+Sai-tag+, der in einem Winkel von 34 Grad nach dem Wasserspiegel
abfällt und nur einigen jungen Pappeln und einem Hirtenpfade Raum
gewährt (Abb. 32). Der Sai-tag setzt sich nach Norden in einigen
kleinen Bodenerhebungen fort, die ebenfalls auf dem rechten Ufer des
Flusses liegen. Auf einem dieser kleinen Rücken finden wir einen
kleinen, von Stille und feierlichem Frieden umgebenen Begräbnisplatz
(Abb. 31), wo unser Mollah, ein des Korans kundiger Mann, einige Gebete
sprach, während welcher die anderen niederknieten. Über einem vornehmen
Manne, der vielleicht ein berühmter Hirt oder Jäger gewesen, hatte man
ein Mausoleum in Würfelform mit Kuppeln (Gumbes) auf dem Dache aus an
der Sonne getrocknetem Lehm erbaut; um dieses herum sah man mehrere
kleinere Grabdenkmäler. Auf dem eigentlichen Kamme des Landrückens
lagen noch zwei Gräber, aber ohne jegliche Überdachung, nur durch
einige Balken und Steine geschützt und nach Norden ganz offen, so daß
man die Schädel der darin liegenden Gerippe sehen konnte. In dem einen
Grabe teilten sich zwei Tote in den Raum. Diese Leichenstätten sahen
nicht besonders alt aus.
Mittags wehte ein schwacher Südwest, und da wir nach Nordosten
gingen, hatten wir eine vortreffliche Fahrt. Ein Reh schwamm in einer
Entfernung von zwei Flintenschüssen über den Fluß. Die Schützen, Islam
und Mollah, lagen auf dem Vorderdeck mit ihren Waffen im Anschlag, doch
das Tier schwamm schnell, war mit einem Satze am Ufer und verschwand
wie der Wind im Schilfe. Bei +More+, wo wir in der Dämmerung auf
dem linken Ufer lagerten, führte der Fluß 25,1 Kubikmeter Wasser in der
Sekunde.
An diesem Lagerplatze traf mich ein großer Kummer. Mein Lieblingshund
Dowlet war in den letzten Tagen melancholisch gewesen; er hatte weder
fressen noch spielen wollen, und sein Puls war gestern abend auf
150 Schläge gestiegen. Er hatte, gegen seine Gewohnheit, nicht an
der Exkursion teilnehmen wollen, und nachts schlief er nicht neben
meinem Bette, sondern lief unruhig umher. Während des Tages streifte
er mit herabhängendem Kopfe und eingeklemmtem Schwanze immer wieder
vom Vorschiffe nach dem Achter und zurück. Als wir in More landeten,
verließ er die Fähre für immer, lief heiser bellend im Gebüsche herum,
als suche er etwas, versuchte zu beißen, wenn man sich ihm näherte,
wurde immer unsicherer auf den Beinen und taumelte schließlich von der
Jarwand in den Fluß, wurde aber von Alim gerettet. Wir legten ihn ans
Feuer; sein Puls war auf 42 Schläge heruntergegangen, und er starrte
jetzt ganz ohne Bewußtsein ins Leere. Alle meine Bemühungen waren
fruchtlos; er fing schon an zu erkalten, und ich wachte bei ihm und
streichelte ihn, solange noch ein Funke von Leben in ihm war.
Der Verlust dieses Hundes schmerzte mich tief. Er hatte mir stets treu
Gesellschaft geleistet, war lustig und freundlich, voll drolliger
Streiche, und ich spielte abends immer eine Weile mit ihm. Er war ein
mageres, häßliches Hündchen, als wir Osch verließen, unter meiner
Pflege hatte er sich aber zu einem wirklich schönen Hunde entwickelt.
Und nun entriß ihn mir diese heimtückische Krankheit!
Am folgenden Morgen grub Mollah ein Grab, legte Dowlet, in ein
Schaffell gehüllt, hinein und murmelte halblaut ein Gebet. Es tat
mir sehr leid, als ich die feinen, seidenweichen Ohren in der Erde
verschwinden sah. So seltsam es klingen mag, die Stimmung an Bord war
den ganzen Tag so gedrückt wie nach einer wirklichen Beerdigung, und
die Männer redeten nur im Flüstertone miteinander. Mir erschien es auf
der Fähre öde und leer, seit Dowlet fort war, und erst nach mehreren
Tagen kam ich wieder ins Gleichgewicht.
