An dem Lagerplatze dieses Abends, der +Leschlik+ hieß, führten

die Fährleute zur Belustigung der anderen ein komisches Schauspiel

auf. Zwei Männer tragen je einen Kameraden wie einen Mehlsack auf

dem Rücken. Dieser wird, ohne den Zweck zu ahnen, an Händen und

Füßen gebunden, jene haben sich mit Stöcken bewaffnet und prügeln

aus Leibeskräften auf einander los. Die Schläge treffen die

unglücklichen Mehlsäcke, die in Wut geraten und einander ausschimpfen.

Wenn es dem einen Träger gelungen ist, dem Sacke seines Gegners einen

Hieb zu versetzen, so sucht sich der Gegner zu rächen und prügelt den

Sack des ersten Trägers so, daß der Stock pfeift. Das Opfer treibt

dann seinen Träger an, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und dieser

schlägt nun wieder -- nicht den, der die Prügel ausgeteilt hat, sondern

seinen gefesselten Reiter. Palta und Naser waren es, die schlugen, und

Kasim und Alim diejenigen, welche die Schläge erhielten. Palta und

Naser lachten, daß ihnen Tränen in die Augen traten, während Kasim und

Alim vor Wut heulten und die Zuschauer, zu denen auch ich gehörte,

vor Lachen beinahe erstickten. Um Gelegenheit zur Rache zu erhalten,

schlugen Kasim und Alim vor, sie wollten nun auch eine Weile die Rolle

der Träger spielen, wogegen aber die beiden anderen protestierten;

sie hatten zu nachdrücklich drauflosgeschlagen und hatten nun ein

schlechtes Gewissen. Diese Posse hatte den Vorteil, daß beide Parteien

in der Abendkälte erwärmt wurden.

Neuntes Kapitel.

In schwindelnder Fahrt flußabwärts.

Die Temperatur der Luft und des Wassers war in langsamem, aber stetigem

Sinken begriffen, und es war klar, daß der Tag, an welchem das Treibeis

seine größten Dimensionen annehmen würde, nicht mehr lange auf sich

warten lassen konnte. Die Achterdeckspassagiere ließen sich von der

Kälte nicht anfechten. Jetzt hatten sie immer ein größeres Feuer auf

dem Herde und hockten in ihren Pelzen um die Glut herum, plaudernd,

Märchen erzählend, Kader als Vorleser zuhörend oder Brot backend.

Auch die Fährleute wärmten sich dort der Reihe nach ein bißchen, ich

aber konnte meinen Schreibtisch nur zwischen langen Kompaßpeilungen

verlassen, um ihrem Beispiele zu folgen.

Der Joll-begi versäumte nie, mir alle Namen oder Flußbettveränderungen

mitzuteilen, doch heute, 2. November, war er unpäßlich. Er bekam eine

Dosis Chinin und hatte sie kaum hinuntergeschluckt, als er auch schon

versicherte, er fühle sich bedeutend besser. Die Einbildung tut viel

hier auf Erden. Der gute Mann war gewiß ganz einfach seekrank infolge

der rasenden Geschwindigkeit unserer heutigen Fahrt.

In der kalten, ruhigen Morgenluft, in welcher der Schall scharf und

deutlich weithin über die Wasserflächen getragen wird, hörte es

sich an, als würden in der Gegend eine Masse Häuser niedergerissen,

denn unausgesetzt stürzten Sandmassen und Erdblöcke, die über Nacht

gefroren, in der Sonne aber wieder aufgetaut waren, in den Fluß. Es

ging prächtig. Nur einmal fuhren wir fest; es sah eigentümlich aus,

als das Wasser plötzlich um die Fähre, die eben noch so schön mit dem

Strome trieb, zu kochen und zu schäumen anfing. Es brauchte aber keiner

hineinzuspringen, denn da das Vorderende aufgerannt war, drehte sich

das ganze Fahrzeug im Kreise und wurde dadurch wieder flott.

