keine einzige

Scholle mehr. Wir hatten jedoch die erste Warnung erhalten; in zehn

Tagen würde der Fluß zugefroren sein.

Während dieser Tagesfahrt war der Tarim außergewöhnlich launenhaft. Er

erstreckte sich erst auf vielversprechende Weise nach Nordosten, dann

aber machte er ganz unerwartet einen Bogen nach links, bis er auch am

linken Ufer auf mächtigen Sand stieß, der ihn zwang, sich in tollen

Krümmungen nach Nordnordosten zu wenden.

In der Gegend +Siwa+ rasteten wir des Flußmessens wegen eine

Weile. Vermutlich war es das letzte Mal, daß ich diese Arbeit nach

der alten Methode ausführen konnte, denn die kleine Jolle, welche die

Muhammedaner Kagas-kemi, das Papierboot, nannten, vertrug es nicht,

zuviel mit dem Treibeise in Berührung zu kommen. Die Messung ergab

72,45 Kubikmeter Wasser. Stellt man unter Berücksichtigung der vom

Hochwasser stehengebliebenen Anzeichen eine annähernde Berechnung an,

so findet man, daß der Fluß hier in der Hochwasserperiode mindestens

173 Kubikmeter in der Sekunde führen muß.

29. November. An diesem Morgen hatte der Winter wieder einen großen

Schritt vorwärts gemacht. Die Kälte stieg jetzt nachts bis auf -16

Grad, und das Wasserthermometer zeigte null Grad. Der Fluß sah seltsam

fremd aus; seine Oberfläche war so mit weißen Treibeisschollen

belastet, daß man glauben konnte, er sei über Nacht zugefroren und

dann mit einer dicken Schneeschicht bedeckt worden. So schlimm war

es jedoch nicht. Die weiße Masse war in unausgesetzter Bewegung wie

eine rotierende Stufenbahn; es war wieder „Kade“ oder „Kömul“, das

von Tag zu Tag mehr und größer wurde. Stand man am Ufer und fixierte

diesen vorbeieilenden, weißglänzenden Streifen, so schwindelte es einem

vor den Augen, bis der Streifen unbeweglich erschien, während man

anscheinend selbst den Fluß hinabglitt.

Wir hatten am Abend vorher einen sehr unglücklichen Lagerplatz

gewählt, eine kleine Bucht, die am Morgen so fest zugefroren war,

daß man ungehindert um die Boote herumspazieren konnte. Es dauerte

infolgedessen eine ziemliche Zeit, bis ein Kanal in dem Eise nach dem

Flusse hinaus aufgehauen war. An dem äußeren Rande der Eisscheibe

leckte die Strömung, die auf ihm einen ganzen Wall von Treibeis

auftürmte, der kreideweiß glänzte wie Schnee. Die Eisschollen waren

größer und kompakter als gestern und wenn sie aneinander stießen,

klirrte es wie zerbrochenes Porzellan. Auf der ganzen Fahrt klang

es heute um uns herum wie das Glockenspiel einer fernen Kirche, und

Millionen von Eiskristallen funkelten und spielten wie Diamanten im

Sonnenschein. Das ununterbrochene Sausen und Pfeifen, das durch das

Schmelzen der Eisnadeln entstand, und der blendende Lichtschein, der

von ihnen ausging, wirkten betäubend, fast hypnotisierend auf die Sinne.

Betrachtet man das „Kade“ genauer, so findet man, daß es aus lauter

kleinen, außerordentlich dünnen, zusammengeballten Schuppen und Nadeln

von Eis besteht, die nur da, wo sie sich über die Wasserfläche erheben,

schneeweiß werden, unter dem Wasser aber dieselbe Farbe haben wie

dieses. Die aus diesem leichten, wassergetränkten Materiale bestehenden

Treibeisschollen haben selten mehr als einen Meter Durchmesser und eine

runde Form, was von ihrem unaufhörlichen Reiben aneinander und an den

Ufern kommt. Aus demselben Grunde trägt jede Scholle an der Peripherie

einen etwa 10 Zentimeter hohen Wall, der weiß glänzt, während das

Innere in der Höhe des Wasserspiegels eine gleichmäßige, blaugraue

Fläche bildet und nach und nach zu einem festeren Fladen zusammenfriert.

