Während der folgenden Tagereise war der Fluß ungewöhnlich gerade. Im

großen und ganzen waren jedoch die Tage einander ziemlich gleich. Man

glaube aber nicht, daß ich die Reise einförmig gefunden und den Tag

herbeigesehnt hätte, an welchem unsere Fähre im Eise einfrieren würde,

welcher Tag früher oder später kommen mußte. Mir war jeder Tag, der

hinging, von immer größerem Interesse. Ich lebte das Leben des Flusses

mit und beobachtete gespannt seine ersterbenden Pulsschläge und seinen

launenhaften Lauf durch Innerasiens innerstes Tiefland. Es machte mir

Vergnügen, den Gang der Instrumente zu verfolgen, die das Herannahen

des Winters, das Abnehmen der Wärme und das Kürzerwerden der Tage

anzeigten, und die Karte des unendlichen Flusses entwickelte sich Blatt

um Blatt.

Obgleich meine Leute nicht aus demselben Grunde wie ich an der Drift

der Flottille Gefallen finden konnten, folgten sie ihr doch mit großem

Interesse. Immer lebhafter wurde abends am Lagerfeuer die Unterhaltung,

und man rechnete die Tage bis zur Ankunft an den großen Stationen

Awwat und den Mündungen des Aksu-darja und des Chotan-darja aus;

Schah-jar war noch so weit entfernt, daß es noch nicht in Frage kam.

Doch vergingen ihnen die Tage jedenfalls oft recht langsam. Es bedurfte

indessen nur z. B. des Einfangens einer Wildente, um Leben in die

Gesellschaft zu bringen und ihnen ein wenig Zerstreuung zu gewähren.

Ein solches Kerlchen plätscherte heute im Schutze eines gestrandeten

Reisigbündels, als die mit Kasim und Nasar bemannte Avisofähre

vorbeitrieb. Letzterer hatte seinen Platz im Achter der großen Fähre

verlassen müssen, weil er von dem ewigen Inswassersteigen wunde Füße

bekommen hatte. Die Ente muß krank oder verängstigt gewesen sein, denn

sie ließ sich mit den Händen greifen und wurde in mein Zelt gesetzt.

Dort aber kam sie bald auf andere Gedanken, entwischte uns wieder und

schwamm dann zwischen den Fähren, bis sie von neuem eingefangen und

auf der Proviantfähre angebunden wurde, deren Menagerie sich so um ein

neues Mitglied vergrößerte.

Wir hatten jetzt nur noch 16,8 Kubikmeter Wasser unter der Flottille,

und die Aussichten für die Fortsetzung der Fahrt begannen wieder

bedenklich auszusehen.

[Illustration: 29. Kasim mit seinem Fang. (S. 61.)]

[Illustration: 30. Eingeborene am Ufer des Tarim. (S. 63.)]

[Illustration: 31. Begräbnisplatz am Sai-tag. (S. 70.)]

[Illustration: 32. Der Jarkent-darja am Sai-tag. (S. 70.)]

[Illustration: 33. Falkner mit Jagdadler. (S. 82.)]

[Illustration: 34. Die Fähre an der Mündung des Aksu-darja. (S. 83.)]

Achtes Kapitel.

Der große, einsame Tarim.

Am 22. Oktober legten wir den geradesten Teil des ganzen Flusses

zurück. Nur eine einzige Stelle war insofern kritisch, als das

Wasser sich dort in zwei Arme teilte, von denen wir den kürzesten

wählten. Ich untersuchte vorher mit der Jolle die Tiefen und fand

den Arm passierbar. Die Wassertemperatur war jetzt bis auf +10 Grad

heruntergegangen; ich hatte daher keine Lust zum Baden. Kasim dagegen

hatte entschieden andere Ansichten von der Nützlichkeit eines Bades.

Er stand wie gewöhnlich im Achter der Proviantfähre und schob sie mit

der Stange vorwärts, wendete aber dabei zu große Kraft an und fiel

rücklings in den Fluß, zur riesigen Freude der anderen.