Als wir am 9. Oktober frühmorgens More verließen, suchte Jolldasch
vergeblich seinen Kameraden und wunderte sich, daß er nicht mitkam.
Der Fluß machte auf dieser Tagereise ziemlich phantastische Krümmungen,
die aber so ausgedehnt waren, daß ich oft lange Peilungen ausführen
konnte, mehr freie Zeit als sonst hatte und mich mit Nacharbeiten,
Aufzeichnungen und dergleichen beschäftigen konnte. Die Leute hatten
nicht viel zu tun, sie schliefen abwechselnd. Ibrahim erhielt den
Auftrag, sich nach dem Basare von Tschiggan-tschöll zu begeben und
dort Schnupftabak (Nas) für die anderen, die an dieser unentbehrlichen
Ware Mangel litten, zu kaufen. Er hatte bis dorthin 6 Potai (etwa 20
Kilometer) und sollte nach zwei Tagen wieder zu uns stoßen.
10. Oktober. Der Morgen war kalt, um 6 Uhr zeigte das Thermometer nur
+3 Grad; es war still wie im Grabe, als wir aufbrachen, nur einige
Krähen sangen ihr wenig melodisches Morgenlied. Die Ufer waren öde;
bisweilen aber verkündeten rauchgeschwärzte Stämme und Zweige, daß hier
Hirten ihre Lagerplätze gehabt. Die gelbe Farbe herrschte jetzt im
Walde vor, und die grünen Partien wurden immer weniger.
Der Mollah war für uns ein wirklicher Schatz und diente mir als
geographisches Lexikon über diese wenig oder gar nicht bekannte Gegend.
Die Brille auf der Nase und ein großes Blatt Papier vor sich, zeichnete
er eine Karte des Gebietes, auf der alle Namen und Wege angegeben
waren, und zeigte uns, bei welchen Flußkrümmungen die Wüste uns am
nächsten war. Ich konnte diese Karte später bei mehreren Gelegenheiten
kontrollieren und fand sie sehr korrekt. Er hatte diese Wälder auf der
Jagd vielfach durchstreift und war dreimal in Schah-jar gewesen. Auch
von unserer Besatzung war er gern gesehen, denn er unterhielt sie in
den langen, einsamen Stunden an Bord mit Vorlesen.
Bei einer Bucht am Ufer vor uns überraschten wir eine Wildschweinherde.
Ganz erstaunt über das große Ungetüm, das den Fluß hinuntergetrieben
kam, betrachteten die Tiere uns einen Augenblick, setzten sich dann
aber in raschen Trab und stoben in geschlossener Schar in das Dickicht
hinein. Gegen Abend erreichten wir +Ak-sattma+, wo Kurban Bai
sich am Fuße einer Sanddüne in der Nähe einiger einsamen Pappeln zwei
Hütten erbaut hatte. Er ist Besitzer von 2000 Schafen und einer Anzahl
Hornvieh und zieht Weizen und Melonen; wir konnten daher bei ihm
unseren Proviant verstärken.
[Illustration: 25. Das Innere meines Zeltes auf der Fähre;
rechts der Schreibtisch, links das Bett und der Fährmann Palta. (S.
40.)]
[Illustration: 26. Hirtenhütte in der Nähe des Masar-tag. (S. 60.)]
[Illustration: 27. Kasim beim Fischfang. (S. 61.)]
[Illustration: 28. Unser Lager bei Kurruk-asste. (S. 59.)]
