links gerade in einer scharfen Biegung nach Norden einmündet. Es fängt
an, im Zelte grimmig kalt zu werden, und ich pflege in der Jolle Platz
zu nehmen, um mich ein bißchen der Sonne zu erfreuen. Die Temperatur
des Wassers ist jetzt mittags nur 2 Grad über Null, und die langen
Stangen haben unten eine Eishülse. In Biegungen, in denen die Südsonne
nicht ankommen kann, ist die Uferlinie von einem fußbreiten, höchstens
12 Millimeter dicken Eisrande eingefaßt, der jetzt ein wenig über der
Wasserfläche schwebt, die gefallen war, seit er sich gebildet hatte.
Wir mußten im Dunkeln lange nach einem geeigneten Lagerplatze suchen.
Islam und Nasar gingen zu Fuß und waren bald außer Sicht. Doch spät
abends leuchtete in der Ferne ein Feuer. Sie hatten an einer Uferstelle
Halt gemacht, wo eine alte Sattma stand, und nährten nun, ohne
Rücksicht auf die Hütte und ihren Besitzer, das Feuer mit dem dürren
Holze.
Unsere Tage flossen ruhig, still und einförmig dahin. Das Eintreten
des Winters veränderte unsere Lebensweise nur wenig. Es ging nur mehr
Brennholz drauf, aber unser Lieferant brummte nicht; es handelte sich
bloß darum, im Dunkeln passende Stellen mit trockenem Holze zu finden,
denn mit solchen, wo nur junge Bäume wuchsen, war uns wenig gedient.
Ich wurde jetzt erst um 6½ Uhr geweckt, und es war wenig angenehm,
bei 11-12 Grad Kälte aufzustehen und die eiskalten Kleider anzuziehen.
Die Toilette wurde daher mit einer virtuosenhaften Geschwindigkeit
abgefertigt, zu der die Gründlichkeit in umgekehrtem Verhältnis stand.
War man angekleidet und hatte man um 7 Uhr die ersten meteorologischen
Ablesungen gemacht, so war es um so schöner, nach dem Feuer eilen zu
können, das in der Morgenkälte lebhaft brannte, nachdem es über Nacht
den Boden um sich herum erwärmt hatte. Wenn ich ans Ufer komme, begrüßt
mich von allen Seiten ein freundliches, höfliches „Salam aleikum“.
Die Männer sitzen dann gewöhnlich beim Frühstück, das aus gekochtem
Schaffleisch mit Bouillon, worin Brotstücke schwimmen, und Tee besteht.
Auch ich verzehre nun mein Frühstück am Feuer. Darauf werden die
gewöhnlichen Ufermessungen vorgenommen, und wenn alles fertig ist und
die Lebensgeister wieder angeregt sind, kommandiere ich „Mangele“
(Weiterfahren!), und in einem Augenblick sind die Taue gelöst, die
Stangen im Wasser, und die Fähre setzt ihren langen Weg den Tarim hinab
fort.
Der Fluß ist glücklicherweise so tief, daß wir nur selten auf Grund
stoßen, und in den meisten Fällen können wir uns mit den Stangen
wieder flottmachen. Das Achterdeck gewährt einen recht malerischen
Anblick. Männer, Schafe, Hühner, Säcke, Kisten durcheinander, und eine
Rauchsäule zieht von ihrem Feuer über den Fluß hin, so daß die Fähre
von fern wie ein Dampfer aussieht. Dort wird Brot gebacken, meine
gewaschene Wäsche an ausgespannten Leinen getrocknet, schmutziges
Geschirr abgewaschen und Werkzeuge und Hausgerät angefertigt. Naser
war damit beschäftigt, mit dem Beile ein gewaltiges Steuerruder
zurechtzuhauen, mittelst dessen man mit der in Gegenströmung geratenen
Fähre würde ausbiegen können. Kasim und Kader haben sich in den Besitz
zweier Kähne gesetzt, mit denen sie die kleine Fähre manövrieren, wenn
die Stangen nicht bis auf den Grund reichen. Wenn der Tag einförmig zu
werden beginnt, wird von allen Seiten ein Lied angestimmt, das in dem
Schweigen der Wälder recht stimmungsvoll erklingt. Gegen Abend erstirbt
jedoch der Gesang. Alle sehnen sich nach dem großen Lagerfeuer, aber
wir fahren noch eine ziemliche Weile nach Sonnenuntergang im Mondschein
weiter. Keine Feuer leuchten an diesen einsamen Ufern, nur die Reflexe
des Mondes folgen geschäftig den Ringeln auf der Wasserfläche, und das
Achterdeckfeuer wirft einen matten Schein auf das Schilf am Uferrande.