Gerade vor uns verschwindet die breite Straße des Flusses in

unendlicher Ferne; es ist eine Serie horizontaler Striche, weißer und

schwarzer; die ersteren sind in Verkürzung gesehene Wasserflächen, die

letzteren aber Sandbänke und Anschwemmungen.

So kurz die folgende Tagereise auch war, gewährte sie doch viel

Abwechslung, und die Männer mußten die ganze Zeit die Augen offen

halten. Je mehr wir uns Awwat nähern, desto zahlreicher treten Hirten

auf, und ihre Hütten werden auf beiden Ufern immer häufiger. Auf dieser

Tagereise passierten wir den Punkt, wo der Kaschgar-darja, unser alter

Bekannter Kisil-su, sich in zwei engen, größtenteils von Sand, Schlamm

und Vegetation verstopften Armen in den Jarkent-darja ergießt, wobei er

ihm nur einen geringen Zuschuß von Wasser zuführt.

Wir waren noch nicht weit gelangt, als ein Reiter am Ufer erschien.

Doch sowie er uns erblickt hatte, verschwand er wieder zwischen den

Büschen; wir entnahmen daraus, daß es ein Kundschafter gewesen. Nach

einer Weile sprengte denn auch richtig ein ganzer Reitertrupp auf das

Ufer zu; sie stiegen von den Pferden, breiteten Teppiche auf der Erde

aus und luden uns zu einem aus Trauben, Melonen und Brot bestehenden

Dastarchan ein. Es war der Joll-begi (Weginspektor) von Jangi-Awwat,

der hierher geschickt worden war, um uns willkommen zu heißen. Nach

kurzer Rast fuhren wir mit dem Weginspektor als Gast an Bord weiter,

während seine Schar uns am linken Ufer begleitete.

Bald darauf tauchte noch eine Schar Reiter in feinen, farbenprächtigen

Chalaten und teilweise von ungewöhnlich distinguiertem Aussehen auf.

Auch jetzt mußten wir Halt machen und wieder einen Dastarchan annehmen.

Es war der Vornehmste der Andischaner Kaufleute in Awwat; auch er wurde

an Bord genommen; seine Reiter ritten auf dem rechten Ufer. Wir hatten

jetzt also auf beiden Ufern Gefolge.

Noch eine Strecke weiter wurde unsere Ankunft von etwa 30 Reitern an

einem Ufervorsprunge erwartet, der mit Früchten, Brot, Eiern und ganzen

geschlachteten Schafen vollständig übersät war. Diesmal war es der

Bek von Awwat, der in höchsteigener Person uns bewillkommnen wollte;

auch er gesellte sich zu den übrigen Gästen auf dem Achterdeck, das

jetzt reicher bevölkert war als je zuvor. An den Ufern folgten unserem

Zuge ganze Reiterschwadronen. Eine so festliche, stattliche Prozession

hatte der Jarkent-darja wohl noch nie gesehen. Acht Falkner zu Pferd

waren mit; zwei trugen Adler (Abb. 33), die anderen Jagdfalken, deren

wilde Augen unter Kappen verborgen waren; sie gehören bei Galaaufzügen

mit zum Staate. Später gaben uns die Raubvögel und ihre Pfleger

eine Tamascha (Vorstellung, Schauspiel), die vier Hasen und ein Reh

einbrachte.

Beim Dorfe +Mattan+ blieben wir einen Tag, der jedoch nicht

unbenutzt geopfert wurde. Ich entwickelte Platten, machte eine

astronomische Bestimmung, maß die Wassermenge und sammelte wichtige

Aufklärungen über die Gegend und den Fluß bis zur Mündung des

Aksu-darja. Die Leute wußten von keinem Hindernisse auf dem Wege

dorthin zu erzählen und versicherten, daß wir dann so viel Wasser im

Flußbette haben würden, daß es mit rascher Fahrt vorwärtsgehen würde.

Nachdem alle für ihre Dienste entschädigt worden waren und der Bek

uns einen neuen, in der Gegend heimischen Jäger und einen neuen Hund

besorgt hatte, der den Namen „Hamra“ (Reisegefährte) erhielt, fuhren

wir am 25. Oktober tiefer in die Einöden hinein. Die Wassermenge war

auf 14,3 Kubikmeter gesunken.