Obwohl es spät war, beschlossen wir noch einen Tschugulup (Flußbogen)
zurückzulegen. Die Dämmerung senkte sich auf den spiegelblanken
Fluß herab, dessen Oberfläche die Ringel der Strömung nur schwach
zeichneten, und die Gegend war so still, daß man sein eigenes Herz
klopfen hören konnte. Um die Leute aufzuheitern, holte ich unser
Symphonion und ließ Islam Bai für Musik sorgen. Die Männer hatten
ihre Freude daran und hörten andächtig zu, und Kasim hielt sich mit
der Avisofähre uns möglichst nahe. Die hellen Töne des Instruments
klangen wehmütig und melancholisch, als die Cavalleria von Stapel ging,
sie klangen voll und festlich, als Carmen durch den Wald hinzitterte;
feierlich klang es, als die Töne der schwedischen Nationalhymne über
dem schweigenden Wasser des Jarkent-darja erschollen, und als ein
Parademarsch abschnurrte, war es, als glitte die Fähre im Siegeszuge
langsam, aber sicher, von Fanfaren und Militärmusik begrüßt, gerade auf
ihr Ziel zu. Es war ein entzückender, friedlicher Abend. Die Luft war
von Waldgeruch und den Düften der Wiesen und Kamischfelder erfüllt, und
in der Luft herrschte eine feierliche Stille wie in einer Kirche. Das
kleinste Geräusch, das dieses großartige, einsame Schweigen unterbrach,
machte sich geltend, Sandkörner, die vom Uferrande ins Wasser fielen,
eine Ente, die in einer geschützten Bucht schwamm, ein Fisch, der in
dem rabenschwarzen Schatten unter der Uferwand plätscherte, ein Fuchs,
der im Schilfe raschelte. Während die Dunkelheit schnell hereinbrach,
trug uns die Strömung immer tiefer in die geheimnisvolle Landschaft
hinein, gleich Geistern und Schatten einer anderen Welt, und die
Bewohner des Waldes lauschten den Tönen unserer Spieldose gewiß voller
Erstaunen. Es war nicht die beste Musik, die man hören kann, aber
in der Umgebung, in der sie ertönte, wirkte sie wunderbar und mit
einschmeichelndem Zauber, während die große Stille zu kühnen Träumen
einlud.
Die Wassermassen, die uns im Laufe des Tages Gesellschaft geleistet
hatten, sollten wieder eine Nacht Vorsprung gewinnen, als wir am
linken Ufer unter herbstlich gelben Pappeln rasteten. Spät abends
wurde eine Flußmessung vorgenommen, die 26,7 Kubikmeter in der Sekunde
ergab. Nichts hindert den Fluß, an einem Tage wasserreicher als am
vorhergehenden zu sein; teils kann der Zufluß aus dem Gebirge wechseln,
teils können durch Verteilung des Luftdruckes und durch den Wind
zufällige, natürliche Verdämmungen entstehen, die das nachdrängende
Wasser für einige Zeit in seinem Fließen hindern oder aufhalten.
11. Oktober. Leichter, feuchter Nebel lag über dem Jarkent-darja,
als wir um 7 Uhr das Ufer verließen. Als wir durch diesen Nebel nach
Süden gingen, fiel der Widerschein der Strahlen der aufgehenden Sonne
verschleiert auf die Wasserfläche, und die kleine Fähre und die Jolle
zeichneten sich mit den darinstehenden Männern und deren langen Stangen
wie schwarze Schattenrisse auf dem mit Licht gesättigten Hintergrunde
ab. In einer geschützten Bucht lag auf dem Wasser eine einsame Ente,
die das sich ihr bietende, ungewöhnliche Schauspiel ruhig betrachtete,
als unsere kleine Flottille an ihr vorbeitrieb. Sie mußte aber ihre
Neugierde teuer bezahlen und schmeckte uns zu Mittag vorzüglich.
Der Fluß verändert seine Eigenschaften nicht, er ist noch ebenso krumm,
und da es obendrein heftig wehte, kamen wir nicht weit. Der Kopf kann
einem bei diesen Windungen schwindeln; Sonnenschein und Schatten,
Wind und Lee wechseln unaufhörlich ab; bald friert man, bald wird man
gebraten, bald geht es verzweifelt langsam, bald mit schwindelnder
Fahrt. In scharfen Biegungen verliert die Wassermasse durch die Reibung
und den Druck gegen das Jarufer einen guten Teil ihrer Geschwindigkeit,
welche Kraft in eine andere Arbeit, die Auswaschung des Ufers,
umgesetzt wird. Auf diese Weise werden die Windungen im Laufe der Jahre
immer größer. Man findet auch gewöhnlich, daß die Fahrgeschwindigkeit
hinter den schärfsten Biegungen abnimmt.