Wir sind von zahllosen weißen Ringen umgeben, den Grabkränzen des

Flusses, welche verkünden, daß er bald unter seinem kalten Leichentuche

zur Ruhe gehen wird (Abb. 48). Wie wir monatelang das Leben des Tarim

mitgelebt haben, werden wir auch an seinem Begräbnis teilnehmen.

Auch heute zehrte die Sonne energisch an den Eiskränzen, aber noch

um 12 Uhr war die halbe Oberfläche des Flusses mit Treibeis bedeckt,

und es verschwand nicht mehr; es fuhr fort zu schwimmen, wenn auch in

gelichteteren Reihen.

Der Fluß hat hier dieselben Charakterzüge wie der Jarkent-darja

unterhalb Lailik; die großen, breiten Alluvialhalbinseln und Holme

treten wieder auf, das Bett ist breit und wird von kräftigen

Erosionsterrassen, auf denen dichter, alter Wald steht, eingeschlossen.

+Ansasch-kum+ ist eine hohe, unfruchtbare Sandpartie am rechten

Ufer, so genannt nach einem alten, längst verstorbenen Pavan, der

diese Düne zu besteigen pflegte, um nach Antilopen und wilden Kamelen

auszuschauen. Letztere, die sich jetzt nie an den Ufern des Tarim

zeigen, waren früher dann und wann durch die Wüste an den Fluß

gekommen. Die Hirten in den Wäldern des Tarim haben keine Kenntnis von

dem Vorhandensein des wilden Kamels; nur wenn man sie danach fragt,

pflegen sie manchmal zu antworten, sie hätten gehört, daß es tief

drinnen in der Wüste ein solches Tier gebe.

Wohl eine Stunde trieben wir im Dunkeln bei Laternenschein, aber es

gab ein nervenangreifendes Rufen und Schreien bei jeder Bank und jeder

Untiefe. Als ich abends am Schreibtisch die Aufzeichnungen für den Tag

machte, prallte jede vorbeitreibende Scholle gegen die Fähre, die dabei

jedesmal knackte und erschüttert wurde.

Längs der Ufer hat das feste Zufrieren endgültig begonnen, und die

Eisränder nehmen täglich an Breite zu. Sie beschränken jedoch ihr

Gebiet einstweilen noch auf stille Ufer, an denen keine Strömung

entlang geht, oder auf Anhäufungen von im Flußbett steckengebliebenem

Treibholz und Reisig.

30. November. Das Treibeis fuhr die ganze Nacht fort, gegen die Fähre

zu klirren und zu scheuern, aber es störte mich nicht in meinem

ruhigen Schlafe. Der Fluß war kaum zur Hälfte damit bedeckt, und

merkwürdigerweise verschwand es größtenteils, obgleich der Himmel

bewölkt war und die Einwirkung der Sonne also fehlte. Der Tarim strömte

außergewöhnlich schnell dahin; wir machten eine lange Fahrt und hatten

zur Rechten immerfort den hohen Sand, der einer Bergkette glich, deren

Formen an die nordtibetischen Ketten erinnerten. Menschen waren nicht

zu sehen, auch kein Rauch, nur einige aufgerichtete Stangen, auf denen

ein Pavan geschossene Antilopen aufzuhängen pflegt, um sie vor den

Raubtieren zu schützen. Ein Fasan, ein Falke und einige Raben waren das

einzige Leben, das wir bemerkten. Wildenten und Gänse sind schon längst

spurlos verschwunden.

Ich arbeitete täglich 14 Stunden von 6½ Uhr an, zu welcher Zeit das

erste Kohlenbecken ins Zelt gebracht wird. Das Frühstück, gekochter

Fisch, wird erst gegessen, wenn wir wieder abgestoßen haben, und auch

das Mittagmahl wird an Bord serviert, weil das Geschirr dort nahe bei

der Hand ist und die Landungsplätze in der Dunkelheit nicht immer

leicht zugänglich sind. Die Zeit war jetzt so kostbar, daß keine

Minute verloren gehen durfte. Mein „Friseur“ Islam mußte mir sogar am

Schreibtische die Haare schneiden.