Eine Tatsache, die uns sehr zustatten kam und über deren Dasein

und Erklärung man uns in Mattan Bescheid gab, war, daß der Fluß im

Oktober wieder ein wenig zu steigen anfängt. Dies würde als Anomalie

erscheinen, wenn man nicht eine befriedigende Erklärung dafür erhielte.

Der Grund liegt darin, daß das Wasser vieler Bewässerungskanäle, das

in dieser Jahreszeit nicht länger für die Äcker gebraucht wird, in

Gestalt von Quellen in den Fluß zurückkehrt. Am 26. Oktober fanden wir

17 Kubikmeter, fast 3 Kubikmeter mehr als gestern.

Der 27. war ein interessanter Tag, denn wir wußten, daß wir am Abend

an die Mündung des Aksu-darja gelangen würden. Es war ein stiller,

herrlicher Herbstmorgen; der Fluß war blank wie ein Spiegel, in dem

sich die Ufer so scharf widerspiegelten, daß man genau aufpassen mußte,

um zwischen Spiegelbild und Wirklichkeit unterscheiden zu können.

Alten Wald gibt es hier nirgends, nur junge Pappeln, dagegen aber

Tamarisken und anderes Gesträuch in Menge. An einem Punkte, wo wir an

Land gingen, ergriff Hamra die Flucht, und erst nachdem eine richtige

Treibjagd auf ihn angestellt worden war, gelang es uns, ihn wieder

einzufangen. Er war ein Wilder, der lange nicht heimisch wurde, und

vergeblich versuchte Jolldasch, ihn zum Spielen zu bringen.

Mit steigender Spannung spähten wir nach dem Erscheinen des großen

Flusses aus, der für die Männer von Lailik ein Fremdling war, von

dessen Dasein sie nur hatten erzählen hören und dem sie sich nun mit

einem gewissen Respekt nahten. „Hinter jener Pappel dort,“ erklärte

Mollah, „wird er erscheinen.“ Als er sich hierin irrte, versuchte er es

mit der nächsten Biegung und verriet damit bloß, daß er hier weniger

gut Bescheid wußte als bisher.

Mittlerweile nahm die Stromgeschwindigkeit ab, und schließlich ging es

so langsam, daß die Fähre mit den Stangen weitergestoßen werden mußte.

Die Leute stießen, schoben und sangen im Takte, denn unser Ziel mußten

wir zum Abend erreichen. Bei einer Gelegenheit blieb Alims Stange im

Schlamme stecken, während die Fähre weitertrieb; er aber wußte guten

Rat, er entledigte sich der Kleider, schwamm zu seiner Stange hin,

machte sie los und kehrte dann schwimmend mit ihr nach der Fähre zurück.

Mittags hatten wir in der absoluten Windstille echte Sommerhitze, und

ich saß in Hemdärmeln und sog den Duft von Aprikosen, Trauben und

Birnen ein, die in einer Schüssel auf dem Teppiche lagen.

Nach ein paar letzten Krümmungen schien sich die Landschaft vor uns

aufgetan zu haben, und jetzt trat der mächtige Aksu-darja in all

seiner Herrlichkeit hervor (Abb. 34). Mit gespannter Aufmerksamkeit

betrachteten die Männer von Lailik diesen Riesenfluß und fragten:

„Sollen wir uns auf seine unruhige Fläche hinauswagen?“

Merkwürdigerweise biegt der Jarkent-darja gerade beim Zusammenflusse

nach Nordwesten ab. Der Aksu-darja kommt von Nordnordwest, und der

vereinigte Fluß, der von da an meistens Tarim genannt wird, obwohl

bis in die Lop-nor-Gegend noch hin und wieder der Name Jarkent-darja

vorkommt, wendet sich nachher nach Osten. Der Aksu-darja ist

hinsichtlich der Richtung der bestimmende und, nach Aussage der

Eingeborenen, auch zu allen Jahreszeiten der wasserreichere der beiden

Flüsse.

