Die Fische, Asmane, stehen hauptsächlich in dem Strudel unterhalb des

Falles, in welchem sich das Wasser des östlichsten Armes am Fischplatze

hinabstürzt, zeigen sich aber oft über dem Wasser, wo sie sich mit

einer geschickten, elastischen Bewegung den Fall hinaufzuschnellen

versuchen, gerade wie der Lachs bei uns. Sie werden mit einem Geräte

gefangen, das einer Fischgabel gleicht und aus einem 5 Meter langen,

feinen, geschmeidigen Speere oder einer Gerte (Sapp) besteht, die

unten von zähem Tamarisken-, oben von biegsamem Weidenholz ist. Da, wo

der untere Teil endet, sitzen die beiden Haken (Satschkak) mit nach

unten gerichteten Spitzen und nach aufwärts gekehrten Widerhaken so am

Schaft, daß sie leicht von ihm abspringen können, wenn sie treffen.

Doch hängen sie noch mittelst einer 50 Zentimeter langen, starken

Schnur an dem oberen Teile der Gerte.

Kasim fing innerhalb einer Minute zwei gewaltige Asmane und dann noch

eine ganze Menge. Er stand am Rande des Wassers, hielt das Fanggerät

wie ein Speerwerfer und schnellte, sobald er einen Fisch erblickte,

die Fischgabel, daß sie durch das Wasser pfiff (Abb. 27). Man sah

den Speerschaft zittern, es spritzte und wirbelte im Schaume, und im

nächsten Augenblick zog er einen zappelnden Asman ans Ufer, ein großes

Ding, das am Ende der Gerte baumelte, als wäre es dorthin gezaubert

(Abb. 29).

Wir besuchten dann eine in der Nähe liegende Sattma (Hirtenhütte), die

aus Stangen und Kamisch erbaut war und ein luftiges Zimmer mit offener

Veranda bildete. Hier wohnten zwei Frauen mit sechs Kindern. Sie

empfingen uns ohne Furcht und setzten uns ganz vorzügliche saure Milch

vor. Im Sommer wohnen sie hier, um Vieh, das mehreren Leuten aus der

Gegend gehört, zu hüten; im Winter halten sie sich auf dem rechten Ufer

auf, wo sie besser gebaute Häuser und Höfe haben.

Spät am Abend kam endlich der On-baschi angeritten und brachte alle

ihm aufgetragenen Sachen mit. Er besorgte uns auch einen neuen Führer,

einen Jäger, der sein Gewehr mitbrachte.

4. Oktober. Während der Nacht herrschte heftiger Wind; es knackte in

den Zeltstangen, und das Tauwerk schlug gegen das Deck. Der Tag wurde

auch unangenehm durch den hemmenden Ostnordostwind, der so stark

war, daß sich die Oberfläche des Flusses zu weißschäumenden Wellen

kräuselte, die da, wo sie die Strömung trafen, kurz und abgeschnitten

waren. Hierdurch wurde das Lotsen erschwert, da man nicht sehen konnte,

wo die Strömung ging. Die Wellen plätschern und schlagen melodisch

an den Vordersteven der Fähre; aber ihr klangvoller Gesang ist

verräterisch und hält uns zurück; sie sind feindlich gesinnt und wollen

unser Vorwärtskommen hindern. Das Zelt wirkte wie ein Segel, das die

Fähre unaufhörlich nach der Leeseite hinüberdrängte, und wurde daher

abgenommen, nachdem alle losen Gegenstände, die bei mir umherlagen,

eingepackt worden waren. Nur im Schutze der Ufer war die Fahrt normal;

sonst ging es nur langsam, was unsere Geduld sehr auf die Probe

stellte. Wenn es wenigstens einmal einen Tag aus Westen wehen wollte,

daß wir günstigen Wind hätten; aber immer hatten wir Gegenwind!

Auch heute wurde ein Bogen gemacht, der sich einem Kreise näherte. Wir

hörten im Walde unweit des Ufers hellen, wohlklingenden Hirtengesang;

doch als wir nach Norden abbogen, verhallte der Gesang in der Ferne.