Wenn ich endlich „Indi toktamiß“ (Anhalten) kommandiere, wird es an
Bord lebendig. Im Nu wird die Fähre festgemacht, einige Feuerbrände
und alles notwendige Küchengeschirr an Land getragen, in einem
gewaltigen Topfe der Asch (Reispudding) mit Fleisch und Gemüse
zubereitet und die Kiste mit meinem Service, Tee, Gewürzen und
Konserven neben das Feuer gestellt, wo jetzt auch ich mein spätes
Mittagessen zu verzehren pflege. Alle Zutaten zum Pudding sind an
Bord vorbereitet worden, und es dauert daher auch nicht lange, bis
Islam mit der Meldung „Asch taijar“ erscheint. Nicht lange währt es,
so legen sich die Männer um das Feuer herum in ihren Pelzen schlafen;
solange jenes groß und hoch ist, lassen sie den Pelz vorn offen,
doch sobald sie schläfrig werden, hüllen sie sich ganz darin ein und
kriechen näher an das verkohlende Feuer heran, das nachts sich selbst
überlassen bleibt. Sie schnarchen schon eine gute Weile, ehe ich mit
den Tagesaufzeichnungen fertig bin und ihrem Beispiele folgen kann.
Zehntes Kapitel.
Der Jumalak-darja auf dem Wege durch die Sandwüste.
Am 14. November wurde die Tagereise mit einer mittleren Geschwindigkeit
von 44 Metern zurückgelegt. Während der Nacht hatte sich Eis zwischen
den Fahrzeugen der Flottille gebildet, die als festgefrorenes Ganzes
am Ufer lag. Nur für die kleine Jolle war dies gefährlich, denn die
scharfen Eisscheiben konnten wie Messer auf ihren straffgespannten
Segeltuchrumpf wirken. Die Uferanschwemmungen sind steinhart und geben
einen harten, scharrenden, fast klingenden Ton von sich, wenn sie mit
den beeisten Stangen in Berührung kommen. Während des Tages wurde
jedoch nur eine einzige Treibeisscholle beobachtet, die in dem trüben
Wasser kaum zu sehen war. Noch geht der Erdfrost nicht tiefer als ein
paar Zentimeter, wodurch gerade an der Uferlinie eigentümliche Leisten,
Scheiben und Wülste entstehen, nachdem der darunterliegende lose
Schlamm fortgespült worden ist. Doch sobald die Sonne etwas wärmende
Kraft erhalten hat, werden sie wieder weich und fallen polternd ins
Wasser. Wildgänse sind nicht mehr zu sehen.
In einiger Entfernung von uns standen vier Männer wie Bildsäulen und
betrachteten uns. Als wir jedoch näherkamen, nahmen sie Hals über Kopf
Reißaus, ihre Habseligkeiten und vier böse Hunde zurücklassend, die uns
wohl eine Stunde unter wütendem Bellen verfolgten. Später sahen wir
ihre Pferde weiden; auch diese folgten uns am Ufer.
Als es dunkel wurde, mußte Rehim Bai, der eine unserer Cicerones, mit
dem Kahne vorausgehen und das Fahrwasser zeigen. Er hatte an einer
schrägstehenden Stange eine gewaltige chinesische Papierlaterne, in
der eine helleuchtende Öllampe brannte. Er mußte sich ein paar hundert
Meter vor uns halten. Ich machte die Kompaßpeilungen an der Laterne
ebenso sicher wie bei Tageslicht.