Wir verließen den letzten Vorsprung des rechten Ufers und gingen nach

dem linken Ufer hinüber. In dem untersten Teile hatte die Strömung

nicht nur aufgehört, sondern kehrte unter dem mächtigen Drucke des

Wassers des Aksu sogar um. Es hing an einem Haare, so wäre unser

Fahrzeug in den nächsten Wasserwirbel hineingezogen worden. Es gelang

uns aber noch im letzten Augenblick, am Ufer festen Fuß zu fassen und

die Fähre zu vertäuen, sonst wären wir unfehlbar mit fortgerissen

worden, und das hätte uns nicht gepaßt, da wir beabsichtigten, an der

Stelle des Zusammenflusses selbst, +Jarkent-darjaning-kuilüschi+,

Rast zu machen, um das Fahrwasser genauer zu untersuchen, bevor wir die

Reise fortsetzten (Abb. 35).

Der Ruhetag wurde zu allerlei Arbeiten benutzt; ich machte eine

astronomische Bestimmung, entwickelte und kopierte Platten,

photographierte, machte einen Ausflug mit der Jolle, um das geeignetste

Fahrwasser zu sondieren, und kam erst lange nach Mitternacht zur

Ruhe. In dem großen Flusse war das Wasser im Gegensatze zu dem des

Jarkent-darja, das sich infolge des langsamen Fließens klären kann,

sehr trübe. Massen von Wildgänsen flogen über das Lager weg in

herrlicher, bewundernswert geordneter, pfeilspitzenförmiger Phalanx,

zwischen deren Flügeln sich oft ein paar einzelne Vögel befinden.

Ich habe die weiten Reisen dieser klugen Vögel stets bewundert und

angestaunt; sie kommen vom Lop-nor und gehen über Jarkent nach Indien.

Sie flogen etwa 200 Meter hoch und schrien die ganze Zeit, und ehe

noch die eine Schar wie ein Punkt am Horizont verschwunden war,

kam schon die zweite mit demselben ängstlichen Geschrei von Osten

herangesaust. Diese eilfertigen Pilger finden ihren Weg durch die

Luft so sicher, wie die Bächlein der schmelzenden Schneefelder und

der Gletscher den Weg nach dem Lop-nor finden. Vielleicht sind sie,

gleich den Wassertropfen, willenlose Sklaven einer ihnen innewohnenden

Naturkraft. Ich ziehe indessen vor zu glauben, daß sie sich, wenn sie

oben in der Luft schreien, über den Weg, den nächsten Rastort oder die

ihnen drohenden Gefahren beraten. Gewiß ist, daß man der Phalanx, wenn

sie auf unermüdlichen Flügeln über die Erdenmisere hinwegjagt, mit

sehnsüchtigen Blicken folgt.

Als wir am Morgen des 29. vom Lande abstießen, klang das „Bißmillah“

der Muselmänner nachdrücklicher als gewöhnlich, und sie standen

auf ihren Posten mit gespannten Muskeln und faßten die Stangen mit

so festem Griffe, daß die Knöchel der Hände weiß aussahen. Es war

jedoch nicht so gefährlich, als sie geglaubt hatten. Die Fähre wurde

allerdings von einem ziemlich heftigen Wirbel erfaßt und drehte sich

einmal rund herum, glitt dann aber ebenso sicher wie sonst weiter.

Wir hatten nicht weit bis zu dem Punkte, wo der Weg zwischen Chotan und

Aksu den Tarim kreuzt; dort gibt es eine Fähre, die sechs Kamele auf

einmal überzusetzen vermag.

30. Oktober. Der Fluß war heute wunderbar gerade; keine einzige Biegung

betrug 60 Grad, alle waren stumpf und langgestreckt. Der Flußweg war

daher nicht viel länger als der Pfad, der längs des linken Ufers nach

der Gegend von Schah-jar geht. Die letzte Strecke vor der Dämmerung

spähte ich gespannt nach rechts, nach Süden, um mir die Mündung des

Chotan-darja nicht entgehen zu lassen. Endlich zeigte sich in dem

jungen Walde eine breite Gasse, ein flaches, ein paar Meter über dem

Spiegel des Aksu-darja liegendes Bett, das jetzt ganz trocken und leer

war. Während der kurzen Zeit, in welcher der Chotan-darja Wasser führt,

soll er ein gewaltiger Fluß sein, und tatsächlich wird der Aksu-darja

unterhalb dieser Einmündung viel breiter und reich an Anschwemmungen.