Kasim geht wie gewöhnlich voran und unaufhörlich ruft er und warnt vor

Untiefen, steckengebliebenem Treibholz, abgestürzten Uferwällen oder

anderen kritischen Punkten. Palta führt das Kommando auf der großen

Fähre; er ist stets kaltblütig und guter Laune, brüllt aber die Männer

im Achter fürchterlich an, wenn ein schnelles Manöver ausgeführt werden

muß, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die anderen setzen blindes

Vertrauen in seine Seetüchtigkeit; er hat aber auch mehrere Jahre die

Fähre zwischen Lailik und Merket geführt.

Heute durfte keiner schlafen; alle standen mit festgefaßten Stangen

spähend da, als ob sie eine Katastrophe erwarteten. Die Strömung ließ

ihnen keine Ruhe, und immer schneller ging es den Tarim hinunter.

Ein einziges Mal, in einer scharfen Biegung, in der die Strömung

die Fähre mit wilder Hast gegen das Ufer drängte, konnten sie nicht

ausweichen. Das schwere Fahrzeug trieb gerade auf das steile Ufer los,

und nun galt es, rechtzeitig mit den längsten Stangen das Vorderschiff

abzustoßen, die Fähre in einen spitzen Winkel mit dem Ufer zu bringen

und sie so zu drehen, daß sie wieder mit der Strömung parallel

lag. Doch die Leute kamen nicht mehr dazu; es ging zu schnell, das

Vorderende stieß mit aller Kraft auf, und ein paar Purzelbäume waren

die Folge. Weiter geschah kein Unglück, nur ein paar Schaufeln Erde

fielen auf das Deck. Wir legten jetzt 78 Meter in der Minute zurück.

Von der Walddüne +Balik-ölldi+ (der tote Fisch) an wird die

Stromgeschwindigkeit noch größer. Hier hat sich der Fluß auf einer

Strecke von zwei Tagereisen seit drei Jahren ein neues Bett gegraben.

Das alte, Kona-darja, bleibt trocken und verlassen zur Linken liegen,

mit ihm auch der Wald.

In dem neuen Stromlaufe veränderte sich auf einmal der Charakter des

Flusses. Er wurde schmal und gerade, und man sah alle Kennzeichen

dafür, daß er von der Erosion des Wassers noch nicht genug

ausgearbeitet worden war. Die Landschaft war öde, der Boden bestand

aus Sand. Das Bett ist außerordentlich scharf markiert. Da wo die

Krümmungen das Bett noch nicht haben erweitern können, gleicht es

einem engen Korridor, und von den hohen, jähen Ufern stürzen Massen

von Sand und ganze Blöcke in den Fluß, so daß es aussieht, als steige

am Wasserrande Rauch auf. Wiederholt liefen wir Gefahr, von derartigen

Erdrutschen ertränkt zu werden. Wenn je, so hieß es hier aufpassen; es

ging mit schwindelnder Fahrt, und wir hatten das Gefühl, als würden

wir widerstandslos in einen Strudel hineingerissen; doch es blieb uns

nichts weiter übrig, als bereit zu stehen und die Stöße zu parieren.

Nun hörten wir Kasim der großen Fähre ein verzweifeltes Halt zurufen.

Der Fluß war nur 20 Meter breit, mitten im Fahrwasser war eine

treibende Pappel auf Grund geraten, und auf derselben hatte sich eine

solche Masse von Reisig und Schilfwurzeln aufgehäuft, daß das Ganze

einen kleinen Holm bildete. Weißschäumend wirbelte das Wasser um den

Holm, und wäre die Fähre der Strömung gefolgt, so hätte sie unfehlbar

anprallen müssen und wäre dann von der Wucht des Stoßes und dem

nachdrängenden Wasser zum Kentern gebracht worden.

Nur 50 Meter trennten uns von der gefährlichen Stelle; die Katastrophe

schien unvermeidlich. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen; ich

fürchtete, daß in diesen kochenden Strudeln alles verloren gehen

könnte, und an Bord herrschte ein entsetzlicher Wirrwarr. Im letzten

Augenblick gelang es dem flinken Alim, mit einer Leine an Land zu

springen. Das Ufer war sehr steil, und beinahe wäre er in den Strom

hinuntergerutscht, faßte aber noch festen Fuß und zog die Leine aus

Leibeskräften an, unterstützt von den anderen, die unter dem wilden Ruf

„ja Allah“ die Stangen entgegenstemmten. Die Fähre machte kurz vor dem

Holme Halt, und die Strömung kochte und wogte um sie herum.