Bei +Duga-dschaji-masar+ stieß Ibrahim wieder zu uns. Außer einem
ganzen Armvoll Melonen, Möhren, roten Rüben, Zwiebeln und Brot brachte
er auch seine Mutter und seinen jüngeren Bruder mit, so daß wir neue
Passagiere an Bord hatten.
Die Uferterrasse beim Lager lag 2,1 Meter über dem Wasserspiegel, und
trotzdem war der Waldboden noch vom Hochwasser des Sommers feucht.
Der Fluß ist also seitdem an diesem Punkte über 2 Meter gefallen. Je
weiter wir kamen, desto schmäler, tiefer und langsamer wurde er, und
nicht selten betrug seine Breite nur 15 Meter. Wir sehnten uns nach
dem Aksu-darja, wo Mollah uns dreimal soviel Wasser versprach, und wir
fuhren jetzt gewöhnlich täglich 11 Stunden. Mir wurde der Rücken ganz
steif, wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch saß, und ich ersann
daher eine neue Methode, die wenigstens einige Abwechslung brachte.
Ich setzte mich in die kleine Jolle, machte mir dort von Filzdecken
und Kissen ein Ruhebett zurecht und hatte alles Zeichenmaterial und
die nötigen Instrumente bei mir. Um wirklich ungestört zu sein, hielt
ich mich weit vor der Fähre und glitt nun ruhig und friedlich den Fluß
hinunter. Die Pfeife im Munde, die Feder in der Hand und die Karte auf
den Knien, freute ich mich der großen Stille; bequemer kann man durch
ein unbekanntes Land wirklich nicht reisen.
Am 13. Oktober hatten wir die gewundenste Fahrt, die wir bis jetzt
gemacht hatten. Man sitzt mit der Karte vor sich und fürchtet beinahe,
eine Schleife einzeichnen zu müssen, dann aber biegt der Fluß im
letzten Augenblick nach der entgegengesetzten Richtung ab. Die zweite
Windung war noch toller; nach vierthalbstündiger Drift kamen wir wieder
bei denselben Pappeln an, an denen wir vorübergefahren waren.
Der Tag war naßkalt und unfreundlich, und wir müssen uns ordentlich
in Pelze hüllen. Die Fährleute sitzen in ihre Tschapane eingewickelt
da und geben acht, daß wir nicht auf Grund stoßen und sie ins Wasser
springen müssen. Islam und Mollah zogen vor, auf kürzeren Wegen,
welche die Flußbiegungen berührten, durch den Wald zu gehen. Sie waren
sieben Stunden fortgewesen, als wir sie am Ufer, wo sie an einem Feuer
schliefen, wieder auffischten. Sie hatten nur zwei Stunden gebraucht,
um diesen Punkt zu erreichen, und hätten +wir+ nicht ihr Feuer
erblickt, +sie+ würden uns nicht bemerkt, sondern dort ruhig
weitergeschlafen haben.
Die ersten Frostnächte prägten dem Walde, der jetzt überall gelb ist,
ihren Stempel auf. Nach einer frischen Brise trieben wir auf einer
wahren Laubstraße. Der Wind hatte Massen gelben Laubes in den Fluß
gefegt, dessen Fläche eine lange Strecke weit gelbgetüpfelt war. Man
braucht nur einen Blick auf die nächste Umgebung zu werfen, um zu
sehen, daß der geringste Windhauch auf die Fähre einwirkt: bald treiben
die Blätter an uns vorbei, bald sind wir die schnelleren; ist es aber
völlig windstill, so haben wir gleiche Fahrt mit ihnen.
Am 14. Oktober lagerten wir in der +Jiggdelik+ genannten Gegend.
Am rechten Ufer erhebt sich im Walde eine mit Tamarisken bewachsene
Düne, auf welcher eine Stange aufgerichtet ist, die anzeigt, daß sich
in der Nähe ein Masar oder Heiligengrab befindet. Unser Mollah war
wiederholt dort gewesen, um Rubine zu suchen, die in dem vom Sande
abgeschliffenen Feuersteinschutte, der eine ausgedehnte offene Ebene
zwischen der Grenze des Wüstenmeeres und dem Walde bedeckt, zu finden
sein sollen. Er hatte in der Nähe des Grabes übernachtet und eine
bleiche, flackernde Flamme über der Kuppel schweben sehen. Rubine
scheint er aber nicht gefunden zu haben.