Gleich unterhalb des Lagers +Teppe-teschdi+ passierten wir am
Tage darauf die Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken Schah-jar und
Kutschar. Die Grenze war durch ein kegelförmiges Gebinde von Stangen
und Stöcken bezeichnet; östlich davon dürfen nur Kutscharer Hirten ihre
Schafe weiden.
In der Nähe von +Källälik+ fanden wir inmitten mehrerer
Schafhürden eine außergewöhnlich gut gebaute Lehmhütte. Ein Hund, eine
Hühnerschar und einige Lämmer waren die einzigen Geschöpfe, die wir
erblickten; aber wir sahen bald, daß die Bewohner die Flucht ergriffen
hatten, sowie sich die Fähre an ihrem Ufer gezeigt hatte. Auf dem Herde
in der Hütte brannte Feuer unter dem Topfe, und Kleidungsstücke und
Werkzeuge lagen umher. Die benachbarten Dickichte wurden durchsucht,
aber niemand gefunden. Schließlich zeigte sich von weitem ein Knabe,
der nach einer energischen Treibjagd eingefangen wurde. Der Ärmste war
aber so furchtsam, daß er nicht dazu vermocht werden konnte, den Mund
aufzutun, noch weniger, uns Aufklärungen zu geben. Er zitterte an allen
Gliedern und wagte nicht einmal aufzusehen.
Was für phantastische Sagen und Märchen in den Wäldern des Tarim über
unsere Fähre und ihre weite Reise wohl in Umlauf sein mochten! Wie oft
passierten wir leere, verlassene Hütten, deren Einwohner sich eben
erst aus dem Staube gemacht hatten! Was sollten diese einfachen Hirten
denken, wenn sie ein solches Ungetüm herannahen sehen, ein ungeheueres
Wassertier, das mit nach vorn und hinten ausgestreckten Fühlhörnern
lautlos wie ein Tiger schleicht? Viele liefen kopflos davon, als sei
ihnen der Böse selbst auf den Fersen, andere blieben in gemessener
Entfernung am Waldrande stehen, um zu sehen, was hieraus werden würde,
und noch andere liefen außer sich herum, als habe ein Waldgeist sie
erschreckt. Doch wie dem auch sei, wenn man die Anlage der Orientalen
für Übertreibungen und Aberglauben kennt, kann man davon überzeugt
sein, daß in dem Kielwasser unserer Fähre eine ganze Menge Legenden
und Geschichten entstanden, die, von der Tradition geschützt, mit
der Zeit noch zu einer ungeheuerlichen Erzählung von dem den Tarim
hinab erfolgten Siegeszuge des Flußgottes, des Wüstenkönigs oder des
Waldgeistes verbessert werden.
Im Lager +Chade-dung+ wurden am 16. November die Führer aus
Tschimen entlassen, weil sie die Gegend und die Namen der Wälder hier
nicht mehr kannten. Als wir das Lager verließen, hatten wir also keinen
anderen Wegweiser als den gewundenen Lauf des Flusses, und es galt, um
jeden Preis einen Mann zu finden, der mitkommen wollte. Endlich sahen
wir einen Hirtenknaben mit seiner Herde und kamen ihm ziemlich nahe,
ehe er uns gewahr wurde; da lief er aber auch schon davon, so schnell
ihn seine Beine trugen. Wir mußten ihn jedoch haben, und so wurde
wieder eine zeitraubende Treibjagd angestellt, die damit endete, daß
er erwischt wurde. Er teilte uns mit, daß die Gegend +Sarikbuja+
heiße und wir weiter unten auf dem linken Ufer noch vor Abend dort
ansässige Menschen finden würden. Die Auskunft war richtig, und wir
erhielten bald einen kundigen Lotsen.
Jetzt tauen die Eisscheiben, die sich auf den ruhigen Uferlagunen
ausbreiten, nicht mehr in der Sonne auf; sie nehmen ungestört an
Dicke zu und tragen die Hunde, denen es auf ihren Schwimmtouren
oft ordentliche Mühe macht, ein von dünnem Eis eingefaßtes Ufer zu
erklimmen. Diese Eisränder werden jetzt sichtlich größer und scheinen
stillschweigend übereingekommen zu sein, daß sie eine Brücke über den
ganzen Fluß spannen und uns unerbittlich den Weg versperren wollen.