Dann machte der Fluß einen neuen Bogen, der Gesang wurde wieder

deutlicher und ertönte schließlich ganz dicht bei uns. Der Hirt hatte

seinen Platz nicht verlassen; er saß im Walde und hütete seine Schafe,

die zwischen den Bäumen weideten, aber der Fluß hatte eine Schlinge

beschrieben, um uns noch einmal dem lebensfrohen Sange lauschen zu

lassen.

Im Osten tauchen jetzt neue, isolierte Berge über dem Horizont auf:

der Tschokka-tag und der Tusluk-tag, von denen aus ich 1895 die

unglückliche Wüstenreise angetreten hatte. Der See, an dem wir damals

rasteten, trägt den Namen Jugan-balik-köll (der große Fischsee) und

erhält sein Wasser von Armen, die vom rechten Ufer des Jarkent-darja

ausgehen. Der See ist, wie der Name angibt, reich an Fischen, und

im Frühling begeben sich daher Männer aus Tscharwak und Masar-alldi

dorthin, um an dem Fange zu verdienen. Sie benutzen aus Pappelstämmen

ausgehöhlte Kanus, die, wenn sie nicht gebraucht werden, im Schilfe

versteckt liegen. Andere Dorfleute treiben Handel mit Steinsalz vom

Tusluk-tag (Salzberg). Die Salzstücke werden auf Arben befördert, doch

nur im Winter, wenn das Eis eine bequeme Brücke über den Fluß schlägt.

Bei +Jugan-balik+ kommt der Königstiger häufig vor und hat in den

letzten Jahren an Zahl zugenommen. Dieses Jahr hatte er fünf Pferde

und viele Schafe geraubt, doch scheut er die Menschen und wagt deshalb

nicht, in die Hürden einzubrechen.

Der Abend war windstill und schön, und wir segelten weiter, bis die

einbrechende Dunkelheit es unmöglich machte, die Konturen der Ufer noch

länger zu unterscheiden. Die Luft war außerordentlich mild infolge des

feinen Staubes, den der Wind mitgeführt und der nun wie ein Schleier

über der Erde ruhte, die Ausstrahlung abschwächend und sogar im Zenith

alle Sterne verdeckend.

Am 5. Oktober näherten wir uns dem Tschokka-tag, aber sehr langsam,

denn der Fluß machte wieder die eigentümlichsten Krümmungen. Zartes

Jungholz begleitet in schmalen Gürteln beide Ufer, sonst dehnen

sich, soweit das Auge reicht, überall gelbwerdende Kamischfelder

aus. Der Wind, der die Weglänge gewöhnlich um ein Drittel verkürzt,

fuhr unermüdlich fort, durch das Schilf zu sausen, aber auf meiner

Kommandobrücke, wo er beinahe einer frischen Seebrise glich, war es

herrlich.

An unserem Rastorte in +Sorun+ trösteten uns einige Hirten (Abb.

30) damit, daß der nächste Neumond Windstille bringen werde, denn dies

pflege alljährlich der Fall zu sein. Da jedoch der Wind bis spät abends

anhielt, beschloß ich, zu bleiben, wo wir waren und einen Ausflug nach

dem Tschokka-tag und dem Sorunsee, der sein Wasser vom Jarkent-darja

erhält, zu machen. Wenn der Spiegel des Flusses höher als die Seen

liegt, so strömt diesen Wasser zu; ist der Fluß aber auf ein bestimmtes

Niveau gefallen, dann kehrt das Wasser aus den Seen wieder in den Fluß

zurück; in beiden Fällen geht es durch dieselben Kanäle. Noch war der

Jarkent-darja so hoch, daß er bedenklich gebrandschatzt wurde, und er

hatte von den 53,7 Kubikmetern, die uns bei Kurruk-asste so willkommen

gewesen waren, jetzt nur noch 28 Kubikmeter behalten.