Am 15. Oktober erinnerte der Fluß anfangs an eine verfitzte Schnur,
nachher aber wurde er wieder ganz ordentlich. Es gilt als Regel, daß
der Fluß da, wo er Bogen macht, auch schmal, tief und langsam ist, da
aber, wo er eine gerade Richtung einhält, seicht, schnell und breit
wird; das Gefälle ist hier größer. Manchmal sieht es aus, als sei das
Wasser unschlüssig, nach welcher Seite es fließen solle; es scheint
stillzustehen und zu überlegen, wohin der Boden sich neige.
Die Lailiker fingen an, mutlos zu werden, als sie Tag für Tag immer
weiter von Haus und Heim fort- und immer tiefer in unbekannte Einöden
und Wälder hineingetragen wurden. Es belebte sie jedoch ein wenig,
daß wir bei Kuiluschning-baschi auf einen braven Mann stießen, der
Jussup Do Bek hieß, hier in der Gegend seine Schafherden hütete und
meine Leute damit beruhigte, daß es für sie die einfachste Sache auf
der Welt sei, auf der großen Karawanenstraße über Aksu nach Hause
zurückzukehren. Der erste Dschigit aus Kaschgar, der meine Post nach
Dural bringen sollte, mußte schon unterwegs sein und sollte mit Jussups
Hilfe in Aksu angehalten und an den Fluß hinuntergeschickt werden,
welches Arrangement denn auch vortrefflich gelang.
Am 17. passierten wir einen der Mündungsarme des Kodai-darja, der uns
aber nur wenig Wasser zuführte. Der Jarkent-darja läuft jetzt eine
Strecke weit gerade nach Norden; die Windungen rauben uns nicht so
viel Zeit wie bisher, doch wurde eine zurückgelegt, die sich einem
vollständigen Kreise näherte und deren Landzunge nur zwanzig Klafter
breit war. Ohne Zweifel wird das nächste Hochwasser diese Landzunge
durchbrechen. Das Ufer ist 3½-4 Meter hoch, und seine Wand wird von
beiden Seiten unterwaschen, so daß die Landzunge immer schmäler wird,
bis sie schließlich einstürzt und der Fluß dann die Windung verläßt,
die wie ein toter Schmarotzer liegen bleibt. Derartige tote Krümmungen
oder Altwasser (Boldschemal) kamen in diesem Teile des Flußlaufes
besonders häufig vor. In ihrem Bogen steht beinahe stets ein kleiner
halbmondförmiger Köll mit klarem Wasser.
Von einem an Reisig und verdorrten Bäumen reichen Punkte am rechten
Ufer sahen wir Rauchwolken aufsteigen, und bald flackerten Feuerzungen
zwischen den Bäumen. Der Mollah erklärte, es seien Hirten, die auf
diese Weise Tiger und Wölfe zu verscheuchen suchen. Tigerspuren hatten
wir in den letzten Tagen wiederholt auf den Ufern gesehen. Als wir
gerade vor dem Platze waren, sahen wir denn auch richtig ein paar
Hirten am Ufer. Doch sowie diese die Fähre, das gespenstische weiße
Zelt und die rabenschwarze Hütte erblickten, ergriffen sie die Flucht
und liefen, was das Zeug halten wollte, Schafe, Hunde und Feuer ihrem
Schicksal überlassend. Soviel wir auch riefen und ihrer durch Späher
habhaft zu werden suchten, sie waren und blieben verschwunden, und wir
mußten also auf Aufklärung über diese Gegend verzichten. Was sollten
diese einfachen, redlichen, halbwilden Waldmenschen übrigens auch beim
Anblick der Fähre denken, die wie ein Riesenschwan am Waldrande entlang
geschwommen kam! Sie konnten doch nur denken, es sei ein böser Geist
aus der Tiefe der Wüste, der auf der Streife sei und suche, wen er
verschlingen könne.