Es wurde jetzt Regel, daß die Fahrt jeden Tag mindestens zwölf Stunden
dauerte, und die Papierlaterne half dem Monde abends beim Leuchten.
Heute abend loderte in der Ferne ein einsames Feuer am Ufer; es war in
+Dung-kotan+, welchen Punkt ich 1896 berührt hatte und der aus
diesem Grunde für die Karte von Bedeutung war. Der hier wohnende Bai
Kader erteilte mir manche wichtige Auskunft über die mit der Jahreszeit
wechselnden Eigenschaften des Flusses.
Kader erzählte uns auch, daß der Tiger in der Gegend ziemlich häufig
vorkomme. Ich kaufte von ihm das schöne Fell einer großen Bestie, die
hier vor vierzehn Tagen erlegt worden war. Man erstaunt darüber, daß
diese einfachen Waldmenschen mit ihren primitiven Vorderladern es
fertig bringen, einem Tiere wie dem Tiger den Garaus zu machen. Ohne
List würde es jedoch nicht gehen; denn der Tiger ist zu stark für
sie. Er raubt ein Pferd, eine Kuh oder ein Schaf und schleppt seine
Beute ins Schilf hinein. Hier frißt er sich satt und läßt den Rest
bis auf weiteres liegen, und wenn er seiner Wege geht, benutzt er
stets einen ausgetretenen Hirtenpfad. Infolge dieser Eigentümlichkeit
wird er Joll-bars (joll = Weg, Steig, bars = Tiger) genannt. Aus der
Fährte sieht man, wohin er gegangen ist und von woher man ihn erwarten
kann, und an den Resten der Beute erkennt man, ob er zurückzukommen
beabsichtigt, wenn er wieder hungrig wird. Dann wird auf dem Wege das
Fangeisen oder die Falle (Kappgan oder Tosak) aufgestellt, unter ihr
eine 50 Zentimeter tiefe Grube gegraben und das Ganze sorgfältig mit
Zweigen, Reisig und Blättern bedeckt. Der Tiger tritt, wenn er Pech
hat, in das Eisen und sitzt dann fest. Die Falle ist von Stahl und
so schwer, daß der Gefangene sie nur mühsam mitschleppen kann, wenn
er sich zurückzieht. Sie loszuwerden ist unmöglich, denn sie packt
sehr fest und ist mit scharfen Widerhaken versehen. Die Spur ist sehr
deutlich und leicht zu verfolgen, doch die Jäger lassen ihn mindestens
eine Woche damit gehen, bevor sie sich ihm zu nahen wagen. Der Tiger,
der jetzt der Fähigkeit, sich frei zu bewegen, beraubt ist, kann sich
nicht länger Nahrung verschaffen und ist ausgehungert und elend. Er muß
die unschuldige Kuh, die er ins Dschungel geschleppt hat, verwünschen
und fühlt, wie ihm die Tatze abstirbt. Endlich wagen sich die Männer zu
Pferd mit geladenen Flinten an ihn heran und schießen nun gewöhnlich
vom Sattel aus, um weniger angreifbar zu sein, wenn der Tiger es mit
dem Reste seiner Kraft versuchen sollte, sich auf sie zu stürzen. Der
Tiger, dessen Fell ich jetzt kaufte, war ganz erschöpft gewesen, als
sich die Jäger bis auf 40 Meter Schußweite an ihn herangewagt hatten,
und nach der ersten Kugel, die ihm ins linke Auge ging, hatte er sich
auf die Seite gelegt. Doch solchen Respekt hatten sie vor ihm, daß sie
ihm vom Sattel herab noch fünf Kugeln gaben, ehe sie sich ihm zu nähern
wagten. Man kann sich ihre Befriedigung denken, als sie den ärgsten
Feind ihrer Herden getötet hatten.