Es war klug, daß wir blieben, denn am 6. Oktober herrschte ein

wirklicher Sarik-buran, und die Luft war so mit Staub gesättigt, daß

der ganz nahegelegene Tschokka-tag sich nur noch eben wie eine graue

Scheibe mit überall gleichem Farbentone abzeichnete. Ich machte eine

Fußwanderung nach dem Tusluk-tag und erklomm ein paar seiner Gipfel, um

mich zu orientieren. Es ist derselbe Gebirgsstock, an dessen nördlichem

Fuße wir 1895 entlang zogen, ohne den Sorun-köll zu sehen, der sich

jetzt wie eine Karte unter mir ausbreitete.

Die Aussicht über Berge und Seen war so einladend und verlockend,

daß ich diese für mich so erinnerungsreiche Gegend, die ich wohl nie

wiedersehen würde, gründlicher zu erforschen beschloß. Ich entschied

mich deshalb dafür, auch noch den 7. Oktober zu bleiben. Und dabei

sollten wir uns doch beeilen, um nicht festzufrieren.

Es wehte auch vormittags gerade genug, um die Flußreise schwer,

eine Segelfahrt in der kleinen Jolle über die Seen aber herrlich zu

machen. Da es jedoch zum Zurückrudern zu weit werden würde, schickte

ich morgens einen Mann mit Ochsen und Arba nach dem Ostufer des

Sees, um aufzupassen, wo wir landen würden, und das Boot nach Hause

zu befördern. Auf dieselbe Weise wurde das Boot nach dem Seeufer

transportiert, doch da das Fahrzeug länglich rund war und der Seeboden

aus Morast bestand, mußte es, um ungehindert schwimmen zu können, ein

gutes Ende ins Wasser hinausgetragen werden. Als dies geschehen, kam

die Reihe an mich, der von Naser Ahun getragen wurde; hinterdrein

patschte Islam barfuß, indem er beinahe im Schlamme steckenblieb; er

sollte auch mit. Nun wurde das Boot getakelt und alles Mitgenommene

geordnet. Ich hatte auf dieser Fahrt mit gar vielem zu tun: zunächst

mit Segel und Steuerruder, dann mit dem Kompasse, dem Kartenblatte

und der Uhr, vom Fernrohr, dem Thermometer, der Pfeife und dem

Tabaksbeutel gar nicht zu reden, alles Dinge, die einigermaßen freie

Hände erfordern. Es ging gut; der Wind war so günstig und gleichmäßig,

daß wir das Segel festmachen konnten und das Steuerruder nur hin und

wieder einen Puff zu erhalten brauchte. Die für die Kartenarbeit

nötigen Instrumente lagen auf einem improvisierten Tische vor meinem

Sitze, und als wir einmal in Fahrt gekommen waren, hatte ich reichlich

Zeit, die Pfeife zu stopfen, wenn es nötig war. Islam, der vorn seinen

Platz hatte, besorgte das Loten und den Geschwindigkeitsmesser, den ich

jedoch jedesmal selbst ablesen mußte. Die Tiefen waren so unbedeutend,

daß das zweite, 2,1 Meter lange, mit Einteilung versehene Ruder überall

ausreichte. Um von den Ansprüchen des Magens unabhängig zu sein, hatten

wir eine gebratene Gans, Brot und Eier mitgenommen.

Als alles bereit war, wurde das Boot losgelassen und glitt, von

der frischen Brise geführt, gemächlich durch das sich allmählich

lichtende Schilf, bis wir bald offene Wasserflächen erreichten. Es ging

genügend rasch über diesen von Norden nach Süden gezogenen, seichten,

schilfreichen See. Wir kamen überall bequem vorwärts; die Wasserflächen

hingen in einer Kette zusammen, und es war eine Freude, so am Schilf

vorbeizustreichen, daß das Boot nur die äußersten Stengel streifte. Das

Seewasser ist ganz süß und so klar, daß der Grund mit seinen Algen und

verrottenden Kamischstengeln überall sichtbar ist. Die größte Tiefe war

genau 2 Meter; tiefere Stellen gab es wahrscheinlich nicht, denn wir

hielten uns meistens in der Mitte des Sees. Die seichtesten Stellen

waren leicht an dem gelben Farbenspiele der Wasserfläche erkennbar, und

oft dienten uns absterbende, überschwemmte Tamarisken als Baken.

[Illustration: 23. Der Verfasser an seinem Arbeitstisch an Bord der

Fähre. (S. 33.)]