[Illustration: 48. Treibeis auf dem unteren Tarim. (S. 119.)]

[Illustration: 49. Blick vom rechten Tarimufer flußaufwärts (1.

Dezember). (S. 120.)]

[Illustration: 50. Die Fähre an der Mündung des Ugen-darja. (S. 126.)]

[Illustration: 51. Begrüßung Parpi Bais und Islam Bais. (S. 126.)]

1. Dezember. Der Tarim verändert seinen Charakter nicht. Er fließt in

weitem Bogen nach Nordosten, von üppigem Wald begleitet, hinter welchem

der gelbe Sand noch mächtiger zu werden scheint. Der Wasserstand ist

derselbe geblieben. Wir gingen in einer Biegung an Land und machten

von der Höhe des Sandes aus ein paar photographische Aufnahmen, von

denen eine hier (Abb. 49) beigefügt ist. Der Unterschied zwischen den

verschiedenen Teilen des Flusses tritt hier schärfer als je hervor.

Das eigentliche Strombett ist grau und reich an weißen Eisringen; die

Lagunen an den Seiten und innerhalb der Schlammablagerungen sind klar

grünblau und mit 10 Zentimeter dickem, glashellem Eis bedeckt, das

knackt und klingt, wenn man darauf geht. Im Südosten verliert sich der

Blick in unendlich weite Ferne über unzählige Dünenkämme, und auch im

Nordwesten zieht sich ein Sandgürtel hin, der jedoch nicht besonders

umfangreich sein kann. Zwischen diesen beiden Gebieten erreicht die

Breite des Vegetationsgürtels höchstens zwei Kilometer, obwohl einzelne

Tamarisken sich hie und da ein wenig weiter fort vom Ufer verirren.

Unmittelbar am Flusse hat das Ufer gewöhnlich einen Schilfrand.

Ich wurde in aller Frühe von einem gewaltigen Knattern gegen den

Boden der Fähre geweckt; es war das aufsteigende „Kade“. Es steigt

fast gleichzeitig mit der aufgehenden Sonne; nachts ist es nicht

zu sehen. Wenn man frühmorgens mit einer Stange auf dem Grunde

entlang fährt, ist dieser hart und glatt wie Eis, später am Tage

aber fühlt er sich weich und uneben wie gewöhnlicher Sand an. Dann

ist das Kade bereits hochgegangen. Wenn das Treibeis an den Seiten

der Fähre entlang schrammte, klang es ungefähr, als ob man mit einer

Zuckerschneidemaschine Zucker zerkleinerte. Anfangs waren die Hunde

auf diese neue, unerklärliche Erscheinung wütend und bellten die

unschuldigen Eisschollen ohne Unterschied an, bald aber gewöhnten sie

sich daran und liefen, als diese zahlreicher und dichter geworden,

sogar auf ihnen an Land.

Oft werden wir von dem Treibeise gewarnt. Es geht ebenso tief wie die

Fähre und bleibt selbst stehen, häuft sich an, knattert und kracht,

sobald das Wasser nicht tief genug ist. Die Lopmänner behaupteten, das

Kade erhöhe die Geschwindigkeit des Wassers, was ich jedoch bezweifle,

da diese ewigen Kollisionen eher die entgegengesetzte Wirkung haben

müssen.

Am 2. Dezember legten wir bei einer Geschwindigkeit von 66 Zentimeter

in der Sekunde 23,17 Kilometer zurück, und die Windungen waren so

unbedeutend, daß die Luftlinie nicht viel kürzer sein dürfte. Der Fluß

stieg über Nacht ein wenig, aber das Wasser war noch immer ebenso

trübe, was wohl zu einem nicht geringen Teile der auf dem Grunde

vor sich gehenden Eisbildung zugeschrieben werden muß. Die äußerste

Dünenwand des Sandmeeres tritt etwas zurück und ist schließlich nicht

mehr zu sehen. Uferlagunen kommen noch immer vor; sie stehen mit dem

Flusse durch einen schmalen Kanal in Verbindung, aber die Mündung des

Kanals ist jetzt verstopft, so daß die dem Kade entflohenen Fische in

einer Falle sitzen. Die kleinen Seen sind beinahe immer nach ihren

Besitzern genannt, die hier allein das Fischrecht haben.