Der Tosak ist ein sinnreiches Instrument, ein Tellereisen oder
richtiger eine Kneifzange, deren beide Bogen mittelst zweier stählerner
Federn von großer Spannkraft zum Zusammenklappen gebracht werden. Die
Schneiden der beiden Bogen tragen scharfe ineinandergreifende Zähne.
Die Federn spannen mit so großer, elastischer Kraft, daß man sich aufs
äußerste anstrengen muß, um beide Bogen in die Lage zu bringen, die
sie beim Aufstellen der Falle haben müssen. Die Bogen liegen nun an
dem Stahlringe und werden einfach durch einen Bindfaden und einige
Holzpflöckchen in dieser Lage festgehalten. Der Bindfaden bildet den
Durchmesser des Rings; auf ihn muß der Tiger treten, wenn die Zange
augenblicklich zusammenklappen und seine Tatze festklemmen soll. Einmal
war ein Tiger nur mit den Zehen darin sitzengeblieben, hatte diese
abgerissen und war, wenn auch als Krüppel, doch noch entkommen.
Nach dem Lop zu tritt der Tiger häufiger auf, besonders auf dem
Südufer; bei Tage zeigt er sich selten, doch nachts streift er
geisterhaft auf den Hirtensteigen umher.
Der Tigertöter begleitete uns am 17. nach Ostnordosten. Der Fluß ist
schmal und gewunden, und seine nächsten Umgebungen bilden ein Gewirr
von Altwassern, Armen, die sich nur während der Hochwasserperiode
füllen, und von Uferseen, umgeben von Schilf und Wald. Im großen und
ganzen ist meine Karte über den Fluß eine Augenblicksphotographie,
denn kein Jahr vergeht, ohne daß neue Arme entstehen, alte Krümmungen
verlassen werden und Uferlagunen sich bilden oder austrocknen. Es
ist ein unruhiger Fluß; das Land ist flach, und das Bett verändert
launenhaft seine Lage.
[Illustration: 41. Frühstücksrast auf dem Jumalak-darja. (S. 105.)]
[Illustration: 42. Rekognoszierender Kahn. (S. 108.)]
[Illustration: 43. Ördek und Palta als Lotsen. (S. 108.)]
Nach Sonnenuntergang stieg der Mond rotgelb an einem blauen Himmel
auf, der jedoch immer dunklere Schattierungen annahm, während der
Mond immer weißer und heller wurde. Gegen diesen Hintergrund stachen
die Umrisse der Ufer so scharf ab, als seien sie aus schwarzem Papier
ausgeschnitten; alles sah in dem winterlich farblosen Tone, der in der
Natur herrschte, kalt und frostig aus. Der Tarim lag blank und glänzend
da, und nur um steckengebliebene Treibholzstücke herum war die Strömung
zu erkennen. Wenn der Mond tief stand, schien seine Scheibe vom einen
Ufer zum anderen zu rollen, je nachdem der Fluß einen Bogen nach rechts
oder nach links machte.
Am 18. November trafen wir bei +Lämpa-akin+ die ersten Lopleute.
Es war ein Greis mit seinen beiden Söhnen, die in drei Kähnen mit
Netzen und anderen Geräten auf dem Wege flußaufwärts waren, um zu
fischen. Sie waren ganz verdutzt, als wir sie mitten in einer Biegung
überraschten, gewannen es aber nicht über sich, davonzurudern, obgleich
dies mit ihren schnellen, leichten Nußschalen eine Kleinigkeit gewesen
wäre. Die Jünglinge durften weiterfahren, den Alten aber nahmen
wir nach vielem Wenn und Aber mit. Er kannte die Gegend bis in die
kleinsten Einzelheiten.