[Illustration: 24. Lager am Strand. (S. 37.)]

Einen schönen Anblick gewährte eine Schar von vierzehn schneeweißen

Schwänen. Sie schwammen stolz und graziös beiseite; doch als wir ihnen

allzu nahe kamen, erhoben sie sich mit schweren Flügelschlägen und

ließen sich in größerer Entfernung wieder nieder.

Dann und wann schimmerte das lehmige Ufer durch das Schilf, und kleine

Holme mit Tamarisken oder ganz niedrigen, bewachsenen Sanddünen waren

nicht selten. Wir kreuzten den See in beinahe gerader Linie. Sein

südlicher Teil bildete eine große, offene Erweiterung, wo nur die Ufer

mit dichtem Schilf umkränzt waren. Ein Fremder mußte glauben, hier

sei der See zu Ende, aber einige Leute aus Sorun waren uns zu Pferde

am Ostufer gefolgt und zeigten uns einen Arm oder natürlichen Kanal

im Schilfe, der den Sorun-köll mit dem südlich gelegenen Tschöll-köll

(Wüstensee) verband.

In diesen glitten wir vom Winde getrieben hinein, und das Boot teilte

die in dichten Büscheln stehenden Schilfstengel wie Gardinen. Es war

ein höchst eigentümlicher Kanal mit einer nur 2 oder 3 Meter breiten,

offenen Rinne in der Mitte, sonst aber voll hohen, üppigen Schilfes,

das sich auf beiden Seiten wie eine Mauer oder ein Staket erhob. Fester

Boden war jedoch nahe, so daß wir die ganze Zeit über mit den Reitern

am Ufer reden konnten, wenn wir sie auch nicht sahen. Der Luftzug

wehte ziemlich frisch in dem engen, malerischen Wasserkorridore,

und das Boot glitt wie ein Schwan; die Stengel bogen sich unter dem

ausgespannten Segel, wichen pfeifend beiseite oder zerknickten unter

dem Vordersteven. Der Kanal war ziemlich gerade, aber die kleinen

Bogen, die vorkamen, genügten doch, uns die Aussicht nach vorn zu

nehmen, und auf den Seiten sah man nicht einmal die Bergkämme über den

nickenden Schilfbüscheln. Oft glaubten wir, in eine Sackgasse geraten

zu sein, doch stets öffnete sich eine Fortsetzung der Wasserstraße.

Die Tiefen waren hier bedeutender als im See; die größte betrug 3,65

Meter. Die Breite nahm allmählich zu, betrug nirgends weniger als

10 Meter, stieg aber manchmal auf 50 Meter. Der Kanal sah wie von

Menschenhand gegraben oder wie der Rest eines alten Flußbettes aus,

doch war es augenscheinlich nur die von dem verschiedenen Wasserstande

des Jarkent-darja abhängige Wasserverbindung von oder nach dem

Tschöll-köll, welche die Passage offengehalten hat.

Massen von Enten hielten sich hier auf; sie schwammen und tauchten vor

uns, flogen bei unserem Herannahen auf, so daß das Wasser hinter ihnen

schäumte und spritzte, schlugen wieder nieder wie ein Hagelschauer und

tauchten und schnatterten.

Islam konnte seinen Jagdeifer nicht bezähmen, als Tausende von

Enten, die unser weißes Segel aufgescheucht, Wolken gleich über

dem See kreisten. Daher erhielt er die Erlaubnis, nach dem Lager

zurückzukehren, die vergessene Flinte zu holen und dann mit dem Boote

in den Kanal hineinzurudern, der sich dicht bei dem Punkte, wo wir am

Ostufer anlegten, trompetenförmig nach dem See öffnete.

