Stromgeschwindigkeit manchmal 100 Meter in der Minute überstieg. Die
Beks mit allen ihren Geschenken wurden an Bord verstaut, und vor uns
gingen zwei Lopkähne, der eine davon mit vier Ruderern. Dieser sah von
hinten prächtig aus, denn er war schmal wie eine Wanne, alle Männer
ruderten im Stehen, aber nur der letzte Mann war sichtbar, und die
vier Ruder wurden ohne Takt ins Wasser getaucht. Noch wuchs das Schilf
ziemlich dicht aber struppig durcheinander und stand in Gürteln und
unterbrochenen Feldern. Die Richtung des Bettes ist unbestimmt; große,
abgerundete Bogen gibt es nicht, wohl aber kleine, die sozusagen nach
dem einzuschlagenden Kurse umhersuchen und tasten. Die Wassermasse
teilt sich unaufhörlich um kleine Holme, wo man den verkehrten Weg
einschlagen könnte, wenn nicht die Kähne vorausgingen und die Ruderer
mit den Rudern sondierten (Abb. 43). Enge Passagen, steckengebliebene
Pappelstämme, Anhäufungen von Kamischwurzeln und Reisig, scharfe Ecken
und rauschende Stromschnellen halten uns in beständiger Spannung. Daß
das Bett sich neugebildet hat, sieht man auch daran, daß hier und dort
mitten darin frische Pappeln stehen, die aber zum Tode verurteilt
sind. Sie waren so gefährlich und drohend, daß wir das Zelt und das
meteorologische Häuschen abnehmen mußten. Rechts hatten wir eine ganze
Reihe Seen; der letzte von ihnen heißt +Buja-köll+ und mündet
wieder in den Hauptfluß ein; der Vereinigungspunkt bildet ein Labyrinth
von kleinen Eilanden.
Hinter dieser Stelle tritt die +Tschong-ak-kum+, wie die große
Sandwüste hier genannt wird, auf. Die Dünen rücken uns auf beiden
Seiten immer näher, und der Vegetationsgürtel schrumpft plötzlich
zusammen.
Als die Dämmerung hereinbrach, siedelte ich in die Jolle über und
folgte dem Geschwader der Lopleute. Mit schwindelnder Fahrt ging es
über kleine Wasserfälle, und man befand sich in ununterbrochener
Spannung. Als wir in die Sandwüste hineinkamen und auf beiden Seiten
hohe Dünen hatten, wurde es Nacht, und wir machten Rast. Die Lopleute
hatten Treibholz in ihren Kähnen gesammelt, und bald erhellten zwei
schöne Feuer die Wüstenlandschaft und ihren unverhofften Gast, den
Jumalak-darja. Der Fluß wird hier auch Tärim, Jangi-darja oder
Tschong-darja genannt.
22. November. Der Jumalak-darja fließt nach Südosten; sein vier
Jahre altes Bett bohrt sich durch die peripherischen Teile des öden
Wüstenmeeres, und die Dünen, die es gewagt haben, sich ihm in den Weg
zu stellen, sind von unwiderstehlichen Wassermassen über den Haufen
geworfen worden. Der Sand ist ohnmächtig dieser wilden Kraft gegenüber,
die, den Fallgesetzen gehorchend, die tausendjährige Wüste durchbricht,
sich zwischen den aufgestellten Sandwogen einen Weg bahnt und an ihrer
Basis zehrt.
Auf beiden Seiten erheben sich Dünen bis zu 15 Meter Höhe, auf
dem rechten Ufer aber, wo der Sand mächtiger ist, ist er oft auch
unfruchtbar. Dann und wann passieren wir eine einsame Pappel, während
die Tamarisken, diese Kinder des Wüstensandes, recht zahlreich
auftreten und schmale Kamischbänder sich meistens an beiden Ufern
hinziehen. Es ist merkwürdig, daß die Dünen eine so feste Basis
haben können, daß sie aus der Wasserfläche als ganz senkrechte Wand
emporsteigen können; dies kommt daher, daß sie unten feucht sind.