Bei +Koral-dung+ (Wachthügel) wurde auf dem rechten Ufer
längere Rast gemacht. Hier ist die Grenze zwischen Kutschar und
Lop. Unmittelbar im Süden des Hügels glänzt im Sonnenscheine der
+Koral-dungning-köll+ mit grünblauem, kristallhellem Wasser, zur
Hälfte mit Eis bedeckt und von Tamariskenhecken und außerordentlich
dichten Kamischfeldern umgeben, in denen zahlreiche Tigerspuren von
den nächtlichen Wanderungen des schwarzgestreiften Raubtieres Zeugnis
ablegen (Abb. 38). Im Sommer werden diese Felder überschwemmt, und der
Boden war noch feucht; aber jetzt stehen nur noch die seichten Uferseen
voll Wasser. Der Fluß, der von hier an +Jumalak-darja+ (der runde
Fluß) genannt wird, zieht sich nach Nordosten, macht aber bald wieder
einen Bogen nach Südosten und gleicht einem schmalen Bande zwischen den
Schilffeldern (Abb. 39, 41).
Hinter +Atschal+ veränderte er wieder sein Aussehen und schrumpfte
auf nur 20 Meter Breite zusammen, war 7 Meter tief und hatte keine Spur
von Anschwemmungen. Die Uferterrassen sind steinhart gefroren, und
stößt die Fähre dagegen, so ist es, als schramme sie an einem Marmorkai
entlang. Hier haben wir rechts den Ufersee +Ak-kumning-jugan-köll+
(der große See im weißen Sande), der zwischen unfruchtbaren Dünen
eingebettet liegt und so groß ist, daß die Stimme vom einen Ufer
nicht bis zum anderen dringt. Auch am 19. passierten wir eine Reihe
Uferseen, und es ist ein charakteristisches Zeichen des Tarim, daß
diese immer zahlreicher werden, je mehr er sich dem Lop-nor nähert.
Der Sonnenuntergang rief merkwürdige Beleuchtungen hervor. Die ganze
Steppe leuchtete in so intensivem, feurigem Gelb, als wäre das Schilf
ringsumher in Brand geraten. Dunkel und schweigend schlängelte sich
der Jumalak-darja mit pechschwarzem Wasser durch die Schilfdickichte,
in denen der Königstiger hinterlistig versteckt liegt. Es pfeift und
knistert in den Eisscheiben, die alle Lagunen bedecken. Manchmal
leuchtet es in dem dunkeln Wasser vor uns wie ein Blitz auf, wenn
eine vorher unsichtbare Treibeisscholle sich in einem Wasserwirbel
querstellt und sich eine glashelle Ecke, in der die Strahlen der
untergehenden Sonne sich widerspiegeln und wie in einem Prisma spielen,
über die Oberfläche des Wassers erhebt. Kahl und schwarz stehen die
Pappelstämme da und strecken ihre knorrigen, dürren Arme über den Fluß
hin, noch im Tode seine lebenspendende Flut segnend.
Wieder wurde der Fluß so krumm, daß ich täglich oft ein paar hundert
Kompaßpeilungen machen mußte, um alle Bogen auf der Karte eintragen
zu können. Wir hatten noch einen Lopmann als Cicerone angestellt, der
uns in einer mit Eis bedeckten Lagune im Vorbeifahren einige Fische
fing. In derartigen klaren, stillen Wasseransammlungen pflegen die
Fische sich gern aufzuhalten. Das Netz wird quer vor der Mündung der
Bucht ausgespannt, und es war lustig anzusehen, wie geschickt der
Fischer seinen Kahn führte. Im Achter stehend trieb er den Kahn mit dem
breitblätterigen Ruder in sausender Fahrt über das Netz hinweg auf das
in der Mündung spröde Eis, das unter dem Gewichte des Kahnes brach und
dann mit dem Ruder bis ans Binnenende der Bucht zerschlagen wurde. Die
Schollen wurden in die Strömung hinausgeschoben und die Fische mit dem
Ruder nach dem Netze hingejagt, das dann in den Kahn gezogen wurde. Ist
das Eis zu stark, so werden die Fische nur durch Ruderschläge gegen
seine Decke aufgescheucht. In den großen Uferseen wird der Fischfang
auch im Winter und selbst wenn sie ganz vom Flusse abgeschnürt sind,
betrieben.