Ich dagegen verfiel auf die etwas abenteuerliche Idee, eine

Fußwanderung über den Tschokka-tag nach Osten zu machen und dann

nordwärts nach dem Lager zurückzukehren. Palta und ein Hirt sollten

mich begleiten; der letztere versicherte, daß, obwohl die Bergkette

ganz nahe erscheine, die Entfernung doch sehr groß sei und daß wir,

wenn wir über dem Berge wären, noch einen ebenso langen Weg, wie wir

eben in 4½ Stunden gesegelt, bis nach dem Lager zurückzulegen

hätten. Seine Einwendungen waren vergeblich; ich hatte einmal den

Entschluß gefaßt, und er sollte unter allen Umständen ausgeführt

werden. Ich wollte mir die gute Gelegenheit, meine Karte von dieser

Gegend zu vervollständigen, nicht entschlüpfen lassen. Es war 3½

Uhr, und die Sonne näherte sich dem Gipfel des Tusluk-tag; ein Kind

hätte einsehen können, daß wir vor Mitternacht das Lager nicht

erreichen würden; zurück aber mußten wir, sonst wären die Chronometer

stehengeblieben.

So brachen wir denn nach Ostsüdost in der Richtung auf eine Einsenkung

in dem Kamme der langen Kette auf. Mit raschen Schritten gingen wir

auf den Paß zu. Die erste Stunde verrann, und die Kette erschien

uns kaum näher gerückt; wieder eine Stunde, und wir erreichten die

ersten Vorberge, die, vom See gesehen, mit der Kette scheinbar

zusammengehangen hatten; jetzt aber sahen wir, daß eine tüchtige

Strecke ansteigenden Terrains sie von der Hauptkette trennte.

Zwischen dem See und den Bergen veränderte der Boden nach und

nach sein Aussehen. Er bildete konzentrische Ringe von ungleichen

Eigenschaften und verschiedenem Charakter. Dem Seeufer zunächst

breitet sich ein niedriger, unfruchtbarer Gürtel aus, der während

der Hochwasserperiode des Jarkent-darja überschwemmt ist, jetzt aber

mit einem schwachen Anfluge von Salz bekleidet war, was verrät, daß

dieser abflußlose See nicht ganz süß ist. Darauf folgt ein Gürtel

dünnbestandener Kamischsteppe und dann wieder ein Ring von älteren,

vertrockneten Salzkristallisationen (Schor), die spröde, unter den

Füßen mit leisem Klang zerspringende Blasen bilden. Schließlich steigen

wir den Schuttkegel am Westfuße des Gebirges hinan; er fällt nur 3

Grad nach dem See ab, ist voll Kies und auch von zahllosen, kleinen,

unbedeutenden, ausgetrockneten Erosionsfurchen durchschnitten, welche

sich nach dem Ufer hin wie Deltaarme teilen und zersplittern. Je mehr

wir uns dem Gebirge nähern, desto größer wurden diese Rinnen und

schließlich hatten sie meterhohe Ränder, die wir oft umgehen mußten.

Die Steigung fing an fühlbar zu werden, und ab und zu mußten wir

stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Von dem oberen Teile des

Schuttkegels hatten wir eine herrliche Aussicht über den See, der

breiter war, als ich 1895 geglaubt hatte. Feierliche, wehmütige

Gedanken bemächtigten sich meiner, als ich diese Gegend wiedersah, wo

wir am 22. April 1895 gelagert hatten. Die Steppe, wo das Zelt an jenem

denkwürdigen traurigen Tage stand, war von unserem Aussichtspunkte aus

klar und deutlich zu sehen, und im Süden dehnte sich das mörderische

Wüstenmeer aus, in dem unsere Karawane untergegangen war. Vor mir zog

sich in philosophischer Ruhe dieser volle See hin, der sowohl den

Leuten wie den Kamelen das Leben hätte retten können, wenn wir nur

vorsichtig genug gewesen wären, genügenden Vorrat von seinem Wasser,

das nutzlos in der trockenen Wüste verdunstete, mitzunehmen!