Um Kasim rekognoszieren zu helfen, stieg ich in die Jolle, die ich

mitten in der Strömung verankerte, um auch mit dem Strommesser die

Geschwindigkeit zu messen. Doch in dem hier herrschenden Sog war dieses

Manöver ziemlich gefährlich, ehe man es richtig ausführen konnte. Das

erste Mal war ich drauf und dran zu kentern; das Boot war halb voll

Wasser und das in Arbeit befindliche Kartenblatt durchweicht. Sowie der

Anker Grund gefaßt hatte, legte sich die Jolle so schief, daß die eine

Längsseite gegen die Strömung lag; doch nachdem das Ankertau in das

Vorderteil gezogen worden war, legte sich das Boot parallel mit ihr,

ängstlich wie ein Pendel schwingend. Der Strommesser zeigte 101 Meter

in der Minute, welche Geschwindigkeit sich während der ganzen Tagereise

nicht verminderte.

Unterdessen gelang es den Männern, den Vordersteven der Fähre von dem

gefährlichen Holme abzuhalten, und nun ging es über die schäumende

Stromschnelle hinweg. Nachher wurde die Fahrt durch dieses öde Land,

wo kein lebendes Wesen an den Ufern zu sein schien, ungehindert

fortgesetzt. Nicht weit südlich vom Jangi-darja sollen Jäger dann und

wann Spuren von wilden Kamelen finden, doch an den Fluß selbst kommen

diese scheuen Wüstentiere niemals.

An dem Masar +Ala Kunglei Busrugvar+, wo sich einige Hirten

aufhielten, erschien es uns passend, die Nacht zu bleiben, um so

mehr, als die Männer dem Heiligen dafür danken wollten, daß er uns

unbeschädigt über die Stromschnellen hatte kommen lassen.

Die Fähre mitten in der reißenden Drift zum Halten zu bringen, war

nicht leicht. Ich landete zuerst mit der Jolle, Alim warf mir eine

Leine zu, und dann zog ich die Fähre so dicht ans Ufer, daß er an Land

springen und das übrige besorgen konnte (Abb. 36).

Als die Fähre vertäut war, rüttelte das Wasser an ihr; es knackte in

ihrem Holzwerke, und um die Jolle herum, die vor dem Vordersteven

angebunden war, brodelte weißer Schaum. Es dröhnt von den Jarufern,

wo Blöcke herabstürzen, man hört den Sand sausend die Böschungen

herunterrutschen, und es knistert in dem Lagerfeuer auf dem kahlen

Ufer, sonst aber ist die Gegend friedlich, sogar die Hunde sind zur

Ruhe gegangen, denn hier ist nichts anzubellen.

Am 3. November schlängelte sich das Bett mehr, die Fahrt war aber

ebenso gut. Es wurde uns nur schwer, in scharfen Buchten mit

Gegenströmung glatt durchzukommen. In einer solchen wäre die Jolle

beinahe zwischen den beiden Fähren zerquetscht worden, wenn ich sie

nicht noch im letzten Augenblick hätte retten können. Morgens früh war

eine kleine Wasseransammlung am Ufer mit dünnem, spiegelblankem Eise

bedeckt, dem ersten, was wir bisher gesehen. Schließlich passieren wir

den Punkt am linken Ufer, wo der Jangi-darja wieder in den Kona-darja

mündet; damit wird die Geschwindigkeit des Wassers wieder die

gewöhnliche. In +Tellpel+, dem heutigen Lagerplatze, wohnen neun

Hirtenfamilien mit 8000 Schafen.

Die Hirten dieser Gegend bedienen sich des folgenden Fischereigerätes.

Es ist ein Netz, das fächerartig in einer dreizinkigen Gabel, die

unmittelbar über der Wasserfläche an einer Achse befestigt ist,

ausgespannt wird. Das Ganze gleicht einem Fledermausflügel, der

mittelst einer Leine unter das Wasser herabgelassen und wieder in

die Höhe gezogen werden kann. Wenn der Flügel heruntergelassen und

aufgespannt ist, wird der Fisch in die Falle gejagt, und wenn man

fühlt, daß er gegen das Netz stößt, schließen sich die Arme der Gabel,

das Netz faltet sich wie eine Tüte und wird emporgezogen.