Höher hinauf ist der Sand ebenso lose wie gewöhnlich; er rieselt in
kleinen Furchen an der Düne herunter und bildet da, wo die senkrechte
Wand anfängt, kleine Kaskaden und Fälle, und er fährt so lange fort zu
rinnen, als er von oben herab Zufuhr erhält; läuft aber das Stundenglas
ab, so ist die Düne tot und von Wind und Wellen fortgetragen. Doch
unter anderen Formen wird sie wieder auferstehen und ihre rastlose
Wanderung fortsetzen. Auch das Wüstenmeer hat sein Leben, das hier
ebenso gesetzmäßig pulsiert wie im Schatten der Palmen.
Auf diesen unglaublich öden Ufern sah alles tot aus; keine Menschen,
keine Tiere, nicht einmal Raben und Geier, diese Gäste der Einöden. Nur
ein „Saldam“ war in einer Pappel zu sehen; es ist eine aus Ästen und
Zweigen geflochtene Art Nest, in dem sich der Schütze versteckt, wenn
er auf die Antilopen wartet, die bei Sonnenaufgang zur Tränke kommen.
Wieder sind wir von Friedhofstille umgeben; kein Gruß dringt aus der
Tiefe der Wüste zu uns, nur die Strömung singt dem Sande ihr murmelndes
Lied, das auf den Lippen des Tarim bald im Froste erstarren wird.
Dieselbe Strömung führt uns mit jeder verrinnenden Stunde immer tiefer
in die Dünen hinein. Mit seltsamen Gefühlen gleitet man in diesem
unbekannten Lande, das nicht einmal unsere Lopmänner je besucht hatten,
auf dem Wasser dahin. Jetzt, wenn jemals, dienten sie als Avisos.
Sie senken die Ruder ins Wasser und verschwinden in der nächsten
Biegung, sie sind eine Weile außer Sicht, tauchen aber wieder vor uns
auf, sobald sie eine kritische Stelle bemerkt haben. Sie umfahren
uns wie Schaluppen eine Fregatte, gehen dann voraus und zeigen das
Fahrwasser. Und die schwere Fähre gleitet ruhig den Jumalak-darja
hinab. Wunderbar, diese Sandwüste -- auf dem +Wasser+ zu
durchkreuzen; einst war ich in derselben Wüste aus Mangel an Wasser
fast verschmachtet!
Einmal verkündeten die Kahnleute, daß sich der Fluß in fünf Arme teile.
Sie führten uns nach demjenigen, den sie für den größten hielten.
Das Wasser schäumte weiß zwischen ein paar Reisigholmen; es galt,
den rechten Kurs zu halten. Die Fähre glitt in den Durchgang hinein,
schrammte auf beiden Seiten, gelangte wieder in offenes Wasser und
stieß dort auf Grund. Das Bett war querüber gleichmäßig seicht, aber
vorwärts mußten wir, und wir kamen auch über diese Stelle hinweg, dank
den wenigen Zentimetern, die das Wasser während des letzten Tages
gestiegen war; wäre es um ebensoviel gefallen, so wäre es uns schlimm
gegangen. Wie oft streifte der Boden der Fähre unmittelbar über Bänke
und Untiefen hin, ohne daß wir es ahnten! Vielleicht oft so dicht, daß
nicht ein Blatt Papier dazwischen Raum gefunden hätte. Noch war uns
aber der Fluß gewogen, noch führte er uns vorwärts, dem Ziele entgegen.
In einem Tograkhaine, wo wir eine Weile landeten, waren sehr viele
Tigerspuren. Wir gingen eine Strecke landein und hielten von Hügeln
Ausschau, doch ist es mir nie geglückt, dieses grausame, in seiner
imponierenden Kraft dennoch fesselnde Tier zu Gesicht zu bekommen.
Der ganze Jangi-darja oder „neue Fluß“ gibt uns wieder einen Beweis für
die Neigung des Flusses, nach rechts zu drängen. Am linken Ufer finden
wir, daß das Wasser nach dem Flusse zurückstrebt, am rechten, daß es
sich von ihm zu trennen sucht, um das Terrain immer weiter nach rechts
hin vorzubereiten. In alten Zeiten ergoß sich der Tarim in den alten,
nördlichen See Lop-nor, jetzt mündet der Fluß in den südlichen; diese
Verlegung der Mündung war ein Riesenschritt nach rechts.