Zur Linken war es jetzt nicht weit nach dem früher von mir besuchten

Tarimarme Ugen-darja, den mächtige Wälder umgeben. Das nördliche

Sandgebiet hat auch aufgehört, und die Waldgebiete beider Flüsse bilden

jetzt eine zusammenhängende Waldgegend.

Eine schwache Brise genügte, um die Kälte fühlbar zu machen; die über

dem Kohlenbecken erwärmte Luft wurde fortgetragen, und die Tinte

gefror unaufhörlich in der Feder. Den Himmel bedeckten dichte Wolken,

die wie Tücher über der Erde lagen, ohne eine Schneeflocke von sich

zu geben. Abends aber glänzte die Sonne wie eine Kugel von glühendem

Golde unter diesem düsteren Thronhimmel hervor, und ihre Strahlen

erzeugten großartige Lichtwirkungen. Die ganze Lufthülle schien wie ein

brennbares Gas Feuer gefangen zu haben; die Schilffelder leuchteten

purpurn, die Pappeln breiteten ihre Zweige wie geöffnete Arme aus

und schienen sich an dem Abschiedskusse der untergehenden Sonne zu

berauschen, und die untersten Teile des Himmels glänzten in intensiv

violetten Schattierungen. Das schöne Schauspiel währte jedoch nur

einige Minuten, dann kam die Dämmerung und hüllte alles in ihren

gedämpften, eisengrauen Ton ein, und die Schilfstauden, die eben noch

ihre langen Speere wie eine Leibgarde zu Fuß bei festlicher Parade

geschultert hatten, standen wieder so einförmig und langweilig da wie

Gartenzäune bei uns zu Hause.

Wir sehnten uns nach Menschen, denn die Ufer waren so traurig still.

Gab es denn keine Hirten in dieser verlassenen Gegend? Das Wissen

unserer Wegweiser ging auf die Neige, und wir bedurften neuer Leute,

die das Land besser kannten.

Als die Dunkelheit undurchdringlich wurde, kommandierte ich Halt. Die

Kähne huschten wie Irrlichter über das Wasser, die Laternen schaukelten

auf ihren Stangen hin und her, und ihre Bilder im Wasser beleuchteten

die Stromringel auf der Oberfläche des Flusses und glänzten auf

den Eisschollen. Man sieht nichts weiter als diese Lichtpunkte vor

sich. Sie bleiben stehen und scheinen wie Leuchtkäfer auf das Ufer

hinaufzufliegen und dort im Schilfe umherzuhuschen. Wir folgten den

Kähnen und wählten einen Lagerplatz aus, der jedoch nicht recht für uns

paßte, da es dort an dürrem Holze fehlte. Um die Landschaft zu erhellen

und mit besserem Erfolge nach Brennholz suchen zu können, steckten die

Männer das ungeheuer dichte Schilf, welches die Uferterrasse bedeckte,

in Brand. Wie Bambusrohr knisternd, knallend und pfeifend wurde dieses

dürre Kamisch von den entfesselten Flammen verzehrt. Es wurde ein

riesenhaftes bengalisches Feuer, und sein wilder, gelbroter Schein fiel

auf das dunkle Wasser, wo er die Tausende von Treibeisschollen, die in

rastlosem Zuge vorbeitrieben, scharf beleuchtete. Diese schienen auf

der Pilgerfahrt nach einem gemeinschaftlichen Wallfahrtsorte begriffen

zu sein; sie folgten alle derselben großen Heerstraße, auf der sie

geboren werden und sterben, aber sie wetteiferten nicht miteinander,

sie gingen in schönster Ordnung, alle in demselben Takte. Sie zogen

vorbei wie Wassergeister, welche jeden Abend eine muntere Polonaise

tanzten, um die Beendigung der Jahresarbeit des Flusses zu feiern und

sich vor dem langen Winterschlafe noch gründlich zu amüsieren. Sie

glitten dahin wie eine Prozession friedloser Muselmänner mit weißen

Turbanen um die Köpfe, wie Freier, geschmückt mit Kränzen von kleinen

weißen Immortellen aus vergänglichem Eise.