Die Tendenz des Flusses, hier in der Gegend seine Windungen oft
auszugleichen, ist in der Beschaffenheit des Bodens begründet.
Dieser besteht aus Sand, und in dem losen, leicht niederstürzenden
Material führt das Wasser ohne sonderlichen Widerstand seine
Unterminierungsarbeit aus. Auf die Veränderlichkeit des Flusses
gründet sich wieder der Umstand, daß der Wald spärlich ist und an den
Ufern nicht alt werden kann. Die äußersten Pappeln stehen wie wartend
da, bis die Reihe zu fallen an sie kommt, wenn die Jarwand unter ihnen
abrutscht.
Am 18. Oktober hatten wir wieder Pech mit dem Winde. Als wir nach
Norden kamen, herrschte nördlicher Wind, als aber der Flußlauf sich
nach Nordosten wendete, kam der Wind auch aus dieser Richtung, und
schließlich sprang er sogar nach Osten um. Das Bett war ziemlich offen
und flach, und wir hatten von den Ufern und ihrer Vegetation wenig
Nutzen. Die Luvseite des Zeltes war wie ein Trommelfell nach innen
gekehrt, und faßte man das Zelttuch an, so fühlte man sofort, mit
welcher Kraft dieser saugende Wind die Fähre nach Lee hinüberpressen
mußte. Die Leute hatten den ganzen Tag vollauf damit zu tun, uns vor
Kollisionen mit den Ufern zu bewahren, und hatten kaum Zeit, ihr
einfaches, aus Brot und Melonen bestehendes Frühstück zu verzehren.
Auch am folgenden Tage tat uns der Wind großen Abbruch, und jetzt
bereitete sich ein kleiner Sturm vor. Die Luft war mit Flugsand
gesättigt, und die Sonnenscheibe zeichnete sich im Zenith nur wie ein
schwach sichtbarer, gelbroter Schild ab. Man sah nicht, wohin es ging;
die Ufer verschwammen in der dicken Luft, es sauste und pfiff in dem
jungen Walde, und überall flogen gelbe, harte Blätter prasselnd umher.
In scharfen Biegungen, wo die Gegenströmung einen Strudel bildet,
sammeln sich diese Laubmassen zu kleinen Sargassoseen an; ein großer
Laubkuchen dreht sich im Wirbel, und von seiner Peripherie sondert sich
ein langer, schmaler Laubstreifen ab, der nach und nach wieder ins
Treiben gerät, um dem nächsten Strudel zuzueilen.
Wir mühten uns einige Stunden gegen den starken Wind ab und wollten
gerade Halt machen, als der Mollah erklärte, der Fluß werde bald einen
Bogen nach Süden machen. Er hatte recht, und bei reißendem, günstigem
Winde sauste die Fähre an den Ufern vorbei, so daß das Wasser um den
Vordersteven brauste. Es dauerte jedoch nicht lange, so machte der
Fluß wieder einen Bogen und setzte seinen Weg nach Nordosten fort. Wir
rasteten nun einige Stunden in einer ruhigen Bucht.
Als der Wind sich etwas gelegt, ging es weiter. In der Dämmerung
trat wieder völlige Ruhe in der Atmosphäre ein, und wir beschlossen,
im Mondschein weiterzufahren. Die Route wurde beim Lichte der
photographischen Laterne aufgezeichnet, die den Kompaß, die Uhr und
die Karte schwach beleuchtete, aber nicht die freie Aussicht auf die
mondbeglänzte Landschaft vor mir störte. Von hinten schwach von dem
roten, von vorn grell von dem bläulichen Lichte beleuchtet, sahen die
Männer phantastisch aus, und ihre sonst dunkeln Silhouetten hoben sich
scharf gegen das glitzernde Spiel der Mondstraße auf dem Flusse ab.
Spät abends legten wir am Ufer von +Jekkenlik-köll+ an, wo es
vorzügliches Brennholz in Menge gab. Als wir am 20. Oktober früh vom
Ufer abstießen, war von den mächtigen Stämmen, die wir zu unserm Feuer
benutzt hatten, nur noch ein grauer, rauchender Aschenhaufen übrig. Das
Bett des Jarkent-darja war heute außerordentlich regelmäßig gebaut, und
dieselben Formationen, dieselben Krümmungen kamen abwechselnd immer
wieder. Sie waren wie nach ein und demselben Muster gezogen.