In Purpur und Rot getaucht, glichen die hohen Dünenkämme jetzt in

dem grellen Lichte der untergehenden Sonne glühenden Vulkanen. Sie

erhoben sich wie Grabhügel über den Toten. Mit unwiderstehlicher

Beklemmung folgten die Gedanken dem Blicke über den Wüstensand hin, wo

ich meine Diener und Kamele in ihrem langen, ungestörten Todesschlafe

ruhen wußte. Sie schliefen ruhig, und ihre Gräber waren längst von

dem rastlos wandernden Zuge neuer Dünen eingeebnet. Können sie mir

verzeihen, der ich, einer der drei Überlebenden von jener unglücklichen

Reise, jetzt in aller Bequemlichkeit auf ihren Begräbnisplatz

hinausblickte? Klagt er mich vielleicht noch an, der alte, redliche

Muhammed Schah, während er seine vertrocknete Kehle unter den Palmen im

Bihescht, im Paradiese, netzt? Denn ich trug die Verantwortung dafür,

daß ich zum Aufbruche durch diesen verfluchtesten, mörderischsten

Teil der ganzen Erdrinde Befehl erteilt hatte. Ich glaubte, aus

der Tiefe der Wüste ein Grablied tönen zu hören, und erwartete nur

noch, die gespenstischen Schatten der unter unsäglichen Qualen

zusammengebrochenen Kamele zwischen den Dünenkämmen einherschleichen

zu sehen, jenen suchend, der sie hinterlistig in diesen wahnsinnigen,

verzweifelten, hoffnungslosen Kampf mit dem Tode gelockt hatte! Als

wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich ihres fruchtlosen Spähens

nach Wasser, um ihren brennenden Durst zu lindern. Wenn sie jetzt auf

den saftigen Matten des Paradieses wandern, werden sie mir verziehen

haben, daß ich sie einem so qualvollen Untergange entgegengeführt?

Mit denselben Gefühlen, die einen Menschen beschleichen, der das

Grab eines Freundes besucht, gegen den er im Leben, absichtlich oder

unabsichtlich, unrecht gehandelt hat, und der dann seine Reue durch

seine Wallfahrt zum Grabe und durch Streuen von Rosen zum Schweigen zu

bringen und dem Toten gegenüber Buße zu tun sucht, riß ich den Blick

von dem Schauplatze jener düsteren Erinnerungen los und wanderte,

von meinen beiden Gefährten begleitet, schweren Schrittes bergauf.

Der Schuttkegel war jetzt kupiert und spärlich mit Steppentamarisken

bewachsen, deren lange, steife Nadeln an die der Kiefern des Nordens

erinnern. Leicht wie ein Traum flüchteten zwei Rehe mit großen,

elastischen Sprüngen, scheinbar kaum den Boden berührend, nach dem

Tschokka-tag hinauf.

Wir überschritten einen kleinen Kamm nach dem anderen, bis uns endlich

ein Jilga (Erosionstal) nach dem Hauptkamme hinaufführte, auf dem

wir wieder eine kurze Rast hielten, um uns zu orientieren und zu

sehen, nach welcher Seite wir die Schritte lenken müßten. Von dem

Passe, dessen Höhe über dem See zirka 200 Meter beträgt, fällt auf

der Ostseite eine steile Kluft nach einem Tieflande ab, das sich nach

Ostnordosten bis ins Unendliche erstreckt.

Die Sonne war hinter dem Tusluk-tag versunken, und die Dämmerung

begann. Dunkle Schatten, die wie ein Nebel aus der Erde aufzusteigen

schienen, hüllten die schweigende Gegend ein, und die schwarze

Sargdecke der Nacht breitete sich wieder über die Wüste und über diese

Berge und Seen, die je wiederzuerblicken ich zu Anfang Mai des Jahres

1895 so wenig Aussicht gehabt hatte.

Dann galt es, in der Dämmerung einigermaßen heil von dem Kamme

herunterzukommen; denn die Halde ist hier sehr steil, und die Männer

wußten nicht recht, ob es gehen würde. Doch es ging; hinunter mußten

wir auf irgendeine Weise; wir glitten, schleppten uns und rutschten

auf unebenen Felsenplatten hinab, wobei mir der Geologenhammer, der

mich auf derartigen Ausflügen stets begleitete, gute Hilfe leistete.

Bald wurde das Gefälle weniger steil; wir kamen in das östliche Tal

hinunter und erreichten mit eilfertigen Schritten seinen linken

Bergvorsprung. Von hier sahen wir in der Ferne nach Norden zu dunkel

einen neuen Ausläufer, an dem wir vorüber mußten, ehe wir den Sai-tag,

einen kleinen einzelnen Berg in der Nähe des Lagers, erblicken konnten;

auf ihm sollte, wie wir es mit den Unseren verabredet, heute abend ein

Feuer brennen.