Recht eigentümlich wirkte die große Fähre sowohl auf dem Fluß wie auf

das Ufer unseres Lagerplatzes +Ilek+ ein. Das Treibeis trieb

gerade gegen ihre eine Längsseite und strich so an ihr entlang, daß

es nachher eine ganze Strecke flußabwärts eine ganz gerade Richtung

beibehielt, die jedoch nach und nach wieder eingebüßt und in der

Strömung zerstört wurde. Gegen die 1,35 Meter hohe Uferterrasse

erzeugte die Fähre, die wie ein Wellenbrecher dämpfte, einen

Stromwirbel, der schon an demselben Abend begann, das lose Erdreich der

Terrasse zu unterminieren, so daß es nach und nach ins Wasser plumpste.

Ich fürchtete, daß es zu einem verhängnisvollen Rutsche kommen würde,

aber die Terrasse hielt.

Am 3. Dezember war der Fluß zu drei Vierteln mit Treibeis bedeckt,

welches Verhältnis natürlich im Laufe des Tages unaufhörlich wechselt.

Wo der Fluß schmal ist, wird die ganze Masse so zusammengedrängt, daß

vom Wasser gar nichts zu sehen ist; dann scheint es, als lägen die

Fahrzeuge eingefroren in einem treibenden Eisfelde. Was macht es uns

jetzt aus, ob es weht, wir werden von dieser nachdrängenden Schlange,

die sich zwischen den Ufern hinwindet, widerstandslos mitgenommen.

Dort jedoch, wo der Fluß wieder breiter wird, zerstreuen sich auch die

Eisschollen, und offenes Wasser kommt wieder zum Vorschein.

Die Eisschollen klirren munter gegen die gefrorenen Ufer; man wird

nicht müde, die streifige Marmorierung, diese glänzenden Eismuster,

diese Schlingen, Girlanden und langsamen Karusselle zu betrachten,

lauter wechselnde Muster, die von dem gesetzmäßigen Laufe des Stromes

vorgeschrieben werden. Die Geschwindigkeit war den ganzen Tag über die

beste, und wir schwebten ungehindert an üppigen Wäldern und mächtigen

Sandausläufern vorbei, die sich beständig in neuen, wunderbaren

Perspektiven zeigten. Doch es war nicht mehr so wie früher auf dem

ruhigen, spiegelblanken Jarkent-darja; jetzt erfüllte die Luft ein

Sausen, das immer stärker wurde, je mehr sich der Fluß verschmälerte,

und das von diesen Massen von Treibeis verursacht wurde. Die Eisränder

der Ufer näherten sich einander immer mehr, und es kann nur noch ein

paar Tage dauern, bis die Brücke fertig ist. Jetzt liegen sogar die

Teile des Flusses, in denen das Wasser langsam fließt, unter einer

Eisdecke, die so hell wie Glas schimmert. Der Wald wird wieder dünn,

der Fluß breiter, die Landschaft offener; man hat nach allen Seiten hin

freie Aussicht. Oft scheint der Fluß vor uns gar kein Ende zu nehmen;

er erstreckt sich geradeaus in die weite Ferne wie ein wunderbares,

weißes Band, eine wahre Milchstraße.

An der Kanalmündung +Daschi-köll+ überraschten uns zwei Reiter

am Ufer. Hassan Bek von Teis-köll hatte sie ausgeschickt, um uns

ausfindig zu machen. Der Sohn des Beks mit einem Gefolge von zehn

anderen Männern erwartete uns eine ziemliche Strecke weiter unten bei

+Momuni-ottogo+. Er hatte mit den beiden Spähern verabredet,

daß diese, falls sie uns träfen, ihn durch angezündete Feuer davon

benachrichtigen sollten. Sie ritten nun wieder zurück, und wir sahen

eine Rauchsäule nach der anderen aufsteigen, und als wir Momuni-ottogo

erreichten, brannte dort ein Feuer, und die ganze Gesellschaft

erwartete uns mit einem Dastarchan.