Beim +Masar Chodscham+, der ein Ende vom rechten Ufer liegt, wurde
Rast gemacht, und wir alle, außer Kader, der die Fahrzeuge bewachen
sollte, wanderten durch den lichten Wald dorthin. Der Masar ist über
dem Grabe von Hasrett-i-Achtam Resi Allahu Anhu errichtet worden,
eines Heiligen, der zur Zeit des Propheten diese Gegenden durchwandert
haben soll. Man findet hier einige trockene, graugelbe Lehmhaufen,
die wimpelgeschmückte Stangen und Antilopenschädel trugen und mit
einem Reisiggehege umgeben waren, um Schafen und Rindern das Entweihen
des Ortes unmöglich zu machen. Auf der Südseite erhob sich ein sehr
einfaches Chaneka (Bethaus) aus lotrecht in die Erde geschlagenen
Pfählen und Stangen mit einem Dache darüber.
Die Muselmänner brachten dem Heiligen ihre Huldigung dar und hielten
eine längere Andacht; hell erklang des Mollah „Allahu ekbär“ durch
die tiefe Stille des Waldes. Es liegt wirklich etwas Feierliches in
solchem Gottesdienst. Wir waren von dem tiefsten Schweigen umgeben;
nur die schlummernden Blätter, die noch an ihren dünnen Stielen saßen,
zitterten leicht in einem hier im Walde kaum merkbaren Winde. Ein
Heiligtum kann keinen friedlicheren Platz finden als hier, fern von
allen Fahrstraßen an einem Flusse, der jetzt zum erstenmal von Menschen
befahren wird. Nicht das geringste Geräusch störte die Ruhe des Waldes,
nur ein Hase war bei unserem Herannahen entflohen. „La illaha il allah“
verkündete die tiefe Stimme des Mollah voller Überzeugung, und die
Worte verhallten in der Ferne zwischen den Pappeln.
Ende November wird der Tag des Heiligen von den Einwohnern von Awwat
gefeiert, die sich dann in ziemlich großer Zahl hierher begeben und
drei Tage im Walde bleiben. Der Scheik, der Wächter des Heiligengrabes,
hält sich um diese Zeit in einer benachbarten Hütte auf, wohnt aber
sonst in Awwat.
Als wir nach den Schiffen zurückkehrten, tat es uns leid um den jungen
Kader, der nichts von der Herrlichkeit zu sehen bekommen hatte, und
er erhielt daher Erlaubnis, sich in unserer Spur allein nach dem
Masar zu begeben und dann in der nächsten Flußbiegung mit der Fähre
zusammenzutreffen. Doch wir waren noch nicht weit gelangt, als er
schon angelaufen kam, als gälte es, sein Leben zu retten. Die düstere
Waldeinsamkeit und die gespensterhaft wehenden Wimpel hatten ihn so
erschreckt, daß er jede Lust verloren hatte, den Heiligen mit seinem
Besuche zu beehren. Den jungen Helden erfüllte Angst, als Reiser unter
seinen eigenen Tritten knackten, er hielt jeden Busch für einen Räuber
und glaubte, lebende Wesen winkten mit den Lumpen der Grabstangen.
Der Name des heutigen Rastortes, +Kalmak-kum+, zeugte wieder
davon, daß in längst entschwundenen Zeiten einmal Mongolen an diesem
Flusse gewohnt haben. Hier lebten drei Hirtenfamilien mit 300 Schafen.
Sie hatten ein „Tor“, eine Art Falle, um Raubvögel zu fangen,
aufgestellt, die aus vier, in der Erde quadratisch befestigten,
elastischen Gerten bestand, deren Spitzen sich einander zukehren und
die ein sackförmiges Netz ausgespannt halten. Oben entsteht also eine
Öffnung, durch welche der Falke auf das unten im Netz festgebundene
Huhn oder die Taube stößt. Wenn er sich mit seiner Beute aufschwingen
will, drehen sich die elastischen Gerten, wodurch sich die Öffnung des
Netzsackes schließt und das Netz über den Falken fällt, der nun darin
verwickelt und gefangen ist.