Der Joll-begi war verabschiedet worden; ein Hirt, der in der Geographie

des Landes weniger gut als wünschenswert gewesen wäre, bewandert war,

hatte uns nur einen Tag begleitet, aber in Tellpel fanden wir einen

alten Ehrenmann, der für uns unschätzbar war. Er hieß Mollah Faisullah,

war 54 Jahre alt, hatte einen großen weißen Bart und trug eine

gewaltige Hornbrille; er war stets heiter und gesprächig und las den

Achterdeckpassagieren vor.

Am 4. und 5. November nahm der Fluß wieder einen anderen Charakter an.

Er war schmal, hatte ein deutlich ausgearbeitetes Bett und war ziemlich

reißend. An beiden Seiten dehnte sich eine unendliche Steppe von gelbem

Schilf, aus der einzelne, mit Tamarisken bewachsene Dünen wie Inseln

hervortraten. Es war eine Zwischenstufe zwischen einem alten und einem

neuen Bette, und tatsächlich sollte es auch erst acht Jahre alt sein.

Der Tarim verändert also seine Lage, aber nur auf kurzen Strecken

seines Laufes, und es ist interessant zu beobachten, daß wir die

alten, verlassenen Flußbettstücke beinahe immer im Norden liegen lassen

oder, mit anderen Worten, daß der Fluß nach rechts wandert. Daß an dem

neuen Flußbette kein Pappelwald steht, ist natürlich, denn er hat noch

nicht aufsprießen können. Doch an den verlassenen Strecken steht er

dicht und üppig, obgleich er dort gewöhnlich zum Untergange verdammt

ist, wenn das Wasser sich zurückgezogen hat.

Was dazu beitrug, die Einförmigkeit an Bord zu unterbrechen, waren die

plötzlichen Einfälle der Hunde. Sie pflegten ins Wasser zu springen,

an Land zu schwimmen und dann die Fähre am Ufer ganze Tagereisen

zu begleiten. Was sie jedoch nie begreifen lernen konnten, waren

die sich regelmäßig wiederholende Topographie des Flusses und seine

Erosionsgesetze. Wenn die Fähre an einem konkaven Ufer entlang ging,

liefen sie oberhalb des Zeltes nebenher; wenn dann aber die Wassermasse

das Bett kreuzte, um am anderen Ufer einen ebensolchen Bogen zu

beschreiben, schwammen sie hinüber, um wieder in unserer unmittelbaren

Nähe zu sein. Dieses Manöver wiederholte sich überflüssigerweise bei

jeder Biegung, und es war unmöglich, ihnen begreiflich zu machen, daß,

wenn sie nur warteten, wir bald wieder an ihr Ufer zurückkehren würden.

An einigen Tagen kreuzten sie den Fluß zwanzigmal und waren schließlich

so erschöpft, daß sie heulten. Jolldasch war lustig anzusehen, wenn er

im Wasser plätscherte, nach Atem rang und nach jedem kalten Schluck

hustete.

Bei +Initschke+ hatte der Fluß 80,6 Kubikmeter Wasser in der

Sekunde, und es war deutlich zu sehen, daß er allmählich stieg --

in einer Nacht um 5 Zentimeter. Diese letzte Messung erforderte

dreistündige Arbeit bei Laternenschein. Der Fluß war zu breit, als daß

wir, wie sonst, ein Tau von Ufer zu Ufer hätten spannen und das Boot an

den Messungspunkten daran festbinden können. Die Strömung, die bis zu

86 Meter in der Minute betrug, war auch viel zu reißend, als daß sich

das Tau überhaupt hätte hineinbringen lassen. Ich versuchte freilich,

damit hinüberzurudern, doch gelang es mir nicht. Statt dessen wurde

ein dünner, mit weißen Knoten eingeteilter Bindfaden von Ufer zu Ufer

gespannt und an jedem Knoten die Jolle verankert.

In der Nacht auf den 5. November stieg der Fluß noch um 2 Zentimeter.