Doch die Richtung des Hauptflusses wird durch den Nebenfluß nicht

im geringsten beeinflußt. Wieder wurde ich an die verhängnisvolle

Wüstenreise von 1895 erinnert, doch ich sah in dem Chotan-darja einen

treuen Freund wieder, der mir einst das Leben gerettet.

Die Landschaft ist in dieser Gegend einförmig, offen und flach; alles

ist groß angelegt: die Wasserflächen sind ausgedehnt, das Schwemmland

endlos, die Ufer etwa einen Kilometer auseinander und der Wald so weit

entfernt, daß man die Pappeln kaum in der Mittagsbrise rauschen hört.

An Bord herrscht eine heitere Stimmung, und die Männer von Lailik

betrachten mit größter Spannung die neue Welt, die sich vor ihren Augen

aufrollt. Der Joll-begi ist noch bei uns; er sitzt vor meinem Zelte und

gibt mir wertvolle Auskunft über die Gegend, die Namen der Ufer, Hirten

und Dörfer und das Wechseln der Wassermenge im Laufe des Jahres. Der

neue Hund Hamra fängt allmählich an, sich in sein Schicksal zu finden

und sich umzugewöhnen. Er sieht Jolldasch beim Mittagessen sehr auf

die Finger, läßt sich aber noch nicht herab, mit ihm zu spielen. Einer

unserer Hähne pflegt auf dem First des Zeltes zu sitzen und zu krähen,

und die Hühner, die jetzt auf der großen Fähre frei umherlaufen und

picken dürfen, machen mir nicht selten eine Visite.

Die Fähre glitt mit außergewöhnlicher Schnelligkeit den endlosen

Fluß hinab, und es war schon tief in der Nacht, als wir nicht ohne

Schwierigkeit an einem abschüssigen Ufer anlegten. Die ausgelassene,

laute Unterhaltung der Leute am Lagerfeuer wurde von dem Bellen einiger

verirrter Füchslein, die nach ihrer Mutter schrien, begleitet; so

deutete ich mir wenigstens die eigentümlichen Töne, die aus dem Walde

erschallten.

Am Morgen des 31. Oktober hatten wir uns noch nicht weit vom Ufer

entfernt, als der Wind aufsprang und in kurzer Zeit zu ungewöhnlicher

Stärke anschwoll. Ich war winterlich angezogen, im Pelze, mit einer

Reisedecke und in Filzstiefeln; trotzdem erfror ich beinahe in

diesem heimtückischen Winde, der gerade ins Zelt hineinfuhr und

dessen Leinwand wie einen Ballon zu zersprengen drohte. Die Finger

erstarren vor Kälte, und man kann nicht so fein wie gewöhnlich

zeichnen; man muß dann und wann aufstehen, sich die Hände reiben

und die Füße warmstampfen. Das Flußbett ist so breit und flach, daß

der Sturm ungehindert über das Land und die Wasserfläche hinfahren

kann, welch letztere gestern noch ruhig wie ein Spiegel lag und

jetzt zu schaumgekrönten Wellen aufgerührt ist, die so gegen den

Vordersteven der Fähre schlagen, daß das ganze Schiff bebt. Da das Zelt

fortzufliegen drohte und nicht einmal die Strömung länger gegen den

Gegenwind ankonnte, ließ ich halten, obwohl wir nur ein paar Stunden

unterwegs waren.

Sobald wir am Lande angelegt, ein Feuer angezündet und uns etwas

gewärmt hatten, ließ ich die Jolle auftakeln und eilte, zur großen

Bewunderung der Männer, die das Segelboot bei solchem Wetter noch nicht

fahren gesehen, auf dem Wege, den wir gekommen waren, wieder zurück.