Während der letzten Tage sahen wir nicht viel Eis; die Strömung war
zu reißend, als daß es sich hätte ansetzen können. Doch ging die
Temperatur schon gegen 8 Uhr auf -6 Grad herunter. Mit jedem Tage
wird der Wettlauf zwischen uns und dem Zufrieren des Flusses immer
interessanter. Viele Tage konnten wir nicht mehr vor uns haben, denn
die Kälte wurde von Nacht zu Nacht größer. Doch so lange wir die Fähre
behalten durften, war es herrlich, und mit Zittern und Zagen dachte
ich an den Tag, an welchem wir gezwungen sein würden, uns von unserem
gesicherten Heim zu trennen und unsere schwimmende Wohnung im Stiche zu
lassen. Wie man das Haus liebt, in dem man lange behaglich gewohnt hat,
so würde ich diese Flotte, die uns so treu durch Ostturkestan getragen
hatte, vermissen. Ich würde die große Annehmlichkeit vermissen, Tag
und Nacht das Lager aufgeschlagen zu wissen, alles fertig und alles
bereit zu haben, keine Arbeit zu haben mit Belasten und Abladen,
Zeltaufschlagen und Füttern der Karawanentiere. Jeden Augenblick hatte
ich die Dunkelkammer zur Verfügung und brauchte nur meine Hand mit
einem Becher auszustrecken, um ihn mit süßem, kaltem Wasser gefüllt
zurückzuziehen.
Am 23. November hatten wir noch immer 70,7 Kubikmeter Wasser. Es langte
also noch, aber das Eis -- wann würde dieses uns den Weg abschneiden?
Wir wollten vorwärtsgehen, bis wir die Eisfesseln nicht mehr sprengen
konnten, und wenn wir dann einfrören, würden wir ins Winterquartier
gehen, ein großes Lager anlegen und die Karawane aufsuchen. Landeten
wir in einer waldlosen Gegend, so sollte der Rumpf der Fähre Stück für
Stück als Brennholz verwendet werden. Die alte, gute Fähre! Es sollte
ihr Lohn sein, daß sie uns, nachdem sie uns ans Ziel getragen, auch im
Loplande an den Winterabenden Licht und Wärme spendete!
Elftes Kapitel.
Im Kampf mit dem Treibeise.
Am Anfange unserer Fahrt vom 24. November machte der jetzt von Wald
begleitete Tarim ein paar große Bogen und nahm darauf die Form eines
ziemlich regelrechten ~W~ an. Dann und wann begegneten wir
Lopfischern; an Stangen vor ihren provisorischen Hütten sahen wir lange
Reihen von zum Trocknen aufgehängten Fischen. Hier und dort hing eine
getrocknete Fischhaut an einer Stange am Ufer. Dies bedeutete, daß
hier nicht von jedermann gefischt werden durfte und daß der, welcher
herkömmlicherweise hier Anspruch auf die Fischereigerechtigkeit erhob,
sein Wahrzeichen aufgerichtet hatte.
An einer gefährlichen Stelle hing es an einem Haar, daß wir Schiffbruch
gelitten hätten. Es war eine scharfe Biegung, wo die ganze Strömung
unmittelbar am Fuße der Erosionsterrasse entlang ging. Eine dadurch
unterminierte gewaltige Pappel war über den Fluß gefallen und lag, etwa
einen Meter über der Wasserfläche, wagerecht gerade über demjenigen
Drittel der Breite, wo die Strömung war (Abb. 44). Die übrigen beiden
Drittel nahm ein langsam kreisender Wirbel mit Gegenströmung ein. Ein
Lopkahn konnte mit Leichtigkeit unter dem Stamme durchgleiten; wäre
aber die Fähre damit in Kollision geraten, so wären Zelt, Kisten und
schwarze Kajüte unfehlbar über Bord gefegt worden, und wäre die Fähre
dabei in eine schräge Lage gekommen und hätte ihr Oberbau genügenden
Widerstand geleistet, so wäre sicher die ganze Herrlichkeit gekentert.
Es wäre zu einer Kraftmessung zwischen dem Oberbau und der Pappel
gekommen, und der Baum war so massiv, daß er ganz danach aussah, es mit
jedem aufnehmen zu können.