Der Tarim fließt jetzt wieder nach Nordost. Auf einer sandigen

Alluvialhalbinsel bei Hässemet-tokai saßen zwölf dunkelgraubraune, fast

schwarze Geier, gewaltige, plumpe Vögel, die uns ruhig betrachteten

und nur die Köpfe wie Sonnenblumen drehten, während die Fähre um ihre

Landzunge herumfuhr. Sie hatten sich hier bei dem Kadaver eines Pferdes

zusammengefunden. Die Geier waren entschieden satt; sie saßen in

Gruppen in einiger Entfernung von dem Kadaver, schienen zu verdauen

und ließen sich von einigen dreisten Raben Gesellschaft leisten. Etwas

weiter unten passierten wir wohl 40 Geier, die auf den dürren Zweigen

abgestorbener Pappeln thronten; sie saßen wie Höllengeister oder

Todesdämonen in dem struppigen Walde da, und die Umgebung paßte gut zu

ihrer unheimlichen Erscheinung.

Da war es angenehmer, den endlosen Karawanen der Wildgänse, die noch

immer nach Westen zogen und aus Scharen von 80-100 Vögeln bestanden,

mit den Blicken zu folgen. Sie fliegen in den feinsten Drachen- oder

Pfeilspitzen, von denen gewöhnlich ein Flügel sehr lang und der andere

kürzer ist. Stets sieht man an der Spitze einen Führer, der geradeaus

fliegt und nie über die einzuschlagende Richtung unschlüssig zu sein

scheint, während die Flügel, den Bewegungen des Führers entsprechend,

hin und her wogen wie zwei im Winde flatternde Blätter.

Charakteristisch für diesen Teil des Tarimlaufes war auch die Menge

des steckengebliebenen Treibholzes und der auf Grund geratenen

Pappelstämme. Viele von diesen gehen mit der Zeit unter, andere

befinden sich in einem Stadium abnehmender Tragkraft. Nur das eine Ende

ist untergegangen, während das andere noch in der Richtung der Strömung

liegt und nickend über der Oberfläche auf und nieder steigt. Oft sah

ein solcher Pappelstumpf wie eine auf uns zuschwimmende Seeschlange

aus. Doch nur das um das Hindernis herum kochende Wasser täuschte

das Auge; wir waren es, die sich näherten und darüber hinwegglitten,

während der Stumpf wie ein Wasserkobold gegen den Boden der Fähre

schlug.

Aus dem Hirtengehöfte +Bostan+ nahmen wir am 6. November einen

neuen Cicerone, einen Jäger, mit, aber Mollah Faisullah durfte trotzdem

bei uns bleiben, denn er war lustig und heiter und las den anderen vor

von den Taten und Leiden der Helden und von sagenhaften Städten mit

tausend Toren und tausend Wächtern an jedem Tore. Die Bewohner von

Bostan wollten uns Melonen schenken, wir nahmen sie aber nicht an, da

solche Delikatessen jetzt nachts gefrieren. Dagegen ließen wir uns

einen großen weißen Hahn gefallen, der kaum an Bord gebracht war, als

er auch schon auf den alten Hahn losfuhr und ihn über Bord drängte. Da

der neue Passagier entschieden alleiniger Herr im Hause sein wollte,

mußte mein bisheriger Morgenwecker von Kasim in Obhut genommen werden.

Von nun an waren sie die besten Freunde -- aus der Ferne; krähte der

eine, so antwortete der andere sogleich; es klang ganz ländlich.

In +Kara-daschi+, dem Lager vom 6. November, waren wir dicht bei

dem Punkte, wo wir nach dem gefährlichen Zuge durch die Wüste nördlich

vom Kerija-darja im Jahre 1896 zuerst Wasser gefunden hatten.

7. November. Daß wir uns bevölkerten Gegenden näherten, sah man

daran, daß hier und da Schilfhütten und sogar Lehmhäuser vorkamen

und an den Ufern nicht selten Kähne angebunden lagen. Diese ähnelten

immer mehr dem Lop-nor-Typus; sie waren aus einer einzigen Pappel

ausgehauene, langgestreckte, schmale Fahrzeuge, die sich von den

Lop-nor-Kähnen dadurch unterschieden, daß der Vorderrand in eine Art

von durchbohrtem Handgriffe mit einer Leine auslief und das Hinterteil

eine kleine Plattform, einen Sitzplatz, bildete (Abb. 37). Das Ruder

ist schaufelförmig.