Hassan Beks Sohn brachte wichtige Nachrichten. Meine Karawane hatte

sich drei Tage in Teis-köll aufgehalten und sollte gestern nach

Jangi-köll und von dort weiter nach Argan, dem in Lailik festgesetzten

Vereinigungspunkte, ziehen. Da wir aber jeden Augenblick einfrieren

konnten und es von Wichtigkeit war, die Kamele nahe zur Hand zu haben,

schickte ich an Nias Hadschi und die Kosaken einen reitenden Eilboten

mit dem Befehl, sie sollten da, wo sie sich gerade befänden, bleiben.

Ferner erfuhr ich, daß sich mein alter Freund Chalmet Aksakal aus Korla

bei der Karawane befinde und Parpi Bai mich in Karaul erwarte.

Über die Eigenschaften des Flusses in diesen Gegenden wurde mir

mitgeteilt, daß er von Anfang Dezember bis Anfang März zugefroren

und dann noch einen halben Monat mit porösem Eise bedeckt sei. Das

Hochwasser erreiche diese von den Quellen so weit entfernten Gegenden

erst Anfang August und stehe Ende September oder Anfang Oktober am

höchsten. Nachher falle der Wasserstand täglich, sei aber einige Zeit

vor dem Zufrieren keinen Veränderungen unterworfen. Wenn der Fluß

zugefroren sei, steige das Wasser, was seinen Grund darin haben solle,

daß das Treibeis sich nach der Mündung hin zusammenpacke und zu einer

Art Damm aufstaue. Wenn dieses sich wieder verteilt habe, falle das

Wasser von neuem. Während des Juni habe es seinen tiefsten Stand, und

man könne dann an mehreren Stellen den Fluß zu Pferd durchwaten.

Es versteht sich von selbst, daß die Unterschiede zwischen dem

Hochwasser und dem niedrigsten Wasserstande im unteren Tarim, der so

weit vom Gebirge liegt, viel unbedeutender sein müssen als z. B. im

Jarkent-darja bei Jarkent oder im Aksu-darja bei Aksu. Je weiter

abwärts wir kommen, desto mehr gleichen sich diese Unterschiede

aus, und die Wassermenge wird auch in wesentlichem Grade von jenen

unzähligen Lagunen und Uferseen reguliert, welche die Ufer des

Tarim wie Schmarotzer, die sein Blut aufsaugen, begleiten. Die im

Jarkent- und Aksu-darja, im Chotan-darja und Kisil-su so gewaltige

Frühlingsflut verliert daher unterwegs nach und nach ihre ungestüme

Überschwemmungskraft. Denn erst müssen die Lagunen, die im Sommer

ausgetrocknet sind, neu gefüllt werden, wozu ungeheure Wassermengen

gehören. Erst nachdem sie den ihnen zukommenden Anteil erhalten haben,

macht sich das Hochwasser in den unteren Regionen fühlbar. Wenn der

Zufluß von oben sich verringert und aufhört, wirken diese Behälter

wieder als Reservoire. Um die Zeit, als wir Lailik verließen, hatte

das Hochwasser Momuni-ottogo und Karaul erreicht, jetzt aber, Anfang

Dezember, hatte es schon vor ein paar Monaten seine trübe Flut in die

äußersten Seen des Tarimsystems ergossen.

Bei Momuni-ottogo waren wir wieder mit freundlichen, dienstwilligen

Eingeborenen in Berührung gekommen. Die Nacht war dunkel und

bitterkalt, und der eintönige Zug des Treibeises wurde dann und wann

von einem eigentümlichen Laute übertönt, der dadurch hervorgebracht

wurde, daß unsichtbare Kräfte neue Netze von glashellem Eise über die

ruhigen Flächen des Flusses spannten. Der Tag war im ganzen hell und

freundlich gewesen; wir hatten eine lange lehrreiche Fahrt gemacht

und erfreuliche Nachrichten von den Unseren erhalten. Es war aber

auch schon der erste Adventsonntag, und wir standen auf der Schwelle

des Grabgewölbes des Tarim, das immer mehr mit Kränzen von weißen

Immortellen überhäuft wurde.

Zwölftes Kapitel.

Wir frieren fest und gehen ins Winterquartier.