[Illustration: 44. Drohender Schiffbruch. (S. 112.)]
[Illustration: 45. Kähne auf dem unteren Tarim. (S. 115.)]
[Illustration: 46. Tokkus-kum, das Nordufer der Sandwüste. (S. 115.)]
[Illustration: 47. Dorf Al-kattik-tschekke. (S. 116.)]
Gerade an diesem Punkte ging die große Fähre der Flottille voran und
glitt sorglos auf ihrer ruhigen Bahn dahin, ohne an einen Hinterhalt
zu denken, als Palta just in dem Augenblicke, da wir in den Sog der
Strömung hineintrieben, einen verzweifelten Schrei ausstieß, denn
wir hatten nur einige zehn Meter die Pappel wie eine Barriere vor
uns. Die Stangen reichten hier nicht bis auf den Grund, weshalb
die Männer paarweise zu den neugezimmerten Stoßrudern griffen. Das
war ein Geschrei und eine Aufregung! Mit rascher Fahrt trieben wir
auf die Pappel zu und sahen, wie ernst die Lage war. Die Strömung
bildete gerade an dieser Stelle einen kleinen Wasserfall, und die
Geschwindigkeit war so groß, daß ein Schiffbruch das Werk eines
Augenblickes hätte sein können. Der Gedanke durchzuckte mich, daß ich
wenigstens die fertigen Kartenblätter und die Notizbücher retten müßte,
denn bei einem Schiffbruche in diesem Strudel würde alles in der trüben
Wassertiefe verloren gehen. Die Leute arbeiteten mit grimmiger Kraft.
Islam und der Bek standen vorn, bereit, die Pappel anzupacken und so
den Stoß abzuschwächen. Da gelang es den Lailikmännern im letzten
Augenblick, die Fähre mit Gewalt aus der Strömung heraus- und in den
Wirbel hineinzustoßen, wo sie sich langsam im Kreise drehte und in die
Gegenströmung hineinglitt. Natürlich wäre sie wieder nach der Pappel
hingetrieben, wenn nicht Alim ins Wasser gesprungen, das nur 1,4 Grad
warm war und ihm bis an die Achselhöhlen reichte, und mit einem Tau
auf das linke, niedrige Ufer geklettert wäre. Er zog uns dann an der
gefährlichen Stelle vorbei.
Während wir uns im Wirbel drehten, sausten Kasim und Kader mit der
kleinen Fähre und der Jolle an uns vorbei, ebenfalls gerade auf die
Pappel los. Sie führten jetzt ein geschicktes Manöver aus. Sie waren
vor dem Ungetüm gewarnt worden und hatten rechtzeitig die Jolle
losgemacht, die sie im Vorbeifahren mit einem kräftigen Stoße nach der
großen Fähre hintrieben. Mit Hilfe ihrer Ruder war es ihnen gelungen,
so dicht an das rechte Ufer heranzukommen, daß Kasim mit einer Leine
an Land springen konnte. Die kleine Fähre war indessen schon bei der
Pappel angelangt, und es fehlte nicht viel zu einer Havarie, um so mehr
als Kasim sich an den Ästen festhalten mußte, um nicht über Bord gefegt
zu werden.
Hätte dieses Abenteuer in dunkler Nacht stattgefunden, so wäre das
Zufrieren des Flusses an der Unterbrechung der Wasserreise unschuldig
gewesen. Doch auch diesmal hatten wir das Glück als Gast an Bord und
trieben flußabwärts weiter. Mit jedem Tage stieg die Verwunderung
der Lailikmänner. Sie meinten, der Fluß müsse doch einmal ein Ende
nehmen, aber er eile immer weiter nach Osten. Es schwindelte ihnen
beim Gedanken an die wachsende Entfernung, und sie konnten sich keinen
klaren Begriff davon machen. Es war ihnen nur, als sei ihr Haus und
Heim in Lailik in weiter Ferne hinter Stürmen und Nebeln, Sandwüsten
und undurchdringlichen Wäldern verschwunden.