Das leichte Boot flog buchstäblich über das Wasser; die heftigsten

Windstöße schienen es so zu heben, daß sein Boden die Wasserfläche nur

streifte. Über einen Sandgrund glitt ich wie über ein Nichts hinweg; es

knackte im Maste, und das Steuerruder wurde sehr angestrengt, aber es

war herrlich in dieser wilden, großartigen Einsamkeit, und bald war die

Fähre hinter einer Landspitze verschwunden.

Nun war ich wieder ganz allein im Herzen von Asien; nur die schäumenden

Schlagwellen, die herbstlich gelben Schonungen und der in ungezügelter

Raserei dahinjagende Wind leisteten mir Gesellschaft, und ein Gefühl

des Wohlbehagens erfüllte meine Seele, als gehörten diese unendlichen

Strecken mir, und als könnte ich, unabhängig von Mandarinen und

Häuptlingen, hier im Lande herrschen, wie ich wollte. Der Wind

flüsterte mir ins Ohr, daß dieser gewaltige Fluß hier viele tausend

Jahre auf mein Kommen gewartet habe und daß der Tarim, dem Gebote

eines höheren Willens gehorchend, seine blanke Bahn nur deshalb durch

die Wüste ziehe, damit er mir die beste Fahrstraße nach dem Herzen

des Kontinents bieten könne. Wer konnte mir das Eigentumsrecht auf

diesen Wasserweg streitig machen? Vielleicht die Hirten, die mit

ihren Herden an den Ufern wanderten und wie erschreckte Antilopen

entflohen, sobald wir lautlos hinter den Landspitzen auftauchten? Wer

konnte uns anhalten, uns Zoll und Paß abfordern? Vielleicht die Tiger,

deren smaragdgrüne Augen abends zwischen den Nadeln der finsteren

Tamariskendickichte funkelten? Niemand kannte diesen Fluß besser als

ich. Die Jäger, diese Kinder wilder Wälder, die wir tagelang mitnahmen

und die wir verabschiedeten, sobald ihr Wissen erschöpft war, kannten

nur die Gegend, innerhalb deren Grenzen sie der Spur des flüchtigen

Hirsches zu folgen pflegten, aber jenseits dieser Grenzen verloren sie

sich in Mutmaßungen über das für sie Geheimnisvolle und wußten weder,

woher der Fluß kam, noch wohin seine unerschöpflichen Wassermassen

eilten. Ich dagegen sammelte in meinen Tagebüchern alles, was die Söhne

des Landes wußten; ich lebte Stück für Stück mit diesem rastlosen

Flusse, ich fühlte ihm jeden Abend den Puls und maß seine Wassermenge

genau, und ich wußte, daß, wenn der Fluß auch Jahrtausende hindurch

derselbe geblieben war, er doch sein Bett veränderte, während sein

Wasser seinem Untergange in dem fernen Lop-nor entgegeneilte, wo es in

anderer Gestalt wieder auferstehen und seinen Kreislauf zwischen Himmel

und Erde fortsetzen würde. Die Geschichte und der Lebenslauf des Tarim

lagen bei mir in Wort, Bild und Karte wie in einem Archive verwahrt,

und kein Tag verging, ohne daß sich das Material vermehrte und zu

einer Monographie anwuchs, von der ich in dieser Arbeit nur einen ganz

geringen Teil, ohne die ermüdenden Einzelheiten, mitteile.

Auf einer solchen Eilfahrt bei günstigem Winde gedenkt man gar nicht

der zunehmenden Entfernungen. Endlich aber erwachte ich aus meinen

Träumen, steuerte nach dem nächsten Ufer, zog das Boot hinauf und

vertäute es und ging dann in den jungen Wald hinein, um ein Feuer

anzuzünden und mein mitgebrachtes Frühstück zu verzehren.