Während der letzten drei Tagereisen nahm die Strömung an Schnelligkeit

zu; am 4. Dezember legten wir im Durchschnitt 1 Meter in der Sekunde

zurück, bisweilen aber war die Fahrt beinahe unangenehm stark,

und die Fähre strich längs der Ufer hin, daß es in den Eisrändern

krachte. Der Pappelwald hört nach und nach auf, und bei Karaul, wo der

Ugen-darja mündet (Abb. 50), ist das Land entweder ganz kahl oder mit

Kamischfeldern, kleinen Sanddünen (Abb. 52) und Tamarisken bedeckt.

Wir lagerten bei +Karaul+, denn dort erwarteten uns Parpi Bai

und eine große Zahl anderer Eingeborener. Mein alter, treuer Diener

von 1896 eilte an Bord, ergriff meine Hände und führte sie an seine

Stirn; er war so gerührt über das Wiedersehen, daß er lange kein Wort

hervorbringen konnte. Wie Islam Bai war auch er gealtert und graubärtig

geworden, aber er sah ebenso prächtig aus wie früher, um so mehr als

er jetzt eine besonders kleidsame Tracht trug, eine mit Pelz verbrämte

blaue Mütze und einen dunkelblauen Tschapan (Abb. 51).

Den nächsten Tag blieben wir in Karaul. Ich mußte eine astronomische

Beobachtung vornehmen und die Wassermenge des Ugen-darja und des Tarim

messen. Jener führte gar kein Treibeis, dieser aber war voll davon, und

das Messen war schwerer als gewöhnlich. Der Hauptfluß hatte jetzt 55,7

Kubikmeter, der Ugen-darja nur einige wenige. Das Wasser des Ugen ist

bis zu 69 Zentimeter Tiefe durchsichtig, das des Tarim bloß bis auf 8

Zentimeter. Noch 300 Meter unterhalb des Zusammenflusses kann man den

Unterschied zwischen dem Wasser beider Flüsse deutlich wahrnehmen.

Der Aksakal von Korla kam mir hier auch entgegen und brachte ein paar

Kisten mit Birnen und Trauben mit, sowie einige hundert Zigaretten, die

der russische Konsul in Urumtschi mir vor vier Jahren geschickt hatte,

die aber jetzt erst ihren Bestimmungsort erreichten.

Karaul ist der Punkt, wo der Tarim sein scharfes Knie macht, um nach

dem Lop-nor abzubiegen. Die Richtung ist Südost, und zeitraubende Bogen

kommen nicht vor. Die Stromgeschwindigkeit war stark, und als wir

einmal gegen einen im Grunde steckengebliebenen Pappelstamm stießen,

half das nachschiebende Treibeis der Fähre darüber hinweg. Es war

aber eine ungemütliche Geschichte; die ganze eine Seite wurde über

das Wasser gehoben, schrammte auf der Pappel entlang und knallte dann

förmlich auf die Wasserfläche nieder.

Der 7. Dezember war der letzte Tag auf dem Tarim im Schifffahrtsjahre

1899, das wußten wir schon am Morgen, denn die Karawane erwartete

uns bei Jangi-köll, wohin wir nur noch eine Tagereise hatten, und

kurz unterhalb dieses Punktes war der Fluß seit zwei Tagen in seiner

ganzen Breite zugefroren. Wir traten also die Fahrt mit gemischten

Gefühlen an; die Lailiker freuten sich, daß die Stunde ihrer Befreiung

geschlagen hatte, Islam und Kader sehnten sich nach ihren Kameraden

und nach dem Leben auf festem Boden, ich selbst war froh, daß die

Reise so gut geglückt war und an einem für meine Pläne so geeigneten

Orte endete; andererseits begann ich aber die letzte Tagereise mit

wehmütigen Gefühlen, denn ich würde die Fähre, die dritthalb Monate

mein friedliches Heim gewesen, mit Bedauern verlassen.

Drei Beke von den nächsten Dörfern und eine unabsehbare Reiterschar

begleiteten uns auf dem Ufer, doch an Bord durfte nur der Bek von

Jangi-köll, mit dem wir später noch viel zu tun haben werden.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 13 / 42 段