An Bord war es wieder ruhig, und die Klänge des Symphonions
beherrschten bei Sonnenuntergang die Stimmung. Islam brachte mir
gerade einen Teller mit frischgekochtem Fisch, der delikat duftete:
da ertönten wilde Hilferufe von flußaufwärts, wo Kasim und Kader
hinter uns zurückgeblieben waren. Das Geschrei war so durchdringend
und angstvoll, daß wir alle bestürzt waren. Ich gab Befehl sofort
zu landen, aber die Fähre befand sich mitten auf dem Flusse, und es
dauerte eine Weile, ehe die Leute sie ans rechte Ufer bringen konnten.
Ich fürchtete, daß einer der Männer am Ertrinken oder schon ertrunken
sei.
Sofort nach dem Landen eilten alle Männer durch Schilf und Gestrüpp das
Ufer hinauf. Ich sollte unverzüglich Nachricht über das Vorgefallene
erhalten. Bald kam einer der Lopmänner mit dem Berichte, daß die
Proviantfähre an einem aus dem Flußgrunde aufragenden Baumstumpfe,
der kaum bis an die Oberfläche reichte und nicht beachtet worden sei,
gekentert sei. Da kein Menschenleben verloren gegangen, war ich wieder
beruhigt und verzehrte meine inzwischen kaltgewordene Portion Fisch.
Jetzt folgte ein tragikomisches Schauspiel. Auf der Oberfläche der
Strömung kamen viele unserer Sachen in vergnügtem Durcheinander
fröhlich angetanzt; ihnen auf den Fersen folgten die Lopkähne, um
aufzufischen, was sich noch retten ließe. Da sah man Eimer und
Schüsseln, Kisten mit Mehl und Obst, Brotfladen, schwimmenden gelben
Seerosen vergleichbar, Stangen, Ruder und andere leichte Dinge. Einige
Sachen waren an der Unglücksstelle selbst, wo auch unsere beiden Schafe
an Land geschwommen waren, gerettet worden, verschiedenes aber, wie
eine Metallaterne, eine Axt, ein Spaten u. dgl., war unwiederbringlich
verloren.
Jetzt lagerten wir da, wo wir waren, und Islam und Alim zündeten ein
paar gewaltige Feuer an. Erst spät abends, nachdem ich mehrere Stunden
in der Dunkelkammer gearbeitet hatte, kehrten die anderen mit den
verunglückten Booten und deren klatschnassem Inhalt zurück. Kasim war
sehr niedergeschlagen; er habe aber dem Mißgeschicke nicht vorbeugen
können. Sie waren in einen Stromwirbel geraten, wo sie einem auf Grund
gestoßenen Stamme auszuweichen versucht hatten, und waren darauf von
der Strömung unwiderstehlich einem anderen zugetrieben worden, den sie
nicht gesehen und vor dem sie sich nicht mehr hatten hüten können. Die
Jolle erhielt den ersten Stoß und einen langen Riß an der einen Seite,
glücklicherweise über der Wasserlinie. Kader, der nicht schwimmen
konnte, hatte sich in die Jolle gerettet, als die Fähre kenterte,
Kasim aber schwang sich auf den Stamm und blieb dort, um Hilfe rufend,
sitzen, bis der Kahn anlangte. Sie hatten dann nach den verlorenen
Sachen gesucht, das Wasser aus der Fähre und der Jolle geschöpft und
sich schließlich zu uns begeben, wo Männer und Sachen an den Feuern
nach und nach trocken wurden.
25. November. Die „Schang-ja“ oder Beke von Tschong-tograk und Arelisch
erwarteten uns heute und hatten ein paar Kähne mitgebracht, so daß
unser Geschwader jetzt zehn Fahrzeuge zählte, die in feierlicher
Prozession den Fluß hinabglitten (Abb. 45). Die beiden Beke nahmen
rechts und links von Palta Platz und halfen beim Rudern, so daß wir
jetzt etwas schneller als die Strömung gingen. Meine eine Jollenhälfte
wurde zur allgemeinen Heiterkeit von einem ungeübten Schiffer
manövriert, während Islam damit beschäftigt war, ein Stück Leder über
den Riß der anderen Hälfte zu nähen. Bei +Tokkus-kum+ (neue Dünen)
lagerten wir (Abb. 46). Unsere muhammedanischen Freunde glaubten, wenn
das Wetter still bleibe, könnten wir die Reise noch 20 Tage fortsetzen;
nach einem Buran aber könne der Fluß in einer einzigen Nacht zufrieren.