Die Fährleute nahmen einen kleinen Kahn in Beschlag. Alim führte eine

förmliche Wasserpantomime auf mit seinen verzweifelten Versuchen, des

Bootes Herr zu werden; wie er auch ruderte, er konnte es nicht dazu

bringen, gerade vorwärtszugehen, war aber desto öfter nahe daran, zu

kentern. Bei Tschong-aral wurde das Boot gegen ein größeres vertauscht.

Es war nicht unsere Absicht, den Kahn zu stehlen und so die friedlichen

Ufer zu brandschatzen, wir bezahlten ihn vielmehr noch an demselben

Abend. Islam und Mollah trieben nun in dem Kahne, und die Flottille

hatte sich also um ein Fahrzeug vergrößert.

In der Gegend von +Gädschis+ mündet links ein Arm des

Schah-jar-darja (Mus-art), der vom Chan-tengri kommt. Er ist in der

Mündung 29 Meter breit, und, soweit das Auge flußaufwärts reicht,

sieht es nicht aus, als ob diese Breite sich verminderte. Das Bett war

mit stillstehendem Wasser von 78 Zentimeter Durchsichtigkeit gefüllt,

während das des Tarim nur bis 4 Zentimeter durchsichtig war. Das Wasser

hatte infolgedessen eine herrliche rein blaue Farbe, und die Grenze war

ziemlich scharf.

Während ich damit beschäftigt war, den Arm von der Jolle aus zu

untersuchen, erschien der Joll-begi von Tschimen, ein alter Mann in

veilchenblauem Tschapan. Er brachte Briefe von Nias Hadschi und den

Kosaken mit, die uns mitteilten, daß es der Karawane gut gehe.

Bei dem Dorfe +Teres+ erwarteten mich am Ufer eine Menge

Geschenke, wie Schafe, Früchte, zwei Kisten Birnen aus Kutschar, eine

mit Granatäpfeln, ferner Hasen, Fasanen, Hühner, Eier und Milch, kurz

eine willkommene Verstärkung des Proviants. Unser Transportmittel hat

vor Kamelen den Vorzug, daß es nie knurrt, wenn man ihm auch noch

soviel aufpackt; es geht darum doch ebenso weit und ebenso gut.

Wir lagerten an dem Punkte, wo der Weg von Kara-dasch und

Kungartschak-bel nach Tschimen, Schah-jar und Kutschar über den Fluß

führt. Es war genau dieselbe Stelle, wo wir 1896 den zugefrorenen

Fluß kreuzten. Chalil Bai, der alte Ehrenmann, in dessen Hause ich

damals zu Gaste war, kam mir, auf einen Stock gestützt, trotz seiner

73 Jahre entgegen. Es ist stets ein großes Vergnügen, alte Freunde

wiederzusehen; es ist ein Band, das wiederangeknüpft wird. Ich saß

lange mit dem Alten in gemütlicher Unterhaltung am Feuer.

[Illustration: 37. Kähne auf dem mittelsten Tarim. (S. 96.)]

[Illustration: 38. Der See Koral-dungning-köll. (S. 105.)]

[Illustration: 39. Der Jumalak-darja von Koral-dung aus gesehen. (S.

105.)]

[Illustration: 40. Besuch des Beks von Schah-jar in Tschimen. (S. 97.)]

Während der zwei Rasttage, die wir am Ufer von +Tschimen+

zubrachten, wurde wie gewöhnlich eine astronomische Ortsbestimmung

nebst verschiedenen Nacharbeiten ausgeführt und der Fluß gemessen.

Hier fand uns Abdurahman, der erste Dschigit aus Kaschgar; er hatte in

seiner versiegelten Posttasche lauter gute Nachrichten. Er nahm meine

Post und außerdem noch einen hermetisch verlöteten Blechkasten mit

Negativen mit nach Kaschgar zurück. Ein neuer Jäger wurde angenommen

und ein Vorrat von Öl gekauft, für den Fall, daß nächtliche Fahrten mit

Fackeln in Frage kommen würden.