Wir querten die Basis des Schuttkegels und erreichten ganz ebenen

Sandboden, auf dem es sich in der Dunkelheit leichter ging. Da ich an

so weite Fußtouren nicht gewöhnt war, fühlte ich mich sehr ermüdet, und

nach je zweitausend Schritten streckten wir uns fünf Minuten auf dem

nachtfrischen Sande zum Ausruhen aus. Ich zählte die Schritte, um die

Entfernungen zuverlässiger zu bestimmen und den Kreis, dessen Ausgangs-

und Endpunkt das Lager war, zu schließen.

Links hatten wir den schwarzen Schattenriß der Bergkette, rechts den

Sand, der auch hier so ansehnlich war, daß man seine unfruchtbaren

Dünen für einen kleinen Ausläufer des Gebirges hätte halten können.

Endlich erblickten wir in der Ferne den Widerschein eines Feuers,

dessen Kern ein Hügel verdeckte. Weiß jemand, was es heißt, in

dunkler Nacht einem Feuerscheine entgegenzugehen? Er ermutigt den

Müden wie ein Leuchtturm, aber stundenlang kann man gehen, ohne daß

sich der Abstand verkürzt. Nach Tausenden von Schritten passierten

wir den davorliegenden Landrücken und sahen nun das Feuer und seine

flackernden Flammen. Wenn aber das Feuer nicht gleichmäßig unterhalten

und schwächer wird, scheint die Entfernung wieder zu wachsen. Und wenn

dann wieder trockenes Brennholz und Reisig auf die Kohlen geworfen

werden, flammt es von neuem auf, und wir glauben, nicht mehr weit von

den hellen, deutlich erkennbaren Flammen zu sein. Wir blieben manchmal

stehen und riefen, aber es kam keine Antwort. Schließlich erreichten

wir doch die Grenze, bis zu der die äußersten Ringe der Schallwellen

dringen, und vernahmen nun in der Ferne schwache Rufe.

Als die Männer am Feuer uns erblickten, steckten sie eine ganze Reihe

dürrer Pappeln an, und nach einer Stunde hielten wir unseren Einzug

in den festlich erleuchteten Wald. Auch zwei Pferde erwarteten uns,

und nie hat es mir so gut gefallen, im Sattel zu sitzen! Islam und

die anderen, die unruhig geworden waren, kamen uns sogar mit Laternen

entgegen und lotsten uns über Sümpfe und kleine Wasserarme.

Vierzig Kilometer zu Fuß ist ziemlich viel, wenn man nicht daran

gewöhnt ist. Erst um Mitternacht saß ich wieder in meinem schönen

Zelte, erhielt mein Abendessen, trug meine Aufzeichnungen ein und ging

dann zu Bett. Es war der erste strapaziöse Tag auf der Reise im Herzen

von Asien, -- aber es werden ihrer wohl noch mehrere kommen!

Siebentes Kapitel.

Friedliche Heiligengräber.

Der 8. Oktober brachte einen herrlichen, absolut windstillen Morgen

mit so vollkommen klarer Luft, daß die Berge wieder in den kleinsten

Einzelheiten hervortraten. Der Fluß liegt blank wie ein Spiegel vor

uns und sucht in weiten Bogen zwischen scharf ausgemeißelten Ufern,

auf denen lachender, jetzt gelber junger Wald und üppige Kamischfelder

stehen, seinen weiten Weg nach dem Lop-nor (Abb. 30).

Die Leute hatten also nicht viel zu tun; die Fähre glitt artig und

ruhig stromabwärts, und nur bei den Biegungen mußte gelegentlich

zu den Stangen gegriffen werden. Palta schläft langausgestreckt im

Sonnenbrande auf dem Vorderdeck, während der junge Ibrahim, der Sohn

unseres neuen Führers, der sich schlechtweg Mollah nennt, die Stange

führen muß.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 7 / 42 段