Er gefriere von der Mündung aufwärts, also gegen die Strömung. Sie
wollten beobachtet haben, daß das Wasser um so schneller fließe, je
kälter es sei, was theoretisch richtig sein mag, für das Auge aber kaum
bemerkbar ist.
Am folgenden Tage trieben wir gerade auf die höchsten Partien von
Tokkus-kum zu, riesenhafte, außerordentlich imponierende Anhäufungen
von gelbem Flugsand. Sie sind ein Ausläufer der großen Wüste, die hier
bis an das rechte Ufer des Flusses heranreicht: die Basis der Dünen
wird vom Wasser zerfressen und unterwühlt. Es war die gewaltigste
Sandanhäufung, die ich gesehen habe. Die Fähre legte am linken Ufer an,
und wir ruderten in Kähnen hinüber und erstiegen die losen Abhänge,
auf denen man in den Sand einsinkt und mit ihm abrutscht. Endlich
erreichten wir doch den Kamm der äußersten Düne, die sich wie eine
steile Wand über dem Flusse erhebt. Hier liegt dem Beschauer eine
selten großartige Landschaft zu Füßen, und man erstaunt über die
eigentümlichen Formen, in welchen die tätigen Kräfte der Erdrinde
Gestalt angenommen haben. Wohl bin ich früher durch das Meer der Wüste
und über berghohe Dünenkämme gewandert und habe über ihre erstarrten
Wogen von Sand und wieder Sand hingeschaut, und nach Süden hin breitete
sich auch jetzt eine solche Landschaft aus. Hier aber standen wir an
der nördlichsten Grenze der Sandwüste, und zwar an einer so scharfen
Grenze, wie man sie nur an den Küsten eines Meeres oder an den Ufern
eines Sees findet. Die äußerste Dünenreihe bildet eine Mauer, einen
Wall, einen geschweiften Bogen von lauter Sand, der in einem Winkel
von 32 Grad unmittelbar nach dem Wasser abstürzte. Die Feuchtigkeit,
die das Flußband sowohl in Gestalt reichlicher fallenden Taus wie
als mechanisch aufgesogene Nässe begleitet, verleiht hier dem Sande
kräftigeren Halt als im Inneren der Wüste; dadurch entsteht das
eigentümliche Relief von Einsenkungen, Terrassen und Kegeln, das
man auf der Abbildung 46 sieht. Die Erosion an der Basis der Düne
verursacht unaufhörlich Sandrutsche; der Sand stürzt hinunter und
bildet Kegel. Der fortgeschwemmte Sand lagert sich nicht weit davon
ab und bildet Bänke und Anschwemmungen. Wenn man diese Sandmauer von
dem gegenüberliegenden linken Ufer betrachtete, sah sie ganz senkrecht
aus, und man glaubte, die Männer würden sich den Hals brechen, als sie
ungestüm den Abhang hinunterliefen und neue Abstürze und Rutsche des
Sandes verursachten. Die Dünen waren hier ungefähr 60 Meter hoch; die
Männer oben auf dem Kamme erschienen verschwindend klein.
Die Aussicht über den Fluß war großartig. Tief unter uns schlängelte
sich das Wasser wie in einem Kanal und verschwand im Osten in bizarren
Bogen. Auf der östlichen Flanke dieser kolossalen Sandanhäufung war
die Grenze ebenso scharf; dort setzte ohne jeden Übergang Tograkwald
ein, und die Pappeln standen in üppigen Gruppen unmittelbar am Fuße der
Ostabhänge der Dünen.
In +Al-kattik-tschekke+ wohnt Bek Istam und mit ihm zehn Familien
in Hütten von Stangen und Kamisch (Abb. 47). Die Hütten liegen alle
auf einem Haufen, um Kälte, Wind und Sommerhitze möglichst abzuhalten.
Die ganze Bevölkerung -- etwa 40 Personen, Männer, Weiber und Kinder
in schreienden Farben, zerlumpt und häßlich -- wurde auf einer Platte
verewigt; darunter war ein neunzigjähriger Greis, der vor 60 Jahren
vom Kara-köll hierher gekommen war. Er kauerte am Feuer, war blind und
klagte darüber, daß er seine Söhne verloren habe und sich jetzt niemand
seiner annehme. Er erzählte von den wechselnden Betten des Tarim, aber
das Gedächtnis hatte nachgelassen, und seine Angaben waren daher nicht
zuverlässig.