Am 20. November führte die Richtung des Jumalak-darja auf der letzten
Strecke der Tagereise ganz gerade nach Ostnordost. In weiter Ferne
entdeckten wir mit dem Fernrohre etwa zehn Männer am Strande, bei
denen wir Halt machten. Es waren die Beks der in der Nähe des Flusses
liegenden Ortschaften Tograk-mähälläh und Kara-tschumak. Sie teilten
uns mit, daß sie von Fu Tai, dem Generalgouverneur von Urumtschi,
Befehl erhalten hätten, einem „Tschong mähman“ oder vornehmen Gaste,
der den Jarkent-darja herunterfahre, entgegenzukommen. Die Chinesen
behielten uns also, wenn auch sehr von weitem, im Auge, und das
Gerücht von der Reise auf dem Wasser hatte sich weit verbreitet. Doch
niemand wußte, woher wir kamen und wo unsere Reise enden sollte; alle
fanden nur, daß wir sehr sonderbare Geschöpfe seien. Mehr als zwei
Jahre später fragten mich indische Kaufleute in Ladak, ob ich nichts
von einem weißen Manne wüßte, der mehrere Monate lang einen großen Fluß
im Norden hinabgesegelt sei; auf dem Indus, erklärten sie, würde eine
solche Fahrt unmöglich sein.
Junus Bek, der vornehmste unserer neuen Freunde, erwartete uns seit
mehreren Tagen und war schon flußaufwärts geritten, aber wieder
umgekehrt, da er von einer Fähre nichts hatte erblicken können.
+Ketschik+, der Punkt, an dem wir jetzt lagerten, ist von großem
Interesse. Der Name bedeutet „Furt“, weil hier die Straße zwischen
Kakte und Karaul den Fluß kreuzt, wie gewöhnlich an einer geraden
Stelle, wo der Grund keine tiefen Gruben hat. Hier gähnt links ein
mächtiges, mit Schlamm gefülltes Bett. Ich erfuhr, daß dieses Bett
der frühere Lauf des Tarim gewesen und der Fluß darin mindestens 50
Jahre geströmt habe, da die Greise es schon in ihrer Kindheit gekannt
hätten. Vor vier Jahren habe der Fluß seinen Lauf verändert und dieses
alte Bett so vollständig verlassen, daß nicht einmal während der
Hochwasserperiode ein Tropfen dort hineinlaufe. Der neue Lauf, dessen
Wiedervereinigung mit dem alten Bette wir erst nach mehreren Tagen
erreichen sollten, zieht sich nach Südosten durch öde Gegenden, wo
es früher nur Uferseen gegeben hatte. Es ist eine neue Illustration
der Veränderungen der Gewässer dieser Gegenden, die zunehmen, je
weiter abwärts wir kommen und je geringer der Fallwinkel des ganzen
Tarimbeckens wird. Wenn der Fluß schließlich im Lop-nor-Gebiete selbst
in völlig ebenes Terrain übergeht, hört alle Ordnung auf, und eine
Karte hat nur während der Zeit ihrer Aufnahme Gültigkeit. Flüsse wie
Seen verändern hier ihre Lage und Wassermenge von Jahr zu Jahr, und
derjenige, welcher den Lauf des Flusses bis zu seiner Auflösung und
Vernichtung mitgelebt hat, versteht, daß auch sein Endpunkt, der
Lop-nor, ein wandernder See sein +muß+, ein See, der periodisch
von Norden nach Süden und von Süden nach Norden wandert, ganz wie das
Messinggewicht am Ende eines schwingenden Pendels. Das Pendel hier ist
der Tarim. Es mag sein, daß die Perioden ein paar hundert Jahre lang
sind, aber in der Geschichte der Erde verschwinden sie wie Schwingungen
des Sekundenpendels.
Die seltsame Gegend, die wir in den folgenden Tagen durchstreifen
sollten, war auch den meisten Eingeborenen ein unbekanntes Land, denn
dort hätten sie nichts zu tun, erklärten sie. Doch so viel wußten sie,
daß der neue Wasserlauf an einigen Punkten Gefahren und Schwierigkeiten
biete, und Junus Bek hatte daher einige Kundschafter mit Kähnen
vorausgeschickt, um uns da, wo es aufpassen hieß, zu warnen (Abb. 42).