Auf der Rückfahrt dachte ich an die nächste Zukunft und sah sie in

den lichtesten Farben glänzen. Was sie in ihrem Schoße tragen konnte,

wußte ich nicht, aber ich wußte, daß alle Pläne, um gut zu gelingen,

klug ersonnen sein mußten, und deshalb drängten sich mir eine Menge

Fragen auf: Würden wir mit dem ganzen Flusse vor Eintreten der

Winterkälte fertig werden? Wo sollte das Hauptquartier, von dem die

großen Exkursionen ausgehen sollten, aufgeschlagen werden? Würden die

Dschigiten mich finden und mir gute Nachrichten aus der Heimat bringen?

-- Zu rechter Zeit war ich wieder an Bord und kopierte Negative.

Ich wollte der Sicherheit wegen von allem zwei Exemplare haben. So

wurden z. B. die täglichen Aufzeichnungen erst mit Bleistift in kleine

Bücher geschrieben und dann abends mit Tinte in das große Tagebuch

eingetragen. Dies verursachte viel Extraarbeit, verlieh aber auch

ein Gefühl der Sicherheit; +ein+ Exemplar wenigstens mußte doch

glücklich mit heimgebracht werden können.

Das einzige, was meine Geduld sehr auf die Probe stellte, war der Wind

oder vielmehr, daß wir meistens Gegenwind hatten. Am 1. November

machte der Fluß eine Biegung nach Norden, und der Wind kam aus

derselben Richtung. Vorn im Zelte hatte ich den ganzen Tag Schatten,

obwohl die Sonne gerade jetzt ein willkommener Gast gewesen wäre.

Die Minimaltemperatur war auf -8,8 Grad heruntergegangen, das Wasser

in dem auf meinem Nachttische stehenden Glase und die Tinte waren

gefroren, und ich schauderte, wenn ich in die eiskalten Kleider kroch.

Es wäre einfach gewesen, ein Kohlenbecken in das Zelt zu stellen,

aber ich wollte dies so lange wie möglich vermeiden, um den Gang der

selbstregistrierenden Instrumente nicht zu stören.

Von +Kara-tograk+ an ist der Fluß so gerade wie noch nie. Er

erstreckt sich unendlich weit nach Nordnordosten und vor uns, am

Horizont, schien die Wasserfläche direkt in den Himmel überzugehen; es

ist, als verließe sie die Erde und ergösse sich in den grenzenlosen

Weltenraum.

Während der letzten Tage hatten wir beobachtet, daß der Fluß ein wenig

stieg, was davon kam, daß die Kanäle für dieses Jahr gesperrt worden

waren und nun dem Flusse den Rest der Anleihe zurückzahlten. Die

gewaltige Wassermasse arbeitete mit großer Energie in dem Bette, und an

ein paar Stellen, wo die Sanddünen unmittelbar nach dem Ufer abfielen,

sah man, wie sie an der Basis unterminiert wurden, so daß allmählich

immer neuer Sand nachrutschte.

Wo die Uferwand aus Lehm besteht, ist sie oft nicht nur lotrecht,

sondern hängt sogar über. Gerade als wir an solch einem vorspringenden

Tische vorbeistrichen, stürzte dieser ins Wasser, überschüttete die

Steuerbordseite mit einer kalten Dusche und verursachte solchen

Seegang, daß die schwere Fähre stark schaukelte. Ziemlich oft ertönen

dumpfe Schüsse wie von einer fernen Festung, wenn Blöcke, die ihr

Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen, ins Wasser stürzen.

Eine Strecke weiter unten tauchte eine einsame Wanderin aus dem Schilfe

auf. Sie rief uns an und sagte, sie wolle uns zehn Eier schenken.

Die Fähre wurde nur so nahe ans Ufer geschoben, daß ihr Achter das

Schiff berührte, Islam nahm das Bündel mit den Eiern in Empfang und

gab der Frau einige Münzen. Wir brauchten nicht einmal anzuhalten, um

das Geschäft abzuschließen. Doch keiner an Bord konnte sagen, wer die

Wanderin sei. Es ging uns mit ihr wie mit dem Winde, wir wußten nicht,

woher sie kam, noch wohin sie ging.

[Illustration: 35. Landung an der Mündung des Aksu-tarja. (S. 84.)]

[Illustration: 36. Unser Nachtlager bei Ala Kunglei Busrugvar. (S. 92.)]

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 9 / 42 段