Nachdem wir den Fluß gemessen hatten, der jetzt 75,4 Kubikmeter Wasser
in der Sekunde führte, fischte Istam Bek in einer mit 4 Zentimeter
dickem Eise bedeckten Bucht innerhalb einer Schlammbank. Die Fischerei
wurde wie Seite 106 angegeben betrieben, mit dem Unterschiede, daß
jetzt zwei Netze benutzt wurden. Das erste wird in die Mündung
gelegt, dann wird ein etwa 10 Meter breiter Eisgürtel aufgehauen;
an dem neuen Eisrande wird das zweite Netz hinabgesenkt und mit dem
ersten verbunden. Das Wasser ist nur einen Meter tief. Es ist jedoch
wahrscheinlich, daß sich die Fische bei dem Lärm in den innersten
Teil der Bucht zurückziehen. Nun wird wieder ein Gürtel von 10 Meter
Breite aufgehauen und an dem neu entstandenen Eisrande das erste Netz
ausgespannt. Dieses Manöver wird so lange wiederholt, bis nur noch
der innerste Teil der Bucht freibleibt; es ist dann leicht, alle dort
vorhandenen Fische zu fangen. Das Netz wird durch am unteren Rande
angebrachte Steine und am oberen befestigte trockene Binsen im Wasser
vertikal gehalten. An dem Schwanken dieser Binsen sieht man, wenn ein
Fisch sich in den Maschen gefangen hat; dann wird der verdächtige Teil
des Netzes behende mit dem Ruder emporgehoben und der Fisch mit einem
Knüppel auf den Kopf geschlagen und ins Boot geworfen.
Unsere Tage waren jetzt gezählt, das war sonnenklar; denn wenn sich
auch die Temperatur des Wassers bei Tag ein wenig über Null hielt,
so war sie doch nachts unter dem Gefrierpunkt, und morgens waren die
Fähren eingefroren und mußten erst losgehauen werden. Die Lopleute
hatten uns darauf vorbereitet, daß, sobald das erste Treibeis sich zu
zeigen anfinge, es nur noch zehn Tage bis zum gänzlichen Zufrieren
dauern würde. Mit steigender Spannung erwarteten wir diesen Augenblick.
Er trat am 28. November ein. Als ich am Morgen aus dem Zelte kam, fand
ich den ganzen Fluß mit porösem, weichem Eisschlamme übersät, kleinen
Nadeln und Kristallen, die sich auf dem Grunde, jedenfalls unter der
Wasserfläche bilden und sich zu Fladen und Schollen, die auf der
Oberfläche oft schneeweiß sind, vereinigen. Dieses Treibeis, welches
ein sicheres Anzeichen des nahe bevorstehenden Zufrierens des Flusses
ist, wird „Kömul“ oder „Kade“ genannt. Es treibt die Fische aus dem
Flusse in die Buchten und die Uferlagunen. Wenn sich Kömul zeigt, weiß
man also, wo man mit größter Aussicht auf guten Fang die Netze auslegen
muß. Dann sind auch alle Lopleute draußen, um ihren Vorrat für den
Winter einzusammeln.
Der Morgen war düster und kalt und der Himmel umwölkt. Mit Beilen und
Brechstangen wurden die Boote aus ihren nächtlichen Banden befreit,
doch sie hatten an der Wasserlinie einen Eisrand, der den ganzen Tag
sitzenblieb. Um ihre Kähne zu schützen, ziehen die Lopmänner sie nachts
aufs Land. Alles ist gefroren; unsere Seile sind hart wie Holz, und der
Strommesser steckt in einer Eishülse, die vor der Benutzung aufgetaut
werden muß. Wir heizten vorn und im Achter und froren trotzdem, aber
die Leute waren guten Mutes und sangen den ganzen Tag; ich argwöhne,
daß die Männer von Lailik gar nichts gegen das Einfrieren hatten, für
sie bedeutete es ja, daß die Reise zu Ende war und sie wieder nach
Hause zurückkehren konnten.