Der 10. November war der erste wirkliche Wintertag. Der Morgen war

bitterkalt, feuchter Nebel lag über der Erde und verteilte sich erst

unter dem recht scharfen Südwestwinde, der sich jetzt erhob und unsere

Fahrt sehr beschleunigte. Der Boden war weiß bereift, und auch die

Fähre und die schwarze Kajüte waren weiß. Die Luft war grau und neblig,

der Himmel mit Wolken bedeckt, und die ganze Landschaft mit blauweißen,

winterkalten Tinten gefärbt.

Noch um 10 Uhr vormittags hatten wir -2 Grad und nachmittags um 5 Uhr

wieder -1 Grad; nur fünf Stunden erhob sich die Quecksilbersäule ein

wenig über den Nullpunkt. Das waren trübe Aussichten, denn wenn der

Fluß jetzt zuzufrieren begann, wurden wir unvermeidlich vor Beendigung

der Flußreise vom Eise eingeschlossen. Wir sehnten uns von diesem

offenen, kahlen, jedem Wind und Wetter preisgegebenen Tschimen, wo

das Brennholz sehr knapp ist, fort. Abdurahman, der Kurier, wurde in

dem Kahne über den Fluß gesetzt, sein Pferd schwamm nebenher; ich war

herzlich froh, als ich ihn mit der kostbaren Posttasche glücklich auf

dem anderen Ufer sah.

Der Bek von Schah-jar, der mit Reitergefolge hierher gekommen war, um

mir seine Aufwartung zu machen (Abb. 40), schenkte mir einen Hund, ein

junges Tier, das wie ein Fuchs aussah, den Namen Dowlet erhielt und

ein komischer vierbeiniger Clown war. Gleich vom ersten Tage an hielt

er wütende Wache an Bord und wurde der auserkorene Liebling aller

zweibeinigen Passagiere mit Ausnahme des Hahnes.

So lichteten wir denn unsere Anker und glitten fort von denen, die

am Ufer standen und uns mit staunenden Blicken nachschauten. Die

Flottille bestand jetzt aus vier Fahrzeugen. Da wir jetzt gewöhnlich

zwei Wegweiser hatten, mußte der eine mit dem Kahne vorausgehen und

Kasim mit der schwer belasteten Proviantfähre hinterdrein fahren. Die

Tagereise wurde lang, aber der Wind half schieben. Das offene Bett

erstreckte sich in Krümmungen nach Osten. Hier und da berührten wir

Wälder auf beiden Seiten, sonst war das ganze Land eine Kamischsteppe

mit ausgedehnten Hochwasseranschwemmungen.

Es war schön, an diesem Abend die steifgefrorenen Glieder am Feuer

wärmen zu können. Der Sicherheit halber wird jetzt stets ein kleiner

Holzvorrat an Bord genommen, falls es dort, wo man lagert, kein

Brennholz geben sollte.

Am 11. November passierten wir verschiedene Hirtenlager, und am 12.

begann der Uferwald wieder häufig und schön zu werden. Alle geschützten

Buchten und Arme waren jetzt morgens überfroren, und manchmal sahen wir

kleine Eisscheiben, die sich am Ufer gebildet hatten, auf dem Wasser

schwimmen.

Der Fluß heißt hier Ugen oder Ögen, aber auch Terem oder Tarim. Die

Kähne haben schon genau dieselbe Form und dasselbe Aussehen wie im

Loplande. Mehrere tausend Wildgänse schwebten täglich über unseren

Häuptern hinweg. Oft waren die Flügel der Pfeilspitze mehrere hundert

Meter lang, und manchmal schien der Führer den anderen um etwa 30 Meter

voranzufliegen. Wahrscheinlich waren es die letzten Pilger, die sich

durch die Kälte der letzten Tage hatten zum Aufbruch bestimmen lassen.

An den Pappeln sitzt kaum noch ein einziges Blatt; sie haben ihr gelbes

Herbstgewand abgeworfen und warten auf den Winter.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 10